Monatsarchiv: Mai 2012

Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe)

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I


Nur Einen Sommer gönnt, Ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Friedrich Hölderlin
(An die Parzen)

 

*

Mancher Sommer will im Winter begonnen sein. Ihr werdet nicht gefragt. Ungewöhnlich: Die Stadt, die du dein Leben lang kennst, die sich jedoch in all jenen Jahren selten so winterlich zeigte, präsentiert sich heute nun im weißen Schneegewand, so dass sie dir beinahe fremd erscheinen will. Aber so soll es ja sein. Schließlich bist du erstmals zu Gast in ihr, siehst sie zum ersten Mal mit den Augen einer Außenstehenden, einer Fremden. Es gilt, aus dem Kreis heraustreten und sich von der anderen Seite anzunähern, um zum Wesentlichen vorzudringen, anders geht es nicht.

Es ist deine Stadt, wie auch die eures Dichters, auf dessen Spuren ihr euch begeben wollt. Die Stadt, in der du – wie jener – geboren bist, nahezu an derselben Stelle, aber dies ist weder dein Verdienst, noch dass es sich hierbei um einen besonderen Umstand handelt. Jener Platz findet sich nahezu malerisch gelegen, von steilen Weinbergterrassen überragt am jenseitigen Ufer des Flüsschens Zaber, das dort seine wenigen letzten Meter zurücklegt, bevor es sich hinter der Alten Ölmühle mit dem Neckar vereinigt. „Dörfle“ nannte sich diese Ansiedlung von alters her, schlicht und liebevoll, unter Verwendung der schwäbischen Verkleinerungsform, in Unterscheidung zu den beiden bedeutenderen Ortsteilen „Städtle“ und „Dorf“. Dort begann alles – für ihn wie für dich – auf dem Areal eines alten Klosteramtshofes mit wechselvoller Geschichte. Dasselbe Gebäude war es allerdings nicht; dieses fiel, ungeachtet zahlreicher Proteste, dem Abriss anheim. Es fand zwischen den Weltkriegen einen Nachfolgebau, ein Jagdhaus, das allerdings nicht lange erhalten blieb, bis man in jüngeren Tagen an dessen Stelle ein Krankenhaus errichtete, welches seinerseits später durch den Neubau eines Seniorenheims abgelöst wurde. Das alte Krankenhaus, in dem zu der Zeit, als es dort noch eine Entbindungsstation gab, außer dir selbst noch weit mehr Kinder der Stadt das Licht der Welt erblickt hatten. Nichts also, worauf sich etwas einzubilden wäre. Das gemeinsame Schicksal, dass man euer jeweiliges Geburtshaus dem Erdboden gleichmachte, ihr tragt es zu mehreren.

Du bist hier aufgewachsen, anders als er, der Dichter, der die Stadt der Chronik zufolge bereits in frühen Kindertagen verließ, keine Schule hier besuchte. „Ach! wäre ich nie in eure Schulen gegangen…“, wirst du im Hyperion lesen und es auf deine Weise nachvollziehen können. Nahezu alle Schulen der Stadt tragen bis heute seinen Namen, wirklich nahegebracht wurde er euch nie. Euch, die ihr hier aufgewachsen seid, als sei der Ort ein beliebiger, austauschbar mit jedem beliebigen anderen. Der Dichter, das lag schon so lange zurück, weit weg, in einer Zeit, zu der euch und wohl auch vielen eurer Lehrer Zugang und Vorstellungskraft fehlten, und ihr glaubtet nicht, dass er euch etwas zu sagen haben könnte.

