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Wem gehört Anne Frank? Oder: Was kann und darf Erinnerung?

Von Bettina Johl

AnneFrankSchoolPhoto

Wirbel um Anne Franks Tagebuch: In Frankreich hatten zu Beginn des Jahres die grüne Abgeordnete Isabelle Attard und der Informationswissenschaftler Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes das niederländische Original erstmals für alle frei zugänglich ins Internet gestellt. Ihr Argument: Mit dem Ablauf des Jahres 2015, Annes 70. Todesjahr, sei die Urheberrechts-Schutzfrist des Textes verstrichen und es gelte nun, den „Kampf seiner Befreiung zu führen“. Ganz anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel als Inhaber der Urheberrechte. Dessen Argument lautet, bei Franks Tagebüchern handle es sich um ein posthum veröffentlichtes Werk, das 1986 erstmals ungekürzt aufgelegt wurde und für das sich daraus ab diesem Zeitpunkt eine Schutzfrist von 50 Jahren ableiten ließe. Die rechtliche Auseinandersetzung darüber wird andauern.

Aufregung ganz anderer Art löste vor drei Jahren ein Eintrag im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam aus. Der zu dieser Zeit noch nicht 20-jährige kanadische Popsänger Justin Bieber hatte sich nach einem Besuch – wie das Haus berichtete –  „beeindruckt“ gezeigt, sich mit den Worten „Anne war ein tolles Mädchen“ verewigt und im Weiteren geschrieben, er hoffe, sie wäre auch ein Fan – er verwendete das unter solchen gebräuchliche Kunstwort „belieber“ – von ihm gewesen. Die darauf folgende Woge der Belustigung und Empörung, die in Presse und sozialen Netzwerken hochschlug, schien zu dem flapsigen und sicher nicht eben geistreichen Spruch des Teenie-Stars kaum im Verhältnis zu stehen. Anders als zu früheren, weniger vernetzten Zeiten erreichte und beschäftigte er weite Personenkreise, auch solche, die dem „Belieber“-Alter entwachsen sein dürften. Das wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf. Geht es hier noch um das heranwachsende jüdische Mädchen Anne, das mit seiner und einer weiteren Familie fast zwei Jahre in Amsterdam im Versteck lebte? Das sich dort mit außergewöhnlichem Talent unter extremen Bedingungen dem Schreiben widmete, wobei unter anderem ein beeindruckendes Tagebuch entstand, von dem seine Autorin nicht wissen konnte, dass dieses später um die Welt gehen würde? Ein „tolles Mädchen“ – eine tolle Geschichte? Gewiss, so hätte es sich im Rückblick wohl sagen lassen. Wenn Anne unversehrt überlebt und womöglich als heute 87-jährige Schriftstellerin ihren Enkelkindern davon hätte berichten können. Wir wissen, dass es anders kam.

Wie unzählige andere ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wurde Anne Frank letztlich verraten, verschleppt, gedemütigt, gequält und schließlich ermordet. Nach kurzem Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden wurde Anne mit ihrer Familie nach Auschwitz in Polen deportiert. Sie entging den Gaskammern, weil sie jung war und damit noch für Zwangsarbeit in Betracht kam. Sie wurde mit ihrer Schwester Margot zurückgeschickt, westwärts, nach Bergen-Belsen. Ihre Mutter starb in Auschwitz-Birkenau. Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide war kein Vernichtungslager – wenigstens das nicht –, dort herrschten ‚nur‘ Überfüllung, die übliche Brutalität, Hunger, unsägliche hygienische Bedingungen und infolge dessen Krankheit und Seuchen. Anne starb dort infolge von Entkräftung an Fleckfieber, wenige Tage nach ihrer Schwester Margot. Über ihr genaues Todesdatum herrscht bis heute Unklarheit; inzwischen wird von März oder gar Februar 1945 ausgegangen, jedenfalls – und das macht es besonders bitter – nur wenige Monate, bevor der unvorstellbar grausame Nazi-Spuk ein Ende fand. Die Leichname der Mädchen landeten in einem Massengrab. Von den ehemals im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Untergetauchten überlebte allein ihr Vater. Otto Frank verdankte dies einzig dem Umstand, dass er sich beim Herannahen der Roten Armee in Auschwitz in der Krankenbarracke befand und so den berüchtigten Todesmärschen knapp entging. Letzte Erschießungen hatten bereits begonnen. Kurz darauf waren jedoch auch die letzten Folterknechte so sehr mit ihrer eigenen Flucht beschäftigt, dass sie schließlich ihr bestialisches Mordhandwerk einstellen mussten.

Anne war es nicht mehr vergönnt, die Befreiung der Konzentrationslager zu erleben. Letzte Zeitzeugen schildern sie als „Skelett“ und „Schatten ihrer selbst“. Sie selbst war überzeugt, alle ihre Angehörigen verloren zu haben. Dass ihr Vater noch lebte, konnte sie nicht wissen. Ob ihr dies, hätte sie es gewusst, noch ausreichend Kraft verliehen hätte, länger durchzuhalten, lässt sich nicht sagen. Irgendwann ist ein Mensch physisch am Ende. Anne wurde keine 16 Jahre alt.

Eben diese bittere Tatsache, dass Anne Frank den beispiellosen Völkermord der Nazis nicht überlebte, und ihr Tagebuch, das erhalten blieb und schon kurze Zeit nach ihrem Tod weltweit zum Symbol für Auflehnung gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit erhoben wurde, hatten sie selbst schließlich zu einer Symbolfigur werden lassen. Zunächst für die Opfer der Shoah. Und schließlich mehr und mehr für alle Opfer von Unterdrückung und Völkermord in der Welt. Mediale Verarbeitungen des Tagebuchs sorgten für weitere Zuschreibungen. Anne stand schließlich für den „Glauben an das Gute im Menschen“, ein etwas aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus ihrem Tagebuch, mit dem das 1955 am New Yorker Broadway uraufgeführte Theaterstück The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett endete. Der originale Tagebucheintrag vom 15. Juli 1944 lautete: „Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Das Mädchen Anne Frank: Eine Ikone. Fortan unantastbar. Tatsächlich? Und für wen gilt das – und für wen nicht?

Biebers Gästebucheintrag mag unglücklich formuliert gewesen sein. Es war weder die erste, noch die letzte Selbstdarstellungsinszenierung, mit der er Unmut erregte – im Verlauf seines fortdauernden Teeniestar-Höhenflugs, mit dem einer, der selbst noch dabei ist, sich aus dem Teeniealter herauszuwursteln, auch erst einmal zurechtkommen muss. Aber: Wäre es denn grundsätzlich verwerflich, mit vielleicht etwas anderen Worten zu fragen: „Wenn wir uns denn – zu einer anderen Zeit – begegnet wären, hättest du meine Musik gemocht? Hätten wir uns womöglich gegenseitig etwas geben können?“ Denn es ist ja im Grunde der Wunsch eines jeden jungen Menschen, der soeben seine Talente entfaltet: gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, fortzuwirken, Spuren zu hinterlassen im Gedächtnis und Wirken anderer. Gar bewundert zu werden. Eine Sehnsucht, die in jungen Jahren – und nicht nur – mit dem Bewundern anderer in Wechselwirkung steht. Anne, die sich übrigens, wie nahezu jeder Teenager, Starfotos aus Zeitschriften an die Wände pinnte, hatte dies selbst mehrfach ausformuliert. Es war ihr eigener großer Wunsch, journalistisch und schriftstellerisch fortzuwirken. Immer wieder werden andererseits auf Ausstellungen verschiedener Anne-Frank-Gedenkstätten oder auch im Schulunterricht, wo Annes Tagebuch didaktisch eingesetzt wird, junge Leute aufgefordert, fiktive Briefe an sie zu schreiben, um ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Auch hier zeigt man sich nicht immer glücklich über die Eigendynamik, die sich mit einem solchen Versuch entwickeln kann, entspricht doch die Art der Identifikation der jungen Menschen nicht immer der vom Bildungsplan angestrebten Richtung. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase haben junge Menschen nun einmal ihre eigenen Gedanken und Anliegen, die ihnen oftmals näher stehen als die pädagogisch gewollten. Sie identifizieren sich mit Anne, fühlen sich ihr nahe – gewiss, aber ihre eigentlichen Themen sind die Heranwachsender in einer Entwicklungsphase, die sie naturgegeben stark beschäftigt: körperliche Veränderungen, Gefühlswirrungen, Rollen- und Identitätsfindung, Abgrenzung von den Eltern, Zukunftspläne, die Suche nach einem eigenen Weg.

Was darf Erinnerung? Oder: Gibt es ‚richtige‘ Formen des Erinnerns und wer legt fest, welche das sind? Die anhaltende Aufregung um Anne Frank zeigt es. Sie dokumentiert das Ringen um die ‚richtige‘ Form der Erinnerung, um die ,richtige‘ Verwendung von Geld für die ,richtigen‘ Zwecke, und immer wieder um Urheber- und Deutungsrechte. Im Jahr 2014 scheiterte ein vom ZDF geplantes Filmprojekt, das der Sender schließlich auf Betreiben des Anne Frank Fonds in Basel einstellen musste. Bei dieser von Otto Frank 1963 gegründeten Stiftung – nicht zu verwechseln mit der sechs Jahre älteren, 1957 ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Anne-Frank-Stiftung, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdem als Gedenk- und Begegnungsstätte unterhält – handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Einnahmen aus dem Erlös von Urheberrechten gezielt Projekten der Bildung, der Aufklärung und des Gedenkens zugute kommen zu lassen. Des Weiteren macht sie sich weltweit für Kinderrechte stark. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sie sich gegen eine Kommerzialisierung des Namens Anne Frank durch Dritte. Um ein vom Fonds unterstütztes Projekt handelt es sich hingegen bei der deutschen Literaturverfilmung Das Tagebuch der Anne Frank unter der Regie von Hans Steinbichler, die Anfang des Jahres in deutschen Kinos anlief. Diese stammt, ebenso wie das ein Jahr zuvor von der ARD ausgestrahlte, sehr sehenswerte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank unter Regie von Raymond Ley, aus der Produktion von Walid Nakschbandi, der sich als aus Afghanistan eingewanderter Vierzehnjähriger erstmals mit Anne Franks Tagebuch beschäftigt hatte. Dessen Firma, inzwischen Inhaberin der exklusiven Filmrechte, gehört wiederum wie der S. Fischer Verlag, in dem seither alle Anne Frank-Bücher, einschließlich der 2013 aufgelegten Gesamtausgabe, erschienen sind, zur Holtzbrink Verlagsgruppe. Steht dahinter der Wunsch, möglichst ,alles unter einem Dach‘ haben zu wollen? Auf jeden Fall wurde großer Wert auf eine authentische ,Film-Anne‘ gelegt. In beiden Inszenierungen überzeugen mit Mala Emde und Lea van Acken sorgfältig ausgewählte, starke Hauptdarstellerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Berufsschauspielerinnen waren.

Der Schweizer Fonds und die Niederländische Stiftung wiederum haben sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit eher unbemerkt – stark auseinandergelebt. Das mag auch damit einhergehen, dass die meisten der Menschen, die Anne noch persönlich gekannt hatten, inzwischen nicht mehr am Leben sind. Nach Otto Frank im Jahr 1980 verstarb 2010 in den Niederlanden 100-jährig Miep Gies, die berühmte Helferin im Versteck und Bewahrerin der Tagebücher. Mit ihr verließ uns eine überaus wichtige Zeitzeugin, die noch in hohem Alter die Ereignisse aus ihrer Sicht in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank veröffentlichte. Dieses liest sich – auch für Menschen, die überzeugt sind, die ganze Geschichte bereits in- und auswendig zu kennen – packender als jeder Thriller, umso mehr, als in ihm die immer drückendere Atmosphäre, die das Geschehen begleitet, sehr intensiv zu spüren ist und lange nachwirkt. Im März 2015 schließlich verstarb der Schweizer Schauspieler Buddy Elias, jener Cousin Anne Franks, der in ihr einst die Begeisterung für das Eislaufen geweckt hatte. Eine neue Generation steht nun hier wie dort vor der Aufgabe, sich mit dem Erbe Anne Franks und dessen ‚richtiger‘ Verwendung zu beschäftigen. Nicht einfacher wird dies durch den Umstand, dass alle Tagebücher, Fotos und anderen Aufzeichnungen Anne Franks durch ihren Vater per Testament weder der einen noch der anderen Stiftung, sondern vielmehr dem Niederländischen Institut für Kriegsforschung (NIOD – Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie) vermacht wurden. Zu dieser Entscheidung mögen rein praktische Beweggründe geführt haben, wie der Wunsch, die Dokumente einem staatlichen Institut, das übrigens später auch die Echtheit der Tagebücher untersuchen und belegen sollte, zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, als auch der Umstand, dass das Anne-Frank-Haus selbst damals noch nicht über geeignete klimatisierte Räumlichkeiten verfügte. Die Vermutung liegt nahe, dass Anne selbst es wohl für richtig befunden hätte, ihren Nachlass dem Niederländischen Staat anzuvertrauen, da es ihre eigene – durch Radio Oranje inspirierte – Idee war, ihr Tagebuch später unter anderem als Kriegsdokument zur Verfügung zu stellen. Bei dem im Anne-Frank-Haus zu besichtigenden Original-Tagebuch handelt es sich somit um eine dauerhafte Leihgabe des Instituts.

Inzwischen wurde Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, von vielen geradezu selbstverständlich als Niederländerin angesehen und wahrgenommen. Als im Jahr 2004 ein holländischer Fernsehsender sie gar auf die Kandidatenliste seiner Show Größte Niederländer aller Zeiten setzte, fiel dann doch manchem auf, dass Anne nie wirklich Niederländerin war. Gewiss war sie in ihrem Herzen Niederländerin und schrieb auf Niederländisch. Sie war Deutsche von Geburt, doch das ‚Deutschsein‘ war ihr schließlich allzu gründlich ausgetrieben worden. Durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft als Jüdin infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 galt sie fortan als staatenlos. Eine postume Einbürgerung konnte nach niederländischem Gesetz nicht erfolgen, während das deutsche Bundesinnenministerium sich wiederum beeilte, die Ausbürgerung durch die Nazis für nichtig, da nicht rechtens, und Anne somit zur Deutschen zu erklären. Einige Jahre später hätten auch die USA, in die der Familie Frank zu Lebzeiten keine Einwanderung mehr möglich war, Anne gern rückwirkend die amerikanische Staatsangehörigkeit verliehen. Doch solcherlei Versuche, die Geschichte nachträglich zu glätten, bleiben fragwürdig.

