Das fehlende Recht auf Scheitern – Zur neuen alten Frauendebatte

Einer unserer frühen Beiträge aus den ersten Tagen unserer 2011 noch jungen LiteraturFreundIn, der, wie wir feststellten, noch nichts an Aktualität eingebüßt hat.

LiteraturFreundIn

Sylvia Plath Sylvia Plath

»Warum kann ich nicht verschiedene Leben anprobieren wie Kleider, um zu sehen, was mir am besten steht und zu mir paßt?«

Sylvia Plath

Wie gut viele Worte aus alten Tagen immer wieder auch in die unseren passen! So auch die der großen Schriftstellerin Sylvia Plath, die 1963 den Freitod wählte. Die Möglichkeit, verschiedene Leben „anzuprobieren“, um ein für sie passendes zu finden – „eines, das mir […] steht“! – war ihr nicht gegeben. Solches kann, wie wir wissen, zu andauernden Spannungen und unlösbaren Konflikten führen, die ein Leben lang auszuhalten nicht jedem die Kraft gegeben ist.

Ihr Beispiel stimmt nachdenklich. Nachdenklich auch angesichts der immer neu angefachten Diskussionen in jüngster Zeit um die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Mein ganz persönlicher Unwille, in Büchern, Zeitungsartikeln oder TV-Talkrunden Frauen, die sich selbst eine „Position an der Spitze“ erkämpfen konnten, von oben herab erzählen zu hören, was an der…

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Theoriegeschichte als Lifestylestory

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Ulrich Raulff und Philipp Felsch schreiben neue Bücher über die „Generation Theorie“

Sommer und Herbst der Theorie und der großen Welterzählungen sind wieder einmal zu Ende und einmal mehr fliegen Eulen der Minerva umher, um uns zu erklären, was denn in jenen theorieversessenen Jahrzehnten zwischen 1960 und 1990 eigentlich geschah. Zwei neue Bücher liegen zu dieser Frage vor. Sie befassen sich allerdings weniger mit den Inhalten der großen Theorien als vielmehr mit dem Sozialleben und der Zirkulation von Büchern – eben mit dem Lifestyle, den diese in jenen Zeiten schufen.

„Wiedersehen mit den Siebzigern“ von Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, beschreibt schon im Untertitel „Die wilden Jahre des Lesens“ treffend die Zeit, als der Autor selbst auf dem Weg war, ein Intellektueller zu werden: Wenige Jahre nach dem Tod Theodor W. Adornos wechselte er als „Flakhelfer der 68er“ nach Paris und fand dort intellektuell und existenziell zu sich selbst. In seinem Buch skizziert er unter anderem Kurzporträts großer Theoretiker, denen er selbst begegnete, darunter Michel Foucault und Roland Barthes. Ihre großen Theorien hingegen lässt er außen vor. Raulffs Äußerungen und Bewertungen zu philosophischen Theorien und Strömungen, die offensichtlich nicht zu seinem engeren Lektürekanon zählten – wie etwa die Kantforschung in den Siebzigern  beziehungsweise „die Kantianer“ der damaligen Zeit – , wirken doch ein wenig albern und selbstgefällig; sie schmälern zudem das Lesevergnügen an seinem durchaus mit Witz und Charme ausgestatteten Porträt der „Generation Theorie“.

Philipp Felsch, Juniorprofessor für Geschichte der Humanwissenschaften an der Berliner Humboldt-Uni, versteht sein Buch „Der lange Sommer der Theorie – Die Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990“ als Gattungsgeschichte: „Gattung“ sei, „was einem Text zu sozialem Leben verhilft – die Art der Bücher, die Erwartungen der Leser, die Strukturen der Gutenberg-Galaxis, in der er sich bewegt“. Das Wort „Theorie“ hatte in den Sechzigern etwas Magisches. Felsch beschreibt dies detailliert und prägnant. Mitten im Kalten Krieg lösten Ideen geistige und soziale Bewegungen aus, Intellektuelle wurden zu „Denkstil-Ikonen“, ihre Bücher zu Bestsellern. Felsch erzählt auch die Geschichte des Berliner Merve-Verlages, wo Peter Gente als „Enzyklopädist des Aufruhrs“ Texte publizierte, die neben denen von Suhrkamp für das deutsche Denken nachhaltig Impulse setzten. Eine empfehlenswerte Lektüre.

