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Begegnung – Eine Kurzgeschichte

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Ich hätte es wissen müssen. Es stand fest, dass es geschehen würde. Dennoch traf es mich unvorbereitet. An einem jener schwer lastenden Tage des alt gewordenen Sommers, an denen bereits alle Zeichen auf Herbst stehen, ohne dass der Herbst wirklich begonnen hätte. Reste von Gewitterschwüle, deren Entladung keine Erfrischung, keine Erleichterung mit sich bringen will, nur unguten Wind aufkommen lässt, vor dem wir frösteln, ohne dass uns wirklich kalt wäre. Etwas Angespanntes, fast Lauerndes scheint in der Atmosphäre zu liegen. Keine Vorstellung, wer denn wem auflauern sollte, oder wer dies von wem zu befürchten hätte. Allem Unbehagen zum Trotz hatte ich mich auf diese Wanderung begeben, allein. Nicht etwa, weil sich keine Begleitung gefunden hätte, sondern weil ich das Alleinsein vorziehe. Weil es mir ermöglicht, unterwegs Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, an denen ich während einer Unterhaltung achtlos vorüberginge. Und auch, um in Ruhe meinen Gedanken nachzuhängen, die, von vier Wänden umgeben, oft quälende Kreise ziehen, während sie sich im Freien aufzulösen und ordnen beginnen.

Den Weg, den ich wählte, war ich oft zuvor gegangen. Er führt durch ein schattiges Tal, in dem sich entlang eines Bachlaufes mehrere Wassermühlen finden. Jede dieser Mühlen ist mehrere hundert Jahre alt. Manche wirken verlassen und heruntergekommen, sind kaum zugänglich, von verwilderten Gärten umgeben; ihre dunklen Kellergewölbe und die schwarz aus verwitterten Rahmen starrenden Fenster lassen, besonders wenn sich das Licht der untergehenden Sonne in ihren zerbrochenen Scheiben spiegelt, manchen Gedanken an Gespensterspuk aufkommen. Andere wiederum sind neu bewohnt und restauriert, wirken fast idyllisch, was über ihre wahre, wenig romantische Vergangenheit hinwegtäuschen will. Die alten Gebäude aus Stein und Fachwerk zeugen vom harten Leben eines Berufsstandes, der einst als einer der am wenigsten angesehenen galt. Ihm anzugehören bedeutete in jenen Tagen schwere Arbeit, gesellschaftliche Ächtung und Armut. Vielleicht war es eine Ahnung dessen, die mich das Tal stets mit gemischten Gefühlen durchqueren ließ; einerseits zog es mich an, andererseits drückte es mich merkwürdig nieder. Lieber wählte ich zuweilen einen Seitenpfad, der nach den ersten beiden Mühlen nach rechts abzweigt und durch Bannwald steil aufwärts zu einer Schlucht führt, die man auf einer brüchig wirkenden Holzbrücke überquert, um sodann auf die Anhöhe und freies Feld zu gelangen. Der Weg verläuft zunächst an einem entlegenen, von hohen Bäumen umstandenen, jahrhundertealten jüdischen Friedhof entlang und führt danach wieder durch Wald zu einer Burg, von deren Terrasse man einen weiten Blick über das Tal des Flusses hat, in den unterhalb des Bergsporns jener Bach mündet, der die Mühlen einst betrieb.

Wie immer hatte ich auch diesmal auf der Burg Rast gehalten und bei einer Tasse Kaffee in die Ferne geschaut. Es war später Nachmittag und die meisten der Besucher von Museum und Falknerei hatten den Heimweg angetreten. Die sonst gut besetzte Terrasse hatte sich bereits geleert, und mit dem Abzug der Menschen legte sich eine tiefe Stille über die alten, geschichtsträchtigen Mauern, in denen einst ein Märchendichter eine Novelle verfasste, die heute kaum einer mehr kennt.

Der Rückweg führte mich über den unteren Burggarten, dessen späte Rosen in der Abendsonne leuchteten, auf einen Pfad, der steil abfallend in das untere Mühlenbachtal an der Nordseite des Burgbergs führte. Neblige Kühle umfing mich; aus der Senke hatte sich das Sonnenlicht längst zurückgezogen. Außer dem Murmeln des Wassers war kein Laut zu hören. Jenseits des Baches gab es eine Straße, von der hin und wieder das Geräusch eines Fahrzeugs herüber drang; es war eine wenig befahrene Nebenstrecke. Selbst die Vögel waren hier völlig verstummt, sie schienen sich auf die Höhen zurückgezogen zu haben. Nach einem kurzen Stück durch den Wald kam eine der unteren Mühlen in Sicht, an deren Rückseite der Pfad endet. Indem man ihren Hof durchquert, gelangt man auf den Hauptweg, der über die oberhalb gelegenen Mühlen zum Ausgangspunkt zurückführt. Jene Mühle beherbergte eine kleine Gaststätte, die es schon gab, seit ich zurückdenken kann. Irgendwann hatte man sie in einen neu renovierten Gebäudeteil verlagert und modernisiert. Auf der verwinkelten Gartenterrasse saßen wenige Gäste. Das Tal lag düster und wirkte verlassen, als wäre der Tag viel weiter fortgeschritten. Über den Wiesen hingen vereinzelt Nebelschwaden. Kaum eine Spur mehr von Wanderern, Joggern, Spaziergängern und Radfahrern, die diese Gegend zu anderen Tageszeiten bevölkerten. Nun, sie würden mir nicht fehlen.

Die Mühle war kaum außer Sicht, als ich Schritte hinter mir vernahm. Sie näherten sich rasch, wirkten fest, energisch, – bei all dem nicht unbedingt eilig, aber doch forsch, deuteten auf jemanden, der ein Ziel vor Augen hatte. Kurz darauf tauchte eine Gestalt zu meiner Linken auf und ich sah, dass es eine junge Frau war. Auf meiner Höhe angelangt, sah sie kurz auf und grüßte mit der Andeutung eines Lächelns. Sie hatte mich bereits überholt, als sie sich nochmals umwandte. Etwas Erstauntes, Fragendes schien jetzt in ihrem Blick zu liegen, das sich jedoch sofort wieder verflüchtigte. Dann setzte sie ihren Weg fort, wobei sie rasch den Abstand zwischen sich und mir vergrößerte. Sie schien so groß wie ich, trug einen kleinen Rucksack, darunter eine Windjacke, ihr Haar offen über den Schultern, robuste Jeans und leichte Sportschuhe aus rauem Leder.

Frauen allein unterwegs bieten noch immer einen eher seltenen Anblick. Wenn sich zufällig zwei von ihnen begegnen, wechseln sie manchmal Blicke wie in geheimem Einvernehmen, seltener Worte. Wer die Einsamkeit aufsucht, hat seine Gründe, allein sein zu wollen. Dasselbe setzt man beim anderen voraus und respektiert es von vorneherein. In ihrem Blick hatte etwas anderes gelegen. Etwas wie Wiedererkennen. Aber woher? Ich war mir sicher, dieser jungen Frau nie begegnet zu sein, dennoch erschien mir etwas an ihr vertraut. Als ich aufsah, war sie bereits hinter der Wegbiegung verschwunden, ihre Schritte verklungen. Zur Rechten erstreckte sich ein Wiesenhang hinauf bis zum Waldrand, dort sah ich ein Reh stehen, das in meine Richtung schaute. Der Ruf eines Eichelhähers schreckte es auf, es wandte sich um und setzte mit großen Sprüngen ins Dickicht hinein. Es musste schon eine Weile dort gestanden und mich beobachtet haben. Aber warum hatte es sich von ihr nicht erschrecken lassen, die doch vor mir her ging? Und warum hatte der Häher nicht vor ihr gewarnt? Ein kühler Luftzug streifte mich.

Ich durchquerte das Wäldchen, beschleunigte, hatte es plötzlich eilig. Mein Herz hämmerte. Ich lief. Die Frau war nirgends zu sehen. Außer Atem erreichte ich schließlich eine Wegkreuzung, an der sich eine Raststelle befand. Hierhin war das fehlende Sonnenlicht zurückgekehrt, schien wie selbstverständlich golden glänzend durch die Bäume. Ich füllte meine Wasserflasche am Brunnen und ließ mich auf eine der hölzernen Bänke fallen. Noch immer jagte mein Puls. Hatte ich geglaubt, mich einholen zu können? Plötzlich stand mir alles klar vor Augen.

