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Glückliche Entfremdung – „Mein Frankreich“ von Peter Sloterdijk

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„Mein Frankreich“ heißt ein neues Buch des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk, dem am 16. Juni in der Frankfurter Paulskirche der mit 20.000 Euro dotierte Ludwig-Börne-Preis verliehen wird.

Am 22. Januar 1963 wurde in Paris der als „Elysée-Vertrag“ bezeichnete deutsch-französische Freundschaftsvertrag von den beiden Staatsmännern Charles de Gaulle und Konrad Adenauer unterzeichnet. Einen Tag vor dem diesjährigen geschichtsträchtigen 50-jährigen Jubiläum des Ereignisses, an das auf beiden Seiten des Rheins in zahlreichen Veranstaltungen und Publikationen erinnert wurde , veröffentlichte auch Peter Sloterdijk sein Buch „Mein Frankreich“, in dem er seine Betrachtungen, Essays, Reden, Notizen und Interviews zur französischen Geschichte, Politik und Philosophie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart zusammenfügt, von Descartes, Voltaire, Rousseau bis hin zu Cioran und Derrida, von der Französischen Revolution bis in unsere Tage hinein. Peter Sloterdijk zählt zu den nicht sehr zahlreichen deutschen Intellektuellen, die sich für Frankreich interessieren und auch dort einen größeren Leserkreis finden.

Zwei Texte aus „Mein Frankreich“, die bereits separat erschienen sind, nehmen darin einen besonderen Stellenwert ein: Die Rede „Theorie der Nachkriegszeiten“ aus dem Jahre 2008 und der Essay „Derrida ein Ägypter. Über das Problem der jüdischen Pyramide“, 2005 ein Jahr nach dem Tod des französischen Philosophen erschienen. Beide Texte exemplifizieren auffallend den besonderen Modus der Philosophie des Peter Sloterdijk, der sich selber als „philosophierender Schriftsteller“ beschreibt und so die Symbiose von Literatur und Philosophie markiert, die sein schriftstellerisches Œuvre auszeichnet. Philososophieren im literarischen Modus hat für Sloterdijk seinen Grund in der frühen Hinwendung zur französischen Kultur: „Frankreich war kulturell gesehen meine erste Liebe.“ Der französische Typus des Philosophierens hat eine Form von öffentlichem Vernunftgebrauch geprägt, die eine „tiefe Liaison mit der Literatur“ eingegangen ist. Durch seine frühe Lektüre französischer Autoren wie Voltaire, Camus und Sartre wird „Philosophie auf der Grenze zur Sprachkunst“ erfahren, und an diesem „geometrischen Ort“ siedelt Sloterdijk auch seine eigene deutsche Schreibweise an.

Von einem „deutschen Beobachtungsstandpunkt“ aus, so formuliert Sloterdijk zu Beginn seiner Prolegomena zu einer „Theorie der Nachkriegszeit“, müsste zusammengefasst gesagt werden: Die „posthistorischen“ Europäer haben sich angesichts ihrer traumatischen Erfahrungen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts von „geschichtlichen Passionen“ abgewendet und im „Katastrophenschatten“ einen „nach-geschichtlichen modus vivendi“ entwickelt; für sie ist „‘Geschichte‘ eine abgelegte Option.“ Die Europäer, und damit Franzosen und Deutsche, haben nach dem Zweiten Weltkrieg den „militärischen Göttern abgeschworen und eine Bekehrung vom Heroismus zum Konsumismus vollzogen.“ Den Deutschen attestiert der Philosoph ein „Syndrom der anmaßenden Schwäche“: „Sie neigen zu der Überzeugung, sie hätten aufgrund ihrer vergangenen Verbrechen einen höheren Anspruch darauf erworben, in einer Welt zu leben, in der es keinen Krieg gibt.“ Das Frankreich des Jahres 1940 vergleicht er mit Italien von 1917. Die Niederlage von 1940 wurde als Sieg umgedeutet und Gaullisten und Kommunisten, so Sloterdijk, glaubten gemeinsam an diese Lebenslüge. Frankreichs Linke habe zudem eine „zweite Fälschungsfront“ eröffnet, indem sie sich an der Seite der Roten Armee zu Siegern kürten.

