Fichte und Hölderlin – Aus dem Roman „Holunderblüten“ von Bettina Johl

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Zum Gedenken an Johann Gottlieb Fichte ( *19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda;  † 29. Januar 1814 in Berlin)

Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen.  Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor –  die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus dem Nichts.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Das Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus)

Der Dichter selbst als Philosoph? Als ein solcher sah Hölderlin sich selbst zweifellos. Er bestand darauf, als Dichter notwendigerweise Philosoph sein zu müssen – und umgekehrt. Die Bereiche Dichtung und Philosophie sah er als untrennbar an und widmete sich zeitlebens der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte: Beide einer neuen Einheit zuzuführen.

Ihr lest: Die Idee der Schönheit, die sich in der Kunst ausdrückt, sei die Idee, die alle anderen Ideen vereinige, und ein Philosoph müsse gerade so viel ästhetische Kraft besitzen wie ein Dichter, sonst nämlich bleibe er ein Buchstabenphilosoph, den keiner verstehe und der somit auch das Volk nicht erreiche. Die Poesie hingegen müsse wieder die Rolle der Lehrerin der Menschheit übernehmen, wie sie diese bereits zu Beginn inne hatte. Und letztlich – so schließt er kühn – werde die Dichtkunst alle anderen Wissenschaften und Künste überleben.

Große Worte eines jungen Menschen. Er wird ihnen treu bleiben. Ihr staunt. Die Dichtkunst wird also überleben, – wird sie in letzter Konsequenz das sein, was bleibt? Das Schriftfragment, in dem sich all dies findet, nennt sich das „Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“. Es handelt sich hierbei um den Entwurf der Tübinger Studienfreunde, nach Aussage der Forschung überliefert in Hegels Handschrift, nach einem Konzept von Schelling – und deutlich geprägt durch euren Hölderlin; viele der hier enthaltenen Gedanken finden sich nahezu wörtlich im Hyperion wieder, den er in sehr jungen Jahren begann, und an dem er viele Jahre arbeitete. Ein Entwurf, nicht ganz vollständig erhalten, welcher Anfang 1797 entstand, als das bezeichnete Dreigestirn nach Jahren in Frankfurt zu erneutem Austausch wieder aufeinander traf.

Dies also wurde vor mehr als zweihundert Jahren zu Papier gebracht durch drei außergewöhnlich begabte junge Menschen, von denen zu dieser Zeit noch keiner die dreißig Jahre erreicht hatte. Es beschäftigt dich. Wie ergeht es euch, wenn ihr aus heutiger Sicht darauf schaut? Wie ist es heute um Philosophie und Dichtkunst bestellt? Revolutionen, Weltkriege, die technische Entwicklung und der allgemeine Lauf der Zeit haben die Gesellschaft verändert wie nie zuvor. Die Philosophie scheint ein Schattendasein unter den Wissenschaften zu führen, geistert durch die Feuilletons, welche nur von einem kleinen Kreis gelesen werden. Oftmals erscheinen dir diese eher als eine Spielwiese der Selbstdarstellung, wo mit Begriffen jongliert wird, angesichts derer du dich fragst, ob jene, die sie verwenden, sie eigentlich selbst verstehen. Oder sollten diese einzig dem Zweck dienen, beim Leser Erstarren in Ehrfurcht vor vermeintlicher geistiger Überlegenheit auszulösen? Feuilletonbeiträge, so verriet dir einmal der Chefredakteur einer überregionalen Zeitung, würden insgesamt wenig gelesen; dies erkläre auch das Phänomen, dass immer einmal wieder politisch inkorrekte Beiträge darin auftauchen könnten, und niemand rege sich darüber auf, – keiner nehme es zur Kenntnis, eben weil es keiner wirklich gelesen hat. Eigentlich diene ein Feuilleton vor allem dazu, eine Zeitung aufzuwerten; der Leser, auch wenn er es nicht liest, würde es dennoch vermissen, wäre es nicht vorhanden, – verleiht es doch der Zeitung das gewisse Niveau. Dies wertet wiederum auch den Leser auf; er liest schließlich ein anspruchsvolles Blatt, selbst wenn dies Lesen sich auf das Überfliegen der Schlagzeilen beschränken sollte.

