„Der letzte Meister des Liedes“ – Georg von der Vring (1889 – 1968)

English: Georg von der Vring (1889-1968) was a...

Sarah Kirsch zitierte in ihrem Tagebuch sein „Jägerlied“, das sie zu ihren „siebzehn Lieblingsgedichten“ zählte,  Günter Eich nannte in einer Umfrage als „sein“ Gedicht Georg von der Vrings „Der Bogenpfeil“, Peter Hamm bezeichnete ihn als den „letzten Meister des Liedes“. Wolfgang Herrndorf schrieb im August 2011 in den bis zu seinem Tode geführten Blog „Arbeit und Struktur: „Meiner Mutter ein Gedicht von Georg von der Vring aufgesagt: „An der Weser, Unterweser wirst du wieder sein wie einst. Durch Geschilf und Ufergräser dringt die Flut herein, wie einst.“ Als mich Benno von Wiese in seinem letzten Oberseminar, das 1978 an der Bonner Universität stattfand und sich dem Barocklyriker Johann Christian Günther widmete, fragte, welcher Dichter meiner Meinung nach im „Echtermeyer/Von Wiese“ fehle, nannte ich spontan den Namen Georg von der Vring. Er antwortete sichtlich irritiert: „Der Naturlyriker?“  W.E. Süskind, der treue Vring-Freund, wendete sich gegen diese Typisierung der Gedichte: „Man mag nicht sagen Gedanken – und man mag nicht sagen Naturlyrik, vielmehr ein Gespinst aus beiden, als ob die Natur denke“. Es waren andere, „unpoetische“ Gründe, warum von Wiese damals nicht das von mir vorgeschlagene Gedicht „Die Beeren“ in seinen Kanon aufnahm. Der große Germanist wollte nur vor seiner eigenen „Nähe“ zum Regime ablenken, und nahm des eigenen Vorteils und Ansehens wegen gegen den Dichter Partei. Die Machtergreifung der Nazis bewog Georg von der Vring zwar zu einer Art „innerer Emigration“, dennoch hatte er bei aller innerer Distanz zum Nazi-Regime Kontakte zum nationalsozialistisch orientierten Eutiner Dichterkreis. Nach dem Krieg wurde er Mitglied des PEN-Zentrums, es folgten Ehrungen wie der Literaturpreis von Niedersachsen und das Große Bundesverdienstkreuz. Georg von der Vring geriet seit Ende der sechziger Jahre in Vergessenheit, woran besonders einige Großordinarien Mitschuld trugen, obwohl er uns einige der vollkommensten lyrischen Gebilde deutscher Sprache hinterlassen hat. Zu ihnen gehört auch das in seinem letzten Lebensjahrzehnt entstandene Gedicht „Die Beeren“:

„Es sind im Oktober die Beeren
Roter als irgendwann.
Doch kommenden Herbst – was dann,
Wenn wir nicht wiederkehren?
Sie mögen, als ob wir noch wären,
Sich röten – aber sie waren
In all unsren wenigen Jahren
Roter als irgendwann.“

Text: Dieter Kaltwasser

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Eingeordnet unter Autor, Bücher, Gedichte, Geistesgeschichte, Literaturgeschichte

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