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Blühende Gefilde – Hölderlins Tübingen (Aus: „Holunderblüten“, Roman von Bettina Johl)

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Sich der Stadt annähern, von den Höhen des östlichen Schwarzwaldes her, aus dem Tal der Nagold kommend über Calw nach Herrenberg, der Deutschen Fachwerkstraße folgend entlang der Ammer. Das Flüsschen, welches in Tübingen auf den Neckar trifft, entbehrt gerade im Frühling nicht eines gewissen Reizes. Die sanft auslaufenden Hügel gehen in eine offene, als „Heckengäu“ bezeichnete Landschaft über. Obstplantagen, jedoch auch weite Streuobstwiesen, die Kirsch- und Birnbäume in voller Blüte, dazwischen schneeweiß leuchtende Schlehdornhecken. Das Frühjahr ist hier sehr viel weiter fortgeschritten. Malerische Ortschaften, eine Bilderbuchlandschaft. Mit grünen Schindeln gedeckte Kirchturmdächer. Zur Rechten ragt auf einem frei stehenden Hügel die weithin sichtbare Sankt-Remigius-Kapelle zu Wurmlingen, auch Wurmlinger Kapelle genannt, auf, von der euer Dichter zu Tübinger Studienzeiten in einem Brief an seine Schwester Rike schrieb:

Ich werde einen Spaziergang mit Hegel auf die Wurmlinger Kapelle machen, wo die berühmte schöne Aussicht ist.

In der Tat, denkst du, muss die Aussicht von dort einmalig sein, zumal frei in alle Richtungen. Du hoffst, dass dir später noch Zeit für einen Abstecher dorthin bleiben wird.

 

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Tübingen präsentiert sich dir sehr viel anders als noch drei Monate zuvor. Du hast geradezu Mühe, die Stadt wiederzuerkennen. Anlässlich eines soeben stattfindenden Marktes herrscht drangvolle Enge. Lärmende Menschenmassen schieben sich durch die schmalen Gassen, zügiges Vorankommen ist nahezu unmöglich. Du hast kaum ein Auge für die Altstadt, willst so schnell wie möglich zum Turm deines Dichters. An der Neckarbrücke angekommen, traust du deinen Augen kaum: Die Ufermauer, an der jener Pfad den Zwinger entlangführt, auf dem ihr euch im Winter als einzige mehr oder weniger schliddernd zum Turm hin fortbewegtet, ist dicht besetzt mit Menschen, die darauf in Reih und Glied in der Sonne sitzen wie Sperlinge auf dem Draht und dem Treiben der Stocherkähne zusehen. Selbst der Platz vor dem Zugang zum Turm ist belagert, dort stehen vollbelegte Tische und Stühle eines benachbarten Restaurants. Der Eingang zum Haus mutet hingegen schlicht an. Eine Seitentür, die sich eher wie zufällig durch einfaches Dagegendrücken öffnen lässt. Du trittst ein – und findest stille, menschenleere Räume vor. Bis auf zwei junge Studentinnen scheint sich niemand außer dir hierher verirrt zu haben. Du kannst es nicht lassen, zu der freundlichen Dame am Empfang zu sagen: „Und ich dachte schon, hier drinnen sei es ebenso überfüllt wie draußen.“ Diese meint lächelnd: „Solches haben wir hier eher nicht zu befürchten!“

Vor dir liegt der lange Gang mit den Steinfliesen, den euer Dichter – wie überliefert ist – alle Tage „mit gewaltigen Schritten durchmessen“ habe; dieser endet an der hinteren Tür, die in ein kleines Gärtchen hinausführt. Rechterhand führt eine Wendeltreppe zum Turmzimmer hinauf. Dorthin zieht es dich zuerst. Du ersteigst die Treppe und betrittst den sonnendurchfluteten, halbrunden Raum. Er ist leer, unmöbliert bis auf zwei Stühle. Zwei der drei hohen, mehrfach unterteilten Doppelfenster zum Neckar und zum Garten hin stehen offen. Auf dem hölzernen Dielenboden eine Vase mit frischen Blumen. Rosarote Tulpen.

