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Hesse antwortet der Facebook-Generation

Foto Bettina Johl

Ein kleiner Wegweiser durch die Neuerscheinungen zum 50. Todestag Hermann Hesses

Seit Beginn des Vietnamkriegs in den sechziger-Jahren entdeckte eine wachsende Zahl junger Amerikaner Hermann Hesse für sich, eine immer stärker opponierende Jugend, die es unter dem Hippie-Motto „Make Love Not War“ schließlich erreichte, dass 1973 in den USA die Wehrpflicht abgeschafft wurde. Die Jugendrevolte schwappte nach Europa über. Einer der Häuptlinge dieser Rebellion war Hermann Hesse, der am 9. August 1962 im Alter von 85 Jahren in Montagnola gestorben war. Seit dieser Hesse-Renaissance ist die Begeisterung für den Schriftsteller, der am 2. Juli 1877 im schwäbischen Calw als Sohn eines Missionarsehepaars geboren wurde, international ungebrochen; Hesse ist mit seinen insgesamt 40 Titeln, die inzwischen weltweit in 125 Millionen Exemplaren verbreitet sind, einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Daran änderten auch gelegentliche Attacken seitens der deutschen Literaturkritik nichts, die Hesse Provinzialität, Kitsch und  Sentimentalität vorwarfen, vom „wackeren Steppenwolf“ oder „literarischen Gartenzwerg“ schrieben. Er selber reagierte zumeist gelassen auf solche Angriffe, er kannte sie in vielerlei Variationen, solange er lebte.

Zum diesjährigen Hesse-Jubiläum sind zahlreiche Bücher erschienen, die sich Leben und Werk des Schriftstellers widmen, darunter eine Biographie von Heimo Schwilk, der erst vor wenigen Jahren ein vorzügliches Jünger-Buch vorgelegt hat. Der Biograph setzt seine Lebensbeschreibung Hesses mit dessen Flucht aus dem Kloster Maulbronn im Jahre 1892 ein, vom Großvater ironisch kurz „Geniereisle“ genannt. Der Seminarist hatte es dort lediglich sieben Monate ausgehalten, in seiner Erzählung „Unterm Rad“ von 1906 schildert er die „schwarze Pädagogik“, der er selbst aber dort vermutlich gar nicht so sehr ausgeliefert war. Vielmehr litt er unter der Enge des vorbestimmten Lebensweges, zu dem er keinerlei innere Neigung verspürte. Schwilk zeichnet insgesamt ein Hesse-Porträt, das sich am besten unter der Doppelbegrifflichkeit „Dichten und Dienen“ fassen lässt. Sie weist auf die pietistische Erziehung im Elternhaus gepaart mit Weltoffenheiten durch die Missionsarbeit der Eltern in Indien hin. Hesse, so Schwilk, lehre uns, dass die Menschen jenseits aller Ideologien sich nur einer tragfähigen Bindung versichern können: der Treue zu sich selbst. Dies halte sich in Hesses Werk durch, beginnend mit seinem „Hermann Lauscher“, sich fortsetzend im „Steppenwolf“ und „Siddhartha“ bis hin zum späten „Glasperlenspiel“. Heimo Schwilk zeigt sich hierbei als profunder Hesse-Kenner, der vor allem durch sein erzählerisches Vermögen überzeugt.

Dem pietistischen Ethos des Schriftstellers ist wohl das Büchlein „Hermann Hesse antwortet… auf Facebook“ geschuldet, das der Suhrkamp Verlag als  hochdosiertes Vademecum für Hesse-Fans veröffentlicht hat. Ob Hermann Hesse, hätte es Facebook zu seiner Zeit schon gegeben, über dieses Medium seinen Lesern geantwortet hätte, wissen wir nicht. Die Idee seines Verlages jedoch hat unbestritten viel Resonanz gefunden. Viele Leser, alte und junge, haben auf Facebook ihre Fragen und Kommentare „geposted“. So ist ein gelungenes Bändchen mit interessanten Fragen an und Antworten von Hermann Hesse entstanden, das die Redaktion des Verlages aus seinen Texten zusammengestellt hat. Eine Fundgrube für jeden, auch den, der Hesse noch nicht kennt.

Für jüngere Leser und Erstleser ist wohl auch Udo Lindenbergs „Mein Hermann Hesse“ konzipiert. Gemeinsam mit dem Hesse-Experten Herbert Schnierle-Lutz hat er ein sehr persönliches Hesse-Lesebuch zusammengestellt, eine Auswahl aus Prosatexten, Gedichten, Gedanken und Briefen, die den berühmten Chef-Paniker geprägt haben und ihm sehr viel bedeuten. Im eigens verfassten Vorwort schreibt er: „Wie Hermann Hesse von klein auf seinen ganz eigenen Weg gegangen ist, trotz aller Schwierigkeiten, die ihm das brachte, das hat mich früh beeindruckt und beeinflusst auf meinem eigenen Lebensweg.“

Wie früh Hermann Hesse begann, sich den Plänen seiner  Eltern zu widersetzen, davon zeugen die nahezu 300 Jugendbriefe in der  Sammlung „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen“, die Volker Michels herausgegeben hat. Für die theologische Laufbahn bestimmt, floh der Missionarssohn bereits nach kurzer Zeit aus dem Evangelischen Seminar in Maulbronn, versuchte später, sich das Leben zu nehmen und landete in einer Anstalt für „Schwachsinnige und Epileptische“. In Calw warnte man einst die Kinder davor, nicht so zu enden wie Hermann Hesse. An einen Schulfreund aus Maulbronn schreibt der Fünfzehnjährige: „Ich habe gelernt über alles zu spotten, über Gott und Menschheit und Glauben und Liebe und Hoffnung und Tugend und Laster und Ideale und Haß, kurz über alles, was „Empfindung“ oder Glaube ist.“ In einem für das Verständnis von Leben und Werk Hesses äußerst wichtigen Brief vom September 1892 – aus der Nervenheilanstalt Stetten an seine Eltern gerichtet – heißt es: »Meine letzte Kraft will ich aufwenden, zu zeigen, daß ich nicht die Maschine bin, die man nur aufzuziehen braucht. … Im Übrigen bin ich zwischen den vier Mauern mein Herr, ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.«  Hesse rebelliert, verlangt nach seiner Freiheit, will seine Individualität leben. Die Jugendbriefe dokumentieren den dramatischen Werdegang und Hindernislauf  eines begabten jungen Mannes, dem seit seinem 13. Lebensjahr klar war, dass er „entweder  ein Dichter oder gar nichts“ werden wollte.

Gunnar Decker ist ein Hesse-Forscher der jüngeren Generation. Mit langem Atem führ er uns durch Leben und Werk Hesses vor dem Hintergrund der epochalen Zeitenwenden, in die sie hineingestellt waren. Geht Heimo Schwilk von der Doppelbegrifflichkeit „Dienen und Dichten aus“,  so nutzt Gunnar Decker das Motiv des Doppelgängers, dem er bei Hesse nachspürt, wie es sich in „Klein und Wagner“, „Narziss und Goldmund“ und im „Demian“ wiederfindet. „Mit dem Doppelgängermotiv“, so Decker, „das seine innere Zerrissenheit spiegelt, antwortet Hesse auf die Verwerfungen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.“ Das meint auch der Untertitel dieser Biographie, „Der Wanderer und sein Schatten“, ein Wort Nietzsches aus „Menschliches, Allzumenschliches“. Der Doppelgänger weicht nicht von Hesses Seite, es ist der Dämon der Zerstörung, auch der Selbstzerstörung, er muss in einem lebenslangen Kampf in jedem schöpferischen Akt neu überwunden werden. Deckers fulminante und voluminöse Lebens- und Werkdeutung ist die  vielleicht eindrucksvollste Neuerscheinung im Hesse-Jahr.

Den privaten Hermann Hesse lernen wir in Bärbel Reetz „Hesse und die Frauen“ kennen. Hesse war dreimal verheiratet, die zweite Ehe mit Ruth Wenger hat er weitgehend verschwiegen. Sein erster Biograph Hugo Ball hat sie 1927 auf Weisung Hesses einfach „unterschlagen“. Seine erste Ehefrau, Maria Bernoulli, lernte der junge Dichter 1902 in Basel kennen. Sie war elf Jahre älter als Hesse. Mia war während ihrer Ehe – drei Söhne wurden geboren – weitgehend auf sich allein gestellt. Hesse entzog sich immer wieder durch Kuren, Reisen, Klinikaufenthalte und die beginnende Psychoanalyse bei J.B. Lang und später bei C.G. Jung. In der dreijährigen Ehe-Episode mit der elf Jahre jüngeren Ruth Wenger wurde kein gemeinsamer Hausstand geführt, ein Familienleben auf Koffern, im Jahr der Scheidung erschien „Der Steppenwolf“. Die dritte Ehe mit Ninon Ausländer, die dem Dichter bereits als junges Mädchen Briefe schrieb, hielt bis zum Tod Hesses, allerdings unter weitgehender Selbstaufgabe und Unterordnung Ninons.

