Dialog als Voraussetzung – Gisela Kleines Doppelbiografie über Ninon und Hermann Hesse

Von Bettina Johl

Es ist so eine Sache mit Paarbeziehungen unter literarisch Schaffenden. Nicht nur, dass ihnen – das ist Schicksal aller im Licht der Öffentlichkeit stehenden Personen – eine Privatsphäre meist verwehrt bleibt. Da schreibende Menschen gewöhnlich Schriftliches zu hinterlassen pflegen, endet dieser Zugriff keineswegs mit dem Ende ihres Lebens. Zuweilen beginnt er dann sogar erst richtig. Und die Nachwelt ist unbarmherzig. Sie stürzt sich auf den Nachlass, zieht jedes Detail ans Licht, selektiert nach Lust und Laune, pickt sich das ihr interessant Erscheinende heraus und lässt dafür anderes, nicht in ihr Bild Passendes unter den Tisch fallen. Sie bewertet und urteilt und weiß sowieso alles besser. Wenn nun bei einem solchen Paar wie Ninon und Hermann Hesse einer von beiden deutlich im Schatten des anderen steht, wird es für diesen richtig schwierig; ganz besonders, wenn er den anderen überleben sollte. Das eigene Lebenswerk hat es dann schwer, angemessene Würdigung zu finden, vor allem, wenn es sich um das einer Frau handelt. Denn Frauen, die im 20. Jahrhundert Anerkennung für ihre Arbeit haben wollten, mussten oftmals überlaut darüber sprechen, um auf sich aufmerksam zu machen. Zumindest, wenn sie nicht in der glücklichen Lage waren, dass dies jemand anderes – am besten von männlicher Seite – für sie übernahm. Die Hesses jedoch liebten die lauten Töne eher nicht.

Im Jahr 1910 schreibt eine 14-jährige Schülerin ihren ersten, einen für ein junges Mädchen ungewöhnlich reifen und sehr beeindruckenden Brief an einen Dichter, dessen Werk bei ihr selbst tiefen Eindruck hinterlassen hat. Und er wird antworten, nicht auf den ersten, aber auf einen ihrer folgenden Briefe, und sie ermutigen, ihm weiterhin ab und an zu schreiben. 20 Jahre später wird sie seine dritte und letzte Ehefrau. Sie verbringt 35 Jahre an seiner Seite und überlebt ihn nur um wenige Jahre. Bei der jungen Frau handelt es sich um Ninon Ausländer, Bürgerstochter aus der heute zur Ukraine zählenden Kleinstadt Czernowitz in der Bukowina, am östlichsten Rand der einstigen Habsburgermonarchie gelegen, einer multikulturellen, kulturbeflissenen Stadt, auch „Klein-Wien“ genannt. Aus dieser Stadt gingen auffallend viele Persönlichkeiten aus der Geisteswelt hervor, unter anderen – um bei den Dichtern zu bleiben – Rose Ausländer und Paul Celan. Ninons verehrter Dichter ist der 18 Jahre ältere, im württembergischen Schwarzwaldstädtchen Calw geborene, zur Zeit der ersten schriftlichen Begegnung zunächst am Bodensee, später in der Schweiz lebende Hermann Hesse.

Hesses Biografen sind über viele Jahrzehnte hinweg mit dieser Verbindung sehr unterschiedlich umgegangen. Ninon wurde im besten Fall auf einen Platz am Rande verwiesen, im schlimmsten Fall verteufelt, mancher ließ ihre Existenz auch einfach ganz unter den Tisch fallen. Selbst noch vor fünf Jahren stellte sich Gunnar Decker in seiner zweifellos sorgfältig recherchierten und differenzierenden Biografie Der Wanderer und sein Schatten die Frage, ob diese Verbindung nicht für beide Partner ein Verhängnis gewesen sei. Andere neuere Biografien versuchten schließlich, Hesses Frauen in besonderer Form gerecht zu werden, wie jene von Bärbel Reetz, die sich vor allem sehr um die – längst überfällige – Rehabilitation der ersten, angeblich geisteskranken Ehefrau Mia verdient gemacht hat. Hingegen hält sich geradezu unerschütterlich das Bild Ninons vom aufdringlichen weiblichen Fan, mit dem einzigen Lebensziel, sich „ihren“ Schriftsteller zu angeln, um für den Rest ihres Lebens das Personal herumzuscheuchen und ungebetene Besucher aus dem Haus zu ekeln.

Ninon störte. Vor allem störte sie das Klischee des „Dichtereremiten vom Berge“, das Hesse hartnäckig anhaftete und sich bis in die Gegenwart gut vermarkten lässt. Daran änderte nichts, dass Ninon mit vielen Freunden Hesses, auch über seinen Tod hinaus, herzliche Freundschaften pflegte, während diese wiederum voller Hochachtung von ihr sprachen. Sie störte als eine für eine Vertreterin ihrer Zeit ungewöhnlich gebildete und selbstbewusste Frau. Störte sie auch als Jüdin? Immerhin: Der Antisemitismus hatte Konjunktur in Europa und beschränkte sich keineswegs allein auf Deutschland und seine verhängnisvollen zwölf Jahre nationalsozialistischer Barbarei.

Wer Ninons Leben näher betrachtet, bemerkt sehr schnell, dass dieses mitnichten einen geradlinigen Verlauf vom schwärmerischen Teenager zur Dichtergefährtin nimmt. Vielmehr ist es gekennzeichnet von der aufrichtigen und ernsthaften Suche einer begabten jungen Frau nach ihrem eigenen Weg – und dies über viele Umwege, Höhen und Tiefen. Er führt sie über ein Medizinstudium, das sich nicht als die richtige Wahl erweist, zur Kunstgeschichte und Altertumsforschung, der sie sich für den Rest ihres Lebens mit großem Ernst, wenn auch mit vielen, teilweise sehr langen Unterbrechungen, widmet. Auf weltpolitischer Ebene ist ihr Leben zunächst gezeichnet vom Ersten Weltkrieg, dem Ende der k u. k-Zeit und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Umbruch; auf persönlicher Ebene vom Verlust der Heimat, dem unsteten Flüchtlingsleben der Familie, dem Verlust des Vaters, der jüngeren Schwester Toka durch deren Freitod, später auch dem Tod der Mutter. Und schließlich von ihrer eigenen ersten, sieben Jahre währenden Ehe mit dem Ingenieur, Pressezeichner und Bohemien Fred Dolbin, dessen umtriebiges Leben zwischen Wien und Berlin sie für geraume Zeit mehr oder weniger teilt und mit dem sie nach der Scheidung in lebenslanger Freundschaft verbunden bleibt.

In Lebenskrisen behilft sich Ninon, indem sie zur Feder greift. Sie schreibt an Hermann Hesse. Sie zieht Kraft aus der Möglichkeit, sich mit jemandem auszutauschen, dem sie sich seelen- und geistesverwandt fühlt. Und er antwortet immer regelmäßiger. Zu einer ersten persönlichen Begegnung kommt es 1921 in Montagnola. Das entscheidende Zusammentreffen jedoch erfolgt erst fünf Jahre später. Nach diesem lässt ein neuer Ton in den Briefen ahnen, dass etwas zwischen beiden geschehen sein muss, das die Weichen neu ausrichtet. Es folgt zunächst eine Zeit der Verunsicherung und innerer Kämpfe. Ninon findet sich zerrissen zwischen ihren Gefühlen für Hesse und den nicht minder starken für ihren Noch-Ehemann, mit dem sie sich zuvor gerade erst wieder versöhnt hat. Ihre Entscheidung zugunsten Hesses erfolgt eher vom Kopf her: Während Dolbin stets noch weitere Frauenbeziehungen unterhält, von denen sich eine auch sehr bald festigen und zu seiner nächsten Ehe hin entwickeln wird, erscheint ihr Hesse als derjenige, der sie am meisten braucht. Er wiederum befindet sich in jenen schweren Krisenjahren, die letztlich den Steppenwolf hervorbringen. Die Ehe mit seiner Frau Ruth steht vor dem Aus, wirklich zusammengelebt hat das Paar nie. Der Autor leidet unter gesundheitlichen Problemen und äußert Freunden gegenüber immer wieder Lebensüberdruss. Zunächst sieht es nicht so aus, als ob er an diesem Zustand tatsächlich etwas verändern wolle. Gegenüber einer Beziehung äußert er alle möglichen Vorbehalte. Ninon jedoch lässt sich nicht beirren. Schließlich geht sie zu ihm nach Montagnola, bezieht eine eigene, von seinen Räumlichkeiten getrennte Wohnung in der Casa Camuzzi, bis ein Gönner und Freund schließlich ein neues Haus, die spätere „Casa Rossa“, das berühmte „Rote Haus“, für das Paar bauen lässt, in dem es lebenslanges Wohnrecht hat. Auch das ein Doppelhaus, das beiden getrennte Lebensbereiche ermöglicht. Es lässt sich nicht ermessen, wie viel Kraft die ersten Jahre Ninon gekostet haben mögen. Jedoch: Aus ihrer Sicht „erleidet“ sie nicht, sie „gestaltet“. Und am Ende schafft sie die Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. Sie übt sich in der Kunst, für ihren geliebten Dichter da zu sein, wenn sie gebraucht wird, und unsichtbar zu bleiben, wenn er allein sein muss. Zu erwähnen, dass diese bewusste Willensentscheidung zu Lasten ihrer eigenen Projekte gehen wird, erübrigt sich. Sie stellt sie hinten an und gibt die Arbeit an ihrer Dissertation auf. Das fällt ihr nicht unbedingt leicht, aber ihr Dichter und sein Werk, die für sie höchste Bedeutung haben, sind es ihr wert. Sie wird seine rechte Hand, leistet Sekretärinnendienste, führt den Haushalt, sorgt für gesunde Ernährung, pflegt ihn bei Krankheit, schirmt ihn während seiner Arbeitsphasen von der Außenwelt ab und hält unangenehme Aufgaben von ihm fern. In seinen Schaffensprozess ist sie nicht einbezogen, aber er schätzt sie als Korrekturleserin und Kritikerin. Sie, die sich stets als „gute Leserin“ bezeichnet, wird außerdem zur Vorleserin, da ihm selbst das Lesen wegen eines Augenleidens mehr und mehr zur Qual wird. Die Summe der Bücher, die sie ihm bis zu seinem Lebensende vorlesen wird, geht ins Vierstellige.