Philosophen also ungestört unter sich im Elfenbeinturm? Unbeachtet – und damit auch ungestört – vom Rest der Welt? „Stimmt so nicht!“ – sagt dein Dichterfreund und Philosophenfreund, der sich unter denselben bewegt, – möglicherweise hat er Recht. Aber der Eindruck bleibt – und die Frage: Wem nützt Philosophie, solange ihre Vertreter dem Leser suggerieren, ihre Inhalte könnten von einfach denkenden Menschen nicht verstanden werden? Wird es hier nicht höchste Zeit, sich einzumischen?

Jung war sie damals: Die Vorstellung des Menschen von sich selbst als absolut freiem Wesen, bestimmt zum freiheitlichen Handeln, welche aus dem Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution entstand. In Deutschland und von Deutschland aus wurde diese maßgebend geprägt durch die Philosophen Kant – welchen euer Dichter in Tübingen eingehend studierte – und Fichte, den er später in Jena hörte, von dem er tief beeindruckt war, und der ihm Denkanstöße lieferte, seine eigenen Ideen im Hinblick auf den schöpferischen – den Kunst schaffenden – Menschen weiter zu entwickeln.

Was genau hat es mit Fichtes Werk auf sich? Das Thema hat dich in seinen Bann gezogen, jedoch kämpfst du hier mit erheblichen Bildungslücken. Über Kant lässt sich ja noch irgendwie etwas zusammenbringen. Sofern es einer versteht, durch Herumwirbeln einiger Begriffe und Zitate zu bluffen, lässt sich mit diesem Philosophen durchaus einen Abend lang Konversation treiben. Den meisten wird es nicht auffallen, weil sie es zwar chic finden, sich über Kant zu unterhalten, den sie ja dem Namen nach kennen, auch wissen, dass das jemand Bedeutendes gewesen sein muss, aber möglicherweise insgeheim überlegen: Wer war das noch mal? Ein Modeschöpfer vielleicht? Triffst du aber zufällig doch auf jemanden, der sich auskennt, wird derjenige in der Regel vor Begeisterung völlig außer sich sein – Wahnsinn, hier interessiert sich jemand für Kant! –, so dass auch er es nicht unbedingt mitbekommt, wenn du in Wirklichkeit nur Blödsinn erzählst. Auch dein Dichterfreund wäre einst fast darauf hereingefallen. Jedoch nur fast! Hingegen bei Fichte verlassen dich zunächst alle guten Geister, und es wird Zeit, dass du dich dahinter klemmst. Hier auf deinem „Zauberberg“, wo du ein wenig Auszeit hast.