Interessant ist hierbei, dass Hesses Frauen sämtlich bei aller Aufopferung und alle Zurückstehen-Müssens dennoch äußerlich und innerlich Wege fanden, ein eigenes Leben zu führen, ebenso, dass Hesse auch zu seinen früheren Frauen – mit Unterbrechungen bei Ruth, deren zweiter Ehemann, der Schauspieler Erich Haußmann vorübergehend dem Nationalsozialismus zugeneigt war – bis zuletzt freundschaftliche Verbindungen unterhielt. Er selbst bezeichnete sich als für Freundschaften sehr viel besser geeignet als für Liebesbeziehungen, mit deren natürlicher Forderung nach Nähe er, der Distanz als wichtige und notwendige Voraussetzung für seine Schaffenskraft sah, zu allen Zeiten seine Schwierigkeiten hatte. Alle seine Frauen hatten vor dem Hintergrund ihrer Zeit ungewöhnliche Biografien. Insbesondere Mias weitere Vita, im Laufe derer sie sich entschlossen aus ihrer oft – wie wir heute wissen: fälschlich – als Geisteskrankheit diagnostizierten depressiven Erschöpfung herausarbeitete, mit ungebrochener Energie mehrmals neue Anfänge wagte und – von Hesse zuletzt hoch geachtet und geschätzt – ein hohes, erfülltes Alter erreichte, nötigt Bewunderung ab. Fotografien der betagten Mia Hesse zeigen eine Frau von großer Ausstrahlung, welche ihr ungeachtet ihres hohen Lebensalters geradezu  Schönheit verleiht.

Diese erste Biographie über die drei Ehefrauen Hesses wirft auch neue Facetten auf seine Persönlichkeit und relativiert die Legende des weisen Alten vom Berge.

Diese wird vor allem durch Bilder genährt, die wir vom alten Hermann Hesse in seinem Garten in Montagnola kennen. Volker Michels hat einen wunderschönen Insel-Band mit Betrachtungen, Briefen und Gedichten Hesses zum Thema „Freude am Garten“ neu zusammengestellt. Es sind Kontemplationen und Meditationen, die dem abstrusen Weltlauf die Ruhe der Seele entgegenhalten, Annäherungen an das Glasperlenspiel.

Zuletzt sei noch auf einen literarischen Reiseführer „Mit Hesse von Ort zu Ort“ hingewiesen, den Wilfried Setzler in bereits bewährter Manier verfasst hat. Wie kaum ein anderer Autor blieb Hesse der Heimat seiner Kindheit und Jugend verbunden. Obwohl er mehr als die Hälfte seines Lebens, von 1919 bis 1962 in Montagnola verbracht hat, durchziehen die in Basel, Calw, Gaienhofen, Göppingen, Maulbronn oder Tübingen gewonnenen Erfahrungen sein Werk. Setzler hat einen schwäbisch-alemannischen Cicerone geschrieben, der zum Reisen und Wandern einlädt, jedoch auch zu Hause als biographische Erzählung gelesen werden darf.

Autoren: Bettina Johl und Dieter Kaltwasser

(Der Beitrag erschien in einer gekürzten Fassung am 7. August 2012 im General-Anzeiger Bonn sowie am 25.10.2012, 9.05 Uhr bzw.
15.05 Uhr MEZ in einer Radiosendung von CKCU Literary News Ottawa, Campus-Radio der Carleton-University Ottawa.)

Zum Podcast von CKCU Ottawa:

Podcast Hermann-Hesse-Radiosendung von CKCU-Literary News, Carleton-University Ottawa

Weiterer Artikel zu Hermann Hesse:

Hermann Hesse und ich (Bettina Johl)

Besprochene Literatur:

Gunnar Decker: Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten, Hanser Verlag, München 2012, 704 Seiten, 26,00 EUR, ISBN: 9783446238794

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Hermann Hesse. Freude am Garten. Herausgegeben von Volker Michels, Insel Verlag, Berlin 2012, 239 Seiten, 17,95 EUR, ISBN: 9783458175452

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Hermann Hesse antwortet … auf Facebook, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 95 Seiten, 5,00 EUR, ISBN: 9783518463765

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Hermann Hesse: „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!“, Briefe 1881-1904. Herausgegeben von Volker Michels, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 661 Seiten, 39,95 €, ISBN: 97835184230097

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Mein Hermann Hesse – Ein Lesebuch. Zusammengestellt von Udo Lindenberg und Herbert Schnierle-Lutz, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 288 Seiten, 3,99 €, ISBN: 9783518460177

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Bärbel Reetz: Hesses Frauen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 426 Seiten, 16,99 EUR, ISBN: 9783458358244

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Wilfred Setzler: Mit Hermann Hesse von Ort zu Ort, Tübingen 2012, 216 Seiten, 19,90 EUR, ISBN: 9783842511651

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Heimo Schwilk: Hermann Hesse – Das Leben des Glasperlenspielers, Piper Verlag, München 2012, 432 Seiten, 22,99 EUR, ISBN: 9783492053020

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Ein Kommentar

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Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe)

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I


Nur Einen Sommer gönnt, Ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Friedrich Hölderlin

(An die Parzen)

 

*

Mancher Sommer will im Winter begonnen sein. Ihr werdet nicht gefragt.

Ungewöhnlich: Die Stadt, die du dein Leben lang kennst, die sich jedoch in all jenen Jahren selten so winterlich zeigte, präsentiert sich heute nun im weißen Schneegewand, so dass sie dir beinahe fremd erscheinen will. Aber so soll es ja sein. Schließlich bist du erstmals zu Gast in ihr, siehst sie so zum ersten Mal mit den Augen einer Außenstehenden, einer Fremden. Es gilt, aus dem Kreis der mit ihr Vertrauten heraustreten und sich von der anderen Seite anzunähern, um zum Wesentlichen vorzudringen, anders geht es nicht.

Es ist deine Stadt, wie auch die eures Dichters, auf dessen Spuren ihr euch begeben wollt. Die Stadt, in der du – wie jener – geboren bist, nahezu an derselben Stelle, aber dies ist weder dein Verdienst, noch dass es sich hierbei um einen besonderen Umstand handelt. Jener Platz findet sich nahezu malerisch gelegen, von steilen Weinbergterrassen überragt am jenseitigen Ufer des Flüsschens Zaber, das dort seine wenigen letzten Meter zurücklegt, bevor es sich hinter der Alten Ölmühle mit dem Neckar vereinigt. „Dörfle“ nannte sich diese Ansiedlung von alters her, schlicht und liebevoll, unter Verwendung der schwäbischen Verkleinerungsform, in Unterscheidung zu den beiden bedeutenderen Ortsteilen „Städtle“ und „Dorf“. Dort begann alles – für ihn wie für dich – auf dem Areal eines alten Klosteramtshofes mit wechselvoller Geschichte. Dasselbe Gebäude war es natürlich nicht, jenes fiel in früheren Tagen, zahlreicher Proteste von Dichterfreunden ungeachtet, dem Abriss anheim. Es fand zwischen den Weltkriegen einen Nachfolgebau, ein Jagdhaus, welches nicht lange erhalten blieb, bis man in jüngerer Zeit an dessen Stelle ein Krankenhaus errichtete, das allerdings auch längst nicht mehr steht, heute findet sich dort ein modernes Seniorenheim. Das alte Krankenhaus, in dem zu der Zeit, als es dort noch eine Entbindungsstation gab, außer dir selbst noch weit mehr Kinder der Stadt das Licht der Welt erblickt hatten. Nichts also, worauf sich etwas einzubilden wäre. Das gemeinsame Schicksal, dass man euer jeweiliges Geburtshaus dem Erdboden gleichmachte, auch das tragt ihr zu mehreren.

Du bist hier aufgewachsen, anders als er, der Dichter, der die Stadt der Chronik zufolge bereits in frühen Kindertagen verließ, keine Schule hier besuchte. „Ach! wäre ich nie in eure Schulen gegangen…“, wirst du in seinem „Hyperion“ lesen und es auf deine Weise nachvollziehen können. Die meisten Schulen der Stadt tragen bis heute den Namen des Dichters. Wirklich nahegebracht wurde er euch dort nie. Euch, ihren Kindern, die ihr hier aufgewachsen seid, als sei der Ort ein beliebiger, austauschbar mit jedem anderen. Der Dichter, das lag schon so lange zurück, weit weg, in einer Zeit, zu der euch und wohl auch vielen eurer Lehrer Zugang und Vorstellungskraft fehlten, und ihr glaubtet nicht, dass er euch etwas zu sagen haben könnte.

Du selbst warst stets gespalten, er schien dir fremd und doch fühltest du dich auf magische Weise von ihm angezogen. Der Weg zum Krankenhaus, den du in den Jahren des Heranwachsens noch öfter beklommen antreten musstest, um Blessuren aller Art behandeln zu lassen, die man sich im Schulalter bei Stürzen von Fahrrädern oder auch Pferden hin und wieder zuzuziehen pflegt, er führte durch einen kleinen Park. In diesem findet sich noch heute des Dichters Denkmal, ein Bronzerelief über einer Steintafel, eingefasst von einer in Form eines halben Sechsecks angelegten, von dichtem Buschwerk überragten Sandsteinmauer und du hast einen Abstecher dorthin nie versäumt. Wohl auch stets, um Zeit zu gewinnen und möglicherweise, bei deinem augenscheinlich angeborenen Horror vor weißen Arztkitteln, insgeheim deinen Dichter stumm um Beistand zu ersuchen. Ob er hierfür der Richtige war? Du konntest es beim besten Willen nicht feststellen, auch mit der größten Einbildungskraft – und die hattest du! – war ihm nicht der geringste Ansatz eines Augenzwinkerns abzulocken. Seine Augen blickten stets verträumt in die Ferne, er schien entrückt, weit weg, nicht von dieser Welt. Aber gerade dies schien dir seltsam vertraut, ließ ihn dir auf eigenartige Weise sehr nahe sein.

