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Augenblicke im Advent

„Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unsren dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt.“ Friedrich von Bodelschwingh

Und wieder reicht es gerade noch zum Innehalten in letzter Minute, bevor eine Zeit zu Ende geht, die ich gerne bewusster begangen und gestaltet hätte, – einfach weil ich sie von Kindertagen her stets liebte, woran auch alles Seufzen über deren kommerzielle Verzerrung und auch das zunehmende Gewahrwerden des Auseinanderklaffens von Wunsch und Wirklichkeit nichts Grundlegendes zu ändern vermochte.

Es blieb bei wenigen Momentaufnahmen, gestohlenen Stunden, wie ein Besuch in meiner Heimatstadt zu einer liebevoll gestalteten Märchenlesung im Burgturm, wo eine Gruppe engagierter Menschen es sich zur Aufgabe gemacht hat, zu Gunsten von Kinderhilfsprojekten eine verlorengegangene Erzählkultur wiederzuleben.

Manches hin und wieder mit verfremdetem Blick betrachten, lässt den einen oder anderen vergangenen Zauber wieder heraufbeschwören. Trugbild? Möglicherweise. Aber welche Bilder betrügen mich nicht, welche erzählen mir schon die ganze Wahrheit – oder das, was ich dafür halte?

„Wo kämen wir hin“, mag andererseits mancher mit Recht fragen, „wenn jeder sich nach Pippi-Langstrumpf-Art die Welt machte, wie sie ihm gefällt?“ Ja, gute Frage! Wo kämen wir hin? Auf geradem Wege ins uferlose Chaos, wie mancher es uns gerne prophezeien möchte, ohne uns mit Details über das unweigerlich zu erwartende Übel zu verschonen? In den luftleeren Raum, ins Bodenlose? Oder doch vielleicht in eine schönere Welt, eine menschlichere? Wir wissen es nicht, denn es besteht keine Gefahr, dorthin zu kommen, da es nie dazu kommen wird, dass „jeder“ dies in die Tat umsetzt. Weil jenen, die es wagen, viele andere gegenüberstehen, die dies schlicht nicht wollen. Oder wieder andere, die es gerne wollten, aber nie die Kraft und den Mut dazu aufbringen würden. Und deshalb wird unsere Gesellschaft die übrige Handvoll „Spinner“ und „Phantasten“auch weiterhin aushalten, ohne dass ihr Gefüge deshalb Schaden nimmt.
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Aber ich wollte von gestohlenen Stunden erzählen. Von Spaziergängen im schönsten Dezemberlicht. Ein goldener, lichtgefluteter Sonntagnachmittag auf dem Maulbronner Klosterberg, – Zauber der stillen Winterwege. Besuch bei der 250-jährigen Linde, die viele meiner geliebten Dichter noch auf ihren Spaziergängen sah. Sahen sie auch ihn? Gewahrte der junge Hölderlin den damals jungen, wohl noch sehr unscheinbaren Baum? Wie nahm der Baumfreund Hesse die einst 100-jährige Linde wahr? Wir wissen es nicht, können es nur ahnen.

Staunen beim näheren Hinsehen: Das Laub ist vollständig gefallen, hat zarte Knospen an kleinen, aus der zerfurchten Rinde ragenden Zweigen freigelegt, die den alten Riesen außer von versunkenen Zeiten auch vom künftigen Frühling erzählen und so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft entstehen lassen. Doch was ist die Gegenwart, und was sind zurückliegende und kommende Zeiten anderes als eine Aneinanderreihung von Augenblicken?

Sich sodann mit Einbruch der Dämmerung ins Innere der Mauern begeben,während der Stunde „zwischen Tag und Traum“, die allem, was sich in ihr zuträgt, besonderen Glanz verleiht. Auch dieser flüchtig, gewiss. Unaufdringlich auch, was seine Erscheinung zu einer angenehmen macht.

Beim Stöbern im Buchladen fand ich jenen kleinen Literaturfreund, zwischen den Regalen am Boden sitzend, selbstvergessen in seine Lektüre vertieft, sich eigene Geschichten „vorlesend“, die sich wohl mit dem eigentlichen Inhalt des Buches messen konnten, wenn sie ihn nicht gar übertrafen. Liebgewordener Satz, der während der Arbeit mit Kindern oft fällt: „Du sollst vor-le-sen!!!“ Gesammelte Hoffnungsfunken, Augenblicke, in denen das Hinforteilen der Zeit – wohl nicht anzuhalten, dies wäre sicherlich zu viel verlangt, aber zumindest – innezuhalten scheint.

Möge uns in diesem Sinne mancher Zauber dieser und künftiger Tage wenigstens immer wieder für Augenblicke gegenwärtig sein, möge dann und wann ein Schein durch das Schlüsselloch auf unseren – mal mehr, mal weniger – dunklen Erdenweg fallen!Mit allen guten Wünschen für die kommenden Festtage und das Neue Jahr…

Eure Bettine

Copyright: Bettina Johl (2013)
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Ein Kommentar

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Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe II)

IV

 

In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Friedrich Hölderlin

(Aus: Der Neckar)

 

*

 

Dein Philosophenfreund sagt, er habe bereits beim Lesen dieser Zeilen das Gefühl gehabt, nach Hause zu kommen, und dir geht es ähnlich, du hast es nie zuvor so stark empfunden wie gerade jetzt, und du fragst dich, woran es liegen mag.

Das Frühstückszimmer mit Blick auf Kanal und Fluss, ihr beobachtet Graureiher in ihrem majestätischen Flug, farbenfrohe Nilgänse und die pfiffig aussehenden Kormorane mit ihren Tauchkünsten, wettet darüber, wie lange sie unter Wasser bleiben und an welcher Stelle sie zu welchem Zeitpunkt wieder auftauchen würden. Unterdessen turnen Kohlmeisen vor dem Fenster in den Ästen herum; ihr hört in der Frühe ihren Gesang, sobald ihr euch überwunden habt, das Fenster zu öffnen und der frostigen Morgenluft Einlass zu gewähren. „Die Meisen singen, – es wird bald Frühling!“, sagst du, wider besseres Wissen.

Ab und zu ziehen Binnenschiffe durch den Kanal; ihrer sind mehr, als du um diese Jahreszeit erwartet hättest. „Schau sie dir an, sie sind gewachsen!“, sagst du im Scherz, wirkten sie doch am mächtigen Rhein, wo ihr euch einst kennenlerntet, bedeutend kleiner.

