Ein Bourgeois und Kommunist – Engels-Biographie von Tristram Hunt setzt Maßstäbe

Im Februar 1848 erschien das Kommunistische Manifest in London.

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Muss, wer Marx sagt, auch Engels sagen? Der Geschichte des Marxismus ist zwar ohne Friedrich Engels nicht zu denken, doch ihm wird die Schuld dafür zugeschoben, dass der Marxismus in die Gulags der Sowjetunion führte. Tristram Hunt, der Nachwuchsstar der englischen Historikerzunft, setzt mit seiner 2012 ins Deutsche übersetzten Biographie zur Ehrenrettung eines Mannes an, der sich schon mit den Theorien des Kommunismus beschäftige, lange bevor er 1847 mit Marx am „Kommunistischen Manifest“ schrieb, und am Ende seines Lebens davor warnte, das Werk von Marx doktrinär auszulegen. Marx selbst sah sich ohnehin nicht als Marxist. Hunt schildert Friedrich Engels als einen eigenständigen Denker, dessen Werk dem von Marx an Originalität und Wirkungsmächtigkeit nicht nachstehe, der aber aufgrund seines abenteuerlichen Privat- und widersprüchlichen Berufslebens die spannendere Biographie biete.

Engels war geradezu die Personifizierung der dialektischen Methode, die den Marxismus auszeichnet, ein wandelnder Hegelscher Widerspruch. Er besaß eine schillernde Persönlichkeit: Bonvivant, Frauenheld…

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Arno Schmidt – Ein Streifzug durch die Stationen seines Lebens und Werks

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Arno Schmidt hat es selbst festgelegt. „Nur beim ersten Überfliegen hört sich ein Satz, wie dieser, absurd an: ich verlange, gesetzgeberisch festzulegen, daß spätestens 50 Jahre nach dem Tode eines Schriftstellers seine Biographie nicht nur erscheinen darf, sondern muß!“ Fanny Esterházy ist sich bewusst, dass dieses Diktum des Schriftstellers mit der von ihr herausgegebenen Bildbiografie noch nicht eingelöst ist. Eine Bildbiografie kann keine Biografie ersetzen. Sie nimmt keine Wertungen vor, und sie hat Lücken; bei weitem nicht alles lässt sich bildhaft ausdrücken – gerade bei einem (Text-)Autor nicht. Aber was sie kann, ist der Bildbiografie glänzend gelungen: Sie macht das Leben Arno Schmidts anschaulich.

Wohl kaum ein anderer Schriftsteller war sich der Bedeutung von Bildern für ein Leben so bewusst wie Arno Schmidt: „Mein Leben?!: ein Tablett voll glitzernder snapshots“, schrieb er in „Aus dem Leben eines Fauns“. Was also wäre konsequenter, als sein Leben mit einer Bildbiographie nachzuzeichnen, die mosaikartig das Panorama dieser eigenwilligen und sonderlichen Schriftstellerexistenz zusammensetzt. Einführende Texte von Bernd Rauschenbach geben einen Überblick über die Stationen dieses Lebens – die Kindheit in Hamburg, die Jugend in Schlesien, Kriegszeit und Nachkriegselend, die wiederholten Wohnortwechsel, bis Arno Schmidt in Bargfeld in der Lüneburger Heide die „ihm gemäße Landschaft“ findet.

„Ein Tablett voll glitzernder Snapshots“ – Erste Bildbiographie erscheint im Jahr 2016

Arno Schmidt wurde am 18. Januar 1914 in Hamburg geboren und verbrachte in der Hansestadt seine Kindheit und Jugend. Am Ende seines Lebens lebte er völlig abgeschieden im dörflichen Niedersachsen. Er starb am 3. Juni 1979 in Celle. Für die erste umfangreiche Bildbiografie dieses Autors, eines der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts überhaupt, hat Herausgeberin Fanny Esterházy in Archiven nachgeforscht und Unbekanntes und zum Teil Verblüffendes zutage gefördert: Fotos, Zeichnungen, Dokumente aller Art, Bücher und Manuskripte, Notizen und Briefe, Zeitungsartikel, Alltägliches und Kurioses. Ergänzt und erläutert wird das vielfältige Material durch Textpassagen aus Arno Schmidts Werk, Auszüge aus den Tagebüchern des Autors wie seiner Frau Alice Schmidt sowie Kommentare von Schriftstellerkollegen und Freunden. Arno Schmidt hat uns zahlreiche Hinweise hinterlassen, wie er sich Aufbau und Struktur einer Biografie vorstellte, gerade der eigenen.

In seinem Vorwort zu „Materialien für eine Biographie“ heißt es, „er sei in entscheidendem Maße vom Ort abhängig“, daher müssten die „Groß=Abschnitte als Titel fast immer den Namen meines jeweiligen Aufenthaltsortes tragen“. In einem „Biogramm“ schreibt er zudem: „Leben: Existenz in hohem Grade umwelt- und landschaftsbedingt; Gliederung daher nach Orten.“ Die erschienene Bildbiografie folgt diesen Hinweisen Schmidts weitgehend, mit Ausnahme des ersten Kapitels, das seine Vorfahren und Eltern zum Thema hat, und eines Teils über die Kriegsjahre. Alle anderen sind für die Wohnorte Schmidts reserviert: Das Hamburg der Kinderzeit, die Jugend in den niederschlesischen Kleinstädten Lauban und Greiffenberg, nach dem Krieg dann Cordingen (in der Lüneburger Heide), Gau-Bickelheim (bei Mainz), Kastel (an der Saar), Darmstadt und schließlich Bargfeld. Jedes der elf Kapitel wird mit einem Text von Bernd Rauschenbach eingeleitet; diese Texte geben jeweils eine präzise Einführung in die jeweilige Lebenssituation des Protagonisten. Die Bebilderung des Bandes stammt überwiegend aus dem Nachlass Arno Schmidts. Sie wird ergänzt um Bilder aus anderen Archiven, die den Blick auf das zeitgenössische Panorama freigeben.

Schmidt bewahrte auch für uns scheinbar nebensächliche Dinge sorgfältig auf, versah sie teils sogar mit erläuternden Hinweisen für die Nachwelt. So finden sich neben Bildern, Typoskripten, Fotos und Briefen auch Fernsehzeitungen, Versandkataloge, Werbeprospekte und Etiketten von Flaschen und Konserven. Auch für dieses eigentümliche Verhalten hatte Schmidt eine Erklärung parat: „Moderne Schriftsteller müßten gesetzlich dazu angehalten werdn, zu notiren, was für Sendungen sie=sich so täglich angesehen habm.“

Der Band weitet durch viele bisher unveröffentlichte Artefakte aus dem Nachlass den Blick auf den Künstler und seine Kunst, sagt Bernd Rauschenbach über das Buch, „jede Bildbiografie geht davon aus, dass das Werk und das Leben miteinander verbunden sind, unddiese Bildbiografie ist eine Schaltstelle, in der man in beide Richtungen schauen kann, aufs Werk und aufs Leben. Und die Geschmäcker sind verschieden, aber es gibt Menschen, die gern wissen wollen, was hinter der Literatur an Leben steckt. Das kann man in so einer Bildbiografie natürlich sehr gut sehen“. All dies ist ihm gemeinsam mit Fanny Esterházy und Friedrich Forssmann meisterlich gelungen. Ihre opulente Bildbiografie ist eine akribische Spurensuche in Werk und Vita eines der bedeutendsten deutschen Schriftsteller.