Nun bist du also wieder hier – und in Kürze wird sich ein Freund der Dichter und Philosophen einfinden, der diese Stätte noch nie betreten hat. Welcher nicht – wie du – vom Neckar stammt, jenem Fluss, der zwar durchaus seine Eigenwilligkeiten aufweist, auch dann und wann über seine Ufer tritt, aber doch immer wieder in sein Flussbett – und damit in seine ihm gesetzten Grenzen – zurückfindet. Stattdessen vom „erhabenen Rheine“, wie ihr diesen augenzwinkernd nennt, und somit, wie es sich wohl in diesem Falle gehört, in anderen Dimensionen denkend unterwegs. Die halbe Welt hat er wohl bereist, es sei ihm gegönnt. Bedeutende Stätten der Literatur, wie Goethes und Schillers Weimar, kennt er wie seine Westentasche. Darum allerdings beneidest du ihn. An diesem Ort jedoch war er nie. Das ist deine letzte Trumpfkarte, die du aus dem Ärmel ziehen kannst. Manch einer muss mit den paar Pfunden wuchern, die er hat. So auch du.

Welcher Ort würde sich besser eignen, sich zu eurem Dichter auf den Weg zu machen? Zu ihm, der nur von wenigen Menschen seiner Zeit verstanden wurde, der nun aber gerade euch in den letzten Tagen immer wieder überraschend begegnete, euch begleitete, euch zunehmend mehr zu sagen hatte? Neugierig wie ihr seid, findet ihr euch nun ein in der winterlich verschneiten Stadt, um mit neuen Augen hinzusehen und mit anderen Ohren hinzuhören.

 

 

II

 

„Wir sind nichts; was wir suchen ist alles.“

Friedrich Hölderlin

(Aus: Hyperion, Thalia-Fragment)

 

*

Werdet ihr hier finden, wonach ihr sucht? Ihr, die ihr als Liebende hierher fandet, Liebende mit ungewöhnlicher Geschichte, welche nun auch – so glaubt ihr natürlich, unverbesserlich Literaturverrückte, ihr! – eines außergewöhnlichen Rahmens bedarf? Der Dichter, Vorwand nur? Oder fühltet ihr, dass er tatsächlich etwas mit euch zu tun haben könnte, so dass ihr seinem Ruf gefolgt seid?

Ein kleines Hotel, gepflegt, schöne Zimmer. Eine regelrechte Winterhöhle, um sich darin für gewisse Zeit zu vergraben und für niemanden zu sprechen zu sein. Blick aus dem Fenster über den Kanal auf die verschneite Vogelinsel – unbetretbares Naturschutzgebiet, seit du zurückdenken kannst. Darauf die alte, trutzige Rathausburg, dahinter der eigentliche Fluss, und an dessen gegenüberliegendem Ufer, auf dem Kirchberg, gestützt von imposantem Mauerwerk, die alles überragende, viele Jahrhunderte alte Kirche, die den Namen einer mittelalterlichen Ortsheiligen trägt. Diese sei, so will es die Legende wissen, im frühen Kindesalter von ihrer Amme ermordet und in den Fluss geworfen worden, angeblich aus Rache, die ihren Eltern galt – immer haben die Kinder im wahrsten Sinne alles auszubaden! Fischer zogen sie jedoch drei Tage später – für eine Wasserleiche eher unüblich – mit blühend rosigen Wangen und glücklichem Lächeln aus dem Wasser. Das Ereignis sprach sich in Windeseile herum, erfuhr auf diesem Weg alle denkbaren Ausschmückungen, die Heiligenlegenden eigen sind, und sorgte über lange Zeiten für Pilgerzüge zum steinernen Sarg des wundersamen Mädchens, dessen Gebeine allerdings in den späteren Wirren kriegerischer Auseinandersetzungen im Zuge der Reformation verlorengingen. Eine schaurige Geschichte, die ihr als Kinder mit wohligem Gruseln in euch aufsogt. Ihr versäumtet es bei einem Gang über den Kirchhof nie, durch die vergitterten Fenster der Regiswindiskapelle zu spähen, um einen Blick auf den steinernen Schrein zu erhaschen, welcher bis heute erhalten ist.

Die Kirche wiederum ist es, die aufgrund ihrer Lage und ihrer imposanten Erscheinung durch ihren mächtigen, rechteckigen Turm mit geschwungener Haube und Laterne stets von weitem ins Auge fällt, aus welcher Richtung man sich auch nähern mag, und die zusammen mit der alten Bogenbrücke über den Fluss und der gegenüberliegenden Burg dem Ortsbild seine unverwechselbare Prägung verleiht.

Du wurdest, wie der Dichter, in ihr getauft und – anders als er – auch dort konfirmiert; es müssen hiervon noch schreckliche Fotos existieren. Aus der Perspektive des entgegengesetzten Ufers hast du sie seltener betrachtet, du hast immer auf der anderen Seite des Flusses gelebt. Auch dies ein Sich-Annähern aus ungewohnter Blickrichtung, was dem Ganzen einen besonderen Zauber verleiht. Der viel beschworene Anfang, dem ein Zauber innewohnt? Dies jedoch war ein anderer Dichter, einer der späteren. Auch er stammt aus der näheren Gegend, auch er steht dir nahe.

Dein Philosophenfreund hingegen, als Kenner und Verehrer des großen Goethe, begibt sich hier ebenso wie du auf neue, weniger ausgetretene Pfade, so dass ihr beide etwas davon mitnehmen könnt, wenn ihr euch darauf einlassen wollt. Und es ist euer Anfang.

 

III

 

Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr den Künstler höhnt,
Und den tieferen Geist klein und gemein versteht,
Gott vergibt es, doch stört nur
Nie den Frieden der Liebenden.

Friedrich Hölderlin

(Das Unverzeihliche)

 

*

Eine Woche nur für euch – gestohlene Tage. Die restliche Welt bleibt außen vor, hat keinen Zutritt. Das Zimmer mit Blick auf den Fluss wird für kurze Zeit zu eurer Festung. Liebende, ihr, die ihr euch bislang nur wenige Tage gesehen, kaum je berührt habt und doch scheint es euch, dass ihr euch seit Ewigkeiten kennt. Was würde euch erwarten bei dieser ersten, zweiten Begegnung nach so langer Zeit? Bange Frage. Wachsendes Lampenfieber auf beiden Seiten. Die Bahngesellschaft sorgt für Aufschub, der ICE deines Philosophenfreundes hat Verspätung, der Anschlusszug ist weg, der Zugbegleiter schlägt eine alternative Verbindung über die Landeshauptstadt vor. Und so kommt es für ihn, den vom Rhein her Angereisten, auch schon zur ersten Begegnung dieser Tage mit dem Schwäbischen:

“Was? Nach Laafa? Do wellet Se no?! Was wellet Se ‘n do? Waaas? Zum Hölderlin? Der isch do nemme! Do sottet Se besser nach Tübinga fahra, koa sei, dass er dort noch im Turm hockt und irgendwas z´sammakritzlt!“, meint jener emsige Schaffner und fügt geradezu hellseherisch hinzu: „Froaget Se amol die Leut dort, was die noch vom Hölderlin wisset! Wenn Se recht gugget, woiß do koiner mehr ebbes!“

Na, solches wollt ihr dann doch nicht hoffen! Und nach Tübingen zu fahren, plant ihr ja ohnehin diese Tage noch.

Mit solchen und weiteren köstlichen Reiseanekdoten per Mobiltelefon auf dem Laufenden gehalten – inzwischen hat dein Philosophenfreund sich glücklicherweise einen Mitreisenden aufgetan, der einst bei Heidegger studierte, was ihm bei angeregtem Austausch den Umweg in wochenendbedingt hoffnungslos überfüllten Zügen ein wenig verkürzt – fütterst du unermüdlich die hungrige Parkuhr, um dir den bahnsteignahen Parkplatz zu erhalten. Der Bäcker, bei dem du Geld wechseln willst, hat bereits geschlossen. Seit elf Uhr! Du hast vergessen, dass hier an Samstagen mittags sprichwörtlich die Gehwege hochgeklappt werden. Ebenso wie an Mittwochnachmittagen, ganz wie früher, aber du findest dies eigentlich sehr erholsam. Entschleunigung.

