Die Kraft des Erzählens – „Ein Teelöffel Land und Meer“ von Dina Nayeri

© mare Verlag

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Lassen sich Entfernungen, die Menschen voneinander trennen, in Teelöffeln messen? Kinder schaffen sich in ihrer Vorstellung eigene Maßeinheiten zur Vermessung ihrer Welt. Eine Welt, in die sie hineingeboren wurden, ohne gefragt zu werden. Eine Welt, die nicht für sie gemacht ist. In der sie sich nur mittels ihrer Phantasie Nischen schaffen können, in denen es sich überleben lässt. Überleben trotz aller Traumata, die Kindern in vielen Ländern der Erde durch Kriege, Revolutionen und Schreckensregimes zugefügt werden: Gewalterfahrungen, Verlust nahestehender Menschen, Heimatverlust durch Flucht oder Vertreibung. Erlebnisse, die unverarbeitet bleiben, weil die drängenden Fragen nach dem Warum nicht gestellt werden dürfen, in der Welt der Erwachsenen Tabus unterliegen. Und so hören die Kinder irgendwann auf zu fragen und schaffen sich eigene Antworten, ihre eigenen Geschichten, die ihnen helfen, das vor ihnen liegende Leben zu bewältigen, es ihnen erträglicher zu machen. Die Fragen jedoch bleiben, sie schlummern nur. Das Kind auf seinem Weg zum Erwachsenwerden steht ihnen sehr bald wieder gegenüber, merkt, dass es ihnen nicht ausweichen kann, sich ihnen stellen muss. Und auch ganz neuen Fragen: Wie zuverlässig sind meine Erinnerungen? Was ist Wahrheit, was Lüge?

In der Gegend im nördlichen Iran, am Kaspischen Meer, in der Saba aufwächst, ist es üblich, dass jeder Erzähler seine Geschichte am Ende mit einem Gedicht über Wahrheit und Lüge abschließt, in dem sich die Wörter der Landessprache für „Joghurt“ und „Joghurt-Soda“ („maast“ und „dugh“) auf „Wahrheit“ und „Lüge“ („raast“ und „dorugh“) reimen. Ein Gedicht, welches aufrichtig Aufschluss über den Wahrheitsgehalt der jeweiligen Geschichte geben soll. Saba, die stets nach Wegen und Mitteln sucht, Regeln, die sie einzuengen drohen, zu übertreten, setzt sich im Laufe der Zeit auch über diese hinweg. In ihren Geschichten, die sie erzählt, schafft sie sich ihre eigenen Erklärungen über das Verschwinden ihrer Mutter und ihrer Zwillingsschwester Mahtab seit dem Ausbruch der Islamischen Revolution. Ihre Version vom neuen Leben in Amerika, das die beiden in ihrer Vorstellung führen, ist für sie eine Wahrheit, mit der sie leben kann. Die Erwachsenen um sie herum lassen dies mehr und mehr unwidersprochen, ermuntern sie gar zum Erzählen. Ihr eigenes Wissen um eine andere, hiervon sehr verschiedene Geschichte, jene vom Tod durch Ertrinken der Schwester infolge eines Badeunfalls im Kaspischen Meer, für den Saba sich womöglich indirekt mit verantwortlich fühlen könnte, und einem gescheiterten, mit Verhaftung und Gefängnis endenden Fluchtversuch der Mutter, halten sie hinter vorgehaltener Hand zurück. Weil sie das Mädchen schonen wollen? Weil das Unterscheiden von Wahrheit und Lüge auch ihnen nicht mehr so leicht von der Hand gehen will, im Wissen um die Unmöglichkeit, die genaue Wahrheit über den Hergang vermeintlicher Tatsachen, deren Augenzeuge man nicht war, herauszufinden? Weil auch sie mit der „Wahrheit“, die Saba für sich gefunden hat, bedeutend besser leben können? Nicht zuletzt, weil sie begonnen haben, nach Sabas Geschichten zu hungern, die ihnen häppchenweise in zugeschnittenen Folgen serviert werden, nach dem Beispiel der amerikanischen Serien, für deren Erwerb im Schwarzhandel Saba, ebenso wie für die westliche Musik, die ihr unendlich viel bedeutet, manches zu riskieren bereit ist. Weil sie längst festgestellt haben, dass diese Geschichten ihre eigenen Wünsche, Träume und Sehnsüchte bedienen, ohne die ihnen ihr eigenes Leben angesichts der täglichen Bedrückungen zunehmend unerträglich würde?

