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Ein Bourgeois und Kommunist – Engels-Biographie von Tristram Hunt setzt Maßstäbe

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Muss, wer Marx sagt, auch Engels sagen? Der Geschichte des Marxismus ist zwar ohne Friedrich Engels nicht zu denken, doch ihm wird die Schuld dafür zugeschoben, dass der Marxismus in die Gulags der Sowjetunion führte. Tristram Hunt, der Nachwuchsstar der englischen Historikerzunft, setzt mit seiner 2012 ins Deutsche übersetzten Biographie zur Ehrenrettung eines Mannes an, der sich schon mit den Theorien des Kommunismus beschäftige, lange bevor er 1847 mit Marx am „Kommunistischen Manifest“ schrieb, und am Ende seines Lebens davor warnte, das Werk von Marx doktrinär auszulegen. Marx selbst sah sich ohnehin nicht als Marxist. Hunt schildert Friedrich Engels als einen eigenständigen Denker, dessen Werk dem von Marx an Originalität und Wirkungsmächtigkeit nicht nachstehe, der aber aufgrund seines abenteuerlichen Privat- und widersprüchlichen Berufslebens die spannendere Biographie biete.

Engels war geradezu die Personifizierung der dialektischen Methode, die den Marxismus auszeichnet, ein wandelnder Hegelscher Widerspruch. Er besaß eine schillernde Persönlichkeit: Bonvivant, Frauenheld, passionierter Fuchsjäger und erfolgreicher Textilmagnat, ein tiefsinniger Moralist, ein scharfer Kritiker der kapitalistischen Produktionsweise und Verräter seiner Klasse. Als er 1820 als Sohn des rheinischen Kaufmanns Friedrich Engels in Barmen zur Welt kam, wurde er in eine Familie hineingeboren, in der nichts auf revolutionäre Neigungen hinwies. Eleanor Marx bemerkte 1890: „Wohl nie wurde in einem solchen Hause ein Sohn geboren, der mehr aus der Art schlug.“ Der älteste Sohn seiner Familie war schon früh zum Kaufmann bestimmt. Als er im Juni 1869 seine zwanzig Jahre dauernde Tätigkeit im Familienunternehmen Ermen & Engels in Manchester beendete und wohlhabender Rentier wurde, ging für ihn die „Zwangsarbeit in seinem Kontor“ zuende, die er auch deswegen ausübte, um Karl Marx finanzielle Spielräume zu schaffen. In Manchester hatte er 1845 seine beeindruckende empirische Studie „Zur Lage der arbeitenden Klasse in England“ verfasst, die den Theoretiker Marx sehr beeindruckte und die zu einem grundlegenden Werk des Sozialismus wurde. Marx und Engels hatten sich Anfang der vierziger Jahre in Köln kennengelernt, wo Marx als Chefredakteur der Rheinischen Zeitung arbeitete. 1844 schlossen die beiden dann nach bierseligen Tagen in Paris ihren Bund fürs Leben. Engels sprach von einem „Compagniegeschäft“ mit Marx, in dem er selbstlos die „Zweite Violine“ spielte, aus dem später das „Kommunistische Manifest“ und das „Kapital“ entstanden. Marx bezeugte er Genie, sich selber nur Talent, und sorgte fortan für den Lebensunterhalt der gesamten Familie Marx. 1870 zog er mit Lizzy Burns, einer irischen Proletarierin, und deren Nichte nach London, um dort bis zu seinem Lebensende als das „große Lama aus der Regent`s Park Road“ wieder den Kampf um die Sache des Sozialismus aufzunehmen, gemeinsam mit Marx, der zehn Gehminuten von ihm entfernt wohnte. Er wurde zum Organisator und Strategen der sozialistischen Arbeiterbewegung, arbeitete von 1872 bis 1883 an seiner „Dialektik der Natur“, die er wegen seiner Schrift gegen den Sozialisten und Philosoph Eugen Dühring, der Marx und Engels „Zentralismus und ökonomischen Determinismus“ vorgeworfen hatte, unterbrach. Der „Anti-Dühring“ ist wie die „Dialektik der Natur“ eine Definition und Verteidigung der dialektischen Methode und der kommunistischen Weltanschauung von Marx und Engels. Teile des Buches wurden später von Engels umformuliert und separat unter dem Titel „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ veröffentlicht. Tristram Hunt verteidigt Engels gegen Vorwürfe, Marx in diesen Werken populistisch dargestellt zu haben und verweist darauf, dass Marx das Manuskript des „Anti-Dühring“ noch vollständig gelesen und empfohlen habe. 1883 starb Karl Marx in London, zwölf Jahre später Friedrich Engels. Der „General“, wie er von seinen Freunden und Mitstreitern ehrfürchtig und spöttisch zugleich genannt wurde, war in seinen letzten Lebensjahren der angesehenste marxistische Theoretiker und Stratege seiner Zeit, der wohlhabende Privatier wurde in einen absurden finanziellen Streit mit der Familie der Nichte von Lizzy Burns hineingezogen. Die Widersprüche blieben bis zuletzt in seinem Leben.