Ein ähnlicher Spätsommertag. Fünfundzwanzig  Jahre zuvor. Die junge Frau auf dem Rückweg von einer Wanderung, die sie alleine unternommen hatte. Obwohl – von „allein“ zu sprechen traf es nicht ganz, denn in ihrem Leib hatte sich neues Leben angekündigt, wenngleich ihr das noch nicht anzusehen war. Ihr erstes Kind, auf das sie sich freute. Eigentlich war es ihr zweites, das erste war eine Fehlgeburt gewesen. Dieses würde keine werden, sie war sich sicher. Dieses Kind würde leben. Es sollte ihr einziges bleiben, aber das konnte sie zu dieser Zeit nicht wissen. Sie war guter Dinge. Das Kleine hatte sich eingerichtet und bereitete ihr keine Beschwerden. Im Gegenteil. Sie fühlte sich kräftig, es ging ihr so gut wie nie zuvor – und nie wieder danach, aber auch das wusste sie noch nicht. Ihr Mann war zur Kur gefahren; sie verbrachte viel Zeit allein und hatte begonnen, Gefallen daran zu finden. Sie war zur Burg gewandert, auf dem bekannten Weg, hatte sich zwischendurch geringfügig verlaufen, und war auf einen entlegenen Waldweg geraten. Dort begegnete sie einem Fuchs. Es war der erste Fuchs in freier Wildbahn, den sie in ihrem Leben aus der Nähe zu sehen bekam; sie würde dies nie vergessen. Er hatte plötzlich vor ihr gestanden, wohl genauso erschrocken wie sie selbst. Eine Füchsin, denke ich mir heute – eine Fähe. Mager hatte sie ausgesehen, als wenn sie mehr für ihre Jungen jagte, die sich vermutlich irgendwo in der Nähe versteckt hielten, als für sich selbst. Und als ob sie selten schlief. Das Los aller Mütter. Die Fähe war sekundenlang wie festgewachsen auf der Mitte des Weges stehen geblieben, hatte sie mit aufmerksamen Fuchsaugen angeschaut und sich dann ohne zu große Eile ins Dickicht verzogen. Bildete sie sich ein, dass Traurigkeit in diesem Blick gelegen hatte? Die Gabe, das Leid der Tiere und mit ihm die eigene Verlorenheit zu fühlen, die zum Fluch werden kann. Füchse sind sehr klug, tröstete sie sich. Dieser wird es schaffen! Sie werden ihn nicht vor die Flinte bekommen. Sie mochte Füchse sehr und freute sich, dass es ihr vergönnt gewesen war, einem zu begegnen. Sie war weiter zur Burg gewandert, hatte auf der Terrasse in der Sonne gesessen, auf den Fluss geschaut, der ihr Fluss war, immer schon, und eine Tasse Tee getrunken – keinen Kaffee, den mochte sie während dieser Zeit nicht, das Kind wehrte sich dagegen. Es trinkt bis heute keinen. Nie. Später hatte sie noch einige Zeit im Burggarten gesessen und die Rosen bewundert. Die Sonne war tief gesunken, als sie den Rückweg an der Schattenseite des Berges antrat. Sie war zügig ausgeschritten, hatte sich nicht aufhalten lassen. Alsbald war sie zur Mühle gelangt, hatte deren Hof durchquert und befand sich nun auf dem Weg durch das obere Tal.

Außer der Frau, die vor ihr ging, schien niemand unterwegs zu sein. Diese war ähnlich gekleidet und ausgerüstet wie sie selbst. Sie ging langsam, schien es nicht eilig zu haben. Sie war nicht mehr jung; aus nächster Nähe war es ihr anzusehen. Die junge Frau hatte sie sehr bald eingeholt. Sie warf ihr einen verstohlen neugierigen Seitenblick zu und grüßte etwas verlegen, als die Ältere aufsah und ihre Blicke sich begegneten. Etwas wie Verwunderung las sie in deren Augen. Vertraut schien sie ihr – und doch fremd. Aber es war natürlich unhöflich, jemanden anzustarren. Sie ging rasch weiter. Irgendetwas veranlasste sie, sich nochmals umzudrehen und zurückzuschauen. Sie sah den Blick der anderen auf sich ruhen. Etwas in ihr ahnte dunkel, dass diese etwas wissen könnte, das mit ihr zu tun hatte. Etwas, das wichtig war. Ein kurzer Impuls, stehen zu bleiben, sie anzusprechen, sie einfach zu fragen. Sie zögerte – und ging dann weiter. Sie wagte es nicht. Als sie sich nochmals umdrehte, war die Ältere verschwunden. Wohin mochte sie so schnell abgebogen sein? Der Weg teilte sich auf diesem Abschnitt doch nirgends? Oder hatte sie etwas vergessen und war zurückgegangen? Aber wohin? Woher war sie gekommen? Auf der Burg hatte sie sie nicht gesehen. Nachdenklich setzte die Jüngere ihren Weg fort. Sie gelangte zum Rastplatz, der ruhig in der Abendsonne lag, setzte sich auf eine Bank und schloss die Augen. Sie versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Die Frau, der sie begegnet war, hatte etwas mit ihr zu tun, das fühlte sie. Was immer sie suchte, diese schien den Schlüssel dazu zu besitzen. Warum bin ich an ihr vorbeigegangen, statt einfach ein Stück des Weges neben ihr zu bleiben? Wollte ich es nicht wissen? Fürchtete ich, zurückgewiesen zu werden? „Wo bist Du?“ Sie hatte diese Worte nur mehr geflüstert, dennoch erschrak sie über ihren Klang, es war ihr, als hallten sie von der nahen Schlucht her zurück.

War da ein Ruf? Es ist alles ruhig. Puls und Atemfrequenz – fast – wieder normal. Die Sonne scheint. Zwitschern vereinzelter Vögel. Manchmal knacken Äste. Es sind die Geräusche des Waldes, die mich nie beunruhigen. Stets habe ich in meinem Leben das Gefühl, dass der Wald, sobald ich mich in ihm befinde, einen Mantel um mich breitet. Das Grün der Bäume wirkt ausgelaugt, Zeichen des alternden Sommers. Bald ist Herbst.

© Bettina Johl

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Die Lütte – Eine Kurzgeschichte

von Bettina Johl

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Das Land verschließt sich die ersten Tage, immer, auch bei jährlicher Wiederkehr. Fremd liegen die Hügel, dunkel und verschwiegen die Kiefernwälder, – selbst ihren Duft – Inbegriff des mecklenburgischen Sommers, auf den du dich das Jahr über freutest, wie auf nichts sonst – scheinen sie zurückzuhalten. Jeder Grashalm scheint dich abzuweisen, dir die Frage zu stellen: „Was willst Du hier? Was suchst Du?“ Und du bleibst die Antwort schuldig, stehst ratlos, weißt nur, dass dir die Zeit weglaufen will, – drei Wochen sind verdammt kurz, ja, aber was will ich denn eigentlich hier?

Und es hilft nichts, – erst wenn du aufgehört hast, dir den Zugang mit Macht erkämpfen zu wollen, wenn du aufhörst, alles auf die gewohnte Art an dich reißen zu wollen, wenn du akzeptiert hast, dass diese Natur in ihrer weitgehenden Ursprünglichkeit ohne dich auskommt, sich zu Recht verschließt, dich nicht braucht, – und wenn du die Trauer darüber erneut zulassen kannst, dann erst merkst du, wie sich der Rhythmus zu verändern beginnt – oder bist es du selbst? Du beginnst, unmerklich einzutauchen, mit der Gegend zu verwachsen, wirst ein Teil von ihr, bis du merkst, dass es am Ende der dir hier verbleibenden Zeit für eine schmerzlose Trennung längst wieder einmal zu spät ist.

