Ein Hydratopyranthropos

Bertolt Brecht

Die große Brecht-Biographie von Stephen Parker in deutscher Übersetzung

Er ist ein Klassiker der Weltliteratur und der einflussreichste Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts: Bertolt Brecht. Stephen Parker hat mit seiner tausendseitigen Biografie, die nun auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, ein Buch vorgelegt, das bereits als „endgültige Darstellung“ apostrophiert wurde. Kaum ein anderer Dichter beherrschte je die Kunst der Rede und Gegenrede, des Widerspruchs so wie Brecht. Er forderte sie sogar stets heraus. Ein erst posthum veröffentlichter „Psalm“, mit dem er vielleicht seine künftigen Interpreten warnen wollte, beginnt mit der Frage: „Was erwartet man noch von mir?“ Ihr folgt die Zeile: „Wer immer es ist, den ihr sucht: Ich bin es nicht.“

Seit den Veröffentlichungen des Brecht-Forschers Jan Knopf und des Augsburger Brechtfestivals, das seit 2010 ein internationaler Treffpunkt für die Künstler und Experten geworden ist, die sich mit seinem Leben, seiner Ästhetik und seinem Werk befassen, ist nicht nur in Deutschland von einem „neuen Brecht“ die Rede. Für Parker war es wichtig, Leben und Werk des Autors neu zu untersuchen; ihn störte vor allem, dass der Autor primär als politischer Ideengeber interpretiert wurde und dass nicht untersucht worden sei, was ihn als Künstler ausmache. Dazu komme seine Krankengeschichte, die in der Forschung nicht berücksichtigt worden sei – seine „chronische Herzinsuffizienz“ sei Ursache seiner bislang unterschätzten hohen Sensibilität und ohne sie sein Werk nicht zu verstehen.

Die Biografie besticht durch ihre detaillierte literarische und medizinische Geschichte des fragilen Künstlers. Der Autor folgt den schon früh ausbrechenden Leiden des 1898 in Augsburg als Sohn eines Papierfabrikdirektors („Papyrus“) geborenen Dichters und untersucht den Zusammenhang von Krankheit und Schreiben. Der Dichter verwob seine Herkunft mit dem mütterlichen Schwarzwald:

Ich Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern,
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
Als ich in ihrem Leibe lag. Und die Kälte der Wälder
Wird in mir bis zu meinem Absterben sein.

In seiner Tour dʼHorizon Verhaltenslehren der Kälte – Lebensversuche zwischen den Kriegen vergegenwärtigt der Germanist Helmut Lethen einen maskulinen Narzissmus, „Denkfiguren der Kälte“, eine ganze Generation, die traumatisiert aus dem Weltkrieg kam und sich Panzerungen und Masken anlegte, wie Brecht seine berüchtigte Lederjacke. In einem Brief an seinen Sohn Stefan stellte er später einmal die zentrale Frage: „Wie konnte man unempfindlich werden?“ Im Lichte dieses Briefs erforscht Parker ein zugleich verletzliches wie auch ein sich gegen diese Verletzlichkeit auflehnendes Empfindungsvermögen des Künstlers. Dieser habe früh die Erfahrung gemacht, dass man sich schützen muss, so sein Biograf, er sei sehr sensibel und kränklich gewesen und musste sich eine dicke Haut zulegen. Als junger Mann bezeichnet er sich selber als „melancholerisch“, um 1916 erfand er sich neu; der im Krieg verwundete Caspar Neher, mit dem er seit seiner Schulzeit befreundet war und lebenslang zusammenarbeiten sollte, nahm dabei eine wichtige Rolle ein. Brecht war ein Mensch und Künstler der Extreme, so sein Jugendfreund, der ihn als „Hydratopyranthropos“, als „Wasser-Feuer-Mann“ bezeichnete.

Aus diesem Taumel zwischen Morbidität und seinem Drang nach ungeheurer Vitalität erwuchs, so vermutet Parker, seine Leidenschaft für Frauen, die er verehrte, aber auch ausbeutete. Er gewann sie als für ihn wichtige und loyal ergebene Mitarbeiterinnen. Das in den Biografien gern reproduzierte Gruppenbild „Frauen mit Brecht“ wird von ihm wohltuend nüchtern wiedergegeben; er schildert die zum Teil misslichen Konstellationen und Verwicklungen distanziert und enthält sich weitgehend jeder Wertung.

