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Wem gehört Anne Frank? Oder: Was kann und darf Erinnerung?

Von Bettina Johl

AnneFrankSchoolPhoto

Wirbel um Anne Franks Tagebuch: In Frankreich hatten zu Beginn des Jahres die grüne Abgeordnete Isabelle Attard und der Informationswissenschaftler Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes das niederländische Original erstmals für alle frei zugänglich ins Internet gestellt. Ihr Argument: Mit dem Ablauf des Jahres 2015, Annes 70. Todesjahr, sei die Urheberrechts-Schutzfrist des Textes verstrichen und es gelte nun, den „Kampf seiner Befreiung zu führen“. Ganz anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel als Inhaber der Urheberrechte. Dessen Argument lautet, bei Franks Tagebüchern handle es sich um ein posthum veröffentlichtes Werk, das 1986 erstmals ungekürzt aufgelegt wurde und für das sich daraus ab diesem Zeitpunkt eine Schutzfrist von 50 Jahren ableiten ließe. Die rechtliche Auseinandersetzung darüber wird andauern.

Aufregung ganz anderer Art löste vor drei Jahren ein Eintrag im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam aus. Der zu dieser Zeit noch nicht 20-jährige kanadische Popsänger Justin Bieber hatte sich nach einem Besuch – wie das Haus berichtete –  „beeindruckt“ gezeigt, sich mit den Worten „Anne war ein tolles Mädchen“ verewigt und im Weiteren geschrieben, er hoffe, sie wäre auch ein Fan – er verwendete das unter solchen gebräuchliche Kunstwort „belieber“ – von ihm gewesen. Die darauf folgende Woge der Belustigung und Empörung, die in Presse und sozialen Netzwerken hochschlug, schien zu dem flapsigen und sicher nicht eben geistreichen Spruch des Teenie-Stars kaum im Verhältnis zu stehen. Anders als zu früheren, weniger vernetzten Zeiten erreichte und beschäftigte er weite Personenkreise, auch solche, die dem „Belieber“-Alter entwachsen sein dürften. Das wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf. Geht es hier noch um das heranwachsende jüdische Mädchen Anne, das mit seiner und einer weiteren Familie fast zwei Jahre in Amsterdam im Versteck lebte? Das sich dort mit außergewöhnlichem Talent unter extremen Bedingungen dem Schreiben widmete, wobei unter anderem ein beeindruckendes Tagebuch entstand, von dem seine Autorin nicht wissen konnte, dass dieses später um die Welt gehen würde? Ein „tolles Mädchen“ – eine tolle Geschichte? Gewiss, so hätte es sich im Rückblick wohl sagen lassen. Wenn Anne unversehrt überlebt und womöglich als heute 87-jährige Schriftstellerin ihren Enkelkindern davon hätte berichten können. Wir wissen, dass es anders kam.

Wie unzählige andere ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wurde Anne Frank letztlich verraten, verschleppt, gedemütigt, gequält und schließlich ermordet. Nach kurzem Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden wurde Anne mit ihrer Familie nach Auschwitz in Polen deportiert. Sie entging den Gaskammern, weil sie jung war und damit noch für Zwangsarbeit in Betracht kam. Sie wurde mit ihrer Schwester Margot zurückgeschickt, westwärts, nach Bergen-Belsen. Ihre Mutter starb in Auschwitz-Birkenau. Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide war kein Vernichtungslager – wenigstens das nicht –, dort herrschten ‚nur‘ Überfüllung, die übliche Brutalität, Hunger, unsägliche hygienische Bedingungen und infolge dessen Krankheit und Seuchen. Anne starb dort infolge von Entkräftung an Fleckfieber, wenige Tage nach ihrer Schwester Margot. Über ihr genaues Todesdatum herrscht bis heute Unklarheit; inzwischen wird von März oder gar Februar 1945 ausgegangen, jedenfalls – und das macht es besonders bitter – nur wenige Monate, bevor der unvorstellbar grausame Nazi-Spuk ein Ende fand. Die Leichname der Mädchen landeten in einem Massengrab. Von den ehemals im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Untergetauchten überlebte allein ihr Vater. Otto Frank verdankte dies einzig dem Umstand, dass er sich beim Herannahen der Roten Armee in Auschwitz in der Krankenbarracke befand und so den berüchtigten Todesmärschen knapp entging. Letzte Erschießungen hatten bereits begonnen. Kurz darauf waren jedoch auch die letzten Folterknechte so sehr mit ihrer eigenen Flucht beschäftigt, dass sie schließlich ihr bestialisches Mordhandwerk einstellen mussten.

Anne war es nicht mehr vergönnt, die Befreiung der Konzentrationslager zu erleben. Letzte Zeitzeugen schildern sie als „Skelett“ und „Schatten ihrer selbst“. Sie selbst war überzeugt, alle ihre Angehörigen verloren zu haben. Dass ihr Vater noch lebte, konnte sie nicht wissen. Ob ihr dies, hätte sie es gewusst, noch ausreichend Kraft verliehen hätte, länger durchzuhalten, lässt sich nicht sagen. Irgendwann ist ein Mensch physisch am Ende. Anne wurde keine 16 Jahre alt.

Eben diese bittere Tatsache, dass Anne Frank den beispiellosen Völkermord der Nazis nicht überlebte, und ihr Tagebuch, das erhalten blieb und schon kurze Zeit nach ihrem Tod weltweit zum Symbol für Auflehnung gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit erhoben wurde, hatten sie selbst schließlich zu einer Symbolfigur werden lassen. Zunächst für die Opfer der Shoah. Und schließlich mehr und mehr für alle Opfer von Unterdrückung und Völkermord in der Welt. Mediale Verarbeitungen des Tagebuchs sorgten für weitere Zuschreibungen. Anne stand schließlich für den „Glauben an das Gute im Menschen“, ein etwas aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus ihrem Tagebuch, mit dem das 1955 am New Yorker Broadway uraufgeführte Theaterstück The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett endete. Der originale Tagebucheintrag vom 15. Juli 1944 lautete: „Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Das Mädchen Anne Frank: Eine Ikone. Fortan unantastbar. Tatsächlich? Und für wen gilt das – und für wen nicht?

Biebers Gästebucheintrag mag unglücklich formuliert gewesen sein. Es war weder die erste, noch die letzte Selbstdarstellungsinszenierung, mit der er Unmut erregte – im Verlauf seines fortdauernden Teeniestar-Höhenflugs, mit dem einer, der selbst noch dabei ist, sich aus dem Teeniealter herauszuwursteln, auch erst einmal zurechtkommen muss. Aber: Wäre es denn grundsätzlich verwerflich, mit vielleicht etwas anderen Worten zu fragen: „Wenn wir uns denn – zu einer anderen Zeit – begegnet wären, hättest du meine Musik gemocht? Hätten wir uns womöglich gegenseitig etwas geben können?“ Denn es ist ja im Grunde der Wunsch eines jeden jungen Menschen, der soeben seine Talente entfaltet: gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, fortzuwirken, Spuren zu hinterlassen im Gedächtnis und Wirken anderer. Gar bewundert zu werden. Eine Sehnsucht, die in jungen Jahren – und nicht nur – mit dem Bewundern anderer in Wechselwirkung steht. Anne, die sich übrigens, wie nahezu jeder Teenager, Starfotos aus Zeitschriften an die Wände pinnte, hatte dies selbst mehrfach ausformuliert. Es war ihr eigener großer Wunsch, journalistisch und schriftstellerisch fortzuwirken. Immer wieder werden andererseits auf Ausstellungen verschiedener Anne-Frank-Gedenkstätten oder auch im Schulunterricht, wo Annes Tagebuch didaktisch eingesetzt wird, junge Leute aufgefordert, fiktive Briefe an sie zu schreiben, um ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Auch hier zeigt man sich nicht immer glücklich über die Eigendynamik, die sich mit einem solchen Versuch entwickeln kann, entspricht doch die Art der Identifikation der jungen Menschen nicht immer der vom Bildungsplan angestrebten Richtung. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase haben junge Menschen nun einmal ihre eigenen Gedanken und Anliegen, die ihnen oftmals näher stehen als die pädagogisch gewollten. Sie identifizieren sich mit Anne, fühlen sich ihr nahe – gewiss, aber ihre eigentlichen Themen sind die Heranwachsender in einer Entwicklungsphase, die sie naturgegeben stark beschäftigt: körperliche Veränderungen, Gefühlswirrungen, Rollen- und Identitätsfindung, Abgrenzung von den Eltern, Zukunftspläne, die Suche nach einem eigenen Weg.

Was darf Erinnerung? Oder: Gibt es ‚richtige‘ Formen des Erinnerns und wer legt fest, welche das sind? Die anhaltende Aufregung um Anne Frank zeigt es. Sie dokumentiert das Ringen um die ‚richtige‘ Form der Erinnerung, um die ,richtige‘ Verwendung von Geld für die ,richtigen‘ Zwecke, und immer wieder um Urheber- und Deutungsrechte. Im Jahr 2014 scheiterte ein vom ZDF geplantes Filmprojekt, das der Sender schließlich auf Betreiben des Anne Frank Fonds in Basel einstellen musste. Bei dieser von Otto Frank 1963 gegründeten Stiftung – nicht zu verwechseln mit der sechs Jahre älteren, 1957 ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Anne-Frank-Stiftung, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdem als Gedenk- und Begegnungsstätte unterhält – handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Einnahmen aus dem Erlös von Urheberrechten gezielt Projekten der Bildung, der Aufklärung und des Gedenkens zugute kommen zu lassen. Des Weiteren macht sie sich weltweit für Kinderrechte stark. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sie sich gegen eine Kommerzialisierung des Namens Anne Frank durch Dritte. Um ein vom Fonds unterstütztes Projekt handelt es sich hingegen bei der deutschen Literaturverfilmung Das Tagebuch der Anne Frank unter der Regie von Hans Steinbichler, die Anfang des Jahres in deutschen Kinos anlief. Diese stammt, ebenso wie das ein Jahr zuvor von der ARD ausgestrahlte, sehr sehenswerte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank unter Regie von Raymond Ley, aus der Produktion von Walid Nakschbandi, der sich als aus Afghanistan eingewanderter Vierzehnjähriger erstmals mit Anne Franks Tagebuch beschäftigt hatte. Dessen Firma, inzwischen Inhaberin der exklusiven Filmrechte, gehört wiederum wie der S. Fischer Verlag, in dem seither alle Anne Frank-Bücher, einschließlich der 2013 aufgelegten Gesamtausgabe, erschienen sind, zur Holtzbrink Verlagsgruppe. Steht dahinter der Wunsch, möglichst ,alles unter einem Dach‘ haben zu wollen? Auf jeden Fall wurde großer Wert auf eine authentische ,Film-Anne‘ gelegt. In beiden Inszenierungen überzeugen mit Mala Emde und Lea van Acken sorgfältig ausgewählte, starke Hauptdarstellerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Berufsschauspielerinnen waren.

Der Schweizer Fonds und die Niederländische Stiftung wiederum haben sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit eher unbemerkt – stark auseinandergelebt. Das mag auch damit einhergehen, dass die meisten der Menschen, die Anne noch persönlich gekannt hatten, inzwischen nicht mehr am Leben sind. Nach Otto Frank im Jahr 1980 verstarb 2010 in den Niederlanden 100-jährig Miep Gies, die berühmte Helferin im Versteck und Bewahrerin der Tagebücher. Mit ihr verließ uns eine überaus wichtige Zeitzeugin, die noch in hohem Alter die Ereignisse aus ihrer Sicht in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank veröffentlichte. Dieses liest sich – auch für Menschen, die überzeugt sind, die ganze Geschichte bereits in- und auswendig zu kennen – packender als jeder Thriller, umso mehr, als in ihm die immer drückendere Atmosphäre, die das Geschehen begleitet, sehr intensiv zu spüren ist und lange nachwirkt. Im März 2015 schließlich verstarb der Schweizer Schauspieler Buddy Elias, jener Cousin Anne Franks, der in ihr einst die Begeisterung für das Eislaufen geweckt hatte. Eine neue Generation steht nun hier wie dort vor der Aufgabe, sich mit dem Erbe Anne Franks und dessen ‚richtiger‘ Verwendung zu beschäftigen. Nicht einfacher wird dies durch den Umstand, dass alle Tagebücher, Fotos und anderen Aufzeichnungen Anne Franks durch ihren Vater per Testament weder der einen noch der anderen Stiftung, sondern vielmehr dem Niederländischen Institut für Kriegsforschung (NIOD – Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie) vermacht wurden. Zu dieser Entscheidung mögen rein praktische Beweggründe geführt haben, wie der Wunsch, die Dokumente einem staatlichen Institut, das übrigens später auch die Echtheit der Tagebücher untersuchen und belegen sollte, zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, als auch der Umstand, dass das Anne-Frank-Haus selbst damals noch nicht über geeignete klimatisierte Räumlichkeiten verfügte. Die Vermutung liegt nahe, dass Anne selbst es wohl für richtig befunden hätte, ihren Nachlass dem Niederländischen Staat anzuvertrauen, da es ihre eigene – durch Radio Oranje inspirierte – Idee war, ihr Tagebuch später unter anderem als Kriegsdokument zur Verfügung zu stellen. Bei dem im Anne-Frank-Haus zu besichtigenden Original-Tagebuch handelt es sich somit um eine dauerhafte Leihgabe des Instituts.

Inzwischen wurde Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, von vielen geradezu selbstverständlich als Niederländerin angesehen und wahrgenommen. Als im Jahr 2004 ein holländischer Fernsehsender sie gar auf die Kandidatenliste seiner Show Größte Niederländer aller Zeiten setzte, fiel dann doch manchem auf, dass Anne nie wirklich Niederländerin war. Gewiss war sie in ihrem Herzen Niederländerin und schrieb auf Niederländisch. Sie war Deutsche von Geburt, doch das ‚Deutschsein‘ war ihr schließlich allzu gründlich ausgetrieben worden. Durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft als Jüdin infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 galt sie fortan als staatenlos. Eine postume Einbürgerung konnte nach niederländischem Gesetz nicht erfolgen, während das deutsche Bundesinnenministerium sich wiederum beeilte, die Ausbürgerung durch die Nazis für nichtig, da nicht rechtens, und Anne somit zur Deutschen zu erklären. Einige Jahre später hätten auch die USA, in die der Familie Frank zu Lebzeiten keine Einwanderung mehr möglich war, Anne gern rückwirkend die amerikanische Staatsangehörigkeit verliehen. Doch solcherlei Versuche, die Geschichte nachträglich zu glätten, bleiben fragwürdig.

