Wem gehört Anne Frank? Oder: Was kann und darf Erinnerung?

Von Bettina Johl

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Wirbel um Anne Franks Tagebuch: In Frankreich hatten zu Beginn des Jahres die grüne Abgeordnete Isabelle Attard und der Informationswissenschaftler Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes das niederländische Original erstmals für alle frei zugänglich ins Internet gestellt. Ihr Argument: Mit dem Ablauf des Jahres 2015, Annes 70. Todesjahr, sei die Urheberrechts-Schutzfrist des Textes verstrichen und es gelte nun, den „Kampf seiner Befreiung zu führen“. Ganz anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel als Inhaber der Urheberrechte. Dessen Argument lautet, bei Franks Tagebüchern handle es sich um ein posthum veröffentlichtes Werk, das 1986 erstmals ungekürzt aufgelegt wurde und für das sich daraus ab diesem Zeitpunkt eine Schutzfrist von 50 Jahren ableiten ließe. Die rechtliche Auseinandersetzung darüber wird andauern.

Aufregung ganz anderer Art löste vor drei Jahren ein Eintrag im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam aus. Der zu dieser Zeit noch nicht 20-jährige kanadische Popsänger Justin Bieber hatte sich nach einem Besuch – wie das Haus berichtete –  „beeindruckt“ gezeigt, sich mit den Worten „Anne war ein tolles Mädchen“ verewigt und im Weiteren geschrieben, er hoffe, sie wäre auch ein Fan – er verwendete das unter solchen gebräuchliche Kunstwort „belieber“ – von ihm gewesen. Die darauf folgende Woge der Belustigung und Empörung, die in Presse und sozialen Netzwerken hochschlug, schien zu dem flapsigen und sicher nicht eben geistreichen Spruch des Teenie-Stars kaum im Verhältnis zu stehen. Anders als zu früheren, weniger vernetzten Zeiten erreichte und beschäftigte er weite Personenkreise, auch solche, die dem „Belieber“-Alter entwachsen sein dürften. Das wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf. Geht es hier noch um das heranwachsende jüdische Mädchen Anne, das mit seiner und einer weiteren Familie fast zwei Jahre in Amsterdam im Versteck lebte? Das sich dort mit außergewöhnlichem Talent unter extremen Bedingungen dem Schreiben widmete, wobei unter anderem ein beeindruckendes Tagebuch entstand, von dem seine Autorin nicht wissen konnte, dass dieses später um die Welt gehen würde? Ein „tolles Mädchen“ – eine tolle Geschichte? Gewiss, so hätte es sich im Rückblick wohl sagen lassen. Wenn Anne unversehrt überlebt und womöglich als heute 87-jährige Schriftstellerin ihren Enkelkindern davon hätte berichten können. Wir wissen, dass es anders kam.

Wie unzählige andere ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wurde Anne Frank letztlich verraten, verschleppt, gedemütigt, gequält und schließlich ermordet. Nach kurzem Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden wurde Anne mit ihrer Familie nach Auschwitz in Polen deportiert. Sie entging den Gaskammern, weil sie jung war und damit noch für Zwangsarbeit in Betracht kam. Sie wurde mit ihrer Schwester Margot zurückgeschickt, westwärts, nach Bergen-Belsen. Ihre Mutter starb in Auschwitz-Birkenau. Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide war kein Vernichtungslager – wenigstens das nicht –, dort herrschten ‚nur‘ Überfüllung, die übliche Brutalität, Hunger, unsägliche hygienische Bedingungen und infolge dessen Krankheit und Seuchen. Anne starb dort infolge von Entkräftung an Fleckfieber, wenige Tage nach ihrer Schwester Margot. Über ihr genaues Todesdatum herrscht bis heute Unklarheit; inzwischen wird von März oder gar Februar 1945 ausgegangen, jedenfalls – und das macht es besonders bitter – nur wenige Monate, bevor der unvorstellbar grausame Nazi-Spuk ein Ende fand. Die Leichname der Mädchen landeten in einem Massengrab. Von den ehemals im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Untergetauchten überlebte allein ihr Vater. Otto Frank verdankte dies einzig dem Umstand, dass er sich beim Herannahen der Roten Armee in Auschwitz in der Krankenbarracke befand und so den berüchtigten Todesmärschen knapp entging. Letzte Erschießungen hatten bereits begonnen. Kurz darauf waren jedoch auch die letzten Folterknechte so sehr mit ihrer eigenen Flucht beschäftigt, dass sie schließlich ihr bestialisches Mordhandwerk einstellen mussten.

Anne war es nicht mehr vergönnt, die Befreiung der Konzentrationslager zu erleben. Letzte Zeitzeugen schildern sie als „Skelett“ und „Schatten ihrer selbst“. Sie selbst war überzeugt, alle ihre Angehörigen verloren zu haben. Dass ihr Vater noch lebte, konnte sie nicht wissen. Ob ihr dies, hätte sie es gewusst, noch ausreichend Kraft verliehen hätte, länger durchzuhalten, lässt sich nicht sagen. Irgendwann ist ein Mensch physisch am Ende. Anne wurde keine 16 Jahre alt.

Eben diese bittere Tatsache, dass Anne Frank den beispiellosen Völkermord der Nazis nicht überlebte, und ihr Tagebuch, das erhalten blieb und schon kurze Zeit nach ihrem Tod weltweit zum Symbol für Auflehnung gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit erhoben wurde, hatten sie selbst schließlich zu einer Symbolfigur werden lassen. Zunächst für die Opfer der Shoah. Und schließlich mehr und mehr für alle Opfer von Unterdrückung und Völkermord in der Welt. Mediale Verarbeitungen des Tagebuchs sorgten für weitere Zuschreibungen. Anne stand schließlich für den „Glauben an das Gute im Menschen“, ein etwas aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus ihrem Tagebuch, mit dem das 1955 am New Yorker Broadway uraufgeführte Theaterstück The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett endete. Der originale Tagebucheintrag vom 15. Juli 1944 lautete: „Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Das Mädchen Anne Frank: Eine Ikone. Fortan unantastbar. Tatsächlich? Und für wen gilt das – und für wen nicht?

Biebers Gästebucheintrag mag unglücklich formuliert gewesen sein. Es war weder die erste, noch die letzte Selbstdarstellungsinszenierung, mit der er Unmut erregte – im Verlauf seines fortdauernden Teeniestar-Höhenflugs, mit dem einer, der selbst noch dabei ist, sich aus dem Teeniealter herauszuwursteln, auch erst einmal zurechtkommen muss. Aber: Wäre es denn grundsätzlich verwerflich, mit vielleicht etwas anderen Worten zu fragen: „Wenn wir uns denn – zu einer anderen Zeit – begegnet wären, hättest du meine Musik gemocht? Hätten wir uns womöglich gegenseitig etwas geben können?“ Denn es ist ja im Grunde der Wunsch eines jeden jungen Menschen, der soeben seine Talente entfaltet: gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, fortzuwirken, Spuren zu hinterlassen im Gedächtnis und Wirken anderer. Gar bewundert zu werden. Eine Sehnsucht, die in jungen Jahren – und nicht nur – mit dem Bewundern anderer in Wechselwirkung steht. Anne, die sich übrigens, wie nahezu jeder Teenager, Starfotos aus Zeitschriften an die Wände pinnte, hatte dies selbst mehrfach ausformuliert. Es war ihr eigener großer Wunsch, journalistisch und schriftstellerisch fortzuwirken. Immer wieder werden andererseits auf Ausstellungen verschiedener Anne-Frank-Gedenkstätten oder auch im Schulunterricht, wo Annes Tagebuch didaktisch eingesetzt wird, junge Leute aufgefordert, fiktive Briefe an sie zu schreiben, um ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Auch hier zeigt man sich nicht immer glücklich über die Eigendynamik, die sich mit einem solchen Versuch entwickeln kann, entspricht doch die Art der Identifikation der jungen Menschen nicht immer der vom Bildungsplan angestrebten Richtung. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase haben junge Menschen nun einmal ihre eigenen Gedanken und Anliegen, die ihnen oftmals näher stehen als die pädagogisch gewollten. Sie identifizieren sich mit Anne, fühlen sich ihr nahe – gewiss, aber ihre eigentlichen Themen sind die Heranwachsender in einer Entwicklungsphase, die sie naturgegeben stark beschäftigt: körperliche Veränderungen, Gefühlswirrungen, Rollen- und Identitätsfindung, Abgrenzung von den Eltern, Zukunftspläne, die Suche nach einem eigenen Weg.