Brecht sah sich als ein Naturkind, das in den Dschungel der Großstädte des 20. Jahrhunderts verschlagen wurde. Die kontroverse Baal-Figur seines Erstlingswerkes steht sinnbildlich für seinen persönlichen Weg. Die Geschichte eines Lebens zu erzählen sei ein von Brecht präferiertes Verfahren dramatischer Erkundung, so der britische Germanist, der dieses Vorgehen als Vorbild für seine Biografie nimmt: Ziel der Arbeit ist ein neues Verständnis von Leben und Werk.

Der erste Teil dieser Studie, „Lyrisches Erwachen“, fokussiert sich auf die Sensibilität des jungen Brecht vor der Katastrophe des Kriegsausbruches im August 1914. Es entsteht das Bild eines kränklichen und überempfindlichen Kindes, allein beschäftigt mit seinen Leiden und der Poesie. In dieser frühen Zeit entstanden bereits „Lieder und Gedichte von magnetischer Anziehungskraft“. Der zweite Teil, „Ein Bilderstürmer auf der Bühne“, erklärt, wie der Lyriker und Dramatiker Frank Wedekind zu seinem Vorbild wurde, dem er nacheiferte. Sinnbildliche Schöpfung dieser Zeit ist der Hedonist „Baal“; das gleichnamige Stück entstand 1918.

Vor 100 Jahren erschien die Urfassung von Ernst Blochs „Geist der Utopie

Im selben Jahr erschien Ernst Blochs Geist der Utopie, ein Werk, das auch von Brecht wahrgenommen wurde. Bloch, der ihn zum ersten Mal 1921 in Berlin traf, behauptete, in einer Erzählung des Schriftstellers die Sprache der Phänomenologie Georg Wilhelm Friedrich Hegels zu erkennen. In München begann Bloch 1905 Philosophie zu studieren, wobei er sich besonders der Lektüre Hegels widmete: „Die Phänomenologie des Geistes, die habe ich erotisch gelesen. Wie ich damals noch geschrieben habe: ‚Die geistliche Nachtigall singt darin‘. In diesem Park und in der Wildnis. Und habe sie in dieser Weise verstanden, wie ich sie nie mehr verstanden habe.“ Schon als junger Philosoph interessierte er sich für das „Utopische“ und das „Noch-nicht“. Das „Mögliche“, das, was noch nicht ist, wird zum Fixpunkt seines Theoretisierens: „Ich versuchte schon in meinem ersten Buch, das ‚Geist der Utopie‘ heißt, diese Kategorie des Utopischen nicht aufzubessern, sondern zu substantiieren.“ Das Buch findet große Aufmerksamkeit bei Blochs Freunden. Das für sein Denken Entscheidende findet Bloch bei Brecht. In einem Gespräch mit Adorno, das 1964 geführt wurde, betonte Bloch:

„Etwas fehlt“ was das ist, weiß man nicht – steht in „Mahagonny“ – einer der tiefsten Sätze von Brecht, in zwei Worten. Was ist das „Etwas“? Es darf nicht ausgepinselt werden, dann stelle ich es als seiend dar, es darf aber auch nicht so eliminiert werden, als ob das nicht wirklich, im praktischen Sinn, das wäre, dass man sagen könnte: es geht um die Wurst.

Als 1922 das Jugendwerk Baal zur Uraufführung kam, erregte das Stück Abscheu und Bewunderung. Der Dramatiker begann in den 1920er Jahren mit der Entwicklung des „epischen Theaters“; seine Denk- und Verhaltensmuster entsprechen dem des „Intellektuellen“. Mit dem kopflastigen Revolutionär Keuner erzeugte er die Figur eines Denkers, der er selbst hätte sein können. In dieser Zeit begann die Zusammenarbeit mit Lion Feuchtwanger. 1923 lernte er seine zweite Ehefrau Helene Weigel kennen, mit er sich, wie sie es ausdrückte, kurze Zeit später „zusammenschmiss“ und lebenslang zusammenarbeitete.