 

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Mit der Illusion, hier noch etwas Originales vorzufinden, bist du nicht hergekommen. Chroniken zufolge brannte der Turm 1875 bis auf die Grundmauern ab, nachdem er schon vorher immer wieder Veränderungen durch Umbauarbeiten erfahren hatte. Der jetzige Zustand, sagt man, soll dem Original wieder recht nahekommen. Schlicht weißgetüncht und schmucklos sei der Raum auch damals gewesen, geht aus Aufzeichnungen von Besuchern des Dichters hervor. Im Hinblick darauf empfindest du es als angenehm, dass auf nachgebildetes Inventar verzichtet wurde und so Raum bleibt für eigene Vorstellungen. Ein Klavier soll es gegeben haben, auf dem er viel improvisierte. Auch ein Sofa, an dem er, als man es ihm ins Zimmer stellte, besondere Freude hatte.

An der einzigen geraden Wand des Raumes: Vier gerahmte Jahreszeiten-Gedichte. Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Das Frühlingsgedicht fällt dir ins Auge:

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

d. 24 April 1839.

mit Untertänigkeit

Scardanelli.  

Alle vier sind unterzeichnet mit Scardanelli, sind späteste Gedichte aus der Turm-Zeit. Der Zugschaffner kommt dir wieder in den Sinn: Das Bild des „kritzelnden“ Dichters im Turm. In der Tat sollen viele dieser Gedichte auf Anfragen von Besuchern im Handumdrehen niedergeschrieben worden sein. Ob sie jedoch tatsächlich just zum jeweiligen Zeitpunkt entstanden oder ob er sie aus seinem Gedächtnis hervorholte, wo er sie seit längerem fertig hütete, – niemand vermag es zu sagen.

 

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Das Panorama vor dem Fenster. Immerhin hieß es einst, man könne aus dem Zimmer „das ganze Neckartal samt dem Steinlacher Tal“ übersehen. Was ist davon übrig? Du öffnest einen der angelehnten Flügel des linken Fensters, schaust hinaus.

Lärm dringt vom Fluss herauf, auf dem die Stocherkähne unterwegs sind. Spektakel für die auf der Ufermauer Sitzenden. Der Blick aus dem mittleren Fenster reicht bis zu den hohen Bäumen auf der Neckarinsel. Fast ein ähnlicher Anblick, wie ihr ihn hattet in eurem kleinen Hotel, nur dass der Fluss hier noch jung ist, schmaler und weniger tief, die Fließrichtung eine andere und die Insel mit ihrer Platanenallee begehbar ist. Vom Tal der Steinlach, die von der Schwäbischen Alb her kommend, unweit hier gegenüber mündet, ist nichts zu sehen; das jenseitige Ufer ist längst zugebaut. Du lehnst dich aus dem rechten Fenster, das auf den terrassenartig angelegten, ebenfalls ans Ufer grenzenden Garten hinaus geht. Wenigstens dieser liegt ruhig, ist nur Besuchern des Museums zugänglich, mag sich noch am ehesten dazu eignen, die Stimmung früherer Zeiten herbeizuzaubern.

Dennoch, – der halbrunde, stille, weitgehend leere Raum verfehlt seine Wirkung nicht. Die Stühle laden dazu ein, sich zu setzen. Anflug von Traurigkeit, plötzlich.

Ein Leben, das nach der ersten Hälfte zu Ende schien, – fortan ein nunmehr reduziertes Dasein, über Jahre auf engsten Raum beschränkt. Als wäre das gleichnamige Gedicht „Hälfte des Lebens“ eine – selbsterfüllende? – Prophezeiung gewesen. Sechsunddreißig Jahre hier zugebracht in weitgehender Abgeschiedenheit.

