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Dialog als Voraussetzung – Gisela Kleines Doppelbiografie über Ninon und Hermann Hesse

Von Bettina Johl

Es ist so eine Sache mit Paarbeziehungen unter literarisch Schaffenden. Nicht nur, dass ihnen – das ist Schicksal aller im Licht der Öffentlichkeit stehenden Personen – eine Privatsphäre meist verwehrt bleibt. Da schreibende Menschen gewöhnlich Schriftliches zu hinterlassen pflegen, endet dieser Zugriff keineswegs mit dem Ende ihres Lebens. Zuweilen beginnt er dann sogar erst richtig. Und die Nachwelt ist unbarmherzig. Sie stürzt sich auf den Nachlass, zieht jedes Detail ans Licht, selektiert nach Lust und Laune, pickt sich das ihr interessant Erscheinende heraus und lässt dafür anderes, nicht in ihr Bild Passendes unter den Tisch fallen. Sie bewertet und urteilt und weiß sowieso alles besser. Wenn nun bei einem solchen Paar wie Ninon und Hermann Hesse einer von beiden deutlich im Schatten des anderen steht, wird es für diesen richtig schwierig; ganz besonders, wenn er den anderen überleben sollte. Das eigene Lebenswerk hat es dann schwer, angemessene Würdigung zu finden, vor allem, wenn es sich um das einer Frau handelt. Denn Frauen, die im 20. Jahrhundert Anerkennung für ihre Arbeit haben wollten, mussten oftmals überlaut darüber sprechen, um auf sich aufmerksam zu machen. Zumindest, wenn sie nicht in der glücklichen Lage waren, dass dies jemand anderes – am besten von männlicher Seite – für sie übernahm. Die Hesses jedoch liebten die lauten Töne eher nicht.

Im Jahr 1910 schreibt eine 14-jährige Schülerin ihren ersten, einen für ein junges Mädchen ungewöhnlich reifen und sehr beeindruckenden Brief an einen Dichter, dessen Werk bei ihr selbst tiefen Eindruck hinterlassen hat. Und er wird antworten, nicht auf den ersten, aber auf einen ihrer folgenden Briefe, und sie ermutigen, ihm weiterhin ab und an zu schreiben. 20 Jahre später wird sie seine dritte und letzte Ehefrau. Sie verbringt 35 Jahre an seiner Seite und überlebt ihn nur um wenige Jahre. Bei der jungen Frau handelt es sich um Ninon Ausländer, Bürgerstochter aus der heute zur Ukraine zählenden Kleinstadt Czernowitz in der Bukowina, am östlichsten Rand der einstigen Habsburgermonarchie gelegen, einer multikulturellen, kulturbeflissenen Stadt, auch „Klein-Wien“ genannt. Aus dieser Stadt gingen auffallend viele Persönlichkeiten aus der Geisteswelt hervor, unter anderen – um bei den Dichtern zu bleiben – Rose Ausländer und Paul Celan. Ninons verehrter Dichter ist der 18 Jahre ältere, im württembergischen Schwarzwaldstädtchen Calw geborene, zur Zeit der ersten schriftlichen Begegnung zunächst am Bodensee, später in der Schweiz lebende Hermann Hesse.

Hesses Biografen sind über viele Jahrzehnte hinweg mit dieser Verbindung sehr unterschiedlich umgegangen. Ninon wurde im besten Fall auf einen Platz am Rande verwiesen, im schlimmsten Fall verteufelt, mancher ließ ihre Existenz auch einfach ganz unter den Tisch fallen. Selbst noch vor fünf Jahren stellte sich Gunnar Decker in seiner zweifellos sorgfältig recherchierten und differenzierenden Biografie Der Wanderer und sein Schatten die Frage, ob diese Verbindung nicht für beide Partner ein Verhängnis gewesen sei. Andere neuere Biografien versuchten schließlich, Hesses Frauen in besonderer Form gerecht zu werden, wie jene von Bärbel Reetz, die sich vor allem sehr um die – längst überfällige – Rehabilitation der ersten, angeblich geisteskranken Ehefrau Mia verdient gemacht hat. Hingegen hält sich geradezu unerschütterlich das Bild Ninons vom aufdringlichen weiblichen Fan, mit dem einzigen Lebensziel, sich „ihren“ Schriftsteller zu angeln, um für den Rest ihres Lebens das Personal herumzuscheuchen und ungebetene Besucher aus dem Haus zu ekeln.

Ninon störte. Vor allem störte sie das Klischee des „Dichtereremiten vom Berge“, das Hesse hartnäckig anhaftete und sich bis in die Gegenwart gut vermarkten lässt. Daran änderte nichts, dass Ninon mit vielen Freunden Hesses, auch über seinen Tod hinaus, herzliche Freundschaften pflegte, während diese wiederum voller Hochachtung von ihr sprachen. Sie störte als eine für eine Vertreterin ihrer Zeit ungewöhnlich gebildete und selbstbewusste Frau. Störte sie auch als Jüdin? Immerhin: Der Antisemitismus hatte Konjunktur in Europa und beschränkte sich keineswegs allein auf Deutschland und seine verhängnisvollen zwölf Jahre nationalsozialistischer Barbarei.