Im dritten Teil, „Ein marxistischer Ketzer“, der die Jahre zwischen 1928 und 1938 beleuchtet, wird dargelegt, wie Brecht sich gegen Ende der 1920er Jahre im Kampf gegen den aufsteigenden Faschismus dem Marxismus-Leninismus zuwandte, sein früher biophysikalischer Materialismus (Baal) weiterhin eine potente Kraft blieb und Einzug in seine lyrischen und dramatischen Maximen fand. In dieser Zeit, in der er aus Nazi-Deutschland flüchtete und die Auseinandersetzung mit dem reaktionären Stalinismus begann, entstanden Werke wie Die Dreigroschenoper, Furcht und Elend des Dritten Reiches und Das Leben des Galilei. In dieser Periode entwickelte sich auch die langjährige Freundschaft mit Walter Benjamin, die bis zu dessen Tod anhielt. Brecht erfuhr bei seiner Ankunft in Santa Monica von Benjamins Selbstmord am 27. September 1940 in dem kleinen spanischen Grenzort Port Bou. Nach einer Äußerung Hannah Arendts reagierte er auf die Nachricht mit den Worten, dies sei „der erste wirkliche Verlust, den Hitler der deutschen Literatur zugefügt habe“. Über Benjamins Tod schrieb er vier Gedichte, eines davon, Zum Freitod des Flüchtlings W.B., lautet:

Ich höre, daß du die Hand gegen dich erhoben hast
Dem Schlächter zuvorkommend.
Acht Jahre verbannt, den Aufstieg des Feindes beobachtend
Zuletzt an eine unüberschreitbare Grenze getrieben
Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten.

Reiche stürzen. Die Bandenführer
Schreiten daher wie Staatsmänner. Die Völker
Sieht man nicht mehr unter den Rüstungen.

So liegt die Zukunft in Finsternis, und die guten Kräfte
Sind schwach. All das sahst du
Als du den quälbaren Leib zerstörtest.

 

„Kleinlaut, aber am Leben“, Teil vier der Biografie Parkers, erzählt vom Überleben in Zeiten der Reaktion und des Weltkriegs, von den Jahren zwischen 1938 bis zum Ende des Krieges 1945. Brecht war gezwungen, vor der faschistischen Expansion Zuflucht in den USA zu suchen; auf ihn warteten magere Jahre hinsichtlich seiner Kunst. Nach der Niederschlagung Nazi-Deutschlands kehrte er in ein zerstörtes Europa zurück, im Gepäck eine Vielzahl von im Exil entstandenen Werken, die sowohl vor dem Faschismus warnten als auch ein Zeitalter neuer humanen Werte einläuten sollten. Sein neues Theater in Ost-Berlin schuf hierzu eine Möglichkeit. Es wurde zum Ort folgenschwerer Auseinandersetzungen, die ein von seiner Krankheit Gezeichneter inmitten des geteilten Deutschlands führen musste. Von ihnen erzählt Parker im letzten Teil seines Buches. Im Aufstand des 17. Juni 1953 kulminierten jene Auseinandersetzungen, aus denen Brecht nach Ansicht des Biografen als Sieger hervorging. Es war ihm vergönnt, „sein Lebenswerk als das Theater der Zukunft verkündet zu sehen“. Brecht starb am 14. August 1956 in Ost-Berlin. Laut seiner Tochter Barbara waren seine letzten Worte: „Laßt mich in Ruhe!“ Auch heute ist er einer der weltweit am häufigsten aufgeführten Dramatiker.

Copyright: Dieter Kaltwasser

In einem der letzten Gedichte von Bertolt Brecht heisst es:

 

ALS ICH IN WEISSEM KRANKENZIMMER DER CHARITÉ

Aufwachte gegen Morgen zu

Und eine Amsel hörte, wußte ich

Es besser. Schon seit geraumer Zeit

Hatte ich keine Todesfurcht mehr, da ja nichts

Mir je fehlen kann, vorausgesetzt .

Ich selber fehle. Jetzt

Gelang es mir, mich zu freuen

Alles Amselgesanges nach mir auch.

Aus Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Suhrkamp Verlag, Bd, XV Gedichte, Seite 300.

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Im Juli

P1140752

Im Juli
wird es mir zu viel
steig ich aus
mach mich still davon
auf hitzemüden Pfaden
wegwartengesäumt.

Im Juli
spiel ich nicht mehr mit
einmal mehr
begrab ich März-April-Mai-Juni-Träume
unter verblühten Linden
im Hochsommerstaub.

Im Juli
vergieß ich Tränen
um verstummenden Vogelgesang
sehn mich nach Schmetterlingsflug
trete ihn nicht an
mag den Preis nicht bezahlen.