Du selbst warst stets gespalten, er schien dir fremd und doch fühltest du dich auf magische Weise von ihm angezogen. Der Weg zum Krankenhaus, den du in den Jahren des Heranwachsens noch öfter beklommen antreten musstest, um Blessuren aller Art behandeln zu lassen, die man sich im Schulalter bei Stürzen von Fahrrädern oder auch Pferden hin und wieder zuzuziehen pflegt. Er führte durch einen kleinen Park, in dem das Hölderlin-Denkmal, ein altes Bronzerelief in einer halbrunden Mauer, noch heute zu finden ist, und du hast einen Abstecher dorthin nie versäumt; wohl auch stets, um Zeit zu gewinnen und möglicherweise, bei deinem augenscheinlich angeborenen Horror vor weißen Arztkitteln, insgeheim deinen Dichter stumm um Beistand zu ersuchen. Ob er hierfür der Richtige war? Du konntest es beim besten Willen nicht feststellen, auch mit der größten Einbildungskraft – und die hattest du! – war ihm nicht der geringste Ansatz eines Augenzwinkerns abzulocken. Seine Augen blickten stets verträumt in die Ferne, er schien entrückt, weit weg, nicht von dieser Welt. Aber gerade dies schien dir seltsam vertraut, ließ ihn dir auf eigenartige Weise sehr nahe sein.

Nun bist du also wieder hier – und in Kürze wird sich ein Freund der Dichter und Philosophen einfinden, der diese Stätte noch nie betreten hat. Welcher nicht – wie du – vom Neckar stammt, jenem Fluss, der zwar durchaus seine Eigenwilligkeiten aufweist, auch hin und wieder über seine Ufer tritt, sich dann aber doch immer wieder in sein Flussbett – und damit in seine ihm gesetzten Grenzen – einfindet. Stattdessen vom „erhabenen“ Rhein, und somit, wie es sich wohl in diesem Falle gehört, in anderen Dimensionen denkend unterwegs. Die halbe Welt hat er wohl bereist, es sei ihm gegönnt. Bedeutende Stätten der Literatur, wie Goethes und Schillers Weimar, kennt er wie seine Westentasche. Darum allerdings beneidest du ihn. An diesem Ort jedoch war er nie. Das ist deine letzte Trumpfkarte, die du aus dem Ärmel ziehen kannst. Manch einer muss mit den paar Pfunden wuchern, die er hat. So auch du.

Welcher Ort würde sich besser eignen, sich zu eurem Dichter auf den Weg zu machen? Zu ihm, der nur von wenigen Menschen seiner Zeit verstanden wurde, der nun aber gerade euch in den letzten Tagen immer wieder überraschend begegnete, euch begleitete, euch zunehmend mehr zu sagen hatte? Neugierig wie ihr seid, findet ihr euch nun ein in der winterlich verschneiten Stadt, um mit neuen Augen hinzusehen und mit anderen Ohren hinzuhören.

 

II

 

„Wir sind nichts; was wir suchen ist alles.“

Friedrich Hölderlin
(Aus: Hyperion, Thalia-Fragment)

 

*

Werdet ihr hier finden, wonach ihr sucht? Ihr, die ihr als Liebende hierher fandet, Liebende mit ungewöhnlicher Geschichte, welche nun auch – so glaubt ihr natürlich, unverbesserlich Literaturverrückte, ihr! – eines außergewöhnlichen Rahmens bedarf? Der Dichter, Vorwand nur? Oder fühltet ihr, dass er tatsächlich etwas mit euch zu tun haben könnte, so dass ihr seinem Ruf gefolgt seid?

Ein kleines Hotel, gepflegt, schöne Zimmer. Eine regelrechte Winterhöhle, um sich darin für gewisse Zeit zu vergraben und für niemanden zu sprechen zu sein.

 

Blick aus dem Fenster über den Kanal auf die verschneite Vogelinsel – unbetretbares Naturschutzgebiet, seit du zurückdenken kannst. Darauf die alte, trutzige Rathausburg, dahinter der eigentliche Fluss, und an dessen gegenüberliegendem Ufer, auf dem Kirchberg, gestützt von imposantem Mauerwerk, die alles überragende, viele Jahrhunderte alte Kirche, die den Namen einer mittelalterlichen Ortsheiligen trägt. Diese sei, so will es die Legende wissen, im frühen Kindesalter von ihrer Amme ermordet und in den Fluss geworfen worden, angeblich aus Rache, die ihren Eltern galt – immer haben die Kinder im wahrsten Sinne alles auszubaden! Fischer zogen sie jedoch drei Tage später – für eine Wasserleiche eher unüblich – mit blühend rosigen Wangen und glücklichem Lächeln aus dem Wasser. Das Ereignis sprach sich in Windeseile herum, erfuhr auf diesem Weg alle denkbaren Ausschmückungen, die Heiligenlegenden eigen sind, und sorgte über lange Zeiten für Pilgerzüge zum steinernen Sarg des wundersamen Mädchens, dessen Gebeine allerdings in den späteren Wirren kriegerischer Auseinandersetzungen im Zuge der Reformation verlorengingen. Eine schaurige Geschichte, die ihr als Kinder mit wohligem Gruseln in euch aufsogt. Ihr versäumtet es bei einem Gang über den Kirchhof nie, euch – notfalls mit Hilfe einer Räuberleiter – an den Gittern zwischen den gotischen Fensterstreben der Regiswindiskapelle hochzuziehen, um einen Blick auf den steinernen Schrein zu erhaschen, welcher bis heute erhalten ist.