Wer Ninons Leben näher betrachtet, bemerkt sehr schnell, dass dieses mitnichten einen geradlinigen Verlauf vom schwärmerischen Teenager zur Dichtergefährtin nimmt. Vielmehr ist es gekennzeichnet von der aufrichtigen und ernsthaften Suche einer begabten jungen Frau nach ihrem eigenen Weg – und dies über viele Umwege, Höhen und Tiefen. Er führt sie über ein Medizinstudium, das sich nicht als die richtige Wahl erweist, zur Kunstgeschichte und Altertumsforschung, der sie sich für den Rest ihres Lebens mit großem Ernst, wenn auch mit vielen, teilweise sehr langen Unterbrechungen, widmet. Auf weltpolitischer Ebene ist ihr Leben zunächst gezeichnet vom Ersten Weltkrieg, dem Ende der k u. k-Zeit und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Umbruch; auf persönlicher Ebene vom Verlust der Heimat, dem unsteten Flüchtlingsleben der Familie, dem Verlust des Vaters, der jüngeren Schwester Toka durch deren Freitod, später auch dem Tod der Mutter. Und schließlich von ihrer eigenen ersten, sieben Jahre währenden Ehe mit dem Ingenieur, Pressezeichner und Bohemien Fred Dolbin, dessen umtriebiges Leben zwischen Wien und Berlin sie für geraume Zeit mehr oder weniger teilt und mit dem sie nach der Scheidung in lebenslanger Freundschaft verbunden bleibt.

In Lebenskrisen behilft sich Ninon, indem sie zur Feder greift. Sie schreibt an Hermann Hesse. Sie zieht Kraft aus der Möglichkeit, sich mit jemandem auszutauschen, dem sie sich seelen- und geistesverwandt fühlt. Und er antwortet immer regelmäßiger. Zu einer ersten persönlichen Begegnung kommt es 1921 in Montagnola. Das entscheidende Zusammentreffen jedoch erfolgt erst fünf Jahre später. Nach diesem lässt ein neuer Ton in den Briefen ahnen, dass etwas zwischen beiden geschehen sein muss, das die Weichen neu ausrichtet. Es folgt zunächst eine Zeit der Verunsicherung und innerer Kämpfe. Ninon findet sich zerrissen zwischen ihren Gefühlen für Hesse und den nicht minder starken für ihren Noch-Ehemann, mit dem sie sich zuvor gerade erst wieder versöhnt hat. Ihre Entscheidung zugunsten Hesses erfolgt eher vom Kopf her: Während Dolbin stets noch weitere Frauenbeziehungen unterhält, von denen sich eine auch sehr bald festigen und zu seiner nächsten Ehe hin entwickeln wird, erscheint ihr Hesse als derjenige, der sie am meisten braucht. Er wiederum befindet sich in jenen schweren Krisenjahren, die letztlich den Steppenwolf hervorbringen. Die Ehe mit seiner Frau Ruth steht vor dem Aus, wirklich zusammengelebt hat das Paar nie. Der Autor leidet unter gesundheitlichen Problemen und äußert Freunden gegenüber immer wieder Lebensüberdruss. Zunächst sieht es nicht so aus, als ob er an diesem Zustand tatsächlich etwas verändern wolle. Gegenüber einer Beziehung äußert er alle möglichen Vorbehalte. Ninon jedoch lässt sich nicht beirren. Schließlich geht sie zu ihm nach Montagnola, bezieht eine eigene, von seinen Räumlichkeiten getrennte Wohnung in der Casa Camuzzi, bis ein Gönner und Freund schließlich ein neues Haus, die spätere „Casa Rossa“, das berühmte „Rote Haus“, für das Paar bauen lässt, in dem es lebenslanges Wohnrecht hat. Auch das ein Doppelhaus, das beiden getrennte Lebensbereiche ermöglicht. Es lässt sich nicht ermessen, wie viel Kraft die ersten Jahre Ninon gekostet haben mögen. Jedoch: Aus ihrer Sicht „erleidet“ sie nicht, sie „gestaltet“. Und am Ende schafft sie die Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. Sie übt sich in der Kunst, für ihren geliebten Dichter da zu sein, wenn sie gebraucht wird, und unsichtbar zu bleiben, wenn er allein sein muss. Zu erwähnen, dass diese bewusste Willensentscheidung zu Lasten ihrer eigenen Projekte gehen wird, erübrigt sich. Sie stellt sie hinten an und gibt die Arbeit an ihrer Dissertation auf. Das fällt ihr nicht unbedingt leicht, aber ihr Dichter und sein Werk, die für sie höchste Bedeutung haben, sind es ihr wert. Sie wird seine rechte Hand, leistet Sekretärinnendienste, führt den Haushalt, sorgt für gesunde Ernährung, pflegt ihn bei Krankheit, schirmt ihn während seiner Arbeitsphasen von der Außenwelt ab und hält unangenehme Aufgaben von ihm fern. In seinen Schaffensprozess ist sie nicht einbezogen, aber er schätzt sie als Korrekturleserin und Kritikerin. Sie, die sich stets als „gute Leserin“ bezeichnet, wird außerdem zur Vorleserin, da ihm selbst das Lesen wegen eines Augenleidens mehr und mehr zur Qual wird. Die Summe der Bücher, die sie ihm bis zu seinem Lebensende vorlesen wird, geht ins Vierstellige.