Copyright: Dieter Kaltwasser

Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie – Die Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990.  C.H. Beck 2015.  324 Seiten, 24,95 Euro

Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern – Die wilden Jahre des Lesens. Klett-Cotta 2014. 170 S., 17,95 Euro

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Weiter durch die Nacht

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Wolfgang Herrndorfs unvollendet gebliebener Roman „Bilder deiner großen Liebe“

Als der an einem unheilbaren Gehirntumor leidende Autor Wolfgang Herrndorf sich am 26. August 2013 erschoss, arbeitete er zuvor an einem Roman, von dem er wusste, dass er ihn nicht mehr vollenden konnte. In seinem Blog „Arbeit und Struktur“, worin er über sein Leben mit der schweren Erkrankung berichtet, findet sich der früheste Hinweis auf das Werk schon im Juni 2011: „Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich nicht.“ 

„Isa“, so der Arbeitstitel, sollte ein Roman kleineren Umfangs werden. Doch die Arbeit gestaltete sich schwierig, Herrndorf litt unter Erschöpfung und Konzentrationsstörungen. Es folgten Hirnoperationen, aber die Krankheit schritt unbarmherzig voran. Auf Nachfragen antwortete er im August 2012:„Isa wird nie fertig.“ Von dem 1965 in Hamburg geborenen Schriftsteller war 2002 sein Roman „In Plüsch- gewittern“ erschienen, 2007 der Erzählband „Diesseits des Van-Allan- Gürtels“, 2010 und 2011 folgten „Tschick“ und „Sand“, erst 2013 dann posthum „Arbeit und Struktur“. In seinem Testament vom 1. Juli 2013 legt Herrndorf fest: „Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen. Freunde bitten, Briefe etc. zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben.“

Da ausgeschlossen schien, den Roman fertigzustellen, wurde für Herrndorf der Blog zum letzten Projekt. Doch bei einem Treffen der Herausgeber kam das Gespräch auf „Isa“. Herrndorf schildert es in „Arbeit und Struktur“: „Passig liest die ersten zwei Kapitel von »Isa« laut vor. Die hab ich noch nie gehört, die anderen auch nicht. Gutfinden sie’s. Ich schreie und schreie und heule und tobe, und dann ist es vorbei.“ „Isa“ sollte nun doch noch veröffentlicht werden. Herrndorf akzeptierte am Ende das für ihn Schwerste: einen Roman als Fragment zu hinterlassen. So ist „Bilder deiner großen Liebe“ (der Titel stammt noch von Herrndorf) ein unvollendeter Roman geblieben, ein „kaputtes“, ungeordnetes, aber großartiges Werk, in dem seine zahlreichen Leser ihren Autor finden – nicht nur allein in der Figur des Mannes in einer grünen Trainingsjacke auf dem Friedhof. Das Landschaftsgemälde auf dem Schutzumschlag ist von der Hand des Autors.

Zu Beginn des Romans steht ein Mädchen im Hof einer Anstalt. Das Tor geht auf, das Mädchen huscht hinaus und beginnt seine Reise, durch Wälder, Felder, Dörfer, an der Autobahn und auf der Landstraße entlang: „Die Sterne wandern, und ich wandre auch.“ Isa heißt das geheimnisvolle Mädchen. Es wird auf seiner Wanderung einigen Menschen begegnen – freundlichen und verrätselten, schlechten und tief melancholischen, einem Binnenschiffer, der vielleicht ein Bankräuber ist, einem merkwürdigen Schriftsteller, einem toten Förster, einem Fernfahrer auf Holz- wegen. Auf einer Müllhalde trifft sie zwei Vierzehnjährige, Maik und Tschick. Maik verliebt sich in die etwa gleichaltrige Isa. In der Nacht beugt sie sich zu den schlafenden Jungen hinab, erst zu Tschick, dann zu Maik. Der Roman steht an dieser ungeheuren Stelle nahezu still: „Meine Knie berühren fast seinen Kopf. So bleibe ich lange und sehe ihn an. Sein Gesicht ist nachtbleich und friedlich und säuglingshaft, fast wie ein Mädchen sieht er aus. Ich mache magische Bewegungen, ich halte meine Hände über seine Stirn, über die Schläfen, über die geschlossenen Augen mit den langen Wimpern. Ich spüre seine Körperwärme in meinen Handflächen. Er spürt es nicht. Lautlos geborgen und im Schutz meiner Hände und der schirmenden Nacht liegt er da.“