Am 11. September 1806 brachte ihn ein auf Veranlassung seiner Mutter und seines Freundes Isaac von Sinclair bestellter Wagen von Homburg nach Tübingen ins Autenriethsche Klinikum. Ob Sinclair mit der Betreuung des depressiven Freundes überfordert war oder ob das Ganze gar einen Versuch der Freunde darstellte, in jenen politisch unruhigen Zeiten den wegen seiner Nähe zu revolutionärem Gedankengut verdächtigen Dichter mittels eines ärztlichen Attests vor drohender Inhaftierung zu schützen, bleibt im Dunkeln. Nach dem Klinikaufenthalt jedenfalls war endgültig auf eine Besserung seines Zustandes nicht mehr zu hoffen. Dass die Anstalt zur Behandlung von sogenannten Geisteskrankheiten zu den für die damalige Zeit modernsten und – es widerstrebt dir, das Wort zu verwenden – humansten zählte, die sich immerhin an neuesten Forschungserkenntnissen aus den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika orientierte, macht es nicht besser und mutet wie Hohn an. Beschreibungen der Zwangsmaßnahmen, denen die Insassen ausgesetzt waren, lassen einem das Blut in den Adern gefrieren.

Nach einem halben Jahr entließ man ihn. Diagnose: Unheilbar, aber ungefährlich. Er hatte Glück im Unglück, kam im Hause des belesenen Handwerkers unter, der ihn bei Schreinerarbeiten in der Klinik kennengelernt, im Laufe der Zeit öfter besucht und sein Vertrauen gewonnen hatte. Dem es nach eigenen Worten leid darum war, „daß ein so schöner, herrlicher Geist zu Grund gehen soll“, und der ihn zu sich in fürsorgliche Pflege nahm. Höchstens zwei oder drei Jahre hatte man dem Siebenunddreißigjährigen noch an Lebenserwartung zuerkannt. Zahlendreher: Er sollte ein Alter von dreiundsiebzig Jahren erreichen! Während der gesamten Zeit, heißt es, sei er selten krank gewesen. Nur die Unruhe, – sie hat ihn nicht mehr verlassen.

Rastlos soll er in dem Raum, den du hier auf dich wirken lässt, auf und ab gegangen sein, endlose Selbstgespräche geführt haben. Wenn das ein Zeichen von Wahnsinn ist? Lieber nicht darüber nachdenken!

[…]

Die Bettine, deine Namensvetterin, die du dir inzwischen getreulich hinzuzuziehen getraust, die euren Dichter nie selbst traf, ihn jedoch mit ihrer Sensibilität besser zu verstehen schien, als manch anderer Zeitgenosse, schrieb, bezugnehmend auf die Diskussion, die sich über dessen Wahnsinn entsponnen hatte, freimütig und treffsicher über den Zustand der Gesellschaft, in der beide lebten:

„Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewusst… und das ist unser Wahnsinn.“

 

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Nachdenklich den Raum verlassen. Hinuntergehen. Am Fuß der Treppe geht es rechts zur hinteren Tür. Sie steht offen, führt in den kleinen Garten hinaus. Er wirkt verträumt, könnte früher ähnlich ausgesehen haben. Steinstufen, ein kleines Stück Wiese, Hecken, ein schmaler Kiesweg. Zur Rechten die Stadtmauer, mit wilden Weinreben bewachsen, auf der sich das nächste, darüber liegende Haus anschließt. Hinter einem alten Staketenzaun mit verschlossenem Tor der angrenzende Obstgarten mit teilweise schon blühenden Apfelbäumen. Im Geviert vor dem Zaun ein steinerner Brunnentrog und ein noch recht junger Kastanienbaum, umstanden von kleinen, tiefblauen Traubenhyazinthen.

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Zur Linken führen Stufen hinunter zum Zwinger, der unterhalb des Hauses zwischen dem Turm und der Ufermauer entlang führt. Er muss diesen Weg oft gegangen sein, euer Dichter, zuweilen sehr früh am Morgen. Seine Spaziergänge dehnte er oft über mehrere Stunden aus. Auch dieser Teil des Weges ist bis zur Pforte glücklicherweise nicht öffentlich zugänglich. Ein ruhiger Uferabschnitt zum Atemholen. Im Wasser spiegelndes Sonnenlicht, Trauerweiden in frischem Grün. Die Hausmauer teilweise mit dichtem Efeu bewachsen, eine Büste des Dichters in einer Maueraussparung. Gelb blühende Forsythien, ein Holunderstrauch. Ruhebänke, vereinzelte Tulpenbeete. Dies alles schön und schlicht angelegt, nichts Überladenes. Idyll zum Innehalten.

