Monatsarchiv: November 2012

Ein Zug zum Maskenhaften – Gerhart Hauptmann

Corinth Gerhart Hauptmann

Corinth: Gerhart Hauptmann (Photo credit: Wikipedia)

Peter Sprengels große Biografie zum 150. Geburtstag des schlesischen Dichters

Die Skandale um die Uraufführungen seiner Stücke „Vor Sonnenaufgang“ und „Die Weber“ machten Gerhart Hauptmann zum bekanntesten deutschen Dichter – und sein Ruhm hielt an über die Zeiten, deren Repräsentant er zu sein sich bemühte, im Guten wie im Bösen. Viel gelesen wird er zwar heute nicht mehr, aber seine Werke „Bahnwärter Thiel“, „Rose Bernd“ oder „Die Weber“ sind mancherorts noch Schullektüre, und gerade seine naturalistischen Dramen erweisen sich immer noch, allen Widerständen zum Trotz, als erstaunlich gut inszenierbar. Sein mystisches Spätwerk hingegen ist nur noch von literaturhistorischem Interesse, Gerhart Hauptmann selbst ist, als Dichterpersönlichkeit, in der Versenkung verschwunden, in Erinnerung vieler nur noch in der Figur des spleenigen „Mynheer Peeperkorn“ in Thomas Manns „Zauberberg“, eine Fassadengestalt ohne hinreichend konkretisierte Substanz.

Ein Zug zum Maskenhaften, so konstatiert sein Biograf Peter Sprengel, lässt sich auf breiter Basis in Hauptmanns Leben und den Zeugnissen über seine Person wiederfinden. Er inszenierte sich als Seher, Priester und neuer Klassiker, Stellvertreter Goethes auf Erden, hierin Thomas Mann und Stefan George nicht unähnlich, ein selbsternannter Mönch, allerdings mit weltlichem, großbürgerlichem Lebensstil. In seinem Arbeitszimmer hatte er etliche Totenmasken aufgehängt und notierte, was die Toten ihm sagten. Als er 1946 starb, ließ er sich in einer Franziskanerkutte auf Hiddensee beerdigen, und zwar „vor Sonnenaufgang“ und mit seiner Dichtung „Der große Traum“. Als sein Leichnam per Sonderzug aus dem inzwischen polnischen Schlesien zu seiner letzten Ruhestätte auf der Insel überführt wurde, fand dies sogar unter offizieller Beteiligung führender SED-Politiker statt, die aus dem nicht nur zuletzt deutschnational gesonnenen Schriftsteller einen Kämpfer für die sozialistische Sache zu machen versuchten.

Zum 150. Geburtstag des Dichters ist nun die vorliegende Biografie von Peter Sprengel erschienen, der an der FU Berlin Neuere deutsche Literatur lehrt und als einer der besten Kenner der Literatur der frühen Moderne zwischen 1871 und 1918 gilt. Im Jahre 2009 hat er mit seiner Studie „Der Dichter stand auf hoher Küste – Gerhart Hauptmann im Dritten Reich“ aufgezeigt, dass Hauptmann Deutschlands Wiederaufstieg zur Weltmacht unter Hitler begrüßte und auch zur Zusammenarbeit mit den NS-Machthabern bereit war. Die jetzt erschienene Biografie des Berliner Literaturhistorikers ist die ausführlichste Monografie, die je über Hauptmann geschrieben wurde, und speist sich konsequent aus Originalquellen. Sie erzählt die Erfolgsgeschichte des Sohn eines Gastwirts aus dem schlesischen Salzbrunn, der dort am 15. November 1862 geboren wurde, später auszog, um zunächst Monumentalbildhauer zu werden, dann als größter Dramatiker des Naturalismus eine beispiellose Karriere machte und 1912 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Gerhart Hauptmann, so Sprengel, kann als eine Schlüsselfigur des literarischen Lebens um 1900 angesehen werden. Er ist für ihn einer der ganz entscheidenden Bahnbrecher der literarischen Moderne um 1900. Hauptmann ist nicht der einzige, aber einer der wichtigsten Autoren für diesen Aufbruch, ohne den die Entwicklung der modernen Literatur bis hin zu Franz Kafka gar nicht vorstellbar wäre.