Aus dem NIOD wiederum meldet sich mit dem Historiker David Barnouw ein Insider zu Wort, der sich mit Anne beschäftigt hat, seit ihre Dokumente in den Besitz seines Instituts übergingen. Sei es, dass er während der ersten Jahre persönlich im Anne-Frank-Haus einmal im Quartal die Tagebuchseiten umwendete, um ihrem Ausbleichen entgegenzuwirken, oder dass er später Mitherausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebuchtexte werden sollte. Rückblickend erscheint es, als sei er in der Vergangenheit immer dann zu Stelle gewesen, wenn der Hype um Anne sich einmal wieder zu überschlagen drohte; sei es, als immer wieder – vor allem von Seiten rechter Gruppierungen – versucht wurde, die Echtheit der Tagebücher anzufechten, oder auch, als es um die Frage ging, wer die Familie Frank letztlich verriet. Mit einer Veröffentlichung unter dem Titel Wer verriet Anne Frank? erläuterte er 2006 alle bis dahin vorliegenden Fakten, verwies den Rest ins Reich der Phantasie und machte damit mancher wilden und unfruchtbaren Spekulation ein Ende. Unfruchtbar deshalb, weil die nachträgliche Suche nach Sündenböcken kontraproduktiv ist. Wer immer die Bewohner des Hinterhauses, die durch Annes Tagebücher allgemein bekannt wurden, verriet, ist kein schlimmerer und kein besserer Verräter, als jeder andere miese Denunziant aus jener Zeit, der andere Menschen auf dem Gewissen hat, an die sich zu deren Unglück nur niemand mehr erinnert. Vielmehr gilt es, der Frage nachzugehen, wie eine menschliche Gesellschaft überhaupt in die Situation geraten kann, mehrheitlich zu einem Volk der Mitläufer, Denunzianten und Mittäter zu werden, und nach Wegen zu suchen, dies künftig dauerhaft zu verhindern, umso dringender angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen und des zunehmenden Rechtspopulismus in Europa. Um es mit Theodor W. Adorno zu sagen: „Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Davids Barnouws jüngstes Buch Das Phänomen Anne Frank, das uns eine chronologische Darstellung der historischen Ereignisse und zugleich eine ausführliche Rezeptionsgeschichte der Texte Anne Franks sowie deren medialen Verarbeitungen liefert, erschien erstmals 2012 in den Niederlanden unter dem Titel Het fenomeen Anne Frank. Seit letztem Jahr liegt es in überarbeiteter Form nun auch in deutscher Sprache vor. Es bietet allen, die sich näher mit Anne Frank beschäftigen möchten, eine gute und umfassende Übersicht über alle Ereignisse, inklusive der Medienereignisse vom Beginn bis in die Gegenwart, nicht ohne die Instrumentalisierung und Vermarktung des Namens Anne Frank kritisch zu beleuchten. Dies wiederum trug dem Autor – auch und gerade bei der Anne-Frank-Stiftung – nicht nur Freunde ein. Mit ihrer unbeirrt sachlichen Haltung steht seine Veröffentlichung jedoch einmal mehr als ruhender Fels in der Brandung aller mehr oder weniger hitzig geführten Debatten.

Inwieweit ein Name, eine Person oder auch ein Stoff bei der Umsetzung in ein mediales Format der Gefahr der Instrumentalisierung, im schlimmeren Fall auch der Trivialisierung, ausgesetzt ist, bleibt eine spannende Frage. Dies zeigt eine Sammlung von Aufsätzen, die vorletztes Jahr unter dem Titel Anne Frank – Mediengeschichten erschien. Verschiedene Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit oder Lehrtätigkeit mit unterschiedlichen Medialisierungen von Anne Franks Geschichte beschäftigten, kommen hier zu Wort und gehen vor allem der Frage nach, inwieweit eine Geschichte durch eine andere mediale Verarbeitung neu erzählt oder auch umerzählt wird. Angefangen beim unbewegten Medium, beispielsweise der Fotografie oder dem Denkmal, und der Botschaft, die es transportiert – einmal durch das, was es erzählt und zum anderen auch durch das, was es nicht erzählt – über die vielfältigen szenischen Umsetzungen des Stoffes für Bühne oder Film, bis hin zu Übertragungen der Geschichte in modernere Formen, zum Beispiel die der Graphic Novel oder des japanischen Mangas, und schließlich den Möglichkeiten, die neue, interaktive Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, zeigt sich hier ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Erzählformen. Als jüngstes Beispiel sei hier noch das neue Theaterstück ANNE von Leon de Winter und Jessica Durlacher angefügt, 2014 uraufgeführt in einem eigens zu diesem Zweck neu erbauten Theater in Amsterdam.

Die diversen Erzählformen wiederum können, abhängig von der Motivation des Senders, der Art und Weise der Übermittlung und nicht zuletzt von Alter, Persönlichkeit, Vorbildung und Vorerfahrungen der Empfänger innerhalb einer Zielgruppe sehr unterschiedliche Auslegungen und Deutungen hervorbringen. Neue Medien schaffen überdies Möglichkeiten des Zugangs, an die früher niemand auch nur zu denken gewagt hätte. Zum Beispiel bietet das Anne-Frank-Haus auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das gesamte Haus in der Prinsengracht, welcher auch Menschen, denen keine Besichtigung vor Ort möglich ist, erlaubt, sich einen Eindruck der Räume und des ehemaligen Verstecks im Hinterhaus zu verschaffen. Als eine originelle Idee ist auch der „Anne-Frank-Tree“ zu nennen, ein virtueller Kastanienbaum anstelle des echten, den Anne in ihrem Tagebuch erwähnt. Jener war leider aus Altersgründen letztlich nicht mehr zu retten und stürzte trotz aufwändiger Sanierungsaktionen im Jahr 2010 endgültig um, während dafür Setzlinge von ihm um die ganze Welt gingen. An seinem im Internet verewigten Abbild ist es nun möglich, mit dem Anheften virtueller Gedenk-Blätter eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich mit Menschen desselben Anliegens zu verbinden. Mit „Anne Frank im Land der Mangas“, ein Thema, dem im Buch ebenfalls ein eigener Aufsatz gewidmet ist, gestaltete ein Team belgisch-französischer Künstler auf der Internet-Seite des Senders Arte ein „begehbares Manga“. Ein interaktiver Comic – in der in Japan bei Kindern und Erwachsenen äußerst beliebten Form des Mangas – begleitet nachträglich eine Reise der Autoren auf der Suche nach Spuren Anne Franks im fernen Osten. Er beleuchtet mit gewissem Augenzwinkern ein Land der Widersprüche, das Anne einerseits hoch verehrt, ihr gar eine Kirche geweiht und eine Rosensorte gewidmet hat und sich mit ihr gleichsam als Weltkriegsopfer – Holocaust und Hiroshima wurden im selben Atemzug genannt – identifiziert, dem andererseits die Auseinandersetzung mit der anderen, dunklen Seite der eigenen Täterrolle bei Kriegsverbrechen ähnlich schwer fallen will, wie dem einst verbündeten Deutschland. Es handelt sich um ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, wie die Instrumentalisierung ausgerechnet des Namens Anne Frank Verzerrungen in der Wahrnehmung historischer Ereignisse befördern kann.

Hingegen lohnt es sich in der Tat, näher zu betrachten, inwieweit die fiktive Präsenz einer Ikone wie Anne Frank in einem sozialen Netzwerk – nehmen wir beispielsweise Facebook –  einerseits neue Möglichkeiten der Identifikation und Erinnerung schaffen, jedoch andererseits zur Trivialisierung der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen zum Zweck der Unterhaltung um jeden Preis führen kann. Seit Erscheinen des Beitrags „Meine Freundin Anne Frank – Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone“ hat sich die Situation nochmals verändert. Die Verantwortlichen von Facebook haben in der jüngsten Zeit darauf hingearbeitet, fiktive Personenprofile zu löschen, beziehungsweise diese in Seiten umzuwandeln. Das heutige Anne-Frank-Profil suggeriert somit Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr, mit Anne ‚befreundet‘ zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Fan-Seite, die von diesen mit „Gefällt mir“ markiert werden kann und ihnen – wie jede andere Facebook-Seite – Einstellungen anbietet, um neue Postings an erster Stelle der persönlichen Timeline angezeigt zu bekommen. So ist auf der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam betreuten Anne-Frank-Seite ein Einblick in Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums sowie ein Weiterverbreiten dieser Meldungen über die „Teilen“-Option möglich, was der Stiftung und ihren Projekten zunehmend größere Bekanntheit verschafft. Das ist in diesem Falle nur wünschenswert, da sich die Organisation Zielen wie Aufklärung, Bildung, Begegnung und internationalem Austausch junger Leute verschrieben hat, die anzustreben heute wichtiger ist denn je. Natürlich muss sich eine Seite, die auf Interaktion setzt, unter anderem mit unpassenden und destruktiven Kommentaren auseinandersetzen, und leider verwenden auch rechtsextreme Kreise die sozialen Netzwerke sehr intensiv als Plattform für ihre Zwecke. Denn mehr als jedes andere Medium kann Social Media nun einmal auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden. Gerade deshalb wäre es jedoch der falsche Ansatz, Plattformen wie Facebook pauschal abzuwerten oder gar schlecht zu reden – und geradezu fatal, wenn Einrichtungen und Organisationen, die auf Bildung und Aufklärung setzen, sich aus ihnen zurückziehen würden. Für diese gilt es umso mehr, soziale Netzwerke und deren Möglichkeiten intensiv zu nutzen, ihre Präsenz dort sorgfältig und aktuell zu pflegen und sich mit gleich und ähnlich gesinnten Seiten zu vernetzen, um im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung deutlich Position zu zeigen. Dass der Basler Anne-Frank-Fonds die Aktivitäten auf seiner eigenen Facebook-Seite seit Herbst 2015 offensichtlich komplett eingestellt hat, ist zu bedauern und tut dessen Bildungszielen keinen guten Dienst. Die von der Anne-Frank-Stiftung in den Niederlanden sehr sorgfältig gepflegte Präsenz Anne Franks auf Facebook wiederum zeigt das facettenreiche Profil einer Autorin, die als Opfer der Shoah vielen anderen Opfern stellvertretend eine Stimme gab, die weiter fortwirkt. Somit gewinnt diese Seite zugleich den Charakter einer wichtigen Bildungsinstanz.

Hingegen nehmen junge Menschen Anne vor allem als eine der ihren wahr, identifizieren sich mit ihr als einer Gleichaltrigen, die sich traute, ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, auch viele heikle Dinge beim Namen zu nennen, die Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen. Sie identifizieren sich jedoch eher nicht – so sehr auch Lehrerinnen und Lehrer, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen sich darum bemühen mögen – mit Anne als Opfer der Shoah. Dies können sie vermutlich auch nicht. Zu allen Zeiten dürfte es jungen Menschen widerstrebt haben, sich mit Opfern zu identifizieren, eine Abneigung, die sehr viel mit Selbstschutz zu tun hat – und die gegenwärtig auch in der gängigen, abwertenden Schimpfwortbezeichnung „Du Opfer!“ ihren Ausdruck findet. Zum Opfer werden, das kann niemand wollen, daran mögen wir noch nicht einmal denken! Und es lässt sich auch nicht sagen, ob Identifikation mit den Opfern tatsächlich verhindern kann, nicht eines Tages doch zu Tätern oder Mittätern zu werden. Denn gerade dies entwickelt sich ja oft aus dem – freilich simplen – Entweder-Oder-Glauben, andernfalls womöglich selbst Opfer zu werden. Mechanismen, über die nachzudenken Unbehagen bereiten muss. Bedeutet es für uns als Deutsche schließlich auch, uns damit zu konfrontieren, dass – Tatsachen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zufolge – in den Reihen der eigenen, mehrheitlich schweigenden Vorfahren seltenst Widerstandskämpfer, wohl aber Täter, Mittäter und feige Mitläufer gewesen sein müssen. Und notwendigerweise erfordert es im nächsten Schritt, sich mit der noch dringenderen Frage auseinanderzusetzen, wozu wir denn selbst fähig wären, vor die Wahl gestellt: In Aussicht gestellte Teilhabe an der Macht bei Mitlaufen und Mittun – oder Ausgrenzung bis hin zur Verfolgung bei Widerstand? Dies ist ein schmerzhafter Prozess; er lässt sich durch nichts abmildern, und nicht ganz zu Unrecht empfinden junge Menschen ihn als Zumutung, denn ihre Vorfahren, die es eigentlich betraf, haben diesen Prozess mehrheitlich umgangen, sich unfähig gezeigt, sich mit eigener Schuld und Mitschuld auseinanderzusetzen. Wie sollen ihnen das die nächsten Generationen abnehmen? So ganz ohne Vorbilder? Schuld, die sich einfach weitervererben lässt, nach dem Motto: Sollen sich die Nachgeborenen doch damit herumschlagen!? Wer kann es diesen verdenken, wenn sie ein solches Erbe ausschlagen? Bleibt das Erbe der Verantwortung, welches nicht ausgeschlagen werden kann: Wie lässt sich das an junge Menschen herantragen? Vielleicht bedarf es hier nicht gar so vieler Verrenkungen. Möglicherweise reichen Denkimpulse aus. Es kann – nicht nur für junge Menschen – immer wieder ein einfacher erster Schritt sein, festzustellen: Hier war jemand, der wegen angeblichen Andersseins ausgegrenzt wurde und doch ähnlich dachte und fühlte wie ich, obwohl er oder sie zu einer ganz anderen Zeit lebte. Und dann darauf zu vertrauen, dass junge Menschen durchaus zum Selbstdenken und Weiterdenken in der Lage sind, wenn dies vielleicht auch in ganz anderen, als in den von Didaktik und Methodik vorgesehenen Bahnen geschehen mag.

Was darf Erinnerung? Wie schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, zu sagen: Alles, was dem offenen Austausch, der Begegnung und Friedensbemühungen in aller Welt dient. Alles, was hilft, künftige Barbarei zu verhindern. Um es nochmals mit den Worten Adornos zu sagen: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das Vorwort von Miep Gies in ihrem Erinnerungsbuch Meine Zeit mit Anne Frank, das vor zwei Jahren zum dritten Mal aufgelegt wurde, endet mit den Worten: „Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten – Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals. Es ist an uns, den einfachen Menschen in aller Welt, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht.“

Was machte Miep Gies zu einem Menschen, der anders handelte? Welche Erfahrungen in ihrer Jugend befähigten sie zu ihrer so ganz anderen Haltung? In Wien geboren, wurde sie als Elfjährige nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen eines Hilfsprogramms für hungernde österreichische Kinder zu einer ihr zuvor unbekannten Pflegefamilie in die Niederlande verschickt. Diese hatte bereits mehrere eigene Kinder und war keineswegs reich – der Vater ein Arbeiter –, aber der festen Überzeugung, dass dort, wo schon so viele satt werden, es auf einen mehr nicht ankomme. Wenn Miep Gies ihre Lebensbedingungen in dieser Familie beschreibt, so entbehrt dies völlig Schilderungen, wie sie aus dieser Zeit normalerweise erwartet werden, womöglich von Entbehrungen, harter Disziplin oder gar Schlägen, die angeblich „noch keinem geschadet haben“, und ähnlichem, das unseren Ohren aus Berichten unserer eigenen Vorfahren vertraut ist. Vielmehr entsteht das Bild von einer freundlich umsorgenden Atmosphäre liebevoller Akzeptanz und Wärme, die ganz offensichtlich auch von Mieps neuen Geschwistern so erfahren und weitergegeben wurde, von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft auch von Kindern in der Umgebung, die offenbar unter ähnlichen Bedingungen aufwuchsen, und schließlich von einem insgesamt geistig aufgeschlossenen und bildungsfreundlichen Klima, in dem Heranwachsende unter anderem angehalten wurden, Zeitung zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier scheint sich ganz schlicht das spätere Astrid-Lindgren-Zitat zu bestätigen: „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“ Dies nur, um eine Ahnung davon entstehen zu lassen, wie die theoretisch viel diskutierte Erziehung nach Auschwitz in der Praxis aussehen könnte. Denn leider sieht es immer noch so aus, als hätten wir in dieser Hinsicht gar keinen Plan, während eine neue Generation in Teilen der Anziehungskraft des Barbarischen neu zu erliegen droht.

