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Blühende Gefilde – Hölderlins Tübingen (Aus: „Holunderblüten“, Roman von Bettina Johl)

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Sich der Stadt annähern, von den Höhen des östlichen Schwarzwaldes her, aus dem Tal der Nagold kommend über Calw nach Herrenberg, der Deutschen Fachwerkstraße folgend entlang der Ammer. Das Flüsschen, welches in Tübingen auf den Neckar trifft, entbehrt gerade im Frühling nicht eines gewissen Reizes. Die sanft auslaufenden Hügel gehen in eine offene, als „Heckengäu“ bezeichnete Landschaft über. Obstplantagen, jedoch auch weite Streuobstwiesen, die Kirsch- und Birnbäume in voller Blüte, dazwischen schneeweiß leuchtende Schlehdornhecken. Das Frühjahr ist hier sehr viel weiter fortgeschritten. Malerische Ortschaften, eine Bilderbuchlandschaft. Mit grünen Schindeln gedeckte Kirchturmdächer. Zur Rechten ragt auf einem frei stehenden Hügel die weithin sichtbare Sankt-Remigius-Kapelle zu Wurmlingen, auch Wurmlinger Kapelle genannt, auf, von der euer Dichter zu Tübinger Studienzeiten in einem Brief an seine Schwester Rike schrieb:

Ich werde einen Spaziergang mit Hegel auf die Wurmlinger Kapelle machen, wo die berühmte schöne Aussicht ist.

In der Tat, denkst du, muss die Aussicht von dort einmalig sein, zumal frei in alle Richtungen. Du hoffst, dass dir später noch Zeit für einen Abstecher dorthin bleiben wird.

 

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Tübingen präsentiert sich dir sehr viel anders als noch drei Monate zuvor. Du hast geradezu Mühe, die Stadt wiederzuerkennen. Anlässlich eines soeben stattfindenden Marktes herrscht drangvolle Enge. Lärmende Menschenmassen schieben sich durch die schmalen Gassen, zügiges Vorankommen ist nahezu unmöglich. Du hast kaum ein Auge für die Altstadt, willst so schnell wie möglich zum Turm deines Dichters. An der Neckarbrücke angekommen, traust du deinen Augen kaum: Die Ufermauer, an der jener Pfad den Zwinger entlangführt, auf dem ihr euch im Winter als einzige mehr oder weniger schliddernd zum Turm hin fortbewegtet, ist dicht besetzt mit Menschen, die darauf in Reih und Glied in der Sonne sitzen wie Sperlinge auf dem Draht und dem Treiben der Stocherkähne zusehen. Selbst der Platz vor dem Zugang zum Turm ist belagert, dort stehen vollbelegte Tische und Stühle eines benachbarten Restaurants. Der Eingang zum Haus mutet hingegen schlicht an. Eine Seitentür, die sich eher wie zufällig durch Dagegendrücken öffnen lässt. Du trittst ein – und findest stille, menschenleere Räume vor. Bis auf zwei junge Studentinnen scheint sich niemand außer dir hierher verirrt zu haben. Du kannst es nicht lassen, zu der freundlichen Dame am Empfang zu sagen: „Und ich dachte schon, hier drinnen sei es ebenso überfüllt wie draußen.“ Diese meint lächelnd: „Solches haben wir hier eher nicht zu befürchten!“

Vor dir liegt der lange Gang mit den Steinfliesen, den euer Dichter – wie überliefert ist – alle Tage „mit gewaltigen Schritten durchmessen“ habe; dieser endet an der hinteren Tür, die in ein kleines Gärtchen hinausführt. Rechterhand führt eine Wendeltreppe zum Turmzimmer hinauf. Dorthin zieht es dich zuerst. Du ersteigst die Treppe und betrittst den sonnendurchfluteten, halbrunden Raum. Er ist leer, unmöbliert bis auf zwei Stühle. Zwei der drei hohen, mehrfach unterteilten Doppelfenster zum Neckar und zum Garten hin stehen offen. Auf dem hölzernen Dielenboden eine Vase mit frischen Blumen. Rosarote Tulpen.

 

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Mit der Illusion, hier noch etwas Originales vorzufinden, bist du nicht hergekommen. Chroniken zufolge brannte der Turm 1875 bis auf die Grundmauern ab, nachdem er schon vorher immer wieder Veränderungen durch Umbauarbeiten erfahren hatte. Der jetzige Zustand, sagt man, soll dem Original wieder recht nahe kommen. Schlicht weißgetüncht und schmucklos sei der Raum auch damals gewesen, geht aus Aufzeichnungen von Besuchern des Dichters hervor. Im Hinblick darauf empfindest du es als angenehm, dass auf nachgebildetes Inventar verzichtet wurde und so Raum bleibt für eigene Vorstellungen. Ein Klavier soll es gegeben haben, auf dem er viel improvisierte. Auch ein Sofa, an dem er, als man es ihm ins Zimmer stellte, besondere Freude hatte.

An der einzigen geraden Wand des Raumes: Vier gerahmte Jahreszeiten-Gedichte. Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Das Frühlingsgedicht fällt dir ins Auge:

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

d. 24 April 1839.

mit Untertänigkeit

Scardanelli.  

Alle vier sind unterzeichnet mit Scardanelli, sind späteste Gedichte aus der Turm-Zeit. Der Zugschaffner kommt dir wieder in den Sinn: Das Bild des „kritzelnden“ Dichters im Turm. In der Tat sollen viele dieser Gedichte auf Anfragen von Besuchern im Handumdrehen niedergeschrieben worden sein. Ob sie jedoch tatsächlich just zum jeweiligen Zeitpunkt entstanden oder ob er sie aus seinem Gedächtnis hervorholte, wo er sie seit längerem fertig hütete, – niemand vermag es zu sagen.

 

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Das Panorama vor dem Fenster. Immerhin hieß es einst, man könne aus dem Zimmer „das ganze Neckartal samt dem Steinlacher Tal“ übersehen. Was ist davon übrig? Du öffnest einen der angelehnten Flügel des linken Fensters, schaust hinaus.

Lärm dringt vom Fluss herauf, auf dem die Stocherkähne unterwegs sind. Spektakel für die auf der Ufermauer Sitzenden. Der Blick aus dem mittleren Fenster reicht bis zu den hohen Bäumen auf der Neckarinsel. Fast ein ähnlicher Anblick, wie ihr ihn hattet in eurem kleinen Hotel, nur dass der Fluss hier noch jung ist, schmaler und weniger tief, die Fließrichtung eine andere und die Insel mit ihrer Platanenallee begehbar ist. Vom Tal der Steinlach, die von der Schwäbischen Alb her kommend, unweit hier gegenüber mündet, ist nichts zu sehen; das jenseitige Ufer ist längst zugebaut. Du lehnst dich aus dem rechten Fenster, das auf den terrassenartig angelegten, ebenfalls ans Ufer grenzenden Garten hinaus geht. Wenigstens dieser liegt ruhig, ist nur Besuchern des Museums zugänglich, mag sich noch am ehesten dazu eignen, die Stimmung früherer Zeiten herbeizuzaubern.

Dennoch, – der halbrunde, stille, weitgehend leere Raum verfehlt seine Wirkung nicht. Die Stühle laden dazu ein, sich zu setzen. Anflug von Traurigkeit, plötzlich.

Ein Leben, das nach der ersten Hälfte zu Ende schien, – fortan ein nunmehr reduziertes Dasein, über Jahre auf engsten Raum beschränkt. Als wäre das gleichnamige Gedicht „Hälfte des Lebens“ eine – selbsterfüllende? – Prophezeiung gewesen. Sechsunddreißig Jahre hier zugebracht in weitgehender Abgeschiedenheit.

Am 11. September 1806 brachte ihn ein auf Veranlassung seiner Mutter und seines Freundes Isaac von Sinclair bestellter Wagen von Homburg nach Tübingen ins Autenriethsche Klinikum. Ob Sinclair mit der Betreuung des depressiven Freundes überfordert war oder ob das Ganze gar einen Versuch der Freunde darstellte, in jenen politisch unruhigen Zeiten den wegen seiner Nähe zu revolutionärem Gedankengut verdächtigen Dichter mittels eines ärztlichen Attests vor drohender Inhaftierung zu schützen, bleibt im Dunkeln. Nach dem Klinikaufenthalt jedenfalls war endgültig auf eine Besserung seines Zustandes nicht mehr zu hoffen. Dass die Anstalt zur Behandlung von sogenannten Geisteskrankheiten zu den für die damalige Zeit modernsten und – es widerstrebt dir, das Wort zu verwenden – humansten zählte, die sich immerhin an neuesten Forschungserkenntnissen aus den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika orientierte, macht es nicht besser und mutet wie Hohn an. Beschreibungen der Zwangsmaßnahmen, denen die Insassen ausgesetzt waren, lassen einem das Blut in den Adern gefrieren.

Nach einem halben Jahr entließ man ihn. Diagnose: Unheilbar, aber ungefährlich. Er hatte Glück im Unglück, kam im Hause des belesenen Handwerkers unter, der ihn bei Schreinerarbeiten in der Klinik kennengelernt, im Laufe der Zeit öfter besucht und sein Vertrauen gewonnen hatte. Dem es nach eigenen Worten leid darum war, „daß ein so schöner, herrlicher Geist zu Grund gehen soll“, und der ihn zu sich in fürsorgliche Pflege nahm. Höchstens zwei oder drei Jahre hatte man dem Siebenunddreißigjährigen noch an Lebenserwartung zuerkannt. Zahlendreher: Er sollte ein Alter von dreiundsiebzig Jahren erreichen! Während der gesamten Zeit, heißt es, sei er selten krank gewesen. Nur die Unruhe, – sie hat ihn nicht mehr verlassen.

Rastlos soll er in dem Raum, den du hier auf dich wirken lässt, auf und ab gegangen sein, endlose Selbstgespräche geführt haben. Wenn das ein Zeichen von Wahnsinn ist? Lieber nicht darüber nachdenken!

[…]

Die Bettine, deine Namensvetterin, die du dir inzwischen getreulich hinzuzuziehen getraust, die euren Dichter nie selbst traf, ihn jedoch mit ihrer Sensibilität besser zu verstehen schien, als manch anderer Zeitgenosse, schrieb, bezugnehmend auf die Diskussion, die sich über dessen Wahnsinn entsponnen hatte, freimütig und treffsicher über den Zustand der Gesellschaft, in der beide lebten:

„Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewusst… und das ist unser Wahnsinn.“

 

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Nachdenklich den Raum verlassen. Hinuntergehen. Am Fuß der Treppe geht es rechts zur hinteren Tür. Sie steht offen, führt in den kleinen Garten hinaus. Er wirkt verträumt, könnte früher ähnlich ausgesehen haben. Steinstufen, ein kleines Stück Wiese, Hecken, ein schmaler Kiesweg. Zur Rechten die Stadtmauer, mit wilden Weinreben bewachsen, auf der sich das nächste, darüber liegende Haus anschließt. Hinter einem alten Staketenzaun mit verschlossenem Tor der angrenzende Obstgarten mit teilweise schon blühenden Apfelbäumen. Im Geviert vor dem Zaun ein steinerner Brunnentrog und ein noch recht junger Kastanienbaum, umstanden von kleinen, tiefblauen Traubenhyazinthen.

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Zur Linken führen Stufen hinunter zum Zwinger, der unterhalb des Hauses zwischen dem Turm und der Ufermauer entlang führt. Er muss diesen Weg oft gegangen sein, euer Dichter, zuweilen sehr früh am Morgen. Seine Spaziergänge dehnte er oft über mehrere Stunden aus. Auch dieser Teil des Weges ist bis zur Pforte glücklicherweise nicht öffentlich zugänglich. Ein ruhiger Uferabschnitt zum Atemholen. Im Wasser spiegelndes Sonnenlicht, Trauerweiden in frischem Grün. Die Hausmauer teilweise mit dichtem Efeu bewachsen, eine Büste des Dichters in einer Maueraussparung. Gelb blühende Forsythien, ein Holunderstrauch. Ruhebänke, vereinzelte Tulpenbeete. Dies alles schön und schlicht angelegt, nichts Überladenes. Idyll zum Innehalten.

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Lieber, wärest Du hier – denkst du – könnte ich es mit Dir teilen. Ich musste mir die Frage stellen, ob ich ohne Dich kann. Um zu überleben, musste ich mich dazu durchringen, zu sagen: Ich kann! Es wäre sehr schmerzhaft, sehr traurig, – gewiss! Wie einen Farbfilm in Schwarz-Weiß weiterschauen müssen, weil die Bildröhre im Fernsehgerät kaputt ist. Aber: Ich kann! Die Frage ist, ob ich es will. Und eigentlich will ich es nicht!

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Impuls: Den Rest des Tages einfach weiter hier zu verbringen. Nur sitzen und schauen, eurem Dichter nahe sein. Jedoch: Es treibt dich weiter, wie immer läuft dir die Zeit davon.

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Die Ausstellungsräume passierst du zügig. Du wirst wiederkommen. In einem der Schaukästen begegnest du schließlich der Büste der Diotima, – vielmehr der Frau, die euren Dichter zur Diotima im Hyperion inspirierte: Susette Gontard, seiner großen Liebe. Einer Liebe, für die es keine Zukunft gab, – ja, nicht einmal eine Gegenwart.

