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„Der Unnachahmliche“ – Zum 200. Geburtstag von Charles Dickens

English: Detail from photographic portrait of ...

Charles Dickens

Charles Dickens, neben Shakespeare der bekannteste britische Autor der Weltliteratur, gilt in Deutschland zumeist als ein humoristischer Volksschriftsteller mit sozialkritischem Touch, während er in der englischsprachigen Welt in einem Atemzug mit Ibsen, Joyce und Kafka genannt wird. Sein diejähriger 200. Geburtstag am 7. Februar bietet uns die Gelegenheit, seine wahre Bedeutung auch hierzulande neu zu entdecken. Hierzu bieten einige Neuveröffentlichungen reichlich Gelegenheit.

„Der Unnachahmliche“

Da ist zum einen die neu erschienene Dickens-Biographie des Anglisten Hans-Dieter Gelfert, der bereit 2009 zum 200.Geburtstag Edgar Allan Poes eine Biographie vorlegte, die das tradierte Bild des amerikanischen Dichters zurechtzurücken half. In seinem nun vorliegenden Dickens-Porträt widmet sich Gelfert in anschaulichen Kapiteln dem Leben des englischen Schriftstellers, der von seinen Freunden „Der Unnachahmliche“ genannt wurde und diesen Beinamen selbstironisch übernahm, und entwirft darüber hinaus ein Panorama des viktorianischen Zeitalters, in dem Dickens wirkte.

Im Wechsel mit biographischen Abschnitten werden in eigenen Kapiteln alle wichtigen Werke detailliert vorgestellt und interpretiert. Gelfert zeigt, wie Dickens seine traumatische Kindheitserinnerung als zwölfjähriger Hilfsarbeiter in einer Schuhwichsefabrik schriftstellerisch so zu verarbeiten wusste, dass Romane wie „David Copperfield“, „Oliver Twist“ und „Große Erwartungen“ daraus entstanden, in denen sich Menschen gegen eine übermächtige Fremdbestimmung behaupten müssen. Politik und Gesellschaft erscheinen dabei als eine labyrinthische Sphäre totaler Selbstentäußerung. Dieses Gefühl der Entfremdung  ist zum Lebensgefühl der Moderne geworden und Dickens zu einem Vorläufer Kafkas; dies führt den viktorianischen Schriftsteller aus der Welt des 19. Jahrhunderts direkt an unsere Gegenwart heran. Das Adjektiv „Dickensian“ ist in den englischen Wortschatz eingegangen und verweist auf die Armut und soziale Ungerechtigkeit der arbeitenden und besitzlosen Klassen im viktorianischen Zeitalter. Mit seinen Romanen, obwohl sie immer auch Großporträts der gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit sind, erschuf Dickens zugleich einen eigenen Kosmos, seine Romafiguren sind in die britische Alltagsmythologie übergegangen

Dabei wird uns von Gelfert ein Zeit seines Lebens Gehetzter vor Augen geführt, der in seiner Kindheit und Jugend gegen erniedrigende Widrigkeiten ankämpfen muss, sein Vater landet im Schuldgefängnis, er selbst wird ein hart arbeitender Autor, der gleichzeitig an mehreren Geschichten schreibt, auf Lesetour geht, Zeitungen herausgibt, philanthropische Projekte vorantreibt und sich um seine Familie kümmert. Die letzen zehn Jahre wird er sich einen Jugend- und Lebenstraum verwirklichen, indem er jenes Gad’s Hill Place in Kent erwirbt, in dem er dann „Große Erwartungen“, „Unser gemeinsamer Freund“ und bis wenige Stunden vor seinem Tod an seinem Fragment gebliebenen Roman „Das Geheimnis des Edwin Drood“ schreiben und das Rätsel um dessen Verschwinden mit ins Grab nehmen wird.

Hans-Dieter Gelfert gelingt mit seiner Dickens-Biographie eine Neuentdeckung des großen englischen Schriftstellers und zeigt, von welch hohem literarischen Rang dessen Werke sind, die Leser wie Robert Walser, Adorno und Franz Kafka zu begeistern vermochten. So wollte Kafka mit seinem Fragment gebliebenen Roman „Der Verschollene“ ausdrücklich einen „Dickens-Roman schreiben.