Vor der ehelichen Legitimierung ihrer Beziehung jedoch schreckt Hermann Hesse lange zurück. Das hat offensichtlich weniger mit etwaigen Zweifeln an Ninon zu tun, als mit seinen persönlichen Vorbehalten vor der bürgerlichen Ehe als Institution mit all ihren Verpflichtungen und gesellschaftlichen Ansprüchen, an denen er bereits zweimal gescheitert ist. Für Ninon jedoch ist dieser Schritt wichtig, ist er doch für sie maßgeblich mit materieller Sicherheit und gesellschaftlicher Anerkennung verbunden. An eine offene Partnerschaft, wie sie für uns heute als Lebensform mehr und mehr selbstverständlich ist, war in jenen Tagen nicht zu denken. Wo sie dennoch gewagt wurde, brachte sie stets erhebliche Nachteile für die Frau mit sich. Keine Geringere als Thomas Manns Ehefrau Katia ermutigt Ninon während eines Winterurlaubs, welchen die beiden befreundeten Paare miteinander verbringen, unbedingt auf einer Heirat zu bestehen. Hermann Hesse beugt sich den Argumenten und ehelicht Ninon 1931, kurz nach dem Umzug ins neue Haus. Ninon wird dadurch Schweizer Staatsbürgerin, was sich im Hinblick auf ihre jüdische Herkunft in den kommenden Jahren als segensreich erweist. Es findet lediglich eine formale Trauung ohne Feier statt, was Ninon nicht zu stören scheint. Ihre „Hochzeitsreise“ tritt sie, während ihr Mann zur jährlichen Kur fährt, anderntags allein an, nach Rom. Ihre Briefe an ihn, die sie ihm vom Tag der Abreise an täglich schreibt, klingen heiter, vergnügt und zugleich sehr vertraut und lassen auf seine interessierte Anteilnahme an ihren Reiseerlebnissen schließen. Das wird ein Leben lang so bleiben. Dass Hesse seine Frau sehr schätzt und ihr bedingungslos vertraut, zeigt sich am Deutlichsten darin, dass er sie bereits im folgenden Jahr durch Erbvertrag zur Verwalterin seines literarischen Nachlasses bestimmt.

Ninons Reise bildet den Auftakt zu einer Reihe von kunsthistorischen Bildungsreisen – nach Italien, nach London, nach Paris, später auch nach Griechenland –, im Zuge derer sie sich zumindest für einige Wochen im Jahr, bis Kriegsbeginn und erneut ab 1950, wieder ihren eigenen Forschungen widmet. In ihren Briefen berichtet sie ihrem Mann detailgetreu vom Gesehenen und Erlebten, ihren Überlegungen und Erkenntnissen. Er bestärkt sie in ihrem Tun und ermutigt sie zum Erzählen. Hermann Hesse, im täglichen Zusammenleben gewiss kein einfacher Partner, dem sehr oft Beziehungsunfähigkeit bescheinigt wurde, ist zumindest eines nicht: ein Macho, der seine Frau als seinen Besitz oder Frauen allgemein als Objekte betrachtet. Das wird auch in seinem Werk, dem oft vorgeworfen wird, weitgehend „frauenfrei“ zu sein, immer wieder deutlich. Selbst dort, wo seine Protagonisten – wie im Steppenwolf – mit Frauen zusammentreffen, die sich prostituieren, schwingt in ihrer Haltung stets Respekt vor deren Persönlichkeit mit. Frauen mögen Hesse rätselhaft gewesen sein, zuweilen auch fremd, aber das bedeutet nicht, dass er sie nicht ernst genommen oder sie gar abgewertet hat. Seine Briefwechsel künden von zahlreichen Freundschaften mit Frauen und sind geführt in einem aufrichtigen, freundschaftlichen Sinn. Bedeutende Namen wie Emmy Ball oder Luise Rinser befinden sich darunter. Selbst seine gescheiterten Ehen gehen letztlich in Freundschaften über. Hesse ist ein Mensch, für den Freundschaften – unabhängig vom Geschlecht des Gegenübers – eine hohe Bedeutung haben. Er zeigt sich Freunden gegenüber als verlässlich und verantwortlich, und er lässt sie nie im Stich. So gründet auch seine Beziehung und Liebe zu Ninon schließlich auf dem stabilen Fundament einer in vielen Jahren gewachsenen, aufrichtigen und haltbaren Freundschaft. Hesse mag sich in den Jahren seines Ehelebens noch so oft daneben benehmen, sich in Alltagsdingen als pingelig und kleinlich erweisen, auf engstirnig anmutenden Prinzipien beharren oder sich unter dem Vorwand seiner zahlreichen Unpässlichkeiten als wahres Ekelpaket erweisen, aber er bekundet Ninon an anderer Stelle stets wieder Respekt und Hochachtung. Er hinterfragt sein Verhalten, macht sich Gedanken, entschuldigt sich, oft in Briefen oder in Form kleiner Zettel, sogenannter „Hausbriefe“, die beide zuweilen an verabredeten Plätzen hinterlegen, um einander nicht zu stören. Diese sind nicht selten sehr humorvoll verfasst, manchmal auch in einer verschlüsselten, nur den beiden zugänglichen Geheimsprache, die von einer tiefen Vertrautheit kündet. Er widmet ihr Gedichte, macht ihr liebevoll erdachte Geschenke, fertigt ihr Zeichnungen und Aquarelle, schickt ihr Bücher, wenn sie unterwegs ist. Und er ernennt sie schließlich in seiner Morgenlandfahrt, der Geschichte einer symbolischen Reise, in der Figur der „Ausländerin“, ihren Namen als Wortspiel verwendend, zur Weggefährtin. Was die beiden überdies durch gemeinsame Leseerlebnisse geistig miteinander teilen, wird sich nur schwer von Außenstehenden ermessen lassen.

Die folgenden Jahre des in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs werden, besonders nach Hitlers Annexion Österreichs, zur Zerreißprobe. Das Ausmaß von Ninons Sorge und Trauer um Angehörige und Freunde angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung und des grauenhaften Völkermords lässt sich nur erahnen. Ihre jüngste Schwester Lilly befindet sich mit ihrem Mann auf der Flucht und es dauert Jahre, bis sie etwas von ihr hört. Auch Hesse bangt um Freunde. Viele verschwinden, andere können fliehen. Nicht alle finden ohne Weiteres ein Land, das sie aufnehmen will. Ninon und Hermann Hesse sind für geraume Zeit damit beschäftigt, emigrierten Freunden und Bekannten nach Kräften zu helfen. Zu diesen Sorgen kommen finanzielle Engpässe wegen immer eingeschränkterer Publikationsmöglichkeiten in Deutschland. All dem zum Trotz beendet Hesse in diesen Jahren Das Glasperlenspiel, sein großes Alterswerk, als Versuch, dem Ungeist der Zeit etwas von geistigem Bestand entgegenzusetzen. Die aus den kräftezehrenden Anstrengungen dieser Jahre resultierende Erschöpfung wirkt sich in den Nachkriegstagen nochmals kritisch aus. Hesse zieht sich zurück, fühlt sich ausgelaugt und krank. Der Nobelpreis 1946 wird ihm in Abwesenheit verliehen, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1955 nimmt Ninon in Frankfurt stellvertretend für ihn entgegen. Hermann Hesse bleibt Schweizer und der Schweiz verbunden, auch wenn das deutsche Lesepublikum ihm das teilweise übelnimmt. Für die Verantwortung der Deutschen für das Geschehene findet er deutliche Worte: „Die Mehrzahl meiner Freunde in Deutschland wußte Bescheid, und manche sind gleich 1933 emigriert, andre in den Folterkammern der Gestapo verschwunden, so wie die Angehörigen und Freunde meiner Frau fast ohne Ausnahme in Himmlers Gasöfen in Auschwitz etc. verschwanden. Und Ihr habt von alledem nichts gewußt!“ schreibt er 1946 in einem Brief an Wilhelm Schussen, der zu den 88 Schriftstellern gehörte, die 1933 das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ zu Adolf Hitler unterzeichnet hatten.

Einstweilen gestalten sich die letzten Jahre, die das Paar miteinander verbringt, zunehmend harmonischer. Der Dichter hat sein Hauptwerk vollendet, befindet sich in ruhigeren Fahrwassern, widmet sich nunmehr kleineren Projekten, findet Ausgleich in seinem Garten und genießt das häufige Zusammensein mit seinen Enkelkindern. Zu seinen Söhnen hat Ninon von Beginn an ein gutes, wenn nicht herzliches Verhältnis. Auf Fotos, die sie als jüngere Frau zeigen, wirkt sie meist steif, verschlossen und reserviert, das Gesicht geradezu zur Maske erstarrt. Sie selbst beschreibt ihre Neigung zum Erstarren in einem Brief vom 11. Oktober 1933 als „Reaktion auf innere Erlebnisse –  es ist eine Eisschicht, die mich manchmal umzieht, mich isoliert, eine Art Schutz.“ Bilder aus den letzten Jahren jedoch zeigen eine gelöste Ninon, wie auch das Titelbild der neu vorliegenden Biografie von Gisela Kleine ein fröhliches Paar zeigt, das herzlich und innig einander zugeneigt ist. Oft wurden solche Bilder von Hesses jüngstem Sohn Martin aufgenommen, der es offenbar gut verstand, Ninon aus ihrer Reserviertheit zu locken. Trotz festgestellter Leukämie feiert Hermann Hesse 1962 noch seinen 85. Geburtstag. Einen Monat später stirbt er.

Hesses Tod ist ein harter Schlag für Ninon, von dem sie sich nie mehr richtig erholt. Trotz Trauer und Verzweiflung stürzt sie sich in die Arbeit, sichtet und ordnet seinen Nachlass, entscheidet sich gegen Widerstände aus der Schweiz für dessen Überführung ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach, gibt eine Sammlung von bis dahin unveröffentlichten Briefen und Dokumenten aus Hesses frühen Jahren unter dem Titel Kindheit und Jugend vor 1900 heraus und versucht, ihre archäologischen Reisen und Studien fortzusetzen. Doch das Herz ist angegriffen, ihre Kräfte reichen nicht mehr allzu weit. Ninon Hesse stirbt 1966, vier Jahre nach ihrem Mann.