Was darf Erinnerung? Oder: Gibt es ‚richtige‘ Formen des Erinnerns und wer legt fest, welche das sind? Die anhaltende Aufregung um Anne Frank zeigt es. Sie dokumentiert das Ringen um die ‚richtige‘ Form der Erinnerung, um die ,richtige‘ Verwendung von Geld für die ,richtigen‘ Zwecke, und immer wieder um Urheber- und Deutungsrechte. Im Jahr 2014 scheiterte ein vom ZDF geplantes Filmprojekt, das der Sender schließlich auf Betreiben des Anne Frank Fonds in Basel einstellen musste. Bei dieser von Otto Frank 1963 gegründeten Stiftung – nicht zu verwechseln mit der sechs Jahre älteren, 1957 ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Anne-Frank-Stiftung, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdem als Gedenk- und Begegnungsstätte unterhält – handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Einnahmen aus dem Erlös von Urheberrechten gezielt Projekten der Bildung, der Aufklärung und des Gedenkens zugute kommen zu lassen. Des Weiteren macht sie sich weltweit für Kinderrechte stark. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sie sich gegen eine Kommerzialisierung des Namens Anne Frank durch Dritte. Um ein vom Fonds unterstütztes Projekt handelt es sich hingegen bei der deutschen Literaturverfilmung Das Tagebuch der Anne Frank unter der Regie von Hans Steinbichler, die Anfang des Jahres in deutschen Kinos anlief. Diese stammt, ebenso wie das ein Jahr zuvor von der ARD ausgestrahlte, sehr sehenswerte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank unter Regie von Raymond Ley, aus der Produktion von Walid Nakschbandi, der sich als aus Afghanistan eingewanderter Vierzehnjähriger erstmals mit Anne Franks Tagebuch beschäftigt hatte. Dessen Firma, inzwischen Inhaberin der exklusiven Filmrechte, gehört wiederum wie der S. Fischer Verlag, in dem seither alle Anne Frank-Bücher, einschließlich der 2013 aufgelegten Gesamtausgabe, erschienen sind, zur Holtzbrink Verlagsgruppe. Steht dahinter der Wunsch, möglichst ,alles unter einem Dach‘ haben zu wollen? Auf jeden Fall wurde großer Wert auf eine authentische ,Film-Anne‘ gelegt. In beiden Inszenierungen überzeugen mit Mala Emde und Lea van Acken sorgfältig ausgewählte, starke Hauptdarstellerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Berufsschauspielerinnen waren.

Der Schweizer Fonds und die Niederländische Stiftung wiederum haben sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit eher unbemerkt – stark auseinandergelebt. Das mag auch damit einhergehen, dass die meisten der Menschen, die Anne noch persönlich gekannt hatten, inzwischen nicht mehr am Leben sind. Nach Otto Frank im Jahr 1980 verstarb 2010 in den Niederlanden 100-jährig Miep Gies, die berühmte Helferin im Versteck und Bewahrerin der Tagebücher. Mit ihr verließ uns eine überaus wichtige Zeitzeugin, die noch in hohem Alter die Ereignisse aus ihrer Sicht in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank veröffentlichte. Dieses liest sich – auch für Menschen, die überzeugt sind, die ganze Geschichte bereits in- und auswendig zu kennen – packender als jeder Thriller, umso mehr, als in ihm die immer drückendere Atmosphäre, die das Geschehen begleitet, sehr intensiv zu spüren ist und lange nachwirkt. Im März 2015 schließlich verstarb der Schweizer Schauspieler Buddy Elias, jener Cousin Anne Franks, der in ihr einst die Begeisterung für das Eislaufen geweckt hatte. Eine neue Generation steht nun hier wie dort vor der Aufgabe, sich mit dem Erbe Anne Franks und dessen ‚richtiger‘ Verwendung zu beschäftigen. Nicht einfacher wird dies durch den Umstand, dass alle Tagebücher, Fotos und anderen Aufzeichnungen Anne Franks durch ihren Vater per Testament weder der einen noch der anderen Stiftung, sondern vielmehr dem Niederländischen Institut für Kriegsforschung (NIOD – Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie) vermacht wurden. Zu dieser Entscheidung mögen rein praktische Beweggründe geführt haben, wie der Wunsch, die Dokumente einem staatlichen Institut, das übrigens später auch die Echtheit der Tagebücher untersuchen und belegen sollte, zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, als auch der Umstand, dass das Anne-Frank-Haus selbst damals noch nicht über geeignete klimatisierte Räumlichkeiten verfügte. Die Vermutung liegt nahe, dass Anne selbst es wohl für richtig befunden hätte, ihren Nachlass dem Niederländischen Staat anzuvertrauen, da es ihre eigene – durch Radio Oranje inspirierte – Idee war, ihr Tagebuch später unter anderem als Kriegsdokument zur Verfügung zu stellen. Bei dem im Anne-Frank-Haus zu besichtigenden Original-Tagebuch handelt es sich somit um eine dauerhafte Leihgabe des Instituts.

Inzwischen wurde Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, von vielen geradezu selbstverständlich als Niederländerin angesehen und wahrgenommen. Als im Jahr 2004 ein holländischer Fernsehsender sie gar auf die Kandidatenliste seiner Show Größte Niederländer aller Zeiten setzte, fiel dann doch manchem auf, dass Anne nie wirklich Niederländerin war. Gewiss war sie in ihrem Herzen Niederländerin und schrieb auf Niederländisch. Sie war Deutsche von Geburt, doch das ‚Deutschsein‘ war ihr schließlich allzu gründlich ausgetrieben worden. Durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft als Jüdin infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 galt sie fortan als staatenlos. Eine postume Einbürgerung konnte nach niederländischem Gesetz nicht erfolgen, während das deutsche Bundesinnenministerium sich wiederum beeilte, die Ausbürgerung durch die Nazis für nichtig, da nicht rechtens, und Anne somit zur Deutschen zu erklären. Einige Jahre später hätten auch die USA, in die der Familie Frank zu Lebzeiten keine Einwanderung mehr möglich war, Anne gern rückwirkend die amerikanische Staatsangehörigkeit verliehen. Doch solcherlei Versuche, die Geschichte nachträglich zu glätten, bleiben fragwürdig.

