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Die Wahrheit des Menschen – Über Albert Camus

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Als Albert Camus am 7. November 1913 auf einem Bauernhof in Mondovi in der Nähe von Algier zur Welt kam, wies nichts darauf hin, dass aus ihm einer der berühmtesten französischen Schriftsteller werden sollte, der zu seiner Zeit mit Jean Paul Sartre zu Frankreichs einflussreichsten Intellektuellen zählte. Er wuchs neben einer stummen Mutter und einer tyrannischen Großmutter, beide waren Analphabetinnen, in einem ärmlichen Viertel in Belcourt auf, einem Vorort von Algier. Sein Vater, Lucien Camus, starb am 14. Oktober 1914 in der Marneschlacht an den Folgen einer Kopfverletzung. Albert und sein Bruder Lucien standen beide als Kriegswaisen unter staatlicher Fürsorge. Camus schreibt in seinem posthum erschienen Roman: »Nein, er würde seinen Vater nie kennen, der dort drüben, das Gesicht für immer in der Asche verloren, weiterschlafen würde.«Die Armut, in der er lebte, betrachtete Camus nicht als Übel, wie er in seiner ersten Veröffentlichung »Licht und Schatten« formuliert:
»Die Armut, um zuerst von ihr zu sprechen, habe ich nie als Unglück empfunden, denn das Licht breitete seine Schätze über sie aus. Selbst meine Auflehnung wurde davon erhellt. Es war beinahe immer – ich glaube es in aller Aufrichtigkeit sagen zu dürfen – eine Auflehnung im Namen aller Menschen, damit das Leben aller Menschen ins Licht erhoben werde.«

Jahrzehnte später, im Juli 1944 schreibt Camus in seinem vierten »Brief an einen deutschen Freund«, der ein imaginärer Freund war: 
»Ich glaube weiterhin, dass unserer Welt kein tieferer Sinn innewohnt. Aber ich weiß, dass etwas in ihr Sinn hat, und das ist der Mensch, denn er ist das einzige Wesen, das Sinn fordert. Diese Welt besitzt zumindest die Wahrheit des Menschen, und unsere Aufgabe besteht darin, ihm seine Gründe gegen das Schicksal in die Hand zu geben. Und die Welt hat keine anderen Seinsgründe als den Menschen, und ihn muss man retten, wenn man die Vorstellung retten will, die man sich vom Leben macht.«

Die Wahrheit ist für Camus »etwas, das wächst, immer stärker wird. Sie ist ins Werk zu setzen. Und dieses Werk gilt es sowohl auf dem Papier als auch im Leben mit aller Klarheit zu verfolgen.« Camus hat sich als die Stimme der Sprachlosen empfunden; er blieb dabei seiner algerischen Herkunft und der Armut seiner Kindheit treu.

Er liebte seine Mutter, die das Regiment ihrer tyrannischen Mutter schweigend ertrug: »Sie hatte ein sanftes, ebenmäßiges Gesicht, das schön gewellte Haar der Spanierin, eine gerade kleine Nase, schöne, warmherzige braune Augen.« Sie war für ihn, wie es in seinem posthum erschienen Roman »Der erste Mensch« heißt, »das, was er am meisten liebte, auch wenn er sie hoffnungslos liebte.« Die Familie von Catherine Sintès stammte von Menorca, der nördlichsten Baleareninsel, jedes Jahr musste in Algerien ein Antrag für eine Aufenthaltsgenehmigung gestellt werden, »aber letzten Endes war da nur das Geheimnis der Armut, die Menschen ohne Namen und ohne Vergangenheit hervorbringt«.