Vordergründig ist „Bilder deiner großen Liebe“ die Geschichte einer jugendlichen Ausreißerin. Was im Hintergrund stets präsent bleibt und den Roman noch einmal ganz anders beglaubigt, ist die Tragödie eines Sterbenden, der nicht allein in den Tod gehen möchte und in „Isa “seinen Schutzengel und seine Totengöttin zugleich gefunden hat – die Figur eines dunklen Engels, die (wenn man „Arbeit und Struktur“ sorgfältig liest) aus zumindest zwei realen Vorbildern und mythischen Figuren zusammengesetzt ist, auf die er vieles projiziert und die ihn beim Sterben begleiten soll. Mit „Bilder deiner großen Liebe“ liegt ein Roman vor, der in der Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht; ein Leseerlebnis, das unvergesslich bleibt.

Copyright: Dieter Kaltwasser

 

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Rowohlt, 144 S., 16,95 Euro

ders.: Arbeit und Struktur. Rowohlt, 448 S.,19,95 Euro

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In den Gedächtnishalden – Über Botho Strauß

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Zwei neue Bücher des großen deutschen Schriftstellers: „Herkunft“ und „Allein mit Allen“.

Am 2. Dezember 2014 wird der in Naumburg an der Saale geborene Schriftsteller Botho Strauß 70 Jahre alt. Über seine Herkunft, seine Kindheit und Jugend, hat Botho Strauß noch nie geschrieben. In seinem neuen Buch „Herkunft“ erzählt er nun von seiner Kindheit und Jugend, von Naumburg und Bad Ems, den Orten, in denen er aufgewachsen ist, von seinen frühen, ihn prägenden Erinnerungen.

Da ist vor allem der Vater, die Portalfigur des Buches, der zuhause arbeitet, freiberuflich für Arzneimittelfirmen: „Mein Vater war Alchemist. Er stand in der Verwandlung der Stoffe.“ Er wird beschrieben in seiner ganzen bürgerlichen Genauigkeit und Strenge, der stets im Anzug an seinem Schreibtisch arbeitende Vater, mit Strumpfhalter und einer Krawattennadel, auf der eine Perle sitzt. Unweigerlich taucht vor den Augen des Lesers schemenhaft die Figur Thomas Manns auf, und der wird dann auch prompt als Lieblingsschriftsteller des Vaters beschrieben.

Es ist allerdings keine großbürgerliche Welt, von der uns Botho Strauß erzählt, sondern es ist eher ein Festhalten an bürgerlichen Normen und Fassaden, was den Vater aufrecht erhält, der im Ersten Weltkrieg eine Auge verloren hat und seine Familie in der Kurstadt Bad Ems in einem ehemaligen Hotel über die Runden bringt. Auf lediglich 90 Seiten zaubert Botho Strauß seine Kindheit in Bad Ems herauf, die Zeit zwischen seiner Ankunft dort in den Fünfzigern als Sohn von Flüchtlingen aus der sowjetisch Besatzungszone und dem Abschied als junger Mann in den frühen Siebzigern.

Mit diesem „Herkunft“ findet Strauß noch einmal zu einer neuen Seite seines Schreibens: zum Ton des Erinnerns, der Vergewisserung über die eigenen Ursprünge. Nicht nur die Genauigkeit und Präzision des Vaters wiederholt sich im Schreiben und Empfinden des Sohnes: „Den Vater und mich verbindet so etwas wie eine bürgerliche Moral des Scheiterns, das über die Generationen sich fortsetzt in unserem schlichten Geschlecht.“

Gegen Ende seiner Erzählung notiert der Schriftsteller: „Das warst du! Ein Herr der Möglichkeiten, ein Dunkelprinz. Und heute ein kleiner Schaufelsklave in den Gedächtnishalden.“

Das Werk eines wichtigen deutschen Erzählers.