Dennoch ist Hauptmann in der Biographie Sprengels kein Mann zum Anfassen oder Mitfühlen: Ein gescheiterte Schüler aus der schlesischen Provinz, der mit dreißig Jahren die Theater der Hauptstadt eroberte und als Siebzigjähriger von drei Staatspräsidenten empfangen wurde. Es ist eine Story weitgehend ohne Moral, die sich auf einer reichen Heirat gründet – und belastet ist mit schweren politischen Fehlern. Er ist seiner Autorität, die er als Schriftsteller zweifelsfrei genoss, in moralischer Hinsicht nicht gerecht geworden, weder 1914 noch in den Jahren nach 1933. „Ich sage ja“: Diese Worte, mit denen Gerhart Hauptmann 1933 den von Hitler ins Werk gesetzten Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund begleitete, könnten auch als sein Lebensmotto gelten. Den Kriegsbeginn 1914 begleitete er mit Zustimmung, der Weimarer Republik erteilte er sofort seine Unterstützung, so dass Thomas Mann ihn zum „ungekrönten König der Republik“ ernannte. Die Machtergreifung“ der Nazis, den Überfall auf Polen 1938 und den Einmarsch nach Frankreich ein Jahr später begrüßte er ebenso wie nach dem Zusammenbruch das sich bildende Sowjet-System in seiner schlesischen Heimat.

Trotz seiner politischen Verirrungen war Hauptmanns Lebens von früh an durch einen moralischen Idealismus und den utopischen Traum von einer besseren Welt geprägt, den er nicht zuletzt in seinen leidenschaftlichen Liebesaffären zu realisieren versuchte und der sich in seinen zahlreichen lyrischen und epischen Werken gespiegelt hat. In Sprengels Biografie kommt deren lebensgeschichtlicher Ort ebenso zur Sprache wie die biografischen Hintergründe und Voraussetzungen seines dramatischen Gesamtwerks. So wurde die Aufführung der ,Weber‘ verboten, weil damit sozialdemokratische Propaganda gemacht würde. Aber das war ein Missverständnis, so Sprengel. Hauptmann war kein politischer Kopf, er sagte vielmehr, das Mitleid habe ihm die Feder geführt, als er das Drama geschrieben hat. Es ging ihm vor allem um das künstlerische Experiment in diesem Werk. Hauptmann sei dann noch aktuell, wenn es gelinge, die historische Perspektive auf ihn zu überwinden, so der Berliner Literaturhistoriker.

Die neue Lebensbeschreibung von Peter Sprengel löst sich von alten Paradigmen der Hauptmann-Biografik, die sich gerne an die Mythen anschloss, die Hauptmann selber in seinen autobiografischen Werken gestiftet hat. Sie führt zu zahlreichen Korrekturen und neuen Erkenntnissen im Detail, und nicht zuletzt zu einem tieferen Verständnis der Persönlichkeit Gerhart Hauptmanns. Peter Sprengel hat eine maßgebliche Biografie geschrieben.

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien am 12. November 2012 auf literaturkritik.de, am 14. November 2012 in der Kölnischen Rundschau, Bonner Rundschau und im General-Anzeiger Bonn.

Peter Sprengel: Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum. Eine Biographie.
Verlag C. H. Beck, München 2012.
848 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783406640452

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Peter Sprengel: Der Dichter stand auf hoher Küste. Gerhart Hauptmann im Dritten Reich.
Propyläen Verlag, Berlin 2009.
400 Seiten, 24,90 EUR. ISBN-13: 9783549073117

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Ein Kollektivwesen namens Goethe

Goethes Wohnhaus Am Frauenplan, Weimar / Foto: Bettina Johl

Die neue Dauerausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ im Goethe-Nationalmuseum Weimar