Der große Einzelgänger – Neuerscheinungen zum 100. Geburtstag

„Ich habe das Unglück, in einem Staate zu leben, in dessen Grundgesetz es steht, daß die Minderheit immer Unrecht habe“: Arno Schmidt war kein einfacher Zeitgenosse und gab sich persönlich oft unnahbar, ja arrogant. Im Jahre 1949 ist Arno Schmidt fünfunddreißig Jahre alt und macht Ernst. Sein literarischer Erstling „Leviathan“ erscheint, darin neben der titeltragenden Erzählung noch „Enthymesis“ und „Gadir“. Alle drei haben nichts mehr mit den unveröffentlichten Vorkriegsproduktionen gemeinsam. Schmidt packt „die rabiate Kiste“ aus. Viele weitere literarische Sprengladungen folgten.

Das Jahr 2014 ist das Arno-Schmidt-Gedenkjahr: 100 Jahren zuvor wurde der große, rätselhafte, auch umstrittene Sprach-Experimentator geboren. Bernhard Rauschenbach hat zum Jubiläum ein „großes Lesebuch“ mit kürzeren Texten zusammengestellt, welches das Werk in seiner ganzen Vielfalt darstellt; der Erzähler wird gezeigt und der Essayist, der virtuose Sprachzauberer und seine eigenwilligen Experimente steht neben dem scharfsinnigen Analytiker. Enthalten ist auch die Erzählung „Tina oder über die Unsterblichkeit“ von 1955. Schmidt beschreibt ein Elysium unter Darmstadt (!), und wie in Homers Hades wollen die Seelen, allesamt Dichter, nichts wie auf und davon. Doch der im Diesseits erworbene Ruhm steht dem entgegen, es gilt die Regel: „Jeder ist so lange zum Leben hier unten verdammt, wie sein Name noch akustisch oder optisch auf Erden oben erscheint. “Das Ziel der Insassen ist das Vergessen – „endlich in Ruhe tot sein“. Die Literaturkritik damals nahm Schmidts Erzählungen wohlwollend zur Kenntnis, Hermann Hesse nannte den Autor „einen wirklichen Dichter“, Alfred Andersch nannte ihn gar „ein Genie“. Doch der wirtschaftliche Erfolg blieb aus, und das sollte sich bis weit in die 60er Jahre nicht ändern. Schmidt schrieb selbstironisch: „Es ist auch eine Ehre, jahraus=jahrein den worst=seller zu liefern“.

Weitere Texte des „Lesebuches“ sind unter anderem die ebenfalls 1955 entstandene Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“: Sie zeigt Schmidts Hass auf das Militär und die Adenauer-Restauration und brachte ihm eine Anzeige wegen „Gotteslästerung“ ein, die ihn zur Flucht von Trier ins liberalere Darmstadt zwang. Ebenfalls im Buch: die Erzählung „Kühe in Halbtrauer“ von 1961, eine Groteske voller Komik und eine Fingerübung für die noch folgenden Großwerke. Es ist vor allem die Mischung von bekannten und nahezu unbekannten Texten, die den Reiz dieses Lesebuchs ausmachen und dazu motivieren, mehr von dem gewaltigen Werk Schmidts kennenzulernen.

Arno Schmidt schrieb im Sommer 1960 nach Abschluss der Arbeit am Roman „KAFF auch Mare Crisium“ an seinen jüngeren Schriftstellerkollegen Hans Wollschläger, der ein großer Bewunderer und Verfechter seines Werks war: „So! : ich hätte’s wieder mal überlebt. … Das Ergebnis? Je nun; ich bin da realistisch … Besseres, als ich bereits vorgelegt habe, werde ich wohl nicht mehr vermögen.“

Wiederzufinden ist der Brief in der Sammlung „Und nun auf, zum Postauto!“. Der einzelgängerische Autor äußert sich in seinen Briefen keineswegs verschlossen gegenüber seinen Freunden, sondern offen, spitz und boshaft. Doch was immer er in welchem Ton auch von sich gab, der selbstbewusste Autor wusste um sein „großes Talent, Briefe zu schreiben“. Der Band enthält mehr als 150 Briefe Arno Schmidts, die meisten bislang unveröffentlicht, adressiert an Mutter und Schwester, Kriegs- und Schulkameraden, Verleger und Autoren sowie seinen großen Förderer Jan Philipp Reemtsma; sie geben tiefe Einblicke in den an Entbehrungen reichen und diszipliniert organisierten Alltag des Autors und dienten ihm wohl auch zur literarischen Selbstvergewisserung.

Mit dem Traum vom eigenen Haus, der für ihn Ende 1958 Realität wurde, verband sich für Arno Schmidt ein Stück weit Autonomie und Unabhängigkeit. Er zog mit seiner Frau Alice in das Heidedorf Bargfeld bei Celle. In dieser „ihm gemäßen Landschaft“ schuf er seinen eigenen Literaturkosmos, die häusliche Welt wurde zu seiner „Selfmadeworld“: ein „Hölzernes Meer“ als Schreibtisch, ein Stehpult nach seinen Bedürfnissen, ein feuerfester Archivbau nach seinen Entwürfen. Der Bildband „Arno Schmidt, Bargfeld 37“ zeigt uns diese einsiedlerische und entlegene Welt eines der Großen der Literatur: Glaspokal Friedrichs des Großen und Schnapskrug von Arno Schmidt, Zeichnungen, der geheime Familienschrein, dazu unbekannte Fotos sowie private Dokumente, Briefe und Werkzitate.

In der Bargfelder Einsiedelei schuf er „Zettel’s Traum“ (1970), „Abend mit Goldrand“ (1977) und das Fragment „Julia oder die Gemälde“. Als ihm in Berlin 1964 der Fontane- Preis verliehen wurde und Günter Grass die Laudatio hielt, wollte sich Alice Schmidt nach der Feier bei Grass bedanken. Der spätere Nobelpreisträger wehrte bescheiden ab: „Wir haben doch alle bei Ihrem Mann gelernt.“

Der Roman „Zettel’s Traum“ wird 2010 erstmals als gesetztes Buch publiziert

Vor 48 Jahren erschien „Zettel’s Traum“ als Faksimile und machte Arno Schmidt auf einen Schlag berühmt. „Es wird sich nicht mehr setzen lassen“, klagte Arno Schmidt, als er das Buch 1968 vollendet hatte. So erschien vor nun 40 Jahren „Zettel’s Traum“ als Faksimile und machte den Autor auf einen Schlag berühmt. Dabei erwiesen sich die handschriftlichen Korrekturen, Streichungen und das für den Leser unfreundliche Satzbild der Schreibmaschine neben der komplizierten Struktur des Romans als nur schwer zu überwindende Hürde für die Lektüre. Schon im Typoskript umfasst das wichtigste Buch des Schriftstellers 1334 DIN-A3-Seiten.