Vor der ehelichen Legitimierung ihrer Beziehung jedoch schreckt Hermann Hesse lange zurück. Das hat offensichtlich weniger mit etwaigen Zweifeln an Ninon zu tun, als mit seinen persönlichen Vorbehalten vor der bürgerlichen Ehe als Institution mit all ihren Verpflichtungen und gesellschaftlichen Ansprüchen, an denen er bereits zweimal gescheitert ist. Für Ninon jedoch ist dieser Schritt wichtig, ist er doch für sie maßgeblich mit materieller Sicherheit und gesellschaftlicher Anerkennung verbunden. An eine offene Partnerschaft, wie sie für uns heute als Lebensform mehr und mehr selbstverständlich ist, war in jenen Tagen nicht zu denken. Wo sie dennoch gewagt wurde, brachte sie stets erhebliche Nachteile für die Frau mit sich. Keine Geringere als Thomas Manns Ehefrau Katia ermutigt Ninon während eines Winterurlaubs, welchen die beiden befreundeten Paare miteinander verbringen, unbedingt auf einer Heirat zu bestehen. Hermann Hesse beugt sich den Argumenten und ehelicht Ninon 1931, kurz nach dem Umzug ins neue Haus. Ninon wird dadurch Schweizer Staatsbürgerin, was sich im Hinblick auf ihre jüdische Herkunft in den kommenden Jahren als segensreich erweist. Es findet lediglich eine formale Trauung ohne Feier statt, was Ninon nicht zu stören scheint. Ihre „Hochzeitsreise“ tritt sie, während ihr Mann zur jährlichen Kur fährt, anderntags allein an, nach Rom. Ihre Briefe an ihn, die sie ihm vom Tag der Abreise an täglich schreibt, klingen heiter, vergnügt und zugleich sehr vertraut und lassen auf seine interessierte Anteilnahme an ihren Reiseerlebnissen schließen. Das wird ein Leben lang so bleiben. Dass Hesse seine Frau sehr schätzt und ihr bedingungslos vertraut, zeigt sich am Deutlichsten darin, dass er sie bereits im folgenden Jahr durch Erbvertrag zur Verwalterin seines literarischen Nachlasses bestimmt.

Ninons Reise bildet den Auftakt zu einer Reihe von kunsthistorischen Bildungsreisen – nach Italien, nach London, nach Paris, später auch nach Griechenland –, im Zuge derer sie sich zumindest für einige Wochen im Jahr, bis Kriegsbeginn und erneut ab 1950, wieder ihren eigenen Forschungen widmet. In ihren Briefen berichtet sie ihrem Mann detailgetreu vom Gesehenen und Erlebten, ihren Überlegungen und Erkenntnissen. Er bestärkt sie in ihrem Tun und ermutigt sie zum Erzählen. Hermann Hesse, im täglichen Zusammenleben gewiss kein einfacher Partner, dem sehr oft Beziehungsunfähigkeit bescheinigt wurde, ist zumindest eines nicht: ein Macho, der seine Frau als seinen Besitz oder Frauen allgemein als Objekte betrachtet. Das wird auch in seinem Werk, dem oft vorgeworfen wird, weitgehend „frauenfrei“ zu sein, immer wieder deutlich. Selbst dort, wo seine Protagonisten – wie im Steppenwolf – mit Frauen zusammentreffen, die sich prostituieren, schwingt in ihrer Haltung stets Respekt vor deren Persönlichkeit mit. Frauen mögen Hesse rätselhaft gewesen sein, zuweilen auch fremd, aber das bedeutet nicht, dass er sie nicht ernst genommen oder sie gar abgewertet hat. Seine Briefwechsel künden von zahlreichen Freundschaften mit Frauen und sind geführt in einem aufrichtigen, freundschaftlichen Sinn. Bedeutende Namen wie Emmy Ball oder Luise Rinser befinden sich darunter. Selbst seine gescheiterten Ehen gehen letztlich in Freundschaften über. Hesse ist ein Mensch, für den Freundschaften – unabhängig vom Geschlecht des Gegenübers – eine hohe Bedeutung haben. Er zeigt sich Freunden gegenüber als verlässlich und verantwortlich, und er lässt sie nie im Stich. So gründet auch seine Beziehung und Liebe zu Ninon schließlich auf dem stabilen Fundament einer in vielen Jahren gewachsenen, aufrichtigen und haltbaren Freundschaft. Hesse mag sich in den Jahren seines Ehelebens noch so oft daneben benehmen, sich in Alltagsdingen als pingelig und kleinlich erweisen, auf engstirnig anmutenden Prinzipien beharren oder sich unter dem Vorwand seiner zahlreichen Unpässlichkeiten als wahres Ekelpaket erweisen, aber er bekundet Ninon an anderer Stelle stets wieder Respekt und Hochachtung. Er hinterfragt sein Verhalten, macht sich Gedanken, entschuldigt sich, oft in Briefen oder in Form kleiner Zettel, sogenannter „Hausbriefe“, die beide zuweilen an verabredeten Plätzen hinterlegen, um einander nicht zu stören. Diese sind nicht selten sehr humorvoll verfasst, manchmal auch in einer verschlüsselten, nur den beiden zugänglichen Geheimsprache, die von einer tiefen Vertrautheit kündet. Er widmet ihr Gedichte, macht ihr liebevoll erdachte Geschenke, fertigt ihr Zeichnungen und Aquarelle, schickt ihr Bücher, wenn sie unterwegs ist. Und er ernennt sie schließlich in seiner Morgenlandfahrt, der Geschichte einer symbolischen Reise, in der Figur der „Ausländerin“, ihren Namen als Wortspiel verwendend, zur Weggefährtin. Was die beiden überdies durch gemeinsame Leseerlebnisse geistig miteinander teilen, wird sich nur schwer von Außenstehenden ermessen lassen.