Die Wirtsleute sind freundlich, auch wenn ihr euch sehr bald mit schwäbischen Eigenarten konfrontiert seht. „Keine Kühltaschen im Frühstücksraum, kein Mitnehmen von Frühstücksbrötchen erwünscht!“, so ist es einem am Empfang angebrachten Schild zu entnehmen. Schützt man sich hier einfach nur vor einer – nicht nur den Schwaben unterstellten – Hamstermentalität? Dein Philosophenfreund liest und staunt. Dies reizt dich doch sehr, Schwabenwitze zum Besten zu geben: „Kennst du den mit den Schwaben, die in die Gletscherspalte gefallen sind? – Ruft es von oben herunter: Hier ist die Bergwacht! – Schallt es von unten rauf: Mir gebet nix!“

Frühstück gibt es bis 10 Uhr, keine Minute länger; pünktlich fünf vor zehn wird die Frage gestellt, ob ihr noch etwas vom Buffet wünscht oder ob man abräumen könne, und kurz darauf kommt geräuschvoll und unerbittlich der Staubsauger zum Einsatz. Ihr hingegen habt tatsächlich den Nerv, bis halb elf auszuharren und eure Gespräche fortzusetzen, habt so vieles nachzuholen, handelt euch erstaunte Blicke von hastig aufbrechenden Tischnachbarn ein, liebt es, die Sache auf die Spitze zu treiben, euren letzten und allerletzten Kaffee zu genießen, bevor ihr dann doch fluchtartig das Weite sucht, denn es ist euch ja recht, ihr wollt ja noch etwas haben vom Tag. Eurem Tag.

 

V

 

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom
Von fernen Inseln, wo er geerntet hat;
Wohl möcht‘ auch ich zur Heimat wieder;
Aber was hab‘ ich, wie Leid, geerntet? –

Ihr holden Ufer, die ihr mich auferzogt,
Stillt ihr der Liebe Leiden? ach! gebt ihr mir,
Ihr Wälder meiner Kindheit, wann ich
Komme, die Ruhe noch Einmal wieder?

Friedrich Hölderlin
(Die Heimat)

 

*

 

Welche Spuren werdet ihr noch finden in der kleinen Stadt, die, solange du zurückdenken kannst, stets ihre zehntausend Einwohner hatte, kaum mehr, kaum weniger? Die auch zwischenzeitlich, da völlig ohne Eingemeindungen geblieben, nur wenig an Zuwachs zu verzeichnen hatte.

„Hölderlinstadt“ steht auf der neuen, blauen Tafel am Bahnhof, unter der ihr euch anfangs wiederfandet, auf die ihr freilich kaum achtetet, einer in den Augen des anderen versinkend, alles um euch vergessend. Das Gelände ist dir fremd, der Bahnhof, den du einst kanntest, gibt es nicht mehr. Das Areal wurde längst zweckmäßig überbaut. Keine Ähnlichkeit mit früheren Tagen. Der alte Bau war nicht minder hässlich, aber der Platz davor weitläufiger. Ein schöneres Bahnhofsgebäude stand an diesem Platz, bevor die Fliegerbomben darauf niedergingen; du kennst ihn von alten Postkarten, auf denen auch noch das benachbarte einstige Postgebäude zu sehen ist. Die Schilderungen deines Vaters, Geschichten, die du als Kind nicht oft genug hören konntest, mit jener Neigung zum gruselig Makaberen, die Kindern zuweilen eigen ist: „Und dann sind die Leute aus dem Luftschutzkeller geklettert und haben dumm geguckt, als sie nur noch den freien Himmel und Rauchschwaden über sich gesehen haben – weg war der Bahnhof!“ „Toll! Papa, erzähl `s nochmal!“

Die „holden Ufer“. Hiervon allerdings könntet ihr noch eine Vorstellung bekommen, dieser Abschnitt des Flusses hat sich einiges von seiner Ursprünglichkeit bewahren können. Die Respekt gebietenden Stromschnellen, die dem Ort seinen Namen verliehen, sind auf der Höhe der alten Brücke eindrucksvoll zu beobachten. Sie bezeichnen zugleich die Stelle, an welcher der Fluss es vor ein paar Jahrtausenden allzu eilig hatte, keine Lust mehr verspürte, seiner alten Schleife in ihrer vollen Länge zu folgen, den Felsen durchbrach und sich selbst eine Abkürzung schuf.

In der alten Neckarschlinge mit dem ihr verbliebenen Altwasser hat sich indessen eine außergewöhnliche Vegetation herausgebildet. Die Gegend ist ein Paradies für seltenere Vogelarten, Wasservögel insbesondere. Der Wald am ehemaligen Uferprallhang ist nicht groß, ein schmaler Streifen im Grunde nur, den dein Dichter mit „den Wäldern meiner Kindheit“ nicht gemeint haben kann, da er seine weiteren Kinder- und Jugendjahre in Nürtingen verbrachte. Dorthin zog er im Alter von nur vier Jahren, nach dem frühen Tod seines Vaters, mit seiner Mutter und seinem neuen, ebenfalls sehr geschätzten und geliebten Stiefvater, der dort Bürgermeister war. Sein neuer Wohnort, an dem er alsbald auf Streifzüge ging, die ihn auch in die umliegenden Wälder führten. Es ist die Rede von einem Lieblingsplatz in der Nähe des sagenumwobenen Ulrichsteins, an den er sich gern zurückzog, allein oder manchmal auch mit seinem jüngeren Bruder Karl, um diesem vorzulesen. Orte, die du selbst nur vom Lesen und Hörensagen kennst. Dies hier ist hingegen „dein“ Wald, der „Wald deiner Kindheit“, den du zuerst mit diesem Begriff in Verbindung bringst. Vielfältig hast du ihn durchstreift, tust es oft in nächtlichen Träumen noch, und manchmal stiehlst du dich heimlich zu ihm hin. Hier lässt sich manchmal mehr Wild beobachten als irgendwo sonst, da die Tiere sich nur in wenige Winkel zurückziehen können. Häufiger als anderswo kreuzen Reh und Hase den Weg, und im letzten Frühjahr konntest du mitten auf einem grasüberwachsenen Weg zwei kleine Jungfüchse beim Spielen beobachten. Sie waren vielleicht zehn Meter entfernt und bemerkten dich lange Zeit überhaupt nicht. Du weißt es: solches Glück ist uns – wenn je im Leben – nur sehr selten beschieden.