2010 ist „Zettel’s Traum“ erstmals als gesetztes Buch erschienen. Mit dem Roman wurde die Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts abgeschlossen. Jahrelang mühten sich Setzer, Herausgeber und Korrektoren, das hochkomplexe Layout und die eigentümliche Rechtschreibung des dreispaltigen Romans mit seinen zahlreichen Randglossen in einen lesefreundlichen Schriftsatz zu überführen, ohne den Charakter des „Überbuchs“ zu gefährden oder Eigenheiten zu glätten.
Was stünde nicht in „Zettel’s Traum?“, fragte Arno Schmidt einmal selbstironisch und selbstbewusst. Der Roman erzählt von der vergeblichen und prekären Liebe zwischen dem alternden Schriftsteller Daniel Pagenstecher, dem Alter Ego des Autors, und der sechzehnjährigen Franziska Jacobi, Tochter des Übersetzer-Ehepaars Paul und Wilma Jacobi.

Diese treffen sich an einem Julitag, von morgens um halb 4 bis zum nächsten Morgen um halb 4 in Ödlingen, einem fiktiven Ort in der südlichen Lüneburger Heide. Das ist ein großer Erzählstrang des Romans, die beiden anderen befassen sich mit Edgar Allan Poe und Sigmund Freud; es wird im Roman nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern vom Erzählen und seinen Voraussetzungen überhaupt gehandelt, zur Eröffnung in Umrissen eine Theorie zur Abbildung unbewusster Wünsche und Zwänge in der Literatur geliefert. Der Leser erfährt, dass über den Klang der Worte oft ganz andere Vorstellungen assoziiert werden, die berühmten „Etym-Effekte“. Der dozierende Pagenstecher, Schriftsteller und Poe-Fachmann, belehrt sein dreiköpfiges Publikum, von dem sich Paul aufgeschlossen, Wilma ablehnend und Franziska in bald uferloser Anbetung verhält. Ein Dauerthema des Romans ist der Voyeurismus, er gipfelt kurz vor dem Ende darin, dass Daniel (Dän) und Franziska Wilma und Paul beim Sex zusehen. Pagenstecher versucht Franziska davon zu überzeugen, dass die Verwirklichung einer Liebe stets in einer Katastrophe enden muss. Er verschwindet, als die Familie Jacobi abreist. Hinter einer Eiche versteckt sieht der alternde Schriftsteller die junge Liebe seines Lebens auf immer davonreisen: „Gehab Dich wohl, Mein=Lieb! Auf hundert Meil’n weit!“

Dieter Kaltwasser

Literatur:

Arno Schmidt: Zettel’s Traum. Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 1536 Seiten, 289,00 EUR. ISBN-13: 9783518803103

Bernd Rauschenbach / (Hg.)Arno Schmidt (Hg.): Das große Lesebuch.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2013.
445 Seiten, 9,99 EUR. ISBN-13: 9783596905553

Arno Schmidt: »Und nun auf, zum Postauto!« Briefe von Arno Schmidt. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 296 Seiten, 29,00 EUR. ISBN-13: 9783518803707

Arno Schmidt: Arno Schmidt, Bargfeld Nr. 37. Ein Album. Hrsg. von Bernd Rauschenbach.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 280 Seiten, 49,00 EUR. ISBN-13: 9783518803608

Fanny Esterházy (Hg.): Arno Schmidt. Eine Bildbiographie. Mit einführenden Texten von Bernd Rauschenbach. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 456 Seiten, 68,00 EUR. ISBN-13: 9783518804001

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Buchtipps zu Laurence Sterne

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Laurence Sterne: Werkausgabe.
Zum 250. Todestag von Laurence Sterne liegt nun eine dreibändige deutsche Werkausgabe vor, komplett übersetzt von Michael Walter. Der englisch-irische Schriftsteller gilt als Urvater des modernen Romans. Berühmt wurde er durch seine Romane „Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman“ und „Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“. James Joyce bewunderte die beiden Romane. Herausragende Übersetzungsleistung von Michael Walter!
(Galiani, 1952 Seiten, 98 Euro)

Hans von Trotha: A Sentimental Journey. Laurence Sterne in Shandy Hall. Der Publizist und Kenner der englischen Geschichte hat sich auf die Spuren Sternes zwischen London und dessen Haus „Shandy Hall“ in Coxwold gemacht. Seine Reise durch Leben und Werk Sternes führt zu neuen, aktuellen Sichtweisen auf einen Menschen, der für Nietzsche „der freieste Schriftsteller aller Zeiten“ war. Goethe beschrieb ihn als den „schönsten Geist, der je gewirkt hat“. Sehr empfehlenswert!
(Wagenbach Verlag, 144 Seiten, 17 Euro)

Dieter Kaltwasser

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Ein Dramatiker der Moderne

»Sie standen ratlos in Zylinderhüten“
Zum 100. Todestag von Frank Wedekind

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Vielen seiner Zeitgenossen blieb Frank Wedekind ein Rätsel, der umstrittenste Schriftsteller in seiner Generation war er gewiss. Seine Werke werden bis heute kontrovers diskutiert. Die Literaturkritik vor allem tat sich schwer mit ihm. Wir kennen Wedekind als Dichter, Schauspieler, Kabarettist und Journalist, der in München für die satirische Wochenzeitschrift »Simplicissimus« schrieb. Mit seinen gesellschaftskritischen Theaterstücken kämpfte er gegen die Schule als Dressurort, die bürgerliche Fassadenwelt und sexuelle Prüderie, er gehörte zu den meistgespielten Dramatikern seiner Epoche. Seine Texte fielen der Zensur zum Opfer und wurden wegen ihres anstößigen sexuellen Inhalts als sittenwidrig angesehen und beschlagnahmt. Es kam zu Gerichtsprozessen, wegen Majestätsbeleidigung aufgrund eines Spottgedichts wurde er in Festungshaft genommen.

Frank Wedekind wird am 24. Juli 1864 in Hannover geboren, nachdem sein Vater Friedrich Wilhelm Wedekind nach fast zwanzigjährigem Aufenthalt in Kalifornien nach Europa zurückgekehrt ist. In der Schweiz geht er zur Schule, in dieser Zeit entstehen seine ersten Texte. 1884 geht Wedekind nach Lausanne und anschließend nach München, um Jura zu studieren. In den Jahren 1887 bis 1890 lebt Wedekind abwechselnd in Zürich, Berlin und München, wo er nun häufig das Café Luitpold besucht. Ab 1888, nach einer kurzen beruflichen Episode bei Maggi als Vorsteher der Werbeabteilung und abgebrochenem Jurastudium, arbeitet er als freier Schriftsteller in Zürich. Zwei Jahre später beginnt er die Arbeit an »Frühlings Erwachen«, in den 1890er Jahren entsteht nach und nach die Kunstfigur »Lulu«. Im Dezember 1891 reist Frank Wedekind nach Paris, wo er in einer Dachstube wohnt und mit seinem Freund, dem Komponisten Richard Weinhöppel, häufig das Moulin Rouge und ähnliche Etablissements besucht. In Paris beginnt er mit der Arbeit an seinem Drama »Lulu«, die ihn zur Recherche nach London führt, in die Stadt des Frauenmörders Jack the Ripper. Der Stoff wird später von Alban Berg zu seiner gleichnamigen Oper umgearbeitet, die den Wortlaut der Texte fast unverändert übernimmt. Frauen, Erotik und Sexualität sind Wedekinds Lebensthemen, sein Frauenbild jedoch bleibt widersprüchlich.