Die folgenden Jahre des in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs werden, besonders nach Hitlers Annexion Österreichs, zur Zerreißprobe. Das Ausmaß von Ninons Sorge und Trauer um Angehörige und Freunde angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung und des grauenhaften Völkermords lässt sich nur erahnen. Ihre jüngste Schwester Lilly befindet sich mit ihrem Mann auf der Flucht und es dauert Jahre, bis sie etwas von ihr hört. Auch Hesse bangt um Freunde. Viele verschwinden, andere können fliehen. Nicht alle finden ohne Weiteres ein Land, das sie aufnehmen will. Ninon und Hermann Hesse sind für geraume Zeit damit beschäftigt, emigrierten Freunden und Bekannten nach Kräften zu helfen. Zu diesen Sorgen kommen finanzielle Engpässe wegen immer eingeschränkterer Publikationsmöglichkeiten in Deutschland. All dem zum Trotz beendet Hesse in diesen Jahren Das Glasperlenspiel, sein großes Alterswerk, als Versuch, dem Ungeist der Zeit etwas von geistigem Bestand entgegenzusetzen. Die aus den kräftezehrenden Anstrengungen dieser Jahre resultierende Erschöpfung wirkt sich in den Nachkriegstagen nochmals kritisch aus. Hesse zieht sich zurück, fühlt sich ausgelaugt und krank. Der Nobelpreis 1946 wird ihm in Abwesenheit verliehen, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1955 nimmt Ninon in Frankfurt stellvertretend für ihn entgegen. Hermann Hesse bleibt Schweizer und der Schweiz verbunden, auch wenn das deutsche Lesepublikum ihm das teilweise übelnimmt. Für die Verantwortung der Deutschen für das Geschehene findet er deutliche Worte: „Die Mehrzahl meiner Freunde in Deutschland wußte Bescheid, und manche sind gleich 1933 emigriert, andre in den Folterkammern der Gestapo verschwunden, so wie die Angehörigen und Freunde meiner Frau fast ohne Ausnahme in Himmlers Gasöfen in Auschwitz etc. verschwanden. Und Ihr habt von alledem nichts gewußt!“ schreibt er 1946 in einem Brief an Wilhelm Schussen, der zu den 88 Schriftstellern gehörte, die 1933 das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ zu Adolf Hitler unterzeichnet hatten.

Einstweilen gestalten sich die letzten Jahre, die das Paar miteinander verbringt, zunehmend harmonischer. Der Dichter hat sein Hauptwerk vollendet, befindet sich in ruhigeren Fahrwassern, widmet sich nunmehr kleineren Projekten, findet Ausgleich in seinem Garten und genießt das häufige Zusammensein mit seinen Enkelkindern. Zu seinen Söhnen hat Ninon von Beginn an ein gutes, wenn nicht herzliches Verhältnis. Auf Fotos, die sie als jüngere Frau zeigen, wirkt sie meist steif, verschlossen und reserviert, das Gesicht geradezu zur Maske erstarrt. Sie selbst beschreibt ihre Neigung zum Erstarren in einem Brief vom 11. Oktober 1933 als „Reaktion auf innere Erlebnisse –  es ist eine Eisschicht, die mich manchmal umzieht, mich isoliert, eine Art Schutz.“ Bilder aus den letzten Jahren jedoch zeigen eine gelöste Ninon, wie auch das Titelbild der neu vorliegenden Biografie von Gisela Kleine ein fröhliches Paar zeigt, das herzlich und innig einander zugeneigt ist. Oft wurden solche Bilder von Hesses jüngstem Sohn Martin aufgenommen, der es offenbar gut verstand, Ninon aus ihrer Reserviertheit zu locken. Trotz festgestellter Leukämie feiert Hermann Hesse 1962 noch seinen 85. Geburtstag. Einen Monat später stirbt er.

