„Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“ – Über Karl Foerster

Zum 8. Todestag von Marianne Foerster

LiteraturFreundIn

Karl Foerster

Im Frühjahr 2009, ein Jahr vor ihrem Tode, lernte ich in Potsdam-Bornim Marianne Foerster kennen, die Tochter des berühmten Staudenzüchters, Gartengestalters und Autors Karl Foerster. In seinem legendären Senkgarten, direkt neben der von ihm erbauten Villa, wurden damals, im Darwin- und Humboldt-Jahr, Dreharbeiten für eine Gartensendung durchgeführt, und ich unterhielt mich mit der Moderatorin der Sendung über Literatur rund um Natur und Gartengeschichte. Unter anderem stellte ich zwei Bücher über Alexander von Humboldt vor: Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und „Alexander von Humboldt. Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazzo zu ersteigen“, herausgegeben von Oliver Lubrich und Ottmar Ette.

In beiden Büchern ist von der damals gescheiterten Gipfelbesteigung die Rede, Humboldt selber hat das Scheitern in seinen Veröffentlichungen verschwiegen. Marianne Foerster hörte meinen Ausführungen zu, kam nach der Aufzeichnung der Sendung zu mir und sagte: „Sie haben von Humboldts Barometer gesprochen, das er damals zur Höhenmessung nutzte. Humboldt hat…

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Frohe Ostern und schöne Frühlingstage!

LiteraturFreundIn

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Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer kornigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die…

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Ein Bourgeois und Kommunist – Engels-Biographie von Tristram Hunt setzt Maßstäbe

Im Februar 1848 erschien das Kommunistische Manifest in London.

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Muss, wer Marx sagt, auch Engels sagen? Der Geschichte des Marxismus ist zwar ohne Friedrich Engels nicht zu denken, doch ihm wird die Schuld dafür zugeschoben, dass der Marxismus in die Gulags der Sowjetunion führte. Tristram Hunt, der Nachwuchsstar der englischen Historikerzunft, setzt mit seiner 2012 ins Deutsche übersetzten Biographie zur Ehrenrettung eines Mannes an, der sich schon mit den Theorien des Kommunismus beschäftige, lange bevor er 1847 mit Marx am „Kommunistischen Manifest“ schrieb, und am Ende seines Lebens davor warnte, das Werk von Marx doktrinär auszulegen. Marx selbst sah sich ohnehin nicht als Marxist. Hunt schildert Friedrich Engels als einen eigenständigen Denker, dessen Werk dem von Marx an Originalität und Wirkungsmächtigkeit nicht nachstehe, der aber aufgrund seines abenteuerlichen Privat- und widersprüchlichen Berufslebens die spannendere Biographie biete.

Engels war geradezu die Personifizierung der dialektischen Methode, die den Marxismus auszeichnet, ein wandelnder Hegelscher Widerspruch. Er besaß eine schillernde Persönlichkeit: Bonvivant, Frauenheld…

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Arno Schmidt – Ein Streifzug durch die Stationen seines Lebens und Werks

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Arno Schmidt hat es selbst festgelegt. „Nur beim ersten Überfliegen hört sich ein Satz, wie dieser, absurd an: ich verlange, gesetzgeberisch festzulegen, daß spätestens 50 Jahre nach dem Tode eines Schriftstellers seine Biographie nicht nur erscheinen darf, sondern muß!“ Fanny Esterházy ist sich bewusst, dass dieses Diktum des Schriftstellers mit der von ihr herausgegebenen Bildbiografie noch nicht eingelöst ist. Eine Bildbiografie kann keine Biografie ersetzen. Sie nimmt keine Wertungen vor, und sie hat Lücken; bei weitem nicht alles lässt sich bildhaft ausdrücken – gerade bei einem (Text-)Autor nicht. Aber was sie kann, ist der Bildbiografie glänzend gelungen: Sie macht das Leben Arno Schmidts anschaulich.