Die Germanistin, Kunsthistorikerin und Frauenforscherin Gisela Kleine, geboren 1922, gehört zu den wenigen ihrer Zunft, die Ninon und Hermann Hesse noch persönlich begegnet ist und Gespräche und Briefwechsel mit beiden führte. Sie promovierte einst über Das Problem der Wirklichkeit bei Hermann Hesse, eine Doktorarbeit, die den Dichter sehr beeindruckt hatte, was zu einer persönlichen Einladung ins Haus Hesse führte. Ihr Buch Ninon und Hermann Hesse – Biographie eines Paares, das nun in neuer Auflage vorliegt, ist nicht eigentlich neu. Es erschien erstmals bereits 1982 bei Thorbecke unter dem Titel Ninon und Hermann Hesse – Leben als Dialog, 1988 folgte die Taschenbuchausgabe Zwischen Welt und Zaubergarten. Ninon und Hermann Hesse. Ein Leben im Dialog bei Suhrkamp. Beides Titel, welche die Essenz dieser Beziehung deutlicher zum Ausdruck bringen als der heutige. Denn wenn eine Beziehung, die zu keiner Zeit eine einfache war, vom Dialog lebte – und überlebte –, so war es die des Paares Hesse! Ein Eindruck davon lässt sich gewinnen bei einem Blick in die Briefe Ninons an Hermann Hesse, die im Jahr 2000 von Gisela Kleine herausgegeben wurden und zu einem wesentlichen Teil der Doppelbiografie zu Grunde liegen. Dort begegnen wir einer hochsensiblen, außerordentlich vielseitig interessierten und belesenen Frau, für die der Austausch mit vertrauten Menschen ein lebenswichtiges Elixier bedeutet. Sich selbst hingegen spricht sie, obwohl sie eigene Gedichte und Erzählungen verfasst, Märchensammlungen herausgibt und altgriechische Texte übersetzt, schriftstellerisches Talent völlig ab. „Es lebt in mir vieles, was ich nicht formen kann. Mir wurde das Erlebenkönnen verliehen, nicht das Gestalten“, schreibt sie am 22. Dezember 1920. Wer ihre Briefe liest, weiß, dass das so nicht stimmt. Ihre Kunst, im Zuge des Schreibprozesses Gedanken entstehen zu lassen, zu reflektieren und weiterzuentwickeln, zieht in den Bann, macht es schwer, die Briefsammlung wieder aus der Hand zu legen. Auch wenn Ninon Hesse ihren eigenen Anspruch an literarisches Schaffen natürlich sehr hoch – zu hoch – setzte, was vor allem daran lag, dass sie ihr Ideal täglich vor Augen hatte, war sie zweifellos eine brilliante Briefeschreiberin. Ihr schriftstellerischen Rang abzusprechen, würde bedeuten, die literarische Arbeit von Frauen über viele Jahrhunderte in Frage zu stellen, war doch von jeher der Brief eine häufig angewandte Ausdrucksform gerade von Frauen, denen innerhalb der gesellschaftlichen Schranken, die ihnen über lange Zeit auferlegt waren, oft keine andere Wahl blieb.

Ninons Briefe künden von einer Beziehung zweier Menschen, die über die Jahrzehnte in intensivem, lebhaftem geistigen Austausch standen, sich gegenseitig Dialogpartner und Inspiration waren. Schon ihr erster Brief lässt die angesichts ihrer Jugend eigentlich erwartete schwärmerische Komponente vermissen, nimmt viel mehr Bezug auf das Werk des Dichters als auf dessen Person. Die Lektüre des Peter Camenzind ist ein Schlüsselerlebnis in der Lektüre des lesebegeisterten jungen Mädchens. In diesem Entwicklungsroman gibt der Protagonist seine künstlerischen Bestrebungen auf – oder legt diese zumindest auf Eis –, um die vakante Gastwirtsstelle seines Heimatdorfes einzunehmen und damit in dessen provinzielle Gemeinschaft zurückzukehren, während er zuvor in der Fremde mehr und mehr Tendenzen zum Einzelgänger angenommen hatte. Ninon ist mit diesem Entschluss Camenzinds, mit dem sie leidenschaftlich mitfühlt, nicht einverstanden. Es kommt ihr einer Kapitulation gleich, erscheint ihr unehrlich, inkonsequent, gar als Verrat – an der Kunst sowie am eigenen Glück. Erste tiefgehende Leseerlebnisse, wissen wir als Lesende, machen etwas mit uns; sie können die Weichen für unser weiteres Leben stellen. Hermann Hesse selbst schildert ein solches in der Nürnberger Reise. Das Fragment Hölderlins Die Nacht war es, die ihm als jungem Menschen die Gewissheit ins Herz setzte: „Dies ist Dichtung! Dies ist Literatur!“ Für Ninon nimmt Peter Camenzind diesen Platz ein.

Es folgen Briefe, in denen Ninon über ihre Familie erzählt, über das Gymnasium, das sie als eines von sechs Mädchen ihres Jahrgangs mit Ausnahmegenehmigung besucht, über ihr Leben in Czernowitz und später als Studentin in Wien. Immer wieder gibt es längere Unterbrechungen. Später wird aus Freundschaft Liebe. Der Austausch wird intensiver, intimer auch. Schließlich lebt das Paar an einem gemeinsamen Lebensort und Briefwechsel beginnen sich auf Hauspost und auf Briefe während der Abwesenheit eines Partners zu beschränken. Da Ninon sich jedoch oft auf Reisen befindet, begleiten die Briefe das Paar dennoch über weite Strecken ihres gemeinsamen Lebens, während derer die Verbundenheit zwischen beiden nie abreißt. Hermann Hesses Antworten auf die Briefe Ninons kennen wir nur zum Teil. Manche finden sich in seinen Gesammelten Briefen, manche sind nicht erhalten, andere derzeit noch von den Rechteinhabern gesperrt. Genannt wird mitunter das Jahr 2017. Dieses ist bereits angebrochen. Wir dürfen gespannt sein.

Die ihr zugänglichen Dokumente hat Gisela Kleine aufs Sorgfältigste ausgewertet; sie zeichnet nicht nur ein großartiges Bild einer facettenreichen Partnerschaft und Künstlerehe, sondern zugleich das Panorama einer zeitgeschichtlichen Epoche, die sich zunehmend dem Gedächtnis der heute Lebenden entzieht. Ihre Paarbiografie beginnt mit dem Leben Ninons und trifft Hesse in der Lebensmitte, was zunächst zu Irritationen führt. Viele werden sich im Laufe der Lektüre fragen: Und Hesses Anfänge? Mit ihnen beschäftigt sich das Buch schließlich ganz am Ende, nach Hesses Tod, als Ninon sich nach sorgfältiger Erwägung entschließt, seine Jugenddokumente herauszugeben und so der Nachwelt seinen komplexen Werdegang als Dichter sowie den seines Werkes näher zu bringen, zugleich aber auch – in ihrer Sicht auf die Dinge als Historikerin – durch das exemplarische Beispiel das Bild einer ganzen Epoche nachzuzeichnen. Ihr Verdienst in dieser Hinsicht – darin sind sich Kenner und Freunde Hesses einig – kann nicht hoch genug bewertet werden, Printmedien sprachen gar von einem „neuen Weg zu Hesse“; es ist dies ein ganz wesentlicher Teil ihrer Lebensleistung, von deren Würdigung sie selbst leider nichts mehr mitbekam.

Warum Gisela Kleines Buch unbedingt gelesen werden sollte: Es ist, da seine Wurzeln 35 Jahre zurückliegen, eines der „guten alten“ – und somit nicht nur sprachlich ein Hochgenuss, sondern auch wohltuend frei von Druckfehlern und grammatikalischen Schludereien des nachfolgenden Bildschirmzeitalters. Es nimmt mit auf eine eindrucksvolle Zeitreise und weitet den Blick. Es lässt uns nicht nur mit Ninon eine faszinierende Frauenpersönlichkeit, sondern auch den Dichter Hermann Hesse selbst nochmals neu kennenlernen. Und es versteht, neugierig zu machen auf all das, womit diese beiden Menschen – stets im Dialog miteinander – sich beschäftigten. Seien es die historischen und mythologischen Forschungen Ninons, in die sowohl die Biografie als auch Ninons Briefe einen tiefen Einblick gewähren. Oder die Werke Hermann Hesses selbst, die neu zu entdecken sich auf jeden Fall immer wieder lohnt.

Ninon und Hermann Hesse

Gisela Kleine: Ninon und Hermann Hesse. Biographie eines Paares.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2017.
663 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783458361985

Ninon HesseNinon Hesse: „Lieber, lieber Vogel“.
Briefe an Hermann Hesse.
Herausgegeben von Gisela Kleine.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2000.
619 Seiten, 32,80 EUR.
ISBN-13: 9783518411285

 

 

 

 

Diese Buchbesprechung erschien am 13.07.2017 im Rezensionsforum literaturkritik.de unter: Dialog als Voraussetzung – Gisela Kleines Doppelbiografie über Ninon und Hermann Hesse wurde neu aufgelegt

 

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Weihnachtsgruß

p1080270O Weihnacht! Weihnacht! Höchste Feier!
Wir fassen ihre Wonne nicht.
Sie hüllt in ihre heil’gen Schleier
das seligste Geheimnis dicht.

Nikolaus Lenau

Allen LiteraturfreundInnen wünschen wir frohe Festtage und einen guten Jahreswechsel!

Bettina Johl und Dieter Kaltwasser

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Wem gehört Anne Frank? Oder: Was kann und darf Erinnerung?

Von Bettina Johl

AnneFrankSchoolPhoto

Wirbel um Anne Franks Tagebuch: In Frankreich hatten zu Beginn des Jahres die grüne Abgeordnete Isabelle Attard und der Informationswissenschaftler Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes das niederländische Original erstmals für alle frei zugänglich ins Internet gestellt. Ihr Argument: Mit dem Ablauf des Jahres 2015, Annes 70. Todesjahr, sei die Urheberrechts-Schutzfrist des Textes verstrichen und es gelte nun, den „Kampf seiner Befreiung zu führen“. Ganz anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel als Inhaber der Urheberrechte. Dessen Argument lautet, bei Franks Tagebüchern handle es sich um ein posthum veröffentlichtes Werk, das 1986 erstmals ungekürzt aufgelegt wurde und für das sich daraus ab diesem Zeitpunkt eine Schutzfrist von 50 Jahren ableiten ließe. Die rechtliche Auseinandersetzung darüber wird andauern.

Aufregung ganz anderer Art löste vor drei Jahren ein Eintrag im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam aus. Der zu dieser Zeit noch nicht 20-jährige kanadische Popsänger Justin Bieber hatte sich nach einem Besuch – wie das Haus berichtete –  „beeindruckt“ gezeigt, sich mit den Worten „Anne war ein tolles Mädchen“ verewigt und im Weiteren geschrieben, er hoffe, sie wäre auch ein Fan – er verwendete das unter solchen gebräuchliche Kunstwort „belieber“ – von ihm gewesen. Die darauf folgende Woge der Belustigung und Empörung, die in Presse und sozialen Netzwerken hochschlug, schien zu dem flapsigen und sicher nicht eben geistreichen Spruch des Teenie-Stars kaum im Verhältnis zu stehen. Anders als zu früheren, weniger vernetzten Zeiten erreichte und beschäftigte er weite Personenkreise, auch solche, die dem „Belieber“-Alter entwachsen sein dürften. Das wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf. Geht es hier noch um das heranwachsende jüdische Mädchen Anne, das mit seiner und einer weiteren Familie fast zwei Jahre in Amsterdam im Versteck lebte? Das sich dort mit außergewöhnlichem Talent unter extremen Bedingungen dem Schreiben widmete, wobei unter anderem ein beeindruckendes Tagebuch entstand, von dem seine Autorin nicht wissen konnte, dass dieses später um die Welt gehen würde? Ein „tolles Mädchen“ – eine tolle Geschichte? Gewiss, so hätte es sich im Rückblick wohl sagen lassen. Wenn Anne unversehrt überlebt und womöglich als heute 87-jährige Schriftstellerin ihren Enkelkindern davon hätte berichten können. Wir wissen, dass es anders kam.