(Hanser 2014, 96 S., 14,90 Euro).

Ganz anders ist das von Sebastian Kleinschmidt herausgegebene Gedankenbuch „Allein mit allen“, das den Reflexionsartisten Botho Strauß in den Mittelpunkt stellt. Diese Gedanken erscheinen thematisch geordnet in siebzehn Kapitel, wie „Von der Person: Gesicht, Stimme, Blick“, „Technik, Medien, Künstlichkeit“ oder „Alter und Tod“. So heißt es auf den letzten Seiten:

„Was in unserer Mitte so vor sich geht, ist dazu angetan, die Geister unserer Ahnen zu vergnügen. Jeder Lebende amüsiert ein ausverkauftes Haus voll Toter. Sie setzen Preise aus für die größte Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit des Tages, um die wir auf der Szene mit blutigem Ernst konkurrieren.“

Keine Blütenlese, sondern unzeitgemäße, kluge Betrachtungen eines Autors über die voranschreitende Transformation der Einzelnen und ihrer Welt. Eine bereichernde Leseerfahrung!

(Hanser 2014, 352 S., 21,90 Euro)

Dieter Kaltwasser

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Begegnung – Eine Kurzgeschichte

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Ich hätte es wissen müssen. Es stand fest, dass es geschehen würde. Dennoch traf es mich unvorbereitet. An einem jener schwer lastenden Tage des alt gewordenen Sommers, an denen bereits alle Zeichen auf Herbst stehen, ohne dass der Herbst wirklich begonnen hätte. Reste von Gewitterschwüle, deren Entladung keine Erfrischung, keine Erleichterung mit sich bringen will, nur unguten Wind aufkommen lässt, vor dem wir frösteln, ohne dass uns wirklich kalt wäre. Etwas Angespanntes, fast Lauerndes scheint in der Atmosphäre zu liegen. Keine Vorstellung, wer denn wem auflauern sollte, oder wer dies von wem zu befürchten hätte. Allem Unbehagen zum Trotz hatte ich mich auf diese Wanderung begeben, allein. Nicht etwa, weil sich keine Begleitung gefunden hätte, sondern weil ich das Alleinsein vorziehe. Weil es mir ermöglicht, unterwegs Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, an denen ich während einer Unterhaltung achtlos vorüberginge. Und auch, um in Ruhe meinen Gedanken nachzuhängen, die, von vier Wänden umgeben, oft quälende Kreise ziehen, während sie sich im Freien aufzulösen und ordnen beginnen.

Den Weg, den ich wählte, war ich oft zuvor gegangen. Er führt durch ein schattiges Tal, in dem sich entlang eines Bachlaufes mehrere Wassermühlen finden. Jede dieser Mühlen ist mehrere hundert Jahre alt. Manche wirken verlassen und heruntergekommen, sind kaum zugänglich, von verwilderten Gärten umgeben; ihre dunklen Kellergewölbe und die schwarz aus verwitterten Rahmen starrenden Fenster lassen, besonders wenn sich das Licht der untergehenden Sonne in ihren zerbrochenen Scheiben spiegelt, manchen Gedanken an Gespensterspuk aufkommen. Andere wiederum sind neu bewohnt und restauriert, wirken fast idyllisch, was über ihre wahre, wenig romantische Vergangenheit hinwegtäuschen will. Die alten Gebäude aus Stein und Fachwerk zeugen vom harten Leben eines Berufsstandes, der einst als einer der am wenigsten angesehenen galt. Ihm anzugehören bedeutete in jenen Tagen schwere Arbeit, gesellschaftliche Ächtung und Armut. Vielleicht war es eine Ahnung dessen, die mich das Tal stets mit gemischten Gefühlen durchqueren ließ; einerseits zog es mich an, andererseits drückte es mich merkwürdig nieder. Lieber wählte ich zuweilen einen Seitenpfad, der nach den ersten beiden Mühlen nach rechts abzweigt und durch Bannwald steil aufwärts zu einer Schlucht führt, die man auf einer brüchig wirkenden Holzbrücke überquert, um sodann auf die Anhöhe und freies Feld zu gelangen. Der Weg verläuft zunächst an einem entlegenen, von hohen Bäumen umstandenen, jahrhundertealten jüdischen Friedhof entlang und führt danach wieder durch Wald zu einer Burg, von deren Terrasse man einen weiten Blick über das Tal des Flusses hat, in den unterhalb des Bergsporns jener Bach mündet, der die Mühlen einst betrieb.