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Das Haus der Gontards, wo er jene Hauslehrerstelle antrat, lag in Frankfurt am Großen Hirschgraben, nur einen Steinwurf vom Geburtshaus des großen Goethe entfernt, – welche bittere Ironie auch dies! Der Hausherr galt als erfolgreicher Tuchhändler und Bankier, gänzlich damit ausgefüllt, die Geschäfte am Laufen zu halten. Die Bedürfnisse seiner Frau mögen hiervon ganz verschieden gewesen sein und hatten vermutlich dahinter zurückzutreten. Zweifelsohne muss sie eine sehr schöne Frau gewesen sein, dies zeigt jener Abguss eines Hochreliefs des zeitgenössischen Künstlers Landolin Ohnmacht, welcher hier ausgestellt ist. Die plastische Darstellung lässt sich durchaus mit dem Bild in Einklang bringen, das sich aus Schilderungen anderer Zeitgenossen ergibt, die sie als klug, gütig und sanftmütig beschreiben. Duldsam wohl auch. Rebellion, Aufbegehren, – gar den Ausbruch in Erwägung ziehen, schien ihre Sache nicht zu sein, war ihr nicht gegeben. Wie es überhaupt immer nur Sache von ganz wenigen war, die es tatsächlich wagten. Außerdem hatte sie Kinder, die sie nicht verlieren wollte. Die rechtliche Stellung der Frau ließ keine großen Handlungsspielräume. Gründe fürs Ausharren in einer meist arrangierten Ehe waren oft rein wirtschaftlicher Natur. Gefühle konnte man sich selten leisten.

Dennoch: Zwei Menschen begegnen sich, stellen fest, dass sie dieselbe Sprache sprechen, ähnlich fühlen, ähnlich denken. Ihr wisst aus jüngster Erfahrung, welchen Verlauf solches nimmt. Gegensteuern zwecklos! Es kommt, wie es kommen muss, – früher oder später ist der Konflikt unausweichlich. Der Dichter verlässt das Haus, um sich in Homburg niederzulassen. Es bleibt nur noch die Möglichkeit zu kurzen, heimlichen Treffen am außerhalb Frankfurts gelegenen Sommersitz der Familie. Dem verstohlenen Austausch von Briefen durch die Hecke. Ein Zustand zermürbend, nervenzerfetzend! Er versucht, sich neu zu orientieren, kehrt schließlich zurück in seine schwäbische Heimat, nimmt im Laufe der Zeit nochmals Hofmeisterstellen an. Weit entfernt liegende diesmal, zunächst in Hauptwil in der Schweiz, später in Bordeaux. Reist jeweils zu Fuß über die Gebirge, rastloser Wanderer, der er ist und bleiben wird. Dann die Nachricht vom Tode Susettes, die ihn nach der Rückkehr aus Frankreich – oder bereits unterwegs, wie Pierre Bertaux mutmaßte? – erreicht. Ein Riss in der Seele, der durch nichts mehr zu kitten ist.

Du ringst die Schwermut nieder. Ins Gästebuch schreibst du in einem Anfall von Kühnheit: Nächstens mehr. Fragst die Dame am Empfang nach dem Weg zum Stadtfriedhof und zum Österberg, wohin Wilhelm Waiblinger, Hölderlins erster Biograph, euren Dichter in jenen Jahren öfters mitnahm, wie in dessen Schrift „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn“ zu lesen ist:

Womit ich ihn am meisten vergnügte, das war ein hübsches Gartenhaus, das ich auf dem Österberg bewohnte, dasselbe, worin Wieland die Erstlinge seiner Muse niederschrieb. Hier hat man Aussicht über grüne freundliche Thäler, die am Schloßberg emporgelagerte Stadt, die Krümmung des Neckars, viele lachende Dörfer und die Kette der Alb.

Der Österberg sei zu Fuß gut zu erreichen, hörst du, aber wo jenes Gartenhaus stand, wisse heute niemand mehr. Du machst dich dennoch auf den Weg, willst dich umschauen. Und wirst – wie vorherzusehen war – enttäuscht. Der Berg ist zugebaut, fast nirgends freie Sicht, wo diese möglich wäre, ist sie durch hohe Bäume eingeschränkt. Dennoch: Du warst oben, hast einen Eindruck von seiner Lage erhalten. Sehr gut vorstellbar, dass es hier früher statt der Häuser Gartengrundstücke gab, die eine Aussicht wie die beschriebene boten.

Auf der Suche nach dem Weg zum Friedhof verlierst du die Orientierung, bringst die Wegbeschreibung nicht mehr auswendig zusammen, hast nur einen dürftigen Stadtplan, der so weit nicht reicht. Im Alten Botanischen Garten gibt es ein Hölderlin-Denkmal, das als solches gar nicht ohne weiteres erkennbar ist. Der Rasen ist über und über von jungen Menschen – sicher hauptsächlich Studierenden – belagert, denen er als Liegewiese dient. Nachfragen führt zu nicht unfreundlichem, aber ratlosem Achselzucken. Hölderlin? Keine Ahnung!

Ein Mann, wie du schätzt, im besten Schwabenalter wie du selbst – Schwaben werden bekanntlich mit vierzig Jahren „gescheit“, nun ja, auf die Wirkung wartest du noch – bekommt deine Bemühungen mit und weist dir schließlich den Weg zum Friedhof. Begleitet dich sogar noch ein ganzes Stück, bis fast vors Tor, beschreibt dir auch die Lage des Grabs. Er scheint sich sehr gut auszukennen, interessiert sich für dein Projekt; er weiß wahrscheinlich sehr viel mehr als du selbst über die Hölderlin-Gesellschaft, fragt dich, ob du Härtlings Roman und die Texte von Ulrich Gaier kennst. Siehe da: Ein ähnlich Gesinnter und obendrein angenehmer Weggefährte in der hoffnungslos überlaufenen, kleinen Universitätsstadt!

 

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Der Stadtfriedhof – Grablege für zahlreiche Tübinger Persönlichkeiten, darunter auch Ludwig Uhland und Ottilie Wildermuth – ist schmal und langgezogen; es führt eine verkehrsreiche Straße daran vorbei, die es etwas schwer macht, ihn als Ort des Rückzugs und der Besinnung wahrzunehmen. Aber vielleicht müssen diese Gegensätze gerade hier deutlich werden, – wie auch bei den lärmenden Studenten im Alten Botanischen Garten rund um die aufgestellten Denkmäler, wo die Statuen schon einmal einen umherfliegenden Ball an den Kopf bekommen. Blitzlichtartige Erinnerung eingedenk des Besuchs im Turm: Auszüge an der Treppenwand aus der späten Schrift „In lieblicher Bläue“. Sie endet mit den schlichten Worten:

Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

 

Aus dem noch unveröffentlichten Roman „Holunderblüten“

© Bettina Johl

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Fichte und Hölderlin – Aus dem Roman „Holunderblüten“ von Bettina Johl

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Zum Gedenken an Johann Gottlieb Fichte ( *19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda;  † 29. Januar 1814 in Berlin)

Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus dem Nichts.

Friedrich Hölderlin

(Aus: Das Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus)

 

*

Der Dichter selbst als Philosoph? Als ein solcher sah er sich zweifellos. Er bestand darauf, als Dichter notwendigerweise Philosoph sein zu müssen – und umgekehrt. Die Bereiche Dichtung und Philosophie sah er als untrennbar an und widmete sich zeitlebens der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte: Beide einer neuen Einheit zuzuführen.

Ihr lest: Die Idee der Schönheit, die sich in der Kunst ausdrückt, sei die Idee, die alle anderen Ideen vereinige, und ein Philosoph müsse gerade so viel ästhetische Kraft besitzen wie ein Dichter, sonst nämlich bleibe er ein Buchstabenphilosoph, den keiner verstehe und der somit auch das Volk nicht erreiche. Die Poesie hingegen müsse wieder die Rolle der Lehrerin der Menschheit übernehmen, wie sie diese bereits zu Beginn inne hatte. Und letztlich – so schließt er kühn – werde die Dichtkunst alle anderen Wissenschaften und Künste überleben.

Große Worte eines jungen Menschen. Er wird ihnen treu bleiben. Ihr staunt. Die Dichtkunst wird also überleben. Wird sie in letzter Konsequenz das sein, was bleibt? Das Schriftfragment, in dem sich all dies findet, nennt sich das „Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“. Es handelt sich hierbei um einen Entwurf der Tübinger Studienfreunde, nach Aussage der Forschung überliefert in Hegels Handschrift, nach einem Konzept von Schelling – und deutlich geprägt durch euren Dichter. Viele der hier enthaltenen Gedanken finden sich nahezu wörtlich im „Hyperion“ wieder, den er in sehr jungen Jahren begann und an dem er viele Jahre arbeitete. Ein Entwurf, nicht ganz vollständig erhalten, welcher Anfang 1797 entstand, als das bezeichnete Dreigestirn nach Jahren, in Frankfurt, zu erneutem Austausch wieder zueinander fand.

Dies also wurde vor mehr als zweihundert Jahren zu Papier gebracht durch drei außergewöhnlich begabte, noch immer junge Menschen. Zu dieser Zeit hatte noch keiner von ihnen das dreißigste Lebensjahr erreicht. Es beschäftigt dich. Wie ergeht es euch, wenn ihr aus heutiger Sicht darauf schaut? Wie ist es heute um Philosophie und Dichtkunst bestellt? Revolutionen, Weltkriege, die technische Entwicklung und der allgemeine Lauf der Zeit haben die Gesellschaft verändert wie nie zuvor. Die Philosophie scheint ein Schattendasein unter den Wissenschaften zu führen, geistert durch die Feuilletons, welche nur von einem kleinen Kreis gelesen werden. Oftmals erscheinen dir diese eher als eine Spielwiese der Selbstdarstellung, wo mit Begriffen jongliert wird, angesichts derer du dich fragst, ob jene, die sie verwenden, sie eigentlich selber verstehen. Oder sollten diese einzig dem Zweck dienen, beim Leser Erstarren in Ehrfurcht vor vermeintlicher geistiger Überlegenheit auszulösen? Feuilletonbeiträge, so verriet dir einmal der Chefredakteur einer überregionalen Zeitung, würden insgesamt wenig gelesen, dies erkläre auch das Phänomen, dass immer einmal wieder politisch inkorrekte Beiträge darin auftauchen könnten und niemand rege sich darüber auf, keiner nehme es zur Kenntnis, eben weil es keiner wirklich gelesen habe. Eigentlich diene ein Feuilleton vor allem dazu, eine Zeitung aufzuwerten. Der Leser, auch wenn er es nicht liest, würde es dennoch vermissen, wäre es nicht vorhanden, verleiht es doch der Zeitung das gewisse Niveau. Dies wertet wiederum auch den Leser auf, er liest schließlich ein anspruchsvolles Blatt, selbst wenn dies Lesen sich auf das Überfliegen der Schlagzeilen beschränken sollte. Noch dieselbe oberflächliche Eitelkeit und Beliebigkeit also, die sich bezeichnend als „feuilletonistisches Zeitalter“ in Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ kritisiert findet?

Philosophen also ungestört unter sich im Elfenbeinturm? Unbeachtet – und damit auch ungestört – vom Rest der Welt? „Stimmt so nicht!“ – sagt dein Philosophenfreund, der sich unter denselben bewegt. Möglicherweise hat er Recht. Aber der Eindruck bleibt. Und die Frage: Wem nützt Philosophie, solange ihre Vertreter dem Leser suggerieren, ihre Inhalte könnten von einfach denkenden Menschen nicht verstanden werden? Wird es hier nicht höchste Zeit, sich einzumischen?

Jung war sie damals: Die Vorstellung des Menschen von sich selbst als absolut freiem Wesen, bestimmt zum freiheitlichen Handeln, welche aus dem Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution entstand. In Deutschland und von Deutschland aus wurde diese maßgebend geprägt durch die Philosophen Kant, den euer Dichter in Tübingen eingehend studierte, und Fichte, den er später in Jena hörte. Von dem er tief beeindruckt war, und der ihm Denkanstöße lieferte, seine eigenen Ideen im Hinblick auf den schöpferischen, den Kunst schaffenden Menschen weiter zu entwickeln.

Was genau hat es aber mit Fichtes Werk auf sich? Das Thema hat dich in seinen Bann gezogen, jedoch kämpfst du hier mit erheblichen Bildungslücken. Über Kant lässt sich ja noch irgendwie etwas zusammenbringen. Sofern es einer versteht, durch Herumwirbeln einiger Begriffe und Zitate zu bluffen, lässt sich mit diesem Philosophen durchaus einen Abend lang Konversation treiben. Den meisten wird es nicht auffallen, weil sie es zwar chic finden, sich über Kant zu unterhalten, den sie ja dem Namen nach kennen, auch wissen, dass das jemand Bedeutendes gewesen sein muss, aber möglicherweise insgeheim überlegen: Wer war das noch mal? Ein Modeschöpfer vielleicht? Triffst du aber zufällig doch auf jemanden, der sich auskennt, wird derjenige in der Regel vor Begeisterung völlig außer sich sein – Wahnsinn, hier interessiert sich jemand für Kant! –, so dass auch er es nicht unbedingt mitbekommt, wenn du in Wirklichkeit nur Blödsinn erzählst. Auch dein Philosophenfreund wäre einst fast darauf hereingefallen. Hingegen bei Fichte verlassen dich zunächst alle guten Geister und so wird es Zeit, dass du dich dahinter klemmst. Hier auf deinem „Zauberberg“, wo du ein wenig Auszeit hast.