Zurück in München wird Wedekind Mitarbeiter der von Albert Langen herausgegebenen Satirezeitschrift Simplicissimus, allein im ersten Jahrgang 1896 erscheinen 24 Beiträge von ihm.  Er lernt Lou Andrea-Salomé, August und Frida Strindberg, mit der er eine Affäre und einen gemeinsamen Sohn hat, Thomas und Heinrich Mann sowie die legendäre Dame der Schwabinger Bohème, die überschöne Franziska zu Reventlow, kennen. Erst nach der Jahrhundertwende, die Wedekind in Festungshaft erlebt, feiert er seinen Durchbruch als Dramatiker.

1905 trifft er die um 20 Jahre jüngere Schauspielerin Tilly Newes, die in Graz die Rolle der Lulu probt. Die Heirat erfolgt ein Jahr später. Endlich gelingt auch der künstlerische Durchbruch mit der Berliner Uraufführung von Frühlings Erwachen unter der Regie von Max Reinhardt. Am 12. Dezember 1906 wird die Tochter Anna Pamela geboren, die Familie bezieht eine Wohnung in der Münchner Prinzregentenstraße. Die letzten zwölf Jahre seines Lebens verbringt Wedekind, trotz immer wiederkehrenden Krisen und Trennungsabsichten, Auseinandersetzungen und gegenseitigen Kränkungen, an der Seite seiner über zwanzig Jahre jüngeren Frau Tilly, die ihn um mehr als ein halbes Jahrhundert überleben wird. Sein Enkel Anatol Regnier stellt in seiner 2007 erschienenen Biographie des Großvaters die Diskrepanzen vor, die hervortreten, wenn private Aufzeichnungen und das Werk des Autors kontrastiert werden: „In seinen Tagebüchern scheint sich Wedekind von außen zu betrachten, sich selbst zu ironisieren. In seinen dichterischen Texten steigt er hinab in die Tiefen und Abgründe seines Wesens und zeigt sich in geradezu zwanghafter, vielleicht auch übertriebener Ehrlichkeit nackt.“

Der Philosoph und Musiksoziologe Theodor W. Adorno fand 1932, 14 Jahre nach dem Tode des Schriftstellers, die berühmten Worte: »Wedekinds Dichtungen sind heute wie Chiffren ihrer selbst. Sie anzuschauen und sie verstehen ist eigentlich das gleiche. Darum taugen sie zur Erinnerung: die lautlose Bilderschrift des Jüngstvergangenen.« In dem Rundfunkvortrag beurteilt Adorno den Umgang der damaligen literarischen Öffentlichkeit mit Wedekind  als ein »Begräbnis erster Klasse« und beklagt das Fehlen der Stoffe Wedekinds ebenso wie seine Techniken, »als sei mit einem Mal den Menschen gänzlich gleichgültig, worum sie zuvor zitterten und ihre ganze Existenz angegriffen fühlten.« Wedekinds Dichtungen, so der Philosoph im hohen Ton Walter Benjamins, »schauen ihren Stoff, die Bürgerlichkeit der letzten Vorkriegsjahrzehnte, mit so starren, fremden, gleichsam hohlen Augen an, dass sie heute als vom gleichen Blick gedeutete sich kundgibt, die er vordem nur als erstarrende Fratze zu bannen schien«.  Adorno nennt Wedekind einen Autor der literarischen Moderne, einen Vorläufer des Surrealismus und der Techniken Bertolt Brechts.

Theaterhöhepunkte der letzten vierzig Jahre sind zweifellos die Inszenierungen von »Frühlings Erwachen« durch das Berliner Ensemble am Theater am Schiffbauerdamm unter der Regie von Bernhard Klaus Tragelehn und Einar Schleef im Jahre 1974 sowie Peter Zadeks »Lulu« am Deutschen Theater in Hamburg 1988. Werke wie »Frühlings Erwachen«, »Erdgeist«, »Der Kammersänger«, »Marquis von Keith«, »Die Büchse der Pandora«, »König Nicolo«, »Musik«, »Franziska« und »Lulu«, gehören zum Repertoire der Bühnen in der Gegenwart. Im Dezember 2013 sorgt die junge Autorin Helene Hegemann an der Kölner Oper für Furore. Die Pop-Autorin macht aus der 1908 erschienen Wedekind-Satire »Musik« eine Sadomaso-Groteske. Die Rockband Metallica veröffentlicht 2011 zusammen mit dem Ex-Velvet-Underground-Sänger Lou Reed eine CD namens »Lulu«, die von der Figur der »Monstretragödie« beeinflusst ist.

Frank Wedekind stirbt am 9. März 1918 in München, auf dem dortigen Waldfriedhof wird er am 12. März unter großer öffentlicher Anteilnahme beigesetzt. Doch selbst seine Beerdigung gerät zu einer Theaterinszenierung; Skandal, Drama, Pathos und Peinlichkeit inklusive. Am offenen Grab werden Männern Hüte vom Kopf geschlagen. Thomas Mann tritt während der Grabrede seines Bruders, die ihn empört, die Flucht an. Bertolt Brecht reimt: »Sie standen ratlos in Zylinderhüten. / Wie um ein Geieraas. Verstörte Raben. / Und ob sie (Tränen schwitzend) sich bemühten:/Sie konnten diesen Gaukler nicht begraben.«

Dieter Kaltwasser

(Der Artikel erschien erstmals am 19.07.2014 zum 150. Geburtstag Frank Wedekinds im Bonner General-Anzeiger)

Literaturhinweise:

Anatol Regnier: Frank Wedekind. Eine Männertragödie. btb, München 2010. 464 Seiten
12,95 EUR. ISBN-13: 9783442740949

Anatol Regnier: Du auf Deinem höchsten Dach. Tilly Wedekind und ihre Töchter. btb, München 2005. 448 Seiten, 10 EUR.
ISBN-13: 9783442726745

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Frohe Weihnachten und alles Gute für 2018!

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Fröhlich soll mein Herze springen
dieser Zeit, da vor Freud‘
alle Engel singen.
Hört, hört, wie mit vollen Chören
alle Luft laute ruft:
Christus ist geboren.

Paul Gerhardt

Allen unseren LiteraturfreundInnen
wünschen wir gesegnete Festtage
und ein gutes Neues Jahr 2018!

Bettina Johl und Dieter Kaltwasser

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Dialog als Voraussetzung – Gisela Kleines Doppelbiografie über Ninon und Hermann Hesse

Von Bettina Johl

Es ist so eine Sache mit Paarbeziehungen unter literarisch Schaffenden. Nicht nur, dass ihnen – das ist Schicksal aller im Licht der Öffentlichkeit stehenden Personen – eine Privatsphäre meist verwehrt bleibt. Da schreibende Menschen gewöhnlich Schriftliches zu hinterlassen pflegen, endet dieser Zugriff keineswegs mit dem Ende ihres Lebens. Zuweilen beginnt er dann sogar erst richtig. Und die Nachwelt ist unbarmherzig. Sie stürzt sich auf den Nachlass, zieht jedes Detail ans Licht, selektiert nach Lust und Laune, pickt sich das ihr interessant Erscheinende heraus und lässt dafür anderes, nicht in ihr Bild Passendes unter den Tisch fallen. Sie bewertet und urteilt und weiß sowieso alles besser. Wenn nun bei einem solchen Paar wie Ninon und Hermann Hesse einer von beiden deutlich im Schatten des anderen steht, wird es für diesen richtig schwierig; ganz besonders, wenn er den anderen überleben sollte. Das eigene Lebenswerk hat es dann schwer, angemessene Würdigung zu finden, vor allem, wenn es sich um das einer Frau handelt. Denn Frauen, die im 20. Jahrhundert Anerkennung für ihre Arbeit haben wollten, mussten oftmals überlaut darüber sprechen, um auf sich aufmerksam zu machen. Zumindest, wenn sie nicht in der glücklichen Lage waren, dass dies jemand anderes – am besten von männlicher Seite – für sie übernahm. Die Hesses jedoch liebten die lauten Töne eher nicht.