Wie immer hatte ich auch diesmal auf der Burg Rast gehalten und bei einer Tasse Kaffee in die Ferne geschaut. Es war später Nachmittag und die meisten der Besucher von Museum und Falknerei hatten den Heimweg angetreten. Die sonst gut besetzte Terrasse hatte sich bereits geleert, und mit dem Abzug der Menschen legte sich eine tiefe Stille über die alten, geschichtsträchtigen Mauern, in denen einst ein Märchendichter eine Novelle verfasste, die heute kaum einer mehr kennt.

Der Rückweg führte mich über den unteren Burggarten, dessen späte Rosen in der Abendsonne leuchteten, auf einen Pfad, der steil abfallend in das untere Mühlenbachtal an der Nordseite des Burgbergs führte. Neblige Kühle umfing mich; aus der Senke hatte sich das Sonnenlicht längst zurückgezogen. Außer dem Murmeln des Wassers war kein Laut zu hören. Jenseits des Baches gab es eine Straße, von der hin und wieder das Geräusch eines Fahrzeugs herüber drang; es war eine wenig befahrene Nebenstrecke. Selbst die Vögel waren hier völlig verstummt, sie schienen sich auf die Höhen zurückgezogen zu haben. Nach einem kurzen Stück durch den Wald kam eine der unteren Mühlen in Sicht, an deren Rückseite der Pfad endet. Indem man ihren Hof durchquert, gelangt man auf den Hauptweg, der über die oberhalb gelegenen Mühlen zum Ausgangspunkt zurückführt. Jene Mühle beherbergte eine kleine Gaststätte, die es schon gab, seit ich zurückdenken kann. Irgendwann hatte man sie in einen neu renovierten Gebäudeteil verlagert und modernisiert. Auf der verwinkelten Gartenterrasse saßen wenige Gäste. Das Tal lag düster und wirkte verlassen, als wäre der Tag viel weiter fortgeschritten. Über den Wiesen hingen vereinzelt Nebelschwaden. Kaum eine Spur mehr von Wanderern, Joggern, Spaziergängern und Radfahrern, die diese Gegend zu anderen Tageszeiten bevölkerten. Nun, sie würden mir nicht fehlen.

Die Mühle war kaum außer Sicht, als ich Schritte hinter mir vernahm. Sie näherten sich rasch, wirkten fest, energisch, – bei all dem nicht unbedingt eilig, aber doch forsch, deuteten auf jemanden, der ein Ziel vor Augen hatte. Kurz darauf tauchte eine Gestalt zu meiner Linken auf und ich sah, dass es eine junge Frau war. Auf meiner Höhe angelangt, sah sie kurz auf und grüßte mit der Andeutung eines Lächelns. Sie hatte mich bereits überholt, als sie sich nochmals umwandte. Etwas Erstauntes, Fragendes schien jetzt in ihrem Blick zu liegen, das sich jedoch sofort wieder verflüchtigte. Dann setzte sie ihren Weg fort, wobei sie rasch den Abstand zwischen sich und mir vergrößerte. Sie schien so groß wie ich, trug einen kleinen Rucksack, darunter eine Windjacke, ihr Haar offen über den Schultern, robuste Jeans und leichte Sportschuhe aus rauem Leder.

Frauen allein unterwegs bieten noch immer einen eher seltenen Anblick. Wenn sich zufällig zwei von ihnen begegnen, wechseln sie manchmal Blicke wie in geheimem Einvernehmen, seltener Worte. Wer die Einsamkeit aufsucht, hat seine Gründe, allein sein zu wollen. Dasselbe setzt man beim anderen voraus und respektiert es von vorneherein. In ihrem Blick hatte etwas anderes gelegen. Etwas wie Wiedererkennen. Aber woher? Ich war mir sicher, dieser jungen Frau nie begegnet zu sein, dennoch erschien mir etwas an ihr vertraut. Als ich aufsah, war sie bereits hinter der Wegbiegung verschwunden, ihre Schritte verklungen. Zur Rechten erstreckte sich ein Wiesenhang hinauf bis zum Waldrand, dort sah ich ein Reh stehen, das in meine Richtung schaute. Der Ruf eines Eichelhähers schreckte es auf, es wandte sich um und setzte mit großen Sprüngen ins Dickicht hinein. Es musste schon eine Weile dort gestanden und mich beobachtet haben. Aber warum hatte es sich von ihr nicht erschrecken lassen, die doch vor mir her ging? Und warum hatte der Häher nicht vor ihr gewarnt? Ein kühler Luftzug streifte mich.

