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Weiter durch die Nacht

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Wolfgang Herrndorfs unvollendet gebliebener Roman „Bilder deiner großen Liebe“

Als der an einem unheilbaren Gehirntumor leidende Autor Wolfgang Herrndorf sich am 26. August 2013 erschoss, arbeitete er zuvor an einem Roman, von dem er wusste, dass er ihn nicht mehr vollenden konnte. In seinem Blog „Arbeit und Struktur“, worin er über sein Leben mit der schweren Erkrankung berichtet, findet sich der früheste Hinweis auf das Werk schon im Juni 2011: „Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich nicht.“ 

„Isa“, so der Arbeitstitel, sollte ein Roman kleineren Umfangs werden. Doch die Arbeit gestaltete sich schwierig, Herrndorf litt unter Erschöpfung und Konzentrationsstörungen. Es folgten Hirnoperationen, aber die Krankheit schritt unbarmherzig voran. Auf Nachfragen antwortete er im August 2012:„Isa wird nie fertig.“ Von dem 1965 in Hamburg geborenen Schriftsteller war 2002 sein Roman „In Plüsch- gewittern“ erschienen, 2007 der Erzählband „Diesseits des Van-Allan- Gürtels“, 2010 und 2011 folgten „Tschick“ und „Sand“, erst 2013 dann posthum „Arbeit und Struktur“. In seinem Testament vom 1. Juli 2013 legt Herrndorf fest: „Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen. Freunde bitten, Briefe etc. zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben.“

Da ausgeschlossen schien, den Roman fertigzustellen, wurde für Herrndorf der Blog zum letzten Projekt. Doch bei einem Treffen der Herausgeber kam das Gespräch auf „Isa“. Herrndorf schildert es in „Arbeit und Struktur“: „Passig liest die ersten zwei Kapitel von »Isa« laut vor. Die hab ich noch nie gehört, die anderen auch nicht. Gutfinden sie’s. Ich schreie und schreie und heule und tobe, und dann ist es vorbei.“ „Isa“ sollte nun doch noch veröffentlicht werden. Herrndorf akzeptierte am Ende das für ihn Schwerste: einen Roman als Fragment zu hinterlassen. So ist „Bilder deiner großen Liebe“ (der Titel stammt noch von Herrndorf) ein unvollendeter Roman geblieben, ein „kaputtes“, ungeordnetes, aber großartiges Werk, in dem seine zahlreichen Leser ihren Autor finden – nicht nur allein in der Figur des Mannes in einer grünen Trainingsjacke auf dem Friedhof. Das Landschaftsgemälde auf dem Schutzumschlag ist von der Hand des Autors.

Zu Beginn des Romans steht ein Mädchen im Hof einer Anstalt. Das Tor geht auf, das Mädchen huscht hinaus und beginnt seine Reise, durch Wälder, Felder, Dörfer, an der Autobahn und auf der Landstraße entlang: „Die Sterne wandern, und ich wandre auch.“ Isa heißt das geheimnisvolle Mädchen. Es wird auf seiner Wanderung einigen Menschen begegnen – freundlichen und verrätselten, schlechten und tief melancholischen, einem Binnenschiffer, der vielleicht ein Bankräuber ist, einem merkwürdigen Schriftsteller, einem toten Förster, einem Fernfahrer auf Holz- wegen. Auf einer Müllhalde trifft sie zwei Vierzehnjährige, Maik und Tschick. Maik verliebt sich in die etwa gleichaltrige Isa. In der Nacht beugt sie sich zu den schlafenden Jungen hinab, erst zu Tschick, dann zu Maik. Der Roman steht an dieser ungeheuren Stelle nahezu still: „Meine Knie berühren fast seinen Kopf. So bleibe ich lange und sehe ihn an. Sein Gesicht ist nachtbleich und friedlich und säuglingshaft, fast wie ein Mädchen sieht er aus. Ich mache magische Bewegungen, ich halte meine Hände über seine Stirn, über die Schläfen, über die geschlossenen Augen mit den langen Wimpern. Ich spüre seine Körperwärme in meinen Handflächen. Er spürt es nicht. Lautlos geborgen und im Schutz meiner Hände und der schirmenden Nacht liegt er da.“