Im Jahr 1910 schreibt eine 14-jährige Schülerin ihren ersten, einen für ein junges Mädchen ungewöhnlich reifen und sehr beeindruckenden Brief an einen Dichter, dessen Werk bei ihr selbst tiefen Eindruck hinterlassen hat. Und er wird antworten, nicht auf den ersten, aber auf einen ihrer folgenden Briefe, und sie ermutigen, ihm weiterhin ab und an zu schreiben. 20 Jahre später wird sie seine dritte und letzte Ehefrau. Sie verbringt 35 Jahre an seiner Seite und überlebt ihn nur um wenige Jahre. Bei der jungen Frau handelt es sich um Ninon Ausländer, Bürgerstochter aus der heute zur Ukraine zählenden Kleinstadt Czernowitz in der Bukowina, am östlichsten Rand der einstigen Habsburgermonarchie gelegen, einer multikulturellen, kulturbeflissenen Stadt, auch „Klein-Wien“ genannt. Aus dieser Stadt gingen auffallend viele Persönlichkeiten aus der Geisteswelt hervor, unter anderen – um bei den Dichtern zu bleiben – Rose Ausländer und Paul Celan. Ninons verehrter Dichter ist der 18 Jahre ältere, im württembergischen Schwarzwaldstädtchen Calw geborene, zur Zeit der ersten schriftlichen Begegnung zunächst am Bodensee, später in der Schweiz lebende Hermann Hesse.

Hesses Biografen sind über viele Jahrzehnte hinweg mit dieser Verbindung sehr unterschiedlich umgegangen. Ninon wurde im besten Fall auf einen Platz am Rande verwiesen, im schlimmsten Fall verteufelt, mancher ließ ihre Existenz auch einfach ganz unter den Tisch fallen. Selbst noch vor fünf Jahren stellte sich Gunnar Decker in seiner zweifellos sorgfältig recherchierten und differenzierenden Biografie Der Wanderer und sein Schatten die Frage, ob diese Verbindung nicht für beide Partner ein Verhängnis gewesen sei. Andere neuere Biografien versuchten schließlich, Hesses Frauen in besonderer Form gerecht zu werden, wie jene von Bärbel Reetz, die sich vor allem sehr um die – längst überfällige – Rehabilitation der ersten, angeblich geisteskranken Ehefrau Mia verdient gemacht hat. Hingegen hält sich geradezu unerschütterlich das Bild Ninons vom aufdringlichen weiblichen Fan, mit dem einzigen Lebensziel, sich „ihren“ Schriftsteller zu angeln, um für den Rest ihres Lebens das Personal herumzuscheuchen und ungebetene Besucher aus dem Haus zu ekeln.

Ninon störte. Vor allem störte sie das Klischee des „Dichtereremiten vom Berge“, das Hesse hartnäckig anhaftete und sich bis in die Gegenwart gut vermarkten lässt. Daran änderte nichts, dass Ninon mit vielen Freunden Hesses, auch über seinen Tod hinaus, herzliche Freundschaften pflegte, während diese wiederum voller Hochachtung von ihr sprachen. Sie störte als eine für eine Vertreterin ihrer Zeit ungewöhnlich gebildete und selbstbewusste Frau. Störte sie auch als Jüdin? Immerhin: Der Antisemitismus hatte Konjunktur in Europa und beschränkte sich keineswegs allein auf Deutschland und seine verhängnisvollen zwölf Jahre nationalsozialistischer Barbarei.

Wer Ninons Leben näher betrachtet, bemerkt sehr schnell, dass dieses mitnichten einen geradlinigen Verlauf vom schwärmerischen Teenager zur Dichtergefährtin nimmt. Vielmehr ist es gekennzeichnet von der aufrichtigen und ernsthaften Suche einer begabten jungen Frau nach ihrem eigenen Weg – und dies über viele Umwege, Höhen und Tiefen. Er führt sie über ein Medizinstudium, das sich nicht als die richtige Wahl erweist, zur Kunstgeschichte und Altertumsforschung, der sie sich für den Rest ihres Lebens mit großem Ernst, wenn auch mit vielen, teilweise sehr langen Unterbrechungen, widmet. Auf weltpolitischer Ebene ist ihr Leben zunächst gezeichnet vom Ersten Weltkrieg, dem Ende der k u. k-Zeit und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Umbruch; auf persönlicher Ebene vom Verlust der Heimat, dem unsteten Flüchtlingsleben der Familie, dem Verlust des Vaters, der jüngeren Schwester Toka durch deren Freitod, später auch dem Tod der Mutter. Und schließlich von ihrer eigenen ersten, sieben Jahre währenden Ehe mit dem Ingenieur, Pressezeichner und Bohemien Fred Dolbin, dessen umtriebiges Leben zwischen Wien und Berlin sie für geraume Zeit mehr oder weniger teilt und mit dem sie nach der Scheidung in lebenslanger Freundschaft verbunden bleibt.