Wohl kaum ein anderer Schriftsteller war sich der Bedeutung von Bildern für ein Leben so bewusst wie Arno Schmidt: „Mein Leben?!: ein Tablett voll glitzernder snapshots“, schrieb er in „Aus dem Leben eines Fauns“. Was also wäre konsequenter, als sein Leben mit einer Bildbiographie nachzuzeichnen, die mosaikartig das Panorama dieser eigenwilligen und sonderlichen Schriftstellerexistenz zusammensetzt. Einführende Texte von Bernd Rauschenbach geben einen Überblick über die Stationen dieses Lebens – die Kindheit in Hamburg, die Jugend in Schlesien, Kriegszeit und Nachkriegselend, die wiederholten Wohnortwechsel, bis Arno Schmidt in Bargfeld in der Lüneburger Heide die „ihm gemäße Landschaft“ findet.

„Ein Tablett voll glitzernder Snapshots“ – Erste Bildbiographie erscheint im Jahr 2016

Arno Schmidt wurde am 18. Januar 1914 in Hamburg geboren und verbrachte in der Hansestadt seine Kindheit und Jugend. Am Ende seines Lebens lebte er völlig abgeschieden im dörflichen Niedersachsen. Er starb am 3. Juni 1979 in Celle. Für die erste umfangreiche Bildbiografie dieses Autors, eines der wichtigsten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts überhaupt, hat Herausgeberin Fanny Esterházy in Archiven nachgeforscht und Unbekanntes und zum Teil Verblüffendes zutage gefördert: Fotos, Zeichnungen, Dokumente aller Art, Bücher und Manuskripte, Notizen und Briefe, Zeitungsartikel, Alltägliches und Kurioses. Ergänzt und erläutert wird das vielfältige Material durch Textpassagen aus Arno Schmidts Werk, Auszüge aus den Tagebüchern des Autors wie seiner Frau Alice Schmidt sowie Kommentare von Schriftstellerkollegen und Freunden. Arno Schmidt hat uns zahlreiche Hinweise hinterlassen, wie er sich Aufbau und Struktur einer Biografie vorstellte, gerade der eigenen.

In seinem Vorwort zu „Materialien für eine Biographie“ heißt es, „er sei in entscheidendem Maße vom Ort abhängig“, daher müssten die „Groß=Abschnitte als Titel fast immer den Namen meines jeweiligen Aufenthaltsortes tragen“. In einem „Biogramm“ schreibt er zudem: „Leben: Existenz in hohem Grade umwelt- und landschaftsbedingt; Gliederung daher nach Orten.“ Die erschienene Bildbiografie folgt diesen Hinweisen Schmidts weitgehend, mit Ausnahme des ersten Kapitels, das seine Vorfahren und Eltern zum Thema hat, und eines Teils über die Kriegsjahre. Alle anderen sind für die Wohnorte Schmidts reserviert: Das Hamburg der Kinderzeit, die Jugend in den niederschlesischen Kleinstädten Lauban und Greiffenberg, nach dem Krieg dann Cordingen (in der Lüneburger Heide), Gau-Bickelheim (bei Mainz), Kastel (an der Saar), Darmstadt und schließlich Bargfeld. Jedes der elf Kapitel wird mit einem Text von Bernd Rauschenbach eingeleitet; diese Texte geben jeweils eine präzise Einführung in die jeweilige Lebenssituation des Protagonisten. Die Bebilderung des Bandes stammt überwiegend aus dem Nachlass Arno Schmidts. Sie wird ergänzt um Bilder aus anderen Archiven, die den Blick auf das zeitgenössische Panorama freigeben.

Schmidt bewahrte auch für uns scheinbar nebensächliche Dinge sorgfältig auf, versah sie teils sogar mit erläuternden Hinweisen für die Nachwelt. So finden sich neben Bildern, Typoskripten, Fotos und Briefen auch Fernsehzeitungen, Versandkataloge, Werbeprospekte und Etiketten von Flaschen und Konserven. Auch für dieses eigentümliche Verhalten hatte Schmidt eine Erklärung parat: „Moderne Schriftsteller müßten gesetzlich dazu angehalten werdn, zu notiren, was für Sendungen sie=sich so täglich angesehen habm.“

Der Band weitet durch viele bisher unveröffentlichte Artefakte aus dem Nachlass den Blick auf den Künstler und seine Kunst, sagt Bernd Rauschenbach über das Buch, „jede Bildbiografie geht davon aus, dass das Werk und das Leben miteinander verbunden sind, unddiese Bildbiografie ist eine Schaltstelle, in der man in beide Richtungen schauen kann, aufs Werk und aufs Leben. Und die Geschmäcker sind verschieden, aber es gibt Menschen, die gern wissen wollen, was hinter der Literatur an Leben steckt. Das kann man in so einer Bildbiografie natürlich sehr gut sehen“. All dies ist ihm gemeinsam mit Fanny Esterházy und Friedrich Forssmann meisterlich gelungen. Ihre opulente Bildbiografie ist eine akribische Spurensuche in Werk und Vita eines der bedeutendsten deutschen Schriftsteller.