Versuch, ein offenes Café zu finden – Fehlanzeige! Im Zeitschriftenladen am Bahnhof gibt es zumindest einen Kaffeeautomaten. Hinter dem Tresen wirkt man unfreundlich, ohne es wirklich zu sein, es ist die Mentalität. Auch die Kunden verhalten sich zunächst mürrisch, sind jedoch sofort zu mehreren bereitwillig mit Wechselmünzen behilflich. Einige sind Reisende, warten selbst auf einen Zug, der Verspätung hat, andere auf säumige Ankommende, so wie du. Man schimpft gemeinschaftlich über die Bahngesellschaft: „Do brauchet bloß amol drei Schneeflogga falla und scho fährt koin Zug meh! Die kriege des dr Läbadag nemme gebacha!“ Solches verbindet und schafft eine die Altersgruppen übergreifende Solidarität. Du fühlst dich ihnen zugehörig, bist zuhause angekommen. Jedoch ist es im Verkaufsraum kalt und zugig, zum Aufwärmen ist dieser Ort ungeeignet und so ignorierst du schließlich die Parkuhr, die alle halbe Stunde nach Nachschub schreit, und machst dich auf den Weg in die Hauptgeschäftsstraße, die dir schneematschig-grau, leer und verlassen entgegen gähnt. Nach zehn Minuten Suche landest du schließlich bei einem türkischen Döner-Imbiss, dessen Besitzer, ein freundlicher älterer Mann, dir deine zerzauste Verfassung ansieht und erst einmal heißen Tee herbeischafft. Er verschwindet hinter der Theke, an der sichtbar alle Speisen frisch vor- und zubereitet werden und serviert wenig später vorzüglichen Pide mit Fetakäse an den Tisch, nebenbei mit heiterer Gelassenheit eine Gruppe ausgelassen lärmender Jugendlicher bändigend, die eine improvisierte Sofaecke mit Beschlag belegt hält. Die gute Stimmung steckt an. Du wärmst dich auf, kommst etwas zur Ruhe – den Tee bekommst du noch nicht einmal berechnet – und machst dich gestärkt auf den Rückweg.

Blick auf die Bahnhofsuhr – Schreck! Der Zug müsste planmäßig in fünf Minuten da sein. Es gibt eine neue Verspätungsdurchsage. Weitere fünf Minuten, um die Nervosität ins Unermessliche wachsen zu lassen. Wochenlang E-Mails ausgetauscht, heimlich telefoniert, euch diesen Augenblick herbeigesehnt, jeden Tag, jede Stunde, Minute, Sekunde darauf hingelebt, hingefiebert, doch würde die Realität dem standhalten? Ihr glaubtet von Anfang an fest daran, habt nie wirklich gezweifelt. Aber etwas befangen seid ihr doch.

Dann kommt die rote Diesellok in Sicht, sich aus südlicher Richtung nähernd. Sehr viel Bewegung auf dem engen Bahnsteig, die sich jedoch nach dem Halten des Zugs schnell wieder verlaufen hat. Und es gibt nur noch euch, ihr liegt euch in den Armen – und alles ist gut und richtig und hätte nie anders sein können.

Noch später werdet ihr oft daran denken, an die ersten Minuten, als die letzten Zweifel und Ängste sich in nichts auflösten, ihr ausgelassen wie die Kinder die Unterführung durch- und den Vorplatz überquertet, immer wieder stehenbleibend, euch vorsichtig berührend, wie um festzustellen, dass ihr wirklich seid und nicht womöglich im Begriff, euch gleich wieder in Nichts aufzulösen. Ineinander versunken, die Fahrt über die verschneite Brücke zu eurem selbst erwählten Refugium, in das ihr euch vergrabt wie die Räuber in ihre Höhle, um in Ruhe die überreich erbeuteten Schätze zu zählen – und sich zu fühlen wie Könige. Oder wie Götter.

Wie es euer Dichter sagt:

„Einmal lebt ich, wie Götter, mehr bedarf ’s nicht.“

 

© Bettina Johl

(Exklusive Leseprobe aus dem Roman „Holunderblüten“, bisher unveröffentlicht)

Ein Kommentar

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Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

In der alten Neckarschlinge mit dem ihr verbliebenen Altwasser hat sich indessen eine außergewöhnliche Vegetation herausgebildet. Die Gegend ist ein Paradies für seltenere Vogelarten, Wasservögel insbesondere. Der Wald am ehemaligen Uferprallhang ist nicht groß, ein schmaler Streifen im Grunde nur, den dein Dichter mit „den Wäldern meiner Kindheit“ nicht gemeint haben kann, da er seine weiteren Kinder- und Jugendjahre in Nürtingen verbrachte. Dorthin zog er im Alter von nur vier Jahren, nach dem frühen Tod seines Vaters, mit seiner Mutter und seinem neuen, ebenfalls sehr geschätzten und geliebten Stiefvater, der dort Bürgermeister war. Sein neuer Wohnort, an dem er alsbald auf Streifzüge ging, die ihn auch in die umliegenden Wälder führten. Es ist die Rede von einem Lieblingsplatz in der Nähe des sagenumwobenen Ulrichsteins, an den er sich gern zurückzog, allein oder manchmal auch mit seinem jüngeren Bruder Karl, um diesem vorzulesen. Orte, die du selbst nur vom Lesen und Hörensagen kennst. Dies hier ist hingegen „dein“ Wald, der „Wald deiner Kindheit“. An den du zuerst denkst, wenn du diesen Begriff hörst. Vielfältig hast du ihn durchstreift, tust es oft in nächtlichen Träumen noch und manchmal stiehlst du dich heimlich zu ihm hin. Hier lässt sich manchmal mehr Wild beobachten als irgendwo sonst, da die Tiere sich nur in wenige Winkel zurückziehen können. Häufiger als anderswo kreuzen Reh und Hase den Weg, und im letzten Frühjahr konntest du mitten auf einem grasüberwachsenen Weg zwei kleine Jungfüchse beim Spielen beobachten. Sie waren vielleicht zehn Meter entfernt und bemerkten dich lange Zeit überhaupt nicht. Du weißt es: solches Glück ist uns – wenn je im Leben – nur sehr selten beschieden.

Im März sind die Böschungen von kleinen blauen und vereinzelt auch weißen Sternen übersät: Wildwachsende Scilla – auch Blaustern genannt –, eine frühblühende Blumenart, die nicht überall zu finden ist, weil sie wohl diese besonderen Bodenverhältnisse benötigt. Für dich gehörte sie wie selbstverständlich zum Frühling. Als Kinder pflücktet ihr sie gedankenlos, schien sie euch doch so zahlreich vorhanden, aber viele Menschen kennen sie nicht, allenfalls ihre kultivierte Verwandte in Parks und Gärten, welche sich jedoch nicht annähernd mit ihr vergleichen lässt. Erst als du für längere Zeit in anderen Gegenden lebtest, merktest du zunehmend, dass etwas am Frühling seit längerem nicht stimmte, verkehrt war, dass etwas Entscheidendes fehlte. Dieses besondere Blau, welches erst ins Auge fällt, wenn dein Blick länger auf den blassen Grün-, Braun- und Grautönen der noch vom ausklingenden Winter kündenden Wiese verweilt. Im wechselnden Licht- und Schattenspiel der Frühlingssonne in den noch unbelaubten Erlen und Weiden blitzt es plötzlich hier und da vereinzelt auf, bis die Böschungen jäh von einem blau funkelnden Zauberteppich überzogen sind, der alles verwandelt. Der Märchenwald ist eröffnet, das Stück spielt nur für dich. Selbst der Gesang der Vögel klingt verändert, scheint unbekannten Traumsphären zu entsteigen. Zu Störenfrieden werden kurzzeitig andere Spaziergänger, Jogger und Radfahrer. Aber auch sie schaffen es merkwürdigerweise nicht, dir die Stimmung zu verderben. Du siehst sie vorbeihasten, freundlich grüßend oder stumm. Sie gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie sehen es nicht. Für sie ist der Wald wie immer. Auf die wenigen, die es hingegen wahrnehmen, die sich in derselben Dimension bewegen, triffst du selten. Sie suchen die Zurückgezogenheit, möchten mit all dem allein sein. Wie du.

 

(Aus: „Holunderblüten“) © Bettina Johl

 

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Ein stilles Haus am Rhein

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Immer wieder wird er Mensch geboren
Spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
Kommt uns nah und geht uns neu verloren…

Hermann Hesse (Aus: Der Heiland)

Immer wieder um diese Zeit: Zuflucht nehmen zu Dichtern, die sich dazu bekannten, Weihnachtsmuffel zu sein, wie mein geschätzter Hermann Hesse, der nach eigenen Worten die „verlogene Sentimentalität“ als unerträglich empfand, nicht ohne jedoch aus dieser Haltung heraus immer wieder den Blick auf dennoch Bleibendes zu richten: Winzige Momentaufnahmen oft nur, – Augenblicke des Innehaltens, des Auffindens so manchen Edelsteins im allgemeinen Lametta-Flimmern, – wie das empfundene Glück des Anteilhabens an der Verzauberung kleiner Kinder, deren Blick noch ungetrübt ist, die noch nicht erfasst wurden vom allgemeinen Sog des Sich-verstellen-Müssens und des Überdrusses.