In Lebenskrisen behilft sich Ninon, indem sie zur Feder greift. Sie schreibt an Hermann Hesse. Sie zieht Kraft aus der Möglichkeit, sich mit jemandem auszutauschen, dem sie sich seelen- und geistesverwandt fühlt. Und er antwortet immer regelmäßiger. Zu einer ersten persönlichen Begegnung kommt es 1921 in Montagnola. Das entscheidende Zusammentreffen jedoch erfolgt erst fünf Jahre später. Nach diesem lässt ein neuer Ton in den Briefen ahnen, dass etwas zwischen beiden geschehen sein muss, das die Weichen neu ausrichtet. Es folgt zunächst eine Zeit der Verunsicherung und innerer Kämpfe. Ninon findet sich zerrissen zwischen ihren Gefühlen für Hesse und den nicht minder starken für ihren Noch-Ehemann, mit dem sie sich zuvor gerade erst wieder versöhnt hat. Ihre Entscheidung zugunsten Hesses erfolgt eher vom Kopf her: Während Dolbin stets noch weitere Frauenbeziehungen unterhält, von denen sich eine auch sehr bald festigen und zu seiner nächsten Ehe hin entwickeln wird, erscheint ihr Hesse als derjenige, der sie am meisten braucht. Er wiederum befindet sich in jenen schweren Krisenjahren, die letztlich den Steppenwolf hervorbringen. Die Ehe mit seiner Frau Ruth steht vor dem Aus, wirklich zusammengelebt hat das Paar nie. Der Autor leidet unter gesundheitlichen Problemen und äußert Freunden gegenüber immer wieder Lebensüberdruss. Zunächst sieht es nicht so aus, als ob er an diesem Zustand tatsächlich etwas verändern wolle. Gegenüber einer Beziehung äußert er alle möglichen Vorbehalte. Ninon jedoch lässt sich nicht beirren. Schließlich geht sie zu ihm nach Montagnola, bezieht eine eigene, von seinen Räumlichkeiten getrennte Wohnung in der Casa Camuzzi, bis ein Gönner und Freund schließlich ein neues Haus, die spätere „Casa Rossa“, das berühmte „Rote Haus“, für das Paar bauen lässt, in dem es lebenslanges Wohnrecht hat. Auch das ein Doppelhaus, das beiden getrennte Lebensbereiche ermöglicht. Es lässt sich nicht ermessen, wie viel Kraft die ersten Jahre Ninon gekostet haben mögen. Jedoch: Aus ihrer Sicht „erleidet“ sie nicht, sie „gestaltet“. Und am Ende schafft sie die Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. Sie übt sich in der Kunst, für ihren geliebten Dichter da zu sein, wenn sie gebraucht wird, und unsichtbar zu bleiben, wenn er allein sein muss. Zu erwähnen, dass diese bewusste Willensentscheidung zu Lasten ihrer eigenen Projekte gehen wird, erübrigt sich. Sie stellt sie hinten an und gibt die Arbeit an ihrer Dissertation auf. Das fällt ihr nicht unbedingt leicht, aber ihr Dichter und sein Werk, die für sie höchste Bedeutung haben, sind es ihr wert. Sie wird seine rechte Hand, leistet Sekretärinnendienste, führt den Haushalt, sorgt für gesunde Ernährung, pflegt ihn bei Krankheit, schirmt ihn während seiner Arbeitsphasen von der Außenwelt ab und hält unangenehme Aufgaben von ihm fern. In seinen Schaffensprozess ist sie nicht einbezogen, aber er schätzt sie als Korrekturleserin und Kritikerin. Sie, die sich stets als „gute Leserin“ bezeichnet, wird außerdem zur Vorleserin, da ihm selbst das Lesen wegen eines Augenleidens mehr und mehr zur Qual wird. Die Summe der Bücher, die sie ihm bis zu seinem Lebensende vorlesen wird, geht ins Vierstellige.

Vor der ehelichen Legitimierung ihrer Beziehung jedoch schreckt Hermann Hesse lange zurück. Das hat offensichtlich weniger mit etwaigen Zweifeln an Ninon zu tun, als mit seinen persönlichen Vorbehalten vor der bürgerlichen Ehe als Institution mit all ihren Verpflichtungen und gesellschaftlichen Ansprüchen, an denen er bereits zweimal gescheitert ist. Für Ninon jedoch ist dieser Schritt wichtig, ist er doch für sie maßgeblich mit materieller Sicherheit und gesellschaftlicher Anerkennung verbunden. An eine offene Partnerschaft, wie sie für uns heute als Lebensform mehr und mehr selbstverständlich ist, war in jenen Tagen nicht zu denken. Wo sie dennoch gewagt wurde, brachte sie stets erhebliche Nachteile für die Frau mit sich. Keine Geringere als Thomas Manns Ehefrau Katia ermutigt Ninon während eines Winterurlaubs, welchen die beiden befreundeten Paare miteinander verbringen, unbedingt auf einer Heirat zu bestehen. Hermann Hesse beugt sich den Argumenten und ehelicht Ninon 1931, kurz nach dem Umzug ins neue Haus. Ninon wird dadurch Schweizer Staatsbürgerin, was sich im Hinblick auf ihre jüdische Herkunft in den kommenden Jahren als segensreich erweist. Es findet lediglich eine formale Trauung ohne Feier statt, was Ninon nicht zu stören scheint. Ihre „Hochzeitsreise“ tritt sie, während ihr Mann zur jährlichen Kur fährt, anderntags allein an, nach Rom. Ihre Briefe an ihn, die sie ihm vom Tag der Abreise an täglich schreibt, klingen heiter, vergnügt und zugleich sehr vertraut und lassen auf seine interessierte Anteilnahme an ihren Reiseerlebnissen schließen. Das wird ein Leben lang so bleiben. Dass Hesse seine Frau sehr schätzt und ihr bedingungslos vertraut, zeigt sich am Deutlichsten darin, dass er sie bereits im folgenden Jahr durch Erbvertrag zur Verwalterin seines literarischen Nachlasses bestimmt.

Ninons Reise bildet den Auftakt zu einer Reihe von kunsthistorischen Bildungsreisen – nach Italien, nach London, nach Paris, später auch nach Griechenland –, im Zuge derer sie sich zumindest für einige Wochen im Jahr, bis Kriegsbeginn und erneut ab 1950, wieder ihren eigenen Forschungen widmet. In ihren Briefen berichtet sie ihrem Mann detailgetreu vom Gesehenen und Erlebten, ihren Überlegungen und Erkenntnissen. Er bestärkt sie in ihrem Tun und ermutigt sie zum Erzählen. Hermann Hesse, im täglichen Zusammenleben gewiss kein einfacher Partner, dem sehr oft Beziehungsunfähigkeit bescheinigt wurde, ist zumindest eines nicht: ein Macho, der seine Frau als seinen Besitz oder Frauen allgemein als Objekte betrachtet. Das wird auch in seinem Werk, dem oft vorgeworfen wird, weitgehend „frauenfrei“ zu sein, immer wieder deutlich. Selbst dort, wo seine Protagonisten – wie im Steppenwolf – mit Frauen zusammentreffen, die sich prostituieren, schwingt in ihrer Haltung stets Respekt vor deren Persönlichkeit mit. Frauen mögen Hesse rätselhaft gewesen sein, zuweilen auch fremd, aber das bedeutet nicht, dass er sie nicht ernst genommen oder sie gar abgewertet hat. Seine Briefwechsel künden von zahlreichen Freundschaften mit Frauen und sind geführt in einem aufrichtigen, freundschaftlichen Sinn. Bedeutende Namen wie Emmy Ball oder Luise Rinser befinden sich darunter. Selbst seine gescheiterten Ehen gehen letztlich in Freundschaften über. Hesse ist ein Mensch, für den Freundschaften – unabhängig vom Geschlecht des Gegenübers – eine hohe Bedeutung haben. Er zeigt sich Freunden gegenüber als verlässlich und verantwortlich, und er lässt sie nie im Stich. So gründet auch seine Beziehung und Liebe zu Ninon schließlich auf dem stabilen Fundament einer in vielen Jahren gewachsenen, aufrichtigen und haltbaren Freundschaft. Hesse mag sich in den Jahren seines Ehelebens noch so oft daneben benehmen, sich in Alltagsdingen als pingelig und kleinlich erweisen, auf engstirnig anmutenden Prinzipien beharren oder sich unter dem Vorwand seiner zahlreichen Unpässlichkeiten als wahres Ekelpaket erweisen, aber er bekundet Ninon an anderer Stelle stets wieder Respekt und Hochachtung. Er hinterfragt sein Verhalten, macht sich Gedanken, entschuldigt sich, oft in Briefen oder in Form kleiner Zettel, sogenannter „Hausbriefe“, die beide zuweilen an verabredeten Plätzen hinterlegen, um einander nicht zu stören. Diese sind nicht selten sehr humorvoll verfasst, manchmal auch in einer verschlüsselten, nur den beiden zugänglichen Geheimsprache, die von einer tiefen Vertrautheit kündet. Er widmet ihr Gedichte, macht ihr liebevoll erdachte Geschenke, fertigt ihr Zeichnungen und Aquarelle, schickt ihr Bücher, wenn sie unterwegs ist. Und er ernennt sie schließlich in seiner Morgenlandfahrt, der Geschichte einer symbolischen Reise, in der Figur der „Ausländerin“, ihren Namen als Wortspiel verwendend, zur Weggefährtin. Was die beiden überdies durch gemeinsame Leseerlebnisse geistig miteinander teilen, wird sich nur schwer von Außenstehenden ermessen lassen.