Vordergründig ist „Bilder deiner großen Liebe“ die Geschichte einer jugendlichen Ausreißerin. Was im Hintergrund stets präsent bleibt und den Roman noch einmal ganz anders beglaubigt, ist die Tragödie eines Sterbenden, der nicht allein in den Tod gehen möchte und in „Isa “seinen Schutzengel und seine Totengöttin zugleich gefunden hat – die Figur eines dunklen Engels, die (wenn man „Arbeit und Struktur“ sorgfältig liest) aus zumindest zwei realen Vorbildern und mythischen Figuren zusammengesetzt ist, auf die er vieles projiziert und die ihn beim Sterben begleiten soll. Mit „Bilder deiner großen Liebe“ liegt ein Roman vor, der in der Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht; ein Leseerlebnis, das unvergesslich bleibt.

Copyright: Dieter Kaltwasser

 

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Rowohlt, 144 S., 16,95 Euro

ders.: Arbeit und Struktur. Rowohlt, 448 S.,19,95 Euro

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„Der letzte Meister des Liedes“ – Georg von der Vring (1889 – 1968)

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Sarah Kirsch zitierte in ihrem Tagebuch sein „Jägerlied“, das sie zu ihren „siebzehn Lieblingsgedichten“ zählte,  Günter Eich nannte in einer Umfrage als „sein“ Gedicht Georg von der Vrings „Der Bogenpfeil“, Peter Hamm bezeichnete ihn als den „letzten Meister des Liedes“. Wolfgang Herrndorf schrieb im August 2011 in den bis zu seinem Tode geführten Blog „Arbeit und Struktur: „Meiner Mutter ein Gedicht von Georg von der Vring aufgesagt: „An der Weser, Unterweser wirst du wieder sein wie einst. Durch Geschilf und Ufergräser dringt die Flut herein, wie einst.“ Als mich Benno von Wiese in seinem letzten Oberseminar, das 1978 an der Bonner Universität stattfand und sich dem Barocklyriker Johann Christian Günther widmete, fragte, welcher Dichter meiner Meinung nach im „Echtermeyer/Von Wiese“ fehle, nannte ich spontan den Namen Georg von der Vring. Er antwortete sichtlich irritiert: „Der Naturlyriker?“  W.E. Süskind, der treue Vring-Freund, wendete sich gegen diese Typisierung der Gedichte: „Man mag nicht sagen Gedanken – und man mag nicht sagen Naturlyrik, vielmehr ein Gespinst aus beiden, als ob die Natur denke“. Es waren andere, „unpoetische“ Gründe, warum von Wiese damals nicht das von mir vorgeschlagene Gedicht „Die Beeren“ in seinen Kanon aufnahm. Der große Germanist wollte nur vor seiner eigenen „Nähe“ zum Regime ablenken, und nahm des eigenen Vorteils und Ansehens wegen gegen den Dichter Partei. Die Machtergreifung der Nazis bewog Georg von der Vring zwar zu einer Art „innerer Emigration“, dennoch hatte er bei aller innerer Distanz zum Nazi-Regime Kontakte zum nationalsozialistisch orientierten Eutiner Dichterkreis. Nach dem Krieg wurde er Mitglied des PEN-Zentrums, es folgten Ehrungen wie der Literaturpreis von Niedersachsen und das Große Bundesverdienstkreuz. Georg von der Vring geriet seit Ende der sechziger Jahre in Vergessenheit, woran besonders einige Großordinarien Mitschuld trugen, obwohl er uns einige der vollkommensten lyrischen Gebilde deutscher Sprache hinterlassen hat. Zu ihnen gehört auch das in seinem letzten Lebensjahrzehnt entstandene Gedicht „Die Beeren“:

„Es sind im Oktober die Beeren
Roter als irgendwann.
Doch kommenden Herbst – was dann,
Wenn wir nicht wiederkehren?
Sie mögen, als ob wir noch wären,
Sich röten – aber sie waren
In all unsren wenigen Jahren
Roter als irgendwann.“

Text: Dieter Kaltwasser

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