Durch Fürsprache seines Lehrers Louis Germain, ohne den es wohl den Schriftsteller Camus nicht gäbe, schaffte er den Sprung in die Bildungsinstitutionen einer der führenden Kulturnationen. Ab seinem sechzehnten Lebensjahr arbeitete er in Algier als Hafenangestellter, er wurde krank, im Krankenhaus des Armenviertels stellte man eine Lungentuberkulose fest. Die Ärzte gaben ihn auf, er hatte sein Todesurteil erhalten, dessen Vollstreckung im Ungewissen blieb. Sein Onkel Gustave, ein Metzger und Literaturfreund, nahm ihn in sein Haus auf. Der Fleischer drückte seinem Neffen die Bücher von André Gide in die Hand. In Gides algerischem Hymnus »Früchte der Erde«, für Camus ein »Evangelium der Armut« fand der Algerienfranzose seine Welt wieder, seine frühen Texte sind von Gide beeinflusst. Bei Gide heißt es:»Mach keinen Unterscheid zwischen Gott und deinem Glück und lege all dein Glück in den Augenblick«, bei Camus finden sich die Worte:»Ich lerne, dass es kein übermenschliches Glück gibt und keine Ewigkeit außer dem Hinfließen des Tages.« Später wandte sich Camus von Gide ab, und die Ursache muss wohl darin zu suchen sein, dass er einen neuen Meister gefunden hatte, Jean Grenier, der Lehrer seiner Jugend. Der zwanzigjährige Albert Camus begann sein Studium der Philosophie an der neu eröffneten Universität von Algier, wo er mit dem jungen Professor Jean Grenier Freundschaft schloss, die trotz unterschiedlicher Lebenshaltungen bis zu Camus Tod im Jahr 1960 dauerte. Camus verfasste zu Greniers Jugedwerk »Inseln« ein begeistertes Vorwort und begann unter dem Einfluss dieses Buches mit dem eigenen Schreiben. Grenier wurde, wie Iris Radisch in ihrer Camus-Biographie erklärt, zum Förderer, Ratgeber, Lektor und Lehrer Alberts. Radisch schildert darin auch die Bezüge zwischen Valerys »Inspirations méditerranéennes« und dem »mittelmeerischen Denken« von Camus, die vor allem durch Grenier vermittelt wurden und bis in seine späten Werke wirksam bleiben. Das »mittelmeerische Denken« ist das Schlusskapitel des 1951 erschienenen Essays »Der Mensch in der Revolte«. Dort stellt er eine mediterrane Kultur der Gelassenheit, des Maßes und der Nähe zur Natur vor, die es gegen die lähmende und erstickende Kultur Europas zu bewahren gilt, und die ihre Herkunft aus dem antiken Griechenland nicht verleugnet. Im beginnenden 21. Jahrhundert wird Albert Camus in Giorgio Agamben einen aufmerksamen Leser dieses Essays finden.

In den dreißiger Jahre (1934) heiratete Camus Simone Hié, doch die Ehe war nicht von Dauer, trat der kommunistischen Partei bei, aus der er nach drei Jahren ausgeschlossen wurde, gründete ein Theater, in dem seine ersten Stücke aufgeführt wurden, absolvierte sein Studium mit einer Diplomarbeit über die nordafrikanischen Philosophen Plotin und Augustinus, wurde Mitarbeiter einer algerischen Zeitung, arbeitete an seinen Roman »Der glückliche Tod«, und veröffentlichte seine Erstlingsswerke »Licht und Schatten« und »Die Hochzeit des Lichts«.

1940 erfolgte dann der Umzug nach Paris, er heiratete Francine Aure, mit der er zwei Kinder hatte, Jean und Catherine. Ein Jahr später vollendete er seinen Werkzyklus des Absurden mit »Der Fremde«, »Der Mythos des Sisyphos« und »Caligula«. 1947 erschien sein Roman »Die Pest«. Die Stadt Paris blieb ihm fremd, in seinem Tagebuch schreibt er, sie sei »für alle Zeit die einzig benutzbare Wüste.«

Der Werkzyklus des Absurden begründete den Weltruhm des französischen Schriftstellers. Ein Meister des Absurden und engagierter Denker der Revolte wurde er genannt, 1957 erhielt er den Nobelpreis. Das Absurde besteht für Camus in der Spannung zwischen der Sinnwidrigkeit der Welt und der Sehnsucht des Menschen nach einem Sinn oder sinnvollem Handeln. Der Mensch versuche, so Camus, sich durch einen irrationalen »Sprung« in eine metaphysische oder quasimetaphysische Heilsgewissheit vom Absurden zu befreien. Im »Mythos des Sisyphos« heißt es:

»Wenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen. Sobald dieser Begriff sich in ein Sprungbrett zur Ewigkeit verwandelt, ist er nicht mehr mit der menschlichen Hellsichtigkeit verbunden. Dann ist das Absurde nicht mehr die Evidenz, die der Mensch feststellt, ohne in sie einzuwilligen. Der Kampf ist dann vermieden. Der Mensch integriert das Absurde und läßt damit sein eigentliches Wesen verschwinden, das Gegensatz, Zerrissenheit und Entzweiung ist. Dieser Sprung ist ein Ausweichen.«

In der Revolte gegen das Absurde, als Reaktion auf die zuerst erkannte und dann angenommene Absurdität, kann sich der »absurde Mensch« selbst verwirklichen und zur Freiheit finden. Dem eigentlichen Grund der Absurdität, dem Tod, kann er nicht entfliehen: »Was bleibt, ist ein Schicksal, bei dem allein das Ende fatal ist. Abgesehen von dieser einzigen fatalen Unabwendbarkeit des Todes ist alles, sei es Freude oder Glück, nichts als Freiheit. Es bleibt eine Welt, in der der Mensch der einzige Herr ist.« In der Mythologie der Griechen hatte Albert Camus mit Sisyphos eine Figur gefunden, deren Handeln prima vista nur als völlig sinnlos bezeichnet werden kann und dennoch umzuschlagen vermag in Selbstverwirklichung und Glück. Am Ende seiner großen philosophischen Erzählung schreibt Camus:

»Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.«

Im November 1958 kaufte sich Camus, dank des ein Jahr zuvor erhaltenen Nobelpreises, ein Haus in Lourmarin im Departement Vaucluse, zwischen Avignon und Aix-en-Provence gelegen. Es war einsam geworden um ihn, die »Mandarins von Paris« hielten auf Abstand zu ihm. In der Werkbiographie »Albert Camus – Die Freiheit leben« beschreibt Martin Meyer, dass Camus in der Zeit der Nobelpreisverleihung unter starken Depressionen, Schreibhemmungen, Erstickungsanfällen, die von Panik und Ängsten begleitet waren, litt. Das Tagebuch, das Camus zu dieser Zeit im Jahre 1957 führte, enthalte nur sieben Notate, »keines spiegelt die Ereignisse in Schweden«. Nach seinem Unfalltod am 4. Januar 1960 bekannte sich selbst der einst im Streit mit ihm lebende Jean-Paul Sartre wieder zu ihm, als er erklärte, Camus stelle für das 20. Jahrhundert den »wahren Erben jener langen Ahnenreihe von Moralisten dar, deren Werke vielleicht das Echteste und Ursprünglichste an der ganzen französischen Literatur sind«. Albert Camus fand auf dem Friedhof von Lourmarin seine letzte Ruhe.

Copyright: Dieter Kaltwasser

Literaturempfehlungen:

Catherine Camus (Hrsg.): Albert Camus – Sein Leben in Bildern und Dokumenten. Übersetzung aus dem Französischen von Alwin Letzkus. Edition Olms, Zürich 2013. 224 Seiten, 49,95 EUR. ISBN: 978-3-283-01151-2

Martin Meyer: Albert Camus – Die Freiheit leben. Carl Hanser Verlag, München 2013. 368 Seiten, 24,90 EUR. ISBN: 978-3-446-24353-8

Michel Onfray: Im Namen der Freiheit. Leben und Philosophie des Albert Camus. Aus dem Französischen von Stephanie Singh. Knaus Verlag, München 2013. 576 Seiten, 29,99 EUR. ISBN: 978-3-8135-0533-7

Iris Radisch: Camus – Das Ideal der Einfachheit. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013. 352 Seiten,19,95 EUR. ISBN: 978-3-498-05789-3

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Verteidigung der Freiheit

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Zum 100. Geburtstag von Albert Camus sind vier große Biographien erschienen

Er wird als einer der Großen des 20. Jahrhunderts gefeiert und er zählt zu den weltweit meistgelesenen französischen Autoren. Als Albert Camus am 7. November 1913 in der Nähe von Algier in einem Arbeiterviertel zur Welt kam, deutete nichts darauf hin, dass er zu einem der bekanntesten Schriftsteller seiner Zeit werden sollte, zu einem modernen Klassiker, dessen Aktualität ungebrochen scheint. Er wird als der Philosoph des Absurden beschrieben, als Denker der Revolte und Verteidiger der Freiheit angesichts der von ihm bekämpften Totalitarismen des 20. Jahrhunderts. Seine Romane „Der Fremde“ und „Die Pest“ sowie der philosophische Essay „Der Mythos des Sisyphos“ sind internationale Bestseller geworden. Unter den „Mandarins von Paris“ hingegen hatte er einen schweren Stand. Nach einem öffentlichen Streit mit Sartre, der Camus Werk „Der Mensch in der Revolte“ zum Gegenstand hatte, verhärteten sich die Beziehungen zu den französischen Linken, Camus saß zwischen allen Stühlen.

Zu seinem 100. Geburtstag sind vier große Biographien erschienen, darunter zwei in diesem Herbst. Beide sind von prominenten Autoren des deutschsprachigen Feuilletons verfasst: Iris Radisch und Martin Meyer. Beide Biographen, soviel sei vorweg gesagt, spielen leider in ihren ansonsten überaus lesenswerten Büchern Camus und Sartre gegeneinander aus und verfehlen dabei die historische Situation der fünfziger Jahre, die nach einer differenzierteren Betrachtung dieses Streits der beiden einflussreichen Intellektuellen Frankreichs verlangt.