Aufgrund dieser stark voneinander abweichenden Nachkriegsprozesse mit ihren unterschiedlichen Bewältigungs- und Illusionssystemen im Dienste der Zivilisationstauglichkeit („Metanoia“ und „Affirmation“) könne es keine „Beziehungen“ zwischen Deutschen und Franzosen geben, und ihr Verhältnis, das zwar offiziell als durch einen Freundschaftsvertrag kodifiziert gilt, ließe sich günstigstenfalls als „wohlwollende gegenseitige Nicht-Beachtung und benigne Entfremdung“ deuten. „Der jetzige abgekühlte Zustand ist ein Fortschritt“, resümiert Sloterdijk mit dem Blick des Therapeuten auf die alten Rivalitäten und Feindschaften zwischen den beiden Nationen.

Von „glücklich Getrennten“ und von „entfaszinierter Nachbarschaft“ kann dann nicht die Rede sein, wenn Sloterdijk sich gelehrt und luzide, wenn auch zuweilen in forciert hohem Ton, den Philosophen und Schriftstellern Frankreichs zuwendet, vor allem Valery, Cioran, Derrida und Latour. Der französische Philosoph Alain Badiou hat, wenn auch mit subtil-ironischer Note, darauf hingewiesen, wie sehr sich „die französischen Philosophen von der deutschen Sprache, dem deutschen Denken eingeschüchtert fühlen“. Sloterdijk spricht von einem „Seriositätskomplex, sie starren von Frankreich aus über den Rhein und glauben, dass rechts des Rheins die Tiefe und die systematische Präzision beheimatet sei.“ Die deutsche Philosophie sei „eine unglückliche Liebe der französischen Intellektuellen“, für die Franzosen sei er selber eine „erfreuliche Überraschung“, weil sie „in meiner Schriftstellerei etwas wiederfinden, was sie ohnedies kennen.“

Die beiden Notizen Sloterdijks über Cioran sind vielleicht das Subtilste und Eleganteste, was je über den französischen Philosophen und Kulturkritiker und den Einfluss, den Nietzsche und der Buddhismus auf ihn ausgeübt haben,  geschrieben wurde. Ciorans abgründige Essays und Aphorismen zählen zu den Gipfeln französischer Stilistik und Essayistik im 20. Jahrhundert. Sloterdijk verortet Ciorans Platz untern den Anachoreten, jenen frühen Wüstenvätern und Eremiten, den „Athleten der Verzweiflung“, den „Zurückgezogenen und vom Irdischen Abgeschnittenen“, er sei ein „dunkler Doppelgänger“ Heideggers, „ein Theologe der reaktiven Wut, der dem Schöpfergott sein Scheitern und der geschaffenen Welt ihre Unfähigkeit, ihn für das Leben einzunehmen, vorrechnet.“ In Cioran habe das 20. Jahrhundert unter den Lehrern des Rückzugs und des Desengagements keinen entschiedeneren gekannt.

Zum ersten Todestag Derridas im Jahre 2005 hielt Sloterdijk in Paris eine Rede, die als Vorlage für seinen Essay „Derrida eine Ägypter“ diente und als Einführung in das Denken der Dekonstruktion und deren Ambivalenzen gelesen werden darf. Sloterdijk nähert sich dem Denker mit Hilfe einer Äußerung Derridas in der letzten Phase seines Lebens, die von seiner unheilbaren Krebserkrankung überschattet war. Dort gebe Derrida „zu Protokoll“, so Sloterdijk, dass er hinsichtlich seiner „posthumen“ Existenz von zwei gegensätzlichen Überzeugungen durchdrungen sei, zum einen von der Gewissheit, von seinem Tode an vollständig vergessen zu werden, und zum anderen von der Gewissheit, das kulturelle Gedächtnis werde etwas von seinem Werk aufbewahren. Derrida selbst sprach im Juni 2004 in Straßburg, wie in Benoit Peeters neu erschienener Biographie leicht nachzulesen ist, von seinem „Verhältnis zum kommenden Tod“, davon, dass er wisse, „dass er mich vollständig zerstören und vernichten wird“, und von einem Gefühl, von einem untergründigen „testamentarischen Wunsch, das heißt de[m] Wunsch, dass etwas überlebt, übrig bleibt, übermittelt wird, ein Erbe oder etwas, wonach ich nicht trachte, das mir nicht zufallen wird, das jedoch, vielleicht bleiben wird.“