Aus dem NIOD wiederum meldet sich mit dem Historiker David Barnouw ein Insider zu Wort, der sich mit Anne beschäftigt hat, seit ihre Dokumente in den Besitz seines Instituts übergingen. Sei es, dass er während der ersten Jahre persönlich im Anne-Frank-Haus einmal im Quartal die Tagebuchseiten umwendete, um ihrem Ausbleichen entgegenzuwirken, oder dass er später Mitherausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebuchtexte werden sollte. Rückblickend erscheint es, als sei er in der Vergangenheit immer dann zu Stelle gewesen, wenn der Hype um Anne sich einmal wieder zu überschlagen drohte; sei es, als immer wieder – vor allem von Seiten rechter Gruppierungen – versucht wurde, die Echtheit der Tagebücher anzufechten, oder auch, als es um die Frage ging, wer die Familie Frank letztlich verriet. Mit einer Veröffentlichung unter dem Titel Wer verriet Anne Frank? erläuterte er 2006 alle bis dahin vorliegenden Fakten, verwies den Rest ins Reich der Phantasie und machte damit mancher wilden und unfruchtbaren Spekulation ein Ende. Unfruchtbar deshalb, weil die nachträgliche Suche nach Sündenböcken kontraproduktiv ist. Wer immer die Bewohner des Hinterhauses, die durch Annes Tagebücher allgemein bekannt wurden, verriet, ist kein schlimmerer und kein besserer Verräter, als jeder andere miese Denunziant aus jener Zeit, der andere Menschen auf dem Gewissen hat, an die sich zu deren Unglück nur niemand mehr erinnert. Vielmehr gilt es, der Frage nachzugehen, wie eine menschliche Gesellschaft überhaupt in die Situation geraten kann, mehrheitlich zu einem Volk der Mitläufer, Denunzianten und Mittäter zu werden, und nach Wegen zu suchen, dies künftig dauerhaft zu verhindern, umso dringender angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen und des zunehmenden Rechtspopulismus in Europa. Um es mit Theodor W. Adorno zu sagen: „Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Davids Barnouws jüngstes Buch Das Phänomen Anne Frank, das uns eine chronologische Darstellung der historischen Ereignisse und zugleich eine ausführliche Rezeptionsgeschichte der Texte Anne Franks sowie deren medialen Verarbeitungen liefert, erschien erstmals 2012 in den Niederlanden unter dem Titel Het fenomeen Anne Frank. Seit letztem Jahr liegt es in überarbeiteter Form nun auch in deutscher Sprache vor. Es bietet allen, die sich näher mit Anne Frank beschäftigen möchten, eine gute und umfassende Übersicht über alle Ereignisse, inklusive der Medienereignisse vom Beginn bis in die Gegenwart, nicht ohne die Instrumentalisierung und Vermarktung des Namens Anne Frank kritisch zu beleuchten. Dies wiederum trug dem Autor – auch und gerade bei der Anne-Frank-Stiftung – nicht nur Freunde ein. Mit ihrer unbeirrt sachlichen Haltung steht seine Veröffentlichung jedoch einmal mehr als ruhender Fels in der Brandung aller mehr oder weniger hitzig geführten Debatten.

Inwieweit ein Name, eine Person oder auch ein Stoff bei der Umsetzung in ein mediales Format der Gefahr der Instrumentalisierung, im schlimmeren Fall auch der Trivialisierung, ausgesetzt ist, bleibt eine spannende Frage. Dies zeigt eine Sammlung von Aufsätzen, die vorletztes Jahr unter dem Titel Anne Frank – Mediengeschichten erschien. Verschiedene Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit oder Lehrtätigkeit mit unterschiedlichen Medialisierungen von Anne Franks Geschichte beschäftigten, kommen hier zu Wort und gehen vor allem der Frage nach, inwieweit eine Geschichte durch eine andere mediale Verarbeitung neu erzählt oder auch umerzählt wird. Angefangen beim unbewegten Medium, beispielsweise der Fotografie oder dem Denkmal, und der Botschaft, die es transportiert – einmal durch das, was es erzählt und zum anderen auch durch das, was es nicht erzählt – über die vielfältigen szenischen Umsetzungen des Stoffes für Bühne oder Film, bis hin zu Übertragungen der Geschichte in modernere Formen, zum Beispiel die der Graphic Novel oder des japanischen Mangas, und schließlich den Möglichkeiten, die neue, interaktive Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, zeigt sich hier ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Erzählformen. Als jüngstes Beispiel sei hier noch das neue Theaterstück ANNE von Leon de Winter und Jessica Durlacher angefügt, 2014 uraufgeführt in einem eigens zu diesem Zweck neu erbauten Theater in Amsterdam.

Die diversen Erzählformen wiederum können, abhängig von der Motivation des Senders, der Art und Weise der Übermittlung und nicht zuletzt von Alter, Persönlichkeit, Vorbildung und Vorerfahrungen der Empfänger innerhalb einer Zielgruppe sehr unterschiedliche Auslegungen und Deutungen hervorbringen. Neue Medien schaffen überdies Möglichkeiten des Zugangs, an die früher niemand auch nur zu denken gewagt hätte. Zum Beispiel bietet das Anne-Frank-Haus auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das gesamte Haus in der Prinsengracht, welcher auch Menschen, denen keine Besichtigung vor Ort möglich ist, erlaubt, sich einen Eindruck der Räume und des ehemaligen Verstecks im Hinterhaus zu verschaffen. Als eine originelle Idee ist auch der „Anne-Frank-Tree“ zu nennen, ein virtueller Kastanienbaum anstelle des echten, den Anne in ihrem Tagebuch erwähnt. Jener war leider aus Altersgründen letztlich nicht mehr zu retten und stürzte trotz aufwändiger Sanierungsaktionen im Jahr 2010 endgültig um, während dafür Setzlinge von ihm um die ganze Welt gingen. An seinem im Internet verewigten Abbild ist es nun möglich, mit dem Anheften virtueller Gedenk-Blätter eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich mit Menschen desselben Anliegens zu verbinden. Mit „Anne Frank im Land der Mangas“, ein Thema, dem im Buch ebenfalls ein eigener Aufsatz gewidmet ist, gestaltete ein Team belgisch-französischer Künstler auf der Internet-Seite des Senders Arte ein „begehbares Manga“. Ein interaktiver Comic – in der in Japan bei Kindern und Erwachsenen äußerst beliebten Form des Mangas – begleitet nachträglich eine Reise der Autoren auf der Suche nach Spuren Anne Franks im fernen Osten. Er beleuchtet mit gewissem Augenzwinkern ein Land der Widersprüche, das Anne einerseits hoch verehrt, ihr gar eine Kirche geweiht und eine Rosensorte gewidmet hat und sich mit ihr gleichsam als Weltkriegsopfer – Holocaust und Hiroshima wurden im selben Atemzug genannt – identifiziert, dem andererseits die Auseinandersetzung mit der anderen, dunklen Seite der eigenen Täterrolle bei Kriegsverbrechen ähnlich schwer fallen will, wie dem einst verbündeten Deutschland. Es handelt sich um ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, wie die Instrumentalisierung ausgerechnet des Namens Anne Frank Verzerrungen in der Wahrnehmung historischer Ereignisse befördern kann.