In flirrender Mittagshitze die schattigen Alleen entlang gehen, barfuß über sandigen Boden, ohne bestimmtes Ziel, einfach nur zu dem Selbstzweck des Unter-Bäumen-entlang-Laufens. Überhaupt: Solche Bäume! Mächtige Riesen, von denen jeder einzelne zuhause locker als Naturdenkmal durchginge. Hier bilden sie lange Tunnels, grün überwölbte Säulengänge, jede Art auf ihre Weise. Lindenalleen, im Sommer dunkel, geheimnisvoll, zugleich Schutz und Schatten gewährend. Höher, imposanter noch die Kastanienalleen, – immer wolltest du auch einmal ihre Blütezeit in dieser Gegend erleben, nie kam es dazu. Eichenalleen, majestätisch erhaben – beinahe unwirklich -, an gotische Kathedralen erinnernd. Gotisch, mit sehr viel Oberlicht, die hohen Eschenalleen, – eintauchen in flirrendes Hellgrün. Heller und unbeschwerter noch die Birkenalleen, trotz hohen Alters der Bäume Jugend und Fröhlichkeit ausstrahlend. Auch Obstbaumalleen fandet ihr hin und wieder: Eine Allee von alten Apfelbäumen entlang einer Nebenstrecke, die ihr oft nahmt, um auf dem Weg zu Freunden abzukürzen. Immer wieder Birnbaumalleen, einmal sogar eine kleine Allee von Pflaumenbäumen, meist an entlegeneren Straßen, auf denen euch auf rumpelndem Kopfsteinpflaster kaum ein Fahrzeug begegnete. Wenn doch, musste eines der Enge wegen auf den sandigen Seitenstreifen ausweichen, Staub wirbelte an trockenen Tagen auf; mit dem Weiterfahren musste gewartet werden, bis die Sicht wieder frei war. Straßen, die ins Nichts zu führen schienen, an deren Ende schließlich aber immer doch noch ein letztes, ein allerletztes Dorf lag, manchmal nur aus fünf Häusern bestehend, wo Scharen frei laufender Hühner und aufgeregt schnatternder Gänse mitten auf dem Weg dich am Vorankommen hinderten, was dich nie störte, solange kein Einheimischer von hinten Hupkonzerte veranstaltete und zu halsbrecherischen Überholmanövern ansetzte. Ende der Welt? Wohl doch nicht, denn auf dem Schild saht ihr die Vorsilbe „Groß-“ dem Ortsnamen vorangestellt; ein weiteres Schild am Ortsende, an einer Straße, die eigentlich nur mehr noch ein Sandweg war, verwies auf den nächsten mit „Klein-“ beginnend, und es bereitete euch gewisses Vergnügen, euch vorzustellen, wie klein dann erst dieser sein mochte.

Wenige, die sich in selbige entlegene Gegend verirrten. Es war gerade die Ruhe fernab der touristisch bereits erschlossenen Orte, die euch anzog. Hin und wieder suchtet ihr natürlich auch die äußerlich attraktiveren Plätze auf, – um hernach stets wieder gern in die Stille dieses zurückgezogenen Landstrichs abzutauchen. Eine Stille – Balsam für euch, für viele der hier Lebenden jedoch – ihr wusstet es, bekamt es in Gesprächen mit – nervenzehrend, Friedhofsruhe bedeutend. Die Ortschaften ähnelten sich: Ein verfallener Gutshof, umstanden von teilweise genutzten Genossenschaftsgebäuden, einige schlichte, kleine Häuser, dazwischen ein, zwei große Plattenwohnbauten. Sandige Wäscheleinenplätze, mehrere Reihen kleiner Doppeltüren-Garagen. Dazwischen ungehindert wachsendes Gras, Königskerzen und halbwild wachsende Stockmalven, hohe Bäume. Nirgendwo die geringsten Symptome zwangsverhaltensartigen Heckenschneidens und Rasenmähens. Idylle in der Unaufgeräumtheit; – an die Hässlichkeit sozialistischer Bauvergangenheit und der dem Verfall preisgegebenen Häuser aus Zeiten davor gewöhntet ihr euch, – auch Ruinen lässt sich mancher Charme abgewinnen -, freutet euch an der Natur, die hier überall dazwischen Raum fand, – nahezu grenzenlosen Raum.

So auch das Dorf, in dem ihr des Öfteren bei einer Freundin zu der einen oder anderen Tasse Kaffee Station machtet. Sie besaß ein Grundstück unmittelbar gegenüber dem  Plattenbau gelegen, in dem sie wohnte; dazwischen eine Durchgangsstraße mit weißem Mittelstreifen, auf der es sich niemand einfallen ließ, auf etwaige Geschwindigkeitsbeschränkungen zu achten. Kein Überweg. Überqueren ein tägliches Abenteuer, wenn nicht ein Alptraum. Sie bewirtschaftete auf dem jenseitigen Grundstück Stall und Garten, während sie, nachdem ihr Mann nicht lange nach der politischen Wende plötzlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, das neu gebaute Haus darauf vollständig der Tochter überlassen hatte. Auf dem Hof tummelte sich stets eine Vielzahl an Tieren, nebst Hühnern, Tauben und einem betagten Pony, einige Hunde und Katzen, die sie zum Teil verletzt auf jener Straße aufgesammelt und unter Einsatz ihrer Liebe und ihrer Ersparnisse, die für die teuren Tierkliniken draufgingen, aufgepäppelt hatte. Das Ganze hatte bei allem eine tragische Komik, und einen ihrer berühmten Sätze: „Die Katze war halb tot! Mindestens!“ zitiert ihr bis heute immer wieder gern; er wurde gewissermaßen zum Running Gag. Jene Katze, von der er handelte, war eine vielbewunderte Schönheit, dreifarbig – Glückskatze! -, mit glänzendem Fell, die noch ein recht langes Leben haben sollte. Ihre schlimme Vorgeschichte war ihr fast nicht anzusehen, außer, dass sie in der Bewegung etwas trudelte, ihre Hinterbeine beim Gehen ein wenig in eine andere Richtung steuerten. Dies schien sie jedoch kaum zu stören; sie schaffte es sogar, ohne Hilfe auf die Fensterbank zu springen. Sie teilte die Wohnung und den Platz im Herzen ihrer Retterin mit einem kleinen, ebenfalls einst zugelaufenen Hund unbekannter Rasse, der sich stets buchstäblich vor Freude überschlug, wenn er euch nach einem Jahr wiedersah, keinem von euch mehr von der Seite weichen wollte und euch häufig bei euren Streifzügen begleitete, auch zum Baden an einem versteckt gelegenen See, an den man gelangte, wenn man ein kleines Kiefernwaldstück durchquerte.

Es gibt in der Gegend ungezählte Seen; auch sie liegen still und unaufdringlich, man nimmt erst nach und nach wahr, wie viele ihrer sind. Diesen mochtet ihr besonders; er wurde fast nur von Kindern aus dem Ort und aus einem nahegelegenen Ferienlager für Stadtkinder aus Berlin aufgesucht. Jene bildeten eine fröhliche, angenehme Gesellschaft, und sowie sie zur nächsten Unternehmung aufbrachen, hattet ihr die Wiese und Steg wieder für euch, konntet am Ufer im klaren, seichten Wasser die kleinen, transparent schimmernden Fische beobachten, die sich, sobald Ruhe eingekehrt war, wieder aus dem Schilf wagten.  Die Wassertiefe war so beschaffen, dass man in Ufernähe überall stehen konnte, und nahm bis fast zur Mitte des Sees auch nicht weiter zu, so dass sich selbst diejenigen hinein trauten, die offenen Gewässern größten Respekt entgegenbrachten. Es gab ein kleines Strandcafé, in einer winzigen Hütte mit nur zwei Tischen auf der engen Holzterrasse, die jedoch selten belegt waren. Dort gab es stets Getränke, Eis und guten Kaffee, – was wolltet ihr mehr?