Iris Radisch wählt als Kapitelüberschriften ihrer faszinierend geschriebenen Biographie die zehn Lieblingswörter Camus: „Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.“ Sie beschreibt die ärmlichen Viertel in Belcourt, einem Vorort von Algier, in dem der junge Camus neben einer stummen Mutter und einer tyrannischen Großmutter aufwächst, beide Analphabeten, erzählt von der Armut, die Camus nicht als bloßes Unglück empfand, „denn das Licht breitete seine Schätze über sie aus“, von seiner Tuberkuloseerkrankung, seiner Einsamkeit, von seinem Leben in Paris, seiner Ehe, den zahllosen Frauengeschichten und schließlich von der Zurückgezogenheit seiner letzten Jahre in Lourmarin, zwischen Avignon und Aix-en-Provence gelegen, Camus Gegenentwurf zur Pariser Welt. Es ist der Ort, wo er 1960 auch seine letzte Ruhe fand. Im Kapitel „Das Meer“ beschreibt Radisch die Bedeutung des Mittelmeers für den Schriftsteller. Sie stellt uns das einzige erhaltene Gedicht des Algerienfranzosen vor, das dieser mit 19 Jahren schrieb und schon alles enthalte, was der „Pariser Starphilosoph“ dann in den fünfziger Jahren im Schlusskapitel „Das mittelmeerische Denken“ seines Essays „Der Mensch in der Revolte“ gegen die Kultur Europas vorbringe. Dort stellt er eine mediterrane Kultur der Gelassenheit, des Maßes und der Nähe zur Natur vor, die es zu bewahren gilt und die ihre Herkunft aus dem antiken Griechenland nicht verleugnet. Radisch untersucht die Einflüsse, die Jean Grenier, Camus einstiger Lehrer, auf ihn ausübte. Dabei schildert Radisch die Bezüge zwischen Valerys „Inspirations méditerranéennes“ und dem „mittelmeerischen Denken“ von Camus, die vor allem durch Grenier vermittelt wurden.

Jahre zuvor, im Juli 1944, schrieb Camus in seinem vierten „Brief an einen deutschen Freund“, der ein imaginärer Freund ist: „Ich glaube weiterhin, dass unserer Welt kein tieferer Sinn innewohnt. Aber ich weiß, dass etwas in ihr Sinn hat, und das ist der Mensch, denn er ist das einzige Wesen, das Sinn fordert. Diese Welt besitzt zumindest die Wahrheit des Menschen, und unsere Aufgabe besteht darin, ihm seine Gründe gegen das Schicksal in die Hand zu geben. Und die Welt hat keine anderen Seinsgründe als den Menschen, und ihn muss man retten, wenn man die Vorstellung retten will, die man sich vom Leben macht.“ Camus hat sich als die Stimme der Sprachlosen empfunden; er blieb dabei seiner algerischen Herkunft und der Armut seiner Kindheit treu.

Martin Meyer hat eine Werkbiographie „Albert Camus – Die Freiheit leben“ vorgelegt, die sich kenntnisreich und detailliert den zentralen Themen des Dichters widmet: Freiheit, Schuld und Verantwortung. Zu empfehlen ist die Biographie auch Lesern, die sich mit Camus Werk erst vertraut machen wollen, mit seinen Romanen und Dramen, seinen philosophischen Essays und politischen Kommentaren. Meyer erläutert anhand der Werke „Der Fremde“, „Der Mythos des Sisyphos“ und „Caligula“, wie „Camus aus der Luft der Zeit zwischen zwei Weltkriegen ein Daseinsgefühl“ holte, „das sich dem Bedürfnis nach dem Höheren entfremdet hatte und – nach-metaphysisch – nun auf die Modalitäten der Existenz zurückgeworfen war.“ In drei Formen der Darstellung, so Meyer, wurde diese Wahrnehmung in den Werken „literarisch und philosophisch“ konkret: „philosophisch gegen die Gesetze einer orthodox-plausiblen Schulphilosophie, literarisch gegen die Tradition psychologisch ausufernder Seelenkunde.“ Der junge Schriftsteller erregte Aufsehen, indem er in einer harten und klaren Sprache ans Werk ging. „Sowohl die Ouvertüre für die Erzählung vom Fremden – ‚Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht‘ – wie der Ingress zum Essay über den ‚Mythos des Sisyphos‘ – ‚Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord‘“ – machten die arrivierten Schriftstellerkollegen und die Leserschaft aufmerksam.

Auch die einzelnen Lebensstationen von Albert Camus werden von Meyer prägnant geschildert, so Camus Reise nach Schweden anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises. Camus litt unter starken Depressionen, Schreibhemmungen, Erstickungsanfällen, die von Panik und Ängsten begleitet waren. Das Tagebuch, das Camus zu dieser Zeit im Jahre 1957 führte, enthält nur sieben Notate, „keines spiegelt die Ereignisse in Schweden“, so Meyer.