Im März sind die Böschungen von kleinen blauen und vereinzelt auch weißen Sternen übersät: Wildwachsende Scilla – auch Blaustern genannt –, eine frühblühende Blumenart, die nicht überall zu finden ist, weil sie wohl diese besonderen Bodenverhältnisse benötigt. Für dich gehörte sie wie selbstverständlich zum Frühling. Als Kinder pflücktet ihr sie gedankenlos, schien sie euch doch so zahlreich vorhanden, aber viele Menschen kennen sie nicht, allenfalls ihre kultivierte Verwandte in Parks und Gärten, welche sich jedoch nicht annähernd mit ihr vergleichen lässt. Erst als du für längere Zeit in anderen Gegenden lebtest, merktest du zunehmend, dass etwas am Frühling seit längerem nicht stimmte, verkehrt war, dass etwas Entscheidendes fehlte. Dieses besondere Blau, welches erst ins Auge fällt, wenn dein Blick länger auf den blassen Grün-, Braun- und Grautönen der noch vom ausklingenden Winter kündenden Wiese verweilt. Im Wechsel von Licht- und Schattenspiel der Frühlingssonne in den noch unbelaubten Erlen und Weiden blitzt es plötzlich hier und da vereinzelt auf, – bis die Böschungen jäh von einem blauen Zauberteppich überzogen leuchten, der alles wandelt. Der Märchenwald ist eröffnet, das Stück spielt nur für dich. Selbst der Gesang der Vögel klingt verändert, scheint unbekannten Traumsphären zu entsteigen. Zu Störenfrieden werden kurzzeitig andere Spaziergänger, Jogger und Radfahrer. Aber auch sie schaffen es merkwürdigerweise nicht, dir die Stimmung zu verderben. Du siehst sie vorbeihasten, freundlich grüßend oder stumm. Sie gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie sehen es nicht. Für sie ist der Wald wie immer. Auf die wenigen, die es hingegen wahrnehmen, die sich in derselben Dimension bewegen, triffst du selten. Sie suchen die Zurückgezogenheit, möchten mit all dem allein sein, – wie du.

Für all dies jedoch ist es noch zu früh. Noch ist Winter. Bisher spürtet ihr ihn kaum, ihr hattet eure eigene Jahreszeit eröffnet. Ihr wollt nun zu eurem Dichter; dies erfordert doch einiges Sich-Überwinden angesichts der klirrenden Kälte – und das Überqueren des Flusses über die eisglatte Bogenbrücke. Hinaus in die schneidende Winterluft; es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung, so heißt es. Eine Ansicht, die nicht alle zu teilen scheinen. Ihr trefft draußen auf nur wenige, ebenso unkenntlich vermummte Gestalten. Das Museum öffnet erst am Nachmittag; ihr seid zu früh und erkundet einstweilen den als „Dorf“ bezeichneten älteren Teil der Stadt auf der anderen Seite des Neckars, gegenüber dem „Städtle“, wo ihr untergebracht seid. Das „Dorf“ sei immer der bedeutendere Teil von beiden geblieben, liest du später; beide Stadtteile bildeten überhaupt erst ab dem frühen letzten Jahrhundert einen Gemeindeverband, sollen aber lange davor bereits eine gemeinsame Kasse verwaltet haben. Dies war gewiss nur mit schwäbischer Disziplin durchzuhalten!

Ihr erklimmt die steilen Gassen zur Kirche hinauf. Über eine von ihnen führt vom erhöht liegenden Kirchhof eine kleine Brücke zum Eingang des Pfarrhauses auf der anderen Seite. Du erinnerst dich, sie in der Konfirmandenzeit oft überquert zu haben. „Unser Pfarrer“, erzählst du, „machte sich und uns keine großen Umstände. Er sagte: ‚Lernt den Katechismus und wenn ihr etwas auswendig könnt, kommt ihr einfach vorbei und sagt es mir auf.‘ Und so hielten wir es, gingen hin und wieder nachmittags beim Pfarrer vorbei, hielten Kaffeeplausch, sagten unsere Verse auf, bekamen das entsprechende Häkchen auf unserer Liste – und für den Rückweg meist noch ein paar Gemeindeblättchen zum Austragen mit. Auf diese Weise war das Konfirmandenleben für beide Seiten gut auszuhalten.“ Mehr Sorgen hatten dir die Hausbesuche bereitet, die jener Pfarrer im Konfirmandenunterricht angekündigt hatte, dann aber zum Glück doch nie durchführte, weil er viel zu beschäftigt war und keine Zeit dazu fand. Wie er genüsslich erzählte, pflegte er bei solchen Gelegenheiten gern beiläufig nach der Familienbibel zu fragen, sie aus dem Bücherschrank zu nehmen und darin zu blättern. An der daraus aufsteigenden Staubwolke ließe sich dann sehr schnell erkennen, wie oft oder selten diese benutzt wurde. Diese Vorstellung genügte, dich in helle Panik zu versetzen, denn nach einer Familienbibel, wenn auch nur zum Zweck, selbige vorsorglich abzustauben und damit dem Verdacht zu entgehen, in einem heidnischen Umfeld aufzuwachsen, hättest du vermutlich erst einmal sehr lange in den Tiefen sämtlicher Bücherschränke suchen müssen. Soviel du wusstest, existierte dort nur eine sehr freie Übersetzung des Neuen Testaments von Jörg Zink, ein Name, dessen Nennung bei Kirchenmenschen der älteren Schule zuweilen bedenkliches Kopfwackeln auszulösen pflegte.

Nun, diese vermeintliche Blamage blieb dir erspart und du konntest diese Tage, die letzten vor deinem Wegzug, noch verhältnismäßig unbeschwert genießen. Im Übrigen zeichnete es diesen Pfarrer – ihm sei an dieser Stelle ein Denkmal gesetzt – aus, dass er sich grundsätzlich für alles interessierte, womit seine Schäfchen sich beschäftigten. So war er stets mitten unter ihnen als einer von ihnen. Er liebte Sportfeste und war ein großer Pferdefreund. Wenn ein Reitturnier stattfand, ging es Sonntagfrüh hinaus aufs weit entlegene Reitgelände und dort wurde unter freiem Himmel Gottesdienst für Pferd und Mensch abgehalten. Er selbst blieb oft noch lange dort, sah sich mit Vergnügen die Wettbewerbe an, setzte sich mit den Leuten in lockerer Runde zusammen – und zugleich setzte er sich mit ihnen und ihrem jeweiligen Schicksal auseinander, teilte Freud und Leid mit ihnen. Leider war ihm kein langes irdisches Leben mehr vergönnt; jemand erzählte vor Jahren, er sei bereits kurz nach Eintritt in den Ruhestand verstorben und liege auf dem hiesigen Friedhof begraben.

