Monatsarchiv: September 2018

Ein Hydratopyranthropos

Bertolt Brecht

Die große Brecht-Biographie von Stephen Parker in deutscher Übersetzung

Er ist ein Klassiker der Weltliteratur und der einflussreichste Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts: Bertolt Brecht. Stephen Parker hat mit seiner tausendseitigen Biografie, die nun auch in deutscher Übersetzung erschienen ist, ein Buch vorgelegt, das bereits als „endgültige Darstellung“ apostrophiert wurde. Kaum ein anderer Dichter beherrschte je die Kunst der Rede und Gegenrede, des Widerspruchs so wie Brecht. Er forderte sie sogar stets heraus. Ein erst posthum veröffentlichter „Psalm“, mit dem er vielleicht seine künftigen Interpreten warnen wollte, beginnt mit der Frage: „Was erwartet man noch von mir?“ Ihr folgt die Zeile: „Wer immer es ist, den ihr sucht: Ich bin es nicht.“

Seit den Veröffentlichungen des Brecht-Forschers Jan Knopf und des Augsburger Brechtfestivals, das seit 2010 ein internationaler Treffpunkt für die Künstler und Experten geworden ist, die sich mit seinem Leben, seiner Ästhetik und seinem Werk befassen, ist nicht nur in Deutschland von einem „neuen Brecht“ die Rede. Für Parker war es wichtig, Leben und Werk des Autors neu zu untersuchen; ihn störte vor allem, dass der Autor primär als politischer Ideengeber interpretiert wurde und dass nicht untersucht worden sei, was ihn als Künstler ausmache. Dazu komme seine Krankengeschichte, die in der Forschung nicht berücksichtigt worden sei – seine „chronische Herzinsuffizienz“ sei Ursache seiner bislang unterschätzten hohen Sensibilität und ohne sie sein Werk nicht zu verstehen.

Die Biografie besticht durch ihre detaillierte literarische und medizinische Geschichte des fragilen Künstlers. Der Autor folgt den schon früh ausbrechenden Leiden des 1898 in Augsburg als Sohn eines Papierfabrikdirektors („Papyrus“) geborenen Dichters und untersucht den Zusammenhang von Krankheit und Schreiben. Der Dichter verwob seine Herkunft mit dem mütterlichen Schwarzwald:

Ich Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern,
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
Als ich in ihrem Leibe lag. Und die Kälte der Wälder
Wird in mir bis zu meinem Absterben sein.

In seiner Tour dʼHorizon Verhaltenslehren der Kälte – Lebensversuche zwischen den Kriegen vergegenwärtigt der Germanist Helmut Lethen einen maskulinen Narzissmus, „Denkfiguren der Kälte“, eine ganze Generation, die traumatisiert aus dem Weltkrieg kam und sich Panzerungen und Masken anlegte, wie Brecht seine berüchtigte Lederjacke. In einem Brief an seinen Sohn Stefan stellte er später einmal die zentrale Frage: „Wie konnte man unempfindlich werden?“ Im Lichte dieses Briefs erforscht Parker ein zugleich verletzliches wie auch ein sich gegen diese Verletzlichkeit auflehnendes Empfindungsvermögen des Künstlers. Dieser habe früh die Erfahrung gemacht, dass man sich schützen muss, so sein Biograf, er sei sehr sensibel und kränklich gewesen und musste sich eine dicke Haut zulegen. Als junger Mann bezeichnet er sich selber als „melancholerisch“, um 1916 erfand er sich neu; der im Krieg verwundete Caspar Neher, mit dem er seit seiner Schulzeit befreundet war und lebenslang zusammenarbeiten sollte, nahm dabei eine wichtige Rolle ein. Brecht war ein Mensch und Künstler der Extreme, so sein Jugendfreund, der ihn als „Hydratopyranthropos“, als „Wasser-Feuer-Mann“ bezeichnete.

Aus diesem Taumel zwischen Morbidität und seinem Drang nach ungeheurer Vitalität erwuchs, so vermutet Parker, seine Leidenschaft für Frauen, die er verehrte, aber auch ausbeutete. Er gewann sie als für ihn wichtige und loyal ergebene Mitarbeiterinnen. Das in den Biografien gern reproduzierte Gruppenbild „Frauen mit Brecht“ wird von ihm wohltuend nüchtern wiedergegeben; er schildert die zum Teil misslichen Konstellationen und Verwicklungen distanziert und enthält sich weitgehend jeder Wertung.