Wie unzählige andere ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wurde Anne Frank letztlich verraten, verschleppt, gedemütigt, gequält und schließlich ermordet. Nach kurzem Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden wurde Anne mit ihrer Familie nach Auschwitz in Polen deportiert. Sie entging den Gaskammern, weil sie jung war und damit noch für Zwangsarbeit in Betracht kam. Sie wurde mit ihrer Schwester Margot zurückgeschickt, westwärts, nach Bergen-Belsen. Ihre Mutter starb in Auschwitz-Birkenau. Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide war kein Vernichtungslager – wenigstens das nicht –, dort herrschten ‚nur‘ Überfüllung, die übliche Brutalität, Hunger, unsägliche hygienische Bedingungen und infolge dessen Krankheit und Seuchen. Anne starb dort infolge von Entkräftung an Fleckfieber, wenige Tage nach ihrer Schwester Margot. Über ihr genaues Todesdatum herrscht bis heute Unklarheit; inzwischen wird von März oder gar Februar 1945 ausgegangen, jedenfalls – und das macht es besonders bitter – nur wenige Monate, bevor der unvorstellbar grausame Nazi-Spuk ein Ende fand. Die Leichname der Mädchen landeten in einem Massengrab. Von den ehemals im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Untergetauchten überlebte allein ihr Vater. Otto Frank verdankte dies einzig dem Umstand, dass er sich beim Herannahen der Roten Armee in Auschwitz in der Krankenbarracke befand und so den berüchtigten Todesmärschen knapp entging. Letzte Erschießungen hatten bereits begonnen. Kurz darauf waren jedoch auch die letzten Folterknechte so sehr mit ihrer eigenen Flucht beschäftigt, dass sie schließlich ihr bestialisches Mordhandwerk einstellen mussten.

Anne war es nicht mehr vergönnt, die Befreiung der Konzentrationslager zu erleben. Letzte Zeitzeugen schildern sie als „Skelett“ und „Schatten ihrer selbst“. Sie selbst war überzeugt, alle ihre Angehörigen verloren zu haben. Dass ihr Vater noch lebte, konnte sie nicht wissen. Ob ihr dies, hätte sie es gewusst, noch ausreichend Kraft verliehen hätte, länger durchzuhalten, lässt sich nicht sagen. Irgendwann ist ein Mensch physisch am Ende. Anne wurde keine 16 Jahre alt.

Eben diese bittere Tatsache, dass Anne Frank den beispiellosen Völkermord der Nazis nicht überlebte, und ihr Tagebuch, das erhalten blieb und schon kurze Zeit nach ihrem Tod weltweit zum Symbol für Auflehnung gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit erhoben wurde, hatten sie selbst schließlich zu einer Symbolfigur werden lassen. Zunächst für die Opfer der Shoah. Und schließlich mehr und mehr für alle Opfer von Unterdrückung und Völkermord in der Welt. Mediale Verarbeitungen des Tagebuchs sorgten für weitere Zuschreibungen. Anne stand schließlich für den „Glauben an das Gute im Menschen“, ein etwas aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus ihrem Tagebuch, mit dem das 1955 am New Yorker Broadway uraufgeführte Theaterstück The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett endete. Der originale Tagebucheintrag vom 15. Juli 1944 lautete: „Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Das Mädchen Anne Frank: Eine Ikone. Fortan unantastbar. Tatsächlich? Und für wen gilt das – und für wen nicht?

Biebers Gästebucheintrag mag unglücklich formuliert gewesen sein. Es war weder die erste, noch die letzte Selbstdarstellungsinszenierung, mit der er Unmut erregte – im Verlauf seines fortdauernden Teeniestar-Höhenflugs, mit dem einer, der selbst noch dabei ist, sich aus dem Teeniealter herauszuwursteln, auch erst einmal zurechtkommen muss. Aber: Wäre es denn grundsätzlich verwerflich, mit vielleicht etwas anderen Worten zu fragen: „Wenn wir uns denn – zu einer anderen Zeit – begegnet wären, hättest du meine Musik gemocht? Hätten wir uns womöglich gegenseitig etwas geben können?“ Denn es ist ja im Grunde der Wunsch eines jeden jungen Menschen, der soeben seine Talente entfaltet: gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, fortzuwirken, Spuren zu hinterlassen im Gedächtnis und Wirken anderer. Gar bewundert zu werden. Eine Sehnsucht, die in jungen Jahren – und nicht nur – mit dem Bewundern anderer in Wechselwirkung steht. Anne, die sich übrigens, wie nahezu jeder Teenager, Starfotos aus Zeitschriften an die Wände pinnte, hatte dies selbst mehrfach ausformuliert. Es war ihr eigener großer Wunsch, journalistisch und schriftstellerisch fortzuwirken. Immer wieder werden andererseits auf Ausstellungen verschiedener Anne-Frank-Gedenkstätten oder auch im Schulunterricht, wo Annes Tagebuch didaktisch eingesetzt wird, junge Leute aufgefordert, fiktive Briefe an sie zu schreiben, um ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Auch hier zeigt man sich nicht immer glücklich über die Eigendynamik, die sich mit einem solchen Versuch entwickeln kann, entspricht doch die Art der Identifikation der jungen Menschen nicht immer der vom Bildungsplan angestrebten Richtung. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase haben junge Menschen nun einmal ihre eigenen Gedanken und Anliegen, die ihnen oftmals näher stehen als die pädagogisch gewollten. Sie identifizieren sich mit Anne, fühlen sich ihr nahe – gewiss, aber ihre eigentlichen Themen sind die Heranwachsender in einer Entwicklungsphase, die sie naturgegeben stark beschäftigt: körperliche Veränderungen, Gefühlswirrungen, Rollen- und Identitätsfindung, Abgrenzung von den Eltern, Zukunftspläne, die Suche nach einem eigenen Weg.

Was darf Erinnerung? Oder: Gibt es ‚richtige‘ Formen des Erinnerns und wer legt fest, welche das sind? Die anhaltende Aufregung um Anne Frank zeigt es. Sie dokumentiert das Ringen um die ‚richtige‘ Form der Erinnerung, um die ,richtige‘ Verwendung von Geld für die ,richtigen‘ Zwecke, und immer wieder um Urheber- und Deutungsrechte. Im Jahr 2014 scheiterte ein vom ZDF geplantes Filmprojekt, das der Sender schließlich auf Betreiben des Anne Frank Fonds in Basel einstellen musste. Bei dieser von Otto Frank 1963 gegründeten Stiftung – nicht zu verwechseln mit der sechs Jahre älteren, 1957 ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Anne-Frank-Stiftung, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdem als Gedenk- und Begegnungsstätte unterhält – handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Einnahmen aus dem Erlös von Urheberrechten gezielt Projekten der Bildung, der Aufklärung und des Gedenkens zugute kommen zu lassen. Des Weiteren macht sie sich weltweit für Kinderrechte stark. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sie sich gegen eine Kommerzialisierung des Namens Anne Frank durch Dritte. Um ein vom Fonds unterstütztes Projekt handelt es sich hingegen bei der deutschen Literaturverfilmung Das Tagebuch der Anne Frank unter der Regie von Hans Steinbichler, die Anfang des Jahres in deutschen Kinos anlief. Diese stammt, ebenso wie das ein Jahr zuvor von der ARD ausgestrahlte, sehr sehenswerte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank unter Regie von Raymond Ley, aus der Produktion von Walid Nakschbandi, der sich als aus Afghanistan eingewanderter Vierzehnjähriger erstmals mit Anne Franks Tagebuch beschäftigt hatte. Dessen Firma, inzwischen Inhaberin der exklusiven Filmrechte, gehört wiederum wie der S. Fischer Verlag, in dem seither alle Anne Frank-Bücher, einschließlich der 2013 aufgelegten Gesamtausgabe, erschienen sind, zur Holtzbrink Verlagsgruppe. Steht dahinter der Wunsch, möglichst ,alles unter einem Dach‘ haben zu wollen? Auf jeden Fall wurde großer Wert auf eine authentische ,Film-Anne‘ gelegt. In beiden Inszenierungen überzeugen mit Mala Emde und Lea van Acken sorgfältig ausgewählte, starke Hauptdarstellerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Berufsschauspielerinnen waren.

Der Schweizer Fonds und die Niederländische Stiftung wiederum haben sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit eher unbemerkt – stark auseinandergelebt. Das mag auch damit einhergehen, dass die meisten der Menschen, die Anne noch persönlich gekannt hatten, inzwischen nicht mehr am Leben sind. Nach Otto Frank im Jahr 1980 verstarb 2010 in den Niederlanden 100-jährig Miep Gies, die berühmte Helferin im Versteck und Bewahrerin der Tagebücher. Mit ihr verließ uns eine überaus wichtige Zeitzeugin, die noch in hohem Alter die Ereignisse aus ihrer Sicht in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank veröffentlichte. Dieses liest sich – auch für Menschen, die überzeugt sind, die ganze Geschichte bereits in- und auswendig zu kennen – packender als jeder Thriller, umso mehr, als in ihm die immer drückendere Atmosphäre, die das Geschehen begleitet, sehr intensiv zu spüren ist und lange nachwirkt. Im März 2015 schließlich verstarb der Schweizer Schauspieler Buddy Elias, jener Cousin Anne Franks, der in ihr einst die Begeisterung für das Eislaufen geweckt hatte. Eine neue Generation steht nun hier wie dort vor der Aufgabe, sich mit dem Erbe Anne Franks und dessen ‚richtiger‘ Verwendung zu beschäftigen. Nicht einfacher wird dies durch den Umstand, dass alle Tagebücher, Fotos und anderen Aufzeichnungen Anne Franks durch ihren Vater per Testament weder der einen noch der anderen Stiftung, sondern vielmehr dem Niederländischen Institut für Kriegsforschung (NIOD – Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie) vermacht wurden. Zu dieser Entscheidung mögen rein praktische Beweggründe geführt haben, wie der Wunsch, die Dokumente einem staatlichen Institut, das übrigens später auch die Echtheit der Tagebücher untersuchen und belegen sollte, zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, als auch der Umstand, dass das Anne-Frank-Haus selbst damals noch nicht über geeignete klimatisierte Räumlichkeiten verfügte. Die Vermutung liegt nahe, dass Anne selbst es wohl für richtig befunden hätte, ihren Nachlass dem Niederländischen Staat anzuvertrauen, da es ihre eigene – durch Radio Oranje inspirierte – Idee war, ihr Tagebuch später unter anderem als Kriegsdokument zur Verfügung zu stellen. Bei dem im Anne-Frank-Haus zu besichtigenden Original-Tagebuch handelt es sich somit um eine dauerhafte Leihgabe des Instituts.