Sloterdijk jedenfalls erkennt in diesem „Bekenntnis“ Derridas, kraft seiner „zwei alternierend gültigen Feststellungen, eine expressive Funktion“, die eine „Grundstellung“ verrate, eine Feststellung über sich als Philosophen, in dem „das nicht zur Einheit führende Zusammentreffen von miteinander unverträglichen Evidenzen stattfand“, der sich selber als „Sammelstelle von Oppositionen erlebte“, die sich zu keiner höheren Synthesis mehr zusammenfügten. Daher resultiere seine „konstitutionelle Schwankung“, das Beharren Derridas auf Doppelbödigkeiten und Mehrdeutigkeiten könne auf seine Sorge zurückgeführt werden, auf eine konkrete Identität und damit Vereinseitigung festgelegt zu werden. Sloterdijks Verfahren, ein distanziertes Urteil über Derridas singuläre Stellung in der zeitgenössischen Theorie zu erhalten, stellt den Denker in einen größeren Zusammenhang, in einen „überpersönlichen Horizont“, da an werkimmanenten hagiographischen Derrida-Lektüren ohnehin kein Mangel herrsche. Entstanden sind sieben grandiose „Vignetten“, in denen der französische Philosoph zu den Autoren Niklas Luhmann, Sigmund Freud, Thomas Mann, Franz Borkenau, Régis Debray, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Boris Groys in Beziehung gesetzt wird. Der Karlsruher  Philosoph geht in ihnen der Frage nach, ob nicht noch ein metaphysischer Impuls in Derridas Dekonstruktivismus liege, und zwar in der Herstellung einer „undekonstruierbaren Überlebensmaschine“. Insbesondere in der „Vignette“ zu Freud und dessen späte Formulierung „Moses, ein Ägypter“ wird Derridas jüdische Herkunft in Relation gesetzt zu dem, was Sloterdijk das Überleben des „radikalsten Ägyptizismus“ im Judentum nennt, die „Fortsetzung des Ägyptertums mit anderen Mitteln“, nämlich der Export des ägyptischen Monotheismus im echnatonischen Sinne durch den Mann Moses. Sloterdijk fragt, ob Derrida und sein Werk nicht auch als jüdisches „Hetero-Ägyptertum“ interpretiert werden könne, und zwar im Sinne des Pharao-Traumdeuters Joseph, wie er in der Vignette zu Thomas Mann schreibt. In der Konstellation „Hegel und Derrida“ wird dann noch eine weitere extreme Suggestion des französischen Denkers bedacht: Das Grabmal selbst, die Pyramide, wird transportabel. Ist Metaphysik denn etwas anderes als „die Fortführung des Pyramidenbaus mit den skripturalen Mitteln der Griechen und Deutschen.“ Für Sloterdijk deutet Derrida hier eine einzige Möglichkeit an, die „undekonstruierbare Pyramide zu dekonstruieren“: Sie muss den ganzen Weg zurücktransportiert werden, „den sie auf den Pfaden der Schriftlichkeit durchlaufen hat, von Kairo nach Berlin via Jerusalem, Athen und Rom.“

Diese Zurückführung des Individuellen auf typische Formen, so konzediert Sloterdijk, wäre wohl Derrida selbst zutiefst suspekt gewesen, hält jedoch dafür, „auch eine Reise in der Sänfte des Typus“ führe zuweilen ans Ziel , „ohne dabei den Interessen des Einzigartigen Unrecht zu tun.“

Als Sloterdijk im Oktober 2004 vom Tode Derridas erfuhr, so war es ihm, wie er in einer sehr persönlichen Notiz am Ende der Abhandlung formuliert, als ob ein Vorhang fiele: „Ich war allein mit dem Namen des Verstorbenen, allein mit einem Appell zur Treue, allein mit der Empfindung, die Welt sei plötzlich schwerer und ungerechter geworden, und mit dem Gefühl der Dankbarkeit für das, was dieser Mann gezeigt hatte.“ Diese Dankbarkeit besteht für Sloterdijk darin, „dass es noch möglich ist zu bewundern, ohne wieder zum Kind zu werden.“ Sie hat Sloterdijk nie verlassen. Die Bewunderung für den Mann, der die Methode der Dekonstruktion der Buchstaben entwickelt hat als „ein Verfahren zur Verteidigung der Intelligenz gegen die Folgen der Vereinseitigung“.