Die Kirche wiederum ist es, die aufgrund ihrer Lage und ihres imposanten Aussehens durch ihren mächtigen, rechteckigen Turm mit geschwungener Haube und Laterne stets von weitem ins Auge fällt, aus welcher Richtung man sich auch nähern mag, und die zusammen mit der Burg, dem Fluss und der alten Bogenbrücke dem Ort seine unverwechselbare Erscheinung verleiht.

Du wurdest, wie der Dichter, in ihr getauft und – anders als er – auch dort konfirmiert; es müssen hiervon noch schreckliche Fotos existieren. Aus der Perspektive des entgegengesetzten Ufers hast du sie seltener betrachtet; du hast immer auf der anderen Seite des Flusses gelebt. Auch dies ein Sich-Annähern aus ungewohnter Blickrichtung, was dem Ganzen einen besonderen Zauber verleiht. Der viel beschworene Anfang, dem ein Zauber innewohnt? Dies jedoch war ein anderer Dichter, einer der späteren. Auch er stammt aus der näheren Gegend, auch er steht dir nahe.

Dein Philosophenfreund hingegen als Kenner und Verehrer des großen Goethe, – er begibt sich hier ebenso wie du auf neue, weniger ausgetretene Pfade, so dass ihr beide etwas davon mitnehmen könnt, wenn ihr euch darauf einlassen wollt. Und es ist euer Anfang.

 

III

 

Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr den Künstler höhnt,
Und den tieferen Geist klein und gemein versteht,
Gott vergibt es, doch stört nur
Nie den Frieden der Liebenden.

Friedrich Hölderlin
(Das Unverzeihliche)

 

*

Eine Woche nur für euch, – gestohlene Tage, die restliche Welt bleibt außen vor, hat keinen Zutritt. Das Zimmer mit Blick auf den Fluss wird für kurze Zeit zu eurer Festung. Liebende, ihr, – die ihr euch nur wenige Tage, und doch, wie es euch nun scheint, Ewigkeiten kanntet, kaum je berührt hattet; was würde euch erwarten bei dieser ersten, zweiten Begegnung nach so langer Zeit? Bange Frage. Wachsendes Lampenfieber auf beiden Seiten. Die Bahngesellschaft sorgt für Aufschub, der ICE deines Philosophenfreundes hat Verspätung, der Anschlusszug ist weg, der Zugbegleiter schlägt eine alternative Verbindung über die Landeshauptstadt vor, und so kommt es für ihn, den vom Rhein her Angereisten, auch schon zur ersten Begegnung dieser Tage mit dem Schwäbischen: “Waaas? Nooch Laafa? Doo wellet Se noo?! Was wellet Se ‘n doo? Waaas? Zum Hölderlin? Der isch doo nemme, – doo sottet Se besser nach Tübinga fahra, – koa sei, dass er dort noch im Turm drinna hockt und irgendwas z`sammakritzlt!“, meint jener emsige Schaffner und fügt geradezu hellseherisch hinzu: „Frooget Se amol die Leut dort, was die noch vom Hölderlin wisset! Sie werdet seha, do woiß koiner mehr ebbes!“ Na, solches wollt ihr dann doch nicht hoffen! Und nach Tübingen zu fahren, plant ihr ja ohnehin diese Tage noch.