Meine eigenen Rückzugsversuche, immer wieder tageweise: Ein stilles Haus in Unkel am Rhein, an einem Ort, in welchen seit einigen Wochen winterliche Ruhe Einzug gehalten hat, – vorüber die lärmende Herbstsaison weinseliger Ausflugstouristen, – die sich allerdings in diese alt-ehrwürdigen Mauern ohnehin nicht zu verirren drohen; hier ziehen sich allenfalls Geistliche zur Erholung zurück, und kleinere Gemeindegruppen treffen sich zu Exerzitien und Einkehrtagen. Mein Blick aus dem Fenster geht hinaus auf den ewigen Strom; ein Zimmer zum Rhein hin ist in diesen Tagen ohne Schwierigkeiten zu bekommen, obwohl auch die andere Seite ihre Vorzüge hat. Sie wiederum ist die ruhigere, mit Ausblick auf einen parkähnlichen Garten, von einer hohen Mauer mit schmiedeeisernem Tor gegen ein wenig befahrenes Gässchen abgeschirmt. Hier gedeihen prächtige Rosen, die auch noch jetzt im Dezember vereinzelt blühen; es gibt einen beleuchteten Brunnen, der an wärmeren Tagen für akustische Untermalung sorgt, Sitzbänke und ein kleines Kiesrondell, in dessen Mitte eine zierliche weiße Skulptur des Heiligen Jakobus uns daran gemahnt, dass wir Pilger sind. Mehrere Katzen pflegen dort herumzustreichen; eine von ihnen, mit mehr weiß als schwarz geflecktem Fell und einer lustigen Gesichtszeichnung, begrüßt mich stets nach Katzenart mit Nasenkuss, was ich mir als besondere Ehre verbuche. Ihren Namen kenne ich nicht, nenne sie seit längerem nur „die Klosterkatze“, obwohl sie, wie die Nonnenschwestern, die sie offensichtlich ins Herz geschlossen haben, mir erzählten, irgendwo in der Nachbarschaft ihr Zuhause hat. Zu bestimmten Tageszeiten findet sie sich regelmäßig ein; sie kommt einfach über die angrenzenden Dächer oder springt elegant durch die Gitterstäbe des Tors, sonnt sich an wärmeren Tagen im Rosenbeet, hierbei stets wachsamen Auges die Küchentür im Blick behaltend, – wohl wissend, dass diese sich zur gegebenen Zeit öffnen wird, um den dort versammelten schnurrenden Mäusefängern ihren Anteil an dem zukommen zu lassen, was in einer Küche so an Übrigem anfällt.

Die Seite zum Rhein ist lauter als jene zum Garten, betriebsam, – viel Schiffsverkehr auch um diese Zeit, welcher jedoch nicht stört. Der uralte Strom ist nun einmal lebendig, – dies gehört sich so für ihn -, er bietet dem Auge stets neue Bilder und erzählt seine eigenen Geschichten. Die alten Mauer zittern spürbar beim Stampfen der Motoren stromaufwärts fahrender Lastschiffe, die vom Wellengang bewegte Schiffslandebrücke unmittelbar unter dem Fenster gibt quietschende Geräusche von sich, – aber das alles muss so sein, verleiht mir das Gefühl, selbst Anteil an dieser Lebendigkeit zu haben, wie selbstverständlich in diesem großen Ganzen aufzugehen.

Das Haus mit den ehrwürdig anmutenden, hohen Räumen hingegen versetzt in eigentümliche Stimmung, – fast vermittelt es den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein: Das Knarren der hölzernen, weitläufigen Wendeltreppe, Lichtspiegelungen der bunten Glasfenster auf den Stufen, die Eingangshalle und die hohen Flure mit den mächtigen alten Möbeln und Gemälden, Schilder, die noch aus früheren Tagen stammen, bezeichnen die Räume: Speisesaal, Konveniat, Bibliothek, – ja, es gibt wahrhaftig eine Bibliothek! -, das Herzstück des Hauses, gut bestückt, keineswegs nur mit geistlicher Literatur; ein Raum, der zum ruhigen Arbeiten wie geschaffen wäre, zöge der Blick aus dem Fenster mich nicht alsbald hinaus.

Hier springe ich über meinen Schatten und genieße die Morgenstunden, die ich nirgendwo so sehr als hier schätze: Den kühlen, dieser Tage schlicht adventlich geschmückten Frühstücksraum betreten und die Stille in sich aufnehmen. Kaum Gäste sonst, Kaffee steht bereit, – von den Ordensfrauen ist keine zu sehen; die Stunde, die mir früh erscheint, ist für sie eine fortgeschrittene, – längst sind sie in der Heiligen Messe. Wer in dieser Zeit ein Anliegen hat, wartet eben, bis der Gottesdienst vorüber ist, – so ist das hier. Gedämpfter Gesang ist von der Hauskapelle im obersten Stock her zu vernehmen, ansonsten wird das Schweigen, in welches das Haus sich hüllt wie in einen schützenden Mantel, nur hin und wieder vom Viertelstundenschlag der alten Standuhr im Gemeinschaftsraum unterbrochen. In Ruhe die erste Tasse Kaffee trinken und dabei durch ein Erkerfenster auf das Siebengebirge und den Fluss schauen. Das Kreisen der Möwen beobachten, die sich spielerisch vom Wind tragen lassen, um dann wieder ihre Lieblingsplätze auf der Landebrücke einzunehmen, den majestätischen Flug der Kormorane, die sich irgendwann auf dem Wasser niederlassen, um sich auf ihre ausgedehnten Tauchgänge zu begeben, über deren lange Dauer sie uns Beobachtende stets aufs Neue zu verblüffen verstehen. Später werden sie sich auf dem Felsgestein auf Inseln im Fluss oder am Ufer niederlassen und mit ausgebreitet hängenden Flügeln ihr Gefieder trocknen, was ihnen ein drolliges Aussehen verleiht. Sie sind mir ans Herz gewachsen und haben die Anfeindungen mancher Zeitgenossen gewiss nicht verdient; die Probleme; für die sie zuweilen verantwortlich gemacht werden, sind – wie vieles – menschengemacht.

Etwas Gebietendes und zugleich  Beruhigendes hat er, der Strom, der in Wirklichkeit unbezähmbare, der uns mit seiner Urgewalt immer wieder die Grenzen unserer Möglichkeiten, unseres menschlich und technisch Machbaren aufzeigt. Wir fühlen: Es muss so sein. Die Farben an seinen Ufern sind verblasst, – Winterruhe -, dennoch wechselt er beständig sein Bild, zeigt sich mit dem dahinter liegenden Gebirge zu jeder Tageszeit in anderem Licht, – mal in trübem Grau, mal leuchtend blau, dann wieder in Rot und Gold, mit gleißender Oberfläche durch Spiegelungen von Morgen- oder Abendsonne, manchmal auch gänzlich nebelverhangen oder in Regenschleier gehüllt. Zuweilen noch zieht ein Trupp verspäteter Wildgänse in typischer Flugformation mit lauten Rufen vorüber, – selten glückliche Zufallsmomente.

Andere haben vor mir hier Zuflucht gesucht, unter ihnen Konrad Adenauer, als er zu Zeiten des Nazi-Regimes aus dem Regierungsbezirk Köln ausgewiesen war und im selben Haus Aufnahme fand. Saß er womöglich hier an diesem Platz, schaute so wie wir aus dem Fenster auf den Rhein? Es liegt nahe, aber wir wissen es nicht. Überhaupt, – was wissen wir später Geborenen, vor nichts Bedrohlicherem auf der Flucht als vor Alltags-Überdruss und gelegentlich vor uns selbst, von wirklicher Verfolgung und Exil? Nichts. Nichts – oder wenig – vom Ausgegrenzt- und Eingeschränkt-sein durch äußere Zwänge bis hin zur Bedrohung von Leib und Leben, vom Bangen und Hoffen in einer hoffnungslos anmutenden Situation mit ungewissem Ausgang. Die Zwänge, gegen die wir heute kämpfen, sind anderer Natur. Das Schwierige an ihnen ist: Nicht immer lassen sie sich klar benennen, – dennoch sind sie da und machen uns nicht wenig zu schaffen. Sie kommen aus größtenteils unerforschten Regionen, – aus unserem eigenen Inneren. Der Kampf, den wir gegen sie zu führen versuchen, gerät uns manchmal zum Kampf gegen uns selbst.

Als wenn es diesem Ort bestimmt wäre, die These zu untermauern, dass sich Dynamik aus der Wechselwirkung von Gegensätzlichem ergibt, verbrachte auch Willy Brandt seine letzten Lebensjahre ganz in der Nähe. Adenauer und Brandt, – Persönlichkeiten, wie sie sich unterschiedlicher nicht denken ließen, – und doch verbindet sie, dass sie große Staatsmänner waren, herausragende Politiker, die sich in keinen Rahmen, kein Muster pressen ließen, die den Mut hatten, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, – mit großen Visionen, derer viele sich über ihre Lebenszeit hinaus als tragfähig erwiesen.