Hunt hat eine brillante Lebensbeschreibung von Friedrich Engels und eine detaillierte Theoriegeschichte des Sozialismus geschrieben, eingebunden in ein großes Gemälde des viktorianischen Zeitalters in England und des 19. Jahrhunderts in Europa. Ein Meisterwerk historischer Erzählung.

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien erstmals am 27.03.2012 im General-Anzeiger Bonn

Tristram Hunt: Friedrich Engels – Der Mann, der den Marxismus erfand

Propyläen Verlag, Berlin 2012, 576 Seiten, € 24,99

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Eingeordnet unter Bücher, Geistesgeschichte

Der Schein des Unendlichen

Romantik Safranski

Die Romantik, eine deutsche Affäre?

Warum kann man eigentlich hierzulande kein Buch über die deutsche Romantik schreiben, ohne das dies als inhaltliche Schwäche, als unzulässige Verengung, ausgelegt wird? Die Romantik sei schließlich als Epoche in der Kultur- und Literaturgeschichte ein gesamteuropäisches Phänomen.  Diesen Vorwurf an sein Buch parierte der Autor Rüdiger Safranski auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse überaus lapidar: „Wenn man die deutsche literarische und philosophische Romantik im Sack hat, dann hat man sie alle.“ Dieser schnoddrig formulierte Satz, wenn er denn tatsächlich ernst gemeint sein sollte, ist natürlich falsch. Und der in philosophischen und literarischen Disziplinen hochgebildete Rüdiger Safranski weiß dies auch. Was bewog ihn dann, allein über die deutsche Literatur und Philosophie der Romantik zu schreiben, auch unter dem fast vollständigen Verzicht der anderen Künste wie der Musik und Malerei? Richard Wagner und seinen Musikdramen wird zwar Raum gegeben, allerdings fast immer im Zusammenhang mit den Philosophien Nietzsches und Schopenhauers. Und hier greift der Autor auf sein im Jahre 2000 erschienenes Nietzsche-Buch zurück, für das ihm der nach diesem Philosophen eigens benannte Preis verliehen wurde. Safranskis Intention liegt vor allem in der Beschreibung deutscher Mentalitätsgeschichte und  weniger in einer reiner Epochendarstellung. Will man ein Phänomen wie das der deutschen Romantik und den problematischen Begriff des Romantischen einem breiteren Leserkreis zugänglich machen, dann kann dies nur gelingen durch Reduzierung theoretischer Komplexität, anschauliche Beschreibung sowie stilsicheres Gespür für Aussonderung und Pointierung. Dabei bleibt naturgemäß einiges auf der Strecke.