Inzwischen wurde Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, von vielen geradezu selbstverständlich als Niederländerin angesehen und wahrgenommen. Als im Jahr 2004 ein holländischer Fernsehsender sie gar auf die Kandidatenliste seiner Show Größte Niederländer aller Zeiten setzte, fiel dann doch manchem auf, dass Anne nie wirklich Niederländerin war. Gewiss war sie in ihrem Herzen Niederländerin und schrieb auf Niederländisch. Sie war Deutsche von Geburt, doch das ‚Deutschsein‘ war ihr schließlich allzu gründlich ausgetrieben worden. Durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft als Jüdin infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 galt sie fortan als staatenlos. Eine postume Einbürgerung konnte nach niederländischem Gesetz nicht erfolgen, während das deutsche Bundesinnenministerium sich wiederum beeilte, die Ausbürgerung durch die Nazis für nichtig, da nicht rechtens, und Anne somit zur Deutschen zu erklären. Einige Jahre später hätten auch die USA, in die der Familie Frank zu Lebzeiten keine Einwanderung mehr möglich war, Anne gern rückwirkend die amerikanische Staatsangehörigkeit verliehen. Doch solcherlei Versuche, die Geschichte nachträglich zu glätten, bleiben fragwürdig.

Aus dem NIOD wiederum meldet sich mit dem Historiker David Barnouw ein Insider zu Wort, der sich mit Anne beschäftigt hat, seit ihre Dokumente in den Besitz seines Instituts übergingen. Sei es, dass er während der ersten Jahre persönlich im Anne-Frank-Haus einmal im Quartal die Tagebuchseiten umwendete, um ihrem Ausbleichen entgegenzuwirken, oder dass er später Mitherausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebuchtexte werden sollte. Rückblickend erscheint es, als sei er in der Vergangenheit immer dann zu Stelle gewesen, wenn der Hype um Anne sich einmal wieder zu überschlagen drohte; sei es, als immer wieder – vor allem von Seiten rechter Gruppierungen – versucht wurde, die Echtheit der Tagebücher anzufechten, oder auch, als es um die Frage ging, wer die Familie Frank letztlich verriet. Mit einer Veröffentlichung unter dem Titel Wer verriet Anne Frank? erläuterte er 2006 alle bis dahin vorliegenden Fakten, verwies den Rest ins Reich der Phantasie und machte damit mancher wilden und unfruchtbaren Spekulation ein Ende. Unfruchtbar deshalb, weil die nachträgliche Suche nach Sündenböcken kontraproduktiv ist. Wer immer die Bewohner des Hinterhauses, die durch Annes Tagebücher allgemein bekannt wurden, verriet, ist kein schlimmerer und kein besserer Verräter, als jeder andere miese Denunziant aus jener Zeit, der andere Menschen auf dem Gewissen hat, an die sich zu deren Unglück nur niemand mehr erinnert. Vielmehr gilt es, der Frage nachzugehen, wie eine menschliche Gesellschaft überhaupt in die Situation geraten kann, mehrheitlich zu einem Volk der Mitläufer, Denunzianten und Mittäter zu werden, und nach Wegen zu suchen, dies künftig dauerhaft zu verhindern, umso dringender angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen und des zunehmenden Rechtspopulismus in Europa. Um es mit Theodor W. Adorno zu sagen: „Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Davids Barnouws jüngstes Buch Das Phänomen Anne Frank, das uns eine chronologische Darstellung der historischen Ereignisse und zugleich eine ausführliche Rezeptionsgeschichte der Texte Anne Franks sowie deren medialen Verarbeitungen liefert, erschien erstmals 2012 in den Niederlanden unter dem Titel Het fenomeen Anne Frank. Seit letztem Jahr liegt es in überarbeiteter Form nun auch in deutscher Sprache vor. Es bietet allen, die sich näher mit Anne Frank beschäftigen möchten, eine gute und umfassende Übersicht über alle Ereignisse, inklusive der Medienereignisse vom Beginn bis in die Gegenwart, nicht ohne die Instrumentalisierung und Vermarktung des Namens Anne Frank kritisch zu beleuchten. Dies wiederum trug dem Autor – auch und gerade bei der Anne-Frank-Stiftung – nicht nur Freunde ein. Mit ihrer unbeirrt sachlichen Haltung steht seine Veröffentlichung jedoch einmal mehr als ruhender Fels in der Brandung aller mehr oder weniger hitzig geführten Debatten.

Inwieweit ein Name, eine Person oder auch ein Stoff bei der Umsetzung in ein mediales Format der Gefahr der Instrumentalisierung, im schlimmeren Fall auch der Trivialisierung, ausgesetzt ist, bleibt eine spannende Frage. Dies zeigt eine Sammlung von Aufsätzen, die vorletztes Jahr unter dem Titel Anne Frank – Mediengeschichten erschien. Verschiedene Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit oder Lehrtätigkeit mit unterschiedlichen Medialisierungen von Anne Franks Geschichte beschäftigten, kommen hier zu Wort und gehen vor allem der Frage nach, inwieweit eine Geschichte durch eine andere mediale Verarbeitung neu erzählt oder auch umerzählt wird. Angefangen beim unbewegten Medium, beispielsweise der Fotografie oder dem Denkmal, und der Botschaft, die es transportiert – einmal durch das, was es erzählt und zum anderen auch durch das, was es nicht erzählt – über die vielfältigen szenischen Umsetzungen des Stoffes für Bühne oder Film, bis hin zu Übertragungen der Geschichte in modernere Formen, zum Beispiel die der Graphic Novel oder des japanischen Mangas, und schließlich den Möglichkeiten, die neue, interaktive Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, zeigt sich hier ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Erzählformen. Als jüngstes Beispiel sei hier noch das neue Theaterstück ANNE von Leon de Winter und Jessica Durlacher angefügt, 2014 uraufgeführt in einem eigens zu diesem Zweck neu erbauten Theater in Amsterdam.

Die diversen Erzählformen wiederum können, abhängig von der Motivation des Senders, der Art und Weise der Übermittlung und nicht zuletzt von Alter, Persönlichkeit, Vorbildung und Vorerfahrungen der Empfänger innerhalb einer Zielgruppe sehr unterschiedliche Auslegungen und Deutungen hervorbringen. Neue Medien schaffen überdies Möglichkeiten des Zugangs, an die früher niemand auch nur zu denken gewagt hätte. Zum Beispiel bietet das Anne-Frank-Haus auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das gesamte Haus in der Prinsengracht, welcher auch Menschen, denen keine Besichtigung vor Ort möglich ist, erlaubt, sich einen Eindruck der Räume und des ehemaligen Verstecks im Hinterhaus zu verschaffen. Als eine originelle Idee ist auch der „Anne-Frank-Tree“ zu nennen, ein virtueller Kastanienbaum anstelle des echten, den Anne in ihrem Tagebuch erwähnt. Jener war leider aus Altersgründen letztlich nicht mehr zu retten und stürzte trotz aufwändiger Sanierungsaktionen im Jahr 2010 endgültig um, während dafür Setzlinge von ihm um die ganze Welt gingen. An seinem im Internet verewigten Abbild ist es nun möglich, mit dem Anheften virtueller Gedenk-Blätter eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich mit Menschen desselben Anliegens zu verbinden. Mit „Anne Frank im Land der Mangas“, ein Thema, dem im Buch ebenfalls ein eigener Aufsatz gewidmet ist, gestaltete ein Team belgisch-französischer Künstler auf der Internet-Seite des Senders Arte ein „begehbares Manga“. Ein interaktiver Comic – in der in Japan bei Kindern und Erwachsenen äußerst beliebten Form des Mangas – begleitet nachträglich eine Reise der Autoren auf der Suche nach Spuren Anne Franks im fernen Osten. Er beleuchtet mit gewissem Augenzwinkern ein Land der Widersprüche, das Anne einerseits hoch verehrt, ihr gar eine Kirche geweiht und eine Rosensorte gewidmet hat und sich mit ihr gleichsam als Weltkriegsopfer – Holocaust und Hiroshima wurden im selben Atemzug genannt – identifiziert, dem andererseits die Auseinandersetzung mit der anderen, dunklen Seite der eigenen Täterrolle bei Kriegsverbrechen ähnlich schwer fallen will, wie dem einst verbündeten Deutschland. Es handelt sich um ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, wie die Instrumentalisierung ausgerechnet des Namens Anne Frank Verzerrungen in der Wahrnehmung historischer Ereignisse befördern kann.