Mit solchen und weiteren köstlichen Reiseanekdoten per Mobiltelefon auf dem Laufenden gehalten, – inzwischen hat dein Philosophenfreund sich glücklicherweise einen Mitreisenden aufgetan, der einst bei Heidegger studierte, was ihm bei angeregtem philosophischen Austausch den Umweg in wochenendbedingt hoffnungslos überfüllten Zügen ein wenig verkürzt – fütterst du unermüdlich die hungrige Parkuhr, um dir den bahnsteignahen Parkplatz zu erhalten. Der Bäcker, bei dem du Geld wechseln willst, hat samstags bereits ab elf Uhr geschlossen; du hattest vergessen, dass hier an Samstagen mittags sprichwörtlich die Gehwege hochgeklappt werden, ebenso wie mittwochs nachmittags, – auch heute noch kaum ein Geschäft, das dann geöffnet hätte. Alles ganz wie früher, aber du findest dies eigentlich sehr erholsam. Entschleunigung.

Versuch, ein offenes Café zu finden – Fehlanzeige! Im Zeitschriftenladen am Bahnhof gibt es zumindest einen Kaffeeautomaten. Hinter dem Tresen wirkt man unfreundlich, ohne es wirklich zu sein, es ist die Mentalität. Auch die Kunden verhalten sich zunächst mürrisch, sind jedoch sofort zu mehreren bereitwillig mit Wechselmünzen behilflich. Einige sind Reisende, warten selbst auf einen Zug, der Verspätung hat, andere auf säumige Ankommende, so wie du. Man schimpft gemeinschaftlich über die Bahngesellschaft: „Do brauchet bloß amol drei Schneeflogga falla und scho fährt koin Zug meh, die kriege des dr Läbadag nemme gebacha!“ Solches verbindet und schafft eine die Altersgruppen übergreifende Solidarität. Du fühlst dich ihnen zugehörig, bist zuhause angekommen. Jedoch ist es im Verkaufsraum kalt und zugig, zum Aufwärmen ist dieser Ort ungeeignet und so ignorierst du schließlich die Parkuhr, die alle halbe Stunde nach Nachschub schreit, und machst dich auf den Weg in die Hauptgeschäftsstraße, die dir schneematschig-grau, leer und verlassen entgegen gähnt. Nach zehn Minuten Suche landest du schließlich bei einem türkischen Döner-Imbiss, dessen Besitzer, ein freundlicher älterer Mann, dir deine zerzauste Verfassung ansieht und erst einmal heißen Tee herbeischafft. Er verschwindet hinter der Theke, an der sichtbar alle Speisen frisch vor- und zubereitet werden und serviert wenig später vorzüglichen Pide mit Fetakäse an den Tisch, nebenbei mit heiterer Gelassenheit eine Gruppe ausgelassen lärmender Jugendlicher betreuend und beschwichtigend, die eine improvisierte Sofaecke mit Beschlag belegt hält. Die gute Stimmung steckt an, du wärmst dich auf, kommst etwas zur Ruhe – den Tee bekommst du noch nicht einmal berechnet – und machst dich gestärkt auf den Rückweg.

Blick auf die Bahnhofsuhr – Schreck! Der Zug müsste planmäßig in fünf Minuten da sein. Es gibt eine neue Verspätungsdurchsage, weitere fünf Minuten, um die Nervosität ins Unermessliche wachsen zu lassen. Wochenlang E-Mails ausgetauscht, heimlich telefoniert, euch diesen Augenblick herbeigesehnt, jeden Tag, jede Stunde, Minute, Sekunde darauf hingelebt, hingefiebert, – aber würde die Realität dem standhalten? Ihr glaubtet fest daran, habt nie wirklich gezweifelt. Aber etwas befangen seid ihr doch.

Dann kommt die rote Diesellok in Sicht, sich aus südlicher Richtung nähernd. Sehr viel Bewegung auf dem engen Bahnsteig, die sich jedoch schnell wieder verlaufen hat, – und es gibt nur noch euch, ihr liegt euch in den Armen, – und alles ist gut und richtig und hätte nie anders sein können.