Manchmal kehrtet ihr auf dem Rückweg im einzigen Gasthof des Ortes ein, der gleich am Wald lag, wo eine kleine, stillgelegte Bahnstrecke verlief. Das Gebäude mochte früher zum Bahnhof gehört haben, als dieser noch in Betrieb war. Der Pächter schien das Restaurant, das vermutlich zuvor längere Zeit leer stand, noch nicht allzu lange zu betreiben; die Einrichtung wirkte neu. Tatsächlich fanden sich hier zuweilen einige Feriengäste ein. Das hiesige ehemalige Gutshaus war frisch renoviert und beherbergte Ferienwohnungen, welche zur Saison recht gut besucht waren, oft genutzt von Familien, die in Begleitung ihrer Hunde Urlaub machten. In dieser Gegend waren Haustiere noch willkommen. Eure Freundin allerdings geriet zuweilen an den Rand einer Krise, da ihr kleiner, vierbeiniger Schützling – sein Name war Rudi! -, so sanft er sonst war, die Macke hatte, mit jedem hinzukommenden Rüden unverzüglich Streit anzufangen, und zwar ohne sich um desselben Größe und eventuelle körperliche Überlegenheit zu scheren. Restaurantbesuche fielen demzufolge immer ähnlich aus: Ängstliches Umsehen bereits in der Tür, – ist da ein Hund – nein? – gut! Wenn ja – Hund oder Hündin? Hündin? Alles okay! Hund? „Nee, ich glaube, wir drehen noch eine Runde und kommen später wieder!“  War diese Hürde überwunden, der kleine Raufbold an kurzer Leine unterm Tisch verstaut, konnte sich die einstweilen entspannte Situation jederzeit ändern, sobald eine neue Familie das Lokal betrat. Argwöhnisches Beäugen. Hund dabei? – Nein. Erleichtertes Aufatmen. – Ja! – Hund oder Hündin? – Hündin? Okay. – Hund? „Ich muss hier raus!“ Sie traue sich, erzählte sie, ohnehin kaum noch, mit ihm Gassi zu gehen, da draußen sehr viele unangeleinte Tiere von Kampfhundeformat herumliefen, manchmal ohne Begleitung, und wenn in Begleitung, dann sähen die Zweibeiner oft noch weniger vertrauenerweckend aus. Die meisten seien wohl ganz harmlos, aber wer könne das wissen? – „Die fühlen sich stark, weil alles Angst vor ihnen hat, und – wie gesagt, mein Hund fängt mit den größten Tölen Streit an. Neulich blieb mir fast das Herz stehen, – saß da so ein Typ – Glatze, Springerstiefel, Tattoo – was sonst? – mit einem Riesen-Pitbull auf der Stufe mitten in der Haustür. Ich kam vom Hof drüben zurück und hatte die Katze dabei, weil sie nicht gern allein oben bleibt; da saß er da und versperrte mir den Weg. Was tun? Ich hatte keine Wahl. Ich sagte zu ihm: ‚Halten Sie bitte den Hund fest, ich muss mit der Katze hier durch.‘ Glotzt er mich blöde an, grinst und sagt: ‚Na klar, die macht meiner hier sonst mit einem Happs alle!‘ – Wisst ihr, was ich dem gesagt habe? Hey, ich hatte so eine Wut! ‚Ja, das werden wir sehen, – dann mach ich SIE alle!‘, hab ich zu ihm gesagt, ja, wirklich, – ihr lacht! Wenn ihr wüsstet, was ich für eine Angst hatte! Aber wütend war ich noch mehr. Und der? Glotzte noch blöder! Ich sagte: ‚Ja, Sie haben vollkommen richtig gehört. SIE mach ich dann alle! Nicht Ihren Hund, – der Hund kann nix dafür! Tiere können nie was dafür. Ihr Hund ist ganz in Ordnung, was wetten wir? Ich mag Hunde, ich hab selbst welche, und die kommen auch mit Katzen klar. Die Verantwortung hat immer der Mensch! Ich sage Ihnen: Sorgen Sie gut für ihn, Sie tragen die Verantwortung! Schauen Sie: Sie sitzen hier mit dem Tier ewig in der prallen Sonne auf der Treppe herum. Der Hund hechelt! Hat er die letzten Stunden mal Wasser bekommen? Natürlich nicht, – was frage ich! Lassen Sie mich durch und bleiben Sie hier!  Ich bring die Katze hoch und hol ihm Wasser.‘ – Stellt Euch vor“, sagte sie, schwankend zwischen Schaudern und Lachen, „der sagte wirklich keinen Ton und hielt den Hund am Halsband fest. Ich ging nach oben, hab erst mal die Katze abgesetzt, die nur noch aus gesträubtem Fell bestand, hab Wasser in eine Schale rein und mich gefragt, ob er wirklich warten würde. Ich kam runter, und er war noch da. Sein Hund hat die Schüssel – kaum hingestellt – in ein paar Sekunden leergetrunken. – ‚Sehen Sie, wie der Hund Durst hat‘, hab ich gesagt, ’nächstes Mal, wenn Sie wieder so lange hier sind, klingeln Sie, und ich bring ihm Wasser, verstanden? Dabei vergeben Sie sich nix! Und ich sag’s Ihnen nochmal: Sorgen Sie mir gut für das Tier! Sonst gibt das Ärger!‘ – Ich weiß nicht, ob er sich’s gemerkt hat, jedenfalls grüßt er jetzt neuerdings, wenn er da unten mit dem Hund rumläuft und mich sieht.“ – Ihr hattet euch gekugelt vor Vergnügen bei der Vorstellung, wie eure Freundin, ein eher grundängstlicher Mensch, ihren letzten Mut zusammenraffte und diesem Typen die Meinung geigte. Es war ihr jedoch durchaus zuzutrauen; sie wurde ohne Weiteres zur Löwin, wenn es um die Tiere ging.

An diesem Abend dämmerte es draußen bereits, – der Spätsommer ließ die schnell kürzer werdenden Tage erahnen -, das Restaurant hatte sich geleert. An den Tischen wart ihr die einzigen Gäste, nur am Tresen saßen noch zwei jüngere Männer. Es schien sich um Einheimische zu handeln, die öfters hier verkehrten; sie duzten die Kellnerin, ließen sich ein Bier nach dem anderen bringen und sprachen sonst wenig. Ihrer Gestik und Mimik ließ sich jene Mischung aus Erschöpfung und Resignation ablesen, die du während jener Sommeraufenthalte oft bei Menschen dieses Landstrichs beobachtet hattest.  Der eine von ihnen blickte die meiste Zeit stumm vor sich hin, während der andere zwischendurch kurze Worte mit der Kellnerin wechselte. Immerhin: Dass die beiden ihr Bier am Tresen tranken, ließ darauf schließen, dass sie  Arbeit hatten, – längst nichts Selbstverständliches in dieser Gegend. Mehrmals saht ihr im Laufe eines Abends Menschen, deren Aufzug nicht darauf deuten ließ, dass sie in Lohn und Brot standen, hereinkommen, um am Tresen Geld für den Zigarettenautomaten zu wechseln und wieder gingen, sich noch in der Tür mit zitternden Händen die Zigarette anzündend, am Arm Discountertüten, an deren Ausbuchtungen sich deutlich die Form der darin befindlichen Bierdosen abzeichnete.