Du selbst warst ja lange nicht hier, hattest den Bezug zu allem verloren, triffst auch heute nahezu auf keine bekannten Gesichter, – am ehesten noch auf diejenigen, die du lieber nicht kenntest, aber wer kann sich das aussuchen? Du bist immer eigene Wege gegangen und tust dies auch jetzt wieder. Und wenn du in diese Stadt zurückgekehrt bist, dann um des Dichters und deines geliebten Freundes Willen, der wie du auf dessen Spuren ist, der ihn dir unerwartet wieder nahebrachte. Der dir Verse ins Gedächtnis zurückrief, die du einst zwar gelesen, aber inzwischen längst vergessen hattest. Und auch viele, die du noch nicht kanntest, so dass du dir den einzigen Gedichtband, der eher ein Alibi-Dasein in deinem Regal fristete, wieder vornahmst und stauntest über den neu gewonnenen Reichtum dieser Verse und darüber, wie vieles davon mit euch zu tun hat.

Die Kirche, in spätgotischer Zeit errichtet, nachdem eine Vorgängerkirche durch Blitzschlag abgebrannt war, wie es eine Schrift an der Wand in alter Sprache und schwer lesbaren, verschnörkelten Buchstaben schildert, umfängt euch mit der besonderen Stille und Würde, die solch ursprünglich alten Gemäuern oft noch innewohnt. Du erinnerst dich an sehr schöne, feierliche Christmettgottesdienste, die – wie es sich gehört, findest du – wirklich noch zur Mitternacht gehalten wurden, nicht, wie heute fast allerorten, bereits um 10 Uhr abends. Warum dies eigentlich? Weil es jeder eilig hat, zurückzukehren zu Punschglas und Geschenkwahnsinn? Ob sich diese Tradition der Mitternachtsmette wenigstens hier erhalten hat? Es wäre wohl eine Erkundung wert.

Aber die Weihnachtszeit ist soeben vorüber. Hier für künftige Tage die Zelte aufschlagen? Wäre dies eine Option? Ihr seid Teil des Schweigens an diesem Ort, eure Gedanken jedoch gehen in ähnliche Richtungen.

 

VI

 

Seliges Land! kein Hügel in dir wächst ohne den Weinstock,
Nieder ins schwellende Gras regnet im Herbste das Obst.
Fröhlich baden im Strome den Fuß die glühenden Berge,
Kränze von Zweigen und Moos kühlen ihr sonniges Haupt.

Friedrich Hölderlin

(Aus: Der Wanderer, 1. Fassung;
Inschrift des Hölderlin-Denkmals in Lauffen am Neckar)

 

*

 

Das Museum, in dem ihr fündig zu werden hofft, ist klein, – zu klein, wie ihr meint, für einen Dichter seiner Größe! – und liegt auf dem ehemaligen Klostergelände. Dort entstand um das einstige Frauenkloster eines Dominikanerordens eine eigene Siedlung, die den Namen „Zur Brücken“ getragen haben soll, welche später dann schlicht „Dörfle“ genannt wurde. Der Vater des Dichters war Klosterhofmeister, zu einer Zeit, da es längst nur noch um die Verwaltung von Gütern ging. Nonnen lebten dort schon seit zweihundert Jahren keine mehr; unmittelbar nach der Reformation wurden keine Novizinnen mehr aufgenommen. In deren weiterem Verlauf ergab es sich, dass aufgelöste Frauenklöster zu Wirtschaftsgütern, die Mönchsklöster hingegen – wie das berühmte Maulbronn – zu theologischen Bildungsstätten für angehende protestantische Pfarrer umgewandelt wurden.

Vom Kloster selbst sind nur noch Teile des Kreuzganges erhalten, die inzwischen nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz stehen. Die ehemalige Kirche, welche heute das Museum beherbergt, wurde erst in späteren Tagen neu aufgebaut. Sie wurde zu der Zeit, in die deine Erinnerung zurückreicht, noch als solche für die katholische Gemeinde genutzt, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus zugewanderten Menschen bildete, die geflüchtet oder aus ihrer Heimat vertrieben waren.

Um zum Museum zu gelangen, gilt es, die Bahnlinie zu unterqueren, die es zu Dichters Kindertagen freilich noch nicht gab. Immerhin fiel die Erfindung der Eisenbahn selbst noch in dessen späte Jahre; fraglich allerdings, ob er davon noch etwas mitbekommen hatte. Wo die Straße zum Klosterhof abzweigt, hat man einen Kreisverkehr angelegt und in dessen Mitte mit einem monströs anmutenden Kunstwerk eurem Dichter ein modernes Denkmal gesetzt.

Ihr betrachtet es staunend, es wird ein wenig dauern, bis es sich euch völlig erschließen wird. Was um Himmels Willen soll der tote Hirsch, auf dem in aufreizend despotischer Haltung eine Figur steht, die offensichtlich den einstigen Herzog Carl Eugen von Württemberg vorstellen soll? Und was tut hier Nietzsche auf dem Fahrrad mit einer Rose in der Hand? Es ist keine Rose, wirst du später erfahren, vielmehr ein Thyrsosstab aus der griechischen Mythologie. Er steht für die Verbindung Nietzsches, der den Dichter sehr verehrte, zum Dionysischen, das Glück im Diesseits Suchenden. Der Hirsch, so erfährst du, wurde nicht etwa von irritierten Verkehrsteilnehmern überfahren, die vor lauter Kunstwerkbetrachtung einen Wildwechsel nicht bemerkten, sondern ist Symbol für das einst geknechtete Württemberg und die unterdrückte Gedankenfreiheit. Nur, welcher Autofahrer kann solches auf die Schnelle deuten, ohne ein Verkehrschaos auszulösen?

Das alte Denkmal steht unverändert, wie du es kanntest. Das Bronzerelief, erfahrt ihr später, habe sich einst über der Eingangstür des alten Amtshofes befunden, bevor dieser abgerissen wurde. Es bestehen gewisse Zweifel darüber, ob dieses Gebäude auch das Geburtshaus war. Man zieht hierfür noch ein weiteres, bis heute erhaltenes Haus in der Nachbarschaft in Betracht, welches im Besitz der Familie und noch für einige Jahre Witwensitz der Mutter war. Dorthin musste früher zeitweilig ausgewichen werden, wenn der herzogliche Hof zum Fischen – zur sogenannten „Seefischete“ – an den künstlich angelegten Seen in der alten Neckarschleife vor Ort war und mehr Platz für die Seinen beanspruchte, als vermutlich für die dort Ansässigen erträglich war. Es heißt übrigens, damals sei diese Stadt Hauptlieferant von Fisch für ganz Württemberg gewesen. Heute kaum vorstellbar!

Die unter dem Relief angebrachten Verse aus dem „Wanderer“ beziehen sich in ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelesen wohl eher auf die Gegend des Rheins, lassen sich jedoch auf das Land am Neckar durchaus übertragen, wenn auch dein Philosophenfreund vom Rhein es nicht lassen kann, zu spotten, es könne hier von „Bergen“ ja wohl kaum die Rede sein. Nun wieder hier am Denkmal stehen, diesmal mit einem Menschen an der Seite, dem dies etwas bedeutet, mit ihm deine Empfindungen teilen – das allerdings hat etwas.