Dennoch werden hierzulande die Romane und Geschichten Dickens gerne in die anrüchige Ecke rein kommerzieller Erzählstücke gestellt, dem britischen Autor gerade aus unseren literarischen Elfenbeintürmen das Geldverdienen übel genommen. Es war in der Tat eine Obsession von ihm. Doch wer eigentlich warf dies je Goethe vor, der von seinem Herzog aus Weimar generös auf fast zwei Jahre ein Salär nachgeschickt bekam, als er in Italien durch seine erotischen Schulen lief. Deutsche Dichterbiographien behandeln Geld nur verschämt oder beklagen sein Fehlen. Gelfert bittet beinahe entschuldigend den Leser um Verständnis, dass er so oft auf die Einkünfte rekurriert und betont, dass „Dickens wie kein anderer Autor seiner Zeit seinen Wert zum Höchstpreis auf den Markt brachte.“ Auch hier bleibt er ein zeitlebens Gehetzter, obwohl sein persönliches Leitbild am englischen Landadel orientiert war, an der Gentry, ihm versuchte er so nahe wie möglich zu kommen. Seine großen philanthropischen Unternehmungen müssen auch vor diesem Hintergrund gesehen werden; der englische Gentleman des viktorianischen Zeitalters bringt es zu Wohlstand, der moralisch legitimiert ist.

Große Erwartungen

Die Neuverfilmung des Dickens-Romans „Große Erwartungen“ und seine Ausstrahlung über Weihnachten 2011 wurden in England zum Massenereignis. Millionen Menschen saßen an den Fernsehschirmen und schauten dem Aufstieg und schweren Leben, den sozialen Wirren, dem Fluch des Geldes und dem Auf und Ab des Liebeslebens des Waisenjungen Pip zu. Für die Briten ist Dickens ein Teil ihrer Identität, Shakespeares kleiner Bruder.

Seit dem Spätherbst letzten Jahres liegt eine Neuübersetzung des Romans von Melanie Walz vor, die auch von ihr herausgegeben und mit einem Werk und Entstehung erläuternden und sehr lesenswerten Nachwort versehen ist. Man kann der Übersetzerin nicht genug dafür danken, „eines der größten, der unvergesslichsten Bücher der Welt – Dickens auf konzentrierte Weise vollkommenstes Buch“, wie George Bernhard Shaw befand, so grandios ins Deutsche übersetzt zu haben: einen Roman, der sich ja vor allem durch seine poetische Sprache und eine sorgfältige, hochartifizielle Konstruktion ausweist. Es wäre nur zu wünschen, dass die Neuübersetzung mit dazu beiträgt, den Autor auch bei uns endlich in seiner wahren Bedeutung wahrzunehmen.

Reisender ohne Gewerbe

Wer auf der Suche nach einem Einstieg in die Dickens-Welt ist und sich vorsichtig herantasten möchte, dem sei ein schmaler Band empfohlen, der neu erschienen ist und sieben journalistisch-essayistische Texte versammelt, wiederum vorzüglich übersetzt von Melanie Walz. „Reisender ohne Gewerbe“ heissen diese zum Teil erstmals auf Deutsch veröffentlichten Nacht- und Kabinettstücke voller Spott und tieferer Bedeutung, die einen faszinierenden Blick auf die Beobachtungsgabe und die Sprachkunst des späten Dickens zwischen Tag und Nacht, Wachzustand und Traum zu werfen erlauben.

Denkmäler müssen Dickens nach 200 Jahren nicht mehr errichtet werden. Er verfügte zudem in seinem Testament, dass keines errichtet werden dürfe.  Sein Heimatland hat sich bis auf den heutigen Tag daran gehalten.

Dieter Kaltwasser

Neuerscheinungen:

Hans-Dieter Gelfert: Charles Dickens – Der Unnachahmliche, Eine Biographie, C.H. Beck Verlag 2011, 375 Seiten mit 70 Abbildungen, € 29,95

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Charles Dickens: Große Erwartungen, herausgegeben und neu übersetzt von Melanie Walz, Hanser Verlag 2011, 832 Seiten,  € 34,90

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Charles Dickens: Reisender ohne Gewerbe – Nachtstücke, herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz, C.H. Beck Verlag 2012, 128 Seiten, € 14,95

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Zettel’s Traum – Das Überbuch

Zettelei 1

Sind doch ›Bücher‹ méhr, als nur ein, in unnütz=dünne Scheiben geschnittener Klotz KiefernSchliff : sind ›WeltKnospen an unserer Welt‹!