Hesses Tod ist ein harter Schlag für Ninon, von dem sie sich nie mehr richtig erholt. Trotz Trauer und Verzweiflung stürzt sie sich in die Arbeit, sichtet und ordnet seinen Nachlass, entscheidet sich gegen Widerstände aus der Schweiz für dessen Überführung ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach, gibt eine Sammlung von bis dahin unveröffentlichten Briefen und Dokumenten aus Hesses frühen Jahren unter dem Titel Kindheit und Jugend vor 1900 heraus und versucht, ihre archäologischen Reisen und Studien fortzusetzen. Doch das Herz ist angegriffen, ihre Kräfte reichen nicht mehr allzu weit. Ninon Hesse stirbt 1966, vier Jahre nach ihrem Mann.

Die Germanistin, Kunsthistorikerin und Frauenforscherin Gisela Kleine, geboren 1922, gehört zu den wenigen ihrer Zunft, die Ninon und Hermann Hesse noch persönlich begegnet ist und Gespräche und Briefwechsel mit beiden führte. Sie promovierte einst über Das Problem der Wirklichkeit bei Hermann Hesse, eine Doktorarbeit, die den Dichter sehr beeindruckt hatte, was zu einer persönlichen Einladung ins Haus Hesse führte. Ihr Buch Ninon und Hermann Hesse – Biographie eines Paares, das nun in neuer Auflage vorliegt, ist nicht eigentlich neu. Es erschien erstmals bereits 1982 bei Thorbecke unter dem Titel Ninon und Hermann Hesse – Leben als Dialog, 1988 folgte die Taschenbuchausgabe Zwischen Welt und Zaubergarten. Ninon und Hermann Hesse. Ein Leben im Dialog bei Suhrkamp. Beides Titel, welche die Essenz dieser Beziehung deutlicher zum Ausdruck bringen als der heutige. Denn wenn eine Beziehung, die zu keiner Zeit eine einfache war, vom Dialog lebte – und überlebte –, so war es die des Paares Hesse! Ein Eindruck davon lässt sich gewinnen bei einem Blick in die Briefe Ninons an Hermann Hesse, die im Jahr 2000 von Gisela Kleine herausgegeben wurden und zu einem wesentlichen Teil der Doppelbiografie zu Grunde liegen. Dort begegnen wir einer hochsensiblen, außerordentlich vielseitig interessierten und belesenen Frau, für die der Austausch mit vertrauten Menschen ein lebenswichtiges Elixier bedeutet. Sich selbst hingegen spricht sie, obwohl sie eigene Gedichte und Erzählungen verfasst, Märchensammlungen herausgibt und altgriechische Texte übersetzt, schriftstellerisches Talent völlig ab. „Es lebt in mir vieles, was ich nicht formen kann. Mir wurde das Erlebenkönnen verliehen, nicht das Gestalten“, schreibt sie am 22. Dezember 1920. Wer ihre Briefe liest, weiß, dass das so nicht stimmt. Ihre Kunst, im Zuge des Schreibprozesses Gedanken entstehen zu lassen, zu reflektieren und weiterzuentwickeln, zieht in den Bann, macht es schwer, die Briefsammlung wieder aus der Hand zu legen. Auch wenn Ninon Hesse ihren eigenen Anspruch an literarisches Schaffen natürlich sehr hoch – zu hoch – setzte, was vor allem daran lag, dass sie ihr Ideal täglich vor Augen hatte, war sie zweifellos eine brilliante Briefeschreiberin. Ihr schriftstellerischen Rang abzusprechen, würde bedeuten, die literarische Arbeit von Frauen über viele Jahrhunderte in Frage zu stellen, war doch von jeher der Brief eine häufig angewandte Ausdrucksform gerade von Frauen, denen innerhalb der gesellschaftlichen Schranken, die ihnen über lange Zeit auferlegt waren, oft keine andere Wahl blieb.

Ninons Briefe künden von einer Beziehung zweier Menschen, die über die Jahrzehnte in intensivem, lebhaftem geistigen Austausch standen, sich gegenseitig Dialogpartner und Inspiration waren. Schon ihr erster Brief lässt die angesichts ihrer Jugend eigentlich erwartete schwärmerische Komponente vermissen, nimmt viel mehr Bezug auf das Werk des Dichters als auf dessen Person. Die Lektüre des Peter Camenzind ist ein Schlüsselerlebnis in der Lektüre des lesebegeisterten jungen Mädchens. In diesem Entwicklungsroman gibt der Protagonist seine künstlerischen Bestrebungen auf – oder legt diese zumindest auf Eis –, um die vakante Gastwirtsstelle seines Heimatdorfes einzunehmen und damit in dessen provinzielle Gemeinschaft zurückzukehren, während er zuvor in der Fremde mehr und mehr Tendenzen zum Einzelgänger angenommen hatte. Ninon ist mit diesem Entschluss Camenzinds, mit dem sie leidenschaftlich mitfühlt, nicht einverstanden. Es kommt ihr einer Kapitulation gleich, erscheint ihr unehrlich, inkonsequent, gar als Verrat – an der Kunst sowie am eigenen Glück. Erste tiefgehende Leseerlebnisse, wissen wir als Lesende, machen etwas mit uns; sie können die Weichen für unser weiteres Leben stellen. Hermann Hesse selbst schildert ein solches in der Nürnberger Reise. Das Fragment Hölderlins Die Nacht war es, die ihm als jungem Menschen die Gewissheit ins Herz setzte: „Dies ist Dichtung! Dies ist Literatur!“ Für Ninon nimmt Peter Camenzind diesen Platz ein.