Der große Einzelgänger – Neuerscheinungen zum 100. Geburtstag

„Ich habe das Unglück, in einem Staate zu leben, in dessen Grundgesetz es steht, daß die Minderheit immer Unrecht habe“: Arno Schmidt war kein einfacher Zeitgenosse und gab sich persönlich oft unnahbar, ja arrogant. Im Jahre 1949 ist Arno Schmidt fünfunddreißig Jahre alt und macht Ernst. Sein literarischer Erstling „Leviathan“ erscheint, darin neben der titeltragenden Erzählung noch „Enthymesis“ und „Gadir“. Alle drei haben nichts mehr mit den unveröffentlichten Vorkriegsproduktionen gemeinsam. Schmidt packt „die rabiate Kiste“ aus. Viele weitere literarische Sprengladungen folgten.

Das Jahr 2014 ist das Arno-Schmidt-Gedenkjahr: 100 Jahren zuvor wurde der große, rätselhafte, auch umstrittene Sprach-Experimentator geboren. Bernhard Rauschenbach hat zum Jubiläum ein „großes Lesebuch“ mit kürzeren Texten zusammengestellt, welches das Werk in seiner ganzen Vielfalt darstellt; der Erzähler wird gezeigt und der Essayist, der virtuose Sprachzauberer und seine eigenwilligen Experimente steht neben dem scharfsinnigen Analytiker. Enthalten ist auch die Erzählung „Tina oder über die Unsterblichkeit“ von 1955. Schmidt beschreibt ein Elysium unter Darmstadt (!), und wie in Homers Hades wollen die Seelen, allesamt Dichter, nichts wie auf und davon. Doch der im Diesseits erworbene Ruhm steht dem entgegen, es gilt die Regel: „Jeder ist so lange zum Leben hier unten verdammt, wie sein Name noch akustisch oder optisch auf Erden oben erscheint. “Das Ziel der Insassen ist das Vergessen – „endlich in Ruhe tot sein“. Die Literaturkritik damals nahm Schmidts Erzählungen wohlwollend zur Kenntnis, Hermann Hesse nannte den Autor „einen wirklichen Dichter“, Alfred Andersch nannte ihn gar „ein Genie“. Doch der wirtschaftliche Erfolg blieb aus, und das sollte sich bis weit in die 60er Jahre nicht ändern. Schmidt schrieb selbstironisch: „Es ist auch eine Ehre, jahraus=jahrein den worst=seller zu liefern“.

Weitere Texte des „Lesebuches“ sind unter anderem die ebenfalls 1955 entstandene Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“: Sie zeigt Schmidts Hass auf das Militär und die Adenauer-Restauration und brachte ihm eine Anzeige wegen „Gotteslästerung“ ein, die ihn zur Flucht von Trier ins liberalere Darmstadt zwang. Ebenfalls im Buch: die Erzählung „Kühe in Halbtrauer“ von 1961, eine Groteske voller Komik und eine Fingerübung für die noch folgenden Großwerke. Es ist vor allem die Mischung von bekannten und nahezu unbekannten Texten, die den Reiz dieses Lesebuchs ausmachen und dazu motivieren, mehr von dem gewaltigen Werk Schmidts kennenzulernen.