Zwei Frauen betraten den Gastraum, eine schon älter, die andere sehr jung, im Gesicht allerdings deutliche Spuren zu frühen Alterns. Sie wirkten beide nachlässig frisiert, steckten in unförmigen Trainingshosen und Kapuzenshirts, die farblich nicht zueinander passten, und waren in Begleitung eines winzig kleinen Mädchens in einem schmutziggrauen, sackförmigen Hängerkleidchen, von dem schwer zu sagen war, ob es sich angesichts der Uhrzeit hierbei bereits um ein Nachthemd oder noch um Tagesoutfit handelte. Die beiden Männer am Tresen grüßten sie kurz – offenbar kannten sie sich, wechselten jedoch nur wenige Worte. Die Kleine wirkte seltsam unbeteiligt, tapste unbeholfen herum, streichelte den Hund beiläufig und wurde von den Frauen, die mit dem Wechseln von Geld und dem Bedienen des Zigarettenautomaten beansprucht waren, nicht weiter beachtet. „Magst ’nen Lolli haben?“ fragte die Kellnerin. Die Kleine sah sie verunsichert an, nickte dann. Der Automat schien zu streiken, die Frauen wurden hektisch, die Kellnerin musste zur Hilfe kommen. Eine längere Prozedur. Das Mädchen lutschte einstweilen gedankenverloren an ihrem Lolli, der rötliche Farbspuren auf Gesicht und Kleid hinterließ und beobachtete den Hund. Schließlich schienen die technischen Probleme behoben, die jüngere Frau riss ihre Zigarettenschachtel auf, kaum dass sie diese in der Hand hielt und wandte sich an den einen der beiden Burschen. „Haste mal Feuer?“ – „Klar, hier!“ – Er ließ sein Feuerzeug aufflammen. Die Frau nickte ihm kurz zu und wandte sich zum Gehen. – „Hey, vergesst die Lütte nicht!“ rief er den beiden hinterher. Die Ältere war bereits durch die Tür. Die Jüngere drehte kaum den Kopf:  „Kathy, komm!“ Es klang gleichgültig. Von der Kleinen war nichts zu sehen. „Wo ist sie überhaupt? Ist sie mal wieder hinten raus? – Ach nee, da unterm Tisch! Was machst ’n da wieder? Ach so, der Hund, – alles klar!“ Sie seufzte. „Immer mit den Hunden… Nun komm, lass den Hund, wir gehen!“ Sie verließ den Raum. Die Kleine reagierte nicht. Der junge Mann wandte sich ihr zu: „Na, komm, Kleine, du musst schon mitgehen; hier kannste ja nicht bleiben!“ Von draußen rief es zum zweiten Mal: „Kathy, komm, – lass den Hund!“ – „Kommst ja wieder!“, meinte der Bursche aufmunternd. Das Mädchen sah ihn an und lief zögernd hinaus. „Nun sieh dir das an!“ rief er, als sie verschwunden waren, „Echt, ich fass es nicht!“ – „Was ’n los?“ brummte sein Kumpel. „Die Lütte! Haste gesehen, wie der die rumlaufen lässt? Ey, ich fass es nicht, – wie kann der die Lütte so rumlaufen lassen! Ist nicht mal imstande, seine Tochter ordentlich anzuziehen, der Drecksack!“ – „Wen meinste denn?“ fragte der andere irritiert, der nichts begriff.  „Na, die Lütte – die Kleine eben -, das ist doch dem Fiete seine! Wie der die rumlaufen lässt! Würdest du Deine Tochter in so ’nem Aufzug rumrennen lassen?“ Der andere zuckte mit den Schultern. Die Aufregung seines Kumpanen blieb ihm unverständlich. „Dass der sich nicht schämt! MEINE Tochter würde SO NICHT rumlaufen, das kann ich dir flüstern, und wenn ich mir die Butter vom Brot kratzen müsste, aber DIE bekäme was Gescheites anzuziehen! Saufen, das kann er! Und seine Tochter läuft in den letzten Fetzen rum! – Hey, Jule, sei so gut, mach mir noch ´n Pils! – Ey, ich fass es nicht, – nee! – die Lütte so rumlaufen lassen…“ Er schaute zu euch herüber: „Stimmt doch, oder nicht? Ihr seid nicht von hier, oder?“ Ihr schütteltet die Köpfe. „Woher?“ Du machtest eine unbestimmte Bewegung. „Südwesten.“ Froh, darüber, das sagen zu können. „Westen“ allein hätte komisch geklungen; das sagte längst keiner mehr. Orte nennen jedoch war meist zwecklos. Sie sagten hier keinem etwas. Ihm schon. – „Kenn ich,“ – sagt er, „war ich schon ganz in der Nähe auf Montage. Ist ’ne Weile her. Hatte eigentlich Glück; Arbeit hatte ich immer…“ Er schnaubt verächtlich. „Glück, ja, – was heißt Glück?! War halt immer unterwegs auf Montage. Als ich dann eines Tages heimkam, fand ich meine Freundin mit meinem besten Kumpel im Bett, das war’s dann. So war das. Dumm gelaufen. Wenigstens keine Kinder. – Aber der Fiete! Da hat er nun die Tochter und lässt sie so ‚rumlaufen!“ Er schüttelte den Kopf, schaute wieder vor sich hin. Vor der Tür regte sich Tumult. Die beiden Frauen waren nochmals zurückgekommen, schienen in Aufregung.  „Hey, habt ihr der Kleinen ihren Schuh gesehen?“ Zwischen ihnen stand das Mädchen, am abgekauten Stiel ihres Lolli knabbernd. Einer seiner Füße steckte in einer Sandalette, den anderen zog es bloß hinter sich her.  „Oh nee, – ihr seid ja schon wieder da! Was? Den Schuh verloren? Nee, wirklich!“ Der Bursche begab sich auf seufzend alle Viere und zog schließlich eine Sandalette unter dem Tisch hervor. „Da haben wir ihn ja, – hier ist das flotte Teil!“ Er warf sie der Mutter zu. „Bei DER Kostümierung hätt‘ ich meinen Schuh allerdings auch weggeworfen! Sag Deinem Alten ’nen Gruß von mir: Er soll weniger saufen und seiner Tochter lieber anständige Sachen kaufen! Die Lütte so rumlaufen lassen, – nee!“ Die Frau machte nur eine wegwerfende Handbewegung. „Kathy komm, lass den Hund, – willste noch den andern Schuh verlieren? Jetzt ab nach Hause, komm!“ -„Ja, so kann man das auch nennen! DAS Zuhause, das stell ich mir lieber nicht vor!“ knurrte er vor sich hin. „Die Lütte so rumlaufen lassen, – nee!“ Er setzte sich, noch immer kopfschüttelnd, wieder an den Tresen.

Die drei schienen endgültig von dannen gezogen. Auch wir waren bereit zum Aufbruch. „Dann macht’s mal gut“, sagte er zu uns. „Kommt ihr noch mal, habt ihr noch paar Tage?“ – „Wir müssen morgen zurück.“ – „Schade. Grüßt mir den Süden! Es war ganz nett dort. Vielleicht verschlägt ’s mich ja mal wieder hin.“ Wir verabschiedeten uns. Am Parkplatz standen die beiden Frauen und rauchten. Sie sprachen kein Wort. Von der Kleinen war nichts mehr zu sehen.

Copyright Bettina Johl

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Im Frühsommer

Buchfink

Image by karsten.planz via Flickr

Juni

Mein Freund, der Buchfink
Drüben auf dem Holzstapel
Schmettert sein Lied
In den Abendwind
Gleich wie er es tat
In der Morgendämmerung

Sein Lied
Ist Anbetung
Ist Leidenschaft
Eine Liebeserklärung an den Tag
Seiner Schattenseiten
Ungeachtet

Ein Gedicht, das ich in sehr jungen Jahren niederschrieb, mit der gewissen Holprigkeit von Gedichten, die heranwachsende Menschen zu schreiben pflegen, – eines, dem ich – dem Zeitpunkt dieser Momentaufnahme entsprechend – den schlichten Titel „Juni“ verlieh. Es war eines der wenigen, die allen wütenden Vernichtungsaktionen, denen vieles damals zu Papier gebrachte stets wenig später zum Opfer fiel, – übrigens, ohne dass ich im Rückblick darüber Reue empfinde -, standhalten konnten, weil es mir im Gedächtnis haften geblieben ist.

Juni, – das war ein Monat, den ich mochte, – ein ehrlicher Monat, in dem sich die überladene Süßlichkeit des vorausgehenden Mai allmählich verzog, auflöste und in einen schlichteren Frühsommer überzugehen versprach, mit dem ich bei weitem mehr anfangen konnte.

Der kleine Vogel mit seiner ganzen Hingabe an seinen Gesang muss bei mir bereits damals einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Kaum dass ich ansonsten in jenen Tagen mehr als einen Sperling von einer Amsel zu unterscheiden vermochte. Außer der Bewunderung für die Fähigkeit, sich ungehindert in der dritten Dimension bewegen zu können, blieb mir in dieser Lebensphase die Vogelwelt eher fremd, waren mir ihre Vertreter im wahrsten Sinne zu flüchtig, war ich mehr den vierbeinigen Wesen wie Pferden und Katzen zugeneigt, in deren Fell man sein Gesicht vergraben konnte, wenn die Welt ein weiteres Mal wieder nicht zu ertragen war.

Der Buchfink mit seinem anmutigen Charme jedoch hatte es irgendwie geschafft, sich in mein Herz zu stehlen, – er, der wenig Scheue -, der es auch in späteren Jahren verstand, sich immer wieder unvermittelt  am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu zeigen, – manchmal schicksalhaft, manchmal nur als erfreuliche Zufallsbegegnung, den Weg kreuzend während einer Wanderung, oder – Ferienerinnerung! – beim frechen Kuchenkrümel-vom-Tisch-stibitzen unterm Leuchtturm einer Ostseeinsel.

War es sein Name, der mich ihm eine besondere Weisheit andichten ließ? Immerhin lässt dieser ja seinem Klang nach geradezu auf einen belesenen Vogel schließen, wider das bessere Wissen, dass man ihn natürlich nicht nach dem bedruckten Buch benannte, sondern vielmehr nach der Buche, die wiederum  dem Buch den Namen verliehen haben soll, – dem Baum, dessen Früchte ihm als Zugehörigen der Finkenfamilie – neben anderen Sämereien und Früchten – zur Nahrung dienen.

Dies jedoch nimmt ihm nichts. Ich mag die Buche, die vielerorts Mutter des Waldes genannt wird, ihren geraden, hohen Wuchs, – stattlich mit zunehmendem Alter, lehne mich gern an ihren kraftvollen Stamm und fühle ihre sonnenwarme, glatte Rinde, – es hat etwas Aufbauendes , Tröstendes , etwas,  wozu die Unverdrossenheit des kleinen Vogels, den sie nebenbei nährt, gut passt.

Oft habe ich seine Schönheit bewundert. Sein Gefieder ist farbenprächtig, aber nicht schreiend bunt, vielmehr  in harmonischen Tönen und Nuancen auf seine bevorzugte Umgebung abgestimmt. Das der Weibchen ist ganz ähnlich, – etwas schlichter, aber unverwechselbar. Letztere fielen mir stets durch ihr selbstbewusstes Gebaren auf, – sie stehen gar im Ruf, zuweilen im Winter fortzuziehen, die Männchen vor Ort zurücklassend, – Auszeit, Urlaub allein, ganz unter Frauen! -, um hernach ihre Partnerschaft in einer selbst gewählten Beziehung mit gleichberechtigter Aufgabenverteilung fortzusetzen. Allen Respekt!