Hingegen lohnt es sich in der Tat, näher zu betrachten, inwieweit die fiktive Präsenz einer Ikone wie Anne Frank in einem sozialen Netzwerk – nehmen wir beispielsweise Facebook –  einerseits neue Möglichkeiten der Identifikation und Erinnerung schaffen, jedoch andererseits zur Trivialisierung der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen zum Zweck der Unterhaltung um jeden Preis führen kann. Seit Erscheinen des Beitrags „Meine Freundin Anne Frank – Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone“ hat sich die Situation nochmals verändert. Die Verantwortlichen von Facebook haben in der jüngsten Zeit darauf hingearbeitet, fiktive Personenprofile zu löschen, beziehungsweise diese in Seiten umzuwandeln. Das heutige Anne-Frank-Profil suggeriert somit Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr, mit Anne ‚befreundet‘ zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Fan-Seite, die von diesen mit „Gefällt mir“ markiert werden kann und ihnen – wie jede andere Facebook-Seite – Einstellungen anbietet, um neue Postings an erster Stelle der persönlichen Timeline angezeigt zu bekommen. So ist auf der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam betreuten Anne-Frank-Seite ein Einblick in Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums sowie ein Weiterverbreiten dieser Meldungen über die „Teilen“-Option möglich, was der Stiftung und ihren Projekten zunehmend größere Bekanntheit verschafft. Das ist in diesem Falle nur wünschenswert, da sich die Organisation Zielen wie Aufklärung, Bildung, Begegnung und internationalem Austausch junger Leute verschrieben hat, die anzustreben heute wichtiger ist denn je. Natürlich muss sich eine Seite, die auf Interaktion setzt, unter anderem mit unpassenden und destruktiven Kommentaren auseinandersetzen, und leider verwenden auch rechtsextreme Kreise die sozialen Netzwerke sehr intensiv als Plattform für ihre Zwecke. Denn mehr als jedes andere Medium kann Social Media nun einmal auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden. Gerade deshalb wäre es jedoch der falsche Ansatz, Plattformen wie Facebook pauschal abzuwerten oder gar schlecht zu reden – und geradezu fatal, wenn Einrichtungen und Organisationen, die auf Bildung und Aufklärung setzen, sich aus ihnen zurückziehen würden. Für diese gilt es umso mehr, soziale Netzwerke und deren Möglichkeiten intensiv zu nutzen, ihre Präsenz dort sorgfältig und aktuell zu pflegen und sich mit gleich und ähnlich gesinnten Seiten zu vernetzen, um im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung deutlich Position zu zeigen. Dass der Basler Anne-Frank-Fonds die Aktivitäten auf seiner eigenen Facebook-Seite seit Herbst 2015 offensichtlich komplett eingestellt hat, ist zu bedauern und tut dessen Bildungszielen keinen guten Dienst. Die von der Anne-Frank-Stiftung in den Niederlanden sehr sorgfältig gepflegte Präsenz Anne Franks auf Facebook wiederum zeigt das facettenreiche Profil einer Autorin, die als Opfer der Shoah vielen anderen Opfern stellvertretend eine Stimme gab, die weiter fortwirkt. Somit gewinnt diese Seite zugleich den Charakter einer wichtigen Bildungsinstanz.

Hingegen nehmen junge Menschen Anne vor allem als eine der ihren wahr, identifizieren sich mit ihr als einer Gleichaltrigen, die sich traute, ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, auch viele heikle Dinge beim Namen zu nennen, die Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen. Sie identifizieren sich jedoch eher nicht – so sehr auch Lehrerinnen und Lehrer, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen sich darum bemühen mögen – mit Anne als Opfer der Shoah. Dies können sie vermutlich auch nicht. Zu allen Zeiten dürfte es jungen Menschen widerstrebt haben, sich mit Opfern zu identifizieren, eine Abneigung, die sehr viel mit Selbstschutz zu tun hat – und die gegenwärtig auch in der gängigen, abwertenden Schimpfwortbezeichnung „Du Opfer!“ ihren Ausdruck findet. Zum Opfer werden, das kann niemand wollen, daran mögen wir noch nicht einmal denken! Und es lässt sich auch nicht sagen, ob Identifikation mit den Opfern tatsächlich verhindern kann, nicht eines Tages doch zu Tätern oder Mittätern zu werden. Denn gerade dies entwickelt sich ja oft aus dem – freilich simplen – Entweder-Oder-Glauben, andernfalls womöglich selbst Opfer zu werden. Mechanismen, über die nachzudenken Unbehagen bereiten muss. Bedeutet es für uns als Deutsche schließlich auch, uns damit zu konfrontieren, dass – Tatsachen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zufolge – in den Reihen der eigenen, mehrheitlich schweigenden Vorfahren seltenst Widerstandskämpfer, wohl aber Täter, Mittäter und feige Mitläufer gewesen sein müssen. Und notwendigerweise erfordert es im nächsten Schritt, sich mit der noch dringenderen Frage auseinanderzusetzen, wozu wir denn selbst fähig wären, vor die Wahl gestellt: In Aussicht gestellte Teilhabe an der Macht bei Mitlaufen und Mittun – oder Ausgrenzung bis hin zur Verfolgung bei Widerstand? Dies ist ein schmerzhafter Prozess; er lässt sich durch nichts abmildern, und nicht ganz zu Unrecht empfinden junge Menschen ihn als Zumutung, denn ihre Vorfahren, die es eigentlich betraf, haben diesen Prozess mehrheitlich umgangen, sich unfähig gezeigt, sich mit eigener Schuld und Mitschuld auseinanderzusetzen. Wie sollen ihnen das die nächsten Generationen abnehmen? So ganz ohne Vorbilder? Schuld, die sich einfach weitervererben lässt, nach dem Motto: Sollen sich die Nachgeborenen doch damit herumschlagen!? Wer kann es diesen verdenken, wenn sie ein solches Erbe ausschlagen? Bleibt das Erbe der Verantwortung, welches nicht ausgeschlagen werden kann: Wie lässt sich das an junge Menschen herantragen? Vielleicht bedarf es hier nicht gar so vieler Verrenkungen. Möglicherweise reichen Denkimpulse aus. Es kann – nicht nur für junge Menschen – immer wieder ein einfacher erster Schritt sein, festzustellen: Hier war jemand, der wegen angeblichen Andersseins ausgegrenzt wurde und doch ähnlich dachte und fühlte wie ich, obwohl er oder sie zu einer ganz anderen Zeit lebte. Und dann darauf zu vertrauen, dass junge Menschen durchaus zum Selbstdenken und Weiterdenken in der Lage sind, wenn dies vielleicht auch in ganz anderen, als in den von Didaktik und Methodik vorgesehenen Bahnen geschehen mag.

Was darf Erinnerung? Wie schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, zu sagen: Alles, was dem offenen Austausch, der Begegnung und Friedensbemühungen in aller Welt dient. Alles, was hilft, künftige Barbarei zu verhindern. Um es nochmals mit den Worten Adornos zu sagen: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das Vorwort von Miep Gies in ihrem Erinnerungsbuch Meine Zeit mit Anne Frank, das vor zwei Jahren zum dritten Mal aufgelegt wurde, endet mit den Worten: „Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten – Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals. Es ist an uns, den einfachen Menschen in aller Welt, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht.“