Die folgenden Jahre des in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs werden, besonders nach Hitlers Annexion Österreichs, zur Zerreißprobe. Das Ausmaß von Ninons Sorge und Trauer um Angehörige und Freunde angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung und des grauenhaften Völkermords lässt sich nur erahnen. Ihre jüngste Schwester Lilly befindet sich mit ihrem Mann auf der Flucht und es dauert Jahre, bis sie etwas von ihr hört. Auch Hesse bangt um Freunde. Viele verschwinden, andere können fliehen. Nicht alle finden ohne Weiteres ein Land, das sie aufnehmen will. Ninon und Hermann Hesse sind für geraume Zeit damit beschäftigt, emigrierten Freunden und Bekannten nach Kräften zu helfen. Zu diesen Sorgen kommen finanzielle Engpässe wegen immer eingeschränkterer Publikationsmöglichkeiten in Deutschland. All dem zum Trotz beendet Hesse in diesen Jahren Das Glasperlenspiel, sein großes Alterswerk, als Versuch, dem Ungeist der Zeit etwas von geistigem Bestand entgegenzusetzen. Die aus den kräftezehrenden Anstrengungen dieser Jahre resultierende Erschöpfung wirkt sich in den Nachkriegstagen nochmals kritisch aus. Hesse zieht sich zurück, fühlt sich ausgelaugt und krank. Der Nobelpreis 1946 wird ihm in Abwesenheit verliehen, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1955 nimmt Ninon in Frankfurt stellvertretend für ihn entgegen. Hermann Hesse bleibt Schweizer und der Schweiz verbunden, auch wenn das deutsche Lesepublikum ihm das teilweise übelnimmt. Für die Verantwortung der Deutschen für das Geschehene findet er deutliche Worte: „Die Mehrzahl meiner Freunde in Deutschland wußte Bescheid, und manche sind gleich 1933 emigriert, andre in den Folterkammern der Gestapo verschwunden, so wie die Angehörigen und Freunde meiner Frau fast ohne Ausnahme in Himmlers Gasöfen in Auschwitz etc. verschwanden. Und Ihr habt von alledem nichts gewußt!“ schreibt er 1946 in einem Brief an Wilhelm Schussen, der zu den 88 Schriftstellern gehörte, die 1933 das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ zu Adolf Hitler unterzeichnet hatten.

Einstweilen gestalten sich die letzten Jahre, die das Paar miteinander verbringt, zunehmend harmonischer. Der Dichter hat sein Hauptwerk vollendet, befindet sich in ruhigeren Fahrwassern, widmet sich nunmehr kleineren Projekten, findet Ausgleich in seinem Garten und genießt das häufige Zusammensein mit seinen Enkelkindern. Zu seinen Söhnen hat Ninon von Beginn an ein gutes, wenn nicht herzliches Verhältnis. Auf Fotos, die sie als jüngere Frau zeigen, wirkt sie meist steif, verschlossen und reserviert, das Gesicht geradezu zur Maske erstarrt. Sie selbst beschreibt ihre Neigung zum Erstarren in einem Brief vom 11. Oktober 1933 als „Reaktion auf innere Erlebnisse –  es ist eine Eisschicht, die mich manchmal umzieht, mich isoliert, eine Art Schutz.“ Bilder aus den letzten Jahren jedoch zeigen eine gelöste Ninon, wie auch das Titelbild der neu vorliegenden Biografie von Gisela Kleine ein fröhliches Paar zeigt, das herzlich und innig einander zugeneigt ist. Oft wurden solche Bilder von Hesses jüngstem Sohn Martin aufgenommen, der es offenbar gut verstand, Ninon aus ihrer Reserviertheit zu locken. Trotz festgestellter Leukämie feiert Hermann Hesse 1962 noch seinen 85. Geburtstag. Einen Monat später stirbt er.

Hesses Tod ist ein harter Schlag für Ninon, von dem sie sich nie mehr richtig erholt. Trotz Trauer und Verzweiflung stürzt sie sich in die Arbeit, sichtet und ordnet seinen Nachlass, entscheidet sich gegen Widerstände aus der Schweiz für dessen Überführung ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach, gibt eine Sammlung von bis dahin unveröffentlichten Briefen und Dokumenten aus Hesses frühen Jahren unter dem Titel Kindheit und Jugend vor 1900 heraus und versucht, ihre archäologischen Reisen und Studien fortzusetzen. Doch das Herz ist angegriffen, ihre Kräfte reichen nicht mehr allzu weit. Ninon Hesse stirbt 1966, vier Jahre nach ihrem Mann.

Die Germanistin, Kunsthistorikerin und Frauenforscherin Gisela Kleine, geboren 1922, gehört zu den wenigen ihrer Zunft, die Ninon und Hermann Hesse noch persönlich begegnet ist und Gespräche und Briefwechsel mit beiden führte. Sie promovierte einst über Das Problem der Wirklichkeit bei Hermann Hesse, eine Doktorarbeit, die den Dichter sehr beeindruckt hatte, was zu einer persönlichen Einladung ins Haus Hesse führte. Ihr Buch Ninon und Hermann Hesse – Biographie eines Paares, das nun in neuer Auflage vorliegt, ist nicht eigentlich neu. Es erschien erstmals bereits 1982 bei Thorbecke unter dem Titel Ninon und Hermann Hesse – Leben als Dialog, 1988 folgte die Taschenbuchausgabe Zwischen Welt und Zaubergarten. Ninon und Hermann Hesse. Ein Leben im Dialog bei Suhrkamp. Beides Titel, welche die Essenz dieser Beziehung deutlicher zum Ausdruck bringen als der heutige. Denn wenn eine Beziehung, die zu keiner Zeit eine einfache war, vom Dialog lebte – und überlebte –, so war es die des Paares Hesse! Ein Eindruck davon lässt sich gewinnen bei einem Blick in die Briefe Ninons an Hermann Hesse, die im Jahr 2000 von Gisela Kleine herausgegeben wurden und zu einem wesentlichen Teil der Doppelbiografie zu Grunde liegen. Dort begegnen wir einer hochsensiblen, außerordentlich vielseitig interessierten und belesenen Frau, für die der Austausch mit vertrauten Menschen ein lebenswichtiges Elixier bedeutet. Sich selbst hingegen spricht sie, obwohl sie eigene Gedichte und Erzählungen verfasst, Märchensammlungen herausgibt und altgriechische Texte übersetzt, schriftstellerisches Talent völlig ab. „Es lebt in mir vieles, was ich nicht formen kann. Mir wurde das Erlebenkönnen verliehen, nicht das Gestalten“, schreibt sie am 22. Dezember 1920. Wer ihre Briefe liest, weiß, dass das so nicht stimmt. Ihre Kunst, im Zuge des Schreibprozesses Gedanken entstehen zu lassen, zu reflektieren und weiterzuentwickeln, zieht in den Bann, macht es schwer, die Briefsammlung wieder aus der Hand zu legen. Auch wenn Ninon Hesse ihren eigenen Anspruch an literarisches Schaffen natürlich sehr hoch – zu hoch – setzte, was vor allem daran lag, dass sie ihr Ideal täglich vor Augen hatte, war sie zweifellos eine brilliante Briefeschreiberin. Ihr schriftstellerischen Rang abzusprechen, würde bedeuten, die literarische Arbeit von Frauen über viele Jahrhunderte in Frage zu stellen, war doch von jeher der Brief eine häufig angewandte Ausdrucksform gerade von Frauen, denen innerhalb der gesellschaftlichen Schranken, die ihnen über lange Zeit auferlegt waren, oft keine andere Wahl blieb.