Keine Frage: Goethes Lebendigkeit, seine Aktualität und Anziehungskraft sind ungebrochen. Jährlich besichtigen rund 160 000 Besucher aus aller Welt die Orte seines Wirkens in Weimar. Zu seinem 263. Geburtstag am 28. August dieses Jahres feierte die Klassik Stiftung Weimar die Wiedereröffnung des Goethe-Nationalmuseums am Frauenplan mit der neuen Ausstellung »Lebensfluten – Tatensturm«; sie veranschaulicht das anhaltende Faszinosum Goethe, erklärt sein Fortwirken, in dem sie ihn als Zeugen der um 1800 einsetzenden Moderne präsentiert und Leben und Werk in zeitgenössischen Kontexten zeigt.

In elf Räumen wird die Vielschichtigkeit von Goethes Wirken über das rein literarische Schaffen hinaus verdeutlicht – von seiner politischen Funktion als Staatsmann, seinem zeichnerischen Werk bis hin zu seinen botanischen Studien. Der Titel der neuen Schau ist dem Auftritt des Erdgeistes in der Nachtszene des Faust I entnommen: »In Lebensfluten, im Tatensturm / Wall‘ ich auf und ab, / Webe hin und her! / Geburt und Grab, / Ein ewiges Meer, / Ein wechselnd Weben, / Ein glühend Leben, / So schaff‘ ich am sausenden Webstuhl der Zeit / Und webe der Gottheit lebendiges Kleid«.

Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, Präsident der Klassik-Stiftung, zählt auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb , er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern,  Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Die neue Konzeption der Ausstellung, deren Bestand auf zehn Jahre angelegt ist, soll sowohl das Interesse von Besuchern befriedigen, die Goethe neu für sich entdecken wollen, wie auch das von Studienräten und Experten, so Holler. Auf 800 Quadratmetern Fläche und in den thematischen Abschnitten Genie, Gewalt, Welt, Liebe, Natur, Erinnerung und Kunst, die zentrale Gedankenräume Goethes zusammenfassen, sowie der „Faust-Galerie“ werden die Besucher in einer „Zeitbrechung“  in die Vergangenheit und wieder in die Gegenwart zurückgeführt, um Goethes Erfahrungen und Ansichten auf ihre Gegenwartsrelevanz zu prüfen, so der intendierte „kulturanthropologische Ansatz“ der Ausstellung. Auf der „Faust“-Galerie, die ein verbindendes Element der thematischen Räume ist, kann die Großdichtung nach Stichworten durchsucht werden, entsprechende Zitate werden auf Leuchtbändern sichtbar. Die Ausstellung inszeniert, so Seemann,  die „Persönlichkeit“ Goethes wie ein sich stetig vergrößerndes Netz, das durch die Epoche der ›Sattelzeit‹ vor und nach 1800 gezogen wurde, als die Grundlagen und die Antagonismen der Moderne sichtbar wurden.

Goethes Reisemantel / Foto: Bettina Johl

Die über 500 Exponate sind Dokumente von Goethes Hand, Objekte aus seiner naturkundlichen Sammlung und Werke der Kunst wie die Federzeichnung »Genius des Ruhms« von Johann Heinrich Meyer und der »Juno Ludovisi«, aber auch Alltägliches aus Goethes Leben – von seiner Hofuniform,  über seinen Reisepass nach Rom bis hin zu seinem auf Reisen benutzten Schreibzeug, den Handschuhen von Ulrike von Levetzow, seiner letzten Liebe. Die Ausstellung ergänzt somit den atmosphärischen Eindruck des Wohnhauses auf eindrucksvolle Weise. Wer einmal in Weimar war, wird wiederkehren. Denn wir können dort auch etwas über uns selbst lernen, wenn wir es denn wollen. Am 17. Februar 1832, einen Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch mit Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht?  … mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Dieter Kaltwasser

Zur Ausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ ist ein Begleitbuch mit Beiträgen der Kuratoren sowie u.a. von Herbert Grönemeyer, Durs Grünbein, Michael Jaeger, Harald Lesch und Rafik Schami erschienen (288 Seiten, 162 Abbildungen, 14,90 Euro).

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