Die Autorin Dina Nayeri, die während der Islamischen Revolution geboren wurde und als Zehnjährige nach Oklahoma emigrierte, entwirft in ihrer Protagonistin Saba eine Art Spiegelbild ihres eigenen Selbst. Eine Zwillingsgeschichte – keineswegs zufällig. Menschen, die ihre Heimat mehr oder weniger unfreiwillig verlassen, bleiben zumeist in ihrem Innersten zerrissen. Ein Teil von einem selbst geht fort, das andere bleibt unweigerlich zurück. Mag auch ersteres zunächst die Oberhand behalten und die notwendig gewordene Anpassung an ein völlig neues Leben erleichtern, wird dennoch das andere stiller, aber unerbittlicher Begleiter bleiben und sich eines Tages wieder sehr deutlich zu Wort melden. Die Zwillingsschwester, das andere Selbst, welches vor Ort blieb, statt zu gehen. Viele Teelöffel Land und Meer zwischen beiden.

Mahtabs Emigrantenleben in den USA, welches in Sabas Vorstellung stattfindet, brauchte Dina Nayeri nicht zu erfinden; dieses Leben hat sie selbst kennengelernt, erfahren und erfolgreich gemeistert. Hingegen erforderte die Schilderung des Lebens Sabas, eines der vielen möglichen Leben, das sie geführt haben könnte, wenn sie im Land verblieben wäre, eine Rückkehr und Rückbesinnung zu den eigenen Wurzeln, die im Nebel früherer Erinnerungen versunken liegen, welcher sich nur mühsam lichten lässt. Denn eine gefahrlose eigentliche Rückkehr ins Land der Kindheit ist ihr nicht möglich. Sie musste sich, um diese Erinnerungen zu ergänzen, mit Recherchen behelfen, welche sie vielfältig, gründlich und detailliert vorgenommen hat. Kontakte zu Menschen aus dem Norden des Iran halfen zusätzlich, ihr Bild des Landes zu vervollständigen. Ein Bild, welches sie farbenprächtig und lebendig zu zeichnen versteht. Es gelingt ihr, die Leser in den Bann ihrer Geschichte zu ziehen, sie in eine faszinierende Welt der Farben, Töne und Düfte eintauchen zu lassen, ihnen zugleich jedoch ebenso das Gefühl der unendlichen Bedrückung zu veranschaulichen, die ein Leben im Verborgenen bedeutet, in dem alles, was Freude zu bereiten vermag, im wahren und übertragenen Sinn unter Schleiern zu verschwinden hat. Zuweilen wechselt sie die Perspektive, indem sie einige der als stark und selbstbewusst geschilderten Frauen der Kaspischen Region, bei denen Saba aufwächst, selbst zu Wort kommen lässt, welche Situationen und Ereignisse aus ihrer Sicht schildern und die Leser an ihrem Denken, Fühlen und Erleben teilhaben lassen.