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Lieber, wärest Du hier – denkst du – könnte ich es mit Dir teilen. Ich musste mir die Frage stellen, ob ich ohne Dich kann. Um zu überleben, musste ich mich dazu durchringen, zu sagen: Ich kann! Es wäre sehr schmerzhaft, sehr traurig, – gewiss! Wie einen Farbfilm in Schwarz-Weiß weiterschauen müssen, weil die Bildröhre im Fernsehgerät kaputt ist. Aber: Ich kann! Die Frage ist, ob ich es will. Und eigentlich will ich es nicht!

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Impuls: Den Rest des Tages einfach weiter hier zu verbringen. Nur sitzen und schauen, eurem Dichter nahe sein. Jedoch: Es treibt dich weiter, wie immer läuft dir die Zeit davon.

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Die Ausstellungsräume passierst du zügig. Du wirst wiederkommen. In einem der Schaukästen begegnest du schließlich der Büste der Diotima, – vielmehr der Frau, die euren Dichter zur Diotima im Hyperion inspirierte: Susette Gontard, seiner großen Liebe. Einer Liebe, für die es keine Zukunft gab, – ja, nicht einmal eine Gegenwart.

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Das Haus der Gontards, wo er jene Hauslehrerstelle antrat, lag in Frankfurt am Großen Hirschgraben, nur einen Steinwurf vom Geburtshaus des großen Goethe entfernt, – welche bittere Ironie auch dies! Der Hausherr galt als erfolgreicher Tuchhändler und Bankier, gänzlich damit ausgefüllt, die Geschäfte am Laufen zu halten. Die Bedürfnisse seiner Frau mögen hiervon ganz verschieden gewesen sein und hatten vermutlich dahinter zurückzutreten. Zweifelsohne muss sie eine sehr schöne Frau gewesen sein, dies zeigt jener Abguss eines Hochreliefs des zeitgenössischen Künstlers Landolin Ohnmacht, welcher hier ausgestellt ist. Die plastische Darstellung lässt sich durchaus mit dem Bild in Einklang bringen, das sich aus Schilderungen anderer Zeitgenossen ergibt, die sie als klug, gütig und sanftmütig beschreiben. Duldsam wohl auch. Rebellion, Aufbegehren, – gar den Ausbruch in Erwägung ziehen, schien ihre Sache nicht zu sein, war ihr nicht gegeben. Wie es überhaupt immer nur Sache von ganz wenigen war, die es tatsächlich wagten. Außerdem hatte sie Kinder, die sie nicht verlieren wollte. Die rechtliche Stellung der Frau ließ keine großen Handlungsspielräume. Gründe fürs Ausharren in einer meist arrangierten Ehe waren oft rein wirtschaftlicher Natur. Gefühle konnte man sich selten leisten.

Dennoch: Zwei Menschen begegnen sich, stellen fest, dass sie dieselbe Sprache sprechen, ähnlich fühlen, ähnlich denken. Ihr wisst aus jüngster Erfahrung, welchen Verlauf solches nimmt. Gegensteuern zwecklos! Es kommt, wie es kommen muss, – früher oder später ist der Konflikt unausweichlich. Der Dichter verlässt das Haus, um sich in Homburg niederzulassen. Es bleibt nur noch die Möglichkeit zu kurzen, heimlichen Treffen am außerhalb Frankfurts gelegenen Sommersitz der Familie. Dem verstohlenen Austausch von Briefen durch die Hecke. Ein Zustand zermürbend, nervenzerfetzend! Er versucht, sich neu zu orientieren, kehrt schließlich zurück in seine schwäbische Heimat, nimmt im Laufe der Zeit nochmals Hofmeisterstellen an. Weit entfernt liegende diesmal, zunächst in Hauptwil in der Schweiz, später in Bordeaux. Reist jeweils zu Fuß über die Gebirge, rastloser Wanderer, der er ist und bleiben wird. Dann die Nachricht vom Tode Susettes, die ihn nach der Rückkehr aus Frankreich – oder bereits unterwegs, wie Pierre Bertaux mutmaßte? – erreicht. Ein Riss in der Seele, der durch nichts mehr zu kitten ist.