Arno Schmidt schrieb im Sommer 1960 nach Abschluss der Arbeit am Roman „KAFF auch Mare Crisium“ an seinen jüngeren Schriftstellerkollegen Hans Wollschläger, der ein großer Bewunderer und Verfechter seines Werks war: „So! : ich hätte’s wieder mal überlebt. … Das Ergebnis? Je nun; ich bin da realistisch … Besseres, als ich bereits vorgelegt habe, werde ich wohl nicht mehr vermögen.“

Wiederzufinden ist der Brief in der Sammlung „Und nun auf, zum Postauto!“. Der einzelgängerische Autor äußert sich in seinen Briefen keineswegs verschlossen gegenüber seinen Freunden, sondern offen, spitz und boshaft. Doch was immer er in welchem Ton auch von sich gab, der selbstbewusste Autor wusste um sein „großes Talent, Briefe zu schreiben“. Der Band enthält mehr als 150 Briefe Arno Schmidts, die meisten bislang unveröffentlicht, adressiert an Mutter und Schwester, Kriegs- und Schulkameraden, Verleger und Autoren sowie seinen großen Förderer Jan Philipp Reemtsma; sie geben tiefe Einblicke in den an Entbehrungen reichen und diszipliniert organisierten Alltag des Autors und dienten ihm wohl auch zur literarischen Selbstvergewisserung.

Mit dem Traum vom eigenen Haus, der für ihn Ende 1958 Realität wurde, verband sich für Arno Schmidt ein Stück weit Autonomie und Unabhängigkeit. Er zog mit seiner Frau Alice in das Heidedorf Bargfeld bei Celle. In dieser „ihm gemäßen Landschaft“ schuf er seinen eigenen Literaturkosmos, die häusliche Welt wurde zu seiner „Selfmadeworld“: ein „Hölzernes Meer“ als Schreibtisch, ein Stehpult nach seinen Bedürfnissen, ein feuerfester Archivbau nach seinen Entwürfen. Der Bildband „Arno Schmidt, Bargfeld 37“ zeigt uns diese einsiedlerische und entlegene Welt eines der Großen der Literatur: Glaspokal Friedrichs des Großen und Schnapskrug von Arno Schmidt, Zeichnungen, der geheime Familienschrein, dazu unbekannte Fotos sowie private Dokumente, Briefe und Werkzitate.

In der Bargfelder Einsiedelei schuf er „Zettel’s Traum“ (1970), „Abend mit Goldrand“ (1977) und das Fragment „Julia oder die Gemälde“. Als ihm in Berlin 1964 der Fontane- Preis verliehen wurde und Günter Grass die Laudatio hielt, wollte sich Alice Schmidt nach der Feier bei Grass bedanken. Der spätere Nobelpreisträger wehrte bescheiden ab: „Wir haben doch alle bei Ihrem Mann gelernt.“

Der Roman „Zettel’s Traum“ wird 2010 erstmals als gesetztes Buch publiziert

Vor 48 Jahren erschien „Zettel’s Traum“ als Faksimile und machte Arno Schmidt auf einen Schlag berühmt. „Es wird sich nicht mehr setzen lassen“, klagte Arno Schmidt, als er das Buch 1968 vollendet hatte. So erschien vor nun 40 Jahren „Zettel’s Traum“ als Faksimile und machte den Autor auf einen Schlag berühmt. Dabei erwiesen sich die handschriftlichen Korrekturen, Streichungen und das für den Leser unfreundliche Satzbild der Schreibmaschine neben der komplizierten Struktur des Romans als nur schwer zu überwindende Hürde für die Lektüre. Schon im Typoskript umfasst das wichtigste Buch des Schriftstellers 1334 DIN-A3-Seiten.

2010 ist „Zettel’s Traum“ erstmals als gesetztes Buch erschienen. Mit dem Roman wurde die Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts abgeschlossen. Jahrelang mühten sich Setzer, Herausgeber und Korrektoren, das hochkomplexe Layout und die eigentümliche Rechtschreibung des dreispaltigen Romans mit seinen zahlreichen Randglossen in einen lesefreundlichen Schriftsatz zu überführen, ohne den Charakter des „Überbuchs“ zu gefährden oder Eigenheiten zu glätten.
Was stünde nicht in „Zettel’s Traum?“, fragte Arno Schmidt einmal selbstironisch und selbstbewusst. Der Roman erzählt von der vergeblichen und prekären Liebe zwischen dem alternden Schriftsteller Daniel Pagenstecher, dem Alter Ego des Autors, und der sechzehnjährigen Franziska Jacobi, Tochter des Übersetzer-Ehepaars Paul und Wilma Jacobi.