Ein älterer Herr öffnet die Museumstür, fragt, wofür ihr euch interessiert. Zu eurem Dichter wollt ihr. „Ha noh“, meint er, „do müsset Se awr au tätich werda!“ Tätig werden? „Jo, do hat’s Schublada zum Nausziaga und so Sacha!“ Tätig werden! Warum nicht? Ihr stürzt euch, ohne abzuwarten, in das bezeichnete Zimmer, schwelgt darin, zerlegt es halb. Später werdet ihr bei der Spendenkasse ein Schild mit der Warnung lesen: „Im Hölderlin-Zimmer ist eine Webcam installiert!“ Zu spät. Ihr lacht. Solange ihr wiederkommen dürft!

Die Ausstellung teilt sich auf in die Schwerpunkte „Werden“, „Schreiben“ und „Wirken“. Auch hier klärt sich die Frage nach dem Geburtshaus nicht; es lässt sich nicht genau ermitteln, wo sich die Familie am 20. März 1770 nun genau aufhielt. Von einer Einquartierung der angelwütigen herzoglichen Gesellschaft gibt es zu diesem Datum jedenfalls keine Belege. So entnimmst du dies jedenfalls einer Niederschrift über die Familie des Dichters, die, wie du feststellst, einer deiner ehemaligen Lehrer verfasst hat. Ach ja! Er war schon früher im Stadtarchiv tätig, inzwischen ist er sicher pensioniert und umso unermüdlicher mit seinem Steckenpferd Heimatgeschichte beschäftigt. Er dürfte der Einzige gewesen sein, der euch in der Schulzeit manchmal etwas von Hölderlin erzählte; du erinnerst dich, dass man dafür im eigentlichen Fach Englisch nicht allzu viel bei ihm lernte, eben weil er stets und gern abschweifte und Geschichten aus der Gegend zum Besten gab. So ist es nun einmal. Was bleibt, steht oft in keinem Lehrplan.

Wenige Schritte die Straße bergauf sind es zu dem noch erhaltenen Wohnhaus der Familie. Es steht leer, macht einen heruntergekommenen Eindruck. Dein Philosophenfreund ist entsetzt. So etwas müsse man sich einmal in Weimar vorstellen! Du warst bislang noch nie in Weimar, wundertest dich über mancherlei Merkwürdiges, das du nur vom Hörensagen kennst. Dass man, als die Stadt vor wenigen Jahren Kulturhauptstadt wurde, ein Duplikat von Goethes Gartenhaus baute, welches hernach von mehr Besuchern aufgesucht wurde als das Original. Verrückte Welt. Aber auch zur Zeit Goethes schien man sich dort auf viel eitlen Pomp und schönen Schein verstanden zu haben. Die Aura Goethes hingegen überstrahlte die gesamte Epoche, ließ viele dichterisch befähigte Zeitgenossen zu Unrecht ein Schattendasein fristen. Dir ist bewusst, dass man eurem Dichter hier auf ganz andere Weise gerecht werden müsste, abgesehen von jener Kunst im Kreisverkehr, welche eben diese Dominanz Goethes – durch dessen herunter gehaltenen Daumen im Deuten auf Hölderlin – auf geradezu vulgäre Weise anschaulich werden lässt, sich jedoch nur dem Betrachter erschließen will, der sie etliche Male umrundet. Fahrenderweise könnte solches dazu führen, angehalten und auf den Promillegehalt des Blutes hin kontrolliert zu werden. Erzähle einmal einem Polizisten glaubhaft, du habest lediglich den Versuch unternommen, Hölderlin zu verstehen! Ihr selbst werdet das Gebilde schließlich zu Fuß erkunden – und dabei mehrfach riskieren, überfahren zu werden. Aber erst an eurem letzten Tag.

Die Kälte ist unerträglich, dringt durch jede noch so gut gepolsterte Winterkleidung, lässt alle Knochen mürbe werden. Der Anblick des verlassenen Dichterhauses macht es nicht besser; es beginnt auch schon wieder dunkel zu werden. Ihr macht euch auf den Rückweg, folgt an der alten Ölmühle dem Lauf der Zaber zum Neckar. Zusätzliche Eiseskälte steigt vom Fluss auf; es sind kaum Wasservögel zu sehen, außer einer einsamen Hausgans. Womöglich flüchtete sie letztes Jahr rechtzeitig vor dem Schicksal, als Weihnachtsbraten zu enden, sagte sich: Lieber ein gefährliches, unbequemes, aber freies Leben, als im warmen Stall dem sicheren Ende entgegensehen. Sie hat eine Verbündete in dir.

Ihr findet ein Restaurant, „Lichtburg“ genannt, nach einem Kino, das sich früher in dem selbigen Haus befunden haben muss. Du müsstest deinen Vater fragen, er kann sich sicher noch daran erinnern. Für zwei halb Erfrorene, die ihr seid, lässt es sich dort gut aushalten. Als die Lebensgeister bei einem ordentlichen Abendessen zurückkehren, entschließt ihr euch, zunächst einmal auf den Rat des emsigen Schaffners zu hören. Morgen also nach Tübingen – vielleicht findet ihr euren Dichter dort.

© Bettina Johl

Zur ersten Leseprobe

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Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe)

Bild

I


Nur Einen Sommer gönnt, Ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Friedrich Hölderlin
(An die Parzen)

 

*

Mancher Sommer will im Winter begonnen sein. Ihr werdet nicht gefragt. Ungewöhnlich: Die Stadt, die du dein Leben lang kennst, die sich jedoch in all jenen Jahren selten so winterlich zeigte, präsentiert sich heute nun im weißen Schneegewand, so dass sie dir beinahe fremd erscheinen will. Aber so soll es ja sein. Schließlich bist du erstmals zu Gast in ihr, siehst sie zum ersten Mal mit den Augen einer Außenstehenden, einer Fremden. Es gilt, aus dem Kreis heraustreten und sich von der anderen Seite anzunähern, um zum Wesentlichen vorzudringen, anders geht es nicht.