Wand an Wand steht das Haus Freiligraths, des großen Dichters des Vormärz, welcher hier sein Leben als freier Schriftsteller begründet haben soll. Manchmal ertappe ich mich beim nächtlichen Lauschen auf dem kleinen Balkon, – im Lärm der Schiffe genügt nur ein wenig Phantasie, um sich im Nebenhaus Stimmen aus Unterhaltungen längst vergangener Zeiten einzubilden. Große Namen, die hier verkehrten: Levin Schücking, Annette von Droste-Hülshoff,  Johanna und Adele Schopenhauer, vielleicht auch Goethe. Ihnen mag sich kein sehr viel anderes Bild als heute geboten haben, wenn man sich die Straßen und die Bahnlinie wegdenkt, – der Strom ist hier wenig gezähmt und trotz aller Bewegung und Lebendigkeit immer derselbe, – der uralte, ewiggleiche, der noch fließen wird, wenn sich unserer längst niemand mehr erinnert, – noch weniger unserer Vorhaben und Projekte, von denen zu unseren Lebzeiten für uns so vieles abhängen will. Diese Erkenntnis erschreckt – und hat zugleich doch wieder etwas Beruhigendes, denn wohl sehen wir vor diesem Hintergrund die Bedeutung unserer Anliegen verblassen,  aber gleichermaßen sehen wir auch deren Bedrohungen ins Nichtige und Kümmerliche zusammenschrumpfen. Dies wäre eigentlich ein Grund zu heiterer Gelassenheit, welche auch den Ordensschwestern hier eigen ist. Aus dem fernen Indien hat es sie hierher verschlagen, – heute hier, in ein paar Jahren vielleicht wieder ganz woanders im Einsatz, – was tut es? Gott, – nennen wir ihn so, in tiefem Respekt vor diesem Ort -, ist überall und kann überall Menschen für seine Sache brauchen; so viel ist sicher, – unabhängig davon, in welcher Gestalt er sich den Menschen, welchen Glaubens und wo auch immer, offenbaren mag.
Frieden ist ein Bedürfnis, welches viele Menschen aller Religionen teilen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine Botschaft des Friedens. Sie stößt auf viele fromme, – leider auch auf noch mehr taube Ohren. Und sie geht schnell flüchtig, wo sie nicht sorgsam bewahrt wird. „Das Licht scheint in der Finsternis, doch die Finsternis hat’s nicht ergriffen“, wusste der Prophet Jesaja bereits in alttestamentarischen Zeiten vorauszusagen. „Kommt uns nah und geht uns neu verloren“, sagt unser Dichter Hermann Hesse viele Jahrhunderte später. Er bringt unser Dilemma auf den Punkt. Das Verlorengehen bereits vorweggenommen im Nahe-kommen, Sich-Annähern, – vielleicht ist es dieses Wissen, das es uns so schwer macht, der Botschaft Glauben zu schenken? Nichts festhalten können! Aber was wäre die Alternative? Sie deshalb gar nicht mehr an uns heranzulassen? Aus Angst vor der Flüchtigkeit, dem Wieder-verloren-gehen, ihr den Zugang verweigern? Uns ihr verschließen? – Es wäre schlimm, – wir ahnen es! Und genau deshalb geht es nicht.

„Wir machen dieses Fest nicht“, hörte ich vor Jahren einmal den Pfarrer meines damaligen Wohnortes in der Christmette sagen, „wir sind Eingeladene.“ – Im Erinnern denke ich, es könnte etwas dran sein.

Bettina Johl

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„In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen“ – Über Karoline von Günderrode­

Karoline von Günderrode Anonymous Painter, cir...

Karoline von Günderrode

Über sie schreiben bedeutet zunächst, innere Bedenken über Bord zu werfen und das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit –  wenigstens vorübergehend – zum Schweigen zu bringen, denn nicht nur, dass dies viele bereits lange vor mir unternommen hätten, – daran ist nichts Ungewöhnliches  -, jedoch gelang dies – Schreiben über Karoline von Günderrode – einer der ganz großen Autorinnen – Christa Wolf – Jahre zuvor in ihrem Essay „Der Schatten eines Traums“ – wie mit jedem Stoff, dessen sie sich annimmt – auf solch vollendete Weise, die es allen Nachfolgenden schwer macht, dem weiteres hinzuzufügen. Ich hatte lange gezögert, jenen großartigen Essay mehrmals gelesen, – wie alles von Christa Wolf es verdient, mehrmals gelesen zu werden, schon weil sich der darin enthaltene Gedankenreichtum schwerlich mit einem Male erfassen lässt -, nicht nur mit Interesse, auch mit gewissem Vergnügen, wie immer, wenn ich meine eigenen Sympathien oder auch Antipathien für einzelne Charaktere durch andere geteilt weiß.

Die Günderrode. Ein tragisches Leben, ein tragisches Schaffen und ein tragisches Ende, welches uns zweihundert Jahre später Lebende, Schaffende,  das Ende zumeist noch nicht ins Auge Fassende, nicht unberührt lassen kann, – nicht unberührt lassen darf.  Die wohlmeinende Warnung im Gedächtnis, sich als Autorin, die sich ihren Weg erst suchen muss, möglichst nicht gerade diejenigen zu  Vorbildern zu wählen, die ihrem Leben vorzeitig selbst ein Ende setzten, mich jedoch zu jenen zählend, die ihre Inspiration von vielerlei Seiten beziehen, worunter sich – die zahlreichen noch Lebenden ausgenommen – die Zahl derer, die den Freitod wählten, zumindest die Waage hält mit der jener, die allem trotzend mitunter steinalt wurden -, wollte ich eigentlich zunächst über die Bettine schreiben.

Bettine, die für mich immer den erfrischenden Gegenpol bildete, – Bettine, die Unkonventionelle, die sich bereits zu Zeiten, in denen solches bedeutend mehr Mut erforderte  als heute, keinen Deut um die Ansichten und Vorurteile ihrer Kreise scherte, die sich das freie Denken als Letzte hätte verbieten lassen, und die dies unumwunden kundtat, auch auf die Gefahr hin, zu nerven, – und sie nervte so manchen Zeitgenossen! -, Bettine, die es sich nicht hätte einfallen lassen, zu kapitulieren, die jedem Rückschlag und jeder Zurückweisung  nach kürzester Zeit ein Jetzt-erst-recht! entgegenzusetzen wusste. Ihre vorübergehende Kapitulation vor den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft war nur eine vermeintliche, – eine Zeit, in der sie sich regelrecht in jener Rolle eingerichtet zu haben schien, die ihr von eben dieser Gesellschaft zugemessen wurde, in der sie mit beachtlicher Energie ein Gut bewirtschaftete, sieben Kinder gebar und aufzog, die alle – nicht selbstverständlich in jenen Jahren! – das Erwachsenenalter erreichten, – um sich danach unversehrt zurückzumelden und in der Verfolgung ihrer sich selbst gesetzten Lebensziele dort fortzufahren, wo sie sich in jungen Jahren zur Unterbrechung derselben genötigt sah. Bettine, unbeirrt den Faden wieder aufnehmend, schreibend, veröffentlichend, das Berliner Salonleben prägend und in ihrem sozialen und politischen Engagement geradezu Kopf und Kragen riskierend. An sie habe ich mich stets geklammert, sie hervor gezerrt, – abergläubisch die Namensgleichheit beschwörend, – mit deren Mut, deren Unerschrockenheit ausgestattet sein, damit wäre gut leben!  Wenn die Welt nicht passt, in die man hineingeboren wurde, sich einfach eine neue schaffen, – ob diese anderen nun gefällt oder nicht, – ein vorstellbarer Weg.

Sich hingegen mit ihrer um fünf Jahre älteren Freundin Karoline, der vermeintlich Gescheiterten, die so ganz anderen Gemütes war, zu befassen, kostet Überwindung. Da ist die Trauer, die einen verstummen lassen möchte. Eine junge Dichterin und Philosophin beendet ihr Leben – sechsundzwanzigjährig – aus freiem Willen.

Als ich auf dem weitläufigen Friedhof in Winkel am Rhein den Weg zu ihrem Grab erfrage, weist mir eine sichtlich belesene Frau die Richtung, – es liegt etwas abseits an der Mauer -, ja, sie habe viel von der Günderrode gelesen, sie spricht über die Ereignisse, als habe sich alles erst vor Kurzem zugetragen; es scheint sie persönlich sehr zu beschäftigen. Ihr sei auch lange nicht klar gewesen, bekennt sie, dass die Günderrode sich ja gar nicht ertränkt habe, wie manche annähmen, da man sie unten am Rhein, halb im Wasser liegend, gefunden hatte, – stattdessen ein gezielter, mit Präzision von eigener Hand durchgeführter Dolchstoß, der zum Tode führte. Keine sehr weibliche Art, sich umzubringen, – in der Tat! Mit einem Dolch, über lange Zeit stets in der Handtasche mit sich geführt, – auch nicht gerade ein typisch weibliches Utensil.

Vor dem Gedenkstein stehend, stellt sich auch bei mir ein Gefühl von fassungsloser Betroffenheit ein. Der lange Zeitraum scheint sich zusammenzuziehen, keine Rolle mehr zu spielen. Lese die Inschrift:

Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch,
Heilges Feuer mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab‘ ich hienieden gelebt,
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend,
Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!