Der bekannte französische Philosoph Michel Onfray hat bereits 2012 in Frankreich sein kämpferisches Camus-Buch „Im Namen der Freiheit“ veröffentlicht und porträtiert den Schriftsteller vor allem als Vorbild für schwierige Zeiten, als „hochaktuellen Denker und Freiheitskämpfer“, wobei nicht immer deutlich unterschieden werden kann, ob gerade Camus oder Onfray zum Leser spricht. Jedenfalls gelingt es Onfray, die philosophischen Entwicklungslinien von der französischen Aufklärung über Hegel und Kierkegaard, Jaspers und Heidegger hin zum französischen Existenzialismus zu ziehen. Ebenso wird ein ausgezeichneter Ausblick auf das französische Denken im Anschluss an Sartre und Camus gegeben. Auch wenn der Leser nicht allen Folgerungen des Autors zustimmen mag, ist die Lektüre dieser kenntnisreichen Monographie sehr zu empfehlen. In ihr werden die literarischen wie auch die essayistischen Werke des Schriftstellers einer philosophischen Betrachtung unterzogen. Im Roman „Der Fremde“ gibt es keine philosophische Referenz, keinen Philosophen, der genannt wird, nicht einmal ein Zitat aus der langen Geschichte der abendländischen Philosophie. Nur einmal wird Meursault, die wohl bekannteste Romanfigur des 20. Jahrhunderts, mit der Bezeichnung „Antichrist“ bedacht. Auf den letzten Seiten des Romans komme es, so Onfray, zu einer „nietzscheanischen Erfahrung“. Meursault, der auf seine Hinrichtung wartet, hat sich nach einem heftigen Streitgespräch mit dem Anstaltsgeistlichen wieder beruhigt. Er ist allein in der Zelle und wartet auf die Vollstreckung des Todesurteils. „Von draußen riecht es nach Nacht, Erde, Jod, Salz und Sommer, das Heulen der Schiffssirenen dringt zu ihm herein, die Sterne scheinen ihm ins Gesicht. Der Protagonist erinnert sich an seine Mutter, die im Alter ihren einstigen Verlobten wiedergetroffen und versuchte hatte, ein verlorenes Leben nachzuholen“. Am Ende erzählt dann Meursault: “Als hätte diese große Wut mich vom Bösen geläutert, von Hoffnung entleert, öffnete ich mich angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum ersten Mal der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt.“ Ist diese Zugehörigkeit zur Welt, so fragt Onfray, die das Glück Meursaults ausmacht, nicht eine andere Umschreibung für Nietzsches Unschuld des Werdens?

Zum Schluss sei noch auf eine Bildbiographie von Catherine Camus hingewiesen, der Tochter des Schriftstellers. Das Buch besticht durch seine gelungene Gestaltung und Zusammenstellung von Fotos und Dokumenten aus dem Leben von Camus und den Orten, in denen er lebte. Catherine Camus hat diesen bibliophilen Band herausgegeben, um uns zu zeigen, „dass Albert Camus nichts anderes war als ein Mensch unter Menschen, der sich vor allem darum bemühte, ein wirklicher Mensch zu sein.“

Copyright: Dieter Kaltwasser

Literaturhinweise:

Catherine Camus (Hrsg.): Albert Camus – Sein Leben in Bildern und Dokumenten. Übersetzung aus dem Französischen von Alwin Letzkus. Edition Olms, Zürich 2013. 224 Seiten, 49,95 EUR. ISBN: 978-3-283-01151-2

Martin Meyer: Albert Camus – Die Freiheit leben. Carl Hanser Verlag, München 2013. 368 Seiten, 24,90 EUR. ISBN: 978-3-446-24353-8

Michel Onfray: Im Namen der Freiheit. Leben und Philosophie des Albert Camus. Aus dem Französischen von Stephanie Singh. Knaus Verlag, München 2013. 576 Seiten, 29,99 EUR. ISBN: 978-3-8135-0533-7

Iris Radisch: Camus – Das Ideal der Einfachheit. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013. 352 Seiten, 19,95 EUR.  ISBN: 978-3-498-05789-3 

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Reif für die Ewigkeit – 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard

Drawing of Søren Kierkegaard. The Frederiksbor...

Drawing of Søren Kierkegaard. The Frederiksborg Museum. (Photo credit: Wikipedia)

„Es gibt zwei Gedanken, die so frühzeitig in meiner Seele gewesen sind, dass ich ihr Entstehen eigentlich nicht nachweisen kann. Das erste ist: dass es Menschen gibt, deren Bestimmung es ist, geopfert zu werden, damit die Idee hervortreten kann – und dass ich durch mein besonderes Kreuz ein solcher bin. Der andere Gedanke ist der, dass ich nie in die Lage kommen würde, für mein Auskommen zu arbeiten, teils weil ich meinte, ich würde sehr jung sterben, teils weil ich meinte, dass Gott in Anbetracht meines besonderen Kreuzes mir dies Leiden und diese Aufgabe ersparen würde. Woher man solche Gedanken hat, ja, das weiß ich nicht, angelesen habe ich sie mir nicht, auch habe ich sie nicht von einem anderen Menschen.“ Søren Kierkegaard