Es ist deine Stadt, wie auch die eures Dichters, auf dessen Spuren ihr euch begeben wollt. Die Stadt, in der du – wie jener – geboren bist, nahezu an derselben Stelle, aber dies ist weder dein Verdienst, noch dass es sich hierbei um einen besonderen Umstand handelt. Jener Platz findet sich nahezu malerisch gelegen, von steilen Weinbergterrassen überragt am jenseitigen Ufer des Flüsschens Zaber, das dort seine wenigen letzten Meter zurücklegt, bevor es sich hinter der Alten Ölmühle mit dem Neckar vereinigt. „Dörfle“ nannte sich diese Ansiedlung von alters her, schlicht und liebevoll, unter Verwendung der schwäbischen Verkleinerungsform, in Unterscheidung zu den beiden bedeutenderen Ortsteilen „Städtle“ und „Dorf“. Dort begann alles – für ihn wie für dich – auf dem Areal eines alten Klosteramtshofes mit wechselvoller Geschichte. Dasselbe Gebäude war es allerdings nicht; dieses fiel, ungeachtet zahlreicher Proteste, dem Abriss anheim. Es fand zwischen den Weltkriegen einen Nachfolgebau, ein Jagdhaus, das allerdings nicht lange erhalten blieb, bis man in jüngeren Tagen an dessen Stelle ein Krankenhaus errichtete, welches seinerseits später durch den Neubau eines Seniorenheims abgelöst wurde. Das alte Krankenhaus, in dem zu der Zeit, als es dort noch eine Entbindungsstation gab, außer dir selbst noch weit mehr Kinder der Stadt das Licht der Welt erblickt hatten. Nichts also, worauf sich etwas einzubilden wäre. Das gemeinsame Schicksal, dass man euer jeweiliges Geburtshaus dem Erdboden gleichmachte, ihr tragt es zu mehreren.

Du bist hier aufgewachsen, anders als er, der Dichter, der die Stadt der Chronik zufolge bereits in frühen Kindertagen verließ, keine Schule hier besuchte. „Ach! wäre ich nie in eure Schulen gegangen…“, wirst du im Hyperion lesen und es auf deine Weise nachvollziehen können. Nahezu alle Schulen der Stadt tragen bis heute seinen Namen, wirklich nahegebracht wurde er euch nie. Euch, die ihr hier aufgewachsen seid, als sei der Ort ein beliebiger, austauschbar mit jedem beliebigen anderen. Der Dichter, das lag schon so lange zurück, weit weg, in einer Zeit, zu der euch und wohl auch vielen eurer Lehrer Zugang und Vorstellungskraft fehlten, und ihr glaubtet nicht, dass er euch etwas zu sagen haben könnte.

Du selbst warst stets gespalten, er schien dir fremd und doch fühltest du dich auf magische Weise von ihm angezogen. Der Weg zum Krankenhaus, den du in den Jahren des Heranwachsens noch öfter beklommen antreten musstest, um Blessuren aller Art behandeln zu lassen, die man sich im Schulalter bei Stürzen von Fahrrädern oder auch Pferden hin und wieder zuzuziehen pflegt. Er führte durch einen kleinen Park, in dem das Hölderlin-Denkmal, ein altes Bronzerelief in einer halbrunden Mauer, noch heute zu finden ist, und du hast einen Abstecher dorthin nie versäumt; wohl auch stets, um Zeit zu gewinnen und möglicherweise, bei deinem augenscheinlich angeborenen Horror vor weißen Arztkitteln, insgeheim deinen Dichter stumm um Beistand zu ersuchen. Ob er hierfür der Richtige war? Du konntest es beim besten Willen nicht feststellen, auch mit der größten Einbildungskraft – und die hattest du! – war ihm nicht der geringste Ansatz eines Augenzwinkerns abzulocken. Seine Augen blickten stets verträumt in die Ferne, er schien entrückt, weit weg, nicht von dieser Welt. Aber gerade dies schien dir seltsam vertraut, ließ ihn dir auf eigenartige Weise sehr nahe sein.

Nun bist du also wieder hier – und in Kürze wird sich ein Freund der Dichter und Philosophen einfinden, der diese Stätte noch nie betreten hat. Welcher nicht – wie du – vom Neckar stammt, jenem Fluss, der zwar durchaus seine Eigenwilligkeiten aufweist, auch hin und wieder über seine Ufer tritt, sich dann aber doch immer wieder in sein Flussbett – und damit in seine ihm gesetzten Grenzen – einfindet. Stattdessen vom „erhabenen“ Rhein, und somit, wie es sich wohl in diesem Falle gehört, in anderen Dimensionen denkend unterwegs. Die halbe Welt hat er wohl bereist, es sei ihm gegönnt. Bedeutende Stätten der Literatur, wie Goethes und Schillers Weimar, kennt er wie seine Westentasche. Darum allerdings beneidest du ihn. An diesem Ort jedoch war er nie. Das ist deine letzte Trumpfkarte, die du aus dem Ärmel ziehen kannst. Manch einer muss mit den paar Pfunden wuchern, die er hat. So auch du.

Welcher Ort würde sich besser eignen, sich zu eurem Dichter auf den Weg zu machen? Zu ihm, der nur von wenigen Menschen seiner Zeit verstanden wurde, der nun aber gerade euch in den letzten Tagen immer wieder überraschend begegnete, euch begleitete, euch zunehmend mehr zu sagen hatte? Neugierig wie ihr seid, findet ihr euch nun ein in der winterlich verschneiten Stadt, um mit neuen Augen hinzusehen und mit anderen Ohren hinzuhören.

 

II

 

„Wir sind nichts; was wir suchen ist alles.“

Friedrich Hölderlin
(Aus: Hyperion, Thalia-Fragment)

 

*

Werdet ihr hier finden, wonach ihr sucht? Ihr, die ihr als Liebende hierher fandet, Liebende mit ungewöhnlicher Geschichte, welche nun auch – so glaubt ihr natürlich, unverbesserlich Literaturverrückte, ihr! – eines außergewöhnlichen Rahmens bedarf? Der Dichter, Vorwand nur? Oder fühltet ihr, dass er tatsächlich etwas mit euch zu tun haben könnte, so dass ihr seinem Ruf gefolgt seid?

Ein kleines Hotel, gepflegt, schöne Zimmer. Eine regelrechte Winterhöhle, um sich darin für gewisse Zeit zu vergraben und für niemanden zu sprechen zu sein.