Im Garten meiner Eltern sind die Bäume inzwischen hoch gewachsen. Mein Freund, der Buchfink – natürlich ist es nicht mehr derselbe wie einst – ist nicht mehr auf den Holzstapel als Singwarte angewiesen; ich höre ihn auf dem Wipfel einer hohen Fichte, während ich dies schreibe. Viele Vogelarten suchen den Garten auf, sind mir liebe Freunde: Das Rotkehlchen mit seinem perlenden Gesang, die Kohlmeisen, welche schon einmal neugierig ins Fenster geflogen kommen, die kleineren, lebhaften Blaumeisen – geschickte Akrobaten auf dünnsten Zweigen -, streitlustige Grünlinge mit durchdringenden Rufen, die farbenfroh leuchtenden Stieglitze in ganzen Schwärmen auf der Durchreise, prächtige Bergfinken als Wintergäste, beinahe handzahme Amseln. Dann die Haussperlinge – zeternde Raufbolde im Efeu an der Hauswand -, der Jahr für Jahr unter dem Dach nistende Hausrotschwanz, der pfiffige, kopfunter an den Gehölzen hängende Kleiber, der sich von den bereitgestellten Sonnenblumenkernen immer so viele mitnimmt, wie irgend in seinen langen Schnabel passen, der Buntspecht, der wohl auf der gegenüberliegenden Streuobstwiese seine Nisthöhle hat. Man erzählte mir von einer Begebenheit, die ich nicht selbst beobachten konnte: Einer der jungen Buntspechte – noch mit der roten Punkfrisur des Jungvogels -, habe Nüsse vom Haselstrauch in die Rindenspalten des benachbarten Fliederbusches gesteckt, um sie auf diese Weise zu knacken. Er muss einen lustigen Anblick geboten haben, wie er emsig hämmerte, während unter dieser Spechtschmiede, wie es die Fachleute nennen, zu denen ich nicht gehöre, kleine, erst wenige Tage flügge Kohlmeisen aufgeregt herum hüpften, in der Erwartung ihres dabei zu Boden fallenden Anteils. Mein Buchfink hingegen hält sich eher im Hintergrund. Falls sich sein Nest in der Nähe befindet, so zeigt er es nicht. Nur sein Gesang ist stets zu hören.

Auch an anderen Orten findet er sich schnell in nächster Nähe ein, – es scheint unter seiner Art eine geheime Absprache zu geben, die ich nur vage durchschaue. Einmal, als du, mein Freund, mich während eines Kuraufenthaltes besuchtest, saß er bei einem Spaziergang vor uns auf dem Weg, ohne wegzufliegen, bis wir uns auf weniges genähert hatten. Du machtest einen raschen Schritt auf ihn zu, und ich versuchte, dich daran zu hindern, – rief – zu spät: Verjag ihn nicht! – Du wolltest jedoch nur feststellen, ob er vielleicht eine Verletzung hatte und womöglich nicht mehr fliegen konnte. Er flog erschrocken auf. Du konntest nicht wissen, dass er zu mir gehörte, in meiner Nähe sein musste. Mein Erschrecken war tiefer, anhaltender, ich fühlte mich verlassen und nahm es als kein gutes Omen, konnte die Traurigkeit, die sich in mir ausbreitete, nicht mehr so leicht loswerden, – es folgten beschwerliche Zeiten. Irgendwann jedoch war er wieder da, ein anderer – gewiss! – und doch schien es stets derselbe zu sein.

Auf seiner Belesenheit jedoch bestehe ich, – zu oft erschien er in der Nähe meines Dichters, und dies oft in entscheidenden Augenblicken, wenn ich – einmal wieder in Krisenstimmung, eigene Projekte in Frage stellend, abergläubisch auf ein Zeichen hoffend – jenen aufgesucht hatte. Wie es einmal so ist, werden eindeutige Zeichen stets auf sich warten lassen – oder wir übersehen diese; es liegt an uns selbst, was wir als ein solches Zeichen ansehen wollen, wie wir es für uns deuten – und was wir letztlich daraus machen. Der Dichter jedenfalls würde sich unterstehen, mir von seinem Bronzerelief herunter verschwörerisch zuzublinzeln oder ähnliches, – so viel stand fest, – ich war ohne überzogene Erwartungen zu ihm gekommen. In der Nähe befand sich ein Biergarten, den wir – Mutter und Sohn – besucht hatten, um uns eine Live-Leinwandübertragung eines Fußball-WM -Spieles – welches wir übrigens verloren – anzuschauen, und ich hatte das Areal klammheimlich für kurze Zeit verlassen, weil Dinge anderer Art mich umtrieben.

Mein Freund, der Buchfink, war vor mir an Ort und Stelle, saß im Schein der untergehenden Sonne nahe dem Relief des Dichters auf einem vorspringenden Ast – und sang aus Leibeskräften. Als ich mich näherte, hüpfte er noch ein Stück vor, saß einen Augenblick still, während ich den Atem anhielt, sah mich eine Zeitlang an – und flog auf. Stille umgab mich. Der Blick des Dichters blieb wie gewohnt in sich versunken in die Ferne gerichtet. Dennoch schien er zu sagen: Auf welches weitere Zeichen wartest du? Noch dazu, nachdem es von Anfang an nie Zweifel darüber gab, wie du dich entscheiden würdest? – Ich zögere einen Augenblick lang. Er – und mein Buchfink – hatten wie immer Recht. Ich murmelte meinen Dank, mich indessen verstohlen umsehend, ob es nicht etwa jemand mitbekommen haben könnte, – keine Gefahr, wer verirrt sich um diese Zeit zu den Dichtern, während die WM läuft? – und kehrte zum bunten Treiben des Gartenlokals zurück.

Im darauf folgenden Frühjahr besuche ich das Grab des Dichters an dem Ort, wo dieser bis zu seinem Tod die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte, – in geistiger Umnachtung, sagen viele. Wir wissen es anders. Und wieder – ich verwundere mich noch nicht einmal sehr – ist der kleine Vogel vor Ort, tummelt sich fröhlich in den Zweigen der Bäume, fliegt herunter, hüpft durchs Gras, bis er sich schließlich auf den Grabstein setzt, auf dem außer Blumen auch – wohl nach jüdischer Sitte – Steine abgelegt sind, und dort laut schmetternd  sein Lied singt. Ich versuche ihn zu fotografieren, – er entwischt mir natürlich. Es gibt Momente, die sich nicht mit technischen Mitteln einfangen lassen.

Er bleibt in der Nähe, sieht mich herausfordernd an, turnt durch die Zweige, spielt den Clown. Na, na, – necke ich ihn, wie verträgt sich dies mit der Friedhofsordnung, – du weißt doch: der Würde des Ortes angemessen… Er legt sein Köpfchen schief, – es fällt nicht schwer, sich einzubilden, als frage er zurück: Kennst du jemanden, der sich der Würde dieses Ortes und unseres Dichters angemessener verhält als ich? – Nein, – gebe ich zu, – wahrhaftig nicht! – Aber, – wie kommt es eigentlich, – frage ich leise, während er wieder zu einem etwas höher gelegenen Zweig flattert, – dass ich dich stets zuverlässig an diesen Orten antreffe? – Warum fragst du, – glaube ich meinen Freund von oben zu hören, – du weißt es doch längst? Mein Name ist nun mal – Buchfink…

© Bettina Johl

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Weißer Hahnenfuß – Eine Kurzgeschichte

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Ein inneres Bild hatte uns hergeführt. Eine Erinnerung, verschwommen, in Blau, Gelb und Weiß: Eine Wiese voller Vergissmeinnicht, Sumpfdotterblumen – und weißem Hahnenfuß, von dem wir eine lange Zeit gar nicht wussten, dass es ihn gibt.

Vieles wissen wir nicht mehr – aus jenen früheren Tagen, als es auf Wiesen noch mehr Blumen geben durfte, als diese noch nicht völlig überdüngt waren, bis nur noch Löwenzahn auf ihnen gedeihen konnte. Was wir lange genug nicht mehr zu Gesicht  bekommen haben, hören wir offenbar irgendwann auf zu vermissen. Nur manchmal stolpern wir noch unvermittelt über letzte Refugien, stehen dann staunend vor Wiesenstreifen – schmal meist nur – von leuchtend tiefblauem Salbei, manchmal sich abwechselnd mit dem Zitronengelb des Klappertopfs, den ebenfalls fast niemand mehr kennt, – oder  filigranen Kuckuckslichtnelken, die früher ganze Auen in einen rosa Teppich zu verwandeln vermochten – oder vor dem Traumbild eines wogenden Getreidefelds mit Kamille, Mohn und Kornblume. Hatten wir sie tatsächlich vergessen, den schleichenden Verlust an Farbe in der Landschaft nicht wahrgenommen? Und wundern uns wahrhaftig, dass an solchen Plätzen auch die Schmetterlinge wieder zurück sind; Falter, die wir mitunter nicht mehr benennen können, weil wir sie aus den Augen verloren hatten, sowie viele farbenprächtige Insektenarten, deren Namen wir längst auch nicht mehr wissen.