Es folgen Briefe, in denen Ninon über ihre Familie erzählt, über das Gymnasium, das sie als eines von sechs Mädchen ihres Jahrgangs mit Ausnahmegenehmigung besucht, über ihr Leben in Czernowitz und später als Studentin in Wien. Immer wieder gibt es längere Unterbrechungen. Später wird aus Freundschaft Liebe. Der Austausch wird intensiver, intimer auch. Schließlich lebt das Paar an einem gemeinsamen Lebensort und Briefwechsel beginnen sich auf Hauspost und auf Briefe während der Abwesenheit eines Partners zu beschränken. Da Ninon sich jedoch oft auf Reisen befindet, begleiten die Briefe das Paar dennoch über weite Strecken ihres gemeinsamen Lebens, während derer die Verbundenheit zwischen beiden nie abreißt. Hermann Hesses Antworten auf die Briefe Ninons kennen wir nur zum Teil. Manche finden sich in seinen Gesammelten Briefen, manche sind nicht erhalten, andere derzeit noch von den Rechteinhabern gesperrt. Genannt wird mitunter das Jahr 2017. Dieses ist bereits angebrochen. Wir dürfen gespannt sein.

Die ihr zugänglichen Dokumente hat Gisela Kleine aufs Sorgfältigste ausgewertet; sie zeichnet nicht nur ein großartiges Bild einer facettenreichen Partnerschaft und Künstlerehe, sondern zugleich das Panorama einer zeitgeschichtlichen Epoche, die sich zunehmend dem Gedächtnis der heute Lebenden entzieht. Ihre Paarbiografie beginnt mit dem Leben Ninons und trifft Hesse in der Lebensmitte, was zunächst zu Irritationen führt. Viele werden sich im Laufe der Lektüre fragen: Und Hesses Anfänge? Mit ihnen beschäftigt sich das Buch schließlich ganz am Ende, nach Hesses Tod, als Ninon sich nach sorgfältiger Erwägung entschließt, seine Jugenddokumente herauszugeben und so der Nachwelt seinen komplexen Werdegang als Dichter sowie den seines Werkes näher zu bringen, zugleich aber auch – in ihrer Sicht auf die Dinge als Historikerin – durch das exemplarische Beispiel das Bild einer ganzen Epoche nachzuzeichnen. Ihr Verdienst in dieser Hinsicht – darin sind sich Kenner und Freunde Hesses einig – kann nicht hoch genug bewertet werden, Printmedien sprachen gar von einem „neuen Weg zu Hesse“; es ist dies ein ganz wesentlicher Teil ihrer Lebensleistung, von deren Würdigung sie selbst leider nichts mehr mitbekam.

Warum Gisela Kleines Buch unbedingt gelesen werden sollte: Es ist, da seine Wurzeln 35 Jahre zurückliegen, eines der „guten alten“ – und somit nicht nur sprachlich ein Hochgenuss, sondern auch wohltuend frei von Druckfehlern und grammatikalischen Schludereien des nachfolgenden Bildschirmzeitalters. Es nimmt mit auf eine eindrucksvolle Zeitreise und weitet den Blick. Es lässt uns nicht nur mit Ninon eine faszinierende Frauenpersönlichkeit, sondern auch den Dichter Hermann Hesse selbst nochmals neu kennenlernen. Und es versteht, neugierig zu machen auf all das, womit diese beiden Menschen – stets im Dialog miteinander – sich beschäftigten. Seien es die historischen und mythologischen Forschungen Ninons, in die sowohl die Biografie als auch Ninons Briefe einen tiefen Einblick gewähren. Oder die Werke Hermann Hesses selbst, die neu zu entdecken sich auf jeden Fall immer wieder lohnt.

Ninon und Hermann Hesse

Gisela Kleine: Ninon und Hermann Hesse. Biographie eines Paares.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2017.
663 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783458361985

Ninon HesseNinon Hesse: „Lieber, lieber Vogel“.
Briefe an Hermann Hesse.
Herausgegeben von Gisela Kleine.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2000.
619 Seiten, 32,80 EUR.
ISBN-13: 9783518411285

 

 

 

 

Diese Buchbesprechung erschien am 13.07.2017 im Rezensionsforum literaturkritik.de unter: Dialog als Voraussetzung – Gisela Kleines Doppelbiografie über Ninon und Hermann Hesse wurde neu aufgelegt

 

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Plädoyer für eine europäische Solidarität

Im Sog der Technokratie

Jürgen Habermas veröffentlicht mit „Im Sog der Technokratie“ den letzten Band seiner „Kleinen Politischen Schriften“