Wenigstens liegt dein Wissensmangel diesmal nicht darin begründet, dass du in der Schule schlicht gepennt hast; das hast du zwar in der Tat, aber Philosophie kannst du nicht verschlafen haben, denn – es gab sie nicht. Im Gegensatz zu manchen anderen europäischen Ländern ist Philosophie an deutschen Schulen normalerweise nicht im Lehrplan vorgesehen, wird als eigenes Fach bis heute selten gelehrt. Und damit fängt das Elend an – und nimmt seinen weiteren Lauf. Es führte zu dem Phänomen, dass sich Menschen wie du im Erwachsenenalter auf „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder stürzten, ein Buch, das sich eigentlich an Jugendliche richtet. Ihr kauftet es unter dem Vorwand, es euren Kindern schenken zu wollen. Und last es dann selbst, verschämt, unter der Bettdecke. Denn die Kids hatten auf so etwas gar keinen Bock, das roch ja viel zu sehr nach Bildung! Und so habt ihr auf diese Weise erstmals in verständlicher Form etwas über Philosophie erfahren. Die Kritiker spotteten über das Buch und über euch, seine unfreiwilligen Leserinnen und Leser, gleich mit. Sie versuchten, es schlecht zu reden, weil es seine Zielgruppe verfehlt hatte. Aber es gelang ihnen glücklicherweise nicht, das einmal entflammte Interesse wieder zu ersticken. Du kennst sogar einen Doktor der Philosophie, der sich davon begeistern ließ. Er trug eine Baskenmütze wie Alberto Knox und bot auf dem Buch basierende Kurse für Erwachsene an. An einem Ort, den du selbst für jegliche Philosophie verloren hältst, aber er – unerschütterlicher Idealist – ließ sich davon nicht beeindrucken; er hielt seine Stunden auch, wenn sich nur fünf Leute einfanden. Von seinem Naturell war dieser eigentlich ein eher schüchterner Mensch und – das Angenehme an ihm – alles andere als ein Meister der Selbstdarstellung, demzufolge fielen seine sehr förmlich gehaltenen Vorträge oft etwas monoton aus, führten zu schweren Augenlidern während später Abendstunden in muffigen Räumen, nach langen, mit stumpfsinniger Arbeit ausgefüllten Tagen. Anders eure anschließenden Gespräche auf der Straße vor dem Café, unter freiem Himmel, der für eure Gedankenflüge brav die Kulisse lieferte. Du hast ihn ausgebeutet, denkst du rückblickend – und meinst damit nicht den Himmel. Ihn allzu oft über ungebührliche Zeit aufgehalten mit deinen Fragen und verrückten Gedankenspielen, die sich einstellten, sobald an frischer Luft deine Müdigkeit wie weggeblasen war. Er nahm es heiter und gelassen. Und auf zwei Gebieten hattest du einen Vorsprung: Er wusste die erstaunlichsten Dinge, aber, wie er freimütig zugab, wenig über die Bibel und praktisch nichts über den Sternenhimmel. Gebiete, die du dir in Eigenregie bereits etwas erschlossen hattest. So besaß jeder Teile eines großen Puzzles, die sich zuweilen ergänzten. Dies machte eure Gespräche zu etwas Wertvollem. Glücklich, wer in jedem Lebensalter immer wieder Lehrer findet, die das Denken auf neue Bahnen lenken helfen. Du hattest dieses Glück sehr oft.

Hier bist du auf dich gestellt, aber Selbstdenken und Lernen ist ja keineswegs verboten, und so findest du dich nun alsbald mit einem Notizbuch bewaffnet, alles zusammenschreibend, was du über Fichte in Erfahrung bringen kannst. Und findest zusehends Spaß daran.

In allem Anfang ist Legende: Johann Gottlieb Fichte, der begabte Sohn eines Webers aus der Oberlausitz, hütet eines Sonntags auf der Gemeindewiese hinter der Kirche das Vieh. Frondienst, der vor Kindern keineswegs Halt machte. Gewiss noch eine der angenehmeren Tätigkeiten. Etwas langweilig vielleicht. Andere hingegen mussten weniger früh aufstehen. Da gab es den Gutsherrn, mit dem auf einen Mann seines Formats wohl gut passenden Vornamen Haubold, der sich an diesem Tag verspätet hatte. Er hatte schlicht verschlafen und kam demzufolge zu spät zum Gottesdienst, wodurch er auch die Predigt verpasste, die er doch gern gehört hätte. Sein Bedauern darüber tat er zumindest in einem Gespräch mit anderen Kirchenbesuchern kund, die nach dem offiziellen Ende noch in Grüppchen beieinander stehen blieben, um sich über dieses und jenes auszutauschen. Das war die Stunde des jungen Fichte, der unfreiwillig mithörte und ihm daraufhin die Predigt, die er selbst durchs Kirchenfenster mitbekommen und im Kopf behalten hatte, auswendig vortrug, nicht ohne hierbei den Pfarrer auf unterhaltsame Weise zu imitieren. Und es schaffte, den edlen Herrn solcherart zu beeindrucken, dass dieser umgehend beschloss, ein solch aufgewecktes Bürschchen müsse unbedingt gefördert und auf entsprechende Schulen geschickt werden. Eine Sache, die der Freiherr auch sogleich mit den Mitteln, die ihm – anders als den Eltern des Jungen – zur Verfügung standen, in die Hand nahm. Wie sagte doch schon dein geschätzter Konfirmandenpfarrer? Es hat noch keinem geschadet, bei der Sonntagspredigt die Ohren zu spitzen!

Eben war der Weg, den Fichte dadurch einschlagen konnte, jedoch keineswegs. Denn nach einer gewissen Zeit verstarb der edle Herr und die Begeisterung seiner Erben für diese Art von Bildungssponsoring dürfte sich bereits zu dessen Lebzeiten in Grenzen gehalten haben. Unterstützung war also nicht länger zu erwarten. Der herangewachsene Fichte brach sein Studium ab und schlug sich – ähnlich wie später euer Dichter ­– mit Hauslehrerstellen durch. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, beruflich oder schreibend Fuß zu fassen, beschäftigte er sich mit der Philosophie Kants, der er schon während des Studiums sehr zugetan war. Als er Kant einige Zeit später in Königsberg besuchte, war dieser von ihm sehr beeindruckt und half ihm, seine Schrift „Versuch einer Critik aller Offenbarung“ zu verlegen, eine religionsphilosophische Abhandlung, von der lange angenommen wurde, dass sie von Kant selbst stamme. Als dies schließlich durch Kant richtiggestellt wurde, bedeutete es den wissenschaftlichen Durchbruch Fichtes. Er wurde an die Universität Jena bestellt, wo euer Dichter schließlich mit ihm in Berührung kommen sollte.

Bezeichnend für die Philosophie Fichtes ist nun die Bedeutung, die er dem Begriff des Ich – großgeschrieben! – als dem aktiven, in Freiheit handelnden Part zuschreibt. Er baut diesen Gedanken weiter aus: Dem Ich entgegen steht – so nennt er es – die Welt des „Nicht-Ich“. Dieses „Nicht-Ich“ bezeichnet wiederum alles, was die Freiheit des Ich bestreitet. Die Begrenzung durch das „Nicht-Ich“, also durch äußere oder innere Umstände, welche das Ich angeblich am Handeln hindern, sei jedoch – so Fichte – in Wirklichkeit eine reine Selbstbegrenzung. Und damit eine faule Ausrede! Es gelte stattdessen, die Menschen aus ihrer Lethargie wachzurütteln. Das ganze Gejammer über angeblich unabänderliche Gegebenheiten: Unsinn! Fichte ist davon überzeugt: Es gibt diese nicht. Was er für das wahre Übel des Menschen hält, benennt er hingegen unumwunden: Die Trägheit! Mit heutigen Worten: Wenn das Ich nicht in die Pötte kommt, dann läuft gar nichts, dann ist es geradezu so, als wären wir schon lange tot. Oder nie lebendig gewesen. Der Mensch, so Fichte, tendiere stets stärker dazu, sich zum getriebenen Objekt als zum handelnden Subjekt zu machen und sich auf diese Weise zu verstecken und sich vor dem Denken und Handeln zu drücken. Warum? Weil die ansonsten so vielgepriesene Freiheit unbequem ist! Weil sie erfordert, Verantwortung zu übernehmen, was – wie wir wissen – seltener Lust als Last bedeuten kann. Das Subjekt jedoch – nicht das Objekt! – liege in Wahrheit allem zugrunde: Das Subjekt als das tätige und erkennende Ich, das sich seiner selbst bewusst sein muss, und dieses wiederum „setze sich selbst“. Es bringe sich selbst aus dem Denken hervor und sei weltbildend.

Seiner selbst bewusst! Weltbildend! Dies klingt für dich doch alles eigentlich sogar sehr modern und weckt so gar nicht den Eindruck, bereits vor zweihundert Jahren gedacht worden zu sein. Was bedeutet dies nun umgesetzt ins praktische Leben? Denn dafür war es ja doch wohl gedacht, zu Zeiten, als die Philosophie sich noch nicht in die Feuilletons verkroch?

Während einer Rast auf einer deiner ausgedehnten Wanderungen sendest du deinem Philosophenfreund eine Nachricht per Mobiltelefon:

Mein Lieber, bin im Wald unterwegs und kämpfe noch immer mit Fichte. Das passt hierher, ­Du weißt schon: Schwarzwald! Links Fichten, rechts Fichten! Also, wenn ich es richtig verstanden habe: Das Ich bin ich! Sein ist nach Fichte Wahrgenommen-werden. Ich werde hier zwar höchstens von den Vögeln des Waldes wahrgenommen, weil sonst kein Mensch unterwegs ist, aber da ich den Wald hier wahrnehme und den Berg, der vor mir liegt, gehe ich einfach mal davon aus, dass es mich trotzdem gibt. So. Und dieser Berg hier ist das Nicht-Ich, welches mich begrenzt und sagt – oder sagen würde, denn dieser Berg hat natürlich nichts zu melden, das wäre ja noch schöner! – wenn dieser Berg also etwas zu sagen hätte, würde sich das vermutlich so anhören: „Hey, du kommst hier nicht rauf, ich bin viel zu hoch, und du hast null Kondition, also vergiss es besser! Und jetzt liegt die Entscheidung beim Ich – sprich bei mir! –, wie ich damit umgehe. Ob ich entweder sage: „Jawohl, der Berg hat Recht, ich gehe dann mal lieber gleich wieder zurück und lege mich ins Bett!“ Oder ob ich zum Berg sage: „Blödsinn! Hey, was willst du Berg? So hoch bist du nun auch wieder nicht! Ich hab‘ schon ganz andere Berge geschafft, gegen die bist du geradezu ein Idiotenhügel!“ Was also heißt: Ich kann mich von dem Berg erschrecken lassen, so dass ich umkehre und mich ins Bett verkrieche. Oder ich kann ihn bezwingen. Im äußersten Fall könnte ich ja auch einen Bagger holen und ihn abtragen, aber ich entscheide,  bedeutet: das Ich entscheidet, ob der Berg zu bewältigen ist oder nicht! Dies gilt ja dann wohl für alle Berge im übertragenen Sinne. Und dies ist daran das „Weltschaffende“? Die Welt erschaffe ich mir? Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – nach Art von Pippi Langstrumpf. Hab ich Fichte nun kapiert oder nicht?

„Nun ja“, erreicht dich die Antwort deines klugen Philosophenfreundes, „ironisch genug, die Berufsphilosophen würden Dir empört nachstellen, aber im Prinzip ist Deine Interpretation richtig!“ Dein Glück. Von nun an erklärst du dich als befugt!

Das Weltschaffende muss für euren Dichter, als Künstler, der ja immer im weitesten Sinne weltschaffend – weltenschaffend! – ist, die höchste Bedeutung gehabt haben. Mit dem freien, sich seiner selbst bewussten Wesen, dem Individuum, tritt also eine ganze Welt aus dem Nichts hervor. Eine Welt aus dem Nichts? Das klingt geradezu nach einem göttlichen Schöpferanspruch. Die Kirche wird an solcherlei Gedankengut ihre Freude gehabt haben, noch dazu an der sich daraus ableitenden Forderung:

…absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen, und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen…

Heißt dies: Es kann kein Gott angenommen werden, außer, wir schaffen ihn uns selbst? Und ebenso keine Unsterblichkeit, außer eine von und durch uns selbst geschaffene? Dies ist in der Tat starker Tobak! Aber warum eigentlich nicht? Die biblische Aussage lautet: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.“ Was bedeutet: Der Schöpfer als Schaffender – kreativ er selbst! – schuf den Menschen zu seinem Ebenbild. Und wenn er das mit dem Ebenbild ernst meinte, dann schuf er ihn folglich als Schaffenden, als Kreativen! Was wäre daran so verkehrt, als dass man darum Scheiterhaufen errichten müsste? Die Unsterblichkeit wiederum – gewiss, die hätte der Mensch freilich gern, ohne sie sich erst extra schaffen zu müssen.

Im Weiteren die Forderung der Systemschrift:

Monotheismus der Vernunft und des Herzens,
Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst,
dies ist‘s, was wir bedürfen!

Was hindert uns also, an den einen Gott zu glauben und zugleich als Schaffende frei zu sein?

Die Rolle des Dichters, des Künstlers aber als Erzieher der Menschheit? Solches klingt schon sehr hochtrabend. Auch in Fichtes „Reden an die Deutsche Nation“ ist von Erziehung die Rede, von sittlicher Bildung zur Freiheit, zur Selbständigkeit. Zur – hier ganz wörtlich – „Veredelung“. Das menschliche Verhältnis zur Freiheit müsse in einer Vernunft- und Werteerziehung verankert werden.

Und nun wird es erst recht interessant: Die Erhebung zur Vernunft und zum wahren Selbst lasse auch die Feindschaft zu anderen freien Individuen und Nationen entfallen, denn der so gebildete Mensch strebe danach, seine Mitmenschen zu achten, und er liebe deren Freiheit und Größe! Mit Knechtschaft hingegen könne er sich nicht abfinden. Und für die Deutschen müsse ein neues Selbst gefunden werden, welches über die Nation hinausgehe!

Womit es dir in deinem Herumschweifen gerade noch gelungen wäre, die Kurve zu bekommen. Denn dieser Frage „Was ist heute mit den Deutschen – mit uns – los?“, der wolltest du anfangs ja nachgehen. Dein Philosophenfreund wird sagen, du seist zu lange im Wald gewesen. Fichte(n)-geschädigt! Du kannst dich höchstens mit den Worten Hyperions herauszureden versuchen:

Ich schweifte herum, wie ein Irrlicht, griff alles an, wurde von allem ergriffen…

 

Copyright: Bettina Johl

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Augenblicke im Advent

„Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unsren dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt.“ Friedrich von Bodelschwingh

Und wieder reicht es gerade noch zum Innehalten in letzter Minute, bevor eine Zeit zu Ende geht, die ich gerne bewusster begangen und gestaltet hätte, – einfach weil ich sie von Kindertagen her stets liebte, woran auch alles Seufzen über deren kommerzielle Verzerrung und auch das zunehmende Gewahrwerden des Auseinanderklaffens von Wunsch und Wirklichkeit nichts Grundlegendes zu ändern vermochte.