Du ringst die Schwermut nieder. Ins Gästebuch schreibst du in einem Anfall von Kühnheit: Nächstens mehr. Fragst die Dame am Empfang nach dem Weg zum Stadtfriedhof und zum Österberg, wohin Wilhelm Waiblinger, Hölderlins erster Biograph, euren Dichter in jenen Jahren öfters mitnahm, wie in dessen Schrift „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn“ zu lesen ist:

Womit ich ihn am meisten vergnügte, das war ein hübsches Gartenhaus, das ich auf dem Österberg bewohnte, dasselbe, worin Wieland die Erstlinge seiner Muse niederschrieb. Hier hat man Aussicht über grüne freundliche Thäler, die am Schloßberg emporgelagerte Stadt, die Krümmung des Neckars, viele lachende Dörfer und die Kette der Alb.

Der Österberg sei zu Fuß gut zu erreichen, hörst du, aber wo jenes Gartenhaus stand, wisse heute niemand mehr. Du machst dich dennoch auf den Weg, willst dich umschauen. Und wirst – wie vorherzusehen war – enttäuscht. Der Berg ist zugebaut, fast nirgends freie Sicht, wo diese möglich wäre, ist sie durch hohe Bäume eingeschränkt. Dennoch: Du warst oben, hast einen Eindruck von seiner Lage erhalten. Sehr gut vorstellbar, dass es hier früher statt der Häuser Gartengrundstücke gab, die eine Aussicht wie die beschriebene boten.

Auf der Suche nach dem Weg zum Friedhof verlierst du die Orientierung, bringst die Wegbeschreibung nicht mehr auswendig zusammen, hast nur einen dürftigen Stadtplan, der so weit nicht reicht. Im Alten Botanischen Garten gibt es ein Hölderlin-Denkmal, das als solches gar nicht ohne weiteres erkennbar ist. Der Rasen ist über und über von jungen Menschen – sicher hauptsächlich Studierenden – belagert, denen er als Liegewiese dient. Nachfragen führt zu nicht unfreundlichem, aber ratlosem Achselzucken. Hölderlin? Keine Ahnung!

Ein Mann, wie du schätzt, im besten Schwabenalter wie du selbst – Schwaben werden bekanntlich mit vierzig Jahren „gescheit“, nun ja, auf die Wirkung wartest du noch – bekommt deine Bemühungen mit und weist dir schließlich den Weg zum Friedhof. Begleitet dich sogar noch ein ganzes Stück, bis fast vors Tor, beschreibt dir auch die Lage des Grabs. Er scheint sich sehr gut auszukennen, interessiert sich für dein Projekt; er weiß wahrscheinlich sehr viel mehr als du selbst über die Hölderlin-Gesellschaft, fragt dich, ob du Härtlings Roman und die Texte von Ulrich Gaier kennst. Siehe da: Ein ähnlich Gesinnter und obendrein angenehmer Weggefährte in der hoffnungslos überlaufenen, kleinen Universitätsstadt!

 

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Der Stadtfriedhof – Grablege für zahlreiche Tübinger Persönlichkeiten, darunter auch Ludwig Uhland und Ottilie Wildermuth – ist schmal und langgezogen; es führt eine verkehrsreiche Straße daran vorbei, die es etwas schwer macht, ihn als Ort des Rückzugs und der Besinnung wahrzunehmen. Aber vielleicht müssen diese Gegensätze gerade hier deutlich werden, – wie auch bei den lärmenden Studenten im Alten Botanischen Garten rund um die aufgestellten Denkmäler, wo die Statuen schon einmal einen umherfliegenden Ball an den Kopf bekommen. Blitzlichtartige Erinnerung eingedenk des Besuchs im Turm: Auszüge an der Treppenwand aus der späten Schrift „In lieblicher Bläue“. Sie endet mit den schlichten Worten:

Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

 

Aus dem noch unveröffentlichten Roman „Holunderblüten“

© Bettina Johl

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Fichte und Hölderlin – Aus dem Roman „Holunderblüten“ von Bettina Johl

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Zum Gedenken an Johann Gottlieb Fichte ( *19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda;  † 29. Januar 1814 in Berlin)

Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus dem Nichts.