Was machte Miep Gies zu einem Menschen, der anders handelte? Welche Erfahrungen in ihrer Jugend befähigten sie zu ihrer so ganz anderen Haltung? In Wien geboren, wurde sie als Elfjährige nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen eines Hilfsprogramms für hungernde österreichische Kinder zu einer ihr zuvor unbekannten Pflegefamilie in die Niederlande verschickt. Diese hatte bereits mehrere eigene Kinder und war keineswegs reich – der Vater ein Arbeiter –, aber der festen Überzeugung, dass dort, wo schon so viele satt werden, es auf einen mehr nicht ankomme. Wenn Miep Gies ihre Lebensbedingungen in dieser Familie beschreibt, so entbehrt dies völlig Schilderungen, wie sie aus dieser Zeit normalerweise erwartet werden, womöglich von Entbehrungen, harter Disziplin oder gar Schlägen, die angeblich „noch keinem geschadet haben“, und ähnlichem, das unseren Ohren aus Berichten unserer eigenen Vorfahren vertraut ist. Vielmehr entsteht das Bild von einer freundlich umsorgenden Atmosphäre liebevoller Akzeptanz und Wärme, die ganz offensichtlich auch von Mieps neuen Geschwistern so erfahren und weitergegeben wurde, von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft auch von Kindern in der Umgebung, die offenbar unter ähnlichen Bedingungen aufwuchsen, und schließlich von einem insgesamt geistig aufgeschlossenen und bildungsfreundlichen Klima, in dem Heranwachsende unter anderem angehalten wurden, Zeitung zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier scheint sich ganz schlicht das spätere Astrid-Lindgren-Zitat zu bestätigen: „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“ Dies nur, um eine Ahnung davon entstehen zu lassen, wie die theoretisch viel diskutierte Erziehung nach Auschwitz in der Praxis aussehen könnte. Denn leider sieht es immer noch so aus, als hätten wir in dieser Hinsicht gar keinen Plan, während eine neue Generation in Teilen der Anziehungskraft des Barbarischen neu zu erliegen droht.

Und wem gehört nun Anne Frank? Einerseits zur unantastbaren Ikone verklärt, andererseits im selben Zug – oft auch gerade von den Menschen, die sie dazu erklären – nach Belieben für die unterschiedlichsten Belange herangezogen? Sie, die sich schon immer sehr darüber wunderte, „dass erwachsene Menschen so schnell, so viel und über alle möglichen Kleinigkeiten Streit anfangen“, wie es einem Tagebuch-Eintrag vom 28. September 1942 zu entnehmen ist? Wäre es nicht an der Zeit, sie ein wenig sich selbst zurückzugeben? Am ehesten kann dies gelingen, indem wir ihr eigenes Werk lesen. Unter dem Titel Denn schreiben will ich!, ein Ausruf, mit dem ein selbstkritischer Eintrag vom 5. April 1944 endet, erschien in diesem Jahr in neuer Übersetzung bei Reclam eine handliche, leinengebundene Ausgabe. Sie enthält Annes wichtigste Tagebuchauszüge, eigene Erzählungen aus ihrem „Geschichtenbuch“ und einen Auszug aus ihrem begonnenen und unvollendeten Roman Aus Cadys Leben. Hier entsteht anschaulich das Bild eines jungen Mädchens mit ungewöhnlicher schriftstellerischer Begabung, scharfer Beobachtungsgabe und herzlichem Humor, das sich das „Dennoch“ zum Motto ihres kurzen Lebens gemacht hatte, welches ihr – und mit ihr vielen anderen, die Rede ist von mehreren Millionen, darunter geschätzte eineinhalb Millionen Kinder – schließlich auf denkbar schlimmste Weise genommen wurde. Uns, die wir angesichts dieser kaum vorstellbaren Fakten immer wieder sprachlos verharren, bleibt im Grunde nur, dieses „Dennoch“ zu übernehmen, es uns zu eigen zu machen und weiterzutragen. In jeder Hinsicht.

 

Dieser Beitrag erschien am 17.08.2016 in Rezensionsforum literaturkritik.de.

 

 

Miep Gies Anne Frank

Miep Gies:
Meine Zeit mit Anne Frank.
Der Bericht jener Frau,
die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte,
sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte –
und sie doch nicht retten konnte.
Übersetzt aus dem Englischen von Liselotte Julius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
256 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783596183678

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umschlag_mediengeschichten_druck.indd

Peter Seibert / Jana Piper / Alfonso Meoli (Hg.):
Anne Frank. Mediengeschichten.
Metropol Verlag, Berlin 2014.
272 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783863311995

Überall im Buchhandel

Anne Frank_14.8.2015.inddDavid Barnouw:
Das Phänomen Anne Frank.
Aus dem Niederländischen
von Simone Schroth.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2015.
180 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783837512465

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Denn schreiben will ichAnne Frank:
Denn schreiben will ich!
Aus den Tagebüchern und anderen Werken.
Reclam Verlag, Stuttgart 2016.
262 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783150110553

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Frohe Ostern und schöne Frühlingstage!

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Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer kornigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

Johann Wolfgang von Goethe (Faust I, Kapitel 5)

In diesem Sinne allen LiteraturFreundInnen
Frohe Ostern! – Happy Easter! – Joyeuses Pâques! – ¡Felices Pascuas!

Bettina und Dieter

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Frohe Festtage!

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Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht.
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist gescheh’n.

Theodor Storm (Weihnachtslied)

Allen LiteraturFreundInnen wünschen wir frohe Festtage und ein glückliches Neues Jahr!

Bettina und Dieter

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Verantwortung als Erbe

Goethes Gartenhaus am Stern in Weimar

Goethes Gartenhaus am Stern in Weimar

Geschichte eines Briefes an mein Kind

Von Bettina Johl

In späten Jahren nochmals eine Schule zu besuchen, kann eine spannende Unternehmung sein. Der Austausch mit jungen Leuten, ob man diesen bisher schätzte oder nicht, wird unvermittelt Programm; es ist nicht möglich, sich ihm zu entziehen. Selbst diejenigen unter uns Älteren, die ihn stets schätzten – zu jenen zähle ich mich – finden sich im alltäglichen Leben gewöhnlich von einer gewissen Scheu und Befangenheit, jungen Menschen womöglich zu nahe zu treten, daran gehindert. Mit solchen Befindlichkeiten räumt die Schule recht schnell auf. Sie ist insofern ein großer Gleichmacher. Dies kann unbequem sein, aufreiben, aber auch eine beträchtlich verjüngende Wirkung haben. Gleichgültig lässt es uns eher selten. Und das ist gut, denn immer sind es die Widersprüche, die neue Denk- und Sichtweisen eröffnen. Die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit Fragestellungen, die sich ursprünglich an jüngere Menschen richteten, kann wiederum zu interessanten Entdeckungsreisen führen, zumal wir hier eine erweiternde Perspektive einnehmen können, nämlich die der Rückschau und Reflexion.

Ein Handlungsfeld in der pädagogischen Ausbildung beschäftigt sich – den zeitlichen und gesellschaftlichen Anforderungen Rechnung tragend – mit Unterschiedlichkeit und Vielfalt. Eine Aufgabenstellung lautete, einen Brief an das eigene Kind zu schreiben, im Hinblick auf jenen Anteil an kulturellem Erbe, den man diesem mitgeben wolle – oder auch nicht. Dies führte bei den Jüngeren zunächst zu Irritationen; eigene Kinder gab es in ihrer Realität noch nicht, bestenfalls standen solche als künftige Möglichkeit, als vages Bild von einem Leben nach der Schule, irgendwo weit am Horizont der eigenen Perspektiven und Wünsche. Für mich, die ich nicht vor der Situation stand, mir ein künftiges Kind ausdenken zu müssen, entbehrte diese Sache nicht eines gewissen Reizes. Mein Sohn war bereits erwachsen. Kurioserweise besuchte er zu dieser Zeit sogar dieselbe Schule – oder vielmehr denselben Gebäudekomplex in einem anderen Bereich, wo er kurz vor seiner beruflichen Abschlussprüfung stand. Zuweilen trafen wir uns in der Pause am Kaffeeautomaten, ein Umstand, den die jüngeren Leute im besten Fall für „cool“ befanden. Mir blieb also nur der kritische Blick zurück; was davon noch Ausblick sein könnte, würde sich zeigen. Warum also den Brief nicht an mein erwachsenes Kind adressieren? Ich zückte also den Stift, überlegte kurz und schrieb auf dem eigens hierfür ausgeteilten, quietschbunten Papierbogen drauflos, während mir manch ratloser Blick folgte.