Ich durchquerte das Wäldchen, beschleunigte, hatte es plötzlich eilig. Mein Herz hämmerte. Ich lief. Die Frau war nirgends zu sehen. Außer Atem erreichte ich schließlich eine Wegkreuzung, an der sich eine Raststelle befand. Hierhin war das fehlende Sonnenlicht zurückgekehrt, schien wie selbstverständlich golden glänzend durch die Bäume. Ich füllte meine Wasserflasche am Brunnen und ließ mich auf eine der hölzernen Bänke fallen. Noch immer jagte mein Puls. Hatte ich geglaubt, mich einholen zu können? Plötzlich stand mir alles klar vor Augen.

Ein ähnlicher Spätsommertag. Fünfundzwanzig  Jahre zuvor. Die junge Frau auf dem Rückweg von einer Wanderung, die sie alleine unternommen hatte. Obwohl – von „allein“ zu sprechen traf es nicht ganz, denn in ihrem Leib hatte sich neues Leben angekündigt, wenngleich ihr das noch nicht anzusehen war. Ihr erstes Kind, auf das sie sich freute. Eigentlich war es ihr zweites, das erste war eine Fehlgeburt gewesen. Dieses würde keine werden, sie war sich sicher. Dieses Kind würde leben. Es sollte ihr einziges bleiben, aber das konnte sie zu dieser Zeit nicht wissen. Sie war guter Dinge. Das Kleine hatte sich eingerichtet und bereitete ihr keine Beschwerden. Im Gegenteil. Sie fühlte sich kräftig, es ging ihr so gut wie nie zuvor – und nie wieder danach, aber auch das wusste sie noch nicht. Ihr Mann war zur Kur gefahren; sie verbrachte viel Zeit allein und hatte begonnen, Gefallen daran zu finden. Sie war zur Burg gewandert, auf dem bekannten Weg, hatte sich zwischendurch geringfügig verlaufen, und war auf einen entlegenen Waldweg geraten. Dort begegnete sie einem Fuchs. Es war der erste Fuchs in freier Wildbahn, den sie in ihrem Leben aus der Nähe zu sehen bekam; sie würde dies nie vergessen. Er hatte plötzlich vor ihr gestanden, wohl genauso erschrocken wie sie selbst. Eine Füchsin, denke ich mir heute – eine Fähe. Mager hatte sie ausgesehen, als wenn sie mehr für ihre Jungen jagte, die sich vermutlich irgendwo in der Nähe versteckt hielten, als für sich selbst. Und als ob sie selten schlief. Das Los aller Mütter. Die Fähe war sekundenlang wie festgewachsen auf der Mitte des Weges stehen geblieben, hatte sie mit aufmerksamen Fuchsaugen angeschaut und sich dann ohne zu große Eile ins Dickicht verzogen. Bildete sie sich ein, dass Traurigkeit in diesem Blick gelegen hatte? Die Gabe, das Leid der Tiere und mit ihm die eigene Verlorenheit zu fühlen, die zum Fluch werden kann. Füchse sind sehr klug, tröstete sie sich. Dieser wird es schaffen! Sie werden ihn nicht vor die Flinte bekommen. Sie mochte Füchse sehr und freute sich, dass es ihr vergönnt gewesen war, einem zu begegnen. Sie war weiter zur Burg gewandert, hatte auf der Terrasse in der Sonne gesessen, auf den Fluss geschaut, der ihr Fluss war, immer schon, und eine Tasse Tee getrunken – keinen Kaffee, den mochte sie während dieser Zeit nicht, das Kind wehrte sich dagegen. Es trinkt bis heute keinen. Nie. Später hatte sie noch einige Zeit im Burggarten gesessen und die Rosen bewundert. Die Sonne war tief gesunken, als sie den Rückweg an der Schattenseite des Berges antrat. Sie war zügig ausgeschritten, hatte sich nicht aufhalten lassen. Alsbald war sie zur Mühle gelangt, hatte deren Hof durchquert und befand sich nun auf dem Weg durch das obere Tal.