Und wem gehört nun Anne Frank? Einerseits zur unantastbaren Ikone verklärt, andererseits im selben Zug – oft auch gerade von den Menschen, die sie dazu erklären – nach Belieben für die unterschiedlichsten Belange herangezogen? Sie, die sich schon immer sehr darüber wunderte, „dass erwachsene Menschen so schnell, so viel und über alle möglichen Kleinigkeiten Streit anfangen“, wie es einem Tagebuch-Eintrag vom 28. September 1942 zu entnehmen ist? Wäre es nicht an der Zeit, sie ein wenig sich selbst zurückzugeben? Am ehesten kann dies gelingen, indem wir ihr eigenes Werk lesen. Unter dem Titel Denn schreiben will ich!, ein Ausruf, mit dem ein selbstkritischer Eintrag vom 5. April 1944 endet, erschien in diesem Jahr in neuer Übersetzung bei Reclam eine handliche, leinengebundene Ausgabe. Sie enthält Annes wichtigste Tagebuchauszüge, eigene Erzählungen aus ihrem „Geschichtenbuch“ und einen Auszug aus ihrem begonnenen und unvollendeten Roman Aus Cadys Leben. Hier entsteht anschaulich das Bild eines jungen Mädchens mit ungewöhnlicher schriftstellerischer Begabung, scharfer Beobachtungsgabe und herzlichem Humor, das sich das „Dennoch“ zum Motto ihres kurzen Lebens gemacht hatte, welches ihr – und mit ihr vielen anderen, die Rede ist von mehreren Millionen, darunter geschätzte eineinhalb Millionen Kinder – schließlich auf denkbar schlimmste Weise genommen wurde. Uns, die wir angesichts dieser kaum vorstellbaren Fakten immer wieder sprachlos verharren, bleibt im Grunde nur, dieses „Dennoch“ zu übernehmen, es uns zu eigen zu machen und weiterzutragen. In jeder Hinsicht.

 

Dieser Beitrag erschien am 17.08.2016 in Rezensionsforum literaturkritik.de.

 

 

Miep Gies Anne Frank

Miep Gies:
Meine Zeit mit Anne Frank.
Der Bericht jener Frau,
die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte,
sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte –
und sie doch nicht retten konnte.
Übersetzt aus dem Englischen von Liselotte Julius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
256 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783596183678

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umschlag_mediengeschichten_druck.indd

Peter Seibert / Jana Piper / Alfonso Meoli (Hg.):
Anne Frank. Mediengeschichten.
Metropol Verlag, Berlin 2014.
272 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783863311995

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Anne Frank_14.8.2015.inddDavid Barnouw:
Das Phänomen Anne Frank.
Aus dem Niederländischen
von Simone Schroth.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2015.
180 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783837512465

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Denn schreiben will ichAnne Frank:
Denn schreiben will ich!
Aus den Tagebüchern und anderen Werken.
Reclam Verlag, Stuttgart 2016.
262 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783150110553

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Hermann Hesse und ich

So manches widerfährt unseren Dichtern im Nachgange, wogegen sich zu wehren ihnen keine Möglichkeit mehr gegeben ist. Hierzu darf sich wohl auch mein Foto zählen, welches vor zwei Jahren in Calw auf einem meiner Ausflüge auf den Spuren der Dichter entstand. Es ist dieses – rückblickend betrachtet – natürlich eine unverschämte Dreistigkeit meinerseits, eine Anmaßung, die mir, der Nachgeborenen, eigentlich nicht zukommen dürfte, und meinem verehrten Hermann Hesse scheint die Skepsis förmlich in Haltung und Gesicht geschrieben. Mir bleibt nur zu hoffen, dass er es mir angesichts meiner Verehrung für ihn nachsehen und großzügig verzeihen würde.

Er soll sich gern und oft auf dieser Brücke, die über das lebendige Schwarzwaldflüsschen Nagold führt, aufgehalten haben, und auch jene leicht seitwärts geneigte Haltung, die der Künstler Kurt Tassotti aus Mühlacker sehr gelungen in seiner Bronzeskulptur verewigte, soll eine für ihn typische gewesen sein. Sie gefiel mir auf den ersten Blick, verleiht sie ihm doch etwas Pfiffiges. So empfinde ich ihn, – empfand ich ihn immer. Er ist der Dichter, dem es irgendwie stets gelingt, dass ich auf ihn treffe, wenn ich ihn am nötigsten brauche. Der mich stets aufbaute mit seinen Gedichten. Dem ich mich verwandt fühlte in seiner Verbundenheit zur Natur und Landschaft, – zuerst begegnete er mir, wenn ich mich richtig entsinne, in jungen Jahren in einem kleinen, nett gestalteten Buch mit Betrachtungen und Gedichten über Bäume, welches heute noch in meinen Regalen zu finden ist.  Dessen Romane mir neue Räume erschlossen, – wenn mir auch gerade der mit seinem Namen oft zuvorderst in Verbindung gebrachte „Steppenwolf“ seltsamerweise eher fremd blieb. Der für mich die Möglichkeit von Sprache in ihrer Vollendung erahnen ließ in seinem „Glasperlenspiel“. Dennoch nannte ich ihn nie „meinen Dichter“, – mit dieser Bezeichnung versah ich einen anderen, älteren, mit dem mich verbindet, an derselben Stelle geboren zu sein, – dem ich mich schon aus diesem Grunde verpflichtet fühle, – Hölderlin, den viel gepriesenen, wenig verstandenen, oft verkannten. Er war es, mit dem ich mich auch in jenen Tagen mit der ihm gebührenden Ernsthaftigkeit – sofern ich zu solcher fähig bin – befasste. Hermann Hesse verehrte ihn, – auch hier gibt es Berührungspunkte. Neben seiner Erzählung „Im Pressel´schen Gartenhaus“, die in poetischer Weise einen fiktiven Ausflug Mörikes und Waiblingers mit dem bereits betagten und als wahnsinnig geltenden Hölderlin auf den Tübinger Österberg schildert, – eine Begegnung, welche sich durchaus ähnlich zugetragen haben könnte, gab er unter anderem gesammelte Lebensdokumente über Hölderlin heraus, die mir Stoff lieferten für mein eigenes Schreibprojekt, an dem ich während meines damaligen Kuraufenthaltes arbeitete. Ich befand mich in einem Höhenkurort in unmittelbarer Nähe Calws und war untergebracht in einem altehrwürdigen Gebäude, welches vor Zeiten ein Lungensanatorium vorstellte,  was sich an seiner Architektur noch gut ablesen ließ. Mein Zimmer hatte einen großen Balkon mit holzgeschnitztem Gebälk, auf dem es sich gut in Decken verpackt in der Märzsonne ruhen und auf die hohen Ulmen im Park schauen ließ; ich nannte es meinen persönlichen kleinen Zauberberg. Gerne denke ich an diese Tage zurück, – sie waren wie für mich geschaffen mit meinen geliebten Schwarzwald vor der Tür; selten hatte ich mich an einem Ort so wohl gefühlt, nirgends so viel geschrieben. Eine seltene Erfahrung von Harmonie, – Ruhe, Bewegung an frischer Luft und freiwillig verordnetes Arbeiten in völligem Einklang ineinandergreifend. Zufällig stieß ich in der Buchhandlung des Ortes, wo man mich inzwischen ob meiner skurrilen Wünsche und Bestellungen kannte, – wann fragen Kurgäste gewöhnlich nach Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ und Mörikes „Maler Nolten“ – auf die Hesse´sche Entsprechung des Zauberbergs, seinen „Kurgast“, – Jahre vor dem erstgenannten erschienen -, den ich unter Bäumen sitzend mit großem Vergnügen geradezu verschlang und mich selten herrlicher amüsierte. Thomas Mann soll diesen Roman gekannt haben, bevor er den „Zauberberg“ schrieb. Hermann Hesse und Thomas Mann – eine freundschaftliche Beziehung zweier ganz verschiedener Persönlichkeiten, auf gegenseitiger Hochachtung beruhend. Hesse dieser Tage in Calw aufzusuchen war für mich ein längst überfälliges Vorhaben. So kam es zu jener „Begegnung“ – und dem Schnappschuss auf der Brücke. Dies ist es, was bleibt. Und die Erinnerung daran, wie mir im dortigen Museum beim Anhören alter Radioaufnahmen, – entstanden, bevor ich selbst das Licht der Welt erblickte -, plötzlich bewusst wurde, wie sehr er doch Schwabe war! Seine Aussprache und Eigenart, in Verben die Endungen auf „-ern“ zusammenzuziehen und dabei mit rollendem r das e zu verschlucken, – „… blüht jede Lebensstufe zu ihr´r Zeit und darrf nicht ewig daurr’n…“ -, sie erinnert mich so sehr an den vertrauten Klang der Aussprache vieler älterer – inzwischen längst verstorbener – Menschen in meinem Heimatort, die davon nicht sehr viel verschieden ist, – so wenig, wie auch dieser Ort, an dem Hesse geboren wurde, nicht allzu weit entfernt von meinem liegt. Hölderlin und Hesse, – beide zu völlig verschiedenen Zeiten Seminaristen im unweit gelegenen Kloster Maulbronn, das ich ebenfalls oft und gerne besuche: Hölderlin, der tüchtige, fleißige Lerner, – Hesse, eher der unglückliche und sich nicht abfindende „Querulant“ und spätere „Schulabbrecher“, – mir der eindrückliche Beweis, dass sich Bildung auf vielerlei Wegen erwerben lässt, die keineswegs immer die vorgegebenen sein müssen. Die kritische Auseinandersetzung mit den Maulbronner Schulverhältnissen, unter denen er selbst immens litt, verarbeitete er in „Unterm Rad“, dennoch war er nicht einer, der sich ganz dem Zauber des Ortes selbst entziehen konnte, welcher ihn wohl in späteren Jahren zu dem unvergleichlichen – in einem eher wieder versöhnten Ton gehaltenen – Gedicht „Im Maulbronner Kreuzgang“ inspirierte:

„Verzaubert in der Jugend grünem Tale
Steh ich am moosigen Säulenschaft gelehnt
Und horche, wie in seiner grünen Schale
Der Brunnen klingend die Gewölbe dehnt.“

Wer je dort stand und in raren Augenblicken die angesichts der vorüberziehenden Besucherströme selten gewordene Stille des Kreuzgangs und den Klang des Brunnens in sich aufnehmen konnte, weiß, dass niemand dieses Bild besser ausdrücken könnte. Und so wird mir der Dichter, dessen Skulptur auf der Calwer Nikolausbrücke hier mit verschmitzter Distanziertheit meine Zudringlichkeit erdulden muss, zugleich Vertrauter und immer wieder neu zu Entdeckender sein und bleiben.

Bettina Johl

Der Beitrag ist in gekürzter Fassung erschienen in: „Hermann Hesse antwortet … auf Facebook“, Suhrkamp Berlin 2012, suhrkamp taschenbuch 4376,  95 Seiten, ISBN 978-3-512-46376-5

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Das entschwundene Land – In Memoriam Astrid Lindgren

Astrid Lindgren im Schwedischen Reichstag nach Verleihung des Right Liveli Award 1994

„Dann dachte sie:
Aber ich bin dann nicht mehr da, denn ohne Seele kann
niemand leben auf Erden. Doch in der Linde lebe ich dann,
bis zum Ende der Zeit wohne ich dann in meinem kühlen,
grünen Haus, und die Nachtigall singt für mich an den
Abenden und in den Nächten des Frühlings.
Und alles wird froh.“

Astrid Lindgren (Aus: Klingt meine Linde)

Zehn Jahre ist es her. Das Kind – fast dreizehnjährig – kommt verstört aus der Schule, – die Erschütterung steht ihm ins Gesicht geschrieben. “Es ist etwas Schlimmes geschehen: Astrid Lindgren ist tot!“ – Wenig mehr an Erinnerungen, – nur jene: Das Gefühl eines unwiederbringlichen Verlustes, des plötzlichen Entstehens einer Lücke, – das Bewusstsein, dass sie nicht mehr zu schließen sein wird. Wir durften sie lange bei uns haben. 94 Jahre ergeben noch dazu bei bester geistiger Verfassung und stetes Wahrung ihrer Großherzigkeit und ihres Humors ein wahrhaft gesegnetes  Alter. Aber sie fehlt. Sie wird von nun an immer fehlen.

Ernste Trauer in den Mienen vieler Kinder, auch und gerade der Größeren, die sich im Übrigen längst auf den Weg in die Pubertät gemacht haben, deren Gedanken ansonsten eher um die Dinge kreisen, die als „cool“ gelten, die begonnen haben, ihre Kinderzimmer zu Jugendzimmern umzugestalten, die Wände neu zu dekorieren. Die ihre Kinderbücher zumeist aussortiert und jüngeren Geschwistern vermacht haben. Nahezu alle, – bis auf die Bücher Astrid Lindgrens. Sie war die Ausnahme. Sie blieb.

Das Alter von dreizehn Jahren hatte sie selbst als jenes beschrieben, in dem sie eines Tages als junges Mädchen von der  plötzlichen Erkenntnis  überwältigt wurde, nicht mehr spielen zu können. Die Unbefangenheit des Kindes verloren zu haben. Unwiederbringlich. Und welche Trauer sie darüber empfand. Bei Mädchen setzt dies zumeist früher ein. Meinem Sohn sollten in dieser Hinsicht zwei Jahre länger vergönnt  sein. Eines Tages, – er war etwa fünfzehn -, fiel es mir auf. Ich sagte zu ihm: Du fährst gar keine Autorennen mehr? Er hatte ansonsten Stunden selbstvergessen auf dem Teppich liegen und seinen Matchbox-Fuhrpark durch die Gegend schieben können, während er  selbst inszenierte Formel-1-Rennen kommentierte. Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Es geht nicht mehr.“ Mehr gab es nicht zu sagen. Ich verstand. „Erinnerst Du Dich an Astrid Lindgren, was sie darüber schrieb?“ Er nickte. „Ja. Sie hat es gut beschrieben, genauso ist es.“ Abschied von der Kindheit. Eine Tür war für immer ins Schloss gefallen. Trauer bei uns beiden.

Anders als mein Sohn, der mit ihr aufwuchs, lernte ich selbst Astrid Lindgren erst recht spät kennen. Ich entsinne mich an einen Auszug aus „Wir Kinder aus Bullerbü“ in einem Lesebuch der Grundschulzeit, der sich mir einprägte, in mir Lust auf mehr weckte. Zuhause jedoch begegnete ich ihr nicht. Kaum nachzuvollziehen  im Rückblick: Offenbar  galt sie In der Zeit der späten Sechziger und frühen Siebziger in so manchem Elternhaus als verdächtig, die Heldinnen und Helden ihrer Bücher als geradezu anarchistisch. Pippi Langstrumpf! Das könnte den Kindern wahrhaftig so passen, sich die Welt zu machen, wie sie ihnen gefällt! Man hielt nicht allzu viel von derlei Gedankengut, zumal in der Lebenswelt einer schwäbischen Kleinstadt. Überhaupt: Verhältnisse wie in Schweden, – wo es bald darauf gesetzlich verboten sein sollte, den Kindern „eins hinter die Ohren zu geben, wenn sie nicht spuren“, – was soll aus solchen Rangen werden? -, wird man ja noch sehen, wo dies hinführt, das gibt garantiert die Randalierer von morgen! -, galten geradezu als Vorboten für den vielbeschworenen Untergang des Abendlandes.