Es blieb bei wenigen Momentaufnahmen, gestohlenen Stunden, wie ein Besuch in meiner Heimatstadt zu einer liebevoll gestalteten Märchenlesung im Burgturm, wo eine Gruppe engagierter Menschen es sich zur Aufgabe gemacht hat, zu Gunsten von Kinderhilfsprojekten eine verlorengegangene Erzählkultur wiederzuleben.

Manches hin und wieder mit verfremdetem Blick betrachten, lässt den einen oder anderen vergangenen Zauber wieder heraufbeschwören. Trugbild? Möglicherweise. Aber welche Bilder betrügen mich nicht, welche erzählen mir schon die ganze Wahrheit – oder das, was ich dafür halte?

„Wo kämen wir hin“, mag andererseits mancher mit Recht fragen, „wenn jeder sich nach Pippi-Langstrumpf-Art die Welt machte, wie sie ihm gefällt?“ Ja, gute Frage! Wo kämen wir hin? Auf geradem Wege ins uferlose Chaos, wie mancher es uns gerne prophezeien möchte, ohne uns mit Details über das unweigerlich zu erwartende Übel zu verschonen? In den luftleeren Raum, ins Bodenlose? Oder doch vielleicht in eine schönere Welt, eine menschlichere? Wir wissen es nicht, denn es besteht keine Gefahr, dorthin zu kommen, da es nie dazu kommen wird, dass „jeder“ dies in die Tat umsetzt. Weil jenen, die es wagen, viele andere gegenüberstehen, die dies schlicht nicht wollen. Oder wieder andere, die es gerne wollten, aber nie die Kraft und den Mut dazu aufbringen würden. Und deshalb wird unsere Gesellschaft die übrige Handvoll „Spinner“ und „Phantasten“auch weiterhin aushalten, ohne dass ihr Gefüge deshalb Schaden nimmt.
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Aber ich wollte von gestohlenen Stunden erzählen. Von Spaziergängen im schönsten Dezemberlicht. Ein goldener, lichtgefluteter Sonntagnachmittag auf dem Maulbronner Klosterberg, – Zauber der stillen Winterwege. Besuch bei der 250-jährigen Linde, die viele meiner geliebten Dichter noch auf ihren Spaziergängen sah. Sahen sie auch ihn? Gewahrte der junge Hölderlin den damals jungen, wohl noch sehr unscheinbaren Baum? Wie nahm der Baumfreund Hesse die einst 100-jährige Linde wahr? Wir wissen es nicht, können es nur ahnen.

Staunen beim näheren Hinsehen: Das Laub ist vollständig gefallen, hat zarte Knospen an kleinen, aus der zerfurchten Rinde ragenden Zweigen freigelegt, die den alten Riesen außer von versunkenen Zeiten auch vom künftigen Frühling erzählen und so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft entstehen lassen. Doch was ist die Gegenwart, und was sind zurückliegende und kommende Zeiten anderes als eine Aneinanderreihung von Augenblicken?

Sich sodann mit Einbruch der Dämmerung ins Innere der Mauern begeben,während der Stunde „zwischen Tag und Traum“, die allem, was sich in ihr zuträgt, besonderen Glanz verleiht. Auch dieser flüchtig, gewiss. Unaufdringlich auch, was seine Erscheinung zu einer angenehmen macht.

Beim Stöbern im Buchladen fand ich jenen kleinen Literaturfreund, zwischen den Regalen am Boden sitzend, selbstvergessen in seine Lektüre vertieft, sich eigene Geschichten „vorlesend“, die sich wohl mit dem eigentlichen Inhalt des Buches messen konnten, wenn sie ihn nicht gar übertrafen. Liebgewordener Satz, der während der Arbeit mit Kindern oft fällt: „Du sollst vor-le-sen!!!“ Gesammelte Hoffnungsfunken, Augenblicke, in denen das Hinforteilen der Zeit – wohl nicht anzuhalten, dies wäre sicherlich zu viel verlangt, aber zumindest – innezuhalten scheint.

Möge uns in diesem Sinne mancher Zauber dieser und künftiger Tage wenigstens immer wieder für Augenblicke gegenwärtig sein, möge dann und wann ein Schein durch das Schlüsselloch auf unseren – mal mehr, mal weniger – dunklen Erdenweg fallen!Mit allen guten Wünschen für die kommenden Festtage und das Neue Jahr…

Eure Bettine

Copyright: Bettina Johl (2013)

Ein Kommentar

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Kollektivsingular und Lebenskunstwerk

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Rüdiger Safranskis Goethe-Biographie für unsere Zeit

Als vor 50 Jahren eine Goethe-Biographie erschien, deren Verfasser der heutzutage leider in Vergessenheit geratene Richard Friedenthal war, schlug über ihm der geballte Zorn deutscher Goethe-Verehrung zusammen. Das sich gebildet dünkende Kleinbürgertum des Landes schäumte vor Wut ob der „verantwortungslosen und zerstörenden Verzerrungen“ ihres Dichters. Jedenfalls erschien 1963 die „schädliche Karikierung“ Goethes im Piper Verlag, nachdem in einer Hamburger Zeitung monatelang ein Vorabdruck zu lesen war, begleitet vom Gejammer der volksaufklärerisch inspirierten Leserbriefschreiber, dass der „vergötterte“ Goethe „auf das Niveau der Reportagen über ehemalige Fürstinnen, Filmstars und Sängerinnen herab“ und in „den Staub gezogen würde.“ Was hatte der Biograph eigentlich getan? Der 1896 in München geborene Richard Friedenthal, 1938 nach England emigriert, hatte in seiner Biographie „Goethe – Sein Leben und seine Zeit“ für einen Teil der Deutschen schlichtweg das gekränkt, was sie ihren Nationalstolz nannten. Und er hatte eine Biographie geschrieben, die zum Bestseller avancierte; sie hatte angelsächsisches Format. Goethe war vom Podest genommen worden, seine Hände wurden unverschämt als Arbeiterhände beschrieben, auch die dunklen Seiten in seinem Leben sparte die Biographie nicht aus. Goethe wurde durch Friedenthal für die junge, nachgewachsene Generation wieder lesbar gemacht, ironisch gebrochen und doch bejaht, der letztlich nicht korrumpierbare Wesenszug des Weimarer Dichters durch die Zeiten hinweg wieder sichtbar und fühlbar.

Von Rüdiger Safranski gibt es eine Reihe von Biographien, über E.T.A Hoffmann, Schopenhauer, Heidegger, Nietzsche und Schiller, seine Epochen-Bücher über die Romantik und die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, die ihn in die direkte Nachfolge Friedenthals rücken. Auch das große Leserpublikum, das er mit seinen Werken erreicht, lässt Analogien zu. Seine zu Goethes Geburtstag im August erschienen Biographie „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ jedenfalls hat das sehr Unwahrscheinliche bereits jetzt geschafft, dass ein Buch über Goethe zahlreiche Leser findet.

Die Biographie sei, so wird es vom Verlag umschrieben, ein Höhepunkt des biographischen Schaffens von Safranski, der sich dem Höhepunkt der deutschen Literatur, einem „Jahrhundertgenie“ widme. Mit den Forschungen über Goethe lassen sich Bibliotheken füllen, so oft und viel ist über ihn zusammengetragen und geschrieben worden. Es gibt seine Korrespondenz, seine Jahres- und Tageshefte, seine autobiographische Schrift „Dichtung und Wahrheit“, seine Gedichte, Dramen und Romane. Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik-Stiftung mit Sitz in Weimar, zählte einmal auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb, er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern, Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Safranski nähert sich Goethe über die primären Quellen, er will uns einen Goethe „wie zum ersten Mal“ präsentieren, aus seinem literarischen Werk, seinen Briefen, Tagebüchern und Gesprächen und den Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen. Wir werden so zu Beobachtern eines Menschen, dessen Lebenszeit vom Rokoko bis zum Maschinenzeitalter des 19. Jahrhunderts reichte. Was Safranski vor allem fasziniert, ist die individuelle Gestaltung dieses Lebens im Gegenzug zur modernen digitalen Vernetzung aller mit allen, die er als „Stunde des Konformismus“ interpretiert. Goethe habe es trotz aller Verbundenheit mit seiner Zeit verstanden, „ein Einzelner zu bleiben“. Hier wird ein Zug Goethes ins Positive gedeutet. Goethe nahm nur das auf, was er auch produktiv verarbeiten konnte. Alles andere ignorierte er. Das hatte Folgen, für ihn selber wie auch für einige seiner Schriftstellerkollegen, die sich an ihn wandten, wie Jean Paul und Friedrich Hölderlin. Dem Barockdichter Johann Christian Günther, der mit 28 Jahren 1723 verarmt und ausgezehrt in Jena starb, verbaute er mit seinem Richterspruch sogar noch eine postume Karriere in der Literaturgeschichte. Dieses bedenkenswerte Urteil lautete so kurz wie ignorant: „Er wusste sich nicht zu zähmen und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.“ Diesen Spruch haben Generationen von Studienräten und Professoren bis ins 20. Jahrhundert hinein nachgebetet.

Leben und Werk Goethes jedenfalls, der Schriftsteller ebenso wie der „Meister seines Lebens“ machen ihn, so Safranski, für die Nachwelt unerschöpflich. Die Intention des Biographen bestehe vor allem darin, dass die heutige Generation die Chance habe, im Spiegel Goethes sich selbst und die eigene Zeit besser zu verstehen. Das Buch Safranskis ist dieser Versuch; es beschreibt einerseits das Leben und Werk eines „Jahrhundertgenies“, andererseits will es „die Grenzen und Möglichkeiten einer Lebenskunst erkunden.“ Das Resultat dieser Bemühungen ist allerdings in Teilen ein Goethebild, dessen Widersprüche und auch Kanten wegretuschiert erscheinen, die Gegensätze und Härten in Goethes Wesenszügen werden einwattiert und zum Lebenskunstwerk stilisiert.

Bei der Schilderung der „schwierigen Geburt“ Goethes verzichtet Safranski wohltuend auf die Zeilen aus Goethes autobiographischer Schrift „Dichtung und Wahrheit“, in denen schicksalsträchtig vom Schlag der Uhr und der Konstellation der Gestirne die Rede ist. Dies ist eine Ausnahme in der Goethe-Biographik, und der Autor setzt allein damit schon einen eigenen Akzent. Safranski fragt sich, ob es vielleicht Ironie sei, dass Goethe bei der Schilderung der Geburt deren „erfreuliche Folgen für die Allgemeinheit“ erwähnt. Der Großvater und Schultheiß Johann Wolfgang Textor nahm nämlich die „lebensgefährliche Geburt“ zum Anlass, die Geburtshilfe der Stadt Frankfurt zu verbessern, „welches denn“, so Goethe, „manchem der Nachgeborenen mag zu Gute gekommen sein.“

Der heranwachsende Goethe wurde von Hauslehrern erzogen, studierte in Leipzig und Straßburg, ohne Promotion, und wurde, wie sein Vater, Jurist. Eine Reise führte Goethe 1770 nach Sesenheim, wo er Friederike Brion kennenlernte. Er schildert in „Dichtung und Wahrheit“ diese Zeit als eine Idylle, die so idyllisch allerdings nicht war. Sie fand ein jähes Ende. Goethe verließ Friederike. Über das Ende der Beziehung bemerkte er lakonisch: „Es waren peinliche Tage, deren Erinnerung mir nicht geblieben ist.“ Hier ist sie spürbar, die Kälte Goethes, die aus seiner Autobiographie zuweilen tritt, trotz aller Versuche der Harmonisierung und Glätte, ein Wesenszug, der vielen, die ihn kannten, nicht verborgen blieb. Zu seinen Gunsten muss hinzugefügt werden, dass er später bekannte, an Friederike schuldig geworden zu sein. In die Straßburger Zeit fiel seine Freundschaft mit Lenz, die andauerte, er ließ ihn sogar nach Weimar kommen, wo er ihn allerdings nach einem peinlichen Zwischenfall per Amtsgewalt polizeilich ausweisen ließ. Goethe hat sich für das weitere Schicksal von Lenz nicht mehr interessiert.

Das Schauspiel „Götz von Berlichingen“ machte Goethe in Deutschland berühmt, der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ wurde in Europa zum Bestseller. Napoleon behauptete bei einem Treffen mit Goethe im Jahre 1808 in Erfurt, er habe diesen Roman sieben Mal gelesen. Noch in Frankfurt begann er sein „Faust“-Projekt, bis er, des genialischen Treibens der Stürmer und Dränger und des literarischen Lebens überdrüssig, einen radikalen Schritt vollzog, als er 1775 in das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar ging, wo er es, als Favorit und Freund des Herzogs, zum Minister brachte. Er hatte die Pyramide seines Daseins zugespitzt, zumindest, was die eine Seite des praktischen Lebens betraf. Er betrieb Naturforschungen, aber sein Beruf engte ihn ein und er floh nach Italien, der Herzog zahlte sein Gehalt großzügig weiter. Nach der Rückkehr lernte er zum Verdruss der ohnehin verärgerten Charlotte von Stein ein Blumenmädchen namens Christiane Vulpius kennen und lebte mit ihr in wilder Ehe. Es kommt 1794 schließlich die Dichterfreundschaft mit Friedrich Schiller, das „glückliche Ereignis“ nannten sie es. Safranski hat schon in seinen vorausgegangenen Büchern darauf aufmerksam gemacht, wie die beiden unterschiedlichen Bildungs- und Erziehungskonzepte Goethes und Schillers nun ineinandergriffen und in einen gemeinsamen Feldzug gegen den damaligen Literaturbetrieb mündeten, und wie stark sich die beiden Autoren gegenseitig in ihren literarischen Arbeiten bis zum Tode Schillers 1805 beeinflussten und unterstützten. In diesem Zusammenhang muss auf ein Buch aufmerksam gemacht werden, das leider nicht zu einer breiteren Rezeption geführt hat, obwohl die Autorin Katharina Mommsen heißt. Die Germanistin, die zahlreiche Veröffentlichungen, insbesondere zu Goethe und Goethes Werk und seinem Verhältnis zur islamischen Welt, aber auch zur Lebenskunst Goethes vorgelegt hat, schreibt in ihrem 2010 erschienen Buch „Kein Rettungsmittel als die Liebe – Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtung“, dass die meisten Biographen in Goethes und Schillers Verbindung lediglich ein bloßes Zweckbündnis sehen und ihren Fokus eher auf die „gemeinsame Lebensarbeit“ richten. Mommsen deckt eine ganz andere, bislang verborgene Dimension des Dichterbundes auf: In vielen Liebesgedichten der beiden und in „chiffrierten Zeugnissen“ sei ein „geheimer Dialog“ zu entdecken, der den „innersten Grund“ ihrer Partnerschaft offenbare. Katharina Mommsen beschreibt die Geburt der Weimarer Klassik aus dem Geist des platonischen Eros. In der Biographie Safranskis ist auf diese These der großen Goethe-Forscherin kein Bezug genommen worden.