Noch später werdet ihr oft daran denken, an die ersten Minuten, als die allerletzten Zweifel und Ängste sich in nichts auflösten, ihr ausgelassen wie die Kinder die Unterführung durch- und den Vorplatz überquertet, immer wieder stehenbleibend, euch vorsichtig berührend, wie um festzustellen, dass ihr wirklich seid – und nicht womöglich im Begriff, euch gleich wieder in Nichts aufzulösen. Ineinander versunken, die Fahrt über die verschneite Brücke zu eurem selbst erwählten Refugium, in das ihr euch vergrabt wie die Räuber in ihre Höhle, um in Ruhe die überreich erbeuteten Schätze zu zählen – und sich zu fühlen wie Könige. Oder wie Götter.

Wie es euer Dichter sagt:

„Einmal lebt ich, wie Götter, mehr bedarf ’s nicht.“

 

© Bettina Johl (Exklusive Leseprobe – Romananfang „Holunderblüten“)

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Ein Kommentar

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Mit der Schreibmaschine die Katastrophe aufhalten – Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky in Paris, 1928. Deutsch: Tuchol...

Kurt Tucholsky in Paris, 1928. Deutsch: Tucholsky in Paris, 1928 Français : Tucholsky à Paris, 1928 (Photo credit: Wikipedia)

Rolf Hosfeld schreibt eine neue Biographie über Kurt Tucholsky

Veränderungen und Spannungen liegen in der Luft und schwerwiegende Ereignisse stehen bevor, als sich die Berliner in der Silvesternacht 1889 ein Neues Jahr wünschen. Der seit Jahrzehnten regierende Otto von Bismarck steht den Ambitionen des jungen Kaisers Wilhelm II. im Weg, Reichstagswahlen stehen kurz bevor, im Februar 1890 wird die SPD die Millionen-Grenze überspringen. August Bebel denkt an die Zukunft, während Bismarck und Wilhelm II. Vergangenheit und Gegenwart personifizieren. Was hat das alles mit der Tatsache zu tun, dass am 9. Januar 1890 im Haus der Lübecker Straße 18 in Berlin-Moabit Kurt Tucholsky als ältestes Kind des wohlhabenden jüdischen Kaufmanns Alex Tucholsky und seiner Ehefrau Doris geboren wird?

Das Besondere in diesem Falle ist, dass aus Kurt Tucholsky einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik werden sollte. Rolf Hosfeld, der vor wenigen Jahren eine preisgekrönte Marx-Biographie verfasste, hat sich Leben und Werk Tucholskys gewidmet. Kurt Tucholsky arbeitete als Journalist, verfasste Satiren, Lieder, Gedichte und Romane, gab zeitweise die legendäre Berliner Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ heraus und war nicht zuletzt politischer Aktivist. Er erwies sich als hellsichtiger und vorausschauender Gesellschaftskritiker: Schon von der allgemeinen Kriegsbegeisterung des ersten Weltkriegs ließ er sich anders als viele seiner prominenten Kollegen nicht anstecken. Politisch fühlte er sich der Linken nahe, s­­­­tellte jedoch früh deren Unfähigkeit fest, dem immer stärker werdenden Nationalsozialismus wirksam zu begegnen. „Ein kleiner dicker Berliner wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten“, so charakterisierte Erich Kästner einmal seinen Schriftstellerkollegen Kurt Tucholsky. Wortgewaltig stemmte sich Tucholsky, einer der meistgelesenen politisch-satirischen Autoren der Weimarer Republik, gegen den Nationalsozialismus.

Seine Klassenlage jedoch gab Tucholksky innerlich nie auf, in seinen Werten blieb er stets konservativ. Er wuchs behütet auf, die Familie zog bald nach Stettin, kehrte nach sechs Jahren zurück, derweil bekam er zwei Geschwister, die beide jung starben. Zu seiner Mutter hatte Tucholsky ein sehr schwieriges und spannungsvolles Verhältnis, das er später einmal in der Strindberg-Figur Rosa Bertens skizziert hat, wie er es einmal seiner zweiten Frau Mary gestand.