Friedrich Hölderlin

(Aus: Das Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus)

 

*

Der Dichter selbst als Philosoph? Als ein solcher sah er sich zweifellos. Er bestand darauf, als Dichter notwendigerweise Philosoph sein zu müssen – und umgekehrt. Die Bereiche Dichtung und Philosophie sah er als untrennbar an und widmete sich zeitlebens der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte: Beide einer neuen Einheit zuzuführen.

Ihr lest: Die Idee der Schönheit, die sich in der Kunst ausdrückt, sei die Idee, die alle anderen Ideen vereinige, und ein Philosoph müsse gerade so viel ästhetische Kraft besitzen wie ein Dichter, sonst nämlich bleibe er ein Buchstabenphilosoph, den keiner verstehe und der somit auch das Volk nicht erreiche. Die Poesie hingegen müsse wieder die Rolle der Lehrerin der Menschheit übernehmen, wie sie diese bereits zu Beginn inne hatte. Und letztlich – so schließt er kühn – werde die Dichtkunst alle anderen Wissenschaften und Künste überleben.

Große Worte eines jungen Menschen. Er wird ihnen treu bleiben. Ihr staunt. Die Dichtkunst wird also überleben. Wird sie in letzter Konsequenz das sein, was bleibt? Das Schriftfragment, in dem sich all dies findet, nennt sich das „Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“. Es handelt sich hierbei um einen Entwurf der Tübinger Studienfreunde, nach Aussage der Forschung überliefert in Hegels Handschrift, nach einem Konzept von Schelling – und deutlich geprägt durch euren Dichter. Viele der hier enthaltenen Gedanken finden sich nahezu wörtlich im „Hyperion“ wieder, den er in sehr jungen Jahren begann und an dem er viele Jahre arbeitete. Ein Entwurf, nicht ganz vollständig erhalten, welcher Anfang 1797 entstand, als das bezeichnete Dreigestirn nach Jahren, in Frankfurt, zu erneutem Austausch wieder zueinander fand.

Dies also wurde vor mehr als zweihundert Jahren zu Papier gebracht durch drei außergewöhnlich begabte, noch immer junge Menschen. Zu dieser Zeit hatte noch keiner von ihnen das dreißigste Lebensjahr erreicht. Es beschäftigt dich. Wie ergeht es euch, wenn ihr aus heutiger Sicht darauf schaut? Wie ist es heute um Philosophie und Dichtkunst bestellt? Revolutionen, Weltkriege, die technische Entwicklung und der allgemeine Lauf der Zeit haben die Gesellschaft verändert wie nie zuvor. Die Philosophie scheint ein Schattendasein unter den Wissenschaften zu führen, geistert durch die Feuilletons, welche nur von einem kleinen Kreis gelesen werden. Oftmals erscheinen dir diese eher als eine Spielwiese der Selbstdarstellung, wo mit Begriffen jongliert wird, angesichts derer du dich fragst, ob jene, die sie verwenden, sie eigentlich selber verstehen. Oder sollten diese einzig dem Zweck dienen, beim Leser Erstarren in Ehrfurcht vor vermeintlicher geistiger Überlegenheit auszulösen? Feuilletonbeiträge, so verriet dir einmal der Chefredakteur einer überregionalen Zeitung, würden insgesamt wenig gelesen, dies erkläre auch das Phänomen, dass immer einmal wieder politisch inkorrekte Beiträge darin auftauchen könnten und niemand rege sich darüber auf, keiner nehme es zur Kenntnis, eben weil es keiner wirklich gelesen habe. Eigentlich diene ein Feuilleton vor allem dazu, eine Zeitung aufzuwerten. Der Leser, auch wenn er es nicht liest, würde es dennoch vermissen, wäre es nicht vorhanden, verleiht es doch der Zeitung das gewisse Niveau. Dies wertet wiederum auch den Leser auf, er liest schließlich ein anspruchsvolles Blatt, selbst wenn dies Lesen sich auf das Überfliegen der Schlagzeilen beschränken sollte. Noch dieselbe oberflächliche Eitelkeit und Beliebigkeit also, die sich bezeichnend als „feuilletonistisches Zeitalter“ in Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ kritisiert findet?