Dieter Kaltwasser

Peter Sloterdijk: Mein Frankreich. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 249 Seiten, 19,90 €. ISBN: 978-3-518-46297-3

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Ein Kommentar

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Unterwegs im Denken – Peter Sloterdijks „Zeilen und Tage“

Der Karlsruher Philosoph öffnet seine Notizhefte

Keine Frage: Peter Sloterdijk ist en vogue. Seine jetzt unter dem Titel „Zeilen und Tage“ veröffentlichten Denktagebücher werden vom Feuilleton gefeiert, kaum ein kritischer Ton findet sich in den zahlreichen Besprechungen. Wenn ein Buch die Bedürfnisse des feuilletonistischen Zeitalters bedient, um ein Wort Hermann Hesses zu bemühen, dann sind es die „datierten Notizen“ des rastlosen Philosophen aus Karlsruhe, der damit auch sein bislang persönlichstes Buch vorlegt. Entstanden sind sie aus tagebuchartigen Notaten, die Peter Sloterdijk handschriftlich „in linierten DIN-A4-Heften“ Morgen für Morgen festgehalten hat. Eine Publikation war nicht vorgesehen. Ende des Jahres 2011 entschloss sich der Tagebuchschreiber allerdings doch zur Veröffentlichung, indem er sich Heft 100 vornahm, das am 28. Mai beginnt, und seine Niederschriften bis zum Heft 111, das am 8. Mai 2011 endet, transkribierte. Innerhalb dieser Hefte arbeitet sich die Sloterdijksche „Themen-Maschine“ ab an dem, was ihm aufgefallen war und noch bevorstand: Begegnungen, Lektüreeindrücke, Zeitdiagnose von der Euro-Krise bis Fukushima, immer wieder Reiseerlebnisse, Reflexionen und Entwürfe, Gedanken über Gott und die Welt, Polemiken. Entstanden ist ein assoziationsreiches und selbstreflexives, komplexes und heterogenes, zum Teil widersprüchliches und vor Neologismen nur so strotzendes Denktagebuch, ein Glasperlenspiel, das zuweilen zum geisteswissenschaftlichen Quiz gerät und gelegentlich vor Peinlichkeiten nicht zurückschreckt. Bedenkt man, dass im Zeitraum der Notizen vier Bücher Sloterdijks erschienen, so erstaunt schon die rein quantitative Produktion des Karlsruher Philosophen und seine Kreativität nötigt Respekt ab.

Positiv zu konstatieren ist die weitgehend durchgängige Weigerung Sloterdijks, voyeuristische Wünsche des Publikums zu bedienen. Wir erfahren zwar einiges über den begeisternd Rad fahrenden Philosophen, seine Vorliebe für TV-Fußballübertragungen, die er mit Heidegger teilt, und seine unverdrossenen, zuweilen etwas pingeligen Schilderungen der ihn anscheinend faszinierenden Interieurs der Luxushotels während seiner zahllosen Reisen rund um den Globus, nach Stanford und Abu-Dhabi, nach Boston, Paris und New York; ein unentwegt fliegender Händler in Sachen Philosophie. Er notiert die Preise, Ehrungen und Einladungen, die er erhält, Größe der Auditorien und Zuschauerquoten des Philosophischen Quartetts werden akribisch festgehalten. Die Themen, die er in seinen Vorträgen verhandelt, sind so weit voneinander entfernt wie die Standorte, an denen er redet, in immer neuen Anläufen unterwegs zu einer «Umwandlung von Metaphysik in Allgemeine Immunologie und in den diversen Anläufen zu einer Theorie der Psychopolitik», die er als roten Faden seiner Denkbewegungen konstatiert. Im gleichen Kontext attestiert er seinem ersten Biographen Hans-Jürgen Heinrichs, davon kaum etwas wahrgenommen zu haben.