Außer der Frau, die vor ihr ging, schien niemand unterwegs zu sein. Diese war ähnlich gekleidet und ausgerüstet wie sie selbst. Sie ging langsam, schien es nicht eilig zu haben. Sie war nicht mehr jung; aus nächster Nähe war es ihr anzusehen. Die junge Frau hatte sie sehr bald eingeholt. Sie warf ihr einen verstohlen neugierigen Seitenblick zu und grüßte etwas verlegen, als die Ältere aufsah und ihre Blicke sich begegneten. Etwas wie Verwunderung las sie in deren Augen. Vertraut schien sie ihr – und doch fremd. Aber es war natürlich unhöflich, jemanden anzustarren. Sie ging rasch weiter. Irgendetwas veranlasste sie, sich nochmals umzudrehen und zurückzuschauen. Sie sah den Blick der anderen auf sich ruhen. Etwas in ihr ahnte dunkel, dass diese etwas wissen könnte, das mit ihr zu tun hatte. Etwas, das wichtig war. Ein kurzer Impuls, stehen zu bleiben, sie anzusprechen, sie einfach zu fragen. Sie zögerte – und ging dann weiter. Sie wagte es nicht. Als sie sich nochmals umdrehte, war die Ältere verschwunden. Wohin mochte sie so schnell abgebogen sein? Der Weg teilte sich auf diesem Abschnitt doch nirgends? Oder hatte sie etwas vergessen und war zurückgegangen? Aber wohin? Woher war sie gekommen? Auf der Burg hatte sie sie nicht gesehen. Nachdenklich setzte die Jüngere ihren Weg fort. Sie gelangte zum Rastplatz, der ruhig in der Abendsonne lag, setzte sich auf eine Bank und schloss die Augen. Sie versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Die Frau, der sie begegnet war, hatte etwas mit ihr zu tun, das fühlte sie. Was immer sie suchte, diese schien den Schlüssel dazu zu besitzen. Warum bin ich an ihr vorbeigegangen, statt einfach ein Stück des Weges neben ihr zu bleiben? Wollte ich es nicht wissen? Fürchtete ich, zurückgewiesen zu werden? „Wo bist Du?“ Sie hatte diese Worte nur mehr geflüstert, dennoch erschrak sie über ihren Klang, es war ihr, als hallten sie von der nahen Schlucht her zurück.

War da ein Ruf? Es ist alles ruhig. Puls und Atemfrequenz – fast – wieder normal. Die Sonne scheint. Zwitschern vereinzelter Vögel. Manchmal knacken Äste. Es sind die Geräusche des Waldes, die mich nie beunruhigen. Stets habe ich in meinem Leben das Gefühl, dass der Wald, sobald ich mich in ihm befinde, einen Mantel um mich breitet. Das Grün der Bäume wirkt ausgelaugt, Zeichen des alternden Sommers. Bald ist Herbst.

© Bettina Johl

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Leise und eindringliche Erzählkunst

Aller Liebe

Über „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann

Kritiker, denen es außer an eigenem Stil schlicht an Kinderstube mangelt, werden uns wohl zu allen Zeiten manche Lektüre sauer zu machen versuchen. Wundersam mutet dies an, wenn man solches Niveau nicht etwa in einem drittklassigen Schmierblatt, sondern in einer überregionalen Zeitung vorfindet, die sich gern als DIE Meinungsbildnerin kluger Köpfe darstellt. Das Gute daran: Ich sah mich daraufhin veranlasst, Judith Hermanns Roman nun tatsächlich zu lesen, was sonst kaum geschehen wäre, da ich gewöhnlich um so und ähnlich lautende Titel wie „Aller Liebe Anfang“ einen Bogen zu machen pflege. Alles in allem brachte mich die Autorin dazu, ein Buch, das mich zunächst zugegeben wenig interessierte, in eineinhalb Tagen zu Ende zu lesen, darüber alles andere zu vernachlässigen und es zwischendurch kaum aus der Hand legen zu können. Ein leiser, eindringlicher Erzählstil versteht es, eine beklemmende Spannung aufzubauen, die den Leser in den Bann zieht. Dass manche jahreszeitliche Naturerscheinung nicht recht passen will, kann notfalls als Symbol für eine allgemein aus den Fugen geratende Welt genommen werden; die sensible Schilderung von Menschen mit all ihren unerfüllten Träumen und Sehnsüchten, die kein „Zu alt“ kennen, macht dies allemal wett. Ich freue mich, dass es für den Erich-Fried-Preis ausgewählt wurde.