Aus dem NIOD wiederum meldet sich mit dem Historiker David Barnouw ein Insider zu Wort, der sich mit Anne beschäftigt hat, seit ihre Dokumente in den Besitz seines Instituts übergingen. Sei es, dass er während der ersten Jahre persönlich im Anne-Frank-Haus einmal im Quartal die Tagebuchseiten umwendete, um ihrem Ausbleichen entgegenzuwirken, oder dass er später Mitherausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebuchtexte werden sollte. Rückblickend erscheint es, als sei er in der Vergangenheit immer dann zu Stelle gewesen, wenn der Hype um Anne sich einmal wieder zu überschlagen drohte; sei es, als immer wieder – vor allem von Seiten rechter Gruppierungen – versucht wurde, die Echtheit der Tagebücher anzufechten, oder auch, als es um die Frage ging, wer die Familie Frank letztlich verriet. Mit einer Veröffentlichung unter dem Titel Wer verriet Anne Frank? erläuterte er 2006 alle bis dahin vorliegenden Fakten, verwies den Rest ins Reich der Phantasie und machte damit mancher wilden und unfruchtbaren Spekulation ein Ende. Unfruchtbar deshalb, weil die nachträgliche Suche nach Sündenböcken kontraproduktiv ist. Wer immer die Bewohner des Hinterhauses, die durch Annes Tagebücher allgemein bekannt wurden, verriet, ist kein schlimmerer und kein besserer Verräter, als jeder andere miese Denunziant aus jener Zeit, der andere Menschen auf dem Gewissen hat, an die sich zu deren Unglück nur niemand mehr erinnert. Vielmehr gilt es, der Frage nachzugehen, wie eine menschliche Gesellschaft überhaupt in die Situation geraten kann, mehrheitlich zu einem Volk der Mitläufer, Denunzianten und Mittäter zu werden, und nach Wegen zu suchen, dies künftig dauerhaft zu verhindern, umso dringender angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen und des zunehmenden Rechtspopulismus in Europa. Um es mit Theodor W. Adorno zu sagen: „Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Davids Barnouws jüngstes Buch Das Phänomen Anne Frank, das uns eine chronologische Darstellung der historischen Ereignisse und zugleich eine ausführliche Rezeptionsgeschichte der Texte Anne Franks sowie deren medialen Verarbeitungen liefert, erschien erstmals 2012 in den Niederlanden unter dem Titel Het fenomeen Anne Frank. Seit letztem Jahr liegt es in überarbeiteter Form nun auch in deutscher Sprache vor. Es bietet allen, die sich näher mit Anne Frank beschäftigen möchten, eine gute und umfassende Übersicht über alle Ereignisse, inklusive der Medienereignisse vom Beginn bis in die Gegenwart, nicht ohne die Instrumentalisierung und Vermarktung des Namens Anne Frank kritisch zu beleuchten. Dies wiederum trug dem Autor – auch und gerade bei der Anne-Frank-Stiftung – nicht nur Freunde ein. Mit ihrer unbeirrt sachlichen Haltung steht seine Veröffentlichung jedoch einmal mehr als ruhender Fels in der Brandung aller mehr oder weniger hitzig geführten Debatten.

Inwieweit ein Name, eine Person oder auch ein Stoff bei der Umsetzung in ein mediales Format der Gefahr der Instrumentalisierung, im schlimmeren Fall auch der Trivialisierung, ausgesetzt ist, bleibt eine spannende Frage. Dies zeigt eine Sammlung von Aufsätzen, die vorletztes Jahr unter dem Titel Anne Frank – Mediengeschichten erschien. Verschiedene Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit oder Lehrtätigkeit mit unterschiedlichen Medialisierungen von Anne Franks Geschichte beschäftigten, kommen hier zu Wort und gehen vor allem der Frage nach, inwieweit eine Geschichte durch eine andere mediale Verarbeitung neu erzählt oder auch umerzählt wird. Angefangen beim unbewegten Medium, beispielsweise der Fotografie oder dem Denkmal, und der Botschaft, die es transportiert – einmal durch das, was es erzählt und zum anderen auch durch das, was es nicht erzählt – über die vielfältigen szenischen Umsetzungen des Stoffes für Bühne oder Film, bis hin zu Übertragungen der Geschichte in modernere Formen, zum Beispiel die der Graphic Novel oder des japanischen Mangas, und schließlich den Möglichkeiten, die neue, interaktive Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, zeigt sich hier ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Erzählformen. Als jüngstes Beispiel sei hier noch das neue Theaterstück ANNE von Leon de Winter und Jessica Durlacher angefügt, 2014 uraufgeführt in einem eigens zu diesem Zweck neu erbauten Theater in Amsterdam.

Die diversen Erzählformen wiederum können, abhängig von der Motivation des Senders, der Art und Weise der Übermittlung und nicht zuletzt von Alter, Persönlichkeit, Vorbildung und Vorerfahrungen der Empfänger innerhalb einer Zielgruppe sehr unterschiedliche Auslegungen und Deutungen hervorbringen. Neue Medien schaffen überdies Möglichkeiten des Zugangs, an die früher niemand auch nur zu denken gewagt hätte. Zum Beispiel bietet das Anne-Frank-Haus auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das gesamte Haus in der Prinsengracht, welcher auch Menschen, denen keine Besichtigung vor Ort möglich ist, erlaubt, sich einen Eindruck der Räume und des ehemaligen Verstecks im Hinterhaus zu verschaffen. Als eine originelle Idee ist auch der „Anne-Frank-Tree“ zu nennen, ein virtueller Kastanienbaum anstelle des echten, den Anne in ihrem Tagebuch erwähnt. Jener war leider aus Altersgründen letztlich nicht mehr zu retten und stürzte trotz aufwändiger Sanierungsaktionen im Jahr 2010 endgültig um, während dafür Setzlinge von ihm um die ganze Welt gingen. An seinem im Internet verewigten Abbild ist es nun möglich, mit dem Anheften virtueller Gedenk-Blätter eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich mit Menschen desselben Anliegens zu verbinden. Mit „Anne Frank im Land der Mangas“, ein Thema, dem im Buch ebenfalls ein eigener Aufsatz gewidmet ist, gestaltete ein Team belgisch-französischer Künstler auf der Internet-Seite des Senders Arte ein „begehbares Manga“. Ein interaktiver Comic – in der in Japan bei Kindern und Erwachsenen äußerst beliebten Form des Mangas – begleitet nachträglich eine Reise der Autoren auf der Suche nach Spuren Anne Franks im fernen Osten. Er beleuchtet mit gewissem Augenzwinkern ein Land der Widersprüche, das Anne einerseits hoch verehrt, ihr gar eine Kirche geweiht und eine Rosensorte gewidmet hat und sich mit ihr gleichsam als Weltkriegsopfer – Holocaust und Hiroshima wurden im selben Atemzug genannt – identifiziert, dem andererseits die Auseinandersetzung mit der anderen, dunklen Seite der eigenen Täterrolle bei Kriegsverbrechen ähnlich schwer fallen will, wie dem einst verbündeten Deutschland. Es handelt sich um ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, wie die Instrumentalisierung ausgerechnet des Namens Anne Frank Verzerrungen in der Wahrnehmung historischer Ereignisse befördern kann.

Hingegen lohnt es sich in der Tat, näher zu betrachten, inwieweit die fiktive Präsenz einer Ikone wie Anne Frank in einem sozialen Netzwerk – nehmen wir beispielsweise Facebook –  einerseits neue Möglichkeiten der Identifikation und Erinnerung schaffen, jedoch andererseits zur Trivialisierung der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen zum Zweck der Unterhaltung um jeden Preis führen kann. Seit Erscheinen des Beitrags „Meine Freundin Anne Frank – Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone“ hat sich die Situation nochmals verändert. Die Verantwortlichen von Facebook haben in der jüngsten Zeit darauf hingearbeitet, fiktive Personenprofile zu löschen, beziehungsweise diese in Seiten umzuwandeln. Das heutige Anne-Frank-Profil suggeriert somit Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr, mit Anne ‚befreundet‘ zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Fan-Seite, die von diesen mit „Gefällt mir“ markiert werden kann und ihnen – wie jede andere Facebook-Seite – Einstellungen anbietet, um neue Postings an erster Stelle der persönlichen Timeline angezeigt zu bekommen. So ist auf der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam betreuten Anne-Frank-Seite ein Einblick in Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums sowie ein Weiterverbreiten dieser Meldungen über die „Teilen“-Option möglich, was der Stiftung und ihren Projekten zunehmend größere Bekanntheit verschafft. Das ist in diesem Falle nur wünschenswert, da sich die Organisation Zielen wie Aufklärung, Bildung, Begegnung und internationalem Austausch junger Leute verschrieben hat, die anzustreben heute wichtiger ist denn je. Natürlich muss sich eine Seite, die auf Interaktion setzt, unter anderem mit unpassenden und destruktiven Kommentaren auseinandersetzen, und leider verwenden auch rechtsextreme Kreise die sozialen Netzwerke sehr intensiv als Plattform für ihre Zwecke. Denn mehr als jedes andere Medium kann Social Media nun einmal auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden. Gerade deshalb wäre es jedoch der falsche Ansatz, Plattformen wie Facebook pauschal abzuwerten oder gar schlecht zu reden – und geradezu fatal, wenn Einrichtungen und Organisationen, die auf Bildung und Aufklärung setzen, sich aus ihnen zurückziehen würden. Für diese gilt es umso mehr, soziale Netzwerke und deren Möglichkeiten intensiv zu nutzen, ihre Präsenz dort sorgfältig und aktuell zu pflegen und sich mit gleich und ähnlich gesinnten Seiten zu vernetzen, um im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung deutlich Position zu zeigen. Dass der Basler Anne-Frank-Fonds die Aktivitäten auf seiner eigenen Facebook-Seite seit Herbst 2015 offensichtlich komplett eingestellt hat, ist zu bedauern und tut dessen Bildungszielen keinen guten Dienst. Die von der Anne-Frank-Stiftung in den Niederlanden sehr sorgfältig gepflegte Präsenz Anne Franks auf Facebook wiederum zeigt das facettenreiche Profil einer Autorin, die als Opfer der Shoah vielen anderen Opfern stellvertretend eine Stimme gab, die weiter fortwirkt. Somit gewinnt diese Seite zugleich den Charakter einer wichtigen Bildungsinstanz.

Hingegen nehmen junge Menschen Anne vor allem als eine der ihren wahr, identifizieren sich mit ihr als einer Gleichaltrigen, die sich traute, ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, auch viele heikle Dinge beim Namen zu nennen, die Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen. Sie identifizieren sich jedoch eher nicht – so sehr auch Lehrerinnen und Lehrer, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen sich darum bemühen mögen – mit Anne als Opfer der Shoah. Dies können sie vermutlich auch nicht. Zu allen Zeiten dürfte es jungen Menschen widerstrebt haben, sich mit Opfern zu identifizieren, eine Abneigung, die sehr viel mit Selbstschutz zu tun hat – und die gegenwärtig auch in der gängigen, abwertenden Schimpfwortbezeichnung „Du Opfer!“ ihren Ausdruck findet. Zum Opfer werden, das kann niemand wollen, daran mögen wir noch nicht einmal denken! Und es lässt sich auch nicht sagen, ob Identifikation mit den Opfern tatsächlich verhindern kann, nicht eines Tages doch zu Tätern oder Mittätern zu werden. Denn gerade dies entwickelt sich ja oft aus dem – freilich simplen – Entweder-Oder-Glauben, andernfalls womöglich selbst Opfer zu werden. Mechanismen, über die nachzudenken Unbehagen bereiten muss. Bedeutet es für uns als Deutsche schließlich auch, uns damit zu konfrontieren, dass – Tatsachen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zufolge – in den Reihen der eigenen, mehrheitlich schweigenden Vorfahren seltenst Widerstandskämpfer, wohl aber Täter, Mittäter und feige Mitläufer gewesen sein müssen. Und notwendigerweise erfordert es im nächsten Schritt, sich mit der noch dringenderen Frage auseinanderzusetzen, wozu wir denn selbst fähig wären, vor die Wahl gestellt: In Aussicht gestellte Teilhabe an der Macht bei Mitlaufen und Mittun – oder Ausgrenzung bis hin zur Verfolgung bei Widerstand? Dies ist ein schmerzhafter Prozess; er lässt sich durch nichts abmildern, und nicht ganz zu Unrecht empfinden junge Menschen ihn als Zumutung, denn ihre Vorfahren, die es eigentlich betraf, haben diesen Prozess mehrheitlich umgangen, sich unfähig gezeigt, sich mit eigener Schuld und Mitschuld auseinanderzusetzen. Wie sollen ihnen das die nächsten Generationen abnehmen? So ganz ohne Vorbilder? Schuld, die sich einfach weitervererben lässt, nach dem Motto: Sollen sich die Nachgeborenen doch damit herumschlagen!? Wer kann es diesen verdenken, wenn sie ein solches Erbe ausschlagen? Bleibt das Erbe der Verantwortung, welches nicht ausgeschlagen werden kann: Wie lässt sich das an junge Menschen herantragen? Vielleicht bedarf es hier nicht gar so vieler Verrenkungen. Möglicherweise reichen Denkimpulse aus. Es kann – nicht nur für junge Menschen – immer wieder ein einfacher erster Schritt sein, festzustellen: Hier war jemand, der wegen angeblichen Andersseins ausgegrenzt wurde und doch ähnlich dachte und fühlte wie ich, obwohl er oder sie zu einer ganz anderen Zeit lebte. Und dann darauf zu vertrauen, dass junge Menschen durchaus zum Selbstdenken und Weiterdenken in der Lage sind, wenn dies vielleicht auch in ganz anderen, als in den von Didaktik und Methodik vorgesehenen Bahnen geschehen mag.