Es fällt schwer, das bis zur letzten Seite spannende Buch zwischendurch aus der Hand zu legen. Es ermöglicht ein tiefes Versinken in eine Welt, von der wir sonst nichts wissen. Eine Welt, die jenseits aller Bilder liegt, die uns aus den Medien durch die Köpfe geistern. Es sind dies jene uns geläufigen Bilder schwarz verschleierter Frauen unter Plakaten eines finster dreinblickenden Religionsführers, untermalt von Schreckensworten wie Scharia, Sittenpolizei und öffentlichen Hinrichtungen, welches viele der von uns in der freien, westlichen Welt Lebenden irgendwann veranlasste, den Iran – einst das sagenumwobene Persien, Wiege der Kultur und Ursprungsland der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht  – in die zunehmend bodenlos werdende Schublade der unbewohnbaren Gegenden dieser Erde zu verstauen und uns nicht mehr weiter mit ihm zu beschäftigen. Eine fatale Entscheidung. Für uns, weil sie dazu führt, unser Bild der Welt enger und enger werden zu lassen, indem wir Dinge, über die wir nichts wissen wollen, weil sie uns Angst machen, einfach aus ihr heraushalten, auch auf die Gefahr hin, damit gleichsam vieles zu verbannen, was dazu angetan wäre, unser Leben zu bereichern. Umso mehr für die Menschen in jenen Ländern, insbesondere die Frauen, die unter dem schwarzen Schleier, der in weiten Teilen der Welt zum Symbol des Schreckens wurde, Gefahr laufen, von eben diesen dem Vergessen anheim gegeben zu werden. Kein Ohr mehr zu finden für ihre Stimme, die dringlich nach Gehör verlangt. In diesem Fall hätten die fanatischen Machthaber in der Tat ihr Ziel erreicht, was niemand wollen kann. Und so ist Sabas Geschichte zugleich auch ein wichtiges Sprachrohr für die Menschen, insbesondere die Frauen, im Iran und in anderen islamischen Ländern, ein Appell an uns, sie nicht zu vergessen, mit ihren Wünschen, Träumen, Sehnsüchten und Hoffnungen, sie an unsere Seite zurückzuholen, uns solidarisch zu zeigen, neugierig zu werden auf Begegnungen mit ihnen, auf ihre Erzählkunst und ihr Wissen.

Persien. Erinnerung an eine zufällige Begegnung in einem Straßencafé. Eine Frau, etwas älter als ich, sehr gepflegtes Erscheinungsbild, die sich mit mir über bildungspolitische Themen unterhielt. Sie sprach sehr gutes Deutsch, jedoch mit einem ungewohnten Akzent. Befragt nach ihrer Herkunft, sagte sie: „Persien“. Sie sei noch vor der Revolution durch Heirat nach Deutschland gekommen, erzählte sie. Heimweh habe sie gewiss – ja, oft! –, aber sie könne es sich, wie viele, nicht vorstellen, unter den jetzigen Verhältnissen als Frau im Iran zu leben. Leider habe ich versäumt, sie nach ihrem Namen zu fragen. Es wäre interessant, sie wiederzutreffen. Nach der Lektüre des Buches von Dina Nayeri hätte ich mich gern weiterhin mit ihr ausgetauscht.

Auch ein Zwillingsleben fordert letztlich Entscheidungen. Die Entscheidung für ein Leben in Freiheit, welches für sie auch und vor allem uneingeschränkten Zugang zu Bildung bedeutet, steht für Saba außer Zweifel, auch wenn dies Schmerz und Trennung von allem Vertrauten und den geliebten Menschen, die sie zurücklassen muss, bedeutet. Nach einigen Versuchen, ein Leben in der Heimat mit allen Beschränkungen zu leben, nach der Auseinandersetzung mit der sich im Weiteren immer drängender stellenden Frage, ob Liebe Selbstverleugnung rechtfertigt, bricht sie auf ins Ungewisse. Ob sie ihr Glück finden wird, bleibt offen. Wer sie nach diesem Buch jedoch zu kennen glaubt, wer die Facetten ihres bisherigen Lebens kennengelernt und Freundschaft, erste Liebe, Freude und Übermut, wie auch Verlust und Trauer mit ihr durchlebt und durchlitten hat, traut ihr zu, ihres eigenen Glückes Schmied zu werden. Denn obgleich sie nur Weniges mitnehmen kann, trägt sie das Wichtigste unsichtbar im Handgepäck, – ein Talent, das sie mit ihrer Schöpferin, der Autorin, gemeinsam hat: Neben einem unerschütterlichen Selbstvertrauen – die Kraft des Erzählens.

Bettina Johl

Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer – mare Verlag Hamburg 2013. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. 528 Seiten, 22,00 €. ISBN 978-3-86648-013-1

Diese Buchbesprechung erschien am 05.10.2013 in Glanz & Elend,
Magazin für Literatur und Zeitkritik: Die Kraft des Erzählens

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Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Rezension

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