Goethe arbeitete an seinem literarischen Werk, machte Politik und pflegte Umgang mit Wissenschaftlern und Künstlern. Er wurde zu einer Instanz, zu einem lebenden Denkmal. Er betrachtete sich selbst als ein historisches Sujet, schrieb, so Safranski, neben Augustins „Confessiones“ und Rousseaus „Confessions“ die „für das alte Europa wohl bedeutendste Autobiographie, „Dichtung und  Wahrheit“. Das Würdevolle und Steife seines Lebens werde mit dem Alterswerk „Faust“ auffällig kontrastiert, in dem „er sich … auch als kühner und sardonischer Mephisto, der alle Konventionen sprengt“, zeige.

Safranski betont, dass Goethe stets der Unterschied zwischen literarischen Werken einerseits und dem zu führenden Leben andererseits bewusst gewesen sei. Aber auch seinem Leben wollte er den Charakter eines Kunstwerks geben: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andre und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu.“ Die eine Seite bilden die Werke, die andere Seite kommt in der Aufmerksamkeit zum Vorschein, die er der Natur und der Welt widmete. Er glaubte, dass die Aufmerksamkeit, die „zarte Empirie“, ausreiche, das Wichtige und Wahre zu erkennen, so Safranski. Andere Menschen waren ihm egal, sie kamen nicht in Betracht, was ihn störte, wurde missachtet.  Goethe sei ein bis zur Grausamkeit hartherziger Mensch gewesen, sagte Marcel Reich-Ranicki einmal. Davon konnten sie alle ein Lied singen: Lenz, Jean Paul, Kleist und Hölderlin. Der arme Hölderlin. An seine resignierten Worte aus Weimar „Sie können mich nicht gebrauchen“ darf in diesem Zusammenhang erinnert werden. Goethe hat nichts hintertrieben, er hat sich nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Vielleicht kam ihm sein „Heideröslein“ in den Sinn. Safranski beschäftigt sich nicht weiter mit Hölderlin, erwähnt, dass Hölderlin Goethe während eines Besuchs bei Schiller nicht erkannt habe, eine Todsünde. Der junge Dichter versuchte, den Fehler wiedergutzumachen. Vergebens. Götter und Kunstwerke übersieht man nicht. Goethe, so Safranski, war ein Sammler. Er fragte sich stets bei persönlichen Gesprächen und Begegnungen, ob sie ihn, so sein Lieblingsausdruck, „gefördert“ hätten. Ein Augenblick galt als gerettet, wenn er in eine Form gebracht werden konnte, schreibt der Biograph und erzählt die Episode, wie Goethe ein halbes Jahr vor seinem Tode „noch einmal auf den Kickelhahn“ kletterte, „um jenes Gekritzel von einst an der Innenwand der Jägerhütte zu lesen: ‚Über allen Gipfeln ist Ruh.’“

Safranski hat eine Biographie geschrieben, die Goethes Leben und Werk als ein Gesamtkunstwerk erscheinen lässt, von dem auch wir etwas über uns selbst lernen könnten, so der Biograph. Wenn der alte Goethe von der Kollektivität seines Ichs spricht, dann findet darin keineswegs ein Gefühl der eigenen Wichtigkeit, kein Narzissmus seinen Ausdruck, sondern eher artikulieren sich am Ende seines langen Lebens eine Demut und eine Bescheidenheit, die so gar nicht zu einer Deutung Goethes als Gesamtkunstwerk passen. Goethe spricht hier von sich als Autor, und seine Worte nehmen um nahezu 150 Jahre jenen legendären Vortrag „Was ist ein Autor?“ von Michel Foucault vorweg. Am 17. Februar 1832, ein Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch zu Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht? … Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesäet; mein Le­benswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Copyright: Dieter Kaltwasser

Der Beitrag ist in der November-Ausgabe 2013 von literaturkritik.de und in einer gekürzten Fassung am 20. November 2013 im General-Anzeiger Bonn erschienen. Am 29. November 2013 erschien der Beitrag im Online-Magazin für Literatur und Zeitkritik „Glanz & Elend“.

Literaturempfehlungen:

Rüdiger Safranski: Goethe – Kunstwerk des Lebens. Biografie. Carl Hanser Verlag, München 2013. 748 Seiten, 27,90 EUR. ISBN: 978 3-4462-3581-6

Katharina Mommsen: Kein Rettungsmittel als die Liebe. Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 328 Seiten, 28 EUR. ISBN: 978-3-8353-0761-2

Wolfgang Holler (Hg.): Lebensfluten – Tatensturm. Begleitbuch.
Klassik Stiftung Weimar, Weimar 2012. 288 Seiten, 14,90 EUR. ISBN: 978-3-7443-0154-1

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Orte für die Suchenden (Aus: „Holunderblüten“)

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Unvergessliche Fahrt nach der Abtei Maria Laach, heiliger Ort für deinen Philosophenfreund, den erklärten Atheisten. Wie kommt es? – „Ich weiß es nicht. Ich war schon als Kind oft hier. Mit meiner Mutter. Und immer, wenn ich hier herkomme, zünde ich eine Kerze für sie an.“ Die Sprache des Herzens ist manchmal eine andere als die des Verstandes.

Die romanische Klosterbasilika mit ihren klaren, schlichten Formen, am geheimnisumwitterten Laacher See gelegen, dessen Umgebung mit außergewöhnlichen Gesteinsformationen anschaulich seinen vulkanischen Ursprung aufzeigt. Auch dich hat dieser Ort bereits in früheren Jahren magisch angezogen. Eintauchen in die mystische Stimmung im Paradies mit dem marmornen Löwenbrunnen, eintreten in eine andere Welt. Der Chorraum mit seinen beeindruckenden Mosaiken. Heilig schwere Stille im Gewölbe der Krypta. Eine umfangreiche, verwinkelte Bibliothek, bei deren Anblick sich in euren Tagen mancher an den Film und Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco erinnert fühlt.

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Ihr nehmt an der Vesper der Mönche teil. Gregorianische Gesänge, jahrhundertealt. Wechselspiel von Frage und Antwort, von einer Seite des mächtigen Chorgestühls zur anderen. Unergründliches Geheimnis, welches sich irdischer Deutung entzieht. Spontan  hebt am Ende der Hore aus den Reihen der Besucher ein Chor, offenbar ebenfalls auf Reisen, einen mehrstimmigen Vaterunser-Gesang an, welcher die Akustik des romanischen Gewölbes nochmals eindrucksvoll unterstreicht.

Ihr rätselt, woher die besondere Stimmung des Ortes rührt. Sicherlich spielt hier auch die gelungene Trennung von Sakralem und dem auch hier unvermeidlichen Kommerz eine Rolle. Es gibt eine sehr schön eingerichtete Buch- und Kunsthandlung, in der ihr ausgiebig stöbert, auch eine große Gärtnerei und einen Bioladen mit vielen Lebensmitteln aus eigenem Anbau und artgerechter Tierhaltung, aber all dies findet sich so weitläufig angelegt, dass die Kirche selbst davon weitgehend unberührt und ungestört bleibt. Auf die Besucher der Abtei scheint sich die Würde des Ortes zu übertragen, sie verhalten sich mehrheitlich ihr entsprechend. Du denkst mit Grauen zurück an Köln, an die Ströme laut schwatzender, Kaugummi kauender Touristen, die den Dom heimsuchten und unter ein monströses Blitzlichtgewitter setzten.

Vielleicht spielt der heilige Ernst der hiesigen Mönche eine Rolle. Wohl segnen sie auf Anfrage Kreuze und Rosenkränze, die es in der Kunsthandlung zu erwerben gibt. Wer dies möchte, muss jedoch eigens an der Pforte der Abtei läuten und seinen Wunsch vortragen, findet daraufhin Einlass und wird am Ende mit einem persönlichen Segensgebet wieder entlassen. Dies geschieht gänzlich abseits des Rummels, in aller Stille. Auch du trägst von diesem Augenblick an ein Kreuz an einer Silberkette, Geschenk deines Philosophenfreundes, welches dir schon aus diesem Grund sehr viel bedeutet.

Und eure Dichter? Goethe besuchte den Ort auf seiner Rheinreise 1815 in Begleitung des Freiherrn vom Stein, ein Relief kündet hiervon. Allerdings sprach er von Koblenz aus rückblickend von der „verödeten Abtey Laach“, deren „bedeutende Reste“ er „mit Vorsicht und Sorgfalt hieher zu retten“ vorschlug, was gewisse Schlüsse auf den damaligen Zustand der Anlage ziehen lässt. Den vulkanischen Charakter des Sees jedoch zweifelte er, der leidenschaftliche Steinsammler – wie wirst du Jahre später in Weimar geradezu neidvoll seine zahlreichen Sammelkommoden mit den ungezählten Schubladen bestaunen und bewundern! – an, erwähnte gegenüber dem Kunstsammler Sulpiz Boiseree in Wiesbaden ein „Loch mit seinen gelinden Hügeln und Buchenhainen“, befand, „es möchte dem Vulkanismus schwerer fallen, die Menniger Steine als Lava durchzuführen und zu erklären vollständig, wie sie geflossen und dahin gekommen…“. Ein solcher Gedanke schien ihm nicht geheuer zu sein.

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Ihr verbringt noch einige Stunden an diesem Ort, lasst die einzigartige Stimmung auf euch wirken. Dein Philosophenfreund, in prägender katholischer Tradition erzogen, jedoch infolge seiner langjährigen Beschäftigung mit der Philosophie sich nicht als gläubigen Menschen bezeichnend, scheint offensichtlich dennoch Kraft zu schöpfen aus kirchlichen Symbolen und Ritualen. Du selbst, obwohl protestantisch und damit eher wortbetont, bildkritisch und ritualarm aufgewachsen, fühlst merkwürdigerweise ähnlich.

„Ich glaube, ich weiß, woran es liegt“, sagst du, „es hat damit zu tun, dass dies ein Ort ist, der von vielen wahrhaft Suchenden aufgesucht wird.“

In der Tat: Euch alle, gleich welchen Bekenntnisses, treibt eine Sehnsucht hierher, die euch vereint. Und das Bewusstsein, dass ihr von den letzten Dingen nichts wissen könnt, ihr vielmehr immer Suchende bleiben werdet, die es stets aufs Neue wagen müssen, sich darauf einzulassen, sich immer wieder neu auf den Weg und auf die Suche zu begeben.

Auszug aus „Holunderblüten“ –
Roman um zwei Liebende auf den Spuren der Dichter
(bisher unveröffentlicht)

© Bettina Johl

Weitere drei Leseproben findet ihr durch die Eingabe von „Holunderblüten“ in der Suchfunktion.

Ein Kommentar

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Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe II)

IV

 

In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Friedrich Hölderlin

(Aus: Der Neckar)

 

*

 

Dein Philosophenfreund sagt, er habe bereits beim Lesen dieser Zeilen das Gefühl gehabt, nach Hause zu kommen, und dir geht es ähnlich, du hast es nie zuvor so stark empfunden wie gerade jetzt, und du fragst dich, woran es liegen mag.

Das Frühstückszimmer mit Blick auf Kanal und Fluss, ihr beobachtet Graureiher in ihrem majestätischen Flug, farbenfrohe Nilgänse und die pfiffig aussehenden Kormorane mit ihren Tauchkünsten, wettet darüber, wie lange sie unter Wasser bleiben und an welcher Stelle sie zu welchem Zeitpunkt wieder auftauchen würden. Unterdessen turnen Kohlmeisen vor dem Fenster in den Ästen herum; ihr hört in der Frühe ihren Gesang, sobald ihr euch überwunden habt, das Fenster zu öffnen und der frostigen Morgenluft Einlass zu gewähren. „Die Meisen singen, – es wird bald Frühling!“, sagst du, wider besseres Wissen.

Ab und zu ziehen Binnenschiffe durch den Kanal; ihrer sind mehr, als du um diese Jahreszeit erwartet hättest. „Schau sie dir an, sie sind gewachsen!“, sagst du im Scherz, wirkten sie doch am mächtigen Rhein, wo ihr euch einst kennenlerntet, bedeutend kleiner.