Bereits in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre entstanden die ersten Beiträge der in der Reihe „Kleine Politische Schriften“ versammelten Texte von Jürgen Habermas, während die Reihe selbst erst 1980 eröffnet wurde und nun in zwölf Bänden vorliegt. Die Texte dürfen, so Habermas, als „Versuch(e) der uneingeladenen argumentativen Beihilfe zum fortlaufenden Prozess der öffentlichen Meinungsbildung“ verstanden werden. Er wollte, so schreibt er, mit der Wahl des Reihentitels eine Rollentrennung bezeichnen, der zwischen den Interventionen oder „Eingriffen“ eines Intellektuellen und der wissenschaftlichen Tätigkeit eines Professors. Den roten Faden, so der Philosoph, bilden die „Aktualität der jeweiligen Themen und die öffentliche Präsenz der vorgestellten Zeitgenossen“.

Zwei ähnliche Aufsatzsammlungen habe er wegen ihres wissenschaftlichen Charakters der titelgebenden Abhandlungen gesondert in der edition suhrkamp, jedoch nicht in der Reihe publiziert: „Die Postnationale Konstellation“ und „Zur Verfassung Europas“. Er hat jedenfalls mit „Im Sog der Technokratie“ das Dutzend vollgemacht und den letzten Band vorgelegt, was er jedoch nicht als Abschluss, sondern lediglich als Beendigung einer Reihe interpretiert wissen möchte. Dies lässt für die Zukunft darauf hoffen, dass Jürgen Habermas weiterhin auch als ein in die politischen und gesellschaftlichen Zeitläufte „eingreifender“ Intellektueller wirken wird.

Versammelt sind in diesem letzten Bändchen Abhandlungen, Reden, Diskussionsbeiträge und Porträts aus den Jahren 2009 bis 2013, in der seine philosophisch-politischen Interventionen zu Europa den Schwerpunkt bilden. Das europapolitische Thema wird ergänzt durch über die Tagesaktualität hinausweisende Beiträge. Die ersten drei Texte betreffen das Verhältnis von Juden und Deutschen, und greifen damit ein Thema auf, so Habermas, „das den empfindlichsten Nerv unseres politischen Selbstverständnisses berührt“. Der letzte Abschnitt des Bandes enthält Dank- und Lobreden, unter anderem auf Ralf Dahrendorf, Michael Tomasello und Jan Philipp Reemtsma.

Der titelgebende Beitrag versteht sich als „Plädoyer für europäische Solidarität“ gegen den Primat entfesselter Finanzmärkte, dem ein „Exekutivföderalismus“ der europäischen Staaten sich auszuliefern im Begriff sei. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hatte 2011 die „Ratspolitik“ eines demokratieschwachen Europas in seiner Streitschrift „Sanftes Monster Brüssel“ mit den Worten bezeichnet: „Politik hinter verschlossenen Türen. Geheimniskrämerei. Kabinettspolitik.“ Die schon lange anhaltende Euro-Krise sowie die halbherzigen, oft populistischen Reaktionen der Politik ließen ein Misslingen des europäischen Projekts derzeit als reale Möglichkeit erscheinen, so formulierte es Jürgen Habermas bereits im Jahre 2011 in seinem Essay „Zur Verfassung Europas“. Er wendete sich auch dort gegen eine seit dem Scheitern des Verfassungsentwurfs im Jahr 2004 sich verselbstständigende postdemokratische Macht des Europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs im Verbund mit einem „Diktat der Märkte“.

Die Verwendung des Begriffs „Postdemokratie“ durch Jürgen Habermas in seinem Essayband „Zur Verfassung Europas“ wie auch „Im Sog der Technokratie“ weist auf das Buch „Postdemokratie“ von Colin Crouch hin, das im Jahre 2003 eine subtile Diagnose des demokratischen status quo der europäischen Staaten lieferte und zu dem Ergebnis gelangte, dass die demokratischen Institutionen nur noch formal im politischen System existieren und die Bürger der europäischen Länder eine weitgehend apathische Rolle spielen. Im Hintergrund solcher politischen Inszenierung wird Politik hinter verschlossenen Türen gemacht, und zwar von den gewählten Regierungen im Verbund mit Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft und des Finanzsektors vertreten. Sieht man sich die gegenwärtige Politik an, beispielsweise in Bezug auf die hochverschuldeten Länder wie Griechenland oder Spanien, und die Euro-Rettungsmaßnahmen, so können Crouchs Begriff der „Postdemokratie“ und Habermas’ „Exekutivföderalismus“ für das Agieren der europäischen Regierungen nicht treffender formuliert werden, da durch einen „technokratischen Sog“ eine zerrissene Europäische Union „an der Schwelle zur Solidarität“ verharrt, die sie momentan nicht überschreiten will oder kann. Der Preis dieser „technokratischen Lösung“ einer kleinen Funktionselite bestehe darin, dass die Souveränitätsrechte nun allein von den Regierungschefs des Europäischen Rates vertreten würden. Diese seien allerdings nicht, so betont Habermas, von den europäischen Bürgern in Ihrer Gesamtheit gewählt worden. Die Demokratie bleibe auf der Strecke.