Bettina Johl

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang, S.Fischer, Frankfurt am Main 2014, 224 Seiten, 19,99 Euro

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Über Gott und die Welt

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Thomas Nagel: Geist und Kosmos. Der amerikanische Philosoph ist mit seinem 1974 publizierten Aufsatz „Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?“ bekannt geworden. Er tritt dort Bemühungen der vollständigen „Zurückführbarkeit“ bezüglich der Erklärung des Bewusstseins entgegen: Was auch immer wir über das Gehirn einer Fledermaus wissen – wir können nicht (und werden wohl auch nie) deren Perspektive einnehmen. Der naturwissenschaftlichen Erkenntnis sind Schranken gesetzt. In seinem neuen Buch setzt Nagel das fort: Diese Lücken werden nicht von materialistischen Theorien geschlossen: Bewusstsein, Denken und Werte lassen sich nicht reduzieren, schon gar nicht auf rein physikalische Gesetze. Eine Theorie jedoch, die all dies nicht zu erklären vermag, sei mit Sicherheit falsch. Nagel entwickelt erste Ansätze einer neuen Perspektive auf Geist und Kosmos. Beeindruckend!(Suhrkamp, 187 S., 24,95 Euro)

Ronald Dworkin: Religion ohne Gott. Was ist religiös an einer Haltung, in der Gott keine Rolle mehr spielt? Mit dieser Frage beschäftigte sich Ronald Dworkin in seinen Einstein-Vorlesungen, die er bis kurz vor seinem Tod zu diesemBuch ausgearbeitet hat.Der 2013 verstorbene Philosoph hat mit „Religion ohne Gott“ noch einmal seiner humanistisch geprägten Weltsicht Ausdruck verliehen. Religion bedeutet nach Dworkin eine Sicht auf dieWelt, die von einem Glauben an objektive Werte getragen wird – daran, dass Geschöpfe eine Würde haben, dass ein Leben gelingen oder verfehlt werden kann, dass es Schönheit in der Welt gibt, die nicht lediglich Konstrukt unserer Sinnesorgane ist. Religion ist eine Weltsicht, nach der es eine „eigenständigeWirklichkeit von Werten“ gibt, die „alles durchdringt“. So eine Religion, so lautet das nachdenkenswerte Credo des Philosophen, hat etwas Tieferes als Gott. (Suhrkamp, 146 S., 19,95 Euro)

Peter Sloterdijk, Thomas Macho: Gespräche über Gott, Geist und Geld. „Ein Streifzug durch die Gegenwart abseits vertrauter Pfade“ – so lautete die Ankündigung dieser Gespräche, die der Karlsruher Philosoph und der Berliner Kulturwissenschaftler mit dem Kulturhistoriker und Juristen Manfred Osten im Rahmen zweier Veranstaltungen auf Schloss Neuhardenberg im Jahre 2012 und 2013 führten und die nun in Buchform vorliegen. Die Gesprächsrunde debattierte dabei über die Renaissance des Religiösen, über die Hölle als „Verfassungsorgan“, über Gottvertrauen und Geldvertrauen, über Kapitalismus als Religion, über den Zusammenhang von Geist und Geld. Dabei wurde auch der nicht nur philosophisch interessanten Frage nachgegangen, „ob das Wort aus den Evangelien eigentlich noch gilt, der Geist weht wohin er will und nicht wohin das Geld es will.“ Sehr empfehlenswert! (Herder, 112. S., 12 Euro)

Dieter Kaltwasser

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