Was darf Erinnerung? Wie schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, zu sagen: Alles, was dem offenen Austausch, der Begegnung und Friedensbemühungen in aller Welt dient. Alles, was hilft, künftige Barbarei zu verhindern. Um es nochmals mit den Worten Adornos zu sagen: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das Vorwort von Miep Gies in ihrem Erinnerungsbuch Meine Zeit mit Anne Frank, das vor zwei Jahren zum dritten Mal aufgelegt wurde, endet mit den Worten: „Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten – Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals. Es ist an uns, den einfachen Menschen in aller Welt, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht.“

Was machte Miep Gies zu einem Menschen, der anders handelte? Welche Erfahrungen in ihrer Jugend befähigten sie zu ihrer so ganz anderen Haltung? In Wien geboren, wurde sie als Elfjährige nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen eines Hilfsprogramms für hungernde österreichische Kinder zu einer ihr zuvor unbekannten Pflegefamilie in die Niederlande verschickt. Diese hatte bereits mehrere eigene Kinder und war keineswegs reich – der Vater ein Arbeiter –, aber der festen Überzeugung, dass dort, wo schon so viele satt werden, es auf einen mehr nicht ankomme. Wenn Miep Gies ihre Lebensbedingungen in dieser Familie beschreibt, so entbehrt dies völlig Schilderungen, wie sie aus dieser Zeit normalerweise erwartet werden, womöglich von Entbehrungen, harter Disziplin oder gar Schlägen, die angeblich „noch keinem geschadet haben“, und ähnlichem, das unseren Ohren aus Berichten unserer eigenen Vorfahren vertraut ist. Vielmehr entsteht das Bild von einer freundlich umsorgenden Atmosphäre liebevoller Akzeptanz und Wärme, die ganz offensichtlich auch von Mieps neuen Geschwistern so erfahren und weitergegeben wurde, von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft auch von Kindern in der Umgebung, die offenbar unter ähnlichen Bedingungen aufwuchsen, und schließlich von einem insgesamt geistig aufgeschlossenen und bildungsfreundlichen Klima, in dem Heranwachsende unter anderem angehalten wurden, Zeitung zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier scheint sich ganz schlicht das spätere Astrid-Lindgren-Zitat zu bestätigen: „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“ Dies nur, um eine Ahnung davon entstehen zu lassen, wie die theoretisch viel diskutierte Erziehung nach Auschwitz in der Praxis aussehen könnte. Denn leider sieht es immer noch so aus, als hätten wir in dieser Hinsicht gar keinen Plan, während eine neue Generation in Teilen der Anziehungskraft des Barbarischen neu zu erliegen droht.

Und wem gehört nun Anne Frank? Einerseits zur unantastbaren Ikone verklärt, andererseits im selben Zug – oft auch gerade von den Menschen, die sie dazu erklären – nach Belieben für die unterschiedlichsten Belange herangezogen? Sie, die sich schon immer sehr darüber wunderte, „dass erwachsene Menschen so schnell, so viel und über alle möglichen Kleinigkeiten Streit anfangen“, wie es einem Tagebuch-Eintrag vom 28. September 1942 zu entnehmen ist? Wäre es nicht an der Zeit, sie ein wenig sich selbst zurückzugeben? Am ehesten kann dies gelingen, indem wir ihr eigenes Werk lesen. Unter dem Titel Denn schreiben will ich!, ein Ausruf, mit dem ein selbstkritischer Eintrag vom 5. April 1944 endet, erschien in diesem Jahr in neuer Übersetzung bei Reclam eine handliche, leinengebundene Ausgabe. Sie enthält Annes wichtigste Tagebuchauszüge, eigene Erzählungen aus ihrem „Geschichtenbuch“ und einen Auszug aus ihrem begonnenen und unvollendeten Roman Aus Cadys Leben. Hier entsteht anschaulich das Bild eines jungen Mädchens mit ungewöhnlicher schriftstellerischer Begabung, scharfer Beobachtungsgabe und herzlichem Humor, das sich das „Dennoch“ zum Motto ihres kurzen Lebens gemacht hatte, welches ihr – und mit ihr vielen anderen, die Rede ist von mehreren Millionen, darunter geschätzte eineinhalb Millionen Kinder – schließlich auf denkbar schlimmste Weise genommen wurde. Uns, die wir angesichts dieser kaum vorstellbaren Fakten immer wieder sprachlos verharren, bleibt im Grunde nur, dieses „Dennoch“ zu übernehmen, es uns zu eigen zu machen und weiterzutragen. In jeder Hinsicht.

 

Dieser Beitrag erschien am 17.08.2016 in Rezensionsforum literaturkritik.de.

 

 

Miep Gies Anne Frank

Miep Gies:
Meine Zeit mit Anne Frank.
Der Bericht jener Frau,
die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte,
sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte –
und sie doch nicht retten konnte.
Übersetzt aus dem Englischen von Liselotte Julius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
256 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783596183678

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umschlag_mediengeschichten_druck.indd

Peter Seibert / Jana Piper / Alfonso Meoli (Hg.):
Anne Frank. Mediengeschichten.
Metropol Verlag, Berlin 2014.
272 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783863311995

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Anne Frank_14.8.2015.inddDavid Barnouw:
Das Phänomen Anne Frank.
Aus dem Niederländischen
von Simone Schroth.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2015.
180 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783837512465

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Denn schreiben will ichAnne Frank:
Denn schreiben will ich!
Aus den Tagebüchern und anderen Werken.
Reclam Verlag, Stuttgart 2016.
262 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783150110553

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Anne Franks Vermächtnis

annefranklitera

Zur neu erschienenen Gesamtausgabe ihrer Werke

Von Bettina Johl

Wann bin ich erstmals mit ihr in Berührung gekommen? Ich erinnere mich an ein Buch, eine Anthologie, die ich in sehr jungen Jahren las. Darin begegnete ich Autorinnen, die mich künftig beschäftigen sollten, fand darin Texte von Virginia Woolf, George Sand, Lou Andreas Salomé, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg, Luise Rinser und Christa Wolf sowie auch einen Auszug aus Anne Franks Tagebuch. Dieses hatte ich bis dato nicht gekannt. Wenn ich in meiner Umgebung etwas davon vernommen hatte, so waren es Gerüchte und Verunglimpfungen, die besonders dort begeistert aufgegriffen wurden, wo man sonst über die Vergangenheit lieber schwieg, abgesehen von Schilderungen, wie schwer man es hatte, „nach fünfundvierzig“. Die Jahre davor waren mit Tabus belegt. Bestimmte Fragen durften nicht gestellt werden. Daran hielt man sich, wenn man als junger Mensch oft genug abgeblitzt war, sich satt gehört hatte an dem Satz: „Davon versteht ihr nichts, euch geht es heute viel zu gut, macht erst mal das mit, was wir mitgemacht haben – nach 45!“ Lesend ließ sich wohl manches in Erfahrung bringen, aber über die Lektüre sprechen ging angesichts solcher Verleugnungsstrategien ebenfalls nicht. Man blieb mit seinen Fragen allein.

Ich kannte zuvor niemanden, der Annes Tagebuch gelesen hatte, wusste daher auch nicht, dass es im Stil von Briefen verfasst war, und dass es sich bei der Adressatin Kitty um eine fiktive Freundin handelte. Ich las mich schnell fest und staunte. Dies waren die Aufzeichnungen eines jungen Mädchens, das unter äußeren Bedingungen lebte, für die meine Vorstellungskraft nicht ausreichte, und dennoch war, was sie schrieb, mir seltsam vertraut. Denn viele der inneren Kämpfe, die sie ausfocht, waren die eines heranwachsenden jungen Mädchens. Anne hätte viel darum gegeben, einfach nur das Leben eines ganz normalen jungen Mädchens führen zu dürfen. Es sollte ihr nicht vergönnt sein.

Annes Tagebuch, ein Dokument, geprägt von großer Nachdenklichkeit, aber auch ungebrochener Lebensfreude und Hoffnung, entstand – wie wir wissen, unter völlig anderen als normal zu nennenden Bedingungen – im Versteck eines Amsterdamer Hinterhauses, in das sich Annes Familie vor den Nachstellungen der Nazis in den seit 1940 deutsch besetzten Niederlanden geflüchtet hatte. Dieses teilte sie mit einer weiteren Familie und einem entfernten Bekannten. Insgesamt waren es acht Menschen, die dort fast zwei Jahre in Enge, Angst und Ungewissheit zubrachten, um schließlich verraten, entdeckt und deportiert zu werden. Das Haus an der Prinsengracht 263 beherbergt heute das Anne-Frank-Museum. Ich bin bislang nie dort gewesen. Ein virtueller Gang durch das Haus auf der Website vermittelt jedoch eine Vorstellung von den Räumlichkeiten. Ich habe diesen oft aufgerufen, die Zimmer und Flure in verschiedenen Richtungen durchquert, bis ich mich nahezu auswendig darin bewegte. Ein kläglicher Versuch, mich in die Situation hineinzudenken. Man kann es nicht.

Leben im Versteck bedeutete Zusammensein auf engstem Raum, teilweise mit fremden Menschen, inklusive aller Spannungen und Streitigkeiten, die eine solche Situation mit sich bringt. Es bedeutete Eingesperrtsein, Stillhalten, stundenweises Vermeiden jeglicher Geräusche, Mangel an Bewegung und frischer Luft – selbst das Öffnen eines Fensters bedeutete stets ein Risiko. Es bedeutete zunehmende Knappheit an Nahrungsmitteln, verheerende hygienische Bedingungen – auch das Betätigen der Toilettenspülung war nur zu bestimmten Zeiten möglich. Es bedeutete das Zurücklassen von liebgewordenen und vertrauten Gegenständen, wenngleich Annes Familie zumindest in der Lage gewesen war, viele Dinge vorab im Versteck zu deponieren, da sich das Büro der Firma Opekta, die der Vater Otto Frank leitete, im Vorderhaus befand. Es bedeutete – erschwerend für ein Kind – die Trennung von Freunden und Haustieren, das Fehlen von Außenkontakten, das Entbehren harmlosester Vergnügungen und obendrein das Fehlen jeglicher Privat- und Intimsphäre, verstärkt durch den Umstand, dass das heranwachsende Mädchen Anne gerade während der kritischsten Pubertätsphase das Zimmer mit einem ihr fremden Mann um die Fünfzig teilen musste. Es bedeutete im Weiteren für einen jungen Menschen die Unmöglichkeit, sich abzugrenzen, den so notwendigen Ablösungsprozess von den Eltern – nicht nur innerlich, auch äußerlich – zu vollziehen. Und es bedeutete vor allem Angst. Angst, die zum ständigen Begleiter wurde. Angst, die über allem lagerte. Angst vor jederzeit möglicher Entdeckung und den Folgen, um die man sehr wohl wusste. Angst, die sich nicht in den allgemeinen Schrecken des Krieges erschöpfte, die noch hinzukamen: Nächtliche Schießereien und Bombardierungen, die es unmöglich machten, Schlaf zu finden, umso mehr in dem Wissen, als Untergetauchte schutzlos ausgeliefert zu sein, nirgendwohin fliehen zu können. Stets gegenwärtig außerdem das Bewusstsein, dass sich die Helfer –  in diesem Falle Mitarbeiter der Firma und gute Freunde –  mit dem, was sie taten, in stetige Lebensgefahr brachten.

Wie ging ein von Natur aus lebhaftes Mädchen wie Anne mit dieser Situation um? Auf dem Gebiet der Pädagogik scheut man sich nicht, sie als Beispiel für die vielfach beschworene Resilienz heranzuziehen, welche die Widerstandskraft in schwierigen Lebenssituationen bezeichnet. Es verursacht mir einiges Unbehagen. Zweifelsfrei war Anne aufgeschlossen, wissbegierig und lerneifrig, ausgestattet mit einer scharfen Beobachtungsgabe und unverwüstlichem Humor. Es gab Bücher im Versteck. Die Familie hatte viele davon selbst mitgebracht, die Helfer sorgten für Nachschub, liehen Bücher aus öffentlichen Bibliotheken aus, brachten Zeitschriften mit, bestellten Fernkurse und beschafften Schreibmaterial. Anne lernte mit Fleiß und großer Disziplin, denn sie hegte bis zuletzt die Hoffnung, irgendwann wieder die Schule besuchen zu können. Die Fähigkeit, ihr Lernen weitgehend selbst zu organisieren, kennzeichnet die einstige Montessori-Schülerin. Darüber hinaus beschäftigte sie sich mit Themen, die sie besonders interessierten, wie Geschichte, Kunstgeschichte und klassische Mythologie. Sie hatte darüber hinaus, wie sicherlich viele andere junge Mädchen, ein Faible für Filmstars, über die sie Zeitungsausschnitte sammelte, und für europäische Königshäuser, über die sie Stammbaumtafeln erstellte. Sie las viel. Und sie schrieb.

Es begann mit ihrem Tagebuch, das sie zu ihrem dreizehnten Geburtstag geschenkt bekam, und mit dem sie begann, als sie noch in ihrem Zuhause, der Wohnung am Merwedeplein lebte. Fast läge es nahe, zu sagen: Als sie noch ein normales Leben führte. Ein solches hatte jedoch schon zwei Jahre zuvor mit der niederländischen Kapitulation und den sofort darauf einsetzenden Diskriminierungen und Einschränkungen für die jüdische Bevölkerung durch die deutschen Besatzer ein jähes Ende gefunden. Es bedeutete für Anne, nicht mehr zum Eislaufen zu dürfen, ein Sport, für den sie große Begeisterung entwickelt hatte, keine Kinobesuche, kein Betreten von öffentlichen Anlagen, kein Aufsuchen von nichtjüdischen Ladengeschäften, kein Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln, zuletzt noch nicht einmal Fahrrad fahren, geschweige denn Aufenthalt im Freien nach Einbruch der Dunkelheit. Annes Freizeitvergnügen beschränkte sich zuletzt auf das Pingpongspiel bei Freunden, in deren Privathaus sich eine Tischtennisplatte befand. Sie durfte keine allgemeine Schule mehr besuchen und musste aufs jüdische Lyzeum wechseln, wo sie sich zwar wohl fühlte, jedoch sollte auch ihr Aufenthalt dort nicht lange dauern.