Fernsehen wiederum bildete die absolute Ausnahmeerscheinung. Ein Fernsehgerät  besaßen nur die Großeltern – „zum Nachrichtenschauen“, wie sie sagten, und dieses blieb bei Besuchen stets ausgeschaltet. „Vom Fernsehen gehen die Augen kaputt!“, sagte die Oma, und sie musste es wissen, – dabei blieb es. Basta! Das verschüchterte Kind von damals nahm es so wörtlich, dass es, als der Opa doch mal in seiner Gegenwart Nachrichten schaute, vorsichtshalber die Hände vors Gesicht legte und es lediglich wagte, vorsichtig zwischen den Fingern hindurch zum Bildschirm hin zu spähen. Es hatte unklare Vorstellungen, was sonst mit seinen Augen passieren könnte. „Kaputtgehen“ brachte es wohl am ehesten mit Zerbrechen und Zerbersten in Verbindung, – vielleicht glaubte es auch, sie würden ihm unverzüglich aus dem Kopf fallen, wenn es einen Blick zu viel riskierte.  Auch als es schließlich feststellte, dass seine Augen eine ganze Menge mehr aushielten, als es ihnen zugetraut hatte, – ab und an war dann doch schon mal Sandmännchen schauen erlaubt, und wenn es sich besonders ruhig verhielt, – der Gipfel dessen, was man sich herauszunehmen wagen durfte! -, hin und wieder sogar die fünf Minuten Werbefernsehen davor und danach, war es dennoch weit entfernt davon, sich von den Großeltern belogen zu fühlen. Die Oma hat Recht behalten, und die Überzeugung ist bis heute geblieben: Fernsehen verdirbt tatsächlich die Augen, – insofern, als diese das Sehen verlernen und Gefahr laufen, sich aufs Glotzen zu reduzieren -, auch dies ein Augenleiden, und beileibe kein ungefährliches! Aber solches steht auf einem anderen Blatt.

Dennoch war es das Fernsehen, welches das Kind zuerst mit Pippi und Michel aus Lönneberga bekannt machte, noch bevor es das erste Buch zu lesen bekam. Die eher ruhige Straße, in der es die ersten sieben Jahre seines Einzelkind-Daseins verbrachte, stellte kein Bullerbü-Idyll vor, aber man konnte im Gegensatz zu heute noch auf ihr spielen. Zwar kamen hin und wieder Autos, – dann ging man eben beiseite, denn so schnell fuhren sie dort nicht. Es war zu einer Zeit, als spielende Kinder auf der Straße noch keine exotische Erscheinung vorstellten, vor der Schilder explizit zu warnen hatten. Und es gab Nachbarskinder! Nicht, dass sie sich alle untereinander „grün“ gewesen wären, aber sie fanden sich miteinander ab, und manchmal freundeten sie sich auch an. Es gab im Übrigen nur einen einzigen jener gefürchteten Störenfriede, die es sich zum Zeitvertreib zu machen pflegten,  andere Kinder zu terrorisieren, – in der Erinnerung ein eher bleiches, schmächtiges Bürschchen, – warum in aller Welt hatten wir Angst vor ihm? -, dessen Lautäußerungen sich zumeist auf „Peng, peng!“, „Paff, paff!“ und „Tatütata!!!“  reduzierten und dessen Verbreiten von Angst und Schrecken sich höchstwahrscheinlich darin erschöpfte, die Kleineren einzuschüchtern. Er wuchs bei seinen Großeltern auf. Dies galt bereits als verdächtig. Die Eltern der Kinder, die Angst vor ihm hatten, klingelten dort unentwegt, um sich zu beschweren. Infolgedessen wurde er hin und wieder von seinem Großvater, dem nichts Besseres einfiel, verdroschen, worauf wiederum dem armen Kerl nichts anderes übrigblieb, als unverzüglich loszuziehen und Rache zu nehmen. Ein Teufelskreis.

Eine Beeinträchtigung des Spielvergnügens anderer Art waren die vielen freilaufenden Hunde; es schien in jenen Tagen irgendwie üblich zu sein, dass selbst die größten Exemplare dieser Gattung leinenlos ohne Begleitung ihre Gassi-Runden drehten, und so sah sich das verträumte Kind schon mal plötzlich Auge in Auge mit einem Schäferhund derselben Höhe, – der selbstverständlich nur spielen wollte und die darauf folgende panische Flucht begeistert als Aufforderung zum Nachlaufen nahm. Die Angst vor Hunden hat es erst in viel späteren Jahren überwinden können. Dennoch war nichts darüber bekannt, dass je ein Kind aus der Gegend von einem Hund gebissen worden wäre, wovor die Erwachsenen stets warnten. Das Schlimmste, was einem bei einem solchen Abenteuer passieren konnte, war, hinzufallen und sich die Hosen zu zerreißen. Es hatte sich bereits mehr und mehr durchgesetzt, dass Mädchen Hosen trugen, – die Erwachsenen fanden dies ganz praktisch -. aber Kleidung galt als teuer, und man hatte darauf achtzugeben. Auch das Spielen mit früher eher als „jungentypisch“ bezeichnetem Spielzeug setzte sich bei Mädchen zunehmend durch, – ich erinnere mich, dass ich wenig Puppen besaß, aber eine stattliche Anzahl an Spielzeugautos mein eigen nannte, die ich in einer alten, abgelegten Handtasche meiner Mutter sammelte, welche ich stets zu Sonntagsbesuchen bei irgendwelchen kinderlosen Bekannten mitführte, um mich dort nicht zu Tode zu langweilen. Diese Fahrzeuge waren zumeist billig und aus schlichtem Plastik, – man bekam sie beim Kaufmann geschenkt, sofern man artig war, die Regale stehen ließ und an der Kasse nicht allzu laut um Süßigkeiten quengelte.

Jungs hingegen hatten es noch deutlich schwerer, wenn sie sich für Spiele interessierten, die als den Mädchen vorbehalten galten. Es gab einen anderen Jungen in der Nachbarschaft von eher ruhigem, gesetztem Wesen, der mich hin und wieder meines Puppenhauses wegen besuchte, – heimlich, um nicht von seinem Vater verspottet und von seinen beiden älteren Brüdern ausgelacht zu werden. Ebenso heimlich besuchte ich ihn – zum Fernsehen! Anders als heute, wo selbst bei vorhandenen Geschwistern jedes Kind isoliert im eigenen Zimmer mit separatem TV-Anschluss sitzt, war Fernsehen ein Gemeinschaftserlebnis, zu dem sich die Kinder eines ganzen Straßenzuges bei einer Familie, bei der ein solcher Apparat vorhanden war, verabredeten. Selten weniger als fünf oder sechs Kinder drängten sich im dunklen Wohnzimmer vor der Mattscheibe auf allen vorhandenen Sitzgelegenheiten zusammen, um sich die „Kinderstunde“ – und manchmal auch etwas mehr – anzuschauen. Vor halb vier war an Fernsehen nicht zu denken; wer es nicht glauben wollte und früher einschaltete, erhielt nur ein graues Flimmern. Deshalb wurde vor dieser Uhrzeit draußen gespielt. Dann jedoch ging es los, und wir begegneten den Fernsehhelden unserer Kindheit: Winnetou, Lassie – und eben auch Pippi Langstrumpf und Michel, welcher im schwedischen Original Emil hieß und nur in Deutschland umbenannt wurde, um Verwechslungen mit Kästners Emil auszuschließen. Verhielten wir uns mäuschenstill, schafften wir es manchmal noch, die eigentlich schon nicht mehr für unser Alter vorgesehene „Bonanza“-Serie  zu schauen, bevor man uns nach Hause jagte, wo es dann meist bereits wegen zu späten Erscheinens zum Abendessen Ärger gab, – aber die Uhr konnten wir ja noch nicht lesen, und Telefon zum Hinterherrufen gab es glücklicherweise auch längst noch nicht in allen Haushalten!

Finden sich hier noch Anlehnungen an das „entschwundene Land“, wie es Astrid Lindgren bezeichnete?  Ein Land für Kinder, das es so nicht mehr gibt? Vielleicht. Eher jedoch der Verdacht, dass es dieses nie gab. Jedenfalls nicht für uns, und auch für viele Kinder aus früheren Zeiten nicht. Dass wir schon immer Vertriebene waren, um dieses Land dauerhaft betrogen und darauf angewiesen, uns Ersatz zu schaffen, – in Form von Geschichten, mit denen es sich überleben lässt. Astrid Lindgren wusste dies.

Ihre Bücher las ich selbst erst als Erwachsene, – vielmehr als werdende Mutter, in jener Phase des Hochgefühls, in der die meisten Schwangeren plötzlich anfangen, Strampelhosen und Babymützchen zu stricken, das Kinderzimmer – je nach Interpretation der Mondlandschaft des Ultraschallbildes – rosa oder himmelblau zu streichen und allerhand verrücktes Rasselspielzeug zu kaufen. Meine eigene mangelnde Begabung für Handarbeiten stieg leider nicht gleichermaßen proportional mit dem Hormonspiegel; ich meinte zwar auch, wenigstens eine schön viereckige Kinderwagendecke häkeln zu müssen, – in neutralerem Weiß und Lila für alle Fälle, obwohl ich das Ultraschallbild richtig ausgelegt hatte! -, für deren Fertigstellung ich dann allerdings die ganzen neun Monate brauchte. Stattdessen kaufte ich Unmengen Kinderbücher, staffierte die Regale damit aus – und las, was das Zeug hielt, – Astrid Lindgren bevorzugt. Tauchte in die Welt von Pippi, Michel, Lisa aus Bullerbü, Madita, Lotta aus der Krachmacherstraße – welch herrlicher Name! -, Ronja und den Melchersons auf Saltkrokan – unvergessen: „Entweder man mag es, wenn es durchs Dach regnet, – oder man mag es nicht!“ Småland wurde zum Land meiner Sehnsucht. Das entschwundene Land.

“ Falls du je an einem frühen Juni-Morgen in einem Wald in Småland gewesen bist, dann wirst du sofort wissen, wie es ist. Du hörst den Kuckuck rufen und die Amsel flöten, du fühlst, wie weich die Kiefernnadeln unter deinen nackten Füßen sind und wie wohltuend die Sonne dir den Nacken wärmt. Du genießt den Duft des Harzes von den Kiefern und Tannen und du siehst, wie weiß die Walderdbeeren auf den Lichtungen blühen.“

Beim Lesen solcher Sätze hören, fühlen und riechen wir, was wir lesen. Es prägt sich ein. Unauslöschlich. Wir brauchen das Idyll, brauchen jemanden, der es für uns in Worte fasst, damit wir es uns vor unserem geistigen Auge vorstellen können. Dass es in der Regel nicht die Wirklichkeit vorstellt, braucht uns niemand zu sagen. Wir wissen es. Auch Astrid Lindgren wusste es. Sie wusste um die sich der Kindheit unweigerlich anschließenden Jugendjahre voller Schwermut und Selbstzweifel. Und sie wusste um die Beschwernisse des Erwachsenseins, die Bürde der Verantwortung für eigene Kinder in schwierigen Zeiten. Erfuhr, wie es war, in noch jungen Jahren mit einem „nicht ehelichen“  Sohn allem damit Verbundenen ausgesetzt zu sein: Unverständnis, Häme, Spott, Armut, Existenznöte. Sie musste das Kind lange bei Pflegeeltern lassen, bevor sie es zu sich holen konnte. Kaum nachzuvollziehen: Der Trennungsschmerz, die damit einhergehenden Schuldgefühle. Auch später, in nach bürgerlicher Vorstellung „geordneten“ Verhältnissen: Die Eintönigkeit des häuslichen Frauenalltags. Stets die Sorge um die Kinder. Nächtliches Wachen an Krankenbetten. Die Idee zu Pippi Langstrumpf, welche die Heldin ihres ersten Buchs werden sollte, kam ihr durch einen Einfall ihrer erkrankten Tochter, der sie durch Erzählen die Langeweile zu lindern versuchte. Sie fragte, wovon sie ihr erzählen solle. Die Antwort war: Erzähl von Pippi Langstrumpf! Eine unsterbliche Figur war geboren!

Die Welt in Astrid Lindgrens Büchern ist keine heile Welt. Pippi wächst mutterlos auf, während ihr Vater sich in südlichere Gefilde davongemacht hat. Karlsson vom Dach und Bosse in „Mio, mein Mio“ sind ebenfalls Waisen. Pelle fühlt sich ungeliebt, schnürt sein Bündel und zieht aus, – ins Haus mit dem Herzchen an der Tür. In ihrem Buch „Das entschwundene Land“ beschreibt Astrid Lindgren diesen Vorfall als auf eigenen Erfahrungen beruhend. Sie selbst habe ebenfalls – trotz ihrer sonst als glücklich beschriebenen Kindheit – eines Tages aus Frust beschlossen, ins Plumpsklo umzuziehen, – und gehofft,  infolge dessen von der Familie vermisst zu werden. Die gehegte Erwartung erfüllte sich nicht; irgendwann schlich sie sich kleinlaut ins Haus zurück. Die spätere Geschichte Pelles, dessen Eltern bedeutend sensibler reagieren, wurde notwendig, um dem Ereignis wenigstens im Nachhinein den gewünschten guten Ausgang zu verschaffen. Geschichten, die wir brauchen, haben immer sehr viel mit unseren Wünschen und Sehnsüchten zu tun. Wenn die Welt nicht passt, machen wir sie uns nach Pippi-Langstrumpf-Art:  „… widdewidde-wie sie uns gefällt!“ Michel hat zwar eine liebevolle Mutter, aber einen zuweilen furchterregend jähzornigen Vater. Ronja und ihr Freund Birk haben alle Hände voll zu tun, den Zwist ihrer bis aufs Blut verfeindeten Räuberfamilienclans zu schlichten, und in den Brüdern Löwenherz geht es ohne große Beschönigung um Krankheit und Tod.

Den Helden in all jenen Geschichten sind leidvolle Erfahrungen keineswegs fremd. Sie überleben vielmehr durch Zuhilfenahme ihrer Phantasie und durch die Erfahrung von Freundschaft und Solidarität. Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, wie ihr voller Name lautet, genießt ihre Freiheit, findet für alle Probleme kreative Lösungen und baut auf Freundschaften, insbesondere der zu Thomas und Annika. Sie nimmt „Pillen gegen das Großwerden“, geht unter die „Sachensucher“ und legt sich verkehrt herum ins Bett, um mit den Füßen auf dem Kopfkissen ungestört mit den Zehen wackeln zu können. Eine Unerhörtheit, welche in Zeiten, zu denen Bücher mit Titeln wie „Verdammte Scheiße, schlaf ein!“ die Bestsellerlisten stürmen, vielleicht durchaus wieder  geeignet wäre, den Untergang des Abendlandes einzuläuten! In meiner Phantasie baut sich ein vergnügliches Bild auf: Ich sehe die aufs Funktionieren ausgerichtete Welt verzweifelt gehetzter Karriereeltern zusammenbrechen, da ihre Kinder gemeinschaftlich beschließen, nicht länger mitzuspielen und sich künftig abends verkehrt herum ins Bett zu legen!