„Kierkegaards Philosophie ist eine radikale Philosophie des Einzelnen. Søren Kierkegaard ist ein großer Wachrufer innerhalb der Philosophiegeschichte, der uns klarmacht, dass es nicht nur darum geht, zu denken, sondern leben zu lernen, eine eigene Existenz zu führen. Er ist der erste große Philosoph der Existenz der Moderne.“ Robert Zimmer

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Der Theologe und Philosoph Walter Nigg nannte Søren Kierkegaard einst einen „der geheimnisvollsten Menschen, die je gelebt haben“, in der Philosophiehistorie wird er gemeinsam mit Schopenhauer als „leidender Denker“ geführt. Fast sein ganzes Leben verbrachte er in Kopenhagen, der Stadt, in der er am 5. Mai 1813 geboren wurde und am 11. November 1855 auch gestorben ist. Er war Philosoph, Theologe und Dichter, ein religiöser Schriftsteller und einfühlsamer Psychologe, zuletzt, an seinem Lebensende, ein radikaler Kirchenstürmer und Kämpfer für ein echtes Christentum. Kierkegaard fühlte sich sein Leben hindurch missverstanden und sah sich als „Märtyrer des Gespötts“: „Ich habe weder als ich als Schriftsteller begann, noch später irgendeine Autorität erworben, ebenso wenig, wie ich irgendeine besondere Bedeutung für meine ernsthafte Gegenwart habe, – ja, es sei denn, dass ich sie mit Hilfe meiner Hosen bekommen hätte, die in einem solch eminenten Grad zur Sensation wurden und sich das besondere Interesse eines ernsthaften und gebildeten Publikums zugezogen haben. Ein paar graue alte Hosen lassen alles andere in Vergessenheit geraten.“

Søren Aabye Kierkegaard wurde als Sohn des wohlhabenden und frommen Strickwarenhändlers Michael Pedersen Kierkegaard und seiner zweiten Ehefrau Ane geboren, die zunächst Dienstmädchen im Hause der Familie war. Er kam als siebtes und letztes Kind zur Welt, der Vater war bereits 56 Jahre alt, die Mutter fast 45 Jahre alt. Ihr erstes Kind bekam Ane bereits 4 Monate nach der Trauung mit dem glaubensstrengen Michael Pedersen. »Von Kindesbeinen war ich in der Gewalt einer ungeheuren Schwermut« schrieb er später. »Ich hatte einen Pfahl im Fleisch.« Die Schwermut war Erblast des pietistischen, glaubensstrengen Vaters, der einer vermeintlichen religiösen Schuld wegen in ständiger Erwartung göttlicher Strafe lebte. Kierkegaard führte in seinen frühen Erwachsenenjahren das Leben eines unfrohen Dandys und beendete sein Studium der Theologie und Philosophie drei Jahre nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1841. Nach heutigen Maßstäben war er Erbe eines Millionenvermögens, das er bis zu seinem frühen Tod – praktisches Denken schien ihm etwas Äußeres – fast völlig aufbrauchte. Er beschäftigte Diener und Sekretär. Die verschwenderische Lebensführung, berühmt sind seine ausgiebigen Spazierfahrten im Fiaker, und die Isolation seiner Schriftstellerexistenz zählen mit zu den vielen Paradoxien des Menschen Søren Kierkegaard. Zu den Widersprüchen in seinen moralischen Ansprüchen gehören seine Frauenfeindlichkeit und seine antisemitischen Ausfälle in den Tagebüchern.

Nach der Auflösung der Verlobung mit Regine Olsen, der einzigen Liebe seines Lebens, im Jahre 1841, und nach einem Besuch in Berlin, wo er die Vorlesungen Schellings hörte, begann er mit der Abfassung seines Werkes »Entweder-Oder«, das er wie alle seine philosophischen Schriften unter Pseudonym veröffentlichte. Fast sämtliche seiner Werke, die sich in dichterisch-philosophische und religiöse unterscheiden lassen, erschienen in den letzten 12 Jahren seines Lebens. Die ironischen Maskenspiele der Pseudonyme boten Kierkegaard die Gelegenheit, reflektierend Optionen durchzuspielen und selbst dahinter verborgen zu bleiben. Eine Vielzahl seiner Schriften stellt solche Möglichkeiten und Lebenshaltungen dar, nicht in belehrend-pädagogischer Absicht, sondern um Entscheidungen vorzubereiten, wie Johan de Mylius im Nachwort zu der von ihm klug und sorgfältig edierten Textsammlung „Kierkegaard für Gestresste“ schreibt.

Die Hauptbegriffe des dänischen Denkers sind »Existenz«, »Innerlichkeit« und »Glaube«. Im Zentrum steht dabei nicht der Mensch als Gattungswesen, sondern das Individuum. der konkrete Einzelne. 1843 erschienen neben »Entweder-Oder« die Werke »Furcht und Zittern« und »Die Wiederholung«, in den nächsten Jahren folgten »Der Begriff Angst«, »Die Krankheit zum Tode«, 1850  die Schrift »Einübung im Christentum«.