Philosophen also ungestört unter sich im Elfenbeinturm? Unbeachtet – und damit auch ungestört – vom Rest der Welt? „Stimmt so nicht!“ – sagt dein Philosophenfreund, der sich unter denselben bewegt. Möglicherweise hat er Recht. Aber der Eindruck bleibt. Und die Frage: Wem nützt Philosophie, solange ihre Vertreter dem Leser suggerieren, ihre Inhalte könnten von einfach denkenden Menschen nicht verstanden werden? Wird es hier nicht höchste Zeit, sich einzumischen?

Jung war sie damals: Die Vorstellung des Menschen von sich selbst als absolut freiem Wesen, bestimmt zum freiheitlichen Handeln, welche aus dem Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution entstand. In Deutschland und von Deutschland aus wurde diese maßgebend geprägt durch die Philosophen Kant, den euer Dichter in Tübingen eingehend studierte, und Fichte, den er später in Jena hörte. Von dem er tief beeindruckt war, und der ihm Denkanstöße lieferte, seine eigenen Ideen im Hinblick auf den schöpferischen, den Kunst schaffenden Menschen weiter zu entwickeln.

Was genau hat es aber mit Fichtes Werk auf sich? Das Thema hat dich in seinen Bann gezogen, jedoch kämpfst du hier mit erheblichen Bildungslücken. Über Kant lässt sich ja noch irgendwie etwas zusammenbringen. Sofern es einer versteht, durch Herumwirbeln einiger Begriffe und Zitate zu bluffen, lässt sich mit diesem Philosophen durchaus einen Abend lang Konversation treiben. Den meisten wird es nicht auffallen, weil sie es zwar chic finden, sich über Kant zu unterhalten, den sie ja dem Namen nach kennen, auch wissen, dass das jemand Bedeutendes gewesen sein muss, aber möglicherweise insgeheim überlegen: Wer war das noch mal? Ein Modeschöpfer vielleicht? Triffst du aber zufällig doch auf jemanden, der sich auskennt, wird derjenige in der Regel vor Begeisterung völlig außer sich sein – Wahnsinn, hier interessiert sich jemand für Kant! –, so dass auch er es nicht unbedingt mitbekommt, wenn du in Wirklichkeit nur Blödsinn erzählst. Auch dein Philosophenfreund wäre einst fast darauf hereingefallen. Hingegen bei Fichte verlassen dich zunächst alle guten Geister und so wird es Zeit, dass du dich dahinter klemmst. Hier auf deinem „Zauberberg“, wo du ein wenig Auszeit hast.

Wenigstens liegt dein Wissensmangel diesmal nicht darin begründet, dass du in der Schule schlicht gepennt hast; das hast du zwar in der Tat, aber Philosophie kannst du nicht verschlafen haben, denn – es gab sie nicht. Im Gegensatz zu manchen anderen europäischen Ländern ist Philosophie an deutschen Schulen normalerweise nicht im Lehrplan vorgesehen, wird als eigenes Fach bis heute selten gelehrt. Und damit fängt das Elend an – und nimmt seinen weiteren Lauf. Es führte zu dem Phänomen, dass sich Menschen wie du im Erwachsenenalter auf „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder stürzten, ein Buch, das sich eigentlich an Jugendliche richtet. Ihr kauftet es unter dem Vorwand, es euren Kindern schenken zu wollen. Und last es dann selbst, verschämt, unter der Bettdecke. Denn die Kids hatten auf so etwas gar keinen Bock, das roch ja viel zu sehr nach Bildung! Und so habt ihr auf diese Weise erstmals in verständlicher Form etwas über Philosophie erfahren. Die Kritiker spotteten über das Buch und über euch, seine unfreiwilligen Leserinnen und Leser, gleich mit. Sie versuchten, es schlecht zu reden, weil es seine Zielgruppe verfehlt hatte. Aber es gelang ihnen