Unzählige Nadelstiche, Diskriminierungen im Alltag, die in Deutschland schon viele Jahre zuvor begonnen hatten, die offensichtlich waren und lange vor den Deportationen und Morden eingesetzt hatten, von denen später niemand etwas gewusst haben wollte. All dies spielte sich noch nicht „irgendwo im Osten“ ab, sondern mitten unter der Bevölkerung, die all dies billigend hinnahm. Machen wir uns nichts vor: Die Widerstandskämpfer bildeten unter unseren Vorfahren  die Ausnahme! Übrig blieben nur wenige unbeliebte Rollen: Die der Täter und die der feigen Mitläufer. Die Frage, welche davon die schlimmere ist, lässt sich, wie ich fürchte, noch nicht einmal eindeutig beantworten, machte doch das feige Mitläufertum die Untaten der Täter erst im vollen Umfange möglich. Und ich zögere, mir die Frage zu stellen, welche Rolle wir Nachgeborenen unter den gegebenen Verhältnissen eingenommen hätten. Machen wir uns wiederum nichts vor: In uns allen steckt, wie auch immer bedingt, leider viel mehr Potenzial – auch wenn wir die Täter heraushalten – zu Mitläufern als zu Widerstandskämpfern. So viel zu der möglicherweise ernst gemeinten Frage, ob man nicht irgendwann aufhören könne, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Man kann nicht!

Anne hatte in ihrem Schreiben einen Weg gefunden, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Sie fand Gefallen am Schreiben, entwickelte darin wachsende sprachliche und stilistische Fertigkeit, erkannte ihr offensichtliches Talent mehr und mehr als Berufung und zog eine berufliche Zukunft als Journalistin oder Schriftstellerin in Erwägung. Neben ihrem Tagebuch schrieb sie Erzählungen und Geschichten, begann, an einem Roman zu arbeiten. Mit selbstkritischem Blick schulte sie ihre Urteilsfähigkeit hinsichtlich ihres Schaffens, lernte einzuschätzen, ob ihr ein Text gut gelungen war oder ob er der Verbesserung bedurfte. Von ihrer Familie wurde sie in ihrem Tun zumeist bestärkt und weitgehend nicht darin behindert, diente doch ihre Erzählkunst auch zeitweise der Unterhaltung ihrer Mitbewohner, wenn sie zuweilen einige ausgewählte Passagen aus ihren Werken vorlas.

In ihrem Tagebucheintrag vom 5. April 1944 lesen wir:

„[…] Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf. Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale und meine Phantasien. […]“

Weitere Kraft mag sie geschöpft haben aus ihrer vorangegangenen glücklich zu nennenden Kindheit; sie beschrieb ihr Familienleben als harmonisch, sich selbst als den Liebling ihrer Lehrer und Mitschüler. Sie hatte viele Freundinnen und Freunde, erwähnte mit kleinem Augenzwinkern zahlreiche „Verehrer“. Umso schwerer musste sie den nachfolgenden Einschnitt in ihrem Leben empfunden haben. Vor allem während der ersten Zeit war ihr das Vertrauensverhältnis zu ihrem Vater eine große Hilfe und Stütze. Sie fand in ihm ihren Lernmentor und nahm sich im Übrigen seine stoische Ruhe und Genügsamkeit, die sie sehr bewunderte, zum Vorbild. Das Verhältnis zur Mutter hingegen zeigte sich in diesen Tagen als sehr belastet und konfliktgeladen, worunter offenbar beide litten. Die Mutter schien ihr wesensfremd, sie erlebte sie als gefühlskalt und verständnislos. Ihr Tagebuch gibt Zeugnis davon. Zugleich jedoch zeichnet sich darin über die Jahre hinweg eine Entwicklung in ihrem Denken ab, welches dazu führte, dass sie Rückschau hielt, reflektierte, relativierte, differenzierte, sich zunehmend in die sie umgebenden Menschen hineinzuversetzen versuchte und sich bemühte, deren Verhalten zu verstehen. Innigkeit sollte sich in der Beziehung zur Mutter zumindest in dieser Zeit jedoch nicht mehr einstellen. Anne musste die Loslösung von den Eltern innerlich vollziehen, äußerlich war es nicht möglich. Hierbei half ihr während der letzten Monate die Freundschaft mit Peter van Pels, dem zwei Jahre älteren Sohn der zweiten im Versteck lebenden Familie, mit dessen ruhigem, eher verschlossenen Wesen sie zuvor so wenig anfangen konnte, wie er mit ihrem lebhaften, weshalb sie sich anfangs eher aus dem Wege gingen. Zwischen beiden entspann sich eine sehr vertraute Verbindung, in der beide ihrer Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit Ausdruck verliehen. Auch die erwachende Sexualität der beiden jungen Menschen spielte eine nicht unwesentliche Rolle, allerdings gehen Versuche von Filmemachern, aus ihrer Beziehung eine wilde Affäre zu machen, wohl  an der Realität vorbei. Anne zog sich, wie aus ihren Aufzeichnungen zu ersehen ist, sehr bald wieder innerlich von Peter zurück; zu groß war doch die Verschiedenheit im Denken und Erleben. Sie vermochte die Freundschaft mit ihm durchaus weiterhin zu genießen, aber war sich sehr wohl bewusst, dass sie nicht uneingeschränkt alles, was ihr wichtig war, mit ihm teilen, nicht alle Tiefen ihres Denkens und Empfindens mit ihm gemeinsam ausloten konnte. Dies mit einem Menschen zu können, bedeutete ihr jedoch die wichtigste Voraussetzung für eine Lebenspartnerschaft. Ihr Eigenes für jemand anderen aufgeben kam für sie unter keinen Umständen in Frage; diese Haltung bescheinigt ihr im Rückblick eine für eine Fünfzehnjährige bemerkenswerte Reife. Ein späteres gemeinsames Leben mit Peter zog sie zu keiner Zeit ernsthaft in Betracht. Anne hatte eigene Ziele, sie erwartete mehr von einer möglichen Zukunft. Einer Zukunft, die ihr alsbald gewaltsam genommen wurde.

Beim Lesen ihres Tagebuchs kennen wir im Gegensatz zur Verfasserin den späteren Ausgang der Geschichte. Das Versteck wurde verraten, die Untergetauchten deportiert. Von den Bewohnern des Hinterhauses sollte nur einer überleben und zurückkehren. Otto Frank, der Vater von Anne, wurde im Januar 1945 von der Roten Armee aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit, seine Frau Edith war kurz zuvor im Frauenlager Auschwitz-Birkenau an Fieber und Entkräftung gestorben. Die Schwestern Margot und Anne starben im Lager Bergen-Belsen, wohin sie im Zuge eines Rücktransports aus Birkenau gelangt waren, im März 1945 kurz nacheinander an Typhus. Anne wurde nur fünfzehn Jahre alt. Ihre Tagebücher und Aufzeichnungen wurden nach der Stürmung des Verstecks von Miep Gies, einer der Helferinnen der Versteckten, achtlos auf dem Boden verstreut gefunden, eingesammelt und verwahrt. Bis zuletzt hatte Miep Gies gehofft, es der Besitzerin bei ihrer Rückkehr aushändigen zu können. Erst als die endgültige Nachricht von Annes Tod sie erreichte, händigte sie Annes Vater die Hefte und Blätter aus, ohne zuvor je selbst einen Blick hineingeworfen zu haben. Anne hatte sich, inspiriert durch einen Aufruf des heimlich empfangenen, niederländischen Exilsenders Radio Oranje, so viele private Zeitdokumente als möglich zu verwahren und nach dem Krieg zur Verfügung zu stellen, mit dem Gedanken an eine spätere Veröffentlichung getragen. Hierzu hatte sie in sorgfältiger Arbeit begonnen, Teile ihres Tagebuchs umzuschreiben und aufzubereiten. Aus diesen und Ergänzungen aus ihrem bis zuletzt fortgeführten ersten Tagebuch entstand schließlich eine erste Ausgabe, die 1947 unter dem Titel „Het Achterhuis“ in den Niederlanden erschien und nach einigen Jahren – übersetzt in viele Sprachen – zum  Welterfolg wurde. Jedoch unterlag diese erste Aufgabe vielen Kürzungen, die zum einen dem Schutz der Privatsphäre der Familie und der Freunde dienten, zum anderen für den einstigen Zeitgeschmack zu offenherzige Äußerungen über das Thema Sexualität betrafen. Erst nach dem Tod Otto Franks 1980 veröffentlichte das Niederländische Staatliche Institut für Kriegsdokumentation, dem die Rechte testamentarisch vermacht worden waren, sämtliche Aufzeichnungen Anne Franks, nachdem deren Echtheit in wissenschaftlichen Untersuchungen zweifelsfrei festgestellt und bestätigt worden war, in einer Kritischen Ausgabe unter dem Titel „Die Tagebücher der Anne Frank“. Der Anne Frank Fonds in Basel als Universalerbe der Autorenrechte nahm weitere Textpassagen in eine neue Fassung auf, die 1986 erschien, so dass es sich bei der Version, die ich zuerst kennenlernte, um die frühere gehandelt haben musste, während ich mich mit der späteren erst im Erwachsenenalter beschäftigen sollte. Ich erinnere mich, das Tagebuch mehrmals in jeweils verschiedenen Lebensphasen gelesen zu haben, mit immer wieder verändertem Blick. Die Erschütterung, die es in mir bei jedem neuen Lesen auszulösen vermochte, wurde mit den Jahren nicht geringer.

Es ergeht mir nicht anders, nun, da ich die im vergangenen Herbst erschienene Gesamtausgabe mit sämtlichen Werken Anne Franks in den Händen halte. Erstmals enthält diese alle Versionen des Tagebuchs in vollständiger Form, sowie einige später aufgetauchte, bislang unveröffentlichte Manuskriptseiten. Ein vergleichendes Lesen wird möglich. Im Weiteren finden sich Annes „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“, sowie ihr Fragment eines Romans über die Entwicklung eines jungen Mädchens und  weitere Erzählungen und selbst erfundene Märchen, die sie auf losen Blättern festgehalten hatte. Diese geben einen eindrucksvollen Einblick in ihr vielseitiges Schaffen während der Jahre im Versteck. Ergänzt wird die Sammlung durch Briefe und Einträge in Poesiealben von Freundinnen vor der Zeit des Untertauchens sowie durch Fotos und Dokumente.

Keineswegs weniger interessant präsentiert sich ihr „Schöne-Sätze-Buch“, die Sammlung von Texten, die sie zum größten Teil aus Büchern, mit denen sie sich während ihrer Zeit im Versteck beschäftigte, abgeschrieben hatte, wozu ihr ein leeres Kassenbuch diente. Da es sich bei ihrer Lektüre zumeist um geliehene Bücher handelte, die alsbald zurückgegeben werden mussten, war dies die einzige Möglichkeit, die ihr wichtig gewordenen Passagen daraus zu bewahren. Neben Versen von Shakespeare und Goethe, welche sie auf Deutsch niederschrieb, finden sich Namen aus der englischsprachigen Literatur , wie Thomas Morus, Thomas Carlyle, Oscar Wilde und John Galsworthy. Die Reihe der niederländischen Autoren reicht von Jacob van Maerlant im 13. Jahrhundert  bis zu Multatuli (alias Eduard Douwes-Dekker), Justus van Maurik und Willy Corsari (alias Angela Douwes-Schmidt) im neunzehnten Jahrhundert. Ebenso vertreten ist die norwegische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Sigrid Undset. Anne las gern Biografien, wie aus ihrer Sammlung hervorgeht, unter anderem die berühmte des französischen Historikers André Maurois (alias Émile Salomon Wilhelm Herzog) über Lord Byron und weitere des ungarischen Schriftstellers Zsolt von Harsány über Paul Rubens und Franz Liszt. Als zentrale Themen, mit denen sich Anne in ihrer Lektüre auseinandersetzte, finden sich wiederholt Fragen um die Freiheit des Denkens und Handelns, soziale Gerechtigkeit, Glaube und Religion, auch um Tod, Verlust, Trauer und Freundschaft. Aus einem Buch der vermutlich heute eher in Vergessenheit geratenen niederländischen Autorin Frida de Clercq Zubli notierte sie interessante Passagen über die Bedeutung des Schreibens, über männliches und weibliches Rollenverständnis und über die Bedeutung von Vertrauen im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Den einen oder anderen der weniger bekannten Autoren wiederzuentdecken würde sich gewiss lohnen. Ein zweites Heft mit dem Titel „Ägyptenbuch“ führte Anne, in welches sie Bilder von Kunstgegenständen der Antike einklebte und beschriftete; auch diesem ist ein Platz in der Gesamtausgabe gewidmet.

Im Anhang finden sich die beiden Versionen des Tagebuchs, die Anne anfertigte, erstmals einander gegenübergestellt. So liegen uns nun auch die frühesten Aufzeichnungen aus ihrem ersten Tagebuch vor. Hier begegnen wir dem völlig schutzlosen Kind, das aus seinem vertrauten Leben gerissen wurde – ganz verschieden von dem Rückblick einer seelisch gereifteren Fünfzehnjährigen – und wir spüren trotz seiner Frohnatur das Unglück und die Verzweiflung dieses Kindes. Und dies ist der Grund, warum ich es für unangemessen halte, Anne als literarisches Beispiel für Resilienz heranzuziehen, wie die neuere psychologische und pädagogische Literatur es tut. Anne Frank ist nicht Pippi Langstrumpf! Hier wurde ein wehrloses Kind Opfer eines beispiellosen Verbrechens, das als Einzelschicksal stellvertretend steht für geschätzte eineinhalb Millionen Kinder unter sechs Millionen Menschen, die dem Genozid der Nazis zum Opfer fielen. Eineinhalb Millionen Kinder, die keine Stimme hatten, denen keine Gelegenheit gegeben war, sich mitzuteilen, die allesamt auf unvorstellbare Weise ihre Würde beraubt, gequält, erniedrigt und bestialisch ermordet wurden. Dieses Ausmaß sollte genügen, uns zum Innehalten und Nachdenken über unsere Verantwortung zu bringen.