Ninons Briefe künden von einer Beziehung zweier Menschen, die über die Jahrzehnte in intensivem, lebhaftem geistigen Austausch standen, sich gegenseitig Dialogpartner und Inspiration waren. Schon ihr erster Brief lässt die angesichts ihrer Jugend eigentlich erwartete schwärmerische Komponente vermissen, nimmt viel mehr Bezug auf das Werk des Dichters als auf dessen Person. Die Lektüre des Peter Camenzind ist ein Schlüsselerlebnis in der Lektüre des lesebegeisterten jungen Mädchens. In diesem Entwicklungsroman gibt der Protagonist seine künstlerischen Bestrebungen auf – oder legt diese zumindest auf Eis –, um die vakante Gastwirtsstelle seines Heimatdorfes einzunehmen und damit in dessen provinzielle Gemeinschaft zurückzukehren, während er zuvor in der Fremde mehr und mehr Tendenzen zum Einzelgänger angenommen hatte. Ninon ist mit diesem Entschluss Camenzinds, mit dem sie leidenschaftlich mitfühlt, nicht einverstanden. Es kommt ihr einer Kapitulation gleich, erscheint ihr unehrlich, inkonsequent, gar als Verrat – an der Kunst sowie am eigenen Glück. Erste tiefgehende Leseerlebnisse, wissen wir als Lesende, machen etwas mit uns; sie können die Weichen für unser weiteres Leben stellen. Hermann Hesse selbst schildert ein solches in der Nürnberger Reise. Das Fragment Hölderlins Die Nacht war es, die ihm als jungem Menschen die Gewissheit ins Herz setzte: „Dies ist Dichtung! Dies ist Literatur!“ Für Ninon nimmt Peter Camenzind diesen Platz ein.

Es folgen Briefe, in denen Ninon über ihre Familie erzählt, über das Gymnasium, das sie als eines von sechs Mädchen ihres Jahrgangs mit Ausnahmegenehmigung besucht, über ihr Leben in Czernowitz und später als Studentin in Wien. Immer wieder gibt es längere Unterbrechungen. Später wird aus Freundschaft Liebe. Der Austausch wird intensiver, intimer auch. Schließlich lebt das Paar an einem gemeinsamen Lebensort und Briefwechsel beginnen sich auf Hauspost und auf Briefe während der Abwesenheit eines Partners zu beschränken. Da Ninon sich jedoch oft auf Reisen befindet, begleiten die Briefe das Paar dennoch über weite Strecken ihres gemeinsamen Lebens, während derer die Verbundenheit zwischen beiden nie abreißt. Hermann Hesses Antworten auf die Briefe Ninons kennen wir nur zum Teil. Manche finden sich in seinen Gesammelten Briefen, manche sind nicht erhalten, andere derzeit noch von den Rechteinhabern gesperrt. Genannt wird mitunter das Jahr 2017. Dieses ist bereits angebrochen. Wir dürfen gespannt sein.

Die ihr zugänglichen Dokumente hat Gisela Kleine aufs Sorgfältigste ausgewertet; sie zeichnet nicht nur ein großartiges Bild einer facettenreichen Partnerschaft und Künstlerehe, sondern zugleich das Panorama einer zeitgeschichtlichen Epoche, die sich zunehmend dem Gedächtnis der heute Lebenden entzieht. Ihre Paarbiografie beginnt mit dem Leben Ninons und trifft Hesse in der Lebensmitte, was zunächst zu Irritationen führt. Viele werden sich im Laufe der Lektüre fragen: Und Hesses Anfänge? Mit ihnen beschäftigt sich das Buch schließlich ganz am Ende, nach Hesses Tod, als Ninon sich nach sorgfältiger Erwägung entschließt, seine Jugenddokumente herauszugeben und so der Nachwelt seinen komplexen Werdegang als Dichter sowie den seines Werkes näher zu bringen, zugleich aber auch – in ihrer Sicht auf die Dinge als Historikerin – durch das exemplarische Beispiel das Bild einer ganzen Epoche nachzuzeichnen. Ihr Verdienst in dieser Hinsicht – darin sind sich Kenner und Freunde Hesses einig – kann nicht hoch genug bewertet werden, Printmedien sprachen gar von einem „neuen Weg zu Hesse“; es ist dies ein ganz wesentlicher Teil ihrer Lebensleistung, von deren Würdigung sie selbst leider nichts mehr mitbekam.

Warum Gisela Kleines Buch unbedingt gelesen werden sollte: Es ist, da seine Wurzeln 35 Jahre zurückliegen, eines der „guten alten“ – und somit nicht nur sprachlich ein Hochgenuss, sondern auch wohltuend frei von Druckfehlern und grammatikalischen Schludereien des nachfolgenden Bildschirmzeitalters. Es nimmt mit auf eine eindrucksvolle Zeitreise und weitet den Blick. Es lässt uns nicht nur mit Ninon eine faszinierende Frauenpersönlichkeit, sondern auch den Dichter Hermann Hesse selbst nochmals neu kennenlernen. Und es versteht, neugierig zu machen auf all das, womit diese beiden Menschen – stets im Dialog miteinander – sich beschäftigten. Seien es die historischen und mythologischen Forschungen Ninons, in die sowohl die Biografie als auch Ninons Briefe einen tiefen Einblick gewähren. Oder die Werke Hermann Hesses selbst, die neu zu entdecken sich auf jeden Fall immer wieder lohnt.

Ninon und Hermann Hesse

Gisela Kleine: Ninon und Hermann Hesse. Biographie eines Paares.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2017.
663 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783458361985

Ninon HesseNinon Hesse: „Lieber, lieber Vogel“.
Briefe an Hermann Hesse.
Herausgegeben von Gisela Kleine.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2000.
619 Seiten, 32,80 EUR.
ISBN-13: 9783518411285

 

 

 

 

Diese Buchbesprechung erschien am 13.07.2017 im Rezensionsforum literaturkritik.de unter: Dialog als Voraussetzung – Gisela Kleines Doppelbiografie über Ninon und Hermann Hesse wurde neu aufgelegt

 

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Weihnachtsgruß

p1080270O Weihnacht! Weihnacht! Höchste Feier!
Wir fassen ihre Wonne nicht.
Sie hüllt in ihre heil’gen Schleier
das seligste Geheimnis dicht.

Nikolaus Lenau

Allen LiteraturfreundInnen wünschen wir frohe Festtage und einen guten Jahreswechsel!

Bettina Johl und Dieter Kaltwasser

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