Inzwischen hat sich die Krise rund um den „Tatort Euro“, um den neuen Buchtitel Joachim Starbattys zu verwenden, noch verschärft. Der emeritierte Tübinger Professor hatte bereit durch seine, allerdings gescheiterten, Verfassungsklagen gegen die Einführung des Euro und der Euro-Rettungsprogramme Berühmtheit erlangt und zieht nun für seine neue Partei „Alternative für Deutschland“ in den Bundestagswahlkampf. Starbatty schlägt vor, dass die hochverschuldeten „Nehmerländer“ den Euro verlassen „dürfen“ und nur die starken „Geberländer“ in der Eurozone verbleiben. Untergründig sardonisch wünscht Habermas in seinem aktuellen Beitrag „Demokratie oder Kapitalismus?“ der neuen Partei sogar Erfolg, da dieser die anderen Parteien dazu zwingen müsste, ihre „europolitischen Tarnkappen abzustreifen“ und „Merkels clever-böses Spiel der Dethematisierung“ der Europapolitik nicht länger mitzuspielen. Die rein technokratische Konsolidierungspolitik der EU-Regierungen habe das Ziel einer europäischen Wirtschaftsverfassung, die der demokratischen Willensbildung der europäischen Bevölkerung weitgehend entzogen bleibe. Es würden, so Habermas, „Weichenstellungen“ vorgenommen, die „von der Meinungs- und Willensbildung in den nationalen Öffentlichkeiten und Parlamenten entkoppelt“ seien. Mit ihrem postdemokratischen „Exekutivföderalismus“ schreibe eine Funktionselite den nationalen Parlamenten vor, was zu tun sei und was zu unterbleiben habe. Das könne allerdings nur zum Scheitern verurteilt sein. Deshalb müssten die europäischen Institutionen umgebaut und demokratisch „vertieft“ werden. Denn letztlich gebe es, so Habermas mit seiner „klotzigen These“ zu Beginn seines Diskussionsbeitrags auf dem Deutschen Juristentag 2012, nur die Alternative, entweder mit der Preisgabe des Euro „das Nachkriegsprojekt irreparabel zu beschädigen oder die politische Union“ – allerdings zunächst nur im Euro-Raum – „so weit zu vertiefen, dass Transfers und die Vergemeinschaftung von Schulden über nationale Grenzen hinweg legitimiert werden können.“

Wenn man die Währungsunion retten wolle, dann müssten mittels einer kooperativen, solidarischen Perspektive Anstrengungen unternommen werden, um Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit in allen Ländern der Euro-Zone zu fördern. Dies verlange von der Bundesrepublik auch, „im längerfristigen Eigeninteresse kurz- und mittelfristig negative Umverteilungseffekte in Kauf zu nehmen – das wäre ein exemplarischer Fall von politischer Solidarität“. Dem Europäischen Rat müsse, so der Starnberger Philosoph, paritätisch ein in seinen Rechten gestärktes Europäisches Parlament an die Seite gestellt werden; die Chancen für ein demokratisch verfasstes Europa würden größer durch die Unterordnung der Nationalstaaten unter supranationales EU-Recht, die Einzelstaaten teilten sich die verfassungsgebende Gewalt des supranationalen Gemeinwesens zusammen mit der Gesamtheit der Unionsbürger.

In seiner großen Rede anlässlich der Verleihung des Heinrich-Heine-Preises im Dezember 2012, die im neuen Band schon im ersten Abschnitt wiederzufinden ist, spricht Jürgen Habermas vom „Anblick des jämmerlichen Aufblühens nationaler Egoismen im Zuge der Banken-, Finanz- und Staatsschuldenkrise“. Heinrich Heine schrieb 1828 während einer Reise nach Genua die Worte: „Täglich verschwinden mehr und mehr die törichten Nationalvorurteile, alle schroffen Besonderheiten gehen unter in der Allgemeinheit der europäischen Zivilisation, es gibt jetzt in Europa keine Nationen mehr, sondern nur Parteien, und es ist ein wundersamer Anblick, wie diese […] trotz der vielen Sprachverschiedenheiten sich sehr gut verstehen.“ Diese Worte sind nun fast 185 Jahre alt. Ist es nicht Zeit, endlich aus Europa ein überstaatliches Gemeinwesen zu machen?

Jürgen Habermas hat seine Kleinen Politischen Schriften mit dem nun vorliegenden zwölften Band abgeschlossen. Auch in diesen „Interventionen“ des Philosophen Jürgen Habermas zeigen sich Größe und Format dieses solitären Intellektuellen. Nicht nur unser Land bedarf auch in Zukunft seiner kritischen Eingriffe in die Tagesaktualität ebenso wie der Fortsetzung seiner großen philosophischen Arbeit.

Dieter Kaltwasser

Jürgen Habermas: Im Sog der Technokratie. Kleine Politische Schriften XII. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 200 Seiten, 12 EUR. ISBN: 9783518126714

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