Anne war ein Kind, das keinen größeren Wunsch hatte, als nach dem Krieg wieder zur Schule gehen, Freunde haben und sich draußen in freier Natur bewegen zu können. Ihr Zukunftstraum, eine große Autorin zu werden, hat sich posthum erfüllt, aber nichts kann ihr das eine Leben zurückgeben, das ihr gegeben war und das sie gern weitergeführt hätte. Das eine Leben, das ein jeder Mensch nur einmal zur Verfügung hat, und das deshalb bei jedem Menschen Schutz und Achtung verdient.  Die Nazi-Ideologie funktionierte nach der Methode, in einer Gesellschaft vorhandene Ressentiments und Vorurteile zu nutzen und zu schüren, mittels Manipulation und Aufhetzung der Bevölkerung ganze Gruppen von Menschen aufgrund ihres tatsächlichen oder angeblichen Anders-seins auszugrenzen, von der übrigen Gesellschaft abzuspalten, ihnen zuletzt gar ihr Menschsein abzusprechen. Diese Methoden haben in der Vergangenheit funktioniert und sie funktionieren auch heute noch. Um sie sich bewusst zu machen, sind wir auf Zeitdokumente wie Anne Franks Tagebuch dringend angewiesen. Sechs Millionen Tote sind auf den ersten Blick eine abstrakte Zahl, die jenseits allem Vorstellbaren liegt. Aus dieser Zahl werden leicht wieder „die anderen“, mit denen man selbst am liebsten nichts zu schaffen hätte. Sobald jedoch ein Einzelschicksal aus der Anonymität heraustritt, wird auch der letzte Zeitgenosse, der es zuvor nicht wahrhaben wollte, mit der Tatsache konfrontiert, dass es hier um Menschen ging, die sich mit ihrem Denken und Fühlen kaum von ihm selbst unterschieden. Das lahmgelegte Gewissen beginnt seinen Dienst wieder aufzunehmen. Dies erklärt auch die Anfeindungen, denen eben solche persönlichen Dokumente ausgesetzt sind, die Diffamierungen, Versuche, die Echtheit zu leugnen, die immer wieder Anhänger finden, deren Wunschgedanken sie bedienen, nämlich den Wunschgedanken, das Undenkbare, weil zu Schreckliche, habe ja vielleicht gar nicht stattgefunden, sondern beruhe auf  Lügen und Unterstellungen anderer. Jedes Einzelschicksal jedoch, das auf Sympathie und Mitleid stößt, hat das Potenzial, unmenschliche Gedankengebäude zu sprengen.

Annes Vermächtnis ist ein Klares. Es lautet nicht: Macht die Kinder resilient, damit sie lernen, sich in einer unmenschlichen Gesellschaft, die ihre Rechte mit Füßen tritt, so gut als möglich anzupassen und sich mit wenigem zu begnügen. Es ruft vielmehr dazu auf, Kindern endlich bessere und würdigere Lebensbedingungen in einer menschlicheren Gesellschaft zu schaffen. Und es ruft auf, sich für die Rechte der Kinder einzusetzen, überall dort, wo diese mit Füßen getreten werden. Denn Kinder haben Rechte! Die von der UNO 1989 verabschiedete Kinderrechtskonvention wurde von ausnahmslos allen Ländern dieser Erde unterzeichnet! Wer sich die Realität vor Augen führt, dem mutet es wie Hohn an.

Der Anne Frank Fonds in Basel unter der Leitung von Anne Franks Cousin Bernhard Elias – „Buddy“, mit dem sie so gern noch einmal Eislaufen gegangen wäre! – hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich gemeinsam mit dem Kinderhilfswerk UNICEF für die Rechte der Kinder in aller Welt stark zu machen. Diese unterliegen drei Grundprinzipien, dem Recht auf Schutz, dem Recht auf Förderung und dem Recht auf Beteiligung. Wenn wir das Erbe der Verantwortung ernst nehmen, erschließt sich uns hier ein weites Feld künftiger Betätigung. Auf diese Weise würde, was uns als Leserinnen und Lesern ihres Tagebuchs am Herzen liegt, am ehesten möglich: Ein würdiges Gedenken an Anne Frank.

Am 15. Juli 1944 notierte sie in ihr Tagebuch:

„[…] Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden. Inzwischen muss ich meine Vorstellungen hochhalten, in den Zeiten, die kommen, sind sie vielleicht doch noch auszuführen! […]“

Anne hat ihre Vorstellungen bis zuletzt hochgehalten. Nehmen wir sie für uns an – als Annes Vermächtnis an uns!

Anne Frank: Gesamtausgabe. Tagebücher, Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus, Erzählungen, Briefe, Fotos und Dokumente. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Herausgeber: Anne Frank Fonds Basel. S. Fischer Verlag. 816 Seiten, 28 EUR. ISBN-13: 9783100223043

Der Essay erschien auch  in der Mai-Ausgabe 2014 von literaturkritik.de

 

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Dokument eines langsamen Abschieds

EinTagimJahrcover

Womit beginnt ein Tag? Bei Christa Wolf begann er oft mit dem Ausklang des vorherigen. Lesen oder Fernsehen über Mitternacht hinaus, Gelesenes, Gesehenes, Erlebtes, das sich auf den Verlauf der sich daran anschließenden Nacht und den darauffolgenden Tag auswirkt, sichtbar jenen Faden weiterspinnt, der das Gewebe der Zeit und des Lebens ausmacht. Als Christa Wolf sich 1960 vom Aufruf der Moskauer Zeitschrift „Iswestija“ an die Schriftsteller der Welt, einen Tag im Jahr sorgfältig zu schildern, ansprechen und inspirieren ließ, war noch nicht abzusehen, dass sie dies Jahr um Jahr weiter fortführen und daraus ein durch seine persönliche Note einzigartiges Zeitdokument entstehen lassen würde. Die Frage, warum sie sich dies antue, hat sie sich nicht zuletzt selbst immer wieder gestellt. Sie begründete es sich selbst mit „Horror vor dem Vergessen, das … besonders die von mir so geschätzten Alltage mit sich reißt“, beschreibt es als Versuch von „Anschreiben gegen den unaufhaltsamen Verlust von Dasein“. Stets beschäftigte die 2011 im Alter von 82 Jahren verstorbene Autorin die  Frage, wie ein Leben zustande kommt, ausgehend von der Beobachtung, dass dieses beständig „entwischt“, uns entgleitet, so sehr wir die Augenblicke schreibend festzuhalten versuchen, und der Erkenntnis, das gelebte Zeit „mehr ist als die Summe der Augenblicke“.

Aus ihren jährlich fortgeführten Aufzeichnungen entstand so „Ein Tag im Jahr“, eine Chronik über die Jahre von 1960 – 2000, zu deren Veröffentlichung sie sich spät entschloss. Die Buchpremiere wurde ein großer Erfolg, den sie jedoch nicht ohne gewisse Skepsis zur Kenntnis nahm. „Ich frage mich, ob ich da nicht auf der falschen Party bin“, notiert sie am 27. September 2003 unumwunden. Wiederholt stellt sie sich die Frage, ob diese Tagebuchblätter nicht ihre Unschuld verloren hätten, indem sie die Welt an ihnen teilhaben ließ, kommt zu dem Entschluss, dass die Antwort „Ja“ und „Nein“ lauten könnte. Sie wird sie fortführen bis zu ihrem Lebensende, – nur für sich selbst, nimmt sie sich zunächst vor. Der Wunsch, sich wieder zurückziehen zu können. Sie formuliert an anderer Stelle den Gedanken, „über einen Autor zu schreiben, der sich allem entzieht und von der Welt verschwindet“, den sie ihrem Mann Gerd vortrug. Seine Antwort lautete: „Machen kannst du es nicht. Aber schreiben kannst du es.“ Es ist nicht bekannt, ob der Entschluss, „Ein Tag im Jahr – im neuen Jahrhundert“ herauszugeben, ein gemeinsamer, noch vor ihrem Tode getroffener war; es liegt jedoch nahe, dass auch Gerhard Wolfs nachträgliche alleinige Entscheidung ihre Zustimmung gefunden hätte.

Christa und Gerhard Wolf, – eine besondere, äußerst liebevolle Beziehung, die sich wie ein roter Faden durch das hier vorliegende Zeitgewebe zieht, den allein für sich zu verfolgen fasziniert: eine von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung, absolutem Vertrauen und intensivem Austausch geprägte Partnerschaft, die durch alle Lebensbereiche trägt. Wie erlangt man solches? Wer dieser Frage nachgeht, wird fündig: Viele gemeinsame oder verwandte Interessen und Projekte  – und über allem eine bewusste, um die Notwendigkeit der Balance zwischen Leben und Arbeiten wissende Gestaltung des Alltags. Das Wissen um den Wert der kleinen Dinge: Freude über ein gemeinsam zubereitetes Essen, Gespräche, Zusammensein mit der Familie, geteilte Freude und Sorge um die Enkelkinder, welche die Autorin nach eigenen Worten „gern in ein friedlicheres Jahrhundert entlassen“ hätte.

Christa Wolfs letzte elf Jahrestage beginnen am 27. September 2001 mit den einer unbekannten Stimme zugeschriebenen Worten: „Ein Riss im Gewebe der Zeit…“ Prophetische Eingebung? Der Schock von 9/11, erst wenige Tage zurückliegend. Kriegsvorbereitungen der USA. Über der Ungewissheit die Ahnung, dass auf jeden Fall schwierige Zeiten bevorstehen würden. Das neue, alte Kassandra-Thema: Aussprechen müssen, was keiner hören will, das Nicht-anders-Können, Anfeindungen zum Trotz – an Vernunft gemahnende und um Verständigung und Ausgleich bemühte Stimmen sind grundsätzlich verdächtig in Zeiten der Terrorhysterie. Das eigene Leiden an der Bürde dieser prophetischen Gabe – und an den Verhältnissen der Zeit. Kein Ort. Nirgends. Was bereits in den früheren Zeiten der deutschen Teilung empfunden wurde, gilt zunehmend wieder für die letzten Jahre. Das immer wieder erwähnte Gefühl, nicht mehr hineinzupassen. Es kann den bevorstehenden Abschied erleichtern, – muss aber nicht.

Die Bedeutung von Freunden und Weggefährten. Zunehmend während der letzten Jahre die Trauer um die Verstorbenen unter ihnen: „Verlorene Substanz von Menschlichkeit“. Immer wieder bleibt die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ein Thema. Sie erwähnt die nachträglich „schmerzliche Überschattung“ von Erinnerungsbildern, die sich in der Kindheit eher als „hell“ eingeprägt hatten, welche in vielen Deutschen so viel Gegenwehr auslöst und wirkliches Erinnern erschwert, – das Thema ihres 1976 erschienenen Romans „Kindheitsmuster“, eines ihrer wichtigsten Bücher. Die ebenfalls vor wenigen Monaten posthum erschienene, ursprünglich ihrem Mann als privates Geschenk gewidmete Erzählung „August“, die vom weiteren Lebensweg und den rückblendenden Erinnerungen des einst kleinen Jungen handeln, den Nelly in „Kindheitsmuster“ im Lungensanatorium kennenlernt, lädt zum Wieder-Lesen des Romans ein.

Ihr letztes Buch wiederum berührt durch das Wissen um ein langsames Abschied-Nehmen. Immer wieder sind die Jahre von Krankheit, Schmerzen, offen ausgesprochener Angst und Müdigkeit überschattet. Der Bericht von 2008, als der Jahrestag in eine Zeit mehrerer langer Krankenhausaufenthalte fällt, liegt im Original nur handschriftlich vor. Rückblickend spricht sie von einem „Altersschub“, nimmt an sich selbst das Nachlassen der inneren Teilnahme am Weltgeschehen und politischen Konflikten wahr. Es fällt der für sie untypische Satz: „Ich fühle mich nicht mehr verantwortlich für das, was geschieht.“ Über allem immer wieder die Frage: „Wie lange noch? Wie oft noch?“ Spricht mit Galgenhumor vom „Warteraum des Gevatters“. Liest im Krankenbett viel in ihren eigenen Büchern, die sie sich zum Verschenken mitbringen ließ, und findet die Texte „zu meinem Erstaunen ‚nicht schlecht‘“. Der wiederum handschriftliche Eintrag von 2011 bricht mitten im Satz ab. Ein Jahr zuvor noch hatte sie notiert, dass sie sich vorstellen könne, „nicht untröstlich zu sein, wenn ich nicht mehr schreiben könnte“. Gelesen, nachgedacht, reflektiert jedoch hat sie bis zuletzt. Der Verlust ihrer Stimme wiegt schwer.

Copyright Bettina Johl

Diese Buchbesprechung erschien am 10.05.2013 in
Glanz & Elend, Magazin für Literatur und Zeitkritik.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert – 2001-2011. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 163 Seiten, 17,95 €. ISBN: 978-3-518-42360-8

Christa Wolf: August – Erzählung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 38 Seiten, 14,95 €. ISBN: 978-3-518-42328-8

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„By a Lady“ – Zum Tee mit Jane Austen

Portrait of Jane Austen, from the memoir by J....