Die Wirtsleute sind freundlich, auch wenn ihr euch sehr bald mit schwäbischen Eigenarten konfrontiert seht. „Keine Kühltaschen im Frühstücksraum, kein Mitnehmen von Frühstücksbrötchen erwünscht!“, so ist es einem am Empfang angebrachten Schild zu entnehmen. Schützt man sich hier einfach nur vor einer – nicht nur den Schwaben unterstellten – Hamstermentalität? Dein Philosophenfreund liest und staunt. Dies reizt dich doch sehr, Schwabenwitze zum Besten zu geben: „Kennst du den mit den Schwaben, die in die Gletscherspalte gefallen sind? – Ruft es von oben herunter: Hier ist die Bergwacht! – Schallt es von unten rauf: Mir gebet nix!“

Frühstück gibt es bis 10 Uhr, keine Minute länger; pünktlich fünf vor zehn wird die Frage gestellt, ob ihr noch etwas vom Buffet wünscht oder ob man abräumen könne, und kurz darauf kommt geräuschvoll und unerbittlich der Staubsauger zum Einsatz. Ihr hingegen habt tatsächlich den Nerv, bis halb elf auszuharren und eure Gespräche fortzusetzen, habt so vieles nachzuholen, handelt euch erstaunte Blicke von hastig aufbrechenden Tischnachbarn ein, liebt es, die Sache auf die Spitze zu treiben, euren letzten und allerletzten Kaffee zu genießen, bevor ihr dann doch fluchtartig das Weite sucht, denn es ist euch ja recht, ihr wollt ja noch etwas haben vom Tag. Eurem Tag.

 

V

 

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom
Von fernen Inseln, wo er geerntet hat;
Wohl möcht‘ auch ich zur Heimat wieder;
Aber was hab‘ ich, wie Leid, geerntet? –

Ihr holden Ufer, die ihr mich auferzogt,
Stillt ihr der Liebe Leiden? ach! gebt ihr mir,
Ihr Wälder meiner Kindheit, wann ich
Komme, die Ruhe noch Einmal wieder?

Friedrich Hölderlin
(Die Heimat)

 

*

 

Welche Spuren werdet ihr noch finden in der kleinen Stadt, die, solange du zurückdenken kannst, stets ihre zehntausend Einwohner hatte, kaum mehr, kaum weniger? Die auch zwischenzeitlich, da völlig ohne Eingemeindungen geblieben, nur wenig an Zuwachs zu verzeichnen hatte.

„Hölderlinstadt“ steht auf der neuen, blauen Tafel am Bahnhof, unter der ihr euch anfangs wiederfandet, auf die ihr freilich kaum achtetet, einer in den Augen des anderen versinkend, alles um euch vergessend. Das Gelände ist dir fremd, der Bahnhof, den du einst kanntest, gibt es nicht mehr. Das Areal wurde längst zweckmäßig überbaut. Keine Ähnlichkeit mit früheren Tagen. Der alte Bau war nicht minder hässlich, aber der Platz davor weitläufiger. Ein schöneres Bahnhofsgebäude stand an diesem Platz, bevor die Fliegerbomben darauf niedergingen; du kennst ihn von alten Postkarten, auf denen auch noch das benachbarte einstige Postgebäude zu sehen ist. Die Schilderungen deines Vaters, Geschichten, die du als Kind nicht oft genug hören konntest, mit jener Neigung zum gruselig Makaberen, die Kindern zuweilen eigen ist: „Und dann sind die Leute aus dem Luftschutzkeller geklettert und haben dumm geguckt, als sie nur noch den freien Himmel und Rauchschwaden über sich gesehen haben – weg war der Bahnhof!“ „Toll! Papa, erzähl `s nochmal!“

Die „holden Ufer“. Hiervon allerdings könntet ihr noch eine Vorstellung bekommen, dieser Abschnitt des Flusses hat sich einiges von seiner Ursprünglichkeit bewahren können. Die Respekt gebietenden Stromschnellen, die dem Ort seinen Namen verliehen, sind auf der Höhe der alten Brücke eindrucksvoll zu beobachten. Sie bezeichnen zugleich die Stelle, an welcher der Fluss es vor ein paar Jahrtausenden allzu eilig hatte, keine Lust mehr verspürte, seiner alten Schleife in ihrer vollen Länge zu folgen, den Felsen durchbrach und sich selbst eine Abkürzung schuf.

In der alten Neckarschlinge mit dem ihr verbliebenen Altwasser hat sich indessen eine außergewöhnliche Vegetation herausgebildet. Die Gegend ist ein Paradies für seltenere Vogelarten, Wasservögel insbesondere. Der Wald am ehemaligen Uferprallhang ist nicht groß, ein schmaler Streifen im Grunde nur, den dein Dichter mit „den Wäldern meiner Kindheit“ nicht gemeint haben kann, da er seine weiteren Kinder- und Jugendjahre in Nürtingen verbrachte. Dorthin zog er im Alter von nur vier Jahren, nach dem frühen Tod seines Vaters, mit seiner Mutter und seinem neuen, ebenfalls sehr geschätzten und geliebten Stiefvater, der dort Bürgermeister war. Sein neuer Wohnort, an dem er alsbald auf Streifzüge ging, die ihn auch in die umliegenden Wälder führten. Es ist die Rede von einem Lieblingsplatz in der Nähe des sagenumwobenen Ulrichsteins, an den er sich gern zurückzog, allein oder manchmal auch mit seinem jüngeren Bruder Karl, um diesem vorzulesen. Orte, die du selbst nur vom Lesen und Hörensagen kennst. Dies hier ist hingegen „dein“ Wald, der „Wald deiner Kindheit“, den du zuerst mit diesem Begriff in Verbindung bringst. Vielfältig hast du ihn durchstreift, tust es oft in nächtlichen Träumen noch, und manchmal stiehlst du dich heimlich zu ihm hin. Hier lässt sich manchmal mehr Wild beobachten als irgendwo sonst, da die Tiere sich nur in wenige Winkel zurückziehen können. Häufiger als anderswo kreuzen Reh und Hase den Weg, und im letzten Frühjahr konntest du mitten auf einem grasüberwachsenen Weg zwei kleine Jungfüchse beim Spielen beobachten. Sie waren vielleicht zehn Meter entfernt und bemerkten dich lange Zeit überhaupt nicht. Du weißt es: solches Glück ist uns – wenn je im Leben – nur sehr selten beschieden.

Im März sind die Böschungen von kleinen blauen und vereinzelt auch weißen Sternen übersät: Wildwachsende Scilla – auch Blaustern genannt –, eine frühblühende Blumenart, die nicht überall zu finden ist, weil sie wohl diese besonderen Bodenverhältnisse benötigt. Für dich gehörte sie wie selbstverständlich zum Frühling. Als Kinder pflücktet ihr sie gedankenlos, schien sie euch doch so zahlreich vorhanden, aber viele Menschen kennen sie nicht, allenfalls ihre kultivierte Verwandte in Parks und Gärten, welche sich jedoch nicht annähernd mit ihr vergleichen lässt. Erst als du für längere Zeit in anderen Gegenden lebtest, merktest du zunehmend, dass etwas am Frühling seit längerem nicht stimmte, verkehrt war, dass etwas Entscheidendes fehlte. Dieses besondere Blau, welches erst ins Auge fällt, wenn dein Blick länger auf den blassen Grün-, Braun- und Grautönen der noch vom ausklingenden Winter kündenden Wiese verweilt. Im Wechsel von Licht- und Schattenspiel der Frühlingssonne in den noch unbelaubten Erlen und Weiden blitzt es plötzlich hier und da vereinzelt auf, – bis die Böschungen jäh von einem blauen Zauberteppich überzogen leuchten, der alles wandelt. Der Märchenwald ist eröffnet, das Stück spielt nur für dich. Selbst der Gesang der Vögel klingt verändert, scheint unbekannten Traumsphären zu entsteigen. Zu Störenfrieden werden kurzzeitig andere Spaziergänger, Jogger und Radfahrer. Aber auch sie schaffen es merkwürdigerweise nicht, dir die Stimmung zu verderben. Du siehst sie vorbeihasten, freundlich grüßend oder stumm. Sie gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie sehen es nicht. Für sie ist der Wald wie immer. Auf die wenigen, die es hingegen wahrnehmen, die sich in derselben Dimension bewegen, triffst du selten. Sie suchen die Zurückgezogenheit, möchten mit all dem allein sein, – wie du.

Für all dies jedoch ist es noch zu früh. Noch ist Winter. Bisher spürtet ihr ihn kaum, ihr hattet eure eigene Jahreszeit eröffnet. Ihr wollt nun zu eurem Dichter; dies erfordert doch einiges Sich-Überwinden angesichts der klirrenden Kälte – und das Überqueren des Flusses über die eisglatte Bogenbrücke. Hinaus in die schneidende Winterluft; es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung, so heißt es. Eine Ansicht, die nicht alle zu teilen scheinen. Ihr trefft draußen auf nur wenige, ebenso unkenntlich vermummte Gestalten. Das Museum öffnet erst am Nachmittag; ihr seid zu früh und erkundet einstweilen den als „Dorf“ bezeichneten älteren Teil der Stadt auf der anderen Seite des Neckars, gegenüber dem „Städtle“, wo ihr untergebracht seid. Das „Dorf“ sei immer der bedeutendere Teil von beiden geblieben, liest du später; beide Stadtteile bildeten überhaupt erst ab dem frühen letzten Jahrhundert einen Gemeindeverband, sollen aber lange davor bereits eine gemeinsame Kasse verwaltet haben. Dies war gewiss nur mit schwäbischer Disziplin durchzuhalten!

Ihr erklimmt die steilen Gassen zur Kirche hinauf. Über eine von ihnen führt vom erhöht liegenden Kirchhof eine kleine Brücke zum Eingang des Pfarrhauses auf der anderen Seite. Du erinnerst dich, sie in der Konfirmandenzeit oft überquert zu haben. „Unser Pfarrer“, erzählst du, „machte sich und uns keine großen Umstände. Er sagte: ‚Lernt den Katechismus und wenn ihr etwas auswendig könnt, kommt ihr einfach vorbei und sagt es mir auf.‘ Und so hielten wir es, gingen hin und wieder nachmittags beim Pfarrer vorbei, hielten Kaffeeplausch, sagten unsere Verse auf, bekamen das entsprechende Häkchen auf unserer Liste – und für den Rückweg meist noch ein paar Gemeindeblättchen zum Austragen mit. Auf diese Weise war das Konfirmandenleben für beide Seiten gut auszuhalten.“ Mehr Sorgen hatten dir die Hausbesuche bereitet, die jener Pfarrer im Konfirmandenunterricht angekündigt hatte, dann aber zum Glück doch nie durchführte, weil er viel zu beschäftigt war und keine Zeit dazu fand. Wie er genüsslich erzählte, pflegte er bei solchen Gelegenheiten gern beiläufig nach der Familienbibel zu fragen, sie aus dem Bücherschrank zu nehmen und darin zu blättern. An der daraus aufsteigenden Staubwolke ließe sich dann sehr schnell erkennen, wie oft oder selten diese benutzt wurde. Diese Vorstellung genügte, dich in helle Panik zu versetzen, denn nach einer Familienbibel, wenn auch nur zum Zweck, selbige vorsorglich abzustauben und damit dem Verdacht zu entgehen, in einem heidnischen Umfeld aufzuwachsen, hättest du vermutlich erst einmal sehr lange in den Tiefen sämtlicher Bücherschränke suchen müssen. Soviel du wusstest, existierte dort nur eine sehr freie Übersetzung des Neuen Testaments von Jörg Zink, ein Name, dessen Nennung bei Kirchenmenschen der älteren Schule zuweilen bedenkliches Kopfwackeln auszulösen pflegte.

Nun, diese vermeintliche Blamage blieb dir erspart und du konntest diese Tage, die letzten vor deinem Wegzug, noch verhältnismäßig unbeschwert genießen. Im Übrigen zeichnete es diesen Pfarrer – ihm sei an dieser Stelle ein Denkmal gesetzt – aus, dass er sich grundsätzlich für alles interessierte, womit seine Schäfchen sich beschäftigten. So war er stets mitten unter ihnen als einer von ihnen. Er liebte Sportfeste und war ein großer Pferdefreund. Wenn ein Reitturnier stattfand, ging es Sonntagfrüh hinaus aufs weit entlegene Reitgelände und dort wurde unter freiem Himmel Gottesdienst für Pferd und Mensch abgehalten. Er selbst blieb oft noch lange dort, sah sich mit Vergnügen die Wettbewerbe an, setzte sich mit den Leuten in lockerer Runde zusammen – und zugleich setzte er sich mit ihnen und ihrem jeweiligen Schicksal auseinander, teilte Freud und Leid mit ihnen. Leider war ihm kein langes irdisches Leben mehr vergönnt; jemand erzählte vor Jahren, er sei bereits kurz nach Eintritt in den Ruhestand verstorben und liege auf dem hiesigen Friedhof begraben.

Du selbst warst ja lange nicht hier, hattest den Bezug zu allem verloren, triffst auch heute nahezu auf keine bekannten Gesichter, – am ehesten noch auf diejenigen, die du lieber nicht kenntest, aber wer kann sich das aussuchen? Du bist immer eigene Wege gegangen und tust dies auch jetzt wieder. Und wenn du in diese Stadt zurückgekehrt bist, dann um des Dichters und deines geliebten Freundes Willen, der wie du auf dessen Spuren ist, der ihn dir unerwartet wieder nahebrachte. Der dir Verse ins Gedächtnis zurückrief, die du einst zwar gelesen, aber inzwischen längst vergessen hattest. Und auch viele, die du noch nicht kanntest, so dass du dir den einzigen Gedichtband, der eher ein Alibi-Dasein in deinem Regal fristete, wieder vornahmst und stauntest über den neu gewonnenen Reichtum dieser Verse und darüber, wie vieles davon mit euch zu tun hat.