Hingegen lohnt es sich in der Tat, näher zu betrachten, inwieweit die fiktive Präsenz einer Ikone wie Anne Frank in einem sozialen Netzwerk – nehmen wir beispielsweise Facebook –  einerseits neue Möglichkeiten der Identifikation und Erinnerung schaffen, jedoch andererseits zur Trivialisierung der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen zum Zweck der Unterhaltung um jeden Preis führen kann. Seit Erscheinen des Beitrags „Meine Freundin Anne Frank – Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone“ hat sich die Situation nochmals verändert. Die Verantwortlichen von Facebook haben in der jüngsten Zeit darauf hingearbeitet, fiktive Personenprofile zu löschen, beziehungsweise diese in Seiten umzuwandeln. Das heutige Anne-Frank-Profil suggeriert somit Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr, mit Anne ‚befreundet‘ zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Fan-Seite, die von diesen mit „Gefällt mir“ markiert werden kann und ihnen – wie jede andere Facebook-Seite – Einstellungen anbietet, um neue Postings an erster Stelle der persönlichen Timeline angezeigt zu bekommen. So ist auf der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam betreuten Anne-Frank-Seite ein Einblick in Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums sowie ein Weiterverbreiten dieser Meldungen über die „Teilen“-Option möglich, was der Stiftung und ihren Projekten zunehmend größere Bekanntheit verschafft. Das ist in diesem Falle nur wünschenswert, da sich die Organisation Zielen wie Aufklärung, Bildung, Begegnung und internationalem Austausch junger Leute verschrieben hat, die anzustreben heute wichtiger ist denn je. Natürlich muss sich eine Seite, die auf Interaktion setzt, unter anderem mit unpassenden und destruktiven Kommentaren auseinandersetzen, und leider verwenden auch rechtsextreme Kreise die sozialen Netzwerke sehr intensiv als Plattform für ihre Zwecke. Denn mehr als jedes andere Medium kann Social Media nun einmal auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden. Gerade deshalb wäre es jedoch der falsche Ansatz, Plattformen wie Facebook pauschal abzuwerten oder gar schlecht zu reden – und geradezu fatal, wenn Einrichtungen und Organisationen, die auf Bildung und Aufklärung setzen, sich aus ihnen zurückziehen würden. Für diese gilt es umso mehr, soziale Netzwerke und deren Möglichkeiten intensiv zu nutzen, ihre Präsenz dort sorgfältig und aktuell zu pflegen und sich mit gleich und ähnlich gesinnten Seiten zu vernetzen, um im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung deutlich Position zu zeigen. Dass der Basler Anne-Frank-Fonds die Aktivitäten auf seiner eigenen Facebook-Seite seit Herbst 2015 offensichtlich komplett eingestellt hat, ist zu bedauern und tut dessen Bildungszielen keinen guten Dienst. Die von der Anne-Frank-Stiftung in den Niederlanden sehr sorgfältig gepflegte Präsenz Anne Franks auf Facebook wiederum zeigt das facettenreiche Profil einer Autorin, die als Opfer der Shoah vielen anderen Opfern stellvertretend eine Stimme gab, die weiter fortwirkt. Somit gewinnt diese Seite zugleich den Charakter einer wichtigen Bildungsinstanz.

Hingegen nehmen junge Menschen Anne vor allem als eine der ihren wahr, identifizieren sich mit ihr als einer Gleichaltrigen, die sich traute, ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, auch viele heikle Dinge beim Namen zu nennen, die Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen. Sie identifizieren sich jedoch eher nicht – so sehr auch Lehrerinnen und Lehrer, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen sich darum bemühen mögen – mit Anne als Opfer der Shoah. Dies können sie vermutlich auch nicht. Zu allen Zeiten dürfte es jungen Menschen widerstrebt haben, sich mit Opfern zu identifizieren, eine Abneigung, die sehr viel mit Selbstschutz zu tun hat – und die gegenwärtig auch in der gängigen, abwertenden Schimpfwortbezeichnung „Du Opfer!“ ihren Ausdruck findet. Zum Opfer werden, das kann niemand wollen, daran mögen wir noch nicht einmal denken! Und es lässt sich auch nicht sagen, ob Identifikation mit den Opfern tatsächlich verhindern kann, nicht eines Tages doch zu Tätern oder Mittätern zu werden. Denn gerade dies entwickelt sich ja oft aus dem – freilich simplen – Entweder-Oder-Glauben, andernfalls womöglich selbst Opfer zu werden. Mechanismen, über die nachzudenken Unbehagen bereiten muss. Bedeutet es für uns als Deutsche schließlich auch, uns damit zu konfrontieren, dass – Tatsachen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zufolge – in den Reihen der eigenen, mehrheitlich schweigenden Vorfahren seltenst Widerstandskämpfer, wohl aber Täter, Mittäter und feige Mitläufer gewesen sein müssen. Und notwendigerweise erfordert es im nächsten Schritt, sich mit der noch dringenderen Frage auseinanderzusetzen, wozu wir denn selbst fähig wären, vor die Wahl gestellt: In Aussicht gestellte Teilhabe an der Macht bei Mitlaufen und Mittun – oder Ausgrenzung bis hin zur Verfolgung bei Widerstand? Dies ist ein schmerzhafter Prozess; er lässt sich durch nichts abmildern, und nicht ganz zu Unrecht empfinden junge Menschen ihn als Zumutung, denn ihre Vorfahren, die es eigentlich betraf, haben diesen Prozess mehrheitlich umgangen, sich unfähig gezeigt, sich mit eigener Schuld und Mitschuld auseinanderzusetzen. Wie sollen ihnen das die nächsten Generationen abnehmen? So ganz ohne Vorbilder? Schuld, die sich einfach weitervererben lässt, nach dem Motto: Sollen sich die Nachgeborenen doch damit herumschlagen!? Wer kann es diesen verdenken, wenn sie ein solches Erbe ausschlagen? Bleibt das Erbe der Verantwortung, welches nicht ausgeschlagen werden kann: Wie lässt sich das an junge Menschen herantragen? Vielleicht bedarf es hier nicht gar so vieler Verrenkungen. Möglicherweise reichen Denkimpulse aus. Es kann – nicht nur für junge Menschen – immer wieder ein einfacher erster Schritt sein, festzustellen: Hier war jemand, der wegen angeblichen Andersseins ausgegrenzt wurde und doch ähnlich dachte und fühlte wie ich, obwohl er oder sie zu einer ganz anderen Zeit lebte. Und dann darauf zu vertrauen, dass junge Menschen durchaus zum Selbstdenken und Weiterdenken in der Lage sind, wenn dies vielleicht auch in ganz anderen, als in den von Didaktik und Methodik vorgesehenen Bahnen geschehen mag.

Was darf Erinnerung? Wie schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, zu sagen: Alles, was dem offenen Austausch, der Begegnung und Friedensbemühungen in aller Welt dient. Alles, was hilft, künftige Barbarei zu verhindern. Um es nochmals mit den Worten Adornos zu sagen: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das Vorwort von Miep Gies in ihrem Erinnerungsbuch Meine Zeit mit Anne Frank, das vor zwei Jahren zum dritten Mal aufgelegt wurde, endet mit den Worten: „Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten – Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals. Es ist an uns, den einfachen Menschen in aller Welt, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht.“

Was machte Miep Gies zu einem Menschen, der anders handelte? Welche Erfahrungen in ihrer Jugend befähigten sie zu ihrer so ganz anderen Haltung? In Wien geboren, wurde sie als Elfjährige nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen eines Hilfsprogramms für hungernde österreichische Kinder zu einer ihr zuvor unbekannten Pflegefamilie in die Niederlande verschickt. Diese hatte bereits mehrere eigene Kinder und war keineswegs reich – der Vater ein Arbeiter –, aber der festen Überzeugung, dass dort, wo schon so viele satt werden, es auf einen mehr nicht ankomme. Wenn Miep Gies ihre Lebensbedingungen in dieser Familie beschreibt, so entbehrt dies völlig Schilderungen, wie sie aus dieser Zeit normalerweise erwartet werden, womöglich von Entbehrungen, harter Disziplin oder gar Schlägen, die angeblich „noch keinem geschadet haben“, und ähnlichem, das unseren Ohren aus Berichten unserer eigenen Vorfahren vertraut ist. Vielmehr entsteht das Bild von einer freundlich umsorgenden Atmosphäre liebevoller Akzeptanz und Wärme, die ganz offensichtlich auch von Mieps neuen Geschwistern so erfahren und weitergegeben wurde, von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft auch von Kindern in der Umgebung, die offenbar unter ähnlichen Bedingungen aufwuchsen, und schließlich von einem insgesamt geistig aufgeschlossenen und bildungsfreundlichen Klima, in dem Heranwachsende unter anderem angehalten wurden, Zeitung zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier scheint sich ganz schlicht das spätere Astrid-Lindgren-Zitat zu bestätigen: „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“ Dies nur, um eine Ahnung davon entstehen zu lassen, wie die theoretisch viel diskutierte Erziehung nach Auschwitz in der Praxis aussehen könnte. Denn leider sieht es immer noch so aus, als hätten wir in dieser Hinsicht gar keinen Plan, während eine neue Generation in Teilen der Anziehungskraft des Barbarischen neu zu erliegen droht.

Und wem gehört nun Anne Frank? Einerseits zur unantastbaren Ikone verklärt, andererseits im selben Zug – oft auch gerade von den Menschen, die sie dazu erklären – nach Belieben für die unterschiedlichsten Belange herangezogen? Sie, die sich schon immer sehr darüber wunderte, „dass erwachsene Menschen so schnell, so viel und über alle möglichen Kleinigkeiten Streit anfangen“, wie es einem Tagebuch-Eintrag vom 28. September 1942 zu entnehmen ist? Wäre es nicht an der Zeit, sie ein wenig sich selbst zurückzugeben? Am ehesten kann dies gelingen, indem wir ihr eigenes Werk lesen. Unter dem Titel Denn schreiben will ich!, ein Ausruf, mit dem ein selbstkritischer Eintrag vom 5. April 1944 endet, erschien in diesem Jahr in neuer Übersetzung bei Reclam eine handliche, leinengebundene Ausgabe. Sie enthält Annes wichtigste Tagebuchauszüge, eigene Erzählungen aus ihrem „Geschichtenbuch“ und einen Auszug aus ihrem begonnenen und unvollendeten Roman Aus Cadys Leben. Hier entsteht anschaulich das Bild eines jungen Mädchens mit ungewöhnlicher schriftstellerischer Begabung, scharfer Beobachtungsgabe und herzlichem Humor, das sich das „Dennoch“ zum Motto ihres kurzen Lebens gemacht hatte, welches ihr – und mit ihr vielen anderen, die Rede ist von mehreren Millionen, darunter geschätzte eineinhalb Millionen Kinder – schließlich auf denkbar schlimmste Weise genommen wurde. Uns, die wir angesichts dieser kaum vorstellbaren Fakten immer wieder sprachlos verharren, bleibt im Grunde nur, dieses „Dennoch“ zu übernehmen, es uns zu eigen zu machen und weiterzutragen. In jeder Hinsicht.

 

Dieser Beitrag erschien am 17.08.2016 in Rezensionsforum literaturkritik.de.

 

 

Miep Gies Anne Frank

Miep Gies:
Meine Zeit mit Anne Frank.
Der Bericht jener Frau,
die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte,
sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte –
und sie doch nicht retten konnte.
Übersetzt aus dem Englischen von Liselotte Julius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
256 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783596183678

Überall im Buchhandel

umschlag_mediengeschichten_druck.indd

Peter Seibert / Jana Piper / Alfonso Meoli (Hg.):
Anne Frank. Mediengeschichten.
Metropol Verlag, Berlin 2014.
272 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783863311995

Überall im Buchhandel

Anne Frank_14.8.2015.inddDavid Barnouw:
Das Phänomen Anne Frank.
Aus dem Niederländischen
von Simone Schroth.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2015.
180 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783837512465

Überall im Buchhandel

Denn schreiben will ichAnne Frank:
Denn schreiben will ich!
Aus den Tagebüchern und anderen Werken.
Reclam Verlag, Stuttgart 2016.
262 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783150110553

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Frohe Ostern und schöne Frühlingstage!