Portrait of Jane Austen, from the memoir by J. E. Austen-Leigh

„Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst“. Das bekannte chinesische Sprichwort sehe ich in meiner Erinnerung auf einem Schild über dem Ausschank meines während langer Jahre bevorzugten Teegeschäftes prangen. Jener befand sich im hinteren Teil des Ladens, der bereits beim Eintreten für sich selbst eine Oase von Düften, Klängen und dem herzerwärmenden Anblick glänzender Teebehälter, schönen Geschirrs und allerlei wundersamer Dinge bot. Beim Schließen der Tür blieben Lärm und das hektische Treiben der Großstadt draußen; man befand sich in einer anderen Welt. Wenn die nächsten Erledigungen nicht allzu sehr drängten, zog man sich nach Aufgabe seiner Bestellung in jenen hinteren Bereich zurück, um die schweren Einkaufstaschen abzustellen und in Ruhe eine Tasse heißen, dampfenden Tees zu sich zu nehmen. Ein Zimmerbrunnen plätscherte, der Samowar summte, hin und wieder war das melodische Türglockengeläut zu hören; es gab vieles zu betrachten und zu bestaunen, – und fast immer stellte man fest, dass man noch dies und jenes benötigte, gab zuweilen mehr Geld aus als geplant, ohne dies allerdings allzu sehr zu beklagen.

Vor einiger Zeit jedoch, als ich dort wie gewohnt einkaufen wollte, stand ich unvermittelt vor verschlossener Tür – und blickte durch die Scheibe in einen kahlen Raum. Ein Schild wies darauf hin, der Laden sei keineswegs aufgegeben, man stehe in zwei Kaufhausfilialen ganz in der Nähe  selbstverständlich weiterhin mit dem gewohnten Angebot zur Verfügung. Ich bin seither nur noch selten dort gewesen. Der Zauber ist dahin, – kein bisschen tröstlich das Wissen, dass mein Tee-Laden das Schicksal mit vielen alteingesessenen kleinen Läden teilt, die in den vergangenen Jahren schließen mussten, während die große Handelsketten die Städte mehr und mehr uniformieren. Der Gedanke, nun ins Warenhaus zu müssen, wo sich die Teeabteilung zwischen Wurst- und Käsetheke zwängt, schreckt mich; ebenso könnte ich gleich den Supermarkt aufsuchen. Der sprichwörtliche „Lärm der Welt“ hat inzwischen auch mein Teegeschäft heimgesucht.

Mein bestes Teeservice erstand ich dort in jungen Jahren und trug es mit Stolz nach Hause. Es ist noch vollständig erhalten, – kein Stück fehlt, nichts davon ging bislang zu Bruch. Ich habe es allerdings nicht so oft benutzt wie mein rustikales  Alltagsteegeschirr, welches deutlich mehr Gebrauchsspuren aufzeigt. Der Knauf am Deckel der in gestuften Brauntönen gehaltenen, bauchigen Steingutkanne ist geleimt, da er gleich in den ersten Jahren einmal hart zu Boden ging; er wackelt unter dem dampfendem Inhalt  der Kanne zuweilen bedenklich, hielt jedoch über die Jahre hinweg allen Belastungen stand. Es handelt sich hier um eine Teekanne der ersten Stunde einer wahren Teebegeisterungswelle, die in den achtziger Jahren Deutschland heimsuchte, während man zuvor, sofern man nicht in Küstengegenden wohnte, Teeblätter nur in Beutelform gepresst kannte. So gab es  plötzlich in Spezialgeschäften offene Tees aller Sorten – oft unsäglich aromatisiert, aber sie alle wollten von uns neugierigen jungen Leuten durchprobiert werden. In meinem Heimatort gab es plötzlich einen kleinen Laden, der nebst Tee allerlei Geschenk-Krimskrams und vor allem Scherzartikel vertrieb, so dass er uns als zu jedem Unsinn aufgelegte vierzehnjährige Schülerinnen ohnehin magisch anzog. Ich selbst jedoch hatte bald andere Sorgen: Dort in einem der Regale stand mein Teeservice! Es bestand nur aus jener Kanne, Stövchen und sechs schlichten Bechern, und es kostete für meine Verhältnisse ein Vermögen: das Taschengeld von eineinhalb Monaten! Ich weiß nicht, wie oft ich mich in den Wochen, während derer ich knickerte und knauserte wie der sprichwörtliche Geizhals, immer wieder zu diesem Laden schlich, um ängstlich nachzusehen, ob es noch an derselben Stelle stand, mir buchstäblich die Nase an der Schaufensterscheibe platt drückte. Ich hatte Glück, nach einiger Zeit war es glücklich in meinem Besitz und hat mich seither überall hin begleitet. Wo immer es im Schrank steht, bin auch ich zu finden, wo es hingegen verschwindet, ist zu Recht zu befürchten, dass auch ich das Weite gesucht habe, – und dass aus seiner Kanne – dieser meiner ältesten! – der Tee am besten schmeckt, ist ein offenes Geheimnis.

Von jeher umgab den Tee stets das Flair des Besonderen. Als im 17. Jahrhundert mit den Handelsschiffen, die zunehmend Ware aus fernen Kontinenten an Bord führten, die ersten Teeclipper vor der niederländischen Küste anlegten, ließ sich noch nicht vorhersehen, welchen Wandel in der europäischen Trinkkultur dies auf den Weg bringen würde. Die zuvor unbekannten Genussmittel Kaffee, Tee und Schokolade verbreiteten sich in Windeseile, wenngleich sie auch zunächst Kreisen vorbehalten waren, die sich diese leisten konnten. Während sich auf dem Kontinent vor allem der Kaffee etablierte, setzte sich der Tee vermehrt in Küstenregionen und auf den britischen Inseln durch. Zuvor kannte man in Europa nahezu ausschließlich alkoholische Getränke, die jahrhundertelang in beträchtlicher Menge konsumiert wurden. So trank man in England, dem Land, welches wir heute gedanklich ganz selbstverständlich mit Tee in Verbindung bringen, noch zu Zeiten von Königin Elisabeth I. bevorzugt – selbst zu früher Morgenstunde – Bier. Es sind nicht nur böse Zungen, die behaupten, die zunehmende Ernüchterung, die mit dem Siegeszug des Tees und Kaffees einsetzte, hätte der europäischen Aufklärung Vorschub geleistet!

Bevorzugt die Frauen waren es, die das neue Getränk schätzen und lieben lernten. Als erste soll Katharina von Braganza, die Frau König Charles II., den Tee auf der Insel eingeführt haben; nach der Glorious Revolution begann Queen Anne, die Bier auf nüchternen Magen offenbar nur schlecht vertrug, den Tee auch als Frühstücksgetränk populär zu machen. Im Laufe der Zeit wurde der Tee auch in bürgerlichen Kreisen erschwinglich. Insbesondere die Damenwelt schätzte ihn, weil er ihnen ermöglichte, eigene Einladungen zu Geselligkeiten auszusprechen, während derer ein edles und hochwertiges Getränk unter aller Wahrung von Schicklichkeit angeboten werden konnte. Während Frauen zu den damaligen Kaffeehäusern keinen Zutritt hatten, standen ihnen die Teegärten offen, welche sich bei beiden Geschlechtern zunehmender Beliebtheit erfreuten. Dem „Lärm der Welt“ entging man so freilich weniger, aber der Tee hatte einen entscheidenden Vorzug: Er galt – nachdem anfängliche Verteufelungsversuche von Tee-Gegnern kläglich gescheitert waren – als gesund und ermöglichte Erholung, Entspannung und Regenerierung bei einem Getränk, welches anregte, ohne jedoch zu berauschen.

Geselligkeiten bereicherten den Alltag, ermöglichten Austausch und lieferten nicht zuletzt Stoff für eine neue Literaturgattung, die sich im 19. Jahrhundert herausbildete: den Roman. Und so wird auch in den Romanen der großen Schriftstellerin Jane Austen, selbst einer großen Teekennerin und –liebhaberin, mit großer Leidenschaft Tee getrunken.

Jane Austen, die 1775 geborene Pfarrerstochter, die ihre Romane stets ohne Nennung ihres Namens, lediglich mit dem Vermerk „By a Lady“ veröffentlichte, brachte es sehr bald zu einer sprachlichen Formvollendung, die ihr bei der Literaturkritik einen mit dem Dramatiker Shakespeare vergleichbaren Rang eintrug. Der Versuch, eine deutsche Entsprechung für sie zu finden, will nicht gelingen. Ich rufe mir den Zeitraum ins Gedächtnis: Geboren fünf Jahre nach Hölderlin, fünf Jahre vor Karoline von Günderrode, zehn Jahre vor Bettine Brentano, spätere von Arnim. Beispiele für begabte junge Menschen aus dem Bürgertum, die sich allesamt schwer taten mit der Zeit und der Gesellschaft, in die sie hineingeboren waren, die oft außergewöhnliche Wege gingen, manchmal vermeintlich scheiterten, jedoch alle weit über ihre Zeit und die Grenzen ihres Landes hinaus wirkten. Der Versuch, in jenen Tagen literarisches Schaffen und ein lebbares Leben in Einklang zu bringen, wurde gerade für Frauen oftmals zur Zerreißprobe. Die sensible Karoline von Günderrode litt unsäglich darunter und wählte mit sechsundzwanzig Jahren den Freitod, die eher robustere Bettine verschwand für viele Jahre, während derer sie ein Gut bewirtschaftete und sieben Kinder gebar und großzog, mehr oder weniger in der Versenkung und veröffentlichte erst in späteren Jahren, in einem Alter, das viele Frauen ihrer Zeit oftmals gar nicht erreichten.

Auch Jane Austen war leider nur ein kurzes Leben beschieden, in dessen Verlauf sie unverheiratet und kinderlos blieb. Während in Deutschland manche gebildete Pfarrerstochter heiratete und zur Dichtermutter wurden – man nehme Johanna Christiana Hölderlin, geb. Heyn, und Charlotte Dorothea Mörike, geb. Bayer -, taten sich in England vermehrt Pfarrerstöchter hervor, die – zumeist weniger aus eigenem Antrieb, denn aus Mittellosigkeit – unverheiratet blieben und das Beste aus ihrer Situation machten, die Chance ergriffen, sich ein Minimum an persönlichem Freiraum zu erkämpfen und zu behaupten, – und – wie Jane Austen und die Schwestern Brontë – selbst zu Schriftstellerinnen wurden. Welche Rolle dem Tee bei solcher Entwicklung zugekommen sein könnte, – diese Frage bleibt natürlich wilde Spekulation!

Wie die üblichen Gesellschafts- und Sittenromane handeln auch die Werke Jane Austens zumeist vom Schicksal noch unverheirateter Frauen, die darum kämpfen, letztlich den geliebten Partner fürs Leben heiraten zu können. Allerdings verwandelt sie den romantischen Erzählstoff mit feinsinnigem Humor und spitzer Feder in ein Spiegelbild der Gesellschaft ihrer Zeit, kritisiert und karikiert treffend die herrschenden Verhältnisse und die Menschen, die sich in ihnen bewegen, samt all ihrer Schrullen und Befindlichkeiten, was ihre Bücher noch heute in aller Welt zur beliebten Lektüre macht. Bereits zu ihren Lebzeiten wurden einige ihrer Werke ins Französische und Deutsche übersetzt.

In dem liebevoll gestalteten Buch „Jane Austen bittet zum Tee“ der Amerikanerin Kim Wilson, welche sich als langjähriges Mitglied der Jane Austen Society of North America ausgiebig mit Leben und Werk der Schriftstellerin befasst hat, feiern wir Wiedersehen mit unvergessen gebliebenen Figuren wie Mr. Darcy in „Stolz und Vorurteil“ und Miss Bates in „Emma“. Es gewährt kurzweiligen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse, Gebräuche und Gepflogenheiten der Zeit, auf deren Schilderung Jane Austen sich mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe wie keine andere verstand. Wir begleiten die Dichterin und ihre Protagonisten durch den Tag und erfahren eine Menge über den Einsatz von Tee vom Frühstück über den Fünf-Uhr-Tee bis zum abendlichen High-Tea, ebenso dessen Einsatz in kritischen oder anstrengenden Lebenssituationen wie bei Krankheit oder auf Reisen. Selbst die in Romanen jener Zeit beliebten entführten Heldinnen, über die Jane Austen sich bevorzugt lustig zu machen pflegte, kommen hier nicht zu kurz. Wir begleiten sie desweiteren zu Einladungen und Gastaufenthalten auf Godmersham, dem vornehmen Anwesen ihres Bruders Edward oder bei ihrem Cousin in der Abtei von Stoneleigh in Warwickshire- oder zu Einkaufstouren in nächstgelegene Städte und in die Londoner Geschäfte, erstehen mit ihr den Tee bei Twinings und das Porzellan selbstverständlich bei Wedgwood. Ferner erfahren wir Interessantes und Abenteuerliches über Teehandel und Teeschmuggel und bekommen aufgezeigt, warum selbst Hausherrinnen, die sich viel Personal leisten konnten, die Zubereitung des Tees lieber selbst in die Hand nahmen und diesen sorgfältig unter Verschluss hielten. Fotos aus dem Jane-Austen’s-House-Museum in Chawton sowie Detailansichten aus Gemälden, Zeichnungen und Stichen lassen die Zeit der Schriftstellerin vor unseren Augen lebendig werden. Auszüge aus ihren Briefen, von denen leider nur wenige erhalten sind, aber auch Dokumente von Zeitgenossen, helfen, das Bild zu vervollständigen.

Wer zum Tee köstliche Beigaben schätzt, kann sich darüber hinaus an allerlei alte Rezepte heranwagen oder diese in abgewandelter Form ausprobieren, vom üppigen Plumcake über Eiscreme, Syllabub und Orangengelee bis hin zum berühmt-berüchtigten Haferschleim, auf welchen Emmas Vater, Mr. Woodhouse, unter keinen Umständen verzichten mochte. Angenehm fällt auf: Bei den häufig sehr promillelastigen Zutaten der vorgestellten Rezepte fehlt niemals eine alkoholfreie Variante als Alternative. „Jane Austen bittet zum Tee“ ist eine vergnügliche, literarische wie informative Lektüre für die Tee-Bibliothek, aber ebenso für alle, die Jane Austens Werke kennen und schätzen – oder gerne noch kennenlernen möchten. Am besten natürlich bei einer guten Tasse Tee!