Was das Anschauliche betrifft, liefert ihm die frühe romantische Philosophie durchaus argumentative Schützenhilfe. In einem kühnen Textentwurf von 1797, den man später „Das älteste  Systemprogramm des deutschen Idealismus“ nannte und bis ins späte 20.Jahrhundert abwechselnd Hölderlin, Hegel und Schelling zugeschrieben wurde, bis man in der philosophischen Forschung Friedrich Hölderlins dominierenden Part allgemein anerkannte, ist ausdrücklich von der Schaffung einer neuen Mythologie die Rede, einer „Mythologie der Vernunft“. Sie soll in Bildern verfasst sein, anschaulich darstellen, was vorher abstraktes philosophisches Denken formuliert hatte, sie muss mythologisch, d.h. ästhetisch sein, sonst habe sie für das Volk kein Interesse und der Philosoph müsse sich ihrer schämen. Es ist ein volkspädagogisches Konzept, die drei jungen schwäbischen Idealisten wollen eine bessere Wirkung beim Publikum. Annahme von allem ist, dass in Gesellschaft und Natur die gleiche Vernunft wirke, und die „Vorstellung von mir als einem absolut freien Wesen.“ Allerdings ist auch dieses „älteste Systemprogramm“ wenig anschaulich, sondern in einer hochtheoretischen Sprache formuliert, die wenig Erbarmen mit philosophisch ungeübten Köpfen zeigt. Rüdiger Safranski ist ein Meister der philosophischen Bilderrede, dies hat er in seinen Biographien über Schiller, Schopenhauer und Heidegger ebenso bewiesen wie in seinen zahlreichen philosophischen Essays. Sie stehen in einer Reihe mit den großen Biographien Richard Friedenthals über Goethe, Luther und Karl Marx. Das Buch ist in zwei große Teile untergliedert, die einander ergänzen. Es ist die Biographie einer für den Autor noch nicht beendeten Geisteshaltung der Deutschen. Die Romantik wird zunächst als Epoche dargestellt, anschließend das Romantische als Geisteshaltung, die bis heute fortwirke, und zwar in Politik und Kultur. Die prägnanteste Formulierung für das Romantische lieferte Friedrich von Hardenberg, der sich später Novalis nannte: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Die Romantik als Epoche beginnt in Jena im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, sie endet in der deutschen Literatur mit Eichendorffs und Tiecks Tod in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Heinrich Heine, der eine Sonderstellung einnimmt, starb 1856 im Pariser Exil. Durch Fichte und Schelling zunächst stark von der Aufklärung und der französischen Revolution geprägt, besitzt die Romantik noch ein sehr welt- und zukunftsoffenes Potenzial. Doch gleichzeitig will sie der „entzauberten Welt“, der Säkularisierung etwas entgegensetzen, sie unterhält eine untergründige Beziehung zur Religion, zum Unendlichen; sie liebt die Ferne der Zukunft ebenso wie die der Vergangenheit. Sie ist in Extremen zuhause, in der Ironie ebenso wie in der Andacht. Sie  bekennt sich zur Weltfremdheit, zum Traum, zur Nacht und zur Todessehnsucht. Safranskis pointierte Formulierung: „Die Romantik ist die Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln.“ Es sind oft genug Privatreligionen. Im Jena nahe gelegenen Weimar betrachtete man das Treiben der Gebrüder Schlegel und Novalis argwöhnisch. Der „Geheime Rath“ konzedierte zwar, dass aus Novalis ein Imperator der Literatur hätte werden können, wäre dem mit 28 Jahren verstorbenen Dichter nur genügend Zeit geblieben. Im Alter nannte Goethe, der seinen Blick ohnehin zu niemandem in der deutschen Literatur seiner Zeit mehr heben musste, das Romantische bloß noch das Kranke. Romantische Spuren, der Zauber des Vergänglichen, Weltfremdheit, Sprachdunkles und Irrationalität finden sich, so Safranski, nach dem Ende der eigentlichen Epoche in der deutschen Literatur und Philosophie zuhauf, wie z.B. bei Nietzsche, George und seinem Kreis, und Heidegger. Einmal in die Politik eingebracht, wirke Romantik zerstörerisch, wie es an der deutschen Geschichte ablesbar sei. Andererseits, so beschließt Rüdiger Safranski sein schönes und nachdenkenswertes Buch, dürfe den Menschen die romantische Einbildungskraft nicht verloren gehen, denn wir benötigten ihre Phantasieräume, weil wir, wie Rilke dichtete, „nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“

Dieter Kaltwasser

Rüdiger Safranski: Romantik – Eine deutsche Affäre, München 2007, 415 Seiten