Diese treffen sich an einem Julitag, von morgens um halb 4 bis zum nächsten Morgen um halb 4 in Ödlingen, einem fiktiven Ort in der südlichen Lüneburger Heide. Das ist ein großer Erzählstrang des Romans, die beiden anderen befassen sich mit Edgar Allan Poe und Sigmund Freud; es wird im Roman nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern vom Erzählen und seinen Voraussetzungen überhaupt gehandelt, zur Eröffnung in Umrissen eine Theorie zur Abbildung unbewusster Wünsche und Zwänge in der Literatur geliefert. Der Leser erfährt, dass über den Klang der Worte oft ganz andere Vorstellungen assoziiert werden, die berühmten „Etym-Effekte“. Der dozierende Pagenstecher, Schriftsteller und Poe-Fachmann, belehrt sein dreiköpfiges Publikum, von dem sich Paul aufgeschlossen, Wilma ablehnend und Franziska in bald uferloser Anbetung verhält. Ein Dauerthema des Romans ist der Voyeurismus, er gipfelt kurz vor dem Ende darin, dass Daniel (Dän) und Franziska Wilma und Paul beim Sex zusehen. Pagenstecher versucht Franziska davon zu überzeugen, dass die Verwirklichung einer Liebe stets in einer Katastrophe enden muss. Er verschwindet, als die Familie Jacobi abreist. Hinter einer Eiche versteckt sieht der alternde Schriftsteller die junge Liebe seines Lebens auf immer davonreisen: „Gehab Dich wohl, Mein=Lieb! Auf hundert Meil’n weit!“

Dieter Kaltwasser

Literatur:

Arno Schmidt: Zettel’s Traum. Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 1536 Seiten, 289,00 EUR. ISBN-13: 9783518803103

Bernd Rauschenbach / (Hg.)Arno Schmidt (Hg.): Das große Lesebuch.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2013.
445 Seiten, 9,99 EUR. ISBN-13: 9783596905553

Arno Schmidt: »Und nun auf, zum Postauto!« Briefe von Arno Schmidt. Herausgegeben von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 296 Seiten, 29,00 EUR. ISBN-13: 9783518803707

Arno Schmidt: Arno Schmidt, Bargfeld Nr. 37. Ein Album. Hrsg. von Bernd Rauschenbach.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 280 Seiten, 49,00 EUR. ISBN-13: 9783518803608

Fanny Esterházy (Hg.): Arno Schmidt. Eine Bildbiographie. Mit einführenden Texten von Bernd Rauschenbach. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 456 Seiten, 68,00 EUR. ISBN-13: 9783518804001

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Buchtipps zu Laurence Sterne

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Laurence Sterne: Werkausgabe.
Zum 250. Todestag von Laurence Sterne liegt nun eine dreibändige deutsche Werkausgabe vor, komplett übersetzt von Michael Walter. Der englisch-irische Schriftsteller gilt als Urvater des modernen Romans. Berühmt wurde er durch seine Romane „Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman“ und „Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italien“. James Joyce bewunderte die beiden Romane. Herausragende Übersetzungsleistung von Michael Walter!
(Galiani, 1952 Seiten, 98 Euro)

Hans von Trotha: A Sentimental Journey. Laurence Sterne in Shandy Hall. Der Publizist und Kenner der englischen Geschichte hat sich auf die Spuren Sternes zwischen London und dessen Haus „Shandy Hall“ in Coxwold gemacht. Seine Reise durch Leben und Werk Sternes führt zu neuen, aktuellen Sichtweisen auf einen Menschen, der für Nietzsche „der freieste Schriftsteller aller Zeiten“ war. Goethe beschrieb ihn als den „schönsten Geist, der je gewirkt hat“. Sehr empfehlenswert!
(Wagenbach Verlag, 144 Seiten, 17 Euro)

Dieter Kaltwasser

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Ein Dramatiker der Moderne

»Sie standen ratlos in Zylinderhüten“
Zum 100. Todestag von Frank Wedekind

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Vielen seiner Zeitgenossen blieb Frank Wedekind ein Rätsel, der umstrittenste Schriftsteller in seiner Generation war er gewiss. Seine Werke werden bis heute kontrovers diskutiert. Die Literaturkritik vor allem tat sich schwer mit ihm. Wir kennen Wedekind als Dichter, Schauspieler, Kabarettist und Journalist, der in München für die satirische Wochenzeitschrift »Simplicissimus« schrieb. Mit seinen gesellschaftskritischen Theaterstücken kämpfte er gegen die Schule als Dressurort, die bürgerliche Fassadenwelt und sexuelle Prüderie, er gehörte zu den meistgespielten Dramatikern seiner Epoche. Seine Texte fielen der Zensur zum Opfer und wurden wegen ihres anstößigen sexuellen Inhalts als sittenwidrig angesehen und beschlagnahmt. Es kam zu Gerichtsprozessen, wegen Majestätsbeleidigung aufgrund eines Spottgedichts wurde er in Festungshaft genommen.