Dass mir mein Text recht flüssig aus der Hand ging, überraschte mich; es ist ja gewiss nicht so, dass mir das Schreiben fremd wäre, aber gewöhnlich gestaltet es sich als ein eher zäher Prozess, in dessen Verlauf ich so manchen Satz hundertmal verwerfe und verändere, ehe er endlich so steht, dass ich ihn akzeptieren kann. Handgeschriebene Manuskripte pflegen entsprechend auszusehen und sind kaum vorzeigbar. Und meist fallen sie, sobald es eine getippte, endkorrigierte Version gibt, wütender Vernichtung anheim. Als der Brief mir nun nach drei Jahren wieder in die Hände fiel, heute, da jene Zeit hinter mir liegt, und ich mich zuweilen noch immer ordnend und sortierend durch Papierberge grabe, fand ich zu meiner Verblüffung ein recht ansehnliches, beidseitig beschriebenes Blatt vor, das zwar, wie üblich, viele Einfügungen zwischen den Zeilen, aber nur wenige Streichungen einzelner Wörter aufwies. Ich weiß noch, dass ich damals Mühe hatte, mit der vorhandenen Zeit auszukommen; als die Frage gestellt wurde, ob jemand seine Niederschrift vorlesen möge, schrieb ich noch immer – soviel ich weiß, sogar noch mehr oder weniger heimlich während der darauffolgenden Stunde – und war froh, dass später nicht nochmals gefragt wurde und ich das Blatt ungesehen in meiner Mappe verschwinden lassen konnte. Nicht, dass ich mich nicht notfalls zum Vorlesen hätte überwinden können, aber vieles, was mich im Zuge des Schreibens gedanklich beschäftigte, war einfach noch zu frisch. Meinem Sohn hatte ich diesen Brief zunächst gar nicht gegeben; wohl wollte ich es immer und verschob es dann wieder. Es hatte damit keine Eile; es stand ja nichts darin, was er nicht ohnehin längst wusste. Nunmehr beim zweiten Lesen auf die mir selbst gestellte Frage hin, ob ich all dies heute noch einmal so schreiben würde, erstaunt es mich wiederum, sagen zu können: „Ja! Genau so! Oder ähnlich.“ Also kann ich ihn hier getrost nachträglich auf die Reise schicken. Für Raphael. Und für alle, die sich mit uns auf dem Weg sehen.

„Lieber Raphael,

nun ist es tatsächlich so weit gekommen, dass ich in derselben Schule sitze wie Du, wenn auch einem anderen Gebäudetrakt, und nun lautet hier unsere Aufgabe, einen Brief an unsere künftigen Kinder zu schreiben. Nun – weitere Kinder wird es für mich nicht mehr geben; die Frage, was ich ihnen an kulturellem Erbe mitgeben wollte – denn darum geht es –, erübrigt sich für mich. In meinem Alter geht es dann eher schon ums Reflektieren, und auch das ist uns beiden vertraut, da wir ja in unseren Gesprächen, die wir miteinander führen, kaum je etwas anderes tun. Denn diese Frage, sie beschäftigt uns ja beide; wir haben viel erlebt, wurden mit vielem konfrontiert, was uns bis in die Grundfesten erschütterte – von stabilen Wurzeln keine Spur! – und alles, was uns blieb, war stets, uns um größtmögliche Offenheit zu bemühen, Fragen zu stellen – Fragen und immer wieder Fragen – und mit dem Umstand umgehen zu lernen, dass es auf manche von ihnen keine Antwort gibt.

Wie nun aber definiert sich Kultur für uns? Die Kultur, zu der wir uns zugehörig fühlen – oder fühlen sollten? Gibt es eine „deutsche Kultur“? Muss uns dieses Wort nicht zwangsläufig im Halse stecken bleiben? Oft habe ich mir gewünscht, eine Ausweichkultur zu haben, schaue mit fast neidischem Seitenblick auf Mitmenschen mit kulturell unterschiedlichen Wurzeln, die hin und wieder das andere Land als Fluchtpunkt aufsuchen können, als Kontrapunkt, als Land ihrer Sehnsüchte, mögen dessen Vorzüge nun echt oder projiziert sein. Du und ich, wir haben diese Möglichkeit nicht. Unsere Wurzeln sind über mindestens vier Generationen unverkennbar deutsch, und es hilft mir und Dir auch nicht, meine sagenumwobene französische Ururgroßmutter ins Feld zu führen; wir wissen, dass es ein Erbe gibt, das auszuschlagen uns nicht frei steht. Nur – welchem Erbe sind wir letztlich verpflichtet? Dem des „Volkes der Dichter und Denker“? Oder dem der größten Mitläufer, Feiglinge und Verbrecher? Vielleicht ist die eine Aussage so wahr wie die andere und bedeutet nur, dass wir es mit einer Kultur der extremsten Widersprüche zu tun haben? Andererseits: War das „Volk der Dichter und Denker“ nicht ohnehin immer nur Konstrukt? Wunschgedanke? Hatten nicht viele „unserer“ Dichter und Denker schlicht europäische, oft auch jüdische Wurzeln? Und – haben wir „unseren“ Dichtern und Denkern, sofern wir meinen, auf sie so etwas wie Besitzansprüche erheben zu dürfen, nicht allzu oft übel mitgespielt? Während viele um uns herum offenbar noch heute versuchen, Schuld und Verantwortung für die dunklen Kapitel unserer Geschichte von sich zu weisen?

Es ist die Frage, inwieweit Schuld vererbt werden kann, – ohne hier die kirchliche Sichtweise mit dem Begriff der „Erbsünde“, die ja als spannendes Thema für sich selbst genommen oft Gegenstand unserer Diskussionen ist, erörtern zu wollen. Ich kann keine endgültige Antwort darauf finden. Wovon ich aber überzeugt bin – und darin waren wir uns immer einig – ist, dass wir die Verantwortung erben. Die Verantwortung unter anderem, an einem vereinten Europa mitzuwirken, in dem ein Zusammenleben unterschiedlichster Menschen in Frieden, Freiheit und gegenseitiger Akzeptanz in einer von Offenheit, Respekt und Vertrauen geprägten Atmosphäre möglich wird.

Also sind wir dann zuerst und vor allem Europäer? Oder gar – ganz im Kant’schen Sinne – „Weltbürger“? Wohl auch dies, zumal der Begriff eine längere Tradition hat, als wir bislang glaubten. Bereits der griechische Philosoph Diogenes von Sinope soll sich, nach seinem Heimatort befragt, als „Weltbürger“ bezeichnet haben, zu einer Zeit, als weniger Leute die Kugelgestalt der Erde anzweifelten, als gemeinhin angenommen wird. Dass man beim Sich-Hinausbegeben über den Horizont herunterfallen könnte, lehrten bekanntlich zu allen Zeiten vor allem jene, die ein persönliches Interesse daran hatten, andere Menschen in ihrem verengten Weltbild verhaftet zu halten, auf dass diese nicht womöglich auf eigenwillige Ideen kämen.