An der „Kritischen Theorie“ und den 68ern müht er sich nach wie vor ab, und seine Reaktion auf Kritik an seinen Zeitdiagnosen gerät nicht immer souverän. Seine etwas abseitigen Vorschläge zur Steuerpolitik, von ihm selbst überschwänglich  als „thymotische Steuerreform“ deklariert,  der Ersetzung der Steuern durch freiwillige „Gaben“ der Wohlhabenden, haben Axel Honneth alarmiert, exponierter Schüler von Jürgen Habermas und zugleich einer der wichtigsten Vertreter der „Frankfurter Schule“. In seinem Beitrag „Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe“ warf Honneth seinem Kollegen die Verletzung der Normen intellektueller Redlichkeit vor, dessen Thesen zum Sozialstaat bezeichnet er als „verschroben“ und „baren Unsinn, der sich einer Mischung aus historischer Ignoranz und theoretischer Chuzpe verdankt“. In diesem philosophischen Klassenkampf,  abwechselnd in der ZEIT und FAZ ausgefochten, steckte Sloterdijk nicht zurück und bescheinigte Honneth seinerseits einen „Lektürerückstand von sechstausend bis achttausend Seiten“ bezüglich seiner Arbeit vor, wie er in den Notizen referiert. Dies alles macht „Zeilen und Tage“ für den zum Vergnügen, der derartige Dehnübungen goutiert, der Philosophie als geistiger Disziplin und Übung wird allerdings ein Bärendienst erwiesen, zu kleingeistig und ressentimentverdächtig sind hier die Attacken.

Dies schmälert insgesamt den intellektuellen Gewinn nicht, der aus der Lektüre dieses Denktagebuchs gezogen werden kann, nicht wenige der Aphorismen, Essays und Rezensionen sind sprachliche Pretiosen und treffende philosophische Analysen zugleich. Unübertrefflich das Fichte- Zitat und Sloterdijks Kurzkommentar zur Neurophilosophie vom 22. November 2010: „‘Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen sein, sich für ein Stück Lava im Monde als für ein Ich zu halten.‘ Sag statt Lava Gehirn, und Du bist auf der Höhe der Diskussion.“  Unter dem 26. Juni 2010, Sloterdijk hat Geburtstag, findet sich das Notat: „Lagebestimmung, datumsgemäß. Der Philosoph ist unter der Decke eingerollt, der Autor unauffindbar, der Hochschullehrer reif für die Klinik.“  Der letzte Eintrag vom 8. Mai 2011 lautet: „Ein Freund sagt: Halte auf Dich, bleib gesund, die Welt braucht uns noch eine Weile.“ Die Geister werden sich auch in Zukunft an Peter Sloterdijk scheiden, doch auch das kann ein Zeichen philosophischen Ranges sein.

Dieter Kaltwasser

(Der Beitrag erschien erstmals am 25. September 2012 im General-Anzeiger Bonn)

Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 639 Seiten, 24,95 €.

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Endspiel im Hochgebirge

Portrait of Friedrich Nietzsche, 1882; One of ...

Friedrich Nietzsche, 1882

„Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer, begehrenswerter und geheimnissvoller, – von jenem Tage an, wo der grosse Befreier über mich kam, jener Gedanke, dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe – und nicht eine Pflicht, nicht ein Verhängnis, nicht eine Betrügerei! – und die Erkenntnis selber: mag sie für Andere etwas Anderes sein, zum Beispiel ein Ruhebett oder der Weg zu einem Ruhebett, oder eine Unterhaltung, oder ein Müssiggang, – für mich ist sie eine Welt der Gefahren und Siege, in der auch die heroischen Gefühle ihre Tanz- und Tummelplätze haben. >Das Leben ein Mittel der Erkenntnis< – mit diesem Grundsatze im Herzen kann man nicht nur tapfer, sondern sogar fröhlich leben und fröhlich lachen.“ Aus: Die fröhliche Wissenschaft