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Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer kornigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

Johann Wolfgang von Goethe (Faust I, Kapitel 5)

In diesem Sinne allen LiteraturFreundInnen
Frohe Ostern! – Happy Easter! – Joyeuses Pâques! – ¡Felices Pascuas!

Bettina und Dieter

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Frohe Festtage!

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Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht.
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist gescheh’n.

Theodor Storm (Weihnachtslied)

Allen LiteraturFreundInnen wünschen wir frohe Festtage und ein glückliches Neues Jahr!

Bettina und Dieter

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Verantwortung als Erbe

Goethes Gartenhaus am Stern in Weimar

Goethes Gartenhaus am Stern in Weimar

Geschichte eines Briefes an mein Kind

Von Bettina Johl

In späten Jahren nochmals eine Schule zu besuchen, kann eine spannende Unternehmung sein. Der Austausch mit jungen Leuten, ob man diesen bisher schätzte oder nicht, wird unvermittelt Programm; es ist nicht möglich, sich ihm zu entziehen. Selbst diejenigen unter uns Älteren, die ihn stets schätzten – zu jenen zähle ich mich – finden sich im alltäglichen Leben gewöhnlich von einer gewissen Scheu und Befangenheit, jungen Menschen womöglich zu nahe zu treten, daran gehindert. Mit solchen Befindlichkeiten räumt die Schule recht schnell auf. Sie ist insofern ein großer Gleichmacher. Dies kann unbequem sein, aufreiben, aber auch eine beträchtlich verjüngende Wirkung haben. Gleichgültig lässt es uns eher selten. Und das ist gut, denn immer sind es die Widersprüche, die neue Denk- und Sichtweisen eröffnen. Die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit Fragestellungen, die sich ursprünglich an jüngere Menschen richteten, kann wiederum zu interessanten Entdeckungsreisen führen, zumal wir hier eine erweiternde Perspektive einnehmen können, nämlich die der Rückschau und Reflexion.

Ein Handlungsfeld in der pädagogischen Ausbildung beschäftigt sich – den zeitlichen und gesellschaftlichen Anforderungen Rechnung tragend – mit Unterschiedlichkeit und Vielfalt. Eine Aufgabenstellung lautete, einen Brief an das eigene Kind zu schreiben, im Hinblick auf jenen Anteil an kulturellem Erbe, den man diesem mitgeben wolle – oder auch nicht. Dies führte bei den Jüngeren zunächst zu Irritationen; eigene Kinder gab es in ihrer Realität noch nicht, bestenfalls standen solche als künftige Möglichkeit, als vages Bild von einem Leben nach der Schule, irgendwo weit am Horizont der eigenen Perspektiven und Wünsche. Für mich, die ich nicht vor der Situation stand, mir ein künftiges Kind ausdenken zu müssen, entbehrte diese Sache nicht eines gewissen Reizes. Mein Sohn war bereits erwachsen. Kurioserweise besuchte er zu dieser Zeit sogar dieselbe Schule – oder vielmehr denselben Gebäudekomplex in einem anderen Bereich, wo er kurz vor seiner beruflichen Abschlussprüfung stand. Zuweilen trafen wir uns in der Pause am Kaffeeautomaten, ein Umstand, den die jüngeren Leute im besten Fall für „cool“ befanden. Mir blieb also nur der kritische Blick zurück; was davon noch Ausblick sein könnte, würde sich zeigen. Warum also den Brief nicht an mein erwachsenes Kind adressieren? Ich zückte also den Stift, überlegte kurz und schrieb auf dem eigens hierfür ausgeteilten, quietschbunten Papierbogen drauflos, während mir manch ratloser Blick folgte.

Dass mir mein Text recht flüssig aus der Hand ging, überraschte mich; es ist ja gewiss nicht so, dass mir das Schreiben fremd wäre, aber gewöhnlich gestaltet es sich als ein eher zäher Prozess, in dessen Verlauf ich so manchen Satz hundertmal verwerfe und verändere, ehe er endlich so steht, dass ich ihn akzeptieren kann. Handgeschriebene Manuskripte pflegen entsprechend auszusehen und sind kaum vorzeigbar. Und meist fallen sie, sobald es eine getippte, endkorrigierte Version gibt, wütender Vernichtung anheim. Als der Brief mir nun nach drei Jahren wieder in die Hände fiel, heute, da jene Zeit hinter mir liegt, und ich mich zuweilen noch immer ordnend und sortierend durch Papierberge grabe, fand ich zu meiner Verblüffung ein recht ansehnliches, beidseitig beschriebenes Blatt vor, das zwar, wie üblich, viele Einfügungen zwischen den Zeilen, aber nur wenige Streichungen einzelner Wörter aufwies. Ich weiß noch, dass ich damals Mühe hatte, mit der vorhandenen Zeit auszukommen; als die Frage gestellt wurde, ob jemand seine Niederschrift vorlesen möge, schrieb ich noch immer – soviel ich weiß, sogar noch mehr oder weniger heimlich während der darauffolgenden Stunde – und war froh, dass später nicht nochmals gefragt wurde und ich das Blatt ungesehen in meiner Mappe verschwinden lassen konnte. Nicht, dass ich mich nicht notfalls zum Vorlesen hätte überwinden können, aber vieles, was mich im Zuge des Schreibens gedanklich beschäftigte, war einfach noch zu frisch. Meinem Sohn hatte ich diesen Brief zunächst gar nicht gegeben; wohl wollte ich es immer und verschob es dann wieder. Es hatte damit keine Eile; es stand ja nichts darin, was er nicht ohnehin längst wusste. Nunmehr beim zweiten Lesen auf die mir selbst gestellte Frage hin, ob ich all dies heute noch einmal so schreiben würde, erstaunt es mich wiederum, sagen zu können: „Ja! Genau so! Oder ähnlich.“ Also kann ich ihn hier getrost nachträglich auf die Reise schicken. Für Raphael. Und für alle, die sich mit uns auf dem Weg sehen.

„Lieber Raphael,

nun ist es tatsächlich so weit gekommen, dass ich in derselben Schule sitze wie Du, wenn auch einem anderen Gebäudetrakt, und nun lautet hier unsere Aufgabe, einen Brief an unsere künftigen Kinder zu schreiben. Nun – weitere Kinder wird es für mich nicht mehr geben; die Frage, was ich ihnen an kulturellem Erbe mitgeben wollte – denn darum geht es –, erübrigt sich für mich. In meinem Alter geht es dann eher schon ums Reflektieren, und auch das ist uns beiden vertraut, da wir ja in unseren Gesprächen, die wir miteinander führen, kaum je etwas anderes tun. Denn diese Frage, sie beschäftigt uns ja beide; wir haben viel erlebt, wurden mit vielem konfrontiert, was uns bis in die Grundfesten erschütterte – von stabilen Wurzeln keine Spur! – und alles, was uns blieb, war stets, uns um größtmögliche Offenheit zu bemühen, Fragen zu stellen – Fragen und immer wieder Fragen – und mit dem Umstand umgehen zu lernen, dass es auf manche von ihnen keine Antwort gibt.

Wie nun aber definiert sich Kultur für uns? Die Kultur, zu der wir uns zugehörig fühlen – oder fühlen sollten? Gibt es eine „deutsche Kultur“? Muss uns dieses Wort nicht zwangsläufig im Halse stecken bleiben? Oft habe ich mir gewünscht, eine Ausweichkultur zu haben, schaue mit fast neidischem Seitenblick auf Mitmenschen mit kulturell unterschiedlichen Wurzeln, die hin und wieder das andere Land als Fluchtpunkt aufsuchen können, als Kontrapunkt, als Land ihrer Sehnsüchte, mögen dessen Vorzüge nun echt oder projiziert sein. Du und ich, wir haben diese Möglichkeit nicht. Unsere Wurzeln sind über mindestens vier Generationen unverkennbar deutsch, und es hilft mir und Dir auch nicht, meine sagenumwobene französische Ururgroßmutter ins Feld zu führen; wir wissen, dass es ein Erbe gibt, das auszuschlagen uns nicht frei steht. Nur – welchem Erbe sind wir letztlich verpflichtet? Dem des „Volkes der Dichter und Denker“? Oder dem der größten Mitläufer, Feiglinge und Verbrecher? Vielleicht ist die eine Aussage so wahr wie die andere und bedeutet nur, dass wir es mit einer Kultur der extremsten Widersprüche zu tun haben? Andererseits: War das „Volk der Dichter und Denker“ nicht ohnehin immer nur Konstrukt? Wunschgedanke? Hatten nicht viele „unserer“ Dichter und Denker schlicht europäische, oft auch jüdische Wurzeln? Und – haben wir „unseren“ Dichtern und Denkern, sofern wir meinen, auf sie so etwas wie Besitzansprüche erheben zu dürfen, nicht allzu oft übel mitgespielt? Während viele um uns herum offenbar noch heute versuchen, Schuld und Verantwortung für die dunklen Kapitel unserer Geschichte von sich zu weisen?

Es ist die Frage, inwieweit Schuld vererbt werden kann, – ohne hier die kirchliche Sichtweise mit dem Begriff der „Erbsünde“, die ja als spannendes Thema für sich selbst genommen oft Gegenstand unserer Diskussionen ist, erörtern zu wollen. Ich kann keine endgültige Antwort darauf finden. Wovon ich aber überzeugt bin – und darin waren wir uns immer einig – ist, dass wir die Verantwortung erben. Die Verantwortung unter anderem, an einem vereinten Europa mitzuwirken, in dem ein Zusammenleben unterschiedlichster Menschen in Frieden, Freiheit und gegenseitiger Akzeptanz in einer von Offenheit, Respekt und Vertrauen geprägten Atmosphäre möglich wird.

Also sind wir dann zuerst und vor allem Europäer? Oder gar – ganz im Kant’schen Sinne – „Weltbürger“? Wohl auch dies, zumal der Begriff eine längere Tradition hat, als wir bislang glaubten. Bereits der griechische Philosoph Diogenes von Sinope soll sich, nach seinem Heimatort befragt, als „Weltbürger“ bezeichnet haben, zu einer Zeit, als weniger Leute die Kugelgestalt der Erde anzweifelten, als gemeinhin angenommen wird. Dass man beim Sich-Hinausbegeben über den Horizont herunterfallen könnte, lehrten bekanntlich zu allen Zeiten vor allem jene, die ein persönliches Interesse daran hatten, andere Menschen in ihrem verengten Weltbild verhaftet zu halten, auf dass diese nicht womöglich auf eigenwillige Ideen kämen.