Brecht sah sich als ein Naturkind, das in den Dschungel der Großstädte des 20. Jahrhunderts verschlagen wurde. Die kontroverse Baal-Figur seines Erstlingswerkes steht sinnbildlich für seinen persönlichen Weg. Die Geschichte eines Lebens zu erzählen sei ein von Brecht präferiertes Verfahren dramatischer Erkundung, so der britische Germanist, der dieses Vorgehen als Vorbild für seine Biografie nimmt: Ziel der Arbeit ist ein neues Verständnis von Leben und Werk.

Der erste Teil dieser Studie, „Lyrisches Erwachen“, fokussiert sich auf die Sensibilität des jungen Brecht vor der Katastrophe des Kriegsausbruches im August 1914. Es entsteht das Bild eines kränklichen und überempfindlichen Kindes, allein beschäftigt mit seinen Leiden und der Poesie. In dieser frühen Zeit entstanden bereits „Lieder und Gedichte von magnetischer Anziehungskraft“. Der zweite Teil, „Ein Bilderstürmer auf der Bühne“, erklärt, wie der Lyriker und Dramatiker Frank Wedekind zu seinem Vorbild wurde, dem er nacheiferte. Sinnbildliche Schöpfung dieser Zeit ist der Hedonist „Baal“; das gleichnamige Stück entstand 1918.

Vor 100 Jahren erschien die Urfassung von Ernst Blochs „Geist der Utopie

Im selben Jahr erschien Ernst Blochs Geist der Utopie, ein Werk, das auch von Brecht wahrgenommen wurde. Bloch, der ihn zum ersten Mal 1921 in Berlin traf, behauptete, in einer Erzählung des Schriftstellers die Sprache der Phänomenologie Georg Wilhelm Friedrich Hegels zu erkennen. In München begann Bloch 1905 Philosophie zu studieren, wobei er sich besonders der Lektüre Hegels widmete: „Die Phänomenologie des Geistes, die habe ich erotisch gelesen. Wie ich damals noch geschrieben habe: ‚Die geistliche Nachtigall singt darin‘. In diesem Park und in der Wildnis. Und habe sie in dieser Weise verstanden, wie ich sie nie mehr verstanden habe.“ Schon als junger Philosoph interessierte er sich für das „Utopische“ und das „Noch-nicht“. Das „Mögliche“, das, was noch nicht ist, wird zum Fixpunkt seines Theoretisierens: „Ich versuchte schon in meinem ersten Buch, das ‚Geist der Utopie‘ heißt, diese Kategorie des Utopischen nicht aufzubessern, sondern zu substantiieren.“ Das Buch findet große Aufmerksamkeit bei Blochs Freunden. Das für sein Denken Entscheidende findet Bloch bei Brecht. In einem Gespräch mit Adorno, das 1964 geführt wurde, betonte Bloch:

„Etwas fehlt“ was das ist, weiß man nicht – steht in „Mahagonny“ – einer der tiefsten Sätze von Brecht, in zwei Worten. Was ist das „Etwas“? Es darf nicht ausgepinselt werden, dann stelle ich es als seiend dar, es darf aber auch nicht so eliminiert werden, als ob das nicht wirklich, im praktischen Sinn, das wäre, dass man sagen könnte: es geht um die Wurst.

Als 1922 das Jugendwerk Baal zur Uraufführung kam, erregte das Stück Abscheu und Bewunderung. Der Dramatiker begann in den 1920er Jahren mit der Entwicklung des „epischen Theaters“; seine Denk- und Verhaltensmuster entsprechen dem des „Intellektuellen“. Mit dem kopflastigen Revolutionär Keuner erzeugte er die Figur eines Denkers, der er selbst hätte sein können. In dieser Zeit begann die Zusammenarbeit mit Lion Feuchtwanger. 1923 lernte er seine zweite Ehefrau Helene Weigel kennen, mit er sich, wie sie es ausdrückte, kurze Zeit später „zusammenschmiss“ und lebenslang zusammenarbeitete.