Ihre letzten Worte, – nicht ganz ihre eigenen -, vielmehr  Verse aus  „Abschied des Einsiedlers“  von Herder, welche sie, so nimmt man an, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte. Auf einem Blatt Papier, in ihrem Zimmer zurückgelassen, in welchem sie sich während eines Besuchs bei einer Freundin in Winkel aufhielt. Endstation eines Lebens, in dem, um es mit heutigen Worten auszudrücken, nichts mehr stimmte. Eines an äußeren und inneren Beschränkungen wundgestoßenen Lebens. Als Frau und Dichterin keine Chance auf eine von Gunst und Wohlwollen anderer unabhängige Existenz. Weder in ihrem Leben, noch in ihrem Schaffen. Von der Liebe ganz zu schweigen. Betrogen um ihr Erbe, – zwar ausreichend versorgt, allerdings nicht so, als dass es zu einer Mitgift für eine Ehe gereicht hätte -, stets in dem erniedrigenden Bewusstsein, letztlich von Almosen abhängig zu sein. Von Freunden verehrt, jedoch selten verstanden, in entscheidenden Momenten entweder zur Ikone stilisiert oder mit gönnerhafter Herablassung bedacht. Das „Günderrödchen“. Ihr beachtliches dichterisches und philosophisches Schaffen gleichermaßen schmeichelnd bewundert und neidvoll heruntergespielt. Anerkennung hatte es glücklicherweise bereits gefunden, bevor sie als Autorin persönlich öffentlich in Erscheinung trat. Sie hatte zunächst unter dem Pseudonym Tian veröffentlicht, was auf einen männlichen Verfasser schließen ließ, hinter dem niemand so ohne weiteres gerade sie, die Sanfte, die schüchtern Wirkende, vermutete.

Als es schließlich bekannt wurde, kam, was kommen musste: Man neidete ihr das Talent, zerriss sich die Mäuler, versuchte ihr Werk kleinzureden, – aber man hatte ja bereits zugegeben, zugeben müssen, dass ihre Lyrik beachtlich war, reich an gedanklicher Fülle und sprachlicher Schönheit, – also umschmeichelte man sie, ließ sich gerne mit ihr sehen, schätzte sie als kluge Gesellschafterin, Unterhalterin, Ratgeberin und Freundin, sonnte sich in ihrer Gegenwart, – wusste man sich im schlimmsten Fall gar nicht mehr zu helfen, überhöhte man sie zur Heiligen, die sie nicht sein wollte. Als Frau mit allen Bedürfnissen einer Frau wollte man sie nicht sehen, – sie, die sich selbst unbestimmt zerrissen zwischen Mann und Frau wiederfand, keiner Seite wirklich zugehörig. Auch hiermit setzte sie sich auseinander, – sprach es offen aus. Sich verstellen, sich verstecken hinter Lügen und faulen Kompromissen war ihre Sache nicht. Voraussetzung für ein lebbares Leben bedeutete ihr ein Streben nach größtmöglicher Authentizität, nach höchstmöglicher Übereinstimmung von Denken, Fühlen, Handeln und Schaffen. Ein Anspruch, an dem sie letztlich zerbrach.

Die Erfahrung von Vergeblichkeit und Entfremdung, wie Christa Wolf es ausdrückte:
„Kein Ort. Nirgends“. Die fiktive Begegnung Karoline von Günderrodes mit Heinrich von Kleist. Schauplatz: Winkel, im Sommerhaus der Brentanos. Ich suche es auf. Ein langgezogener Barockbau, Eingang zur Hofseite, in der Toreinfahrt eines jener inzwischen veralteten, dreieckig-rotumrandeten Warnschilder, auf dem ein schwarzer Mann mit Hut auf weißem Grund  den Zebrastreifen überquert,  ein Glas in der Hand hinzu gezeichnet – Symbol des Weingutbesitzers! –  darunter eine Tafel mit dem Aufdruck: „Baron kreuzt!“ Man scheint im Hause Brentano mit Humor ausgestattet. Vom Hof aus erstreckt sich in Richtung Rhein ein parkähnlicher Garten mit Kletterspalieren, einem Brunnen und steinernen Skulpturen. Alles wirkt still und verwunschen, – eine Oase, aus alter Zeit hinübergerettet, inmitten des vom Verkehrslärm reichlich gebeutelten Ortes. „Besichtigung nach Anfrage möglich“, steht auf dem Schild an der Tür, aber ich weiß nicht, ob ich anfragen, ob ich es wirklich besichtigen möchte, oder ob ich mir nicht lieber die Bilder aus meiner Vorstellungskraft bewahren will. Mit etwas Phantasie wäre es denkbar, dass sich sogleich die Tür öffnet und die Gesellschaft aus jenen Tagen heraustritt, um sich auf ihren Spaziergang zu begeben. Clemens Brentano und Sophie Mereau, Friedrich Karl von Savigny und Gunda Brentano, Christian Nees von Esenbeck und dessen Frau Lisette, geborene Mettingh, Karolines Freundin aus Frankfurter Stiftstagen. Allen voran die quirlige Bettine. Kleist, von dem nicht gewiss überliefert ist, ob er diesen Ort in Wirklichkeit je besuchte. Und nicht zuletzt Karoline von Günderrode, des Öfteren in Winkel zu Gast.

Der Rheingau, – die Sommerfrische der Frankfurter Gesellschaft und was sich so dafür hielt. Von Charakter und Schönheit der Umgebung, die ich aus Bettines brieflichen Schilderungen so lebendig vor Augen habe, scheint weniges erhalten. Das Ufer verbaut, Ortschaft reiht sich an Ortschaft, – Lärm durch Industrie und Verkehr erschlägt alle Bemühungen, sich vorzustellen, wie es hier vor zwei Jahrhunderten ausgesehen haben mag. Die Orte selbst sind touristisch überlaufene, Übelkeit erzeugende Albträume; durch die als malerisch bezeichneten Gassen von Eltville, Rüdesheim und Assmannshausen wälzen sich Tag für Tag grölende Horden wein- und schunkelseliger Busreisender, offensichtlich im Bemühen, sich die verflossene Rheinromantik mittels Promille zurückzuholen. Erst etwas weiter nördlich, bei Lorch und Kaub, wo das Mittlere Rheintal sich zunehmend verengt, die Berge zum Ufer hin steiler abfallen, weniger Bausünden zulassend, lässt sich auf Wanderwegen wie dem Rheingauer Rieslingpfad zwischen altem Weinland, Gärten und jungen Eichenwäldern eine Ahnung der einstigen Beschaulichkeit wiederbeleben, finden sich noch stille Seitentäler und Schluchten mit den munteren Bächen, die den Felsen des Taunus entspringen, erschließen sich immer wieder verträumte Aussichten auf den Strom und dessen andere Uferseite mit den bewaldeten Höhenzügen des Hunsrücks und auf stolze Burgen als stumme Zeugen alter, jedoch selten friedlicherer Tage.

Bedeutend schwieriger noch, das alte Frankfurt, wo Karoline von Günderrode aus Gründen ihrer Mittellosigkeit in einem Stift für unverheiratete, adelige Fräulein lebte, inmitten seiner Bankenviertel und Wolkenkratzer auszumachen. Grotesk mutet selbst das wiedererrichtete Goethehaus zwischen den ansonsten unsäglich hässlichen Betonklötzen an, – die ganze Stadt traurig überspitztes Symbol für die Gesellschaft, unter der gerade Karoline unsäglich litt, eine Gesellschaft, die sich das Bereichere-dich- um-jeden-Preis bereits zweihundert Jahre vor unserer Zeit auf ihre restaurativen Fahnen geschrieben hatte. Und es will uns gruseln im Bewusstsein, wie richtig die Dichterin lag mit der Einschätzung dieser Gesellschaft und der Fortentwicklung der Verhältnisse, durch alle geschichtlichen Um- und Einbrüche hindurch, bis in unsere Tage.

Das Cronstetten-Hynspergische Damenstift, – es stieß an seiner Gartenseite an diejenige des Anwesens der Bankiersfamilie Gontard, bei welcher Friedrich Hölderlin – einige Jahre vor Karolines Einzug im Stift – seine Hauslehrerstelle inne hatte und dort die Tragik seiner unglücklichen Liebe zur Hausherrin Susette Gontard durchlebte. Auch er ein vermeintlich Gescheiterter, – von der Gesellschaft zum Gescheiterten erklärt -, auch hier eine unglückliche Liebe, die ihren Teil zum weiteren dramatischen Lebensverlauf beitrug.

Verhängnisvolles  Jahr 1806 – für beide. Karoline von Günderrode nimmt sich im Sommer, am 26. Juli, das Leben, Hölderlin wird am 11. September gegen seinen erbitterten Widerstand von Bad Homburg in das Authenriethsche Klinikum in Tübingen gebracht, wo man ihn Monate später als „unheilbar wahnsinnig“ – Glück im Unglück! – in die Obhut des Schreinermeisters Zimmer entlässt, wo er  – wenn auch verloren für die Welt – noch weitere sechsunddreißig Jahre leben wird. Hälfte des Lebens.

Die Günderrode, sie verehrte Hölderlin und seine Dichtung, – von einer Begegnung jedoch ist nichts überliefert. Angenommen, sie wären sich begegnet? Es würde dies besser in meine Vorstellungswelt passen, da er mir – es mag etwas mit dem gemeinsamen Geburtsort zu tun haben – näher steht als Kleist, welcher mir stets fremd geblieben ist.