Nietzsches sieben letzte Sommer in Sils Maria

Die einsame Lage, das Hochgebirgsklima sowie die massive Gebirgskulisse von Sils Maria im Oberengadin, nur wenige Kilometer abseits des mondänen St. Moritz gelegen, zog in der Vergangenheit nicht nur Literaten und Philosophen an. Es ist aber vor allem Friedrich Nietzsche, dem Ort und See Bekanntheit und Ruf verdanken. Von dort schrieb er:“Ich bin mit dieser Natur verwandt.“ Nietzsche, der zwischen 1881 und 1888, das Jahr 1882 ausgenommen, seine Sommermonate in Sils Maria verbrachte, schuf hier einige seiner bedeutendsten Werke, wie den zweiten Teil von “Also sprach Zarathustra”, “Jenseits von Gut und Böse”, “Zur Genealogie der Moral”, “Götzendämmerung” und “Der Antichrist”.

Dem Philosophen bewahrt das unscheinbare Haus, in dem er während seiner Aufenthalte in kargsten Verhältnissen wohnte, als Museum und Forschungsstätte ein  treues Andenken. Wer einmal vor dem kleinen und schlichten Zimmer des Denkers gestanden hat, der erinnert sich vielleicht an Nietzsches Selbstbeschreibung, dass er nur ein „Experiment des Erkennens“ sei. Das Haus ist heutzutage auch ein kleiner Veranstaltungsort von Vorträgen und Lesungen, die Philosophenzunft selbst trifft sich zu ihren Kongressen im nahe gelegenen eleganten und bequemen 5-Sterne-Hotel „Waldhaus“.

Bereits 1879 hatte Nietzsche das Engadin für sich entdeckt. So schrieb er seiner Mutter: “St. Moritz ist der einzige Ort, der mir entschieden wohl tut.“ Zwei Jahre später stieß ihn der mondäner werdende Ort, der immer mehr „Europas Edelfäule“ anzog, ab. Der wenig feierliche Grund für seine zunehmende Abneigung waren die horrenden Zimmerpreise, die Nietzsche nicht mehr bezahlen konnte. Ein Schweizer Reisegefährte, dessen Namen wir nicht kennen, empfahl ihm das wesentlich kostengünstigere Sils Maria, vielleicht hatte der Fremde ihm sogar geraten, im Haus von Gian Durisch Unterkunft zu nehmen, das nun für so viele Jahre sein Sommerdomizil werden sollte. Der Name des Hochalpenorts jedenfalls ist seitdem untrennbar verknüpft mit dem des Philosophen. In seiner Schrift „Menschliches, Allzumenschliches“ ist die Vorrede, in der er über seine Reisen und seine immer gefährdete Gesundheit Bericht gibt, Ausdruck der Hoffnung auf die Zukunft, für ihn und seine „guten Europäer“, am Ende werden Ort und Landschaft seiner physischen und psychischen Genesung genannt: „Sils-Maria, Oberengadin, im September 1886“. Auch die Grundkonzeption der „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“, ist in der Landschaft von Sils Maria entstanden, die Inspiration  “auf ein Blatt hingeworfen”, wie Nietzsche in seiner Autobiographie “Ecce homo” mitteilt, “mit der Unterschrift: ’6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit.’ Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surlei machte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke“.

Um die Mitte der achtziger Jahre hatte sich für den umherziehenden Nietzsche eine Routine des Ortswechsels vollzogen: Sils Maria im Sommer und Frühherbst, die italienische Riviera im Winter. Erst in den letzten Monaten vor seinem geistigen Zusammenbruch beschloss er, im Winter einen Wechsel nach Turin vorzunehmen.

Die zehn Jahre in Nietzsches Biographie zwischen seiner Entlassung aus Krankheitsgründen von seinem Lehramt als Philologieprofessor in Basel um 1879 und dem Ausbruch seiner Geisteskrankheit im Januar 1889 waren rar an äußeren Ereignissen, von der kurzen Freundschaft mit Lou Salomé abgesehen. Die einzige ständige, durch nichts mehr zu vertreibende Begleiterin seines stetigen Wanderlebens zwischen Meer und Hochgebirge war die Krankheit. Alle menschlichen Beziehungen wurden nach und nach abgeschüttelt. Erwin Rohde, ein Freund aus frühen Tagen, fasst seine letzte Begegnung mit Nietzsche in den Worten zusammen: “Eine unbeschreibliche Atmosphäre der Fremdheit, etwas mir damals völlig Unheimliches umgab ihn. Es war etwas in ihm was ich sonst nicht kannte, und vieles nicht mehr, was sonst ihn auszeichnete. Als käme er aus einem Land, wo sonst Niemand wohnt.“