Im Juli
bin ich nicht zuhaus
trauere um Nichtgewesenes
verlange trotzig meinen Frühling zurück
nehme der Sonnenblume ihr Lachen krumm
und spinne Herbstgedanken.

© Bettina Johl

 

 

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„Was bleibet aber, stiften die Dichter“

Hoelderlin_1792

Zum 175. Todestag von Friedrich Hölderlin

Es ist wieder einmal still geworden um Friedrich Hölderlin, auch wenn in zwei Jahren sein 250. Geburtstag gefeiert wird. Ein pompöses Gedenkjahr wird es wohl nicht werden, wie es in diesem Jahr einem anderen großen Denker des 19. Jahrhunderts gewährt ist. Es ist keine Paradoxie zu behaupten, von seinem Werk sei zwar einiges ins kulturelle Gedächtnis übergegangen, seine exzentrische Lebensbahn hingegen völlig ins Vergessen geraten. Dabei gilt Hölderlin als eine einzigartige Gestalt unter den Dichtern und Philosophen, er, der am 20. März 1770 im kleinen schwäbischen Lauffen am Neckar bei Heilbronn geboren wurde; ein Landstrich, den sein Freund Schelling als Land der „Pfaffen und Schreiber“ verspottete. Sein Vater war dort Klosterhofmeister eines früheren Nonnenklosters, seine Mutter eine Pfarrerstochter aus dem nahegelegenen Frauenzimmern. Ist Hölderlin seinen Schwaben und wohl auch den Deutschen insgesamt wieder einmal abhandengekommen. Und woher rührt dieses Vergessen? Sind es wirklich die Weimarer Klassiker, zuerst vor allem Goethe und dann leider auch Schiller, die ihn abgewiesen und so zumindest für das ganze 19. Jahrhundert unlesbar gemacht haben?

In Lauffen jedenfalls scheint man diesen Eindruck bereits am Ortseingang zu erwecken. Dort steht ein Kunstwerk namens „Hölderlin im Kreisverkehr“, geschaffen hat es der Bildhauer Peter Lenk und im Juni 2003 ist es dort errichtet worden. Hölderlin ist nicht allein Objekt des Kunstwerks, sondern wird in Beziehung zu anderen historischen Figuren gesetzt, die stellvertretend sein sollen für die Einflüsse und Wirkungen auf den Dichter. Die Grundkonstruktion des Kunstwerks ist ein geschwungenes „H“, den Mittelpunkt bildet eine waagerecht liegende Schreibfeder, auf der an beiden Enden jeweils eine Figur sitzt, ein kleines Kind und der etwa 30-jährige Friedrich Hölderlin. Um diese sollen sich mit Hilfe der anderen Figuren Aspekte zu Leben und Werk des Dichters erschließen. Man sollte meinen, bei einem Hölderlin-Kunstwerk stehe dieser selbst im Mittelpunkt, doch mit der Doppelfigur Goethe und Schiller hat der Künstler andere ins Zentrum geschoben. Schiller hält dem etwa 2jährigen Knaben einen Lorbeerkranz entgegen, ein kolossaler und fettleibiger Goethe senkt in Richtung des den anderen Figuren den Rücken zukehrenden, abwesend und völlig in sich versunken wirkenden Hölderlin den Daumen nach unten. Zwei weitere Figuren des Lauffener Kunstwerks zeigen die nackte Diotima, die große und unerfüllte Liebe Hölderlins, im wirklichen Leben trug sie den Namen Susette Gontard, und einen Rad fahrenden Friedrich Nietzsche, der Hölderlin den Thyrsosstab entgegenhält, auf Dionysos und seinen Kult hinweisend. Nietzsche, so wissen wir, hat Hölderlin als Dichter zu einer Zeit verehrt, als andere ihn völlig vergessen hatten. An der Spitze des Kunstwerks steht Herzog Carl Eugen auf einem sterbenden Hirsch, der das Württemberger Volk symbolisieren soll, in der Pose des absoluten Herrschers. Lenk hat mit seinem Kunstwerk einen Bezugsrahmen zu Hölderlins Leben und Dichten geschaffen, der wesentliche Lebensthemen integriert: Tyrannei, Revolution, Liebe, Abweisung und Wahnsinn.