Wenigstens liegt dein Wissensmangel diesmal nicht darin begründet, dass du in der Schule schlicht gepennt hast; das hast du zwar in der Tat, aber Philosophie kannst du nicht verschlafen haben, denn – es gab sie nicht. Im Gegensatz zu manchen anderen europäischen Ländern war Philosophie an deutschen Schulen nicht im Lehrplan vorgesehen, wird als eigenes Fach bis heute selten gelehrt. Und damit fängt das Elend an – und nimmt seinen weiteren Lauf. Es führte zu dem Phänomen, dass sich Menschen wie du im Erwachsenenalter auf „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder stürzten, ein Buch, das sich eigentlich an Jugendliche richtet. Ihr kauftet es unter dem Vorwand, es euren Kindern schenken zu wollen, und last es dann selbst, verschämt unter der Bettdecke, – denn die Kids hatten auf so etwas gar keinen Bock, das roch ja viel zu sehr nach Bildung! –, und so habt ihr auf diese Weise erstmals in verständlicher Form etwas über Philosophie erfahren. Die Kritiker spotteten über euch, versuchten, das Buch schlecht zu reden, aber es gelang ihnen glücklicherweise nicht, das einmal entflammte Interesse wieder zu ersticken. Du kennst sogar einen Doktor der Philosophie, der sich davon begeistern ließ. Er trug eine Baskenmütze wie Alberto Knox und bot auf dem Buch basierende Kurse für Erwachsene, an einem Ort, den du selbst für jegliche Philosophie verloren hieltest, aber er – unerschütterlicher Idealist, der er war – ließ sich davon nicht beeindrucken; er hielt seine Stunden auch, wenn sich nur fünf Leute einfanden. Von seinem Naturell war er ansonsten ein eher schüchterner Mensch und – was angenehm an ihm war – alles andere als ein Meister der Selbstdarstellung, daher fielen seine förmlichen Vorträge oft etwas monoton aus, führten zu schweren Augenlidern während Abendstunden in muffigen Räumen, nach langen, mit stumpfsinniger Arbeit ausgefüllten Tagen. Anders Eure anschließenden Gespräche auf der Straße vor dem Café, unter dem freien Himmel, der für eure Gedankenflüge brav die Kulisse lieferte. Du hast ihn ausgebeutet, denkst du rückblickend – und meinst damit nicht den Himmel –, ihn allzu oft über ungebührliche Zeit aufgehalten mit deinen Fragen und verrückten Gedankenspielen, die sich einstellten, sobald an frischer Luft deine Müdigkeit wie weggeblasen war. Er nahm es heiter und gelassen. Und auf zwei Gebieten hattest du einen Vorsprung: Er wusste die erstaunlichsten Dinge, aber, wie er freimütig zugab, wenig über die Bibel und den Sternenhimmel, Gebiete, die du dir in Eigenregie bereits etwas erschlossen hattest. So besaß jeder Teile eines großen Puzzles, die sich zuweilen ergänzten, – dies machte eure Gespräche zu etwas Wertvollem. Glücklich, wer in jedem Lebensalter immer wieder Lehrer findet, die das Denken auf neue Bahnen lenken helfen. Du hattest dieses Glück sehr oft.

Hier bist du auf dich gestellt, aber Selbstdenken und Lernen ist ja keineswegs verboten, und so findest du dich nun alsbald mit einem Notizbuch bewaffnet, alles zusammenschreibend, was du über Fichte in Erfahrung bringen kannst. Und findest zusehends Spaß daran.

An allem Anfang war Legende: Fichte, der begabte Sohn eines Webers aus der Oberlausitz, sonntags auf der Gemeindewiese hinter der Kirche das Vieh hütend. Frondienst, der vor Kindern keineswegs Halt machte. Sein Gutsherr, mit dem auf einen Mann seines Formats passenden Vornamen Haubold, der eines Sonntags verschlafen hatte, Gottesdienst samt Predigt verpasste und sein Bedauern darüber im Zuge eines Gesprächs kundtat. Der Junge, der dies mithörte oder hinzugeholt wurde, und der ihm daraufhin die Predigt, die er durchs Kirchenfenster mitbekommen und im Kopf behalten hatte, auswendig vortrug, nicht ohne hierbei den Pfarrer auf unterhaltsame Weise zu imitieren. Der Freiherr, davon sehr beeindruckt, der umgehend beschloss, dass man einen solch aufgeweckten Burschen unbedingt fördern und auf entsprechende Schulen schicken müsse. Eine Sache, die er auch sogleich mit den Mitteln, die ihm – anders als den Eltern des Jungen – zur Verfügung standen, in die Hand nahm. Wie sagte doch schon dein geschätzter Konfirmandenpfarrer? Es hat noch keinem geschadet, bei der Sonntagspredigt die Ohren zu spitzen!

Eben war der Weg, den Fichte dadurch einschlagen konnte, jedoch keineswegs. Wenig später verstarb der edle Herr, und die Begeisterung seiner Erben für diese Art Bildungssponsoring dürfte sich bereits zu dessen Lebzeiten in Grenzen gehalten haben. Unterstützung war nicht länger zu erwarten. Fichte schlug sich –  ähnlich wie später euer Dichter ­– mit Hauslehrerstellen durch und brach sein Studium ab. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, beruflich oder schreibend Fuß zu fassen, beschäftigte er sich mit der Philosophie Kants, der er sehr zugetan war. Als er Kant einige Zeit später in Königsberg besuchte, war dieser von ihm sehr beeindruckt und half ihm, seine Schrift „Versuch einer Critik aller Offenbarung“ zu verlegen, eine religionsphilosophische Abhandlung, von der lange angenommen wurde, dass sie von Kant selbst stamme. Als dies schließlich durch Kant richtiggestellt wurde, bedeutete es den Durchbruch Fichtes. Er wurde an die Universität Jena bestellt, wo euer Dichter schließlich mit ihm in Berührung kommen sollte.