Allerdings ist es EINE Sache, sich den Weltbürger auf die Fahnen zu schreiben und munter damit herumzuwedeln, eine andere, sich wirklich auf andere Denk- und Sichtweisen einzulassen, sie kennen und verstehen lernen zu wollen, eine ernsthaften Austausch zu suchen, der bei allen Unterschieden die Gemeinsamkeiten im Blick behält und diese als Fundament für ein künftig friedliches und respektvolles Miteinander erkennt. Solches jedoch ist nicht zu erreichen durch Verleugnen und Verdrängen der Schwierigkeiten und Hürden, die auf dem Weg dort hin auftreten können, übrigens auch nicht mit Schön-Reden manches Unangenehmen, welches im Zuge des Sich-Befassens mit der eigenen Kultur und Biografie zwangsläufig mit zutage treten wird, ja – muss. Und hier sind wir wieder an unserem Thema: Nur im Bemühen um so viel Offenheit wie irgend möglich kann es gelingen, neue Wege einzuschlagen, die zu neuen Denkweisen und zur Überwindung von Trennendem führen können. Und auch diese Wege können einen weiten und verschlungenen Verlauf nehmen. Einfache Lösungen für komplexe Probleme gibt es nicht und hat es nie gegeben. Hüten wir uns sehr vor den großen Vereinfachern! Sie haben in der Vergangenheit immer wieder immensen Schaden angerichtet.

Heute nach nahezu vierundzwanzig Jahren bin ich sehr glücklich darüber, dass wir beide diese Sichtweise teilen, über anderen Dingen von untergeordneter Bedeutung, in denen wir zuweilen unterschiedlicher Auffassung sein mögen. Wir werden unsere Sache im Blick behalten und uns gegebenenfalls gegenseitig daran erinnern, dessen bin ich zuversichtlich. Ob Du selbst einst Kinder haben wirst, denen Du all dies weitervermitteln kannst, wissen wir noch nicht; die Zeit wird es zeigen. Dennoch wirst Du in ein Alter kommen – oder befindest Dich schon darin – in dem junge Menschen Dich nach dem Weg fragen und Orientierung suchen. Es müssen nicht die eigenen Kinder sein. Dann weise sie nicht ab! Wer, wenn nicht sie, soll sonst den Weg für uns weitergehen? Neben unseren leiblichen Kindern gibt es auch Kinder unseres Geistes und unseres Herzens. Lass uns immer für sie da sein und ein offenes Ohr für sie haben!

In Liebe

Deine Mama

am 6. Dezember 2012“

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Heinrich Bölls Aktualität

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Zum 30. Todestag des Kölner Literaturnobelpreisträgers

Von Dieter Kaltwasser

Bücher wie „Irisches Tagebuch“, „Ansichten eines Clowns“, „Gruppenbild mit Dame“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ sind noch heute Schullektüre. Heinrich Böll gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Neben vielen anderen Auszeichnungen wurde Bölls Werk 1972 in Stockholm mit dem Literaturnobelpreis geehrt.

Heinrich Böll kam 1917 in der südlichen Kölner Neustadt zur Welt. Er hat lange Zeit in seiner Heimatstadt gelebt und gearbeitet. Kaum ein Schriftsteller ist im Bewusstsein seiner Leser so sehr mit einer Stadt verbunden wie Böll mit Köln. In einem Text aus dem Jahr 1959 nennt er seine väterlichen Vorfahren britische Katholiken, die „der Staatsreligion Heinrichs VIII. die Emigration vorzogen“ und von Holland herauf als Schiffszimmerleute und Tischler rheinaufwärts zogen. „Die Vorfahren mütterlicherseits waren Bauern und Bierbrauer“, die in einer Generation wohlhabend lebten und in der nächsten verschwenderisch, „bis sich im letzen Zweig, aus dem meine Mutter stammte, alle Weltverachtung sammelte und der Name erlosch“. Der Schriftsteller verband mit Köln etwas Niederländisches: „Ich entdecke das wieder, wenn ich manchmal in Utrecht bin, in Antwerpen bin, Brügge, Gent. Es war was sehr Niederländisches. Leider nicht im politischen Sinne. Wir waren Deutsche und werden wohl welche bleiben.“

Böll ist nicht nur als Schriftsteller bekannt, sondern als Verfechter einer kritischen Publizität, auch sein politisches Engagement sorgte für Aufsehen und Zeit seines Lebens für erregte Diskussionen in der medialen Öffentlichkeit. So warb er 1969 im Bundestagswahlkampf offensiv für Willy Brandt, auch sein leidenschaftliches Eintreten für die Friedensbewegung erhitzte die Gemüter. In seinen Werken beschreibt Böll die frühere und mittlere Bonner Republik. Und er mischte sich ein, immer wieder, und geriet sogar in Verdacht, mit der RAF zu sympathisieren. Heute, 30 Jahre nach seinem Tod am 16. Juli 1985, berufen sich auch Konservative auf ihn, den kritischen Katholiken.

Dass seine Heimatstadt Köln zur starken Solidarität Böll gegenüber fähig war, bewies sie mehrfach. So kontrovers die Beziehungen zwischen ihr und dem Schriftsteller auch waren, so  kritisch die Äußerungen auf beiden Seiten, beschloss der Rat der Stadt im Jahr 1982, Böll die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. 1977 gab es zum 60. Geburtstag einen Empfang im Kölner Rathaus, ein Zeichen besonderer Wertschätzung angesichts der im „Deutschen Herbst“ kulminierenden Hetze gegen ihn und seine Familie. Seit 1985 wird der Heinrich-Böll-Preis von der Stadt Köln im Gedenken an den Literaturnobelpreisträger verliehen.

2015 feiert auch die Verfilmung der „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“ ihr Jubiläum. Sie wurde von Volker Schlöndorff, der in den 1970er-Jahren auch die „Blechtrommel“ von Günter Grass verfilmte, und Margarethe von Trotta gedreht und basiert auf der 1974 erschienenen gleichnamigen Erzählung von Böll. Sie handelt von einer bisher unbescholtenen Frau, die wegen ihrer Freundschaft zu einem Straftäter Opfer der menschenverachtenden Berichterstattung der Boulevardpresse wird. In einer Vorbemerkung schreibt Böll: „Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“ Der Autor betrachtete seine Erzählung als ein Pamphlet. Daher ist Bölls Erzählung nicht nur eine gesellschaftskritische Betrachtung der 1970er-Jahre, sondern darüber hinaus eine Beschreibung der wirklichkeitsverzerrenden Manipulationen durch die Massenmedien – und sie hat an ihrer Aktualität nichts verloren.

Dass Widerstand ein Freiheitsrecht ist, wurde Böll Zeit seines Schaffens nicht müde zu betonen. Diese Haltung führt direkt zum „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel und verbindet ihn noch mit der Occupy-Bewegung der Gegenwart. Böll lehnte sich auf gegen Notstandsgesetze und Radikalenerlass, gegen Willkür, wo immer sie ihm begegnete. 1972 fand er auf einem Parteitag der SPD Worte, die bereits damals irritierten und es noch immer tun: „Es gibt nicht nur eine Gewalt auf der Straße, Gewalt in Bomben, Pistolen, Knüppeln und Steinen, es gibt auch Gewalt und Gewalten, die auf der Bank liegen und an der Börse hoch gehandelt werden.“

In dem Roman „Fürsorgliche Belagerung“, der 1979 erschien und die Bundesrepublik als Überwachungsstaat beschreibt, bemängelte die deutsche Literaturkritik „literarische Schwächen“. Die Kritik rieb sich allerdings auch immer heftiger an Bölls politischen Ansichten und Aktivitäten. Es gibt zudem Literaturkritiker, die Böll nicht zu den Großen seiner Zunft zählen, schriebe er doch so „schlicht wie die so beliebten zeitgenössischen Amerikaner“. Während der Vergleich schon für sich und gegen die Behauptung spricht, ignoriert er zugleich, dass es für Böll keine scharfe Trennungslinie zwischen Prosa und Essay gab. Böll hält in seinem Werk der Gesellschaft das entgegen, was sie in ihrem alltäglichen Wortgebrauch unterschlägt. Bereits Theodor W. Adorno zollte ihm dafür seinen Respekt. In seinen „Frankfurter Vorlesungen“ beschreibt Böll, das eigentliche Vorhaben eines Autors sei „die Sprache, in der er schreibt, bewohnbar zu machen“, als „Suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land“.