Die Kirche, in spätgotischer Zeit errichtet, nachdem eine Vorgängerkirche durch Blitzschlag abgebrannt war, wie es eine Schrift an der Wand in alter Sprache und schwer lesbaren, verschnörkelten Buchstaben schildert, umfängt euch mit der besonderen Stille und Würde, die solch ursprünglich alten Gemäuern oft noch innewohnt. Du erinnerst dich an sehr schöne, feierliche Christmettgottesdienste, die – wie es sich gehört, findest du – wirklich noch zur Mitternacht gehalten wurden, nicht, wie heute fast allerorten, bereits um 10 Uhr abends. Warum dies eigentlich? Weil es jeder eilig hat, zurückzukehren zu Punschglas und Geschenkwahnsinn? Ob sich diese Tradition der Mitternachtsmette wenigstens hier erhalten hat? Es wäre wohl eine Erkundung wert.

Aber die Weihnachtszeit ist soeben vorüber. Hier für künftige Tage die Zelte aufschlagen? Wäre dies eine Option? Ihr seid Teil des Schweigens an diesem Ort, eure Gedanken jedoch gehen in ähnliche Richtungen.

 

VI

 

Seliges Land! kein Hügel in dir wächst ohne den Weinstock,
Nieder ins schwellende Gras regnet im Herbste das Obst.
Fröhlich baden im Strome den Fuß die glühenden Berge,
Kränze von Zweigen und Moos kühlen ihr sonniges Haupt.

Friedrich Hölderlin

(Aus: Der Wanderer, 1. Fassung;
Inschrift des Hölderlin-Denkmals in Lauffen am Neckar)

 

*

 

Das Museum, in dem ihr fündig zu werden hofft, ist klein, – zu klein, wie ihr meint, für einen Dichter seiner Größe! – und liegt auf dem ehemaligen Klostergelände. Dort entstand um das einstige Frauenkloster eines Dominikanerordens eine eigene Siedlung, die den Namen „Zur Brücken“ getragen haben soll, welche später dann schlicht „Dörfle“ genannt wurde. Der Vater des Dichters war Klosterhofmeister, zu einer Zeit, da es längst nur noch um die Verwaltung von Gütern ging. Nonnen lebten dort schon seit zweihundert Jahren keine mehr; unmittelbar nach der Reformation wurden keine Novizinnen mehr aufgenommen. In deren weiterem Verlauf ergab es sich, dass aufgelöste Frauenklöster zu Wirtschaftsgütern, die Mönchsklöster hingegen – wie das berühmte Maulbronn – zu theologischen Bildungsstätten für angehende protestantische Pfarrer umgewandelt wurden.

Vom Kloster selbst sind nur noch Teile des Kreuzganges erhalten, die inzwischen nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz stehen. Die ehemalige Kirche, welche heute das Museum beherbergt, wurde erst in späteren Tagen neu aufgebaut. Sie wurde zu der Zeit, in die deine Erinnerung zurückreicht, noch als solche für die katholische Gemeinde genutzt, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus zugewanderten Menschen bildete, die geflüchtet oder aus ihrer Heimat vertrieben waren.

Um zum Museum zu gelangen, gilt es, die Bahnlinie zu unterqueren, die es zu Dichters Kindertagen freilich noch nicht gab. Immerhin fiel die Erfindung der Eisenbahn selbst noch in dessen späte Jahre; fraglich allerdings, ob er davon noch etwas mitbekommen hatte. Wo die Straße zum Klosterhof abzweigt, hat man einen Kreisverkehr angelegt und in dessen Mitte mit einem monströs anmutenden Kunstwerk eurem Dichter ein modernes Denkmal gesetzt.

Ihr betrachtet es staunend, es wird ein wenig dauern, bis es sich euch völlig erschließen wird. Was um Himmels Willen soll der tote Hirsch, auf dem in aufreizend despotischer Haltung eine Figur steht, die offensichtlich den einstigen Herzog Carl Eugen von Württemberg vorstellen soll? Und was tut hier Nietzsche auf dem Fahrrad mit einer Rose in der Hand? Es ist keine Rose, wirst du später erfahren, vielmehr ein Thyrsosstab aus der griechischen Mythologie. Er steht für die Verbindung Nietzsches, der den Dichter sehr verehrte, zum Dionysischen, das Glück im Diesseits Suchenden. Der Hirsch, so erfährst du, wurde nicht etwa von irritierten Verkehrsteilnehmern überfahren, die vor lauter Kunstwerkbetrachtung einen Wildwechsel nicht bemerkten, sondern ist Symbol für das einst geknechtete Württemberg und die unterdrückte Gedankenfreiheit. Nur, welcher Autofahrer kann solches auf die Schnelle deuten, ohne ein Verkehrschaos auszulösen?

Das alte Denkmal steht unverändert, wie du es kanntest. Das Bronzerelief, erfahrt ihr später, habe sich einst über der Eingangstür des alten Amtshofes befunden, bevor dieser abgerissen wurde. Es bestehen gewisse Zweifel darüber, ob dieses Gebäude auch das Geburtshaus war. Man zieht hierfür noch ein weiteres, bis heute erhaltenes Haus in der Nachbarschaft in Betracht, welches im Besitz der Familie und noch für einige Jahre Witwensitz der Mutter war. Dorthin musste früher zeitweilig ausgewichen werden, wenn der herzogliche Hof zum Fischen – zur sogenannten „Seefischete“ – an den künstlich angelegten Seen in der alten Neckarschleife vor Ort war und mehr Platz für die Seinen beanspruchte, als vermutlich für die dort Ansässigen erträglich war. Es heißt übrigens, damals sei diese Stadt Hauptlieferant von Fisch für ganz Württemberg gewesen. Heute kaum vorstellbar!

Die unter dem Relief angebrachten Verse aus dem „Wanderer“ beziehen sich in ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelesen wohl eher auf die Gegend des Rheins, lassen sich jedoch auf das Land am Neckar durchaus übertragen, wenn auch dein Philosophenfreund vom Rhein es nicht lassen kann, zu spotten, es könne hier von „Bergen“ ja wohl kaum die Rede sein. Nun wieder hier am Denkmal stehen, diesmal mit einem Menschen an der Seite, dem dies etwas bedeutet, mit ihm deine Empfindungen teilen – das allerdings hat etwas.

Ein älterer Herr öffnet die Museumstür, fragt, wofür ihr euch interessiert. Zu eurem Dichter wollt ihr. „Ha noh“, meint er, „do müsset Se awr au tätich werda!“ Tätig werden? „Jo, do hat’s Schublada zum Nausziaga und so Sacha!“ Tätig werden! Warum nicht? Ihr stürzt euch, ohne abzuwarten, in das bezeichnete Zimmer, schwelgt darin, zerlegt es halb. Später werdet ihr bei der Spendenkasse ein Schild mit der Warnung lesen: „Im Hölderlin-Zimmer ist eine Webcam installiert!“ Zu spät. Ihr lacht. Solange ihr wiederkommen dürft!

Die Ausstellung teilt sich auf in die Schwerpunkte „Werden“, „Schreiben“ und „Wirken“. Auch hier klärt sich die Frage nach dem Geburtshaus nicht; es lässt sich nicht genau ermitteln, wo sich die Familie am 20. März 1770 nun genau aufhielt. Von einer Einquartierung der angelwütigen herzoglichen Gesellschaft gibt es zu diesem Datum jedenfalls keine Belege. So entnimmst du dies jedenfalls einer Niederschrift über die Familie des Dichters, die, wie du feststellst, einer deiner ehemaligen Lehrer verfasst hat. Ach ja! Er war schon früher im Stadtarchiv tätig, inzwischen ist er sicher pensioniert und umso unermüdlicher mit seinem Steckenpferd Heimatgeschichte beschäftigt. Er dürfte der Einzige gewesen sein, der euch in der Schulzeit manchmal etwas von Hölderlin erzählte; du erinnerst dich, dass man dafür im eigentlichen Fach Englisch nicht allzu viel bei ihm lernte, eben weil er stets und gern abschweifte und Geschichten aus der Gegend zum Besten gab. So ist es nun einmal. Was bleibt, steht oft in keinem Lehrplan.

Wenige Schritte die Straße bergauf sind es zu dem noch erhaltenen Wohnhaus der Familie. Es steht leer, macht einen heruntergekommenen Eindruck. Dein Philosophenfreund ist entsetzt. So etwas müsse man sich einmal in Weimar vorstellen! Du warst bislang noch nie in Weimar, wundertest dich über mancherlei Merkwürdiges, das du nur vom Hörensagen kennst. Dass man, als die Stadt vor wenigen Jahren Kulturhauptstadt wurde, ein Duplikat von Goethes Gartenhaus baute, welches hernach von mehr Besuchern aufgesucht wurde als das Original. Verrückte Welt. Aber auch zur Zeit Goethes schien man sich dort auf viel eitlen Pomp und schönen Schein verstanden zu haben. Die Aura Goethes hingegen überstrahlte die gesamte Epoche, ließ viele dichterisch befähigte Zeitgenossen zu Unrecht ein Schattendasein fristen. Dir ist bewusst, dass man eurem Dichter hier auf ganz andere Weise gerecht werden müsste, abgesehen von jener Kunst im Kreisverkehr, welche eben diese Dominanz Goethes – durch dessen herunter gehaltenen Daumen im Deuten auf Hölderlin – auf geradezu vulgäre Weise anschaulich werden lässt, sich jedoch nur dem Betrachter erschließen will, der sie etliche Male umrundet. Fahrenderweise könnte solches dazu führen, angehalten und auf den Promillegehalt des Blutes hin kontrolliert zu werden. Erzähle einmal einem Polizisten glaubhaft, du habest lediglich den Versuch unternommen, Hölderlin zu verstehen! Ihr selbst werdet das Gebilde schließlich zu Fuß erkunden – und dabei mehrfach riskieren, überfahren zu werden. Aber erst an eurem letzten Tag.

Die Kälte ist unerträglich, dringt durch jede noch so gut gepolsterte Winterkleidung, lässt alle Knochen mürbe werden. Der Anblick des verlassenen Dichterhauses macht es nicht besser; es beginnt auch schon wieder dunkel zu werden. Ihr macht euch auf den Rückweg, folgt an der alten Ölmühle dem Lauf der Zaber zum Neckar. Zusätzliche Eiseskälte steigt vom Fluss auf; es sind kaum Wasservögel zu sehen, außer einer einsamen Hausgans. Womöglich flüchtete sie letztes Jahr rechtzeitig vor dem Schicksal, als Weihnachtsbraten zu enden, sagte sich: Lieber ein gefährliches, unbequemes, aber freies Leben, als im warmen Stall dem sicheren Ende entgegensehen. Sie hat eine Verbündete in dir.

Ihr findet ein Restaurant, „Lichtburg“ genannt, nach einem Kino, das sich früher in dem selbigen Haus befunden haben muss. Du müsstest deinen Vater fragen, er kann sich sicher noch daran erinnern. Für zwei halb Erfrorene, die ihr seid, lässt es sich dort gut aushalten. Als die Lebensgeister bei einem ordentlichen Abendessen zurückkehren, entschließt ihr euch, zunächst einmal auf den Rat des emsigen Schaffners zu hören. Morgen also nach Tübingen – vielleicht findet ihr euren Dichter dort.

© Bettina Johl

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Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe)

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I


Nur Einen Sommer gönnt, Ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Friedrich Hölderlin
(An die Parzen)

 

*

Mancher Sommer will im Winter begonnen sein. Ihr werdet nicht gefragt. Ungewöhnlich: Die Stadt, die du dein Leben lang kennst, die sich jedoch in all jenen Jahren selten so winterlich zeigte, präsentiert sich heute nun im weißen Schneegewand, so dass sie dir beinahe fremd erscheinen will. Aber so soll es ja sein. Schließlich bist du erstmals zu Gast in ihr, siehst sie zum ersten Mal mit den Augen einer Außenstehenden, einer Fremden. Es gilt, aus dem Kreis heraustreten und sich von der anderen Seite anzunähern, um zum Wesentlichen vorzudringen, anders geht es nicht.

Es ist deine Stadt, wie auch die eures Dichters, auf dessen Spuren ihr euch begeben wollt. Die Stadt, in der du – wie jener – geboren bist, nahezu an derselben Stelle, aber dies ist weder dein Verdienst, noch dass es sich hierbei um einen besonderen Umstand handelt. Jener Platz findet sich nahezu malerisch gelegen, von steilen Weinbergterrassen überragt am jenseitigen Ufer des Flüsschens Zaber, das dort seine wenigen letzten Meter zurücklegt, bevor es sich hinter der Alten Ölmühle mit dem Neckar vereinigt. „Dörfle“ nannte sich diese Ansiedlung von alters her, schlicht und liebevoll, unter Verwendung der schwäbischen Verkleinerungsform, in Unterscheidung zu den beiden bedeutenderen Ortsteilen „Städtle“ und „Dorf“. Dort begann alles – für ihn wie für dich – auf dem Areal eines alten Klosteramtshofes mit wechselvoller Geschichte. Dasselbe Gebäude war es allerdings nicht; dieses fiel, ungeachtet zahlreicher Proteste, dem Abriss anheim. Es fand zwischen den Weltkriegen einen Nachfolgebau, ein Jagdhaus, das allerdings nicht lange erhalten blieb, bis man in jüngeren Tagen an dessen Stelle ein Krankenhaus errichtete, welches seinerseits später durch den Neubau eines Seniorenheims abgelöst wurde. Das alte Krankenhaus, in dem zu der Zeit, als es dort noch eine Entbindungsstation gab, außer dir selbst noch weit mehr Kinder der Stadt das Licht der Welt erblickt hatten. Nichts also, worauf sich etwas einzubilden wäre. Das gemeinsame Schicksal, dass man euer jeweiliges Geburtshaus dem Erdboden gleichmachte, ihr tragt es zu mehreren.

Du bist hier aufgewachsen, anders als er, der Dichter, der die Stadt der Chronik zufolge bereits in frühen Kindertagen verließ, keine Schule hier besuchte. „Ach! wäre ich nie in eure Schulen gegangen…“, wirst du im Hyperion lesen und es auf deine Weise nachvollziehen können. Nahezu alle Schulen der Stadt tragen bis heute seinen Namen, wirklich nahegebracht wurde er euch nie. Euch, die ihr hier aufgewachsen seid, als sei der Ort ein beliebiger, austauschbar mit jedem beliebigen anderen. Der Dichter, das lag schon so lange zurück, weit weg, in einer Zeit, zu der euch und wohl auch vielen eurer Lehrer Zugang und Vorstellungskraft fehlten, und ihr glaubtet nicht, dass er euch etwas zu sagen haben könnte.