 

Blick aus dem Fenster über den Kanal auf die verschneite Vogelinsel – unbetretbares Naturschutzgebiet, seit du zurückdenken kannst. Darauf die alte, trutzige Rathausburg, dahinter der eigentliche Fluss, und an dessen gegenüberliegendem Ufer, auf dem Kirchberg, gestützt von imposantem Mauerwerk, die alles überragende, viele Jahrhunderte alte Kirche, die den Namen einer mittelalterlichen Ortsheiligen trägt. Diese sei, so will es die Legende wissen, im frühen Kindesalter von ihrer Amme ermordet und in den Fluss geworfen worden, angeblich aus Rache, die ihren Eltern galt – immer haben die Kinder im wahrsten Sinne alles auszubaden! Fischer zogen sie jedoch drei Tage später – für eine Wasserleiche eher unüblich – mit blühend rosigen Wangen und glücklichem Lächeln aus dem Wasser. Das Ereignis sprach sich in Windeseile herum, erfuhr auf diesem Weg alle denkbaren Ausschmückungen, die Heiligenlegenden eigen sind, und sorgte über lange Zeiten für Pilgerzüge zum steinernen Sarg des wundersamen Mädchens, dessen Gebeine allerdings in den späteren Wirren kriegerischer Auseinandersetzungen im Zuge der Reformation verlorengingen. Eine schaurige Geschichte, die ihr als Kinder mit wohligem Gruseln in euch aufsogt. Ihr versäumtet es bei einem Gang über den Kirchhof nie, euch – notfalls mit Hilfe einer Räuberleiter – an den Gittern zwischen den gotischen Fensterstreben der Regiswindiskapelle hochzuziehen, um einen Blick auf den steinernen Schrein zu erhaschen, welcher bis heute erhalten ist.

Die Kirche wiederum ist es, die aufgrund ihrer Lage und ihres imposanten Aussehens durch ihren mächtigen, rechteckigen Turm mit geschwungener Haube und Laterne stets von weitem ins Auge fällt, aus welcher Richtung man sich auch nähern mag, und die zusammen mit der Burg, dem Fluss und der alten Bogenbrücke dem Ort seine unverwechselbare Erscheinung verleiht.

Du wurdest, wie der Dichter, in ihr getauft und – anders als er – auch dort konfirmiert; es müssen hiervon noch schreckliche Fotos existieren. Aus der Perspektive des entgegengesetzten Ufers hast du sie seltener betrachtet; du hast immer auf der anderen Seite des Flusses gelebt. Auch dies ein Sich-Annähern aus ungewohnter Blickrichtung, was dem Ganzen einen besonderen Zauber verleiht. Der viel beschworene Anfang, dem ein Zauber innewohnt? Dies jedoch war ein anderer Dichter, einer der späteren. Auch er stammt aus der näheren Gegend, auch er steht dir nahe.

Dein Philosophenfreund hingegen als Kenner und Verehrer des großen Goethe, – er begibt sich hier ebenso wie du auf neue, weniger ausgetretene Pfade, so dass ihr beide etwas davon mitnehmen könnt, wenn ihr euch darauf einlassen wollt. Und es ist euer Anfang.

 

III

 

Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr den Künstler höhnt,
Und den tieferen Geist klein und gemein versteht,
Gott vergibt es, doch stört nur
Nie den Frieden der Liebenden.

Friedrich Hölderlin
(Das Unverzeihliche)

 

*

Eine Woche nur für euch, – gestohlene Tage, die restliche Welt bleibt außen vor, hat keinen Zutritt. Das Zimmer mit Blick auf den Fluss wird für kurze Zeit zu eurer Festung. Liebende, ihr, – die ihr euch nur wenige Tage, und doch, wie es euch nun scheint, Ewigkeiten kanntet, kaum je berührt hattet; was würde euch erwarten bei dieser ersten, zweiten Begegnung nach so langer Zeit? Bange Frage. Wachsendes Lampenfieber auf beiden Seiten. Die Bahngesellschaft sorgt für Aufschub, der ICE deines Philosophenfreundes hat Verspätung, der Anschlusszug ist weg, der Zugbegleiter schlägt eine alternative Verbindung über die Landeshauptstadt vor, und so kommt es für ihn, den vom Rhein her Angereisten, auch schon zur ersten Begegnung dieser Tage mit dem Schwäbischen: “Waaas? Nooch Laafa? Doo wellet Se noo?! Was wellet Se ‘n doo? Waaas? Zum Hölderlin? Der isch doo nemme, – doo sottet Se besser nach Tübinga fahra, – koa sei, dass er dort noch im Turm drinna hockt und irgendwas z`sammakritzlt!“, meint jener emsige Schaffner und fügt geradezu hellseherisch hinzu: „Frooget Se amol die Leut dort, was die noch vom Hölderlin wisset! Sie werdet seha, do woiß koiner mehr ebbes!“ Na, solches wollt ihr dann doch nicht hoffen! Und nach Tübingen zu fahren, plant ihr ja ohnehin diese Tage noch.

Mit solchen und weiteren köstlichen Reiseanekdoten per Mobiltelefon auf dem Laufenden gehalten, – inzwischen hat dein Philosophenfreund sich glücklicherweise einen Mitreisenden aufgetan, der einst bei Heidegger studierte, was ihm bei angeregtem philosophischen Austausch den Umweg in wochenendbedingt hoffnungslos überfüllten Zügen ein wenig verkürzt – fütterst du unermüdlich die hungrige Parkuhr, um dir den bahnsteignahen Parkplatz zu erhalten. Der Bäcker, bei dem du Geld wechseln willst, hat samstags bereits ab elf Uhr geschlossen; du hattest vergessen, dass hier an Samstagen mittags sprichwörtlich die Gehwege hochgeklappt werden, ebenso wie mittwochs nachmittags, – auch heute noch kaum ein Geschäft, das dann geöffnet hätte. Alles ganz wie früher, aber du findest dies eigentlich sehr erholsam. Entschleunigung.

Versuch, ein offenes Café zu finden – Fehlanzeige! Im Zeitschriftenladen am Bahnhof gibt es zumindest einen Kaffeeautomaten. Hinter dem Tresen wirkt man unfreundlich, ohne es wirklich zu sein, es ist die Mentalität. Auch die Kunden verhalten sich zunächst mürrisch, sind jedoch sofort zu mehreren bereitwillig mit Wechselmünzen behilflich. Einige sind Reisende, warten selbst auf einen Zug, der Verspätung hat, andere auf säumige Ankommende, so wie du. Man schimpft gemeinschaftlich über die Bahngesellschaft: „Do brauchet bloß amol drei Schneeflogga falla und scho fährt koin Zug meh, die kriege des dr Läbadag nemme gebacha!“ Solches verbindet und schafft eine die Altersgruppen übergreifende Solidarität. Du fühlst dich ihnen zugehörig, bist zuhause angekommen. Jedoch ist es im Verkaufsraum kalt und zugig, zum Aufwärmen ist dieser Ort ungeeignet und so ignorierst du schließlich die Parkuhr, die alle halbe Stunde nach Nachschub schreit, und machst dich auf den Weg in die Hauptgeschäftsstraße, die dir schneematschig-grau, leer und verlassen entgegen gähnt. Nach zehn Minuten Suche landest du schließlich bei einem türkischen Döner-Imbiss, dessen Besitzer, ein freundlicher älterer Mann, dir deine zerzauste Verfassung ansieht und erst einmal heißen Tee herbeischafft. Er verschwindet hinter der Theke, an der sichtbar alle Speisen frisch vor- und zubereitet werden und serviert wenig später vorzüglichen Pide mit Fetakäse an den Tisch, nebenbei mit heiterer Gelassenheit eine Gruppe ausgelassen lärmender Jugendlicher betreuend und beschwichtigend, die eine improvisierte Sofaecke mit Beschlag belegt hält. Die gute Stimmung steckt an, du wärmst dich auf, kommst etwas zur Ruhe – den Tee bekommst du noch nicht einmal berechnet – und machst dich gestärkt auf den Rückweg.