Frank Wedekind wird am 24. Juli 1864 in Hannover geboren, nachdem sein Vater Friedrich Wilhelm Wedekind nach fast zwanzigjährigem Aufenthalt in Kalifornien nach Europa zurückgekehrt ist. In der Schweiz geht er zur Schule, in dieser Zeit entstehen seine ersten Texte. 1884 geht Wedekind nach Lausanne und anschließend nach München, um Jura zu studieren. In den Jahren 1887 bis 1890 lebt Wedekind abwechselnd in Zürich, Berlin und München, wo er nun häufig das Café Luitpold besucht. Ab 1888, nach einer kurzen beruflichen Episode bei Maggi als Vorsteher der Werbeabteilung und abgebrochenem Jurastudium, arbeitet er als freier Schriftsteller in Zürich. Zwei Jahre später beginnt er die Arbeit an »Frühlings Erwachen«, in den 1890er Jahren entsteht nach und nach die Kunstfigur »Lulu«. Im Dezember 1891 reist Frank Wedekind nach Paris, wo er in einer Dachstube wohnt und mit seinem Freund, dem Komponisten Richard Weinhöppel, häufig das Moulin Rouge und ähnliche Etablissements besucht. In Paris beginnt er mit der Arbeit an seinem Drama »Lulu«, die ihn zur Recherche nach London führt, in die Stadt des Frauenmörders Jack the Ripper. Der Stoff wird später von Alban Berg zu seiner gleichnamigen Oper umgearbeitet, die den Wortlaut der Texte fast unverändert übernimmt. Frauen, Erotik und Sexualität sind Wedekinds Lebensthemen, sein Frauenbild jedoch bleibt widersprüchlich.

Zurück in München wird Wedekind Mitarbeiter der von Albert Langen herausgegebenen Satirezeitschrift Simplicissimus, allein im ersten Jahrgang 1896 erscheinen 24 Beiträge von ihm.  Er lernt Lou Andrea-Salomé, August und Frida Strindberg, mit der er eine Affäre und einen gemeinsamen Sohn hat, Thomas und Heinrich Mann sowie die legendäre Dame der Schwabinger Bohème, die überschöne Franziska zu Reventlow, kennen. Erst nach der Jahrhundertwende, die Wedekind in Festungshaft erlebt, feiert er seinen Durchbruch als Dramatiker.

1905 trifft er die um 20 Jahre jüngere Schauspielerin Tilly Newes, die in Graz die Rolle der Lulu probt. Die Heirat erfolgt ein Jahr später. Endlich gelingt auch der künstlerische Durchbruch mit der Berliner Uraufführung von Frühlings Erwachen unter der Regie von Max Reinhardt. Am 12. Dezember 1906 wird die Tochter Anna Pamela geboren, die Familie bezieht eine Wohnung in der Münchner Prinzregentenstraße. Die letzten zwölf Jahre seines Lebens verbringt Wedekind, trotz immer wiederkehrenden Krisen und Trennungsabsichten, Auseinandersetzungen und gegenseitigen Kränkungen, an der Seite seiner über zwanzig Jahre jüngeren Frau Tilly, die ihn um mehr als ein halbes Jahrhundert überleben wird. Sein Enkel Anatol Regnier stellt in seiner 2007 erschienenen Biographie des Großvaters die Diskrepanzen vor, die hervortreten, wenn private Aufzeichnungen und das Werk des Autors kontrastiert werden: „In seinen Tagebüchern scheint sich Wedekind von außen zu betrachten, sich selbst zu ironisieren. In seinen dichterischen Texten steigt er hinab in die Tiefen und Abgründe seines Wesens und zeigt sich in geradezu zwanghafter, vielleicht auch übertriebener Ehrlichkeit nackt.“