»Bücher sind ja, irgendwie, MenschnReste -«

»Zettel’s Traum«

„Es wird sich nicht mehr setzen lassen“, klagte Arno Schmidt, als er das Buch 1968 endlich vollendet hatte. So erschien vor nun 40 Jahren „Zettel’s Traum“ als Faksimile und machte den Autor auf einen Schlag berühmt. Dabei erwiesen sich die handschriftlichen Korrekturen, Streichungen und das für den Leser unfreundliche Satzbild der Schreibmaschine neben der komplizierten Struktur des Romans als nur schwer zu überwindende Hürde für die Lektüre. Schon im Typoskript umfasst das wichtigste Buch des Schriftstellers 1334 DIN-A3-Seiten.

Nun ist „Zettel’s Traum“ erstmals als gesetztes Buch erschienen. Mit dem Roman wird die Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts abgeschlossen. Jahrelang mühten sich Setzer, Herausgeber und Korrektoren, das hochkomplexe Layout und die eigentümliche Rechtschreibung des dreispaltigen Romans mit seinen zahlreichen Randglossen in einen lesefreundlichen Schriftsatz zu überführen, ohne den Charakter des „Überbuchs“ zu gefährden oder Eigenheiten zu glätten.

„Was stünde nicht in „Zettel’s Traum?“, fragte Arno Schmidt einmal selbstironisch und selbstbewusst. Der Roman erzählt von der vergeblichen und prekären Liebe zwischen dem alternden Schriftsteller Daniel Pagenstecher, dem Alter Ego des Autors, und der sechzehnjährigen Franziska Jacobi, Tochter des Übersetzer-Ehepaars Paul und Wilma Jacobi.

Diese treffen sich an einem Julitag, von morgens um 4 bis zum nächsten Morgen um 4 in Ödingen, einem fiktiven Ort in der südlichen Lüneburger Heide. Das ist ein großer Erzählstrang des Romans, die beiden anderen befassen sich unter anderem mit Edgar Allan Poe und Sigmund Freud; es wird im Roman nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern vom Erzählen und seinen Voraussetzungen überhaupt gehandelt, schon in der  Eröffnung in Umrissen eine Theorie zur Abbildung unbewusster Wünsche und Zwänge in der Literatur geliefert. Der Leser erfährt, dass über den Klang der Worte oft ganz andere Vorstellungen assoziiert werden, die berühmten „Etym-Effekte“.

Der dozierende Pagenstecher, Schriftsteller und Poe-Fachmann, belehrt sein dreiköpfiges Publikum, von dem sich Paul aufgeschlossen, Wilma ablehnend und Franziska in bald grenzenloser Anbetung verhält. Ein Dauerthema des Romans ist der Voyeurismus, und der gipfelt kurz vor dem Ende sogar darin, dass Daniel (Dän) und Franziska Wilma und Paul beim Sex zusehen. Pagenstecher versucht Franziska davon zu überzeugen, dass die Verwirklichung einer Liebe nur katastrophal enden kann. Er verschwindet, als die Familie Jacobi abreist. Hinter einer Eiche versteckt sieht der alternde Schriftsteller Dän die junge Liebe seines Lebens auf immer davonreisen: „Gehab Dich wohl, Mein=Lieb! Auf hundert Meil’n weit!“

Dieter Kaltwasser

Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV: Das Spätwerk: Band 1: Zettel’s Traum. Suhrkamp Verlag, 1536 S., 298 Euro. Buchpräsentation vom Bonner Buchladen 46 in Zusammenarbeit mit der Arno Schmidt Stiftung Donnerstag, 20 Uhr, im Bonner Kunstverein, Hochstadenring.

Artikel erschien am 17.11.2010 im Bonner General-Anzeiger

http://www.general-anzeiger-bonn.de/lokales/kultur/Zettel-s-Traum-wird-im-Bonner-Kunstverein-vorgestellt-article242274.html

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