Ich habe mir angewöhnt, mir diese seltenen Stellen einzuprägen, und diese fand ich wieder, – fand sie genauso vor, wie ich sie in Erinnerung behalten hatte. Die Jahreszeit stimmte. Es führt ein Weg dorthin, aufwärts, entlang des Oberlaufs eines Gebirgsflusses, der hier – von seiner unterhalb des Höhenrückens gelegenen Quelle kommend – über ein beeindruckendes Gefälle von rotem Gestein, welches vom vulkanischen Ursprung der Gegend zeugt, seine weitere Reise ins Tal hinunter nimmt. Ein Weg, der – neben der Faszination des Wassers – interessante geologische Besonderheiten aufweist und so trotz seiner beträchtlichen Steigungen recht kurzweilig zu gehen ist. Der Platz, der sich mir ins Gedächtnis eingegraben hatte, liegt noch nicht weit vom Eingang des Hochtals an einer Biegung des Wasserlaufs, bevor die Schlucht sich zu verengen und der Weg anzusteigen beginnt. Jene Kehre hatte auf einem Stück ebenen Untergrunds eine Feuchtwiese entstehen lassen. Der Platz bietet eine gute Gelegenheit zu einer Rast; entsprechend hatte man ihn mit einer Schutzhütte und mehreren freistehenden Bänken sowie einem eingefassten Brunnen ausgestaltet.

Wir fanden alles so vor, wie ich es von meinem ersten Besuch in Erinnerung hatte: Der weiße Hahnenfuß, in der Mittagssonne flimmernd im fast unwirklichen Dunkelgrün des Grases, welches stets auf nassen Untergrund schließen lässt, jenes wiederum zum Ufer des Bachs hin vermehrt mit leuchtenden Tupfen vom Gelb der Sumpfdotterblumen durchzogen, während das unaufdringliche Blau der Vergissmeinnicht erst auf den zweiten Blick sichtbar wurde, wenn die Augen sich allmählich an die Sonnenlichtreflexe gewöhnt hatten.

Ich war glücklich, der Freundin diesen seltenen Winkel zeigen zu können, und wir mussten ihn nur mit wenigen Menschen teilen. Zwar war es einer jener kaum Ruhe verheißenden Feiertage im Frühling, die das Wandern geradezu im Kalender vorschreiben, – mit all den unsäglichen Begegnungen und grauenvollen Anblicken, die solches mit sich zu bringen pflegt: Eltern mit krampfhaft Fröhlichkeit vorschützenden Mienen, mäkelnde Kleinkinder und maulende Teenager hinter sich her zerrend, im vergeblichen Versuch, diese mit der Aussicht auf ein späteres Eis zum Durchhalten zu motivieren. Was schiefgehen muss, denn Stadtkinder, die einmal im Jahr zum Wandern hinaus gejagt werden, mit der Begründung, dass am Kalenderersten des Wonnemonats nun mal gewandert werden müsse, – und jetzt zieht mal nicht so ein Gesicht, mehr Fröhlichkeit bitte! – sind nun mal so gar nicht zu begeistern und schaffen erst recht keinen Gewaltmarsch, sind sie doch oft weniger trainiert als ihre Eltern, die schon eher mal der Sorge um die Figur willen das Fitness-Studio aufsuchen, während die Rasselbande inzwischen zuhause vor der Spielkonsole sturmfrei feiert.

Von all dem blieben wir glücklicherweise weitgehend verschont, was daran liegen mochte, dass der Weg einfach zu steil war und – der schlechten Anfahrbarkeit mit motorisierten Fahrzeugen wegen – fernab all jener bierseligen Waldfeste lag, die normalerweise Ziel solcher Art Familientrips zu sein pflegen, auf denen es schließlich gilt, neben dem Nachwuchs auch die Rucksack schleppenden Väter bei Laune zu halten.

Die einzige Familie, die außer uns den Rastplatz belagerte, war hingegen sportlich mit mehrgängigen Mountainbikes ausgerüstet. Entschlossen, den Berg mithilfe ihrer Räder zu bezwingen, strotzten sie geradezu vor Durchtrainiertheit; die Gruppe bestand aus mehreren Erwachsenen und einem kleinen Mädchen von eher zarter Statur. Wie alt mochte sie sein, etwa zehn Jahre? Alle Achtung, wenn sie diese Steigung bewältigen konnte! Die Erwachsenen nahmen ihr Picknick halb auf den Fahrradsätteln sitzend ein, in Gedanken wohl mehr oder weniger schon oben, am Ziel, wie es ihrer Unterhaltung zu entnehmen war.

Wir rasteten auf Holzbänken etwas abseits der Hütte, wo unterhalb des Brunnens einige kleine Teiche angelegt waren, und genossen die Blütenpracht und die weitreichende Stille, die über dem Platz lag.  In der Nähe turnte das von den Gesprächen der Erwachsenen sichtlich gelangweilte kleine Mädchen unlustig an den Geräten eines Spielplatzes herum, bis es sich schließlich darauf verlegte, auf dem Brunnenrand entlang zu balancieren, – Anlass für die Mutter, ihren Redefluss zu unterbrechen: „Julia, pass auf – werde nicht nass – fall nicht rein!“

Inzwischen war die Aufmerksamkeit des Kindes auf den nächstgelegenen Teich gefallen, und es hatte sich an dessen Ufer gesetzt. „Da sind Kaulquappen!“ rief es begeistert aus. Von der anderen Seite ertönte: „Julia, steh auf! Du machst dir die Hose dreckig!“

Das Kind schöpft Wasser in der hohlen Hand, fängt dabei vorsichtig eines der Tierchen und trägt es zu den Erwachsenen hinüber. „Schaut doch mal!“ Der Vater reagiert nicht. Kommentar der Mutter: „Uuh! Tu’s wieder ‚rein! Schnell!“ Das Mädchen macht ein enttäuschtes Gesicht und trägt die Kaulquappe zurück.

Der Teich beginnt uns nun auch zu interessieren. Wir gehen hin. Schauen. Staunen, fasziniert vom Leben, das er in sich birgt. „Hier sind noch größere, – sind die schön!“ ruft das Kind, welches inzwischen das gegenüberliegende Ufer erkundet. Eigentlich richtet es dies nicht an uns. Wir warten. Niemand reagiert. Wir gehen hin, lassen uns die Entdeckung zeigen. Und wirklich sind diese Kaulquappen sehr viel weiter fortentwickelt, lassen bereits die Frösche erahnen, zu denen sie einst werden sollen.

„Sie sind wirklich schön“, sage ich. „An den kommenden Sommerabenden wird es hier ausgiebige Froschkonzerte geben“, mutmaßt die Freundin. Das Mädchen schaut hoch und lächelt.

Doch schon erschallt es: „Julia, – komm, wir wollen weiter!“ – „Nein! Ich will noch nicht! Kommt doch mal her und schaut!“ – „Nein. Komm jetzt!“ – „Kommt IHR doch mal!“ Die Mutter zögert, nähert sich unschlüssig. „Schau mal, eine Schnecke!“ Das Mädchen zieht seine Hand aus dem Schlamm und hält in ihr eine kleine Wasserschnecke, die es dort gefunden hat, entgegen. Wir tauschen ahnungsvolle Blicke. Ein entsetzter Aufschrei: „Was machst du denn da? – Lass das! Tu sie bloß schnell wieder ‚rein, – pfui Deibel! Komm jetzt endlich!“ Die Mutter wendet sich angewidert zum Gehen. Das Mädchen bleibt traurig sitzen.

„Als ich so alt war wie du“, erzählt die Freundin, „hab ich’s ganz genauso gemacht. Wasser  – und alles, was darin so lebt, hat mich immer magisch angezogen. Kein Teich war mir zu tief und kein Bach zu reißend. Und meine Mutter hat andauernd mit mir geschimpft, weil ich ständig nasse Hosen hatte – und schmutzige Strümpfe – und auch öfters  mal meine Schuhe verlor.“ – „Und ich“, setze ich hinzu, „war überall zu finden, wo es Tiere gab. Meine Tante hatte Ziegen, und ich wurde immer ermahnt: Bleib aus dem Stall draußen! Aber ich musste natürlich hineinkriechen bis in die hintersten Winkel. Und zuhause hieß es dann: Zieh dich bloß vor der Tür aus, – du stinkst!“ – Das Mädchen lächelt wieder. Wir sind Verbündete. Ich entdecke noch eine der Wasserschnecken. Die Kleine ist begeistert, – freut sich, dass sie uns gefällt.