Doch ist es tatsächlich Goethe, dem die Hauptverantwortung für das lang anhaltende Vergessen und Verkennen Hölderlins angelastet werden kann? Tatsache ist, dass der Geheime Rath für das Werk Hölderlins keine Sympathien trug, aber auch, dass Gedichte Hölderlins in den von Schiller herausgegebenen Literaturzeitschriften erschienen sind. Goethe jedenfalls hat nichts hintertrieben, er hat sich einfach nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial und ignorant angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Dies zeugte nicht unbedingt von ausgeprägtem Gespür für literarischen Nachwuchs, auch bei Kleist verhielt er sich ähnlich. Goethe konnte mit dem exzentrischen jungen Mann nichts anfangen, er, der sich stets „zu fassen wusste“ und darauf aus war, aus seinem Leben ein Kunstwerk zu formen. Michel Foucault hat 1962 in einem Essay darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht der bereits „vergöttlichte“ Goethe war, der dem schweigenden Hölderlin mit Unverständnis begegnete und in dem jungen Dichter das Gefühl der Ablehnung durch die „Klassiker“ bewirkte, sondern dass Hölderlin vor allem daran litt, von der „Vaterfigur“ Schiller nicht gefördert zu werden. Foucault spricht davon, dass Schiller die „leere Stelle des Vaters besetzt“. Hölderlin hatte sich viel versprochen von Jena, in direkter Nähe zu Weimar, dem damaligen kulturellen Mittelpunkt in Deutschland. Er lebte und arbeitete dort für kurze Zeit als Hauslehrer der Kinder von Charlotte von Kalb. Doch auch in Jena erfüllte sein Wunsch sich nicht, durch Freundschaft und Bekanntschaft mit den Berühmten „in Ruhe und Eingezogenheit einmal zu leben, und Bücher schreiben zu können, ohne dabei zu hungern“, wie es in einem Brief an seine Schwester heißt. Er verließ Jena und Weimar mit den Worten:“ Sie können mich hier nicht gebrauchen.“ Und so sollte es bleiben.

Nach bürgerlichen Maßstäben muss Hölderlins Existenz zu dieser Zeit um 1795 bereits als gescheitert ansehen werden. Dabei hatte es groß angefangen mit ihm. Seine Freunde im Tübinger Stift waren Hegel und Schelling, mit denen er eine Zeit lang sogar das Zimmer und vor allem die Begeisterung für die Ideale der Französischen Revolution teilte. Hölderlin ist der eigentliche geistige Urheber des „Ältesten Systemprogramms des deutschen Idealismus“, wie es der große Hegelforscher und Kenner des deutschen Idealismus Dieter Henrich in eindrucksvollen Studien dargestellt hat. Hegel und Schelling suchten während der Tübinger Zeit und auch später noch wiederholt Hölderlins Rat. Als gesichert gilt, dass Hölderlin mit seinem Freund Sinclair große Teile des „Systemprogramms“ schrieb, wobei wohl die erste schriftliche Form Sinclair zu verdanken ist, der weitaus „systematischer“ dachte als sein Freund. Dieser ging seinen eigenen, poetischen Weg: Dichtung war ihm Anfang und Ende der Philosophie. Und so ging er diesen einsamen Pfad bis zum Ende, kompromisslos, konsequent, verkannt: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

In Armut und äußerer Abhängigkeit lebend, immer wieder neue Hofmeisterstellen antretend, dann das ihm zum Schicksal werdende Zusammentreffen mit Susette Gontard in Frankfurt im Jahre 1796, der Frau eines reichen Bankiers. Hölderlin sollte den Sohn erziehen. Das Wohnhaus lag am Großen Hirschgraben, ausgerechnet neben Goethes Geburtshaus. Er verliebte sich in die schöne Frankfurter Patrizierin und sie erwiderte seine Liebe. Sie wurde zur Schlüsselfigur seines Lebens und seiner Dichtung. Es kam zu Auseinandersetzungen und wohl auch Demütigungen, die Hölderlin von Susettes Ehemann ertragen musste; das Resultat jedenfalls war, dass Hölderlin das Gontardsche Haus 1798 verließ. In seinem Gedicht „Lebenslauf“ heißt es: „Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog / Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger; / So durchlauf ich des Lebens / Bogen und kehre, woher ich kam.“ Nach der Trennung schrieben sie sich Briefe, trafen sich nur noch heimlich wenige Male. Hölderlin veröffentlichte seinen Roman „Hyperion“. Diotima lässt er im Roman sterben, Susette Gontard stirbt am 22. Juli 1802 in Frankfurt.