Im dritten Teil, „Ein marxistischer Ketzer“, der die Jahre zwischen 1928 und 1938 beleuchtet, wird dargelegt, wie Brecht sich gegen Ende der 1920er Jahre im Kampf gegen den aufsteigenden Faschismus dem Marxismus-Leninismus zuwandte, sein früher biophysikalischer Materialismus (Baal) weiterhin eine potente Kraft blieb und Einzug in seine lyrischen und dramatischen Maximen fand. In dieser Zeit, in der er aus Nazi-Deutschland flüchtete und die Auseinandersetzung mit dem reaktionären Stalinismus begann, entstanden Werke wie Die Dreigroschenoper, Furcht und Elend des Dritten Reiches und Das Leben des Galilei. In dieser Periode entwickelte sich auch die langjährige Freundschaft mit Walter Benjamin, die bis zu dessen Tod anhielt. Brecht erfuhr bei seiner Ankunft in Santa Monica von Benjamins Selbstmord am 27. September 1940 in dem kleinen spanischen Grenzort Port Bou. Nach einer Äußerung Hannah Arendts reagierte er auf die Nachricht mit den Worten, dies sei „der erste wirkliche Verlust, den Hitler der deutschen Literatur zugefügt habe“. Über Benjamins Tod schrieb er vier Gedichte, eines davon, Zum Freitod des Flüchtlings W.B., lautet:

Ich höre, daß du die Hand gegen dich erhoben hast
Dem Schlächter zuvorkommend.
Acht Jahre verbannt, den Aufstieg des Feindes beobachtend
Zuletzt an eine unüberschreitbare Grenze getrieben
Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten.

Reiche stürzen. Die Bandenführer
Schreiten daher wie Staatsmänner. Die Völker
Sieht man nicht mehr unter den Rüstungen.

So liegt die Zukunft in Finsternis, und die guten Kräfte
Sind schwach. All das sahst du
Als du den quälbaren Leib zerstörtest.

 

„Kleinlaut, aber am Leben“, Teil vier der Biografie Parkers, erzählt vom Überleben in Zeiten der Reaktion und des Weltkriegs, von den Jahren zwischen 1938 bis zum Ende des Krieges 1945. Brecht war gezwungen, vor der faschistischen Expansion Zuflucht in den USA zu suchen; auf ihn warteten magere Jahre hinsichtlich seiner Kunst. Nach der Niederschlagung Nazi-Deutschlands kehrte er in ein zerstörtes Europa zurück, im Gepäck eine Vielzahl von im Exil entstandenen Werken, die sowohl vor dem Faschismus warnten als auch ein Zeitalter neuer humanen Werte einläuten sollten. Sein neues Theater in Ost-Berlin schuf hierzu eine Möglichkeit. Es wurde zum Ort folgenschwerer Auseinandersetzungen, die ein von seiner Krankheit Gezeichneter inmitten des geteilten Deutschlands führen musste. Von ihnen erzählt Parker im letzten Teil seines Buches. Im Aufstand des 17. Juni 1953 kulminierten jene Auseinandersetzungen, aus denen Brecht nach Ansicht des Biografen als Sieger hervorging. Es war ihm vergönnt, „sein Lebenswerk als das Theater der Zukunft verkündet zu sehen“. Brecht starb am 14. August 1956 in Ost-Berlin. Laut seiner Tochter Barbara waren seine letzten Worte: „Laßt mich in Ruhe!“ Auch heute ist er einer der weltweit am häufigsten aufgeführten Dramatiker.

Copyright: Dieter Kaltwasser

In einem der letzten Gedichte von Bertolt Brecht heisst es:

 

ALS ICH IN WEISSEM KRANKENZIMMER DER CHARITÉ

Aufwachte gegen Morgen zu

Und eine Amsel hörte, wußte ich

Es besser. Schon seit geraumer Zeit

Hatte ich keine Todesfurcht mehr, da ja nichts

Mir je fehlen kann, vorausgesetzt .

Ich selber fehle. Jetzt

Gelang es mir, mich zu freuen

Alles Amselgesanges nach mir auch.

Aus Bertolt Brecht: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Suhrkamp Verlag, Bd, XV Gedichte, Seite 300.

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