Karl Jaspers bemerkt in seiner großen “Nietzsche”-Studie eine gesteigerte Form des Erlebens bei Nietzsche, eine neue Atmosphäre, einen nie vorher vernommenen Ton, der ab 1880 das Werk durchzieht. Nietzsche wurde sich mehr und mehr bewusst, dass die Einsamkeit bei ihm nicht nur gewählt, sondern gegeben ist: „Dass man aber eigentlich nur unter Gleichgesinnten, Gleich-Gewillten gedeihen kann, ist mein Glaubenssatz; dass ich Keinen habe, ist mein Malheur.“ Die Einsicht in seine Isolation wuchs und die Auswirkungen längerer Einsamkeit verstärkten sich. In einem Brief an Overbeck heißt es: „Die letzten Jahre auszuhalten- das war vielleicht das Schwerste, was mir überhaupt mein Schicksal bisher zugemutet hat. Nach einem solchen Anrufe, wie mein Zarathustra es war, aus der innersten Seele heraus, nicht einen Laut von Antwort zu hören, nichts, nichts, immer nur die lautlose nunmehr vertausendfachte Einsamkeit, das hat etwas über alle Begriffe Furchtbares.“

1887 besucht er zum letzten Mal Venedig. Dort entsteht das Gedicht „Mein Glück!“:

Die Tauben von San Marco seh ich wieder:
Still ist der Platz, Vormittag ruht darauf.
In sanfter Kühle schick’ ich müssig Lieder
Gleich Taubenschwärmen in das Blau hinauf –
Und locke sie zurück,
Noch einen Reim zu hängen in’s Gefieder
– mein Glück! Mein Glück!

Du stilles Himmels-Dach, blau-licht, von Seide,
Wie schwebst du schirmend ob des bunten Bau’s,
Den ich – was sag ich? – liebe, fürchte, neide…
Die Seele wahrlich tränk’ ich gern ihm aus!
Gäb’ ich sie je zurück? –
Nein, still davon, du Augen-Wunderweide!
– mein Glück! Mein Glück!

Du strenger Thurm, mit welchem Löwendrange
Stiegst du empor hier, siegreich, sonder Müh!
Du überklingst den Platz mit tiefem Klange –:
Französisch, wärst du sein accent aigu?
Blieb ich gleich dir zurück,
Ich wüsste, aus welch seidenweichem Zwange…
– mein Glück! Mein Glück!

Fort, fort, Musik! Lass erst die Schatten dunkeln
Und wachsen bis zur braunen lauen Nacht!
Zum Tone ist’s zu früh am Tag, noch funkeln
Die Gold-Zieraten nicht in Rosen-Pracht,
Noch blieb viel Tag zurück,
Viel Tag für Dichten, Schleichen, Einsam-Munkeln
– mein Glück! Mein Glück!

 