Als Hölderlin die Nachricht von ihrem Tode erfuhr, kam er gerade von Bordeaux in einem zerrütteten Zustand ins Württembergische zurück. Danach war er für die Welt verloren. Er schrieb weiterhin vollendete Gedichte, bis er 1806 auf Veranlassung seines Freundes Isaac von Sinclair von Homburg nach Tübingen in das dortige Universitätsklinikum verbracht, als „unheilbar wahnsinnig“ diagnostiziert und interniert wurde. Am Abend des 11. September 1806 schrieb die Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg:: „Man hat heute früh den armen Holterling [sic!] abtransportiert, um ihn seinen Eltern zu übergeben. Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen.“

1807 hat der in Tübingen lebende Schreiner Ernst Zimmer, ein Bewunderer des „Hyperion“, den Dichter aus dem in der Nähe liegenden Universitätsklinikum zu sich geholt und im Kreise seiner Familie aufgenommen. Zimmer hatte den „Hyperion“ gelesen, der ihm „ungemein wohl gefiel“. Ihm tat es leid, dass ein so „schöner herrlicher Geist zu Grund gehen soll“. Doch war Hölderlin wirklich krank oder war es in Teilen bloß Maskenspiel? Vor allem der französische Germanist Pierre Bertaux hat vor Jahrzehnten nach über fünfzigjähriger Beschäftigung mit Hölderlin eine „Revision“ des Falles eingefordert. Er kommt in seiner umfassenden Studie zu dem Schluss: Hölderlin war nicht geisteskrank, er war anders als die Norm, aber dieses Anderssein kann nicht als pathologisch bezeichnet werden. Hölderlin lebte in Zimmers Turmzimmer sechsunddreißig lange Jahre, die Hälfte seines Lebens. Er hat Besucher empfangen, sie mit äußerster Höflichkeit behandelt und als „Hochgeboren“, „Exzellenz“ oder „Eure königliche Majestät“ angesprochen. Wurde er mit seinem Namen angesprochen, widersprach er und sagte: „Diesen Namen trage ich nicht mehr” oder „Ich, mein werter Herr, bin nicht mehr von demselben Namen.“ Er nannte sich „Scardanelli“, „Buonarotti“, gab sich exotisch klingende Namen wie „Killalusimeno“, schrieb Gedichte auf Wunsch sofort nieder, skandierte dazu mit der linken Hand, datierte sie lange vor seiner Geburt oder nach seinem Tode. Er war aus der Zeit herausgefallen. Noch heute rätselt man darüber, ob die Gedichte schon lange in seinem Kopf existierten und er Besucher nur als willkommenen Anlass nutzte, sie niederzuschreiben. Er phantasierte tagsüber stundenlang an einem Spinett und führte unablässig Selbstgespräche. Zuweilen wanderte er mit Wilhelm Waiblinger, damaliger Student in Tübingen, auf den Österberg ins Presselsche Gartenhaus, worüber Hermann Hesse eine kunstvolle kleine Erzählung verfasst hat. Waiblinger trieb ein überaus starkes biographisches Interesse an Hölderlin, er schrieb nicht nur die erste Biographie, sondern auch einen Roman über ihn, und die Grenzen des Biographischen und des Fiktiven verschwimmen leider nur allzu oft. Seine zwar lebendige, aber sehr einseitige Darstellung des Dichters wurde später unkritisch übernommen.

Im zwanzigsten Jahrhundert, nach unrühmlichen und widerwärtigen Adaptionen während des Ersten Weltkriegs und durch den Nationalsozialismus, nach Heideggers ambitioniertem Versuch, in Hölderlins Dichtung Spuren oder Ansätze eines „andersanfänglichen Denkens“ zu finden und ihn so für sein eigenes „Denken“ nach der sogenannten „Kehre“ zu vereinnahmen,  wurde der so Verkannte schließlich als ein Wegbereiter der Moderne wahrgenommen. Peter Weiss notierte zu seinem „Hölderlin“-Stück: „Hölderlins psychologische Reaktionen sprechen von den gleichen Gefahren, die auch uns bedrohen. Er gibt ein extremes Beispiel dafür, wie der Druck der Außenwelt einen solchen Grad von Unerträglichkeit annehmen kann, dass nur noch die Flucht in die innere Verborgenheit übrigbleibt.“ In der Schlussstrophe aus „Hyperions Schicksalslied“ wird diese Erfahrung benannt. Kein anderer Dichter deutscher Sprache hat sie klarer und vollkommener in Verse zu fassen gewusst: “Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ruhn, / Es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen / Blindlings von einer / Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen, / Jahr lang ins Ungewisse hinab.“ Am 7. Juni 1843 ist Friedrich Hölderlin mit 73 Jahren in Tübingen gestorben.