© Bettina Johl

Kim Wilson/Birgit Fricke (Übers.): Jane Austen bittet zum Tee
Gerstenberg Verlag, 128 Seiten, 19,95 €
ISBN 978-3-8369-2673-7

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Alle brauchen Geschichten! – Zum Welttag des Buches

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Die Frage, die uns zum Welttag des Buches beschäftigte: Erschöpft sich ein hierfür „ausgelobter“ Tag in Insider-Diskussionen um die Zukunft des Buches – oder kommt auch etwas davon „draußen“ bei den Menschen an, denen das Lesen ans Herz gelegt werden soll? Und wie sieht es mit den Kleinsten aus, – den Kindern? Kann es etwa ausreichen, ihnen zu sagen: „Ihr müsst lesen!“, während der Schulunterricht bereits den Verdacht in ihnen gefestigt hat, dass dies mehr mit Mühe und Anstrengung als mit Spaß verbunden zu sein scheint? Wie gewinnen Kinder Freude am Lesen und Zuhören, vielleicht auch am Sich-Ausdenken und Erzählen oder gar Schreiben eigener Geschichten?

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Auf der Suche nach Projekten und Veranstaltungen in der heimatlichen Region brauchten wir glücklicherweise nicht weit zu gehen. Unter dem Motto „Ich schenk Dir eine Geschichte“ lauschte in der Stadtbücherei Eppingen in Baden-Württemberg eine bunte Kinderschar im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren lustigen und phantasievollen, teils erfundenen, teils aus verschiedensten Ländern der Welt überlieferten Geschichten. Zuvor jedoch machten sie sich gemeinsam Gedanken über das Entstehen von Geschichten und die frühesten Versuche von Menschen, diese dauerhaft festzuhalten, sei es zunächst in Bildern – wie in Höhlenmalereien zu bestaunen – oder als eingeritzte Zeichen auf Stein oder Wachstafeln, bis all dies schließlich zu der Idee führte, Bücher aus Papier herzustellen. Erzählerin Barbara Scheel, die Leiterin des Eppinger Babuschka-Theaters, , welches als das kleinste professionelle Theater mit eigenem Haus und regelmäßigem Spielplan in Deutschland gilt. veranschaulicht am Beispiel der Skizze einer alten Steintafel – eine Sonne, zwei Strichmännchen, ein Pfeil vom einen zum anderen -, was Bilderbotschaften zu erzählen vermochten. Sie fragt einen Jungen, der noch in den Kindergarten geht: „Was glaubst du, was das wohl bedeuten könnte?“ Der Kleine zögert kurz und sagt: „Der eine soll zu dem anderen kommen, weil die Sonne scheint!“ – „Siehst du“, sagt sie, „sogar du hast dies jetzt lesen können, obwohl du noch gar nicht zur Schule gehst!“  Der Junge strahlt. Zwei Mädchen wiederum tragen sehr lebhaft ihre Ideen und Anregungen vor. Zwei schon etwas ältere Jungen – mindestens einer von ihnen bekennender Harry-Potter-Fan – geben unumwunden zu, dass sie versuchen, nach Möglichkeit keine dieser regelmäßig stattfindenden Erzählrunden zu verpassen, „weil es immer wieder toll, lustig und spannend ist!“

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Dann beginnt „Babuschka“ – wie die Kinder sie nennen – zu erzählen. Entwirft kühn eine eigene Geschichte aus Ländern und Personen, die sich die Kinder ausdenken dürfen. Erzählt im Anschluss daran Überliefertes aus Ägypten, Afrika, China und Birma, vom gelangweilten ägyptischen Pharao, vom eitlen Löwen und listigen Hasen, von der Kaiserin mit der roten Nase und von einer anspruchsvollen Mäuseprinzessin, die wild entschlossen ist, nur den „Stärksten und Mächtigsten“ zu heiraten. Hierbei verbindet sie Länder und Kontinente, nicht ohne immer wieder den Bezug zur Lebensrealität der Mädchen und Jungen herzustellen. Diese lauschen wie gebannt, verhalten sich – kaum zu glauben! – mäuschenstill, um sich hernach jedoch umso lebendiger am gemeinsamen Austausch zu beteiligen.

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Barbara Scheel hat sehr viele Länder dieser Erde bereist und hierbei nicht nur viele Geschichten und Märchen, – auch reichhaltige Erfahrungen im Austausch mit verschiedenen Kulturen, mit Lese- und Lernprojekten und auch mit therapeutischem Puppenspiel gesammelt. All dies fließt in die Aufführungen ihres eigenen Erzähltheaters ein, was diese – wie auch ihre Gastveranstaltungen an anderen Orten – stets zu einem besonderen Erlebnis werden lässt.

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In eigenen Geschichtenwerkstatt-Projekten sammeln Kinder unter ihrer Anleitung überdies erste Erfahrungen im eigenen Ausdenken von Geschichten, lernen, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und Spaß am Schreiben, bildnerischem Ausgestalten und Erzählen eigener Geschichten zu entwickeln. Das vielfältige Spektrum an Wissen und die langjährige pädagogische Erfahrung Barbara Scheels ist der eine Aspekt ihres Erfolgsgeheimnisses, – der andere – wohl noch entscheidendere – ihre ganz besondere Art, die Persönlichkeit eines jeden Kindes zu respektieren und es mit seinen Fragen und Anliegen ernst zu nehmen. Auf die Frage, was zu tun sei, wenn vielleicht einmal das Wetter zu schön und eine Erzählveranstaltung dadurch weniger gut besucht wäre, erwidert sie mit Überzeugung: „Und wenn nur EIN Kind kommt, dann erzähle ich für dieses EINE Kind. Das kann ich doch nicht machen: Das Kind wegschicken, nur weil es zufällig ganz alleine kommt! Es schenkt mir schließlich eine ganze Stunde seiner kostbaren Zeit!“

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Dies ist es, was die Kinder spüren, – dies ist es, was bleibt. Und es zeigt sich: Viele, die das seit 1985 vor Ort bestehende Babuschka-Theater als Kinder kennenlernten, kommen auch heute als Erwachsene wieder zu Veranstaltungen, – oft inzwischen mit ihren eigenen Kindern. Denn es zeigt sich: Alle brauchen Geschichten! Die Kinder –  und auch einige „große Leute“ – aus Eppingen und Umgebung jedenfalls hatten in der Stadtbücherei einen tollen, spannenden und erfrischenden Erzählnachmittag am Welttag des Buches.

Bettina Johl

Links:

http://welttag-des-buches.de/de/135916

http://www.babuschka-theater.de/

http://www.eppinger-figurentheater.de/

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Der Weltweise – Über Arthur Schopenhauer

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Das Tonband im Kopf – Nachdenken über Christa Wolfs „Stadt der Engel“

Deutsch: Die Schriftstellerin Christa Wolf wäh...

“Du bist dabei gewesen. Du hast es überlebt. Du kannst davon berichten.“

Sätze, die mir bereits beim Blick auf die rückwärtige Umschlagseite des Buches mein eigenes Dilemma aufzeigen, – mir, der 38 Jahre später Geborenen, Vertreterin einer Generation, die mit Sätzen aufwuchs, die genau entgegengesetzt lauteten: Ihr seid nicht dabei gewesen. Ihr habt nichts erlebt – geschweige denn überlebt! Ihr könnt nicht mitreden. Diese Aussagen stets einhergehend mit der schwerwiegenden Auflage: Seid froh, dass ihr so etwas nie erleben musstet, – wir haben alles dafür getan, dass es unsere Kinder mal besser haben, – deshalb seid dankbar und stellt keine Fragen!

Das Tonband im Kopf zum Schweigen bringen…

Diesen Satz lesen und wissen: Er gilt auch für mein persönliches Tonband. Es sind solche Bänder verhängnisvoll. Sie können im einen Fall zum Sich-mit-sich-selbst-Auseinandersetzen bis hin zur Selbstzerfleischung führen, im anderen – die große Gefahr, in der sich meine Generation befindet – zum Sich-Abwenden, Sich-Ausklinken, zum Sich-nicht-Auseinandersetzen-wollen, – nachdem man oft  genug das Recht dazu abgesprochen bekommen hat.

Das geteilte Deutschland, – es war von Jugend auf gegenwärtig, – ein Elternteil aus dem Osten, der andere im Westen aufgewachsen. Aus dem Osten kommen, das klang nach Trauma, – großgeworden mit Erzählungen von den Schrecken sowjetischer Besatzung, späteren Repressalien im sozialistischen Staat, aus denen der einzige Ausweg in Flucht und Entwurzelung führte. Und die Nachkommen bekommen jenes Trauma mit der Muttermilch eingeflößt, werden staunend damit groß, – Pakete packen helfen für im Osten verbliebene Angehörige,  – dort gibt es nix, dort sind die Läden leer! –, sorgfältig auf allen sechs Seiten beschriften, – Geschenksendung, keine Handelsware! – , banges Hoffen, dass die Pakete nicht abgefangen werden. Einige wenige Reisen mit Mutter und Großmutter in das so fremde Nachbarland, das tatsächlich doch auch Deutschland sein sollte, – Fahrten mit Gruseleffekt -, Beklemmung bei der Grenzkontrolle, Eindrücke von trostlosem Grau in Grau, – Erwachsene, die sich stets leise flüsternd unterhielten, dem Kind einschärften, sich mäuschenstill zu verhalten, – wer hier einfach so sagt, was er denkt, wird sofort eingesperrt! -, bekam es zu hören, – oder gleich totgeschossen! –, setzte die Oma noch eins obendrauf, – den Opa hatten sie damals gleich zweimal nachts abgeholt… Solches klang ein bisschen nach Abenteuerurlaub – mit viel Abenteuer und wenig Urlaub.

Ganz anders, als es viel später – nach den Ereignissen von 1989 – die ruhige Schönheit der mecklenburgischen Landschaft zu entdecken gab, die der eigenen Familie zur Stätte unvergessener Sommerferien wurde, – dringend gebrauchte Entschleunigung -, das einfache Leben, intakte Natur, – Seen, Kiefernwälder -, ruhige, freundliche Menschen – und Pferde… Ein Land zum Urlaub machen, – aber zum Leben? Die Ruhe – Friedhofsruhe? Landflucht, teils völlig verlassene Orte, fehlende junge Menschen, – die verbleibenden unzufrieden und ohne Perspektive. Die Gelassenheit der Älteren – in Wirklichkeit hoffnungslose Resignation?

Wann bin ich mit Christa Wolf erstmals in Berührung gekommen?

Erstes Scheitern beim Versuch, mich zu erinnern. Es wird nach dem Mauerfall gewesen sein. Den „Geteilten Himmel“ einmal zufällig in der Bibliothek  ausgeliehen, zusammen mit einigen anderen, – damals vieles an Büchern weggelesen, wenig davon behalten -, dieses beeindruckend gefunden. Lust auf mehr. Begeistert von „Kindheitsmuster“, – da hatte mich der Titel neugierig gemacht, – es war mein Thema. Mich durch „Nachdenken über Christa T.“ mehr oder weniger hindurch gequält, – fremde Welt für mich als junge Frau einer späteren Generation. Anders „Kassandra“, – sie stöberte ich zufällig in einer Flohmarktkiste auf, in einer Lebensphase, während derer ich mich intensiv mit Frauenthemen befasste, der Bedeutung von Frauen in Geschichte und Literatur, dem Vorhandensein eines Geschichtsbildes, welches die Frauen – und damit die Hälfte der Menschheit – nahezu ausklammert, Literatur von Frauen nicht zur Kenntnis nimmt. Das Buch wurde mir zu einer Offenbarung. Später die „Medea“, – mit ihr tat ich mich wiederum schwerer, – sie erschloss sich mir erst nach zweimaligem Lesen. Zwischendurch immer wieder Erzählungen, Aufsätze, Essays…

„Was bleibt“ – natürlich! – , das alte Gruseln! Ausgerechnet dieses Buch kürzlich bei einer lieben Freundin, wo es zufällig auf dem Tisch lag, in die Hand genommen und während eines einzigen Abends nochmals durchgelesen, diesmal regelrecht mit einem dem ernsten Thema eigentlich so gar nicht angemessenem Vergnügen, – wer behauptete je, der Autorin fehle es an Humor?  Man bemerkt die Ironie oft nicht, die in der ganzen sie umgebenden Ernsthaftigkeit plötzlich so knochentrocken dasteht, dass man innehalten muss, um sie zu erfassen, – vielleicht auch deshalb das Zweimal-lesen-müssen?

Andererseits eben diese Ernsthaftigkeit, die ich immer schätzte, ihr Ringen um Wahrhaftigkeit, ihr unbedingtes Vermeiden von Vorurteilen, ihr behutsames Abwägen, ihr unbedingtes Hinterfragen der eigenen subjektiven Wahrnehmung, das völlige Fehlen von Gemeinplätzen und Rundumschlägen, an denen sonst in der Gegenwartsliteratur nicht unbedingt Mangel herrscht.

Dann während eines jener späteren Ferienaufenthalte in Mecklenburg zufällig im Gespräch mit einer Bekannten aus der Umgebung – Du liest Christa Wolf? Die wohnt hier gleich um die Ecke! – erfahren, dass sie ihre Sommer in einem Dorf ganz in der Nähe – ich hatte seinen Namen zuvor nie gehört – zu verbringen pflegte. Dieses Wissen reichte aus, mich in Aufregung zu versetzen!

Im Rückblick sehe ich mich auf meinem Lieblingsplatz im Giebel – eines jener schönen alten Doppelfenster mit breitem Sims! – meines Zimmers sitzen, die Nachmittagssonne vom Schatten der hohen Eschen gefiltert, während die Schwalben, damit beschäftigt, in der Scheune den letzten Nachwuchs des Jahres aufzuziehen, dicht an mir vorüberfliegen und fast mit den Flügeln meinen Arm berühren, außer deren Gezwitscher nichts zu hören als Hühnergackern und ab und zu das Krähen eines Hahnes, – sehe mich in „Sommerstück“ lesen , den Duft eines ähnlichen Sommers in der Nase. Lese in den jeweiligen Neuerscheinungen dieser Jahre, die nun regelmäßig im Schaufenster der einzigen Buchhandlung der nächstgelegenen größeren Stadt ausgelegt zu finden sind. Früher, – erzählte die gemeinsame Bekannte -, bekamst du dort kein Buch von Christa Wolf, die gab’s höchstens heimlich unterm Tresen für Privilegierte, – der Laden war so linientreu, dass ich ihn heute noch boykottiere!