Der Philosoph und Musiksoziologe Theodor W. Adorno fand 1932, 14 Jahre nach dem Tode des Schriftstellers, die berühmten Worte: »Wedekinds Dichtungen sind heute wie Chiffren ihrer selbst. Sie anzuschauen und sie verstehen ist eigentlich das gleiche. Darum taugen sie zur Erinnerung: die lautlose Bilderschrift des Jüngstvergangenen.« In dem Rundfunkvortrag beurteilt Adorno den Umgang der damaligen literarischen Öffentlichkeit mit Wedekind  als ein »Begräbnis erster Klasse« und beklagt das Fehlen der Stoffe Wedekinds ebenso wie seine Techniken, »als sei mit einem Mal den Menschen gänzlich gleichgültig, worum sie zuvor zitterten und ihre ganze Existenz angegriffen fühlten.« Wedekinds Dichtungen, so der Philosoph im hohen Ton Walter Benjamins, »schauen ihren Stoff, die Bürgerlichkeit der letzten Vorkriegsjahrzehnte, mit so starren, fremden, gleichsam hohlen Augen an, dass sie heute als vom gleichen Blick gedeutete sich kundgibt, die er vordem nur als erstarrende Fratze zu bannen schien«.  Adorno nennt Wedekind einen Autor der literarischen Moderne, einen Vorläufer des Surrealismus und der Techniken Bertolt Brechts.

Theaterhöhepunkte der letzten vierzig Jahre sind zweifellos die Inszenierungen von »Frühlings Erwachen« durch das Berliner Ensemble am Theater am Schiffbauerdamm unter der Regie von Bernhard Klaus Tragelehn und Einar Schleef im Jahre 1974 sowie Peter Zadeks »Lulu« am Deutschen Theater in Hamburg 1988. Werke wie »Frühlings Erwachen«, »Erdgeist«, »Der Kammersänger«, »Marquis von Keith«, »Die Büchse der Pandora«, »König Nicolo«, »Musik«, »Franziska« und »Lulu«, gehören zum Repertoire der Bühnen in der Gegenwart. Im Dezember 2013 sorgt die junge Autorin Helene Hegemann an der Kölner Oper für Furore. Die Pop-Autorin macht aus der 1908 erschienen Wedekind-Satire »Musik« eine Sadomaso-Groteske. Die Rockband Metallica veröffentlicht 2011 zusammen mit dem Ex-Velvet-Underground-Sänger Lou Reed eine CD namens »Lulu«, die von der Figur der »Monstretragödie« beeinflusst ist.

Frank Wedekind stirbt am 9. März 1918 in München, auf dem dortigen Waldfriedhof wird er am 12. März unter großer öffentlicher Anteilnahme beigesetzt. Doch selbst seine Beerdigung gerät zu einer Theaterinszenierung; Skandal, Drama, Pathos und Peinlichkeit inklusive. Am offenen Grab werden Männern Hüte vom Kopf geschlagen. Thomas Mann tritt während der Grabrede seines Bruders, die ihn empört, die Flucht an. Bertolt Brecht reimt: »Sie standen ratlos in Zylinderhüten. / Wie um ein Geieraas. Verstörte Raben. / Und ob sie (Tränen schwitzend) sich bemühten:/Sie konnten diesen Gaukler nicht begraben.«

Dieter Kaltwasser

(Der Artikel erschien erstmals am 19.07.2014 zum 150. Geburtstag Frank Wedekinds im Bonner General-Anzeiger)

Literaturhinweise:

Anatol Regnier: Frank Wedekind. Eine Männertragödie. btb, München 2010. 464 Seiten
12,95 EUR. ISBN-13: 9783442740949

Anatol Regnier: Du auf Deinem höchsten Dach. Tilly Wedekind und ihre Töchter. btb, München 2005. 448 Seiten, 10 EUR.
ISBN-13: 9783442726745

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Frohe Weihnachten und alles Gute für 2018!

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Fröhlich soll mein Herze springen
dieser Zeit, da vor Freud‘
alle Engel singen.
Hört, hört, wie mit vollen Chören
alle Luft laute ruft:
Christus ist geboren.

Paul Gerhardt

Allen unseren LiteraturfreundInnen
wünschen wir gesegnete Festtage
und ein gutes Neues Jahr 2018!

Bettina Johl und Dieter Kaltwasser

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