Bezeichnend für die Philosophie Fichtes ist nun die Bedeutung, die er dem Begriff des Ich – großgeschrieben! – als dem aktiven, in Freiheit handelnden Part zuschreibt. Er baut diesen Gedanken weiter aus: Dem Ich entgegen steht – so nennt er es – die Welt des „Nicht-Ich“. Dieses „Nicht-Ich“ bezeichnet wiederum alles, was die Freiheit des Ich bestreitet. Die Begrenzung durch das „Nicht-Ich“, also durch äußere oder innere Umstände, welche das Ich angeblich am Handeln hindern, sei jedoch – so Fichte – in Wirklichkeit eine reine Selbstbegrenzung – und damit eine faule Ausrede! Es gelte stattdessen, die Menschen aus ihrer Lethargie wachzurütteln. Das ganze Gejammer über angeblich unabänderliche Gegebenheiten: Unsinn! Fichte ist davon überzeugt: Es gibt diese nicht. Was er für das wahre Übel des Menschen hält, benennt er hingegen unumwunden: Die Trägheit! Mit heutigen Worten: Wenn das Ich nicht in die Pötte kommt, dann läuft gar nichts, – dann ist es geradezu so, als wären wir schon lange tot. Oder nie lebendig gewesen. Der Mensch, so Fichte, tendiere stets stärker dazu, sich zum getriebenen Objekt als zum handelnden Subjekt zu machen, – und sich auf diese Weise zu verstecken und sich vor dem Denken und Handeln zu drücken. Warum? Weil die sonst so vielgepriesene Freiheit unbequem ist! Weil sie erfordert, Verantwortung zu übernehmen, was – wie wir wissen – seltener Lust als Last bedeuten kann. Das Subjekt jedoch – nicht das Objekt! – liege in Wahrheit allem zugrunde: Das Subjekt als das tätige und erkennende Ich, das sich seiner selbst bewusst sein muss, und dieses wiederum „setze sich selbst“, bringe sich selbst aus dem Denken hervor und sei weltbildend.

Seiner selbst bewusst! Weltbildend! Dies klingt für dich doch alles eigentlich sogar sehr modern und weckt so gar nicht den Eindruck, bereits vor zweihundert Jahren gedacht worden zu sein. Was bedeutet dies nun umgesetzt ins praktische Leben? Denn dafür war es ja doch wohl gedacht, zu Zeiten, als die Philosophie sich noch nicht in die Feuilletons verkroch?

Während einer Rast auf einer deiner ausgedehnten Wanderungen sendest du deinem Philosophenfreund eine Nachricht über Mobiltelefon:

Mein Lieber, bin im Wald unterwegs und kämpfe noch immer mit Fichte, – das passt hierher, ­– Du weißt schon: Schwarzwald! Links Fichten, rechts Fichten! Also, wenn ich es richtig verstanden habe: Das Ich bin ich! Sein ist nach Fichte Wahrgenommen-werden. Ich werde hier zwar höchstens von den Vögeln des Waldes wahrgenommen, weil sonst kein Mensch unterwegs ist, aber da ich den Wald hier wahrnehme und den Berg, der vor mir liegt, gehe ich einfach einmal davon aus, dass es mich trotzdem gibt. So. Und dieser Berg hier ist das Nicht-Ich, welches mich begrenzt und sagt – oder sagen würde, denn dieser Berg hat natürlich nichts zu melden, das wäre ja noch schöner! – wenn dieser Berg also etwas zu sagen hätte, würde sich das vermutlich so anhören: „Hey, du kommst hier nicht rauf, ich bin viel zu hoch, und du hast null Kondition, also vergiss es besser! Und jetzt liegt die Entscheidung beim Ich, – sprich bei mir! –, wie ich damit umgehe, ob ich entweder sage: „Jawohl, der Berg hat Recht, ich gehe dann mal lieber nach Hause“, – oder ob ich zum Berg sage: „Blödsinn! Hey, was willst du Berg? So hoch bist du nun auch wieder nicht, – ich hab schon ganz andere Berge geschafft, gegen die bist du geradezu ein Idiotenhügel!“ – Was also heißt: Ich kann mich von dem Berg erschrecken lassen, so dass ich umkehre und mich daheim unterm Bett verkrieche, – oder ich kann ihn bezwingen, im Extremfall auch den Bagger holen und ihn abtragen, aber ich – das Ich! – entscheidet, ob der Berg hoch oder niedrig ist! Dies gilt ja dann wohl auch für alle Berge im übertragenen Sinne. Und dies ist daran das „Weltschaffende“: Die Welt erschaffe ich mir; ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – Pippi Langstrumpf lässt grüßen! Hab ich Fichte kapiert oder nicht? „Nun ja“, erreicht dich die Antwort deines klugen Dichterfreundes, „ironisch genug, die Berufsphilosophen werden Dir empört nachstellen; aber im Prinzip ist Deine Interpretation richtig!“ Dein Glück. Von nun an erklärst du dich als befugt!