Die Günderrode und Hölderlin. Gewisse Gemeinsamkeiten fallen auf. In ihrer Dichtung, in ihrer Philosophie. In den Vorurteilen der Gesellschaft, die beide umgab. Abgedrängt in die Ecke der verträumten Phantasten und Spinner, – die ohnehin keiner versteht, – kein Wunder, da muss sich einer ja umbringen oder verrückt werden.  Beide arbeiteten mit größtem Ernst, stets am Rande der physischen und psychischen Verausgabung. Beide waren reich an Bildung, allerdings stand diese bei ihm als Mann und ältesten Sohn einer Familie, die zur damaligen württembergisch-protestantischen „Ehrbarkeit“ zählte, die für ihn der Tradition gemäß ein Pfarramt vorgesehen hatte, von Jugend an auf dem Plan, während ihr als Frau ohne Mittel kein Weg blieb, als sich alles an Wissen unter beträchtlichen Mühen selbst oder mit Unterstützung von Freunden anzueignen.

Beider unglückliche Liebe wiederum ist nur die jeweils eine Seite der Tragik, – „nur die Form“, wie es bei Karolines Freundin Lisette recht treffend in einem Brief zu lesen ist, während ihre weiteren Erklärungsversuche sich in unerträglichem Moralisieren ergehen, – die fassbare Seite. Dahinter wird es bodenlos, müssen Erklärungsversuche vor der Tiefe der Verzweiflung kapitulieren. Eine unglückliche Liebe als Katalysator für den Ausbruch dieser Verzweiflung? Zumindest steht hier einmal mehr die Unmöglichkeit, ohne Liebe leben zu können, gegenüber der unmenschlichen Forderung, ohne Liebe leben zu müssen. Sie durchlebte dies zweimal.

Ihre erste große Liebe galt Savigny, ihrem „Schatten eines Traumes“. Er ist von ihr fasziniert und bleibt es, aber noch mehr ist er ein ehrgeiziger, zielstrebiger Jurist, der nüchtern-praktische Überlegungen vor Gefühle stellt, – und eine mittellose Stiftsdame zu ehelichen wäre seiner Sache wenig dienlich. Er heiratet letztlich Gunda Brentano, – die bessere Partie! -, hält den intensiven Kontakt zu Karoline jedoch aufrecht, drängt sie, da er auf den geistigen Austausch mit ihr nicht verzichten will, in die Rolle der gemeinsamen Freundin, – eine Zumutung, die diese auf sich nimmt, denn auch sie ist auf diesen Austausch mehr als angewiesen.  Zugang zu Bildung, – für uns heute selbstverständlich, damals für Frauen nur über Umwege zu haben: über einflussreiche männliche Freunde, Förderer und Gönner. Dafür wollte vieles in Kauf genommen sein.

Geistiger Austausch, – gegenseitige Inspiration war es auch, der ihre spätere Beziehung zu dem unglücklich verheirateten Friedrich Creuzer entscheidend prägte. Selbst wenn es ihr gelungen wäre, sich gefühlsmäßig von ihm zu lösen, ihm, dem zaudernden, sich gern selbst bemitleidenden, von der Meinung seiner Freunde über das gesunde Maß hinaus abhängigen und in seinen Briefen sichtlich wenig auf ihre Gefühle und Empfindungen eingehenden Mann, der sie hinhält, über lange Zeit unfähig, sich für oder gegen sie zu entscheiden, und sie schließlich fallen lässt , – auf die geistige Zusammenarbeit, die sich entscheidend auf ihr literarisches Schaffen auswirkte, verzichten, war für sie unvorstellbar, – ja, letzten Endes: tödlich. Schwer nachzuvollziehen für jemanden, der solches nicht erfahren hat. Wem es nie gegeben war, für den gibt es nichts zu vermissen. Das Verständnis der Freunde bleibt auf der Strecke, – Stück um Stück.

Tödlich auch das Fehlen jeglicher Alternativen. Vor die Wahl gestellt sein, entweder auf freie Entfaltung oder auf Liebe zu verzichten. Das eine ohne das andere für ein lebbares Leben nicht zu denken. Eine grausame, unmenschliche Wahl! Liebe nur um den Preis, sich in die von der Gesellschaft vorgeschriebene Rolle einzufinden, – Entfaltung nur um den Preis des Außenseiterdaseins, der Vereinsamung. Auch Bettine musste dies im Verlaufe ihres recht langen Lebens mehrmals sehr bitter erfahren. Sie war robuster, widerstandsfähiger. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht immens darunter litt.

Während der Zeit, die ihre Freundschaft währte, in der die beiden jungen Frauen sich eng aneinander angeschlossen hatten, inspirierten sie sich gegenseitig, in Gesprächen und durch gemeinsames Lernen, in ihrer Korrespondenz, wenn sie sich an getrennten Orten aufhielten, unternahmen Phantasiereisen und Gedankenflüge, erhoben sich geistig über die äußerlichen, beengenden Verhältnisse.

Es war Karoline, die sich letzten Endes zurückzog, – ob der Druck Creuzers, der gegen die Brentanos eine neidvolle Aversion hegte, dafür ausgereicht hatte, ist fraglich, fiel dies doch in eine Zeit, als der Entschluss, ihr Leben zu beenden, längst gereift war. Berichten Bettines zufolge gab es Zeichen hierfür, die in ihr selbst Verzweiflung und Ratlosigkeit auslösten, ohne dass sie zu der Freundin weiter hätte vordringen können, – auch die Ankündigung einer „Entzweiung“. Der Weg, den Karoline gewählt hatte, war ihr eigener, ein aus frei gefasstem Entschluss eingeschlagener Weg, auf den sie – so bitter es die Freunde ankommen mochte – niemand begleiten – und auf dem niemand sie zurückhalten konnte.

Zwei Frauenschicksale lange vor unserer Zeit, sehr unterschiedlich und doch sehr ähnlich in ihrer Verschiedenheit, eine Verschiedenheit, um die beide wussten. Karoline schrieb in einem Brief an Bettine, in dessen Verlauf sie dieser eine energischere Natur bescheinigte, als es ihr selbst beschieden war:

„… mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, dass dir etwas möglich wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte. Du musst dies bei deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken.“

Das Lesen der Briefe, die der Nachwelt erhalten geblieben sind, macht betroffen, zieht mich in ihren Bann,  erschüttert mich, als läge all dies nur Tage zurück. Warum, frage ich mich? Sind wir doch die Vertreterinnen einer Zeit, in der diese Widersprüche überwunden zu sein scheinen, stehen uns doch heute alle Wege offen. Wirklich? Die Realität zeigt eine andere Seite. Das Scheitern ist auch uns nur zu vertraut. Nur: Woran scheitern wir?

Daran, dass wir zwar vermeintlich freie Wahl haben, jedoch die alten, überkommenen Rollenvorstellungen, von Generation zu Generation – bewusst oder unbewusst – weitergegeben, sich nach wie vor tief in uns eingefressen haben, so dass wir dennoch immer wieder versuchen, ihnen gerecht zu werden, – schlimmer noch: dass wir oft mehreren Rollenbildern völlig gegensätzlicher Ausrichtung entsprechen wollen, diese vergebens in uns zu vereinen versuchen, – eine Zerreißprobe, die wir auf Dauer nicht bestehen können?

Daran, dass wir trotz der angeblichen Fülle von Möglichkeiten Gefahr laufen, uns in der Beliebigkeit zu verlieren, zerstreuter, ablenkbarer sind, schwerer in der Lage, einen gewählten Weg zielstrebig und kontinuierlich zu verfolgen?

Daran, dass heute weniger die Gesellschaft oder eine bestimmte Gesellschaftsklasse die Rollenmodelle vorgibt, sondern zu einem beträchtlichen Anteil die Massenmedien, die uns Zerrbilder vermitteln, denen entsprechen zu wollen das Scheitern zwangsläufig mit sich bringen muss? Denn hier erschöpft es sich wahrlich nicht im Fleißig-sein-müssen und Brav-sein-müssen; hinzu kommen Schlank-sein-müssen, Schön-sein-müssen, Jugendlich-sein-müssen, Sich-alles-leisten-können-müssen, Stets-Power-haben-müssen… Endlosschleife! Und das Verurteilen unseres Selbst, sobald wir nicht dies alles zugleich schaffen, – und wir können und werden es nicht schaffen, die einen werden dies nur früher, die anderen später feststellen! -, das übernehmen wir auch gleich selbst. Denn wir sind emanzipiert!

So stehen uns unsere Vorkämpferinnen aus vergangenen Jahrhunderten näher denn je. Und es klingt uns nicht einmal unvertraut in den Ohren, wenn wir aus der Feder der Günderrode lesen:

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

(Karoline von Günderrode)

© Bettina Johl

Empfohlene Literatur:

Karoline von Günderrode: Einstens lebt ich süßes Leben, Gedichte, Prosa und Briefe der Karoline von Günderrode. Eine neue Auswahl und Essay von Christa Wolf, 24.04.2006, insel taschenbuch 3191, Broschur, 407 Seiten, ISBN: 978-3-458-34891-7

Bettine von Arnim: Die Günderrode, Deutscher Klassiker Verlag, 2006, ISBN: 978-3-618-68009-3

Markus Hille: Karoline von Günderrode, Rowohlt-Monographie, 160 Seiten, ISBN 978-3-499-50441-9

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