Du selbst warst stets gespalten, er schien dir fremd und doch fühltest du dich auf magische Weise von ihm angezogen. Der Weg zum Krankenhaus, den du in den Jahren des Heranwachsens noch öfter beklommen antreten musstest, um Blessuren aller Art behandeln zu lassen, die man sich im Schulalter bei Stürzen von Fahrrädern oder auch Pferden hin und wieder zuzuziehen pflegt. Er führte durch einen kleinen Park, in dem das Hölderlin-Denkmal, ein altes Bronzerelief in einer halbrunden Mauer, noch heute zu finden ist, und du hast einen Abstecher dorthin nie versäumt; wohl auch stets, um Zeit zu gewinnen und möglicherweise, bei deinem augenscheinlich angeborenen Horror vor weißen Arztkitteln, insgeheim deinen Dichter stumm um Beistand zu ersuchen. Ob er hierfür der Richtige war? Du konntest es beim besten Willen nicht feststellen, auch mit der größten Einbildungskraft – und die hattest du! – war ihm nicht der geringste Ansatz eines Augenzwinkerns abzulocken. Seine Augen blickten stets verträumt in die Ferne, er schien entrückt, weit weg, nicht von dieser Welt. Aber gerade dies schien dir seltsam vertraut, ließ ihn dir auf eigenartige Weise sehr nahe sein.

Nun bist du also wieder hier – und in Kürze wird sich ein Freund der Dichter und Philosophen einfinden, der diese Stätte noch nie betreten hat. Welcher nicht – wie du – vom Neckar stammt, jenem Fluss, der zwar durchaus seine Eigenwilligkeiten aufweist, auch hin und wieder über seine Ufer tritt, sich dann aber doch immer wieder in sein Flussbett – und damit in seine ihm gesetzten Grenzen – einfindet. Stattdessen vom „erhabenen“ Rhein, und somit, wie es sich wohl in diesem Falle gehört, in anderen Dimensionen denkend unterwegs. Die halbe Welt hat er wohl bereist, es sei ihm gegönnt. Bedeutende Stätten der Literatur, wie Goethes und Schillers Weimar, kennt er wie seine Westentasche. Darum allerdings beneidest du ihn. An diesem Ort jedoch war er nie. Das ist deine letzte Trumpfkarte, die du aus dem Ärmel ziehen kannst. Manch einer muss mit den paar Pfunden wuchern, die er hat. So auch du.

Welcher Ort würde sich besser eignen, sich zu eurem Dichter auf den Weg zu machen? Zu ihm, der nur von wenigen Menschen seiner Zeit verstanden wurde, der nun aber gerade euch in den letzten Tagen immer wieder überraschend begegnete, euch begleitete, euch zunehmend mehr zu sagen hatte? Neugierig wie ihr seid, findet ihr euch nun ein in der winterlich verschneiten Stadt, um mit neuen Augen hinzusehen und mit anderen Ohren hinzuhören.

 

II

 

„Wir sind nichts; was wir suchen ist alles.“

Friedrich Hölderlin
(Aus: Hyperion, Thalia-Fragment)

 

*

Werdet ihr hier finden, wonach ihr sucht? Ihr, die ihr als Liebende hierher fandet, Liebende mit ungewöhnlicher Geschichte, welche nun auch – so glaubt ihr natürlich, unverbesserlich Literaturverrückte, ihr! – eines außergewöhnlichen Rahmens bedarf? Der Dichter, Vorwand nur? Oder fühltet ihr, dass er tatsächlich etwas mit euch zu tun haben könnte, so dass ihr seinem Ruf gefolgt seid?

Ein kleines Hotel, gepflegt, schöne Zimmer. Eine regelrechte Winterhöhle, um sich darin für gewisse Zeit zu vergraben und für niemanden zu sprechen zu sein.

 

Blick aus dem Fenster über den Kanal auf die verschneite Vogelinsel – unbetretbares Naturschutzgebiet, seit du zurückdenken kannst. Darauf die alte, trutzige Rathausburg, dahinter der eigentliche Fluss, und an dessen gegenüberliegendem Ufer, auf dem Kirchberg, gestützt von imposantem Mauerwerk, die alles überragende, viele Jahrhunderte alte Kirche, die den Namen einer mittelalterlichen Ortsheiligen trägt. Diese sei, so will es die Legende wissen, im frühen Kindesalter von ihrer Amme ermordet und in den Fluss geworfen worden, angeblich aus Rache, die ihren Eltern galt – immer haben die Kinder im wahrsten Sinne alles auszubaden! Fischer zogen sie jedoch drei Tage später – für eine Wasserleiche eher unüblich – mit blühend rosigen Wangen und glücklichem Lächeln aus dem Wasser. Das Ereignis sprach sich in Windeseile herum, erfuhr auf diesem Weg alle denkbaren Ausschmückungen, die Heiligenlegenden eigen sind, und sorgte über lange Zeiten für Pilgerzüge zum steinernen Sarg des wundersamen Mädchens, dessen Gebeine allerdings in den späteren Wirren kriegerischer Auseinandersetzungen im Zuge der Reformation verlorengingen. Eine schaurige Geschichte, die ihr als Kinder mit wohligem Gruseln in euch aufsogt. Ihr versäumtet es bei einem Gang über den Kirchhof nie, euch – notfalls mit Hilfe einer Räuberleiter – an den Gittern zwischen den gotischen Fensterstreben der Regiswindiskapelle hochzuziehen, um einen Blick auf den steinernen Schrein zu erhaschen, welcher bis heute erhalten ist.

Die Kirche wiederum ist es, die aufgrund ihrer Lage und ihres imposanten Aussehens durch ihren mächtigen, rechteckigen Turm mit geschwungener Haube und Laterne stets von weitem ins Auge fällt, aus welcher Richtung man sich auch nähern mag, und die zusammen mit der Burg, dem Fluss und der alten Bogenbrücke dem Ort seine unverwechselbare Erscheinung verleiht.

Du wurdest, wie der Dichter, in ihr getauft und – anders als er – auch dort konfirmiert; es müssen hiervon noch schreckliche Fotos existieren. Aus der Perspektive des entgegengesetzten Ufers hast du sie seltener betrachtet; du hast immer auf der anderen Seite des Flusses gelebt. Auch dies ein Sich-Annähern aus ungewohnter Blickrichtung, was dem Ganzen einen besonderen Zauber verleiht. Der viel beschworene Anfang, dem ein Zauber innewohnt? Dies jedoch war ein anderer Dichter, einer der späteren. Auch er stammt aus der näheren Gegend, auch er steht dir nahe.

Dein Philosophenfreund hingegen als Kenner und Verehrer des großen Goethe, – er begibt sich hier ebenso wie du auf neue, weniger ausgetretene Pfade, so dass ihr beide etwas davon mitnehmen könnt, wenn ihr euch darauf einlassen wollt. Und es ist euer Anfang.

 

III

 

Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr den Künstler höhnt,
Und den tieferen Geist klein und gemein versteht,
Gott vergibt es, doch stört nur
Nie den Frieden der Liebenden.

Friedrich Hölderlin
(Das Unverzeihliche)

 

*

Eine Woche nur für euch, – gestohlene Tage, die restliche Welt bleibt außen vor, hat keinen Zutritt. Das Zimmer mit Blick auf den Fluss wird für kurze Zeit zu eurer Festung. Liebende, ihr, – die ihr euch nur wenige Tage, und doch, wie es euch nun scheint, Ewigkeiten kanntet, kaum je berührt hattet; was würde euch erwarten bei dieser ersten, zweiten Begegnung nach so langer Zeit? Bange Frage. Wachsendes Lampenfieber auf beiden Seiten. Die Bahngesellschaft sorgt für Aufschub, der ICE deines Philosophenfreundes hat Verspätung, der Anschlusszug ist weg, der Zugbegleiter schlägt eine alternative Verbindung über die Landeshauptstadt vor, und so kommt es für ihn, den vom Rhein her Angereisten, auch schon zur ersten Begegnung dieser Tage mit dem Schwäbischen: “Waaas? Nooch Laafa? Doo wellet Se noo?! Was wellet Se ‘n doo? Waaas? Zum Hölderlin? Der isch doo nemme, – doo sottet Se besser nach Tübinga fahra, – koa sei, dass er dort noch im Turm drinna hockt und irgendwas z`sammakritzlt!“, meint jener emsige Schaffner und fügt geradezu hellseherisch hinzu: „Frooget Se amol die Leut dort, was die noch vom Hölderlin wisset! Sie werdet seha, do woiß koiner mehr ebbes!“ Na, solches wollt ihr dann doch nicht hoffen! Und nach Tübingen zu fahren, plant ihr ja ohnehin diese Tage noch.

Mit solchen und weiteren köstlichen Reiseanekdoten per Mobiltelefon auf dem Laufenden gehalten, – inzwischen hat dein Philosophenfreund sich glücklicherweise einen Mitreisenden aufgetan, der einst bei Heidegger studierte, was ihm bei angeregtem philosophischen Austausch den Umweg in wochenendbedingt hoffnungslos überfüllten Zügen ein wenig verkürzt – fütterst du unermüdlich die hungrige Parkuhr, um dir den bahnsteignahen Parkplatz zu erhalten. Der Bäcker, bei dem du Geld wechseln willst, hat samstags bereits ab elf Uhr geschlossen; du hattest vergessen, dass hier an Samstagen mittags sprichwörtlich die Gehwege hochgeklappt werden, ebenso wie mittwochs nachmittags, – auch heute noch kaum ein Geschäft, das dann geöffnet hätte. Alles ganz wie früher, aber du findest dies eigentlich sehr erholsam. Entschleunigung.

Versuch, ein offenes Café zu finden – Fehlanzeige! Im Zeitschriftenladen am Bahnhof gibt es zumindest einen Kaffeeautomaten. Hinter dem Tresen wirkt man unfreundlich, ohne es wirklich zu sein, es ist die Mentalität. Auch die Kunden verhalten sich zunächst mürrisch, sind jedoch sofort zu mehreren bereitwillig mit Wechselmünzen behilflich. Einige sind Reisende, warten selbst auf einen Zug, der Verspätung hat, andere auf säumige Ankommende, so wie du. Man schimpft gemeinschaftlich über die Bahngesellschaft: „Do brauchet bloß amol drei Schneeflogga falla und scho fährt koin Zug meh, die kriege des dr Läbadag nemme gebacha!“ Solches verbindet und schafft eine die Altersgruppen übergreifende Solidarität. Du fühlst dich ihnen zugehörig, bist zuhause angekommen. Jedoch ist es im Verkaufsraum kalt und zugig, zum Aufwärmen ist dieser Ort ungeeignet und so ignorierst du schließlich die Parkuhr, die alle halbe Stunde nach Nachschub schreit, und machst dich auf den Weg in die Hauptgeschäftsstraße, die dir schneematschig-grau, leer und verlassen entgegen gähnt. Nach zehn Minuten Suche landest du schließlich bei einem türkischen Döner-Imbiss, dessen Besitzer, ein freundlicher älterer Mann, dir deine zerzauste Verfassung ansieht und erst einmal heißen Tee herbeischafft. Er verschwindet hinter der Theke, an der sichtbar alle Speisen frisch vor- und zubereitet werden und serviert wenig später vorzüglichen Pide mit Fetakäse an den Tisch, nebenbei mit heiterer Gelassenheit eine Gruppe ausgelassen lärmender Jugendlicher betreuend und beschwichtigend, die eine improvisierte Sofaecke mit Beschlag belegt hält. Die gute Stimmung steckt an, du wärmst dich auf, kommst etwas zur Ruhe – den Tee bekommst du noch nicht einmal berechnet – und machst dich gestärkt auf den Rückweg.

Blick auf die Bahnhofsuhr – Schreck! Der Zug müsste planmäßig in fünf Minuten da sein. Es gibt eine neue Verspätungsdurchsage, weitere fünf Minuten, um die Nervosität ins Unermessliche wachsen zu lassen. Wochenlang E-Mails ausgetauscht, heimlich telefoniert, euch diesen Augenblick herbeigesehnt, jeden Tag, jede Stunde, Minute, Sekunde darauf hingelebt, hingefiebert, – aber würde die Realität dem standhalten? Ihr glaubtet fest daran, habt nie wirklich gezweifelt. Aber etwas befangen seid ihr doch.

Dann kommt die rote Diesellok in Sicht, sich aus südlicher Richtung nähernd. Sehr viel Bewegung auf dem engen Bahnsteig, die sich jedoch schnell wieder verlaufen hat, – und es gibt nur noch euch, ihr liegt euch in den Armen, – und alles ist gut und richtig und hätte nie anders sein können.

Noch später werdet ihr oft daran denken, an die ersten Minuten, als die allerletzten Zweifel und Ängste sich in nichts auflösten, ihr ausgelassen wie die Kinder die Unterführung durch- und den Vorplatz überquertet, immer wieder stehenbleibend, euch vorsichtig berührend, wie um festzustellen, dass ihr wirklich seid – und nicht womöglich im Begriff, euch gleich wieder in Nichts aufzulösen. Ineinander versunken, die Fahrt über die verschneite Brücke zu eurem selbst erwählten Refugium, in das ihr euch vergrabt wie die Räuber in ihre Höhle, um in Ruhe die überreich erbeuteten Schätze zu zählen – und sich zu fühlen wie Könige. Oder wie Götter.

Wie es euer Dichter sagt:

„Einmal lebt ich, wie Götter, mehr bedarf ’s nicht.“

 

© Bettina Johl (Exklusive Leseprobe – Romananfang „Holunderblüten“)

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