Lese „Nuancen von Grün“, Textauszüge aus ganz unterschiedlichen Werken, sensible Naturbeschreibungen, die immer wieder den Zauber der Landschaft auf noch einmal ganz eigene Weise heraufbeschwören, während sie in ihrem ursprünglichen Rahmen manchmal in der Textfülle unterzugehen drohen, –  ein ähnliches Schicksal erleiden wie der angeblich fehlende Humor. Lese „Ein Tag im Jahr“, Poesie des Alltags im Wandel der Zeiten und geschichtlichen Ereignisse, eine sympathische, umwerfend offene Christa Wolf.

Sehe mich Briefe schreiben, die ich ihr bei einer unter irgendeinem Vorwand getätigten Fahrt durch jenen Ort, der nirgendwohin auf meinem Weg lag, heimlich wie eine Diebin in den Briefkasten schmuggle, erhalte auch umgehend eine freundliche Postkarte, die seitdem einen Ehrenplatz auf meinem Bücherregal inne hat.

Lese „Hierzulande, Andernorts“, fahre mit diesem Exemplar eines Tages nochmals hin, mit der vagen Hoffnung, es signieren lassen zu können, betrete mit schlechtem Gewissen durch das offen stehende Tor den Pfarrhof mit seinen hohen, alten Bäumen, – kein Sich-Abschirmen und Abschotten, kein Prunk, kein Protz, – einfaches Leben mitten unter den Menschen im Dorf. Ich treffe sie nicht an, – sie ist unpässlich an jenem Tag, – wohl aber Gerhard Wolf, der mit Gartenarbeit beschäftigt ist und heitere Ruhe ausstrahlt, sich mit uns freundlich unterhält und uns fragt, woher wir sind, – ah ja, Süddeutschland, unweit der Geburtsstadt Hölderlins! -, lange genug hat er sich – selbst Autor und Verleger – mit ihm beschäftigt; er nimmt das Buch ohne Umstände entgegen und bringt es nach wenigen Minuten signiert mit Widmung zurück, – in meine Freude mischt sich das Bedauern, wohl die einzige Gelegenheit verpasst zu haben, ihr je zu begegnen, – es war mein vorläufig letzter Sommer in Mecklenburg.

Dies alles trug sich bereits in der Zeit nach ihrem neunmonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten – in Los Angeles – zu, von dem ihr neuestes Buch „Stadt der Engel“ handelt. Flucht, – sagten böse Zungen. Die Debatte um Stasi-Vorwürfe. Irgendwann mochte ich es nicht mehr hören. Sie hat alles veröffentlicht, ihre komplette Akte. Seltsamerweise wurde dies von den Medien kaum zur Kenntnis genommen. Was an der Sache wirklich dran war, ist darin für jeden nachzulesen. In dieses Netz zu geraten, war noch ganz anderen beschieden, auch zu späteren Zeiten, als sie selbst längst die „Zusammenarbeit“ – wenn sich von solcher denn sprechen lässt – eingestellt hatte und anderen aktiv davon abriet, sich darauf einzulassen. Ich frage mich, wie viele darunter sein mögen, die sich wirklicher Vergehen schuldig gemacht hatten, ohne es bis heute für nötig zu halten, sich darüber – gar öffentlich – zu äußern.

All dies, worüber heute alle Welt meint, urteilen zu müssen, hatte sich lange vor dem denkwürdigen 11. ZK-Plenum von 1965 ereignet, wo sie es als einzige wagte, Kritik an der Kulturabteilung ihres Regimes zu üben, – lange bevor sie gemeinsam mit einigen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen 1976 schriftlich gegen die Ausbürgerung des in Ungnade gefallenen Liedermachers Wolf Biermann protestierte, – lange vor ihrer Rede von 1989, als das Volk in einer friedlichen Revolution bekundet hatte, dass es nun einmal das Volk sei, und dass die Regierung sich – Brecht lässt grüßen – eben kein anderes wählen könne, – als sie die Menschen beschwor, zu bleiben, statt weiterhin in großer Zahl das Land zu verlassen, – Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg! -,weil sie ansonsten ein Ausbluten des Landes befürchtete, in dem sie selbst immer geblieben war, statt wie viele andere zu gehen. Warum? –  fragt man heute. Weil sie das Gefühl hatte, dort gebraucht zu werden. Weil sie an die Möglichkeit einer Umgestaltung des Sozialismus glaubte – wer will es ihr verdenken? – und weil sie den Menschen im Land nach dem – in der Geschichte erstmaligen! – Gelingen einer friedlichen Revolution zutraute, dass solches zusammen mit ihnen durchzuführen wäre, – während diese bei Öffnung der Grenze nach Jahren materieller Entbehrungen zunächst einmal der Anziehungskraft der vollen Schaufenster auf der anderen Seite des Zaunes erlagen, – wer will es wiederum ihnen verdenken?

Das alte Indianersprichwort, – am Ende des Buches besucht sie wirklich Indianerland -, aber es kommt nicht darin vor: Urteile über niemanden, solange du nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bist.

Aber Christa Wolf wäre nicht Christa Wolf, wenn sie einen wunden Punkt – oder einen blinden Fleck – auf sich beruhen lassen könnte. Rechtfertigungszwang? Wie stellt man es an, genau da nicht hineingedrängt zu werden? Eine Frage, die sie sich selbst stellt. Und die, ob es für diesen Fall eine mögliche richtige, eine angemessene Verhaltensweise gibt. Vermutlich gibt es sie nicht, und man kann in jedem Fall nur alles falsch machen. Zumindest für andere. Also gilt es, das zu tun, was man für sich selbst als das Richtige erkennt. Und ihr Bestreben war es ein Leben lang, das größte Maß an Offenheit zu finden, schonungslose Offenheit sich selbst und anderen gegenüber, – ich habe mich oft gefragt, warum tut sie das, warum setzt sie sich dem allem aus? -, und die eigene Verantwortung ernst zu nehmen, sich ihr zu stellen. Dies ist – irgendwann begriff ich es – der einzige Weg – und Thema dieses Buches.

Ein Buch, mit dem ich mich zunächst schwer tue. Der Anfang ist zäh, wirkt holprig. Er muss es sein, aber das begreife ich erst später. Ich quäle mich. Ebenso quält sich die Autorin, – auch dies begreife ich erst nach und nach. Und dass ich vor die Wahl gestellt bin, mitzugehen, um zu verstehen, – oder eben nicht. Und ich entscheide mich fürs Mitgehen.

Der Amerikaaufenthalt Christa Wolfs ergibt sich durch die Einladung eines historischen Forschungszentrums, ein Stipendium, – dafür bedarf es eines Projektes, und was läge näher, als sich auf die Spuren der deutschen Exilliteraten zu begeben, derer sich viele während der NS-Zeit in Kalifornien am selben Ort einfanden, in Santa Monica, in Pacific Palisades, „New Weimar unter Palmen“ genannt, – bekannte Namen: Bertold Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Alfred Döblin… -, im Besonderen jedoch auf die verlorene Spur einer emigrierten Freundin, – richtiger: der Freundin einer inzwischen verstorbenen Freundin, von der nur einige Briefe aus deren Nachlass existieren, die sie stets nur mit dem Anfangsbuchstaben ihres Vornamens unterschrieben hatte. Die Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen, – gleichzeitig die der Autorin nach sich selbst. Es kommt im Zuge dessen zu Recherchen, Exkursionen und Begegnungen mit den verschiedensten Menschen, auch mit vielen jüdischen Emigranten und deren Nachkommen, zu Gesprächen über die geschichtlichen Ereignisse und die gegenwärtige Situation der Menschen sowohl in den Staaten als auch im wiedervereinigten Deutschland und in Europa.

Wie immer fehlt mir historisches Hintergrundwissen, habe ich Lücken, – Mühe, den Zeitsprüngen der Erinnerung zu folgen, muss mancherlei Namen und Ereignisse nachschlagen, die mir nichts sagen, die mir in etlichen früheren Werken Christa Wolfs schon des Öfteren begegnet sein müssen, die ich dennoch regelmäßig wieder vergesse und bei Bedarf nicht hervorzuholen geschweige denn zuzuordnen vermag. Wer aus meiner Generation – im Westen aufgewachsen – kennt den tschechischen Autoren Louis Fürnberg? Bekannter der russische Schriftsteller Lew Kopelew, der sich nach seiner Zwangsausbürgerung in Köln bei Heinrich Böll aufhielt, dann Anna Achmatowa, der russische Germanist und Übersetzer Efim Etkind, das russische Dichterpaar Ossip und Nadeschda Mandelstam, die Emigrantenarchitekten Neutra und Schindler, – der interessanten Persönlichkeiten, die es hier zu entdecken oder wiederzuentdecken gibt, scheint kein Ende.

Wer einen Roman im eher üblichen Sinne erwartet hat, muss möglicherweise seine Vorstellungen neu ausrichten. Christa Wolfs Werke haben sich wohl niemals eindeutig kategorisieren lassen. Wer den roten Faden sucht, findet ein eigenwilliges Gewebe vieler roter Fäden, die alle verfolgt sein wollen, sich manchmal naturgemäß verheddern, – ohne dass dies schlimm wäre, denn: ist das Leben anders?

Und unsere Erinnerung, unser Unbewusstes und Unterbewusstes, dem sie auf der Spur ist? Der zweite Titel „The Overcoat of Dr. Freud“, welcher Bezug nimmt auf einen Mantel Sigmund Freuds, in dessen Besitz ein Freund auf Umwegen gelangte, und der ihm unter mysteriösen Umstanden wieder abhandenkam, deutet es an. Erlebnisse, Begegnungen, Überlegungen, Reflexionen, Träume greifen ineinander. Dies zu einer Handlung zu verweben, erfordert Können. Christa Wolf besitzt es, – zweifellos. Und nach den ersten etwa hundertfünfzig Seiten hat auch die Krise ihren Höhepunkt überschritten. Ab dann wird der Ton eindringlicher, – ist es die „alte“ Christa Wolf, wie ich sie kenne. Dafür hat es sich gelohnt.

Und ich merke nach und nach: Es geht nicht darum, die Fülle an Details wie Teile eines Puzzles zusammenzufügen, auch wenn es durchaus spannend sein kann, diesen Versuch zu unternehmen. Auch das Rätsel der verschollenen Freundin löst sich in einer Verkettung von Zufällen, die echt oder erfunden sein können, – wenn es solche Zufälle nicht gäbe, müsste man sie erfinden, schreibt sie, – ist da etwa ein Augenzwinkern zu vernehmen? Aber inzwischen ist längst zu merken: Darum geht es gar nicht mehr.

Vielmehr geht es um Voraussetzungen von Erinnern und Vergessen, – das erwähnte Freud-Zitat: Ohne Vergessen können wir nicht leben! -, um Schuld und Verantwortung, die uralte Frage, wie die unlösbaren Konflikte zustande kommen, die uns seit ewigen Zeiten zu schaffen machen, so dass sie bereits in der Antike literarischen Stoff in Hülle und Fülle zu liefern vermochten, – wo haben sie begonnen, – wohin führt dies in unserer Zeiten? Bezeichnend die im Buch erwähnten Worte eines Freundes während einer Diskussion, in der es um die moralischen Verstrickungen der Atomphysiker geht:

„Wenn gutwillige normale Menschen so in eine Klemme getrieben werden, dass sie, nach ihren eigenen Maßstäben, nichts mehr richtig machen können, dann ist die Gesellschaft krank, in der sie leben.“

Und es geht um die stets brennende Frage nach dem Ausweg aus dem zwangsläufigen Schuldig-werden-müssen, aus dem ewigen Scheitern am Versuch, es doch noch einmal besser zu machen, Voraussetzungen für eine bessere Gesellschaft zu schaffen, – des Einzelnen, eines ganzes Volkes, – schließlich der Menschheit, – aller Menschen an allen Orten, – in welchem Gesellschaftssystem auch immer.

Ein mehrfach verwendetes Bild im Roman – Stadt der Engel! – ist jenes des „Engels der Geschichte“, zurückzuführen auf den Philosophen Walter Benjamin, der durch ein Gemälde von Paul Klee dazu inspiriert wurde:

Ein Sturm weht vom Paradiese her, der diesen Engel mit rückwärts gewendetem Antlitz in die Zukunft treibt, die er nicht schauen und lediglich – ein grausamer Fluch! – mit stetem Entsetzen auf das bereits Vergangene zurückblicken kann, ohne dieses je mehr ändern zu können.
Die Frage danach, wie ein solches Verhängnis aufzuhalten, wie dieser Fluch zu durchbrechen wäre, – sie macht nicht vor irgendeiner Generation einfach Halt, – sie wird ein Thema bleiben, auch für die nächste und übernächste.

Um mit den Worten des bekannten – zuvor genannten – älteren Titels zu fragen: Was bleibt?

Eine Erinnerung an meinen letzten Sommer in Mecklenburg:
Ich sehe mich eines Abends – wie so oft während meines Aufenthaltes – die Bundesstraße 192 zwischen Goldberg und Sternberg entlang fahren, auf einer bestimmten Höhe unwillkürlich nach rechts Ausschau haltend, nach dem etwas abseits erhöht gelegenen kleinen Dorf und seinem ersten größeren Haus, dem Pfarrhaus mit dem großen Giebel. Alles liegt bereits im Dunkeln, der Ort wirkt ausgestorben – nur das Licht im Giebelfenster, –  ihrem Fenster! – ist von weit her zu sehen. Licht über dem Land -, denke ich, – ein schönes Bild.

© Bettina Johl

Christa Wolf: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 416 S., geb. 24,90 €

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