Tucholsky studierte Jura, doch er hatte nicht die Ambition, daraus einen Brotberuf zu machen, der Dr. jur. diente vielmehr seinem bürgerlichen Status. Inzwischen hatte er mit seinem „Rheinsberg“ schon einen Erfolg als Schriftsteller gelandet. Er schildert darin einen Ausflug mit seiner Geliebten Else Weil, die er „Pimbusch“  nannte und später heiratete. Die Medizinstudentin und der Jurastudent waren auf einem Ausflug ins Ruppiner Land des Theodor Fontane. Der literarische Bilderbogen ist eine erotische, einfache und unbefangene Erzählung, der nicht nur eine wohlwollende Presse fand, sondern auch einen reißenden Absatz. Else Weil wurde am 11. September 1942 in Auschwitz ermordet.

Nach dem Erscheinen von Rheinsberg begann die Mitarbeit an Siegfried Jacobsohns „Schaubühne“ und beim „Simplicissimus“.  Er zeichnete viele seiner Artikel mit Pseudonymen und schrieb dazu: „Wir sind fünf Finger an einer Hand. Der auf dem Titelblatt und: Ignaz Wrobel. Peter Panter. Theobald Tiger. Kaspar Hauser.“ 1914 trat er aus der jüdischen Gemeinde aus. Mitte 1919 erschien der Grundsatzartikel „Wir Negativen“ in der „Weltbühne“.  Tucholsky engagierte sich in zahlreichen Aktionen gegen den ersten Weltkrieg. Er war Mitbegründer des „Friedensbundes der Kriegsteilnehmer“. Er lernte Mary Gerold kennen, seine zweite Ehefrau, von der er sich erst nach seiner Ausbürgerung scheiden ließ, um sie zu schützen. Andere für ihn bedeutsame Frauen traten in sein Leben. Tucholsky folgte in ihnen wohl oft Archetypen der Mutter. 1922 erschienen die „Träumereien an preußischen Kaminen“, 1929 „Deutschland. Deutschland über alles“. Die meiste Zeit lebte er im Ausland, ab 1930 verlegte er seinen ständigen Wohnsitz nach Schweden. Im Mai 1931 beendete er „Schloß Gripsholm“. Es begann die Zeit der Einsamkeit und der langsamen Abkehr vom Handeln. In Deutschland wurde der Prozess gegen Carl von Ossietzky eröffnet, der verhaftet und ins KZ verschleppt wurde . Tucholsky sah für sich selbst keine Möglichkeit mehr, etwas zu tun, es schien ihm sinnlos. Die Deutschen, so konstatierte er,  seien ein barbarisches und unbelehrbares Volk. In seiner letzen Zeit beschäftigte sich mit Kierkegaard und Schopenhauer. Er hatte aufgehört zu schreiben, nur seinem „Sudelbuch“ vertraute er noch Gedanken an. „Wenn ich jetzt sterben müsste, würde ich sagen: ‚Es war ein bisschen laut‘. Am 21. Dezember 1935 starb Kurt Tucholsky. Die Diagnose lautete: Überdosis Veronal, vermischt mit Alkohol.

Wie einen Roman erzählt uns Rolf Hosfeld das kurze, intensive Leben Tucholskys und zeigt uns die Vielschichtigkeit und Doppelbödigkeit  seines Werkes gerade dort, wo es leichtfüßig daherkommt und dennoch engagierte Literatur ist. Prägnant zeichnet er im Spiegel der Person des Schriftstellers das Portrait seiner Zeit, in dem Tucholskys  lebenslanges Bemühen um eine Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen besondere Aufmerksamkeit zuteilwird. Rolf Hosfeld hat die Biographie eines außergewöhnlichen Menschen, der den Kampf gegen den Militarismus zum Thema seines Lebens und Schreibens machte, geschrieben, die Bestand haben wird.

Dieter Kaltwasser

(Der Beitrag erschien in leicht geänderter Fassung am 12.06.2012 im General-Anzeiger Bonn und am 31.10.2012 auf literatukritik.de)

Zur Besprechung auf literaturkritik.de

Rolf Hosfeld: „Tucholsky – Ein deutsches Leben“ , 2012 Siedler Verlag München, 320 Seiten, €24,99

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