Die Polarlandschaft seiner Welt beschreibt Nietzsche in seinem späten Lebensrückblick „Ecce Homo“ in ungeheuren Worten: „Ein Irrtum nach dem anderen wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt – es erfriert … Hier zum Beispiel erfriert das ‚Genie’, eine Ecke weiter erfriert der ‚Heilige’, unter einem dicken Eiszapfen erfriert der ‚Held’, am Schluß erfriert ‚der Glaube’, die sogenannte ‚Überzeugung’, auch das ‚Mitleiden’ kühlt sich bedeutend ab – fast überall erfriert das ‚Ding an sich’.“ Trotz ausgedehnter Wanderungen und einem intensiven Briefwechsel entstand in jenem Sommer 1888 in Sils Maria auf dem Hintergrund des Großprojekts einer „Umwertung aller Werte“ die „Götzen-Dämmerung“, Nietzsches „große Kriegserklärung“ an all das, was bislang für wahr gehalten wurde. Die Schrift ist Zeugnis eines semantischen Nihilismus, der Philosoph bezweifelt grundsätzlich, dass die Wirklichkeit auf die gleiche Weise wie die Sprache strukturiert sei. Peter Sloterdijk deutet in seiner Gedenkrede in Weimar zum 100. Todestag „das Ereignis Nietzsche als eine Katastrophe in der Geschichte der Sprache“ und „als einen Einschnitt in die alteuropäischen Verständigungsverhältnisse“. Nietzsche habe wie ein Neu-Evangelist von einer „frohen Botschaft“ geredet. Doch worin besteht diese? Ist nicht vielmehr seine „fröhliche Wissenschaft“ nicht die trostloseste, die man sich vorstellen kann? Nietzsche sah jedenfalls nach Sloterdijk seine Mission darin, die bisherige Verständigung zwischen den Menschen, die eine „Kommunikation zwischen Vergifteten“ darstelle, zu zerstören, um an ihre Stelle eine individualistische „Verkündigung des Lebens“ zu setzen. Nietzsche sei sich des existenziellen Preises durchaus bewusst gewesen, den er für diese Neubestimmung der „frohen Botschaft“ zu zahlen bereit gewesen wäre, und die auf eine völlige Destruktion der bisherigen Verständigungsverhältnisse hinauslaufe.  Bereits 1884 heißt es in einem Brief an seine mütterliche Freundin Malvida von Meysenburg: „Ich habe Dinge auf meiner Seele, die hundert Mal schwerer zu tragen sind als la bêtise humaine (die menschliche Dummheit). Es ist möglich, dass ich für alle kommenden Menschen ein Verhängnis, d a s Verhängnis bin – und ist im folgenden s e h r  m ö g l i c h, dass ich eines Tages stumm werde, aus Menschenliebe!!!“

Nach der Abreise aus Sils Maria im September 1888 quartierte er sich über den Winter in Turin ein. Hier stellte er wie im Fieberwahn seine letzten Schriften, „Ecce Homo“, „Nietzsche contra Wagner“ und  „Der Antichrist“ fertig. Im Dezember verlangte er dann alle Mauskripte vom Verleger zurück. Nietzsche wurde nicht im landläufigen Sinn „irre“. Man hielt ihn für sonderbar und kauzig, Kinder warfen auf seinen langen Spaziergängen mit Steinen nach ihm. Wir hören in Turin von ihm keine Klagen mehr über seine Gesundheit, an Peter Gast schreibt er heiter: „Ich sehe mich im Spiegel an, exemplarisch gut gelaunt, wohlgenährt und zehn Jahre jünger, als es erlaubt wäre.“  Doch müssen wir uns, wie Sloterdijk es vermutet, den untergehenden Nietzsche, den “aufhörenden Autor”, als einen glücklichen Menschen vorstellen? Wohl kaum. Einer seiner letzten Sätze aus Turin lautet: “Ich leide an zerrissenen Stiefeln und danke dem Himmel jeden Augenblick für die alte Welt, für die die Menschen nicht einfach und still genug gewesen sind.” Als dann seine Briefe immer sonderbarer und verrückter wurden und er auf das völlige Unverständnis seiner Zeitgenossen nur noch mit Wut und Wucht reagierte, und schließlich im Januar 1889 in Turin am hellichten Tag einem misshandelten Droschkenpferd weinend um den Hals fiel, war er wohl nach Menschenmaßstäben nicht mehr bei Sinnen. Sein alter Freund Overbeck holte ihn ab und reiste mit dem brombetäubten Nietzsche über die Alpen in eine Basler Irrenanstalt. Zwölf Jahre später, am 25. August 1900, nach Aufenthalten in Jena und Naumburg, starb er gelähmt und geisteskrank, von seiner Schwester Elisabeth gepflegt, skrupellos ausgebeutet und öffentlich zur Schau gestellt, 55jährig in Weimar. Ein einsamer Weg der Philosophie fiel wieder ins Dunkel zurück.

Literaturempfehlung:

Peter Sloterdijk: Über die Verbesserung der guten Nachricht, Nietzsches fünftes „Evangelium“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2000. 72 Seiten, 7 EUR. ISBN: 978-3-518-06615-7

(in einer kürzeren Fassung erstmals erschienen am 18.10. 2008 im Bonner General-Anzeiger)

© Dieter Kaltwasser

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