Übrigens gaben die Kinderpsychologen in jüngster Zeit Entwarnung. Die Kinder, so die Ergebnisse ihrer Studien, identifizierten sich mit Thomas und Annika, nicht mit Pippi selbst. Wörtliche Aussage: „Sie wollen eine Pippi haben, aber keine Pippi sein.“ Thomas und Annika sind weitgehend brave Kinder, die sich zwar mit Pippi treffen und sie bewundern, sich auch auf vieles Neue einlassen, aber dennoch darauf achten, pünktlich zu Hause zu sein und ihren Eltern keinen unnötigen Ärger zu machen. Grund zum Aufatmen! Allerdings – merkt es Euch, liebe Eltern! – zeigen sich deren Eltern zwar sehr besorgt, aber sie tun stets eines: Sie achten und respektieren ihre Kinder als Persönlichkeiten, – deshalb werden sie auch ganz selbstverständlich von ihnen respektiert. Und: Sie akzeptieren Pippi. Sie erkennen, dass Pippi ihnen etwas zu geben hat, welches außerhalb ihrer eigenen Möglichkeiten liegt. Und sie sehen und spüren, dass Pippi ihren Kindern gut tut. Der Reise nach Taka-Tuka-Land steht nichts mehr im Wege.

Die Begegnungen zwischen der Ephraimstochter Langstrumpf und ihrem Vater hingegen beruhen auf herzlichem Austausch, gegenseitigem Respekt und  dem Prinzip „Leben und leben lassen“, ohne dass einer dem anderen je Vorhaltungen machen wollte. Freiheit als oberstes Prinzip. Bei Ronja sind es die Kinder, die mit ihrer vorbehaltlosen Kreativität und Ausdauer schließlich gar den Starrsinn der Erwachsenen überwinden. Auch die Kinder des vergleichsweise idyllischen Bullerbü genießen als wesentlichsten Komfort: Freiheit!

Astrid Lindgren hatte wie keine andere zuvor verstanden und aufgezeigt, dass es dies ist, was Kinder in erster Linie brauchen: Freiheit. Die Freiheit, sich zu entwickeln und zu entfalten. Sie meinte damit nicht das gänzliche Fehlen von Normen und Regeln. Kinder, die frei aufwachsen, sehen meist ganz von selbst die Notwendigkeit von gewissen Normen und Regeln, damit Zusammenleben funktionieren kann. Wichtig sei – so Astrid Lindgren -, die Kinder hierin nicht zu unterschätzen, und sie vor allem in ihrer Persönlichkeit und Individualität zu respektieren.

Dies passte zu gewissen Zeiten durchaus noch nicht ins Weltbild eines jeden. Ihre Rede „Niemals Gewalt!“, die sie anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978 in Frankfurt hielt, in welcher sie  Auswirkungen von Gewalt im Kleinen – und gegenüber Kleinen – auf spätere Gewalt im Großen  thematisiert und der daraus für sie selbstverständlich abzuleitenden Notwendigkeit der gewaltfreien Erziehung das Wort redet, stieß im Vorfeld auf wenig Gegenliebe. Gar wurde sie gebeten, von ihrer Absicht, diese Rede zu halten, Abstand zu nehmen. Dann, meinte sie schlicht, werde sie von ihrem Kommen Abstand nehmen. Keine leere Drohung, – soweit kannte man sie! -, woraufhin man sie schließlich bat, zu erscheinen und ihre Rede zu halten. Sie erschien. Der Wortlaut ihrer Rede wurde mehrmals schriftlich aufgelegt und galt ein ums andere Mal binnen kürzester Zeit als vergriffen.

Sie war konsequent in ihrem Engagement für alles, was ihr am Herzen lag, sei es für Kinderrechte, Frieden oder Tierschutz. Und sie hatte Erfolg. Immer wieder erkämpfte sie sich Zugeständnisse der Politik zu ihren Anliegen. 1994 erhielt sie den „Right Livelihood Award, den sogenannten Alternativen Nobelpreis „für ihre einmalige schriftstellerische Tätigkeit, die sie den Rechten der Kinder und dem Respekt für ihre Individualität widmet.“

Die Kinder lieben sie, – denn sie fühlen sich von ihr ernst genommen. Dies reicht – wie wir sehen können – weit über ihre eigene Lebenszeit hinaus. Der Funke ist entzündet. Die als Kinder mit ihr aufwuchsen, tragen ihn als Erwachsene weiter, und es sind glücklicherweise so viele, dass ein völliges Erlöschen desselben nicht zu befürchten ist.

Der schwedische Ministerpräsident Göran Persson endete vor zehn Jahren seine Trauerrede mit den Worten:

„Danke, Astrid, danke für alles, was du uns gegeben hast. Du warst Schwedens am meisten gelesene und beliebteste Schriftstellerin. Du hast wie wenige die Kinder gesehen – in ihrer Not, in ihrer Kraft, in ihrem ganzen Wert. Du hast Millionen Kindern in aller Welt eine Stimme gegeben.“

Damit wäre nahezu alles gesagt. Der Name Astrid Lindgren steht für alle Zeiten für unsere Sehnsucht nach einer besseren,  für Kleine und Große bewohnbareren Welt. Die Wege, die dort hinführen, hat sie uns aufgezeigt. Gehen müssen wir sie selbst!

Bettina Johl

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Ein Kommentar

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Ein stilles Haus am Rhein

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Immer wieder wird er Mensch geboren
Spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
Kommt uns nah und geht uns neu verloren…

Hermann Hesse (Aus: Der Heiland)

Immer wieder um diese Zeit: Zuflucht nehmen zu Dichtern, die sich dazu bekannten, Weihnachtsmuffel zu sein, wie mein geschätzter Hermann Hesse, der nach eigenen Worten die „verlogene Sentimentalität“ als unerträglich empfand, nicht ohne jedoch aus dieser Haltung heraus immer wieder den Blick auf dennoch Bleibendes zu richten: Winzige Momentaufnahmen oft nur, – Augenblicke des Innehaltens, des Auffindens so manchen Edelsteins im allgemeinen Lametta-Flimmern, – wie das empfundene Glück des Anteilhabens an der Verzauberung kleiner Kinder, deren Blick noch ungetrübt ist, die noch nicht erfasst wurden vom allgemeinen Sog des Sich-verstellen-Müssens und des Überdrusses.

Meine eigenen Rückzugsversuche, immer wieder tageweise: Ein stilles Haus in Unkel am Rhein, an einem Ort, in welchen seit einigen Wochen winterliche Ruhe Einzug gehalten hat, – vorüber die lärmende Herbstsaison weinseliger Ausflugstouristen, – die sich allerdings in diese alt-ehrwürdigen Mauern ohnehin nicht zu verirren drohen; hier ziehen sich allenfalls Geistliche zur Erholung zurück, und kleinere Gemeindegruppen treffen sich zu Exerzitien und Einkehrtagen. Mein Blick aus dem Fenster geht hinaus auf den ewigen Strom; ein Zimmer zum Rhein hin ist in diesen Tagen ohne Schwierigkeiten zu bekommen, obwohl auch die andere Seite ihre Vorzüge hat. Sie wiederum ist die ruhigere, mit Ausblick auf einen parkähnlichen Garten, von einer hohen Mauer mit schmiedeeisernem Tor gegen ein wenig befahrenes Gässchen abgeschirmt. Hier gedeihen prächtige Rosen, die auch noch jetzt im Dezember vereinzelt blühen; es gibt einen beleuchteten Brunnen, der an wärmeren Tagen für akustische Untermalung sorgt, Sitzbänke und ein kleines Kiesrondell, in dessen Mitte eine zierliche weiße Skulptur des Heiligen Jakobus uns daran gemahnt, dass wir Pilger sind. Mehrere Katzen pflegen dort herumzustreichen; eine von ihnen, mit mehr weiß als schwarz geflecktem Fell und einer lustigen Gesichtszeichnung, begrüßt mich stets nach Katzenart mit Nasenkuss, was ich mir als besondere Ehre verbuche. Ihren Namen kenne ich nicht, nenne sie seit längerem nur „die Klosterkatze“, obwohl sie, wie die Nonnenschwestern, die sie offensichtlich ins Herz geschlossen haben, mir erzählten, irgendwo in der Nachbarschaft ihr Zuhause hat. Zu bestimmten Tageszeiten findet sie sich regelmäßig ein; sie kommt einfach über die angrenzenden Dächer oder springt elegant durch die Gitterstäbe des Tors, sonnt sich an wärmeren Tagen im Rosenbeet, hierbei stets wachsamen Auges die Küchentür im Blick behaltend, – wohl wissend, dass diese sich zur gegebenen Zeit öffnen wird, um den dort versammelten schnurrenden Mäusefängern ihren Anteil an dem zukommen zu lassen, was in einer Küche so an Übrigem anfällt.

Die Seite zum Rhein ist lauter als jene zum Garten, betriebsam, – viel Schiffsverkehr auch um diese Zeit, welcher jedoch nicht stört. Der uralte Strom ist nun einmal lebendig, – dies gehört sich so für ihn -, er bietet dem Auge stets neue Bilder und erzählt seine eigenen Geschichten. Die alten Mauer zittern spürbar beim Stampfen der Motoren stromaufwärts fahrender Lastschiffe, die vom Wellengang bewegte Schiffslandebrücke unmittelbar unter dem Fenster gibt quietschende Geräusche von sich, – aber das alles muss so sein, verleiht mir das Gefühl, selbst Anteil an dieser Lebendigkeit zu haben, wie selbstverständlich in diesem großen Ganzen aufzugehen.

Das Haus mit den ehrwürdig anmutenden, hohen Räumen hingegen versetzt in eigentümliche Stimmung, – fast vermittelt es den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein: Das Knarren der hölzernen, weitläufigen Wendeltreppe, Lichtspiegelungen der bunten Glasfenster auf den Stufen, die Eingangshalle und die hohen Flure mit den mächtigen alten Möbeln und Gemälden, Schilder, die noch aus früheren Tagen stammen, bezeichnen die Räume: Speisesaal, Konveniat, Bibliothek, – ja, es gibt wahrhaftig eine Bibliothek! -, das Herzstück des Hauses, gut bestückt, keineswegs nur mit geistlicher Literatur; ein Raum, der zum ruhigen Arbeiten wie geschaffen wäre, zöge der Blick aus dem Fenster mich nicht alsbald hinaus.

Hier springe ich über meinen Schatten und genieße die Morgenstunden, die ich nirgendwo so sehr als hier schätze: Den kühlen, dieser Tage schlicht adventlich geschmückten Frühstücksraum betreten und die Stille in sich aufnehmen. Kaum Gäste sonst, Kaffee steht bereit, – von den Ordensfrauen ist keine zu sehen; die Stunde, die mir früh erscheint, ist für sie eine fortgeschrittene, – längst sind sie in der Heiligen Messe. Wer in dieser Zeit ein Anliegen hat, wartet eben, bis der Gottesdienst vorüber ist, – so ist das hier. Gedämpfter Gesang ist von der Hauskapelle im obersten Stock her zu vernehmen, ansonsten wird das Schweigen, in welches das Haus sich hüllt wie in einen schützenden Mantel, nur hin und wieder vom Viertelstundenschlag der alten Standuhr im Gemeinschaftsraum unterbrochen. In Ruhe die erste Tasse Kaffee trinken und dabei durch ein Erkerfenster auf das Siebengebirge und den Fluss schauen. Das Kreisen der Möwen beobachten, die sich spielerisch vom Wind tragen lassen, um dann wieder ihre Lieblingsplätze auf der Landebrücke einzunehmen, den majestätischen Flug der Kormorane, die sich irgendwann auf dem Wasser niederlassen, um sich auf ihre ausgedehnten Tauchgänge zu begeben, über deren lange Dauer sie uns Beobachtende stets aufs Neue zu verblüffen verstehen. Später werden sie sich auf dem Felsgestein auf Inseln im Fluss oder am Ufer niederlassen und mit ausgebreitet hängenden Flügeln ihr Gefieder trocknen, was ihnen ein drolliges Aussehen verleiht. Sie sind mir ans Herz gewachsen und haben die Anfeindungen mancher Zeitgenossen gewiss nicht verdient; die Probleme; für die sie zuweilen verantwortlich gemacht werden, sind – wie vieles – menschengemacht.

Etwas Gebietendes und zugleich  Beruhigendes hat er, der Strom, der in Wirklichkeit unbezähmbare, der uns mit seiner Urgewalt immer wieder die Grenzen unserer Möglichkeiten, unseres menschlich und technisch Machbaren aufzeigt. Wir fühlen: Es muss so sein. Die Farben an seinen Ufern sind verblasst, – Winterruhe -, dennoch wechselt er beständig sein Bild, zeigt sich mit dem dahinter liegenden Gebirge zu jeder Tageszeit in anderem Licht, – mal in trübem Grau, mal leuchtend blau, dann wieder in Rot und Gold, mit gleißender Oberfläche durch Spiegelungen von Morgen- oder Abendsonne, manchmal auch gänzlich nebelverhangen oder in Regenschleier gehüllt. Zuweilen noch zieht ein Trupp verspäteter Wildgänse in typischer Flugformation mit lauten Rufen vorüber, – selten glückliche Zufallsmomente.

Andere haben vor mir hier Zuflucht gesucht, unter ihnen Konrad Adenauer, als er zu Zeiten des Nazi-Regimes aus dem Regierungsbezirk Köln ausgewiesen war und im selben Haus Aufnahme fand. Saß er womöglich hier an diesem Platz, schaute so wie wir aus dem Fenster auf den Rhein? Es liegt nahe, aber wir wissen es nicht. Überhaupt, – was wissen wir später Geborenen, vor nichts Bedrohlicherem auf der Flucht als vor Alltags-Überdruss und gelegentlich vor uns selbst, von wirklicher Verfolgung und Exil? Nichts. Nichts – oder wenig – vom Ausgegrenzt- und Eingeschränkt-sein durch äußere Zwänge bis hin zur Bedrohung von Leib und Leben, vom Bangen und Hoffen in einer hoffnungslos anmutenden Situation mit ungewissem Ausgang. Die Zwänge, gegen die wir heute kämpfen, sind anderer Natur. Das Schwierige an ihnen ist: Nicht immer lassen sie sich klar benennen, – dennoch sind sie da und machen uns nicht wenig zu schaffen. Sie kommen aus größtenteils unerforschten Regionen, – aus unserem eigenen Inneren. Der Kampf, den wir gegen sie zu führen versuchen, gerät uns manchmal zum Kampf gegen uns selbst.

Als wenn es diesem Ort bestimmt wäre, die These zu untermauern, dass sich Dynamik aus der Wechselwirkung von Gegensätzlichem ergibt, verbrachte auch Willy Brandt seine letzten Lebensjahre ganz in der Nähe. Adenauer und Brandt, – Persönlichkeiten, wie sie sich unterschiedlicher nicht denken ließen, – und doch verbindet sie, dass sie große Staatsmänner waren, herausragende Politiker, die sich in keinen Rahmen, kein Muster pressen ließen, die den Mut hatten, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, – mit großen Visionen, derer viele sich über ihre Lebenszeit hinaus als tragfähig erwiesen.