Blick auf die Bahnhofsuhr – Schreck! Der Zug müsste planmäßig in fünf Minuten da sein. Es gibt eine neue Verspätungsdurchsage, weitere fünf Minuten, um die Nervosität ins Unermessliche wachsen zu lassen. Wochenlang E-Mails ausgetauscht, heimlich telefoniert, euch diesen Augenblick herbeigesehnt, jeden Tag, jede Stunde, Minute, Sekunde darauf hingelebt, hingefiebert, – aber würde die Realität dem standhalten? Ihr glaubtet fest daran, habt nie wirklich gezweifelt. Aber etwas befangen seid ihr doch.

Dann kommt die rote Diesellok in Sicht, sich aus südlicher Richtung nähernd. Sehr viel Bewegung auf dem engen Bahnsteig, die sich jedoch schnell wieder verlaufen hat, – und es gibt nur noch euch, ihr liegt euch in den Armen, – und alles ist gut und richtig und hätte nie anders sein können.

Noch später werdet ihr oft daran denken, an die ersten Minuten, als die allerletzten Zweifel und Ängste sich in nichts auflösten, ihr ausgelassen wie die Kinder die Unterführung durch- und den Vorplatz überquertet, immer wieder stehenbleibend, euch vorsichtig berührend, wie um festzustellen, dass ihr wirklich seid – und nicht womöglich im Begriff, euch gleich wieder in Nichts aufzulösen. Ineinander versunken, die Fahrt über die verschneite Brücke zu eurem selbst erwählten Refugium, in das ihr euch vergrabt wie die Räuber in ihre Höhle, um in Ruhe die überreich erbeuteten Schätze zu zählen – und sich zu fühlen wie Könige. Oder wie Götter.

Wie es euer Dichter sagt:

„Einmal lebt ich, wie Götter, mehr bedarf ’s nicht.“

 

© Bettina Johl (Exklusive Leseprobe – Romananfang „Holunderblüten“)

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Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

In der alten Neckarschlinge mit dem ihr verbliebenen Altwasser hat sich indessen eine außergewöhnliche Vegetation herausgebildet. Die Gegend ist ein Paradies für seltenere Vogelarten, Wasservögel insbesondere. Der Wald am ehemaligen Uferprallhang ist nicht groß, ein schmaler Streifen im Grunde nur, den dein Dichter mit „den Wäldern meiner Kindheit“ nicht gemeint haben kann, da er seine weiteren Kinder- und Jugendjahre in Nürtingen verbrachte. Dorthin zog er im Alter von nur vier Jahren, nach dem frühen Tod seines Vaters, mit seiner Mutter und seinem neuen, ebenfalls sehr geschätzten und geliebten Stiefvater, der dort Bürgermeister war. Sein neuer Wohnort, an dem er alsbald auf Streifzüge ging, die ihn auch in die umliegenden Wälder führten. Es ist die Rede von einem Lieblingsplatz in der Nähe des sagenumwobenen Ulrichsteins, an den er sich gern zurückzog, allein oder manchmal auch mit seinem jüngeren Bruder Karl, um diesem vorzulesen. Orte, die du selbst nur vom Lesen und Hörensagen kennst. Dies hier ist hingegen „dein“ Wald, der „Wald deiner Kindheit“, den du zuerst mit diesem Begriff in Verbindung bringst. Vielfältig hast du ihn durchstreift, tust es oft in nächtlichen Träumen noch, und manchmal stiehlst du dich heimlich zu ihm hin. Hier lässt sich manchmal mehr Wild beobachten als irgendwo sonst, da die Tiere sich nur in wenige Winkel zurückziehen können. Häufiger als anderswo kreuzen Reh und Hase den Weg, und im letzten Frühjahr konntest du mitten auf einem grasüberwachsenen Weg zwei kleine Jungfüchse beim Spielen beobachten. Sie waren vielleicht zehn Meter entfernt und bemerkten dich lange Zeit überhaupt nicht. Du weißt es: solches Glück ist uns – wenn je im Leben – nur sehr selten beschieden.

Im März sind die Böschungen von kleinen blauen und vereinzelt auch weißen Sternen übersät: Wildwachsende Scilla – auch Blaustern genannt –, eine frühblühende Blumenart, die nicht überall zu finden ist, weil sie wohl diese besonderen Bodenverhältnisse benötigt. Für dich gehörte sie wie selbstverständlich zum Frühling. Als Kinder pflücktet ihr sie gedankenlos, schien sie euch doch so zahlreich vorhanden, aber viele Menschen kennen sie nicht, allenfalls ihre kultivierte Verwandte in Parks und Gärten, welche sich jedoch nicht annähernd mit ihr vergleichen lässt. Erst als du für längere Zeit in anderen Gegenden lebtest, merktest du zunehmend, dass etwas am Frühling seit längerem nicht stimmte, verkehrt war, dass etwas Entscheidendes fehlte. Dieses besondere Blau, welches erst ins Auge fällt, wenn dein Blick länger auf den blassen Grün-, Braun- und Grautönen der noch vom ausklingenden Winter kündenden Wiese verweilt. Im Wechsel von Licht- und Schattenspiel der Frühlingssonne in den noch unbelaubten Erlen und Weiden blitzt es plötzlich hier und da vereinzelt auf, – bis die Böschungen jäh von einem blauen Zauberteppich überzogen leuchten, der alles wandelt. Der Märchenwald ist eröffnet, das Stück spielt nur für dich. Selbst der Gesang der Vögel klingt verändert, scheint unbekannten Traumsphären zu entsteigen. Zu Störenfrieden werden kurzzeitig andere Spaziergänger, Jogger und Radfahrer. Aber auch sie schaffen es merkwürdigerweise nicht, dir die Stimmung zu verderben. Du siehst sie vorbeihasten, freundlich grüßend oder stumm. Sie gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie sehen es nicht. Für sie ist der Wald wie immer. Auf die wenigen, die es hingegen wahrnehmen, die sich in derselben Dimension bewegen, triffst du selten. Sie suchen die Zurückgezogenheit, möchten mit all dem allein sein, – wie du.

(Aus: „Holunderblüten“) © Bettina Johl

 

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