Allerdings ist es EINE Sache, sich den Weltbürger auf die Fahnen zu schreiben und munter damit herumzuwedeln, eine andere, sich wirklich auf andere Denk- und Sichtweisen einzulassen, sie kennen und verstehen lernen zu wollen, eine ernsthaften Austausch zu suchen, der bei allen Unterschieden die Gemeinsamkeiten im Blick behält und diese als Fundament für ein künftig friedliches und respektvolles Miteinander erkennt. Solches jedoch ist nicht zu erreichen durch Verleugnen und Verdrängen der Schwierigkeiten und Hürden, die auf dem Weg dort hin auftreten können, übrigens auch nicht mit Schön-Reden manches Unangenehmen, welches im Zuge des Sich-Befassens mit der eigenen Kultur und Biografie zwangsläufig mit zutage treten wird, ja – muss. Und hier sind wir wieder an unserem Thema: Nur im Bemühen um so viel Offenheit wie irgend möglich kann es gelingen, neue Wege einzuschlagen, die zu neuen Denkweisen und zur Überwindung von Trennendem führen können. Und auch diese Wege können einen weiten und verschlungenen Verlauf nehmen. Einfache Lösungen für komplexe Probleme gibt es nicht und hat es nie gegeben. Hüten wir uns sehr vor den großen Vereinfachern! Sie haben in der Vergangenheit immer wieder immensen Schaden angerichtet.

Heute nach nahezu vierundzwanzig Jahren bin ich sehr glücklich darüber, dass wir beide diese Sichtweise teilen, über anderen Dingen von untergeordneter Bedeutung, in denen wir zuweilen unterschiedlicher Auffassung sein mögen. Wir werden unsere Sache im Blick behalten und uns gegebenenfalls gegenseitig daran erinnern, dessen bin ich zuversichtlich. Ob Du selbst einst Kinder haben wirst, denen Du all dies weitervermitteln kannst, wissen wir noch nicht; die Zeit wird es zeigen. Dennoch wirst Du in ein Alter kommen – oder befindest Dich schon darin – in dem junge Menschen Dich nach dem Weg fragen und Orientierung suchen. Es müssen nicht die eigenen Kinder sein. Dann weise sie nicht ab! Wer, wenn nicht sie, soll sonst den Weg für uns weitergehen? Neben unseren leiblichen Kindern gibt es auch Kinder unseres Geistes und unseres Herzens. Lass uns immer für sie da sein und ein offenes Ohr für sie haben!

In Liebe

Deine Mama

am 6. Dezember 2012“

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Heinrich Bölls Aktualität

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Zum 30. Todestag des Kölner Literaturnobelpreisträgers

Von Dieter Kaltwasser

Bücher wie „Irisches Tagebuch“, „Ansichten eines Clowns“, „Gruppenbild mit Dame“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ sind noch heute Schullektüre. Heinrich Böll gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Neben vielen anderen Auszeichnungen wurde Bölls Werk 1972 in Stockholm mit dem Literaturnobelpreis geehrt.

Heinrich Böll kam 1917 in der südlichen Kölner Neustadt zur Welt. Er hat lange Zeit in seiner Heimatstadt gelebt und gearbeitet. Kaum ein Schriftsteller ist im Bewusstsein seiner Leser so sehr mit einer Stadt verbunden wie Böll mit Köln. In einem Text aus dem Jahr 1959 nennt er seine väterlichen Vorfahren britische Katholiken, die „der Staatsreligion Heinrichs VIII. die Emigration vorzogen“ und von Holland herauf als Schiffszimmerleute und Tischler rheinaufwärts zogen. „Die Vorfahren mütterlicherseits waren Bauern und Bierbrauer“, die in einer Generation wohlhabend lebten und in der nächsten verschwenderisch, „bis sich im letzen Zweig, aus dem meine Mutter stammte, alle Weltverachtung sammelte und der Name erlosch“. Der Schriftsteller verband mit Köln etwas Niederländisches: „Ich entdecke das wieder, wenn ich manchmal in Utrecht bin, in Antwerpen bin, Brügge, Gent. Es war was sehr Niederländisches. Leider nicht im politischen Sinne. Wir waren Deutsche und werden wohl welche bleiben.“

Böll ist nicht nur als Schriftsteller bekannt, sondern als Verfechter einer kritischen Publizität, auch sein politisches Engagement sorgte für Aufsehen und Zeit seines Lebens für erregte Diskussionen in der medialen Öffentlichkeit. So warb er 1969 im Bundestagswahlkampf offensiv für Willy Brandt, auch sein leidenschaftliches Eintreten für die Friedensbewegung erhitzte die Gemüter. In seinen Werken beschreibt Böll die frühere und mittlere Bonner Republik. Und er mischte sich ein, immer wieder, und geriet sogar in Verdacht, mit der RAF zu sympathisieren. Heute, 30 Jahre nach seinem Tod am 16. Juli 1985, berufen sich auch Konservative auf ihn, den kritischen Katholiken.

Dass seine Heimatstadt Köln zur starken Solidarität Böll gegenüber fähig war, bewies sie mehrfach. So kontrovers die Beziehungen zwischen ihr und dem Schriftsteller auch waren, so  kritisch die Äußerungen auf beiden Seiten, beschloss der Rat der Stadt im Jahr 1982, Böll die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. 1977 gab es zum 60. Geburtstag einen Empfang im Kölner Rathaus, ein Zeichen besonderer Wertschätzung angesichts der im „Deutschen Herbst“ kulminierenden Hetze gegen ihn und seine Familie. Seit 1985 wird der Heinrich-Böll-Preis von der Stadt Köln im Gedenken an den Literaturnobelpreisträger verliehen.

2015 feiert auch die Verfilmung der „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“ ihr Jubiläum. Sie wurde von Volker Schlöndorff, der in den 1970er-Jahren auch die „Blechtrommel“ von Günter Grass verfilmte, und Margarethe von Trotta gedreht und basiert auf der 1974 erschienenen gleichnamigen Erzählung von Böll. Sie handelt von einer bisher unbescholtenen Frau, die wegen ihrer Freundschaft zu einem Straftäter Opfer der menschenverachtenden Berichterstattung der Boulevardpresse wird. In einer Vorbemerkung schreibt Böll: „Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“ Der Autor betrachtete seine Erzählung als ein Pamphlet. Daher ist Bölls Erzählung nicht nur eine gesellschaftskritische Betrachtung der 1970er-Jahre, sondern darüber hinaus eine Beschreibung der wirklichkeitsverzerrenden Manipulationen durch die Massenmedien – und sie hat an ihrer Aktualität nichts verloren.

Dass Widerstand ein Freiheitsrecht ist, wurde Böll Zeit seines Schaffens nicht müde zu betonen. Diese Haltung führt direkt zum „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel und verbindet ihn noch mit der Occupy-Bewegung der Gegenwart. Böll lehnte sich auf gegen Notstandsgesetze und Radikalenerlass, gegen Willkür, wo immer sie ihm begegnete. 1972 fand er auf einem Parteitag der SPD Worte, die bereits damals irritierten und es noch immer tun: „Es gibt nicht nur eine Gewalt auf der Straße, Gewalt in Bomben, Pistolen, Knüppeln und Steinen, es gibt auch Gewalt und Gewalten, die auf der Bank liegen und an der Börse hoch gehandelt werden.“

In dem Roman „Fürsorgliche Belagerung“, der 1979 erschien und die Bundesrepublik als Überwachungsstaat beschreibt, bemängelte die deutsche Literaturkritik „literarische Schwächen“. Die Kritik rieb sich allerdings auch immer heftiger an Bölls politischen Ansichten und Aktivitäten. Es gibt zudem Literaturkritiker, die Böll nicht zu den Großen seiner Zunft zählen, schriebe er doch so „schlicht wie die so beliebten zeitgenössischen Amerikaner“. Während der Vergleich schon für sich und gegen die Behauptung spricht, ignoriert er zugleich, dass es für Böll keine scharfe Trennungslinie zwischen Prosa und Essay gab. Böll hält in seinem Werk der Gesellschaft das entgegen, was sie in ihrem alltäglichen Wortgebrauch unterschlägt. Bereits Theodor W. Adorno zollte ihm dafür seinen Respekt. In seinen „Frankfurter Vorlesungen“ beschreibt Böll, das eigentliche Vorhaben eines Autors sei „die Sprache, in der er schreibt, bewohnbar zu machen“, als „Suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land“.

Die Schriften und Reden über Literatur, Politik und Zeitgeschichte waren für Böll ein integraler Bestandteil seines literarischen Schaffens. Daher werden sie in der Kölner Ausgabe seiner Werke in chronologischer Folge geführt. Seit 2011 liegt in seinem Verlag Kiepenheuer & Witsch eine kommentierte Auswahl der „einschlägigen“ Texte vor: Vom „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“ über „Gibt es die deutsche Story?“, „Ich gehöre keiner Gruppe an“ und den „Frankfurter Vorlesungen“ bis zu „So viel Liebe auf einmal. Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?“. In ihnen äußerte sich Böll zu dem, was ihn gerade bewegte, und er sagte in den Texten das, was andere nicht zu sagen wagten. Bölls Selbstverständnis nach bilden die Essays, Kritiken und Reden keine von seiner literarischen Produktion separate Sphäre: „wenn sie schön ärgerlich sind, ist es gerade das Literarische an ihnen, sagen wir meinetwegen das Poetische daran, das Gefährliche …“

Die oft als „östliche Zwillingsschwester“ von Heinrich Böll genannte Christa Wolf fand am Ende ihrer Festrede auf der Matinee zum 80. Geburtstag Bölls im Jahr 1997 in Berlin die eindrucksvollen Worte:

Karoline von Günderrode, aus dem Rheinland gebürtig wie Heinrich Böll, hat gesagt: ‚Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.‘ Das ist nun bald zweihundert Jahre her. Der Atem der Hoffnung zieht, manchmal beinahe erstickt, durch die Jahrhunderte. Nicht eine bläßliche, schwächliche, tatenarme Hoffnung meine ich. Ich meine jene unersättliche, ununterdrückbare, brüllende Hoffnung, von der Böll schreibt: ‚Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier.‘ Sie habe ich in Heinrich Bölls Lebensfreude, die sein ganzes Werk trägt, in seinem Humor, seiner Menschenliebe und in seiner Unerbittlichkeit gespürt.

Literaturhinweis:

Heinrich Böll: Widerstand ist ein Freiheitsrecht. Schriften und Reden zu Literatur, Politik und Zeitgeschichte.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.
992 Seiten, 29,99 EUR. ISBN-13: 9783462043716

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