Wand an Wand steht das Haus Freiligraths, des großen Dichters des Vormärz, welcher hier sein Leben als freier Schriftsteller begründet haben soll. Manchmal ertappe ich mich beim nächtlichen Lauschen auf dem kleinen Balkon, – im Lärm der Schiffe genügt nur ein wenig Phantasie, um sich im Nebenhaus Stimmen aus Unterhaltungen längst vergangener Zeiten einzubilden. Große Namen, die hier verkehrten: Levin Schücking, Annette von Droste-Hülshoff,  Johanna und Adele Schopenhauer, vielleicht auch Goethe. Ihnen mag sich kein sehr viel anderes Bild als heute geboten haben, wenn man sich die Straßen und die Bahnlinie wegdenkt, – der Strom ist hier wenig gezähmt und trotz aller Bewegung und Lebendigkeit immer derselbe, – der uralte, ewiggleiche, der noch fließen wird, wenn sich unserer längst niemand mehr erinnert, – noch weniger unserer Vorhaben und Projekte, von denen zu unseren Lebzeiten für uns so vieles abhängen will. Diese Erkenntnis erschreckt – und hat zugleich doch wieder etwas Beruhigendes, denn wohl sehen wir vor diesem Hintergrund die Bedeutung unserer Anliegen verblassen,  aber gleichermaßen sehen wir auch deren Bedrohungen ins Nichtige und Kümmerliche zusammenschrumpfen. Dies wäre eigentlich ein Grund zu heiterer Gelassenheit, welche auch den Ordensschwestern hier eigen ist. Aus dem fernen Indien hat es sie hierher verschlagen, – heute hier, in ein paar Jahren vielleicht wieder ganz woanders im Einsatz, – was tut es? Gott, – nennen wir ihn so, in tiefem Respekt vor diesem Ort -, ist überall und kann überall Menschen für seine Sache brauchen; so viel ist sicher, – unabhängig davon, in welcher Gestalt er sich den Menschen, welchen Glaubens und wo auch immer, offenbaren mag.
Frieden ist ein Bedürfnis, welches viele Menschen aller Religionen teilen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine Botschaft des Friedens. Sie stößt auf viele fromme, – leider auch auf noch mehr taube Ohren. Und sie geht schnell flüchtig, wo sie nicht sorgsam bewahrt wird. „Das Licht scheint in der Finsternis, doch die Finsternis hat’s nicht ergriffen“, wusste der Prophet Jesaja bereits in alttestamentarischen Zeiten vorauszusagen. „Kommt uns nah und geht uns neu verloren“, sagt unser Dichter Hermann Hesse viele Jahrhunderte später. Er bringt unser Dilemma auf den Punkt. Das Verlorengehen bereits vorweggenommen im Nahe-kommen, Sich-Annähern, – vielleicht ist es dieses Wissen, das es uns so schwer macht, der Botschaft Glauben zu schenken? Nichts festhalten können! Aber was wäre die Alternative? Sie deshalb gar nicht mehr an uns heranzulassen? Aus Angst vor der Flüchtigkeit, dem Wieder-verloren-gehen, ihr den Zugang verweigern? Uns ihr verschließen? – Es wäre schlimm, – wir ahnen es! Und genau deshalb geht es nicht.

„Wir machen dieses Fest nicht“, hörte ich vor Jahren einmal den Pfarrer meines damaligen Wohnortes in der Christmette sagen, „wir sind Eingeladene.“ – Im Erinnern denke ich, es könnte etwas dran sein.

Bettina Johl

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An-Schreiben gegen die Sprachlosigkeit – Zum Tod von Christa Wolf

Sie ist gegangen… – und sie fehlt. Ein Augenblick, vor dem ich mich lange gefürchtet habe, ist eingetreten, – jener, in dem mir jemand die Nachricht überbringt: Christa Wolf ist gestorben.

Wie sehr hatte ich mir gewünscht, sie würde noch lange bei uns bleiben. So vieles hätte sie uns noch zu sagen gehabt, sie, die „Jahrhundertfrau“, wie ich sie in einem Nachruf durchaus zu Recht bezeichnet fand. Vieles, was mich persönlich mit ihr verband, hatte ich zu Anfang des Jahres in meine Buchbesprechung „Das Tonband im Kopf“ zu „Stadt der Engel“ einfließen lassen, ein Roman, von dem ich gehofft – ja, gebangt – hatte, er würde nicht ihr letzter sein, ich würde mich noch an weitere wagen dürfen. Leider war er ihr letzter. Und mir selbst bleibt nur dieser Nachruf. Er fällt mir schwer. Wieder einmal quäle ich mich. „An-Schreiben gegen die Sprachlosigkeit“, – auch dies ein Satz, den ich oft verwende, den ich ihr wahrscheinlich „geklaut“ – vornehm ausgedrückt: von ihr „entlehnt“ – habe. An-Schreiben gegen die Unmöglichkeit, ihr auch nur annähernd gerecht zu werden, – jemand wie ich, du meine Güte! -, so viele Jahrzehnte später geboren, eine Generation irgendwo dazwischen, – die ihrer Kinder nicht mehr, die ihrer Enkel noch nicht. Eine, die – so empfinde ich es – mit ihren offenen Fragen im Regen stehen gelassen wurde, ja , gar nicht wusste, welche Fragen überhaupt zu stellen seien. Unsere Eltern, eine traumatisierte Generation, die als Kinder Nächte in Luftschutzkellern zubrachten, – wo Kinder einfach nicht hingehören, nirgendwo auf der Welt! -, die sich bei unseren Fragen die Ohren zuhielten: „Was wollt denn ihr? Ihr habt das nicht erlebt, ihr habt nix mitgemacht, was wollt ihr denn? Wir waren klein, wir konnten nix dafür, und ihr sollt ’s mal besser haben, – wir schuften uns ab dafür! – seid froh und dankbar, dass es euch so gut geht, haltet den Mund und schaut, dass ihr was Rechtes werdet!“ – Es war nicht böse gemeint. Die Sache hatte nur einen Haken: „Etwas Rechtes“ werden, ohne sich mit der Geschichte und den Fragen, die sich daraus für die Zukunft ergeben, auseinanderzusetzen, das funktioniert so nicht.

War es diese unbewusste Einsicht, die mich an Christa Wolfs Bücher heranführte, an ihnen hängen bleiben ließ, obwohl ich zunächst wohl kaum verstand, was ich da las? Fremde Welt, fremde Lebenshintergründe, – spannend wohl, aber zuweilen weit weg von mir. Ich war jung und ungeduldig, hatte ein kleines Kind, eine Familie, in der es turbulent zuging, was konzentriertem Lesen nicht eben zuträglich ist, und Bücher, die mir nicht verständlich waren oder die mich nicht zu fesseln vermochten, wurden schnell beiseite gelegt.  Mit ihren Büchern war dies nicht der Fall. Ich blieb dran, selbst wenn ich mich seitenweise quälte. Irgendetwas muss es gewesen sein, – ein vages Gefühl nur, noch weit vom eigentlichen Verstehen entfernt -, dass es hier um etwas geht, das mich betrifft, dass dieses Unfassbare bedrängende Aktualität hat, dass so viele Themen und Konflikte – trotz eines völlig anderen Lebenshintergrunds – genau meine eigenen sind.

Solches oder ähnliches muss ich ihr geschrieben haben, in einem Brief, den ich ihr während eines unserer vielen späteren Ferienaufenthalte in Mecklenburg ganz in der Nähe des Ortes, wo sie – wie ich durch glücklichen Zufall erfuhr – ihren Sommersitz hatte, verstohlen im Vorbeifahren in den Briefkasten schmuggelte. Ich wünschte, ich könnte mich erinnern; ich fertige mir niemals Abschriften von Briefen, und was ich schreibe, ist auf merkwürdige Weise ausgelagert und würde ein Wiederlesen erfordern, – selbst dann ist nicht immer gesagt, dass ich mich sofort wiedererkenne. Was mir geblieben ist, – umso kostbarer jetzt: Die Postkarte, mit der sie mir in kürzester Zeit antwortete, die seit vielen Jahren einen Ehrenplatz in meinem Regal bei ihren Büchern einnimmt. Sie habe – schrieb sie – meinen Brief mehrmals gelesen, er beschäftige sie!

Ich habe es – wie viele – nicht geschafft, ihr persönlich zu begegnen, was ich nun als umso schmerzhafter empfinde. Ein einziges Mal noch traute ich mich hin, um ein Buch signieren zu lassen. Sie war unpässlich an diesem Tag, aber ihr Mann, Gerhard Wolf, im Garten beschäftigt und mich sehr freundlich empfangend, trug ihr das Buch ins Haus und brachte es signiert zurück. So war es mir zumindest vergönnt, ihn kennenzulernen, und ich bin im Besitz eines handsignierten Exemplars ihres vorletzten Buchs „Mit anderem Blick“.

Mit diesen Andenken sitze ich hier und kämpfe mit den Tränen. Der Verlust ist unermesslich. Ich fühle mich – auch in meinen eigenen Versuchen, zu schreiben, alleingelassen, und ich denke mit Sorge an die jungen Menschen, nachfolgende Generationen, die heranwachsen mit ebenso offenen Fragen. Wird es gelingen, ihnen einen Zugang zu ihren Werken zu vermitteln? Die Weichen hierzu könnten jetzt gestellt werden. Ein Blick in die Medien lässt staunen: Ehrenbezeugungen, wohin das Auge blickt. Es gab andere Zeiten, das wissen wir. Zeiten bösester Diffamierungen, Abstempelung zur „DDR-Staatsdichterin“, der Vorwurf, in jungen Jahren für kurze Zeit als Stasi-IM geführt gewesen zu sein, – eine Zeit, in der sie dem System ein Schnippchen schlug, indem sie einige wenige durchweg positive Berichte über die zu überwachenden Personen ablieferte, bis man zu der Überzeugung gelangte, dass mit ihr dahingehend nichts anzufangen sei, und schließlich begann, sie selbst zu überwachen. Sie hat 1993 die Debatte offiziell damit beendet, als sie – was auch nicht jeder vorbehaltlos getan hätte, ihre gesamte Stasi-Akte einfach veröffentlichte. Aber die Häme blieb, hat Spuren hinterlassen, – am meisten bei ihr selbst, wovon sie sich auch nie vollständig erholte; es macht mich traurig und wütend – und ist ein erschreckendes Beispiel dafür, was Medienkampagnen anrichten können.

Was hatte man ihr sonst vorzuwerfen? Dass sie blieb, als andere gingen? Dass ihr die Menschen und das Land – nicht das System! – wichtiger waren als anderes? Gewiss, sie war privilegiert, – sie durfte reisen. Aber wer sonst hätte ihr Land, – und damit meine ich die Menschen, die darin lebten, nicht das System, welches sie terrorisierte! -, besser nach außen vertreten können? Dass sie die Zukunft im Sozialismus sah? Der Sozialismus, der ihr Ideal war, hatte mit Diktatur nichts gemein. Einer Diktatur – gleich welcher – hat sie nie das Wort geredet. Ihre Gesinnung war demokratisch durch und durch. Wer etwas anderes behauptet, sagt die Unwahrheit. Es ist einfach, zu kritisieren, wenn man nicht in der Haut des anderen steckt. Aber es ist unverantwortlich, Menschen, die in einer Gesellschaft wie unserer eine so wichtige – weil seltene – Vorbildfunktion einnehmen können, durch ungeprüfte und unwahre Behauptungen zu diffamieren. Sie in die Enge zu treiben und durch Rufmord um alle Möglichkeiten zu bringen, sich zu erklären. Dann ist in der Tat „Kein Ort. Nirgends.“

„Medea“: Die Gesellschaft, die ihre Sündenböcke braucht, um selbst der Anstrengung ledig zu sein, sich zu hinterfragen. Und die Gesellschaft, die wie in „Kassandra“ die ihr lästigen mahnenden Stimmen zum Schweigen bringt. Christa Wolf wird uns fehlen, die besondere, leise Art, sich frei von Besserwisserei mit unseren äußeren und inneren Konflikten selbstkritisch – und durchaus mit Augenzwinkern und feinsinnigem Humor – wer behauptet eigentlich, dass sie den nicht hätte? – auseinanderzusetzen, ihre unbedingte Aufrichtigkeit, ihr zähes Ringen um Wahrheit, ihr unentwegtes Prüfen und Infrage-stellen eigener Aussagen, ohne sich dabei jedoch zu verlieren, vielmehr stets mit schonungsloser Offenheit sich selbst gegenüber zu ihren Überzeugungen stehend, – diese bleibt unerreicht, und ich habe sie so nirgendwo gefunden. Dies ist es, was ab jetzt schmerzlich fehlt, – eine klaffende Lücke, die in absehbarer Zeit nicht zu schließen sein wird.

Um mit ihren Worten einmal mehr zu fragen: Was bleibt? Ihre Werke, die für sich sprechen. Wir können sie mit der Fülle an Gedankenreichtum, den sie enthalten, immer wieder lesen, – immer wieder mit anderen Augen und mit anderem Schwerpunkt. „Jeder Leser arbeitet auch an dem Buch mit, das er liest“, – auch dies waren Worte von ihr. Und dass sie weiterlebt in den Herzen derer, die sie schätzten und liebten. Das ist ein kleiner Trost angesichts des riesigen Verlustes, aber der einzige, den wir im Augenblick haben. Wir verneigen uns vor einer großen deutschen Schriftstellerin, – der bedeutendsten für mich, und – wie ich weiß und in diesen schweren Tagen vielfach erlebt  habe – für sehr viele Menschen überall auf der Welt.

Bettina Johl

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„In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen“ – Über Karoline von Günderrode­

Karoline von Günderrode Anonymous Painter, cir...

Karoline von Günderrode

Über sie schreiben bedeutet zunächst, innere Bedenken über Bord zu werfen und das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit –  wenigstens vorübergehend – zum Schweigen zu bringen, denn nicht nur, dass dies viele bereits lange vor mir unternommen hätten, – daran ist nichts Ungewöhnliches  -, jedoch gelang dies – Schreiben über Karoline von Günderrode – einer der ganz großen Autorinnen – Christa Wolf – Jahre zuvor in ihrem Essay „Der Schatten eines Traums“ – wie mit jedem Stoff, dessen sie sich annimmt – auf solch vollendete Weise, die es allen Nachfolgenden schwer macht, dem weiteres hinzuzufügen. Ich hatte lange gezögert, jenen großartigen Essay mehrmals gelesen, – wie alles von Christa Wolf es verdient, mehrmals gelesen zu werden, schon weil sich der darin enthaltene Gedankenreichtum schwerlich mit einem Male erfassen lässt -, nicht nur mit Interesse, auch mit gewissem Vergnügen, wie immer, wenn ich meine eigenen Sympathien oder auch Antipathien für einzelne Charaktere durch andere geteilt weiß.