In »Entweder-Oder« behauptet Victor Eremita, der fingierte Herausgeber, verschiedene Papiere gefunden zu haben, die er zwei Verfassern zuschreibt, die eine ästhetische (A) und eine ethische Lebensanschauung (B) und deren jeweilige Wertesysteme repräsentieren. Im ersten, ästhetischen Stadium ist der Mensch unmittelbar, reflexions- und wahllos dem sinnlichen, erotischen Leben verfallen. Im zweiten, ethischen Stadium ermöglicht die Reflexion die Entdeckung eines vom sinnlich-unmittelbaren Einzelnen abstrahierten Allgemeinen, das sich moralisch, politisch oder philosophisch erfassen lässt. Im Ethisch-Allgemeinen können jedoch nur gemeinschaftliche und für den Einzelnen letztlich relative Ziele verwirklicht werden.

Nach Kierkegaard kann der Mensch sein absolutes Ziel, seine Vollkommenheit nur im dritten, religiösen Stadium, in der christlichen Existenz erreichen, die alle Stadien in sich vereinigt und die vorherige existenzielle Entscheidung verlangt, Christ zu werden; religiöser Glaube hebt auch Angst und Verzweiflung des Einzelnen auf. Kierkegaard stellt in »Entweder-Oder« dieses Stadium erst im Schlussteil in Form einer erbaulichen Rede bzw. Predigt dar. Die religiöse Existenz wird dann vor allem in seiner Schrift »Furcht und Zittern« thematisiert, in der Kierkegaard unter dem Distanz herstellenden Pseudonym Johannes de Silentio über die biblische Geschichte um Abraham und Isaak nachdenkt. In der religiösen Sphäre schuldet der Mensch nur noch Gott gegenüber Gehorsam, der Einzelne steht höher als das Allgemein-Ethische; kraft des Absurden (des Glaubens) ist alles möglich. In »Furcht und Zittern«, eines der meistdiskutierten und umstrittensten Werke Kierkegaards, von dem er glaubte, dass es allein ausreiche, um ihn unsterblich zu machen, wird auf einer zunächst vordergründigen Ebene die Frage erörtert, ob eine »immanente Ethik« genüge oder ob es eine »teleologische Suspension des Ethischen« gebe, die Abrahams beabsichtigte Opferung Isaaks rechtfertigen könnte.

Für einige Interpreten wird damit das Ende der Ethik postuliert, eine radikale Apologetik des religiösen Fundamentalismus, andere deuten den Text als einen souveränen und ironischen Angriff auf jede Art fundamentalistischen Denkens. Unbestritten sind die Reflexionshöhe, die gedankliche Schärfe und sprachliche Eleganz dieses verstörenden, provokanten Textes. Dem dänischen Denker war jeder zutiefst verdächtig, der behauptete, bereits im Besitz der Wahrheit zu sein, der Weg zu ihr ist für ihn ein nie aufhörender Prozess der Aneignung. Kierkegaard symbolisiert geradezu den radikalen Verzicht auf Autorität und geistiger Machtausübung: »Ich habe eigentlich keine Unmittelbarkeit gehabt und habe daher, ganz menschlich betrachtet, nicht gelebt; ich habe sofort mit der Reflexion begonnen, ich habe, als ich älter wurde, nicht ein wenig Reflexion gesammelt, sondern eigentlich bin ich Reflexion von Anfang bis Ende.«

Auch wenn seine eigentlich religiösen Schriften und Reden unter seinem eigenen Namen erschienen, müssen sie dennoch als spezifische »Stimmlagen« betrachtet werden, wie sie de Mylius nennt, die je nach »erbaulichem« Anlass geformt wurden. Sie sind ebenso literarisch wie die übrigen Arbeiten, die theologischen und philosophischen Absichten werden in ein schriftstellerisches Gesamtprojekt gefügt, das die Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflussen sollte. Franz Kafka notierte nach der Lektüre einer Auswahl von Kierkegaards Tagebüchern im Jahre 1913: »Wie ich ahnte, ist sein Fall trotz wesentlicher Unterschiede dem meinen sehr ähnlich, zumindest liegt er auf der gleichen Seite der Welt. Er bestätigt mich wie ein Freund.« Saul Friedländer vertritt in seiner jüngst erschienenen, vorzüglichen Kafka-Studie die Ansicht, der Einfluss des dänischen Denkers auf Kafka bestehe wesentlich darin, dass sich Kierkegaard einem philosophischen »System« verweigere und seine eigene Philosophie nur »auf individuelle Erfahrung und individuelle ästhetische oder moralische Entscheidung« gründe, »auf die individuelle Bereitschaft zum ‚Sprung in den Glauben’«, auch wenn dies vordergründig nach einer »Absage an grundlegend sittliche Gebote (‚Furcht und Zittern‘)« aussehe. Unbeeinflusst sei Kafka von den christlichen Vorzeichen dieses »frühen Existentialismus“ geblieben, doch er übernehme »die fundamentale Furcht und die einsamen Entscheidungen, die zur conditio humana als solcher gehören.«