Drüben werden die Rufe lauter. Schließlich lässt sich der Vater am Teich blicken. Hat die Mutter ihn vorgeschickt? „Julia, was ist denn? Nun komm doch!“ – „Papa, schau doch mal! Nur gucken!!!“ – Er zieht es vor, auf Abstand zu bleiben. Seine Stimme klingt nicht unfreundlich: „Nun komm, – du warst doch nun wirklich lange genug hier, – wir müssen doch weiter!“ Er ist nicht zu bewegen, näher zu kommen.

„Ja, nun“, sage ich, „es stimmt schon, – wir sollten auch weiter, sonst bekommen wir in der Hütte oben keinen Rhabarberkuchen mehr. Auf den freue ich mich schon den ganzen Tag. Aber dafür müssen wir uns ranhalten, wir sind zu Fuß! Denn man los!“

Seufzend erheben wir uns beide. Auch das Mädchen steht auf, nickt uns kurz zu und folgt ihrem Vater zu den Fahrrädern.

© Bettina Johl

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Frühlingstage am Niederrhein – Bettina Johl

Unterwegs in mir bisher unbekannten Gegenden, im Land zwischen Niederrhein und Maas, – erfahren, dass anfangs nicht selbst Gewähltes ebenfalls zu Vertrautem werden kann, wovon es einst – ich ahne es voraus – schwerfallen wird, sich wieder zu trennen. Woran werde ich zurückdenken, – welche Erinnerungen werden mir erhalten bleiben?

Da ist die Weite der Ebene, – ungewohnt zunächst -, die jeder Mensch auf seine eigene Weise wahrnimmt. So wie Berge dem einen Geborgenheit vermitteln oder Herausforderung sein können, im anderen jedoch das Gefühl von Enge und Beklemmung auszulösen vermögen, so kann auch das flache Land dem einen Freiheit, dem anderen Verlorenheit bedeuten. Ich entscheide mich für Freiheit.

Symbol werden mir die morgens vorüberziehenden Graugänse, deren Geschnatter mir wie Gesang anmuten will. Es gibt einen See in der Nähe, doch diesen suchen sie nicht auf. Er ist zu klein, zu gut besucht, sein Ufer zu sehr beansprucht. Immerhin finden sich dort zwei Haubentaucherpaare, die sich davon offensichtlich nicht schrecken ließen, und es ist faszinierend, ihrem Balztanz zuzusehen, in dessen Verlauf sie sich fast mit den Hälsen berühren, sich drehen und symmetrische Formen  bilden, die sich wiederum auf der Wasseroberfläche spiegeln. Dann wieder tauchen sie mit elegantem Sprung unter, sind lange verschwunden, um an einer weit entfernt liegenden Stelle plötzlich unvermutet wieder aufzutauchen, als wäre nichts geschehen.

Bettina Johl

In der Flugrichtung, welche die Wildgänse nehmen, liegt jedoch ein Seegebiet  mit kleinen Wasserflächen zwischen niedrigem Gehölz und feuchten Wiesen. Ich suche sie dort an einem der nächsten Tage auf,  – bin verwachsen mit meinem geliehenen blauen Fahrrad, das mich hier überall hinbringt, fahre durch schattige Eichenalleen, – viele dieser Bäume scheinen mir älter als hundert Jahre zu sein, stehen wie mächtige Säulen, ihr junges Laub filtert das Sonnenlicht, lässt ein hohes Gewölbe von leuchtendem Grün entstehen -, komme vorüber an großen, weiten Pferdekoppeln, an von blühenden Weißdorn- und Rosenhecken gesäumten Feldern. Mehrere Fasane kreuzen meinen Weg. Dort wo ich herkomme, sind sie längst verschwunden, bietet ihnen die, – wie man es nennt – „bereinigte“ Flur und die Zersiedelung keinen Lebensraum mehr. Ich werde sie vermissen!

An einer großen Wiese in der Nähe der Seen sehe ich sie lagern, – meine Gänse! Mein Erscheinen stört sie auf, – sie ziehen sich unter aufgeregten Lautäußerungen etwas zurück, beeilen sich, die Mindestdistanz zwischen sich und mich zu bringen. Als sie sehen, dass ich nicht näherkomme, mich am Feldrain auf die Erde setze und ruhig sitzenbleibe, beruhigen sie sich und recken interessiert die Hälse, – manche nähern sich wieder etwas. Ein wenig spreche ich ihre Sprache. Meine innigen Zwiegespräche mit Hausgänsen sind durchaus geeignet, mir zuweilen besorgte Blicke einzuhandeln. Diese hier sind wildlebend. Sie werden immer auf Distanz bedacht sein, dies ist wichtig zu ihrem Schutz. Um mit ihnen vertraut zu werden, würde ich sehr viel Zeit benötigen, – mehr, als ich hier haben werde. Aber sie lassen mich aus der Ferne teilhaben, damit muss ich mich zufrieden geben. Ich frage mich, ob sie nur auf der Durchreise sind oder gar hier brüten.

Tage später durchstreife ich vorsichtig das Seengebiet, schwankend zwischen Neugier und dem Wunsch, nicht zu stören. An einem kleinen See mit schwer zugänglichem Ufer finde ich, durch Erlen- und Birkenzweige spähend, zunächst nur Stockenten und Blesshühner vor. Am gegenüberliegenden Ufer steht ein Graureiher unbeweglich, gleich einem Denkmal, im seichten Wasser. Kurz darauf hebt er ab, segelt über die Wasserfläche, majestätisch, in seiner ihm eigenen Haltung, – mit zurückgelegtem Kopf und Hals, um sich etwas tiefer im Gehölz auf einem Baumwipfel niederzulassen. Dann – mich durchfährt ein freudiger Schrecken – entdecke ich weiter hinten ein Gänsepaar, das junge Küken zu führen scheint. Es sind sehr umsichtige Eltern, – mit Mühe kann ich einen Blick auf die Kleinen erhaschen, jedoch nicht feststellen, wie viele es sind. Ich ziehe mich still zurück.

Anderntags, in der Stille der Mittagsstunden, halte ich erneut Ausschau nach ihnen. Am Ufer führt eine schmale ausgetretene Spur durch die Wiese. Ich folge dem Pfad. Von Grashalmen, die ich streife, fliegen Dutzende blauschillernder Libellen auf, tanzen im funkelnden Sonnenlicht, um sich danach wieder im Grün niederzulassen, – fast unwirkliches Farbenspiel. Der See liegt still, wirkt verzaubert. Nichts ist dort sonst zu hören, außer dem Ruf des Kuckucks im Gehölz und dem Gesang des Pirols, – der erste, den ich in diesem Jahr vernehme. Einige Graugänse sind zu sehen, – jedoch von meiner Gänsefamilie keine Spur. Flüchtiger Gedanke, ich könnte mich gar getäuscht haben, aber ich vermute sie im hohen Gras einer benachbarten eingezäunten Wiese, wo sie sicherlich Mittagsruhe hält. Dennoch reut es mich nicht, mich auf den Weg gemacht zu haben.

Und genau dort, auf der Weide, sehe ich sie – am folgenden Abend, als ich denselben Weg nehme – unter Rufen Richtung Seeufer aufbrechen, beide Elterntiere, zwischen sich ihre Jungen, – alle sehr klein, Flaumkügelchen noch -, sicherlich erst wenige Tage alt. Bald sind sie im Wasser, bleiben jedoch im Schutz des Schilfs. Soweit ich mich auch bis zur äußersten Spitze einer Halbinsel vortaste, kann ich sie doch stets nur flüchtig erkennen. Aber ich habe sie gesehen! Kurz darauf holt mich der helle, warnende Ruf eines Blesshuhns aus meiner Versunkenheit. Wenige Meter entfernt sehe ich nahe am Ufer sein Schwimmnest mit einem Gelege von mehreren Eiern, das ich zunächst nicht bemerkt hatte. Ich bin zu nahe. Ich zeige ihm, dass ich verstanden habe, trete langsam den Rückweg an. Es beruhigt sich und setzt sich wieder auf sein Nest.

Zeit für mich zu gehen. Mir bewusst zu machen, was nicht neu ist: Die Natur braucht mich nicht. Ich brauche sie. Ich bin ein geduldeter Gast, – eine Zeitlang, wenn ich mich umsichtig verhalte. Mehr nicht. Wenn ich mir dies erhalten will, muss ich bereit sein zum Verzicht. Und so hoffe ich auf weitere Abende, an denen es mir vergönnt sein wird, Gast zu sein. Für eine kurze Zeit.

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