Die Günderrode. Ein tragisches Leben, ein tragisches Schaffen und ein tragisches Ende, welches uns zweihundert Jahre später Lebende, Schaffende,  das Ende zumeist noch nicht ins Auge Fassende, nicht unberührt lassen kann, – nicht unberührt lassen darf.  Die wohlmeinende Warnung im Gedächtnis, sich als Autorin, die sich ihren Weg erst suchen muss, möglichst nicht gerade diejenigen zu  Vorbildern zu wählen, die ihrem Leben vorzeitig selbst ein Ende setzten, mich jedoch zu jenen zählend, die ihre Inspiration von vielerlei Seiten beziehen, worunter sich – die zahlreichen noch Lebenden ausgenommen – die Zahl derer, die den Freitod wählten, zumindest die Waage hält mit der jener, die allem trotzend mitunter steinalt wurden -, wollte ich eigentlich zunächst über die Bettine schreiben.

Bettine, die für mich immer den erfrischenden Gegenpol bildete, – Bettine, die Unkonventionelle, die sich bereits zu Zeiten, in denen solches bedeutend mehr Mut erforderte  als heute, keinen Deut um die Ansichten und Vorurteile ihrer Kreise scherte, die sich das freie Denken als Letzte hätte verbieten lassen, und die dies unumwunden kundtat, auch auf die Gefahr hin, zu nerven, – und sie nervte so manchen Zeitgenossen! -, Bettine, die es sich nicht hätte einfallen lassen, zu kapitulieren, die jedem Rückschlag und jeder Zurückweisung  nach kürzester Zeit ein Jetzt-erst-recht! entgegenzusetzen wusste. Ihre vorübergehende Kapitulation vor den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft war nur eine vermeintliche, – eine Zeit, in der sie sich regelrecht in jener Rolle eingerichtet zu haben schien, die ihr von eben dieser Gesellschaft zugemessen wurde, in der sie mit beachtlicher Energie ein Gut bewirtschaftete, sieben Kinder gebar und aufzog, die alle – nicht selbstverständlich in jenen Jahren! – das Erwachsenenalter erreichten, – um sich danach unversehrt zurückzumelden und in der Verfolgung ihrer sich selbst gesetzten Lebensziele dort fortzufahren, wo sie sich in jungen Jahren zur Unterbrechung derselben genötigt sah. Bettine, unbeirrt den Faden wieder aufnehmend, schreibend, veröffentlichend, das Berliner Salonleben prägend und in ihrem sozialen und politischen Engagement geradezu Kopf und Kragen riskierend. An sie habe ich mich stets geklammert, sie hervor gezerrt, – abergläubisch die Namensgleichheit beschwörend, – mit deren Mut, deren Unerschrockenheit ausgestattet sein, damit wäre gut leben!  Wenn die Welt nicht passt, in die man hineingeboren wurde, sich einfach eine neue schaffen, – ob diese anderen nun gefällt oder nicht, – ein vorstellbarer Weg.

Sich hingegen mit ihrer um fünf Jahre älteren Freundin Karoline, der vermeintlich Gescheiterten, die so ganz anderen Gemütes war, zu befassen, kostet Überwindung. Da ist die Trauer, die einen verstummen lassen möchte. Eine junge Dichterin und Philosophin beendet ihr Leben – sechsundzwanzigjährig – aus freiem Willen.

Als ich auf dem weitläufigen Friedhof in Winkel am Rhein den Weg zu ihrem Grab erfrage, weist mir eine sichtlich belesene Frau die Richtung, – es liegt etwas abseits an der Mauer -, ja, sie habe viel von der Günderrode gelesen, sie spricht über die Ereignisse, als habe sich alles erst vor Kurzem zugetragen; es scheint sie persönlich sehr zu beschäftigen. Ihr sei auch lange nicht klar gewesen, bekennt sie, dass die Günderrode sich ja gar nicht ertränkt habe, wie manche annähmen, da man sie unten am Rhein, halb im Wasser liegend, gefunden hatte, – stattdessen ein gezielter, mit Präzision von eigener Hand durchgeführter Dolchstoß, der zum Tode führte. Keine sehr weibliche Art, sich umzubringen, – in der Tat! Mit einem Dolch, über lange Zeit stets in der Handtasche mit sich geführt, – auch nicht gerade ein typisch weibliches Utensil.

Vor dem Gedenkstein stehend, stellt sich auch bei mir ein Gefühl von fassungsloser Betroffenheit ein. Der lange Zeitraum scheint sich zusammenzuziehen, keine Rolle mehr zu spielen. Lese die Inschrift:

Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch,
Heilges Feuer mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab‘ ich hienieden gelebt,
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend,
Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!

Ihre letzten Worte, – nicht ganz ihre eigenen -, vielmehr  Verse aus  „Abschied des Einsiedlers“  von Herder, welche sie, so nimmt man an, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte. Auf einem Blatt Papier, in ihrem Zimmer zurückgelassen, in welchem sie sich während eines Besuchs bei einer Freundin in Winkel aufhielt. Endstation eines Lebens, in dem, um es mit heutigen Worten auszudrücken, nichts mehr stimmte. Eines an äußeren und inneren Beschränkungen wundgestoßenen Lebens. Als Frau und Dichterin keine Chance auf eine von Gunst und Wohlwollen anderer unabhängige Existenz. Weder in ihrem Leben, noch in ihrem Schaffen. Von der Liebe ganz zu schweigen. Betrogen um ihr Erbe, – zwar ausreichend versorgt, allerdings nicht so, als dass es zu einer Mitgift für eine Ehe gereicht hätte -, stets in dem erniedrigenden Bewusstsein, letztlich von Almosen abhängig zu sein. Von Freunden verehrt, jedoch selten verstanden, in entscheidenden Momenten entweder zur Ikone stilisiert oder mit gönnerhafter Herablassung bedacht. Das „Günderrödchen“. Ihr beachtliches dichterisches und philosophisches Schaffen gleichermaßen schmeichelnd bewundert und neidvoll heruntergespielt. Anerkennung hatte es glücklicherweise bereits gefunden, bevor sie als Autorin persönlich öffentlich in Erscheinung trat. Sie hatte zunächst unter dem Pseudonym Tian veröffentlicht, was auf einen männlichen Verfasser schließen ließ, hinter dem niemand so ohne weiteres gerade sie, die Sanfte, die schüchtern Wirkende, vermutete.

Als es schließlich bekannt wurde, kam, was kommen musste: Man neidete ihr das Talent, zerriss sich die Mäuler, versuchte ihr Werk kleinzureden, – aber man hatte ja bereits zugegeben, zugeben müssen, dass ihre Lyrik beachtlich war, reich an gedanklicher Fülle und sprachlicher Schönheit, – also umschmeichelte man sie, ließ sich gerne mit ihr sehen, schätzte sie als kluge Gesellschafterin, Unterhalterin, Ratgeberin und Freundin, sonnte sich in ihrer Gegenwart, – wusste man sich im schlimmsten Fall gar nicht mehr zu helfen, überhöhte man sie zur Heiligen, die sie nicht sein wollte. Als Frau mit allen Bedürfnissen einer Frau wollte man sie nicht sehen, – sie, die sich selbst unbestimmt zerrissen zwischen Mann und Frau wiederfand, keiner Seite wirklich zugehörig. Auch hiermit setzte sie sich auseinander, – sprach es offen aus. Sich verstellen, sich verstecken hinter Lügen und faulen Kompromissen war ihre Sache nicht. Voraussetzung für ein lebbares Leben bedeutete ihr ein Streben nach größtmöglicher Authentizität, nach höchstmöglicher Übereinstimmung von Denken, Fühlen, Handeln und Schaffen. Ein Anspruch, an dem sie letztlich zerbrach.

Die Erfahrung von Vergeblichkeit und Entfremdung, wie Christa Wolf es ausdrückte:
„Kein Ort. Nirgends“. Die fiktive Begegnung Karoline von Günderrodes mit Heinrich von Kleist. Schauplatz: Winkel, im Sommerhaus der Brentanos. Ich suche es auf. Ein langgezogener Barockbau, Eingang zur Hofseite, in der Toreinfahrt eines jener inzwischen veralteten, dreieckig-rotumrandeten Warnschilder, auf dem ein schwarzer Mann mit Hut auf weißem Grund  den Zebrastreifen überquert,  ein Glas in der Hand hinzu gezeichnet – Symbol des Weingutbesitzers! –  darunter eine Tafel mit dem Aufdruck: „Baron kreuzt!“ Man scheint im Hause Brentano mit Humor ausgestattet. Vom Hof aus erstreckt sich in Richtung Rhein ein parkähnlicher Garten mit Kletterspalieren, einem Brunnen und steinernen Skulpturen. Alles wirkt still und verwunschen, – eine Oase, aus alter Zeit hinübergerettet, inmitten des vom Verkehrslärm reichlich gebeutelten Ortes. „Besichtigung nach Anfrage möglich“, steht auf dem Schild an der Tür, aber ich weiß nicht, ob ich anfragen, ob ich es wirklich besichtigen möchte, oder ob ich mir nicht lieber die Bilder aus meiner Vorstellungskraft bewahren will. Mit etwas Phantasie wäre es denkbar, dass sich sogleich die Tür öffnet und die Gesellschaft aus jenen Tagen heraustritt, um sich auf ihren Spaziergang zu begeben. Clemens Brentano und Sophie Mereau, Friedrich Karl von Savigny und Gunda Brentano, Christian Nees von Esenbeck und dessen Frau Lisette, geborene Mettingh, Karolines Freundin aus Frankfurter Stiftstagen. Allen voran die quirlige Bettine. Kleist, von dem nicht gewiss überliefert ist, ob er diesen Ort in Wirklichkeit je besuchte. Und nicht zuletzt Karoline von Günderrode, des Öfteren in Winkel zu Gast.

Der Rheingau, – die Sommerfrische der Frankfurter Gesellschaft und was sich so dafür hielt. Von Charakter und Schönheit der Umgebung, die ich aus Bettines brieflichen Schilderungen so lebendig vor Augen habe, scheint weniges erhalten. Das Ufer verbaut, Ortschaft reiht sich an Ortschaft, – Lärm durch Industrie und Verkehr erschlägt alle Bemühungen, sich vorzustellen, wie es hier vor zwei Jahrhunderten ausgesehen haben mag. Die Orte selbst sind touristisch überlaufene, Übelkeit erzeugende Albträume; durch die als malerisch bezeichneten Gassen von Eltville, Rüdesheim und Assmannshausen wälzen sich Tag für Tag grölende Horden wein- und schunkelseliger Busreisender, offensichtlich im Bemühen, sich die verflossene Rheinromantik mittels Promille zurückzuholen. Erst etwas weiter nördlich, bei Lorch und Kaub, wo das Mittlere Rheintal sich zunehmend verengt, die Berge zum Ufer hin steiler abfallen, weniger Bausünden zulassend, lässt sich auf Wanderwegen wie dem Rheingauer Rieslingpfad zwischen altem Weinland, Gärten und jungen Eichenwäldern eine Ahnung der einstigen Beschaulichkeit wiederbeleben, finden sich noch stille Seitentäler und Schluchten mit den munteren Bächen, die den Felsen des Taunus entspringen, erschließen sich immer wieder verträumte Aussichten auf den Strom und dessen andere Uferseite mit den bewaldeten Höhenzügen des Hunsrücks und auf stolze Burgen als stumme Zeugen alter, jedoch selten friedlicherer Tage.

Bedeutend schwieriger noch, das alte Frankfurt, wo Karoline von Günderrode aus Gründen ihrer Mittellosigkeit in einem Stift für unverheiratete, adelige Fräulein lebte, inmitten seiner Bankenviertel und Wolkenkratzer auszumachen. Grotesk mutet selbst das wiedererrichtete Goethehaus zwischen den ansonsten unsäglich hässlichen Betonklötzen an, – die ganze Stadt traurig überspitztes Symbol für die Gesellschaft, unter der gerade Karoline unsäglich litt, eine Gesellschaft, die sich das Bereichere-dich- um-jeden-Preis bereits zweihundert Jahre vor unserer Zeit auf ihre restaurativen Fahnen geschrieben hatte. Und es will uns gruseln im Bewusstsein, wie richtig die Dichterin lag mit der Einschätzung dieser Gesellschaft und der Fortentwicklung der Verhältnisse, durch alle geschichtlichen Um- und Einbrüche hindurch, bis in unsere Tage.

Das Cronstetten-Hynspergische Damenstift, – es stieß an seiner Gartenseite an diejenige des Anwesens der Bankiersfamilie Gontard, bei welcher Friedrich Hölderlin – einige Jahre vor Karolines Einzug im Stift – seine Hauslehrerstelle inne hatte und dort die Tragik seiner unglücklichen Liebe zur Hausherrin Susette Gontard durchlebte. Auch er ein vermeintlich Gescheiterter, – von der Gesellschaft zum Gescheiterten erklärt -, auch hier eine unglückliche Liebe, die ihren Teil zum weiteren dramatischen Lebensverlauf beitrug.

Verhängnisvolles  Jahr 1806 – für beide. Karoline von Günderrode nimmt sich im Sommer, am 26. Juli, das Leben, Hölderlin wird am 11. September gegen seinen erbitterten Widerstand von Bad Homburg in das Authenriethsche Klinikum in Tübingen gebracht, wo man ihn Monate später als „unheilbar wahnsinnig“ – Glück im Unglück! – in die Obhut des Schreinermeisters Zimmer entlässt, wo er  – wenn auch verloren für die Welt – noch weitere sechsunddreißig Jahre leben wird. Hälfte des Lebens.

Die Günderrode, sie verehrte Hölderlin und seine Dichtung, – von einer Begegnung jedoch ist nichts überliefert. Angenommen, sie wären sich begegnet? Es würde dies besser in meine Vorstellungswelt passen, da er mir – es mag etwas mit dem gemeinsamen Geburtsort zu tun haben – näher steht als Kleist, welcher mir stets fremd geblieben ist.

Die Günderrode und Hölderlin. Gewisse Gemeinsamkeiten fallen auf. In ihrer Dichtung, in ihrer Philosophie. In den Vorurteilen der Gesellschaft, die beide umgab. Abgedrängt in die Ecke der verträumten Phantasten und Spinner, – die ohnehin keiner versteht, – kein Wunder, da muss sich einer ja umbringen oder verrückt werden.  Beide arbeiteten mit größtem Ernst, stets am Rande der physischen und psychischen Verausgabung. Beide waren reich an Bildung, allerdings stand diese bei ihm als Mann und ältesten Sohn einer Familie, die zur damaligen württembergisch-protestantischen „Ehrbarkeit“ zählte, die für ihn der Tradition gemäß ein Pfarramt vorgesehen hatte, von Jugend an auf dem Plan, während ihr als Frau ohne Mittel kein Weg blieb, als sich alles an Wissen unter beträchtlichen Mühen selbst oder mit Unterstützung von Freunden anzueignen.

Beider unglückliche Liebe wiederum ist nur die jeweils eine Seite der Tragik, – „nur die Form“, wie es bei Karolines Freundin Lisette recht treffend in einem Brief zu lesen ist, während ihre weiteren Erklärungsversuche sich in unerträglichem Moralisieren ergehen, – die fassbare Seite. Dahinter wird es bodenlos, müssen Erklärungsversuche vor der Tiefe der Verzweiflung kapitulieren. Eine unglückliche Liebe als Katalysator für den Ausbruch dieser Verzweiflung? Zumindest steht hier einmal mehr die Unmöglichkeit, ohne Liebe leben zu können, gegenüber der unmenschlichen Forderung, ohne Liebe leben zu müssen. Sie durchlebte dies zweimal.