Kierkegaard konnte dem systemtheoretischen Denkmuster Hegelscher Prägung, das er ablehnte, eine Vielzahl von Einzelstimmen entgegensetzen, die letztlich Bausteine zur Selbstfindung des Individuums sind, wie es Otto A. Böhmer in seinem neuen Kierkegaard-Buch »Reif für die Ewigkeit« beschreibt. Das Ich, das sich nach Kierkegaard selbst wählt, wird nicht ein anderer, es empfängt sich selbst, wählt sein »Entweder-Oder«: »Wenn alles stille geworden ist um den Menschen, feierlich wie eine sternenklare Nacht, wenn die Seele in der ganzen Welt allein mit sich selbst ist, da tritt ihr nicht ein ausgezeichneter Mensch gegenüber, sondern die ewige Macht selbst; es ist, als ob der Himmel sich öffnete, und das Ich wählt sich selbst, oder vielmehr, es nimmt sich selbst in Empfang.« Diese Wahl wird niemandem abgenommen, durch sie »empfängt die Persönlichkeit den Ritterschlag, der sie für die Ewigkeit adelt.«  Im Zweifelsfall, so Böhmer, »läuft es immer wieder auf eine Entscheidung hinaus, die jeder für sich treffen muss«, egal ob er Kierkegaards Fazit eines christlich bestimmten Lebens folge oder nicht: »In dem einen, mir bestimmten Augenblick, der Klarheit bringt, entscheide ich mich für mich selbst und nehme mich an.« Und so hat Søren Kierkegaards Maxime auch zu seinem 200. Geburtstag nichts an ihrer Aktualität verloren: »Das Große ist, nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.«

Apropos Kierkegaards Hosen: Die Zeitung »Corsaren« brachte 1846 Karikaturen über Kierkegaard in Umlauf, machte sich lustig über seine ungleich langen Hosenbeine, die Art, wie er seinen Stock hielt, seine Körperhaltung und seine Hüte. Die Karikaturen haben eine lange Haltbarkeit bewiesen. Sie wirken bis heute.

Georg Brandes, der dänische Literaturkritiker und Philosoph, der Nietzsches Genie als einer der Ersten erkannte und in Europa bekannt machte, über dessen »aristokratischen Radikalismus« er Vorlesungen hielt und in Buchform brachte, einer der Wegbereiter der Moderne, hob auch die befreienden Ideen Kierkegaards hervor, und seine 1877 erschiene Schrift »Søren Kierkegaard. Eine Kritische Darstellung« beginnt mit den Sätzen: »Meine früheste Erinnerung, was Kierkegaard betrifft, ist die: Wenn ich als kleiner Junge meine Hosen nicht glatt und sorgfältig über die damals üblichen langen Stiefelschäfte zog, sagte das Kindermädchen warnend zu mir: ‚Søren Kierkegaard!‘ Auf solche Art hörte ich zum ersten Mal jenen Namen, der zur selben Zeit den Erwachsenen so laut in den Ohren klang. Die Karikaturzeichnungen im Kopenhagener Witzblatt ‚Corsaren‘ hatten Kierkegaards Beine in Kreisen bekannt gemacht, zu denen sein Genie nicht vorgedrungen war.«

Copyright: Dieter Kaltwasser

Der Beitrag erschien erstmalig am 2. Mai 2013 im Online-Magazin „Glanz & Elend“, in gekürzten Fassungen am 4. Mai 2013 im General-Anzeiger Bonn und  im Rezensionsforum literaturkritik.de.

Literatur:

Otto A. Böhmer: Reif für die Ewigkeit, Sören Kierkegaard und die Kunst der Selbstfindung. Diederichs Verlag, München 2013. 176 Seiten, 17,99 €. ISBN: 978-3-424-35075-3

Sören Kierkegaard: Es gehört wahrlich Mut dazu, Gedanken über das Leben. Ausgewählt und herausgegeben von Asa A. Schillinge -Kind. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011. 192 Seiten, 9,90 €. ISBN: 978-3-423-14012-6

Kierkegaard für Gestresste. Herausgegeben von Johan de Mylius. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Insel Verlag, Berlin 2013. 183 Seiten, 9 €. ISBN: 978-3-458-35918-0

Saul Friedländer: Franz Kafka. Aus dem Englischen übersetzt von Martin Pfeiffer. Verlag C.H. Beck, München 2012. 252 Seiten, 19,95 EUR. ISBN-13: 978-3-406-63740-7

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