Das Weltschaffende muss für euren Dichter, als Künstler, der ja immer im weitesten Sinne weltschaffend, – weltenschaffend! – ist, die höchste Bedeutung gehabt haben. Mit dem freien, sich seiner selbst bewussten Wesen tritt also eine ganze Welt aus dem Nichts hervor. Eine Welt aus dem Nichts? Das klingt geradezu nach einem göttlichen Schöpferanspruch. Die Kirche wird an solcherlei Gedankengut ihre Freude gehabt haben! Noch mehr an der Forderung:

…absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen, und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen…

Heißt dies: Es kann kein Gott angenommen werden, außer, wir schaffen ihn uns selbst? Und ebenso keine Unsterblichkeit, außer eine von und durch uns selbst geschaffene? – Dies ist in der Tat starker Tobak! Aber warum eigentlich nicht? Die biblische Aussage lautet, Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Was bedeutet: Der Schöpfer, als Schaffender, – kreativ er selbst! –, schuf den Menschen zu seinem Ebenbild, folglich als Schaffenden, als Kreativen! Was wäre daran so verkehrt, als dass man darum Scheiterhaufen errichten müsste? Die Unsterblichkeit – gewiss, die hätten wir freilich gern, ohne sie uns erst extra schaffen zu müssen. Im Weiteren die Forderung der Systemschrift:

Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst,  dies ist‘s, was wir bedürfen!

Was hindert uns also, an den einen Gott zu glauben und zugleich als Schaffende frei zu sein? Die Rolle des Dichters, des Künstlers aber als Erzieher der Menschheit? Solches klingt hochtrabend. Auch in Fichtes „Reden an die Deutsche Nation“ ist von Erziehung die Rede, von sittlicher Bildung zur Freiheit, zu Selbständigkeit, zur  – wörtlich – „Veredelung“. Das menschliche Verhältnis zur Freiheit müsse in einer Vernunft- und Werterziehung verankert werden. Interessant: Die Erhebung zur Vernunft und zum wahren Selbst lasse auch die Feindschaft zu anderen freien Individuen und Nationen entfallen, denn der so gebildete Mensch strebe danach, seine Mitmenschen zu achten und liebe deren Freiheit und Größe, – mit Knechtschaft hingegen könne er sich nicht abfinden! Und für die Deutschen müsse ein neues Selbst gefunden werden, welches über die Nation hinausgehe!

Womit es dir in deinem Herum-schweifen gerade noch gelungen wäre, die Kurve zu bekommen. Denn dieser Frage „Was ist heute mit den Deutschen – mit uns! – los?“, der wolltest du anfangs ja nachgehen. Dein Dichterfreund wird sagen, du seist zu lange im Wald gewesen. Fichte(n)-geschädigt! Du kannst dich höchstens mit den Worten Hyperions herauszureden versuchen:

Ich schweifte herum, wie ein Irrlicht, griff alles an, wurde von allem ergriffen…

Copyright: Bettina Johl

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Geistesgeschichte, Literarische Wanderungen, Philosophie, Roman

Eine Antwort zu “Fichte und Hölderlin – Aus dem Roman „Holunderblüten“ von Bettina Johl

  1. poesea

    Zauberwald, Philosphenbaeume…

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