Ihre erste große Liebe galt Savigny, ihrem „Schatten eines Traumes“. Er ist von ihr fasziniert und bleibt es, aber noch mehr ist er ein ehrgeiziger, zielstrebiger Jurist, der nüchtern-praktische Überlegungen vor Gefühle stellt, – und eine mittellose Stiftsdame zu ehelichen wäre seiner Sache wenig dienlich. Er heiratet letztlich Gunda Brentano, – die bessere Partie! -, hält den intensiven Kontakt zu Karoline jedoch aufrecht, drängt sie, da er auf den geistigen Austausch mit ihr nicht verzichten will, in die Rolle der gemeinsamen Freundin, – eine Zumutung, die diese auf sich nimmt, denn auch sie ist auf diesen Austausch mehr als angewiesen.  Zugang zu Bildung, – für uns heute selbstverständlich, damals für Frauen nur über Umwege zu haben: über einflussreiche männliche Freunde, Förderer und Gönner. Dafür wollte vieles in Kauf genommen sein.

Geistiger Austausch, – gegenseitige Inspiration war es auch, der ihre spätere Beziehung zu dem unglücklich verheirateten Friedrich Creuzer entscheidend prägte. Selbst wenn es ihr gelungen wäre, sich gefühlsmäßig von ihm zu lösen, ihm, dem zaudernden, sich gern selbst bemitleidenden, von der Meinung seiner Freunde über das gesunde Maß hinaus abhängigen und in seinen Briefen sichtlich wenig auf ihre Gefühle und Empfindungen eingehenden Mann, der sie hinhält, über lange Zeit unfähig, sich für oder gegen sie zu entscheiden, und sie schließlich fallen lässt , – auf die geistige Zusammenarbeit, die sich entscheidend auf ihr literarisches Schaffen auswirkte, verzichten, war für sie unvorstellbar, – ja, letzten Endes: tödlich. Schwer nachzuvollziehen für jemanden, der solches nicht erfahren hat. Wem es nie gegeben war, für den gibt es nichts zu vermissen. Das Verständnis der Freunde bleibt auf der Strecke, – Stück um Stück.

Tödlich auch das Fehlen jeglicher Alternativen. Vor die Wahl gestellt sein, entweder auf freie Entfaltung oder auf Liebe zu verzichten. Das eine ohne das andere für ein lebbares Leben nicht zu denken. Eine grausame, unmenschliche Wahl! Liebe nur um den Preis, sich in die von der Gesellschaft vorgeschriebene Rolle einzufinden, – Entfaltung nur um den Preis des Außenseiterdaseins, der Vereinsamung. Auch Bettine musste dies im Verlaufe ihres recht langen Lebens mehrmals sehr bitter erfahren. Sie war robuster, widerstandsfähiger. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht immens darunter litt.

Während der Zeit, die ihre Freundschaft währte, in der die beiden jungen Frauen sich eng aneinander angeschlossen hatten, inspirierten sie sich gegenseitig, in Gesprächen und durch gemeinsames Lernen, in ihrer Korrespondenz, wenn sie sich an getrennten Orten aufhielten, unternahmen Phantasiereisen und Gedankenflüge, erhoben sich geistig über die äußerlichen, beengenden Verhältnisse.

Es war Karoline, die sich letzten Endes zurückzog, – ob der Druck Creuzers, der gegen die Brentanos eine neidvolle Aversion hegte, dafür ausgereicht hatte, ist fraglich, fiel dies doch in eine Zeit, als der Entschluss, ihr Leben zu beenden, längst gereift war. Berichten Bettines zufolge gab es Zeichen hierfür, die in ihr selbst Verzweiflung und Ratlosigkeit auslösten, ohne dass sie zu der Freundin weiter hätte vordringen können, – auch die Ankündigung einer „Entzweiung“. Der Weg, den Karoline gewählt hatte, war ihr eigener, ein aus frei gefasstem Entschluss eingeschlagener Weg, auf den sie – so bitter es die Freunde ankommen mochte – niemand begleiten – und auf dem niemand sie zurückhalten konnte.

Zwei Frauenschicksale lange vor unserer Zeit, sehr unterschiedlich und doch sehr ähnlich in ihrer Verschiedenheit, eine Verschiedenheit, um die beide wussten. Karoline schrieb in einem Brief an Bettine, in dessen Verlauf sie dieser eine energischere Natur bescheinigte, als es ihr selbst beschieden war:

„… mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, dass dir etwas möglich wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte. Du musst dies bei deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken.“

Das Lesen der Briefe, die der Nachwelt erhalten geblieben sind, macht betroffen, zieht mich in ihren Bann,  erschüttert mich, als läge all dies nur Tage zurück. Warum, frage ich mich? Sind wir doch die Vertreterinnen einer Zeit, in der diese Widersprüche überwunden zu sein scheinen, stehen uns doch heute alle Wege offen. Wirklich? Die Realität zeigt eine andere Seite. Das Scheitern ist auch uns nur zu vertraut. Nur: Woran scheitern wir?

Daran, dass wir zwar vermeintlich freie Wahl haben, jedoch die alten, überkommenen Rollenvorstellungen, von Generation zu Generation – bewusst oder unbewusst – weitergegeben, sich nach wie vor tief in uns eingefressen haben, so dass wir dennoch immer wieder versuchen, ihnen gerecht zu werden, – schlimmer noch: dass wir oft mehreren Rollenbildern völlig gegensätzlicher Ausrichtung entsprechen wollen, diese vergebens in uns zu vereinen versuchen, – eine Zerreißprobe, die wir auf Dauer nicht bestehen können?

Daran, dass wir trotz der angeblichen Fülle von Möglichkeiten Gefahr laufen, uns in der Beliebigkeit zu verlieren, zerstreuter, ablenkbarer sind, schwerer in der Lage, einen gewählten Weg zielstrebig und kontinuierlich zu verfolgen?

Daran, dass heute weniger die Gesellschaft oder eine bestimmte Gesellschaftsklasse die Rollenmodelle vorgibt, sondern zu einem beträchtlichen Anteil die Massenmedien, die uns Zerrbilder vermitteln, denen entsprechen zu wollen das Scheitern zwangsläufig mit sich bringen muss? Denn hier erschöpft es sich wahrlich nicht im Fleißig-sein-müssen und Brav-sein-müssen; hinzu kommen Schlank-sein-müssen, Schön-sein-müssen, Jugendlich-sein-müssen, Sich-alles-leisten-können-müssen, Stets-Power-haben-müssen… Endlosschleife! Und das Verurteilen unseres Selbst, sobald wir nicht dies alles zugleich schaffen, – und wir können und werden es nicht schaffen, die einen werden dies nur früher, die anderen später feststellen! -, das übernehmen wir auch gleich selbst. Denn wir sind emanzipiert!

So stehen uns unsere Vorkämpferinnen aus vergangenen Jahrhunderten näher denn je. Und es klingt uns nicht einmal unvertraut in den Ohren, wenn wir aus der Feder der Günderrode lesen:

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

(Karoline von Günderrode)

© Bettina Johl

Empfohlene Literatur:

Karoline von Günderrode: Einstens lebt ich süßes Leben, Gedichte, Prosa und Briefe der Karoline von Günderrode. Eine neue Auswahl und Essay von Christa Wolf, 24.04.2006, insel taschenbuch 3191, Broschur, 407 Seiten, ISBN: 978-3-458-34891-7

Bettine von Arnim: Die Günderrode, Deutscher Klassiker Verlag, 2006, ISBN: 978-3-618-68009-3

Markus Hille: Karoline von Günderrode, Rowohlt-Monographie, 160 Seiten, ISBN 978-3-499-50441-9

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Frühlingstage am Niederrhein – Bettina Johl

Unterwegs in mir bisher unbekannten Gegenden, im Land zwischen Niederrhein und Maas, – erfahren, dass anfangs nicht selbst Gewähltes ebenfalls zu Vertrautem werden kann, wovon es einst – ich ahne es voraus – schwerfallen wird, sich wieder zu trennen. Woran werde ich zurückdenken, – welche Erinnerungen werden mir erhalten bleiben?

Da ist die Weite der Ebene, – ungewohnt zunächst -, die jeder Mensch auf seine eigene Weise wahrnimmt. So wie Berge dem einen Geborgenheit vermitteln oder Herausforderung sein können, im anderen jedoch das Gefühl von Enge und Beklemmung auszulösen vermögen, so kann auch das flache Land dem einen Freiheit, dem anderen Verlorenheit bedeuten. Ich entscheide mich für Freiheit.

Symbol werden mir die morgens vorüberziehenden Graugänse, deren Geschnatter mir wie Gesang anmuten will. Es gibt einen See in der Nähe, doch diesen suchen sie nicht auf. Er ist zu klein, zu gut besucht, sein Ufer zu sehr beansprucht. Immerhin finden sich dort zwei Haubentaucherpaare, die sich davon offensichtlich nicht schrecken ließen, und es ist faszinierend, ihrem Balztanz zuzusehen, in dessen Verlauf sie sich fast mit den Hälsen berühren, sich drehen und symmetrische Formen  bilden, die sich wiederum auf der Wasseroberfläche spiegeln. Dann wieder tauchen sie mit elegantem Sprung unter, sind lange verschwunden, um an einer weit entfernt liegenden Stelle plötzlich unvermutet wieder aufzutauchen, als wäre nichts geschehen.

Bettina Johl

In der Flugrichtung, welche die Wildgänse nehmen, liegt jedoch ein Seegebiet  mit kleinen Wasserflächen zwischen niedrigem Gehölz und feuchten Wiesen. Ich suche sie dort an einem der nächsten Tage auf,  – bin verwachsen mit meinem geliehenen blauen Fahrrad, das mich hier überall hinbringt, fahre durch schattige Eichenalleen, – viele dieser Bäume scheinen mir älter als hundert Jahre zu sein, stehen wie mächtige Säulen, ihr junges Laub filtert das Sonnenlicht, lässt ein hohes Gewölbe von leuchtendem Grün entstehen -, komme vorüber an großen, weiten Pferdekoppeln, an von blühenden Weißdorn- und Rosenhecken gesäumten Feldern. Mehrere Fasane kreuzen meinen Weg. Dort wo ich herkomme, sind sie längst verschwunden, bietet ihnen die, – wie man es nennt – „bereinigte“ Flur und die Zersiedelung keinen Lebensraum mehr. Ich werde sie vermissen!

An einer großen Wiese in der Nähe der Seen sehe ich sie lagern, – meine Gänse! Mein Erscheinen stört sie auf, – sie ziehen sich unter aufgeregten Lautäußerungen etwas zurück, beeilen sich, die Mindestdistanz zwischen sich und mich zu bringen. Als sie sehen, dass ich nicht näherkomme, mich am Feldrain auf die Erde setze und ruhig sitzenbleibe, beruhigen sie sich und recken interessiert die Hälse, – manche nähern sich wieder etwas. Ein wenig spreche ich ihre Sprache. Meine innigen Zwiegespräche mit Hausgänsen sind durchaus geeignet, mir zuweilen besorgte Blicke einzuhandeln. Diese hier sind wildlebend. Sie werden immer auf Distanz bedacht sein, dies ist wichtig zu ihrem Schutz. Um mit ihnen vertraut zu werden, würde ich sehr viel Zeit benötigen, – mehr, als ich hier haben werde. Aber sie lassen mich aus der Ferne teilhaben, damit muss ich mich zufrieden geben. Ich frage mich, ob sie nur auf der Durchreise sind oder gar hier brüten.

Tage später durchstreife ich vorsichtig das Seengebiet, schwankend zwischen Neugier und dem Wunsch, nicht zu stören. An einem kleinen See mit schwer zugänglichem Ufer finde ich, durch Erlen- und Birkenzweige spähend, zunächst nur Stockenten und Blesshühner vor. Am gegenüberliegenden Ufer steht ein Graureiher unbeweglich, gleich einem Denkmal, im seichten Wasser. Kurz darauf hebt er ab, segelt über die Wasserfläche, majestätisch, in seiner ihm eigenen Haltung, – mit zurückgelegtem Kopf und Hals, um sich etwas tiefer im Gehölz auf einem Baumwipfel niederzulassen. Dann – mich durchfährt ein freudiger Schrecken – entdecke ich weiter hinten ein Gänsepaar, das junge Küken zu führen scheint. Es sind sehr umsichtige Eltern, – mit Mühe kann ich einen Blick auf die Kleinen erhaschen, jedoch nicht feststellen, wie viele es sind. Ich ziehe mich still zurück.

Anderntags, in der Stille der Mittagsstunden, halte ich erneut Ausschau nach ihnen. Am Ufer führt eine schmale ausgetretene Spur durch die Wiese. Ich folge dem Pfad. Von Grashalmen, die ich streife, fliegen Dutzende blauschillernder Libellen auf, tanzen im funkelnden Sonnenlicht, um sich danach wieder im Grün niederzulassen, – fast unwirkliches Farbenspiel. Der See liegt still, wirkt verzaubert. Nichts ist dort sonst zu hören, außer dem Ruf des Kuckucks im Gehölz und dem Gesang des Pirols, – der erste, den ich in diesem Jahr vernehme. Einige Graugänse sind zu sehen, – jedoch von meiner Gänsefamilie keine Spur. Flüchtiger Gedanke, ich könnte mich gar getäuscht haben, aber ich vermute sie im hohen Gras einer benachbarten eingezäunten Wiese, wo sie sicherlich Mittagsruhe hält. Dennoch reut es mich nicht, mich auf den Weg gemacht zu haben.

Und genau dort, auf der Weide, sehe ich sie – am folgenden Abend, als ich denselben Weg nehme – unter Rufen Richtung Seeufer aufbrechen, beide Elterntiere, zwischen sich ihre Jungen, – alle sehr klein, Flaumkügelchen noch -, sicherlich erst wenige Tage alt. Bald sind sie im Wasser, bleiben jedoch im Schutz des Schilfs. Soweit ich mich auch bis zur äußersten Spitze einer Halbinsel vortaste, kann ich sie doch stets nur flüchtig erkennen. Aber ich habe sie gesehen! Kurz darauf holt mich der helle, warnende Ruf eines Blesshuhns aus meiner Versunkenheit. Wenige Meter entfernt sehe ich nahe am Ufer sein Schwimmnest mit einem Gelege von mehreren Eiern, das ich zunächst nicht bemerkt hatte. Ich bin zu nahe. Ich zeige ihm, dass ich verstanden habe, trete langsam den Rückweg an. Es beruhigt sich und setzt sich wieder auf sein Nest.

Zeit für mich zu gehen. Mir bewusst zu machen, was nicht neu ist: Die Natur braucht mich nicht. Ich brauche sie. Ich bin ein geduldeter Gast, – eine Zeitlang, wenn ich mich umsichtig verhalte. Mehr nicht. Wenn ich mir dies erhalten will, muss ich bereit sein zum Verzicht. Und so hoffe ich auf weitere Abende, an denen es mir vergönnt sein wird, Gast zu sein. Für eine kurze Zeit.

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