Die Schriften und Reden über Literatur, Politik und Zeitgeschichte waren für Böll ein integraler Bestandteil seines literarischen Schaffens. Daher werden sie in der Kölner Ausgabe seiner Werke in chronologischer Folge geführt. Seit 2011 liegt in seinem Verlag Kiepenheuer & Witsch eine kommentierte Auswahl der „einschlägigen“ Texte vor: Vom „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“ über „Gibt es die deutsche Story?“, „Ich gehöre keiner Gruppe an“ und den „Frankfurter Vorlesungen“ bis zu „So viel Liebe auf einmal. Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?“. In ihnen äußerte sich Böll zu dem, was ihn gerade bewegte, und er sagte in den Texten das, was andere nicht zu sagen wagten. Bölls Selbstverständnis nach bilden die Essays, Kritiken und Reden keine von seiner literarischen Produktion separate Sphäre: „wenn sie schön ärgerlich sind, ist es gerade das Literarische an ihnen, sagen wir meinetwegen das Poetische daran, das Gefährliche …“

Die oft als „östliche Zwillingsschwester“ von Heinrich Böll genannte Christa Wolf fand am Ende ihrer Festrede auf der Matinee zum 80. Geburtstag Bölls im Jahr 1997 in Berlin die eindrucksvollen Worte:

Karoline von Günderrode, aus dem Rheinland gebürtig wie Heinrich Böll, hat gesagt: ‚Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.‘ Das ist nun bald zweihundert Jahre her. Der Atem der Hoffnung zieht, manchmal beinahe erstickt, durch die Jahrhunderte. Nicht eine bläßliche, schwächliche, tatenarme Hoffnung meine ich. Ich meine jene unersättliche, ununterdrückbare, brüllende Hoffnung, von der Böll schreibt: ‚Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier.‘ Sie habe ich in Heinrich Bölls Lebensfreude, die sein ganzes Werk trägt, in seinem Humor, seiner Menschenliebe und in seiner Unerbittlichkeit gespürt.

Literaturhinweis:

Heinrich Böll: Widerstand ist ein Freiheitsrecht. Schriften und Reden zu Literatur, Politik und Zeitgeschichte.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.
992 Seiten, 29,99 EUR. ISBN-13: 9783462043716

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Das fehlende Recht auf Scheitern – Zur neuen alten Frauendebatte

Einer unserer frühen Beiträge aus den ersten Tagen unserer 2011 noch jungen LiteraturFreundIn, der, wie wir feststellten, noch nichts an Aktualität eingebüßt hat.

LiteraturFreundIn

Sylvia Plath Sylvia Plath

»Warum kann ich nicht verschiedene Leben anprobieren wie Kleider, um zu sehen, was mir am besten steht und zu mir paßt?«

Sylvia Plath

Wie gut viele Worte aus alten Tagen immer wieder auch in die unseren passen! So auch die der großen Schriftstellerin Sylvia Plath, die 1963 den Freitod wählte. Die Möglichkeit, verschiedene Leben „anzuprobieren“, um ein für sie passendes zu finden – „eines, das mir […] steht“! – war ihr nicht gegeben. Solches kann, wie wir wissen, zu andauernden Spannungen und unlösbaren Konflikten führen, die ein Leben lang auszuhalten nicht jedem die Kraft gegeben ist.

Ihr Beispiel stimmt nachdenklich. Nachdenklich auch angesichts der immer neu angefachten Diskussionen in jüngster Zeit um die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Mein ganz persönlicher Unwille, in Büchern, Zeitungsartikeln oder TV-Talkrunden Frauen, die sich selbst eine „Position an der Spitze“ erkämpfen konnten, von oben herab erzählen zu hören, was an der…

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Theoriegeschichte als Lifestylestory

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Ulrich Raulff und Philipp Felsch schreiben neue Bücher über die „Generation Theorie“

Sommer und Herbst der Theorie und der großen Welterzählungen sind wieder einmal zu Ende und einmal mehr fliegen Eulen der Minerva umher, um uns zu erklären, was denn in jenen theorieversessenen Jahrzehnten zwischen 1960 und 1990 eigentlich geschah. Zwei neue Bücher liegen zu dieser Frage vor. Sie befassen sich allerdings weniger mit den Inhalten der großen Theorien als vielmehr mit dem Sozialleben und der Zirkulation von Büchern – eben mit dem Lifestyle, den diese in jenen Zeiten schufen.

„Wiedersehen mit den Siebzigern“ von Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, beschreibt schon im Untertitel „Die wilden Jahre des Lesens“ treffend die Zeit, als der Autor selbst auf dem Weg war, ein Intellektueller zu werden: Wenige Jahre nach dem Tod Theodor W. Adornos wechselte er als „Flakhelfer der 68er“ nach Paris und fand dort intellektuell und existenziell zu sich selbst. In seinem Buch skizziert er unter anderem Kurzporträts großer Theoretiker, denen er selbst begegnete, darunter Michel Foucault und Roland Barthes. Ihre großen Theorien hingegen lässt er außen vor. Raulffs Äußerungen und Bewertungen zu philosophischen Theorien und Strömungen, die offensichtlich nicht zu seinem engeren Lektürekanon zählten – wie etwa die Kantforschung in den Siebzigern  beziehungsweise „die Kantianer“ der damaligen Zeit – , wirken doch ein wenig albern und selbstgefällig; sie schmälern zudem das Lesevergnügen an seinem durchaus mit Witz und Charme ausgestatteten Porträt der „Generation Theorie“.

Philipp Felsch, Juniorprofessor für Geschichte der Humanwissenschaften an der Berliner Humboldt-Uni, versteht sein Buch „Der lange Sommer der Theorie – Die Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990“ als Gattungsgeschichte: „Gattung“ sei, „was einem Text zu sozialem Leben verhilft – die Art der Bücher, die Erwartungen der Leser, die Strukturen der Gutenberg-Galaxis, in der er sich bewegt“. Das Wort „Theorie“ hatte in den Sechzigern etwas Magisches. Felsch beschreibt dies detailliert und prägnant. Mitten im Kalten Krieg lösten Ideen geistige und soziale Bewegungen aus, Intellektuelle wurden zu „Denkstil-Ikonen“, ihre Bücher zu Bestsellern. Felsch erzählt auch die Geschichte des Berliner Merve-Verlages, wo Peter Gente als „Enzyklopädist des Aufruhrs“ Texte publizierte, die neben denen von Suhrkamp für das deutsche Denken nachhaltig Impulse setzten. Eine empfehlenswerte Lektüre.

Copyright: Dieter Kaltwasser

Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie – Die Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990.  C.H. Beck 2015.  324 Seiten, 24,95 Euro

Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern – Die wilden Jahre des Lesens. Klett-Cotta 2014. 170 S., 17,95 Euro

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