Dieter Kaltwasser

 

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Fichte und Hölderlin – Aus dem Roman „Holunderblüten“ von Bettina Johl

Neu überarbeitete Leseprobe im Zuge einer weiteren Überarbeitung des Romans „Holunderblüten“ im Hinblick auf das in Kürze bevorstehende Hölderlin-Jubiläumsjahr 2020.

LiteraturFreundIn

Hoelderlin_1792Fichte

Zum Gedenken an Johann Gottlieb Fichte ( *19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda;  † 29. Januar 1814 in Berlin)

Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus dem Nichts.

Friedrich Hölderlin

(Aus: Das Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus)

*

Der Dichter selbst als Philosoph? Als ein solcher sah er sich zweifellos. Er bestand darauf, als Dichter notwendigerweise Philosoph sein zu müssen – und umgekehrt. Die Bereiche Dichtung und Philosophie sah er als untrennbar an und widmete sich zeitlebens der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte: Beide einer neuen Einheit zuzuführen.

Ihr lest: Die Idee der Schönheit, die sich in der Kunst ausdrückt, sei die Idee, die alle anderen Ideen vereinige, und ein Philosoph müsse gerade so…

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Biographie eines Obdachlosen

Richard Brox: Kein Dach über dem Leben. Seit 30 Jahren ist Richard Brox obdachlos, lebt auf der Strasse. Mit seinem Ko-Autor Dirk Kästel hat er seine Biographie geschrieben. Günter Wallraff hat dazu ein Vorwort verfasst. Anfang des Jahres erschienen, ist sie zu einem Bestseller geworden. Wallraff hatte Brox in Unkel eine Wohnung besorgt, die dieser jedoch wieder aufgegeben hat. Er hilft schwerkranken und sterbenden Obdachlosen, von den Erlösen seines Buches möchte er ein Hospiz für Obdachlose einrichten. Brox ist 1964 in Mannheim geboren, seine Jugend verbrachte er zum Teil in Heimen. Nach dem Tod seiner Mutter verlor er die gemeinsame Wohnung. Seitdem befindet er sich auf seiner Wanderung durch Not und Armut. Wallraff: „Wieviel Kraft hat dieser Mann aufwenden müssen, wie viele Abgründe erneut durchleben müssen, um diese ergreifende Biografie zustande zu bringen!

DK

(Rowohlt, 272 S., 9,99 Euro)

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„Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“ – Über Karl Foerster

Zum 8. Todestag von Marianne Foerster

LiteraturFreundIn

Karl Foerster

Im Frühjahr 2009, ein Jahr vor ihrem Tode, lernte ich in Potsdam-Bornim Marianne Foerster kennen, die Tochter des berühmten Staudenzüchters, Gartengestalters und Autors Karl Foerster. In seinem legendären Senkgarten, direkt neben der von ihm erbauten Villa, wurden damals, im Darwin- und Humboldt-Jahr, Dreharbeiten für eine Gartensendung durchgeführt, und ich unterhielt mich mit der Moderatorin der Sendung über Literatur rund um Natur und Gartengeschichte. Unter anderem stellte ich zwei Bücher über Alexander von Humboldt vor: Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und „Alexander von Humboldt. Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazzo zu ersteigen“, herausgegeben von Oliver Lubrich und Ottmar Ette.

In beiden Büchern ist von der damals gescheiterten Gipfelbesteigung die Rede, Humboldt selber hat das Scheitern in seinen Veröffentlichungen verschwiegen. Marianne Foerster hörte meinen Ausführungen zu, kam nach der Aufzeichnung der Sendung zu mir und sagte: „Sie haben von Humboldts Barometer gesprochen, das er damals zur Höhenmessung nutzte. Humboldt hat…

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Frohe Ostern und schöne Frühlingstage!

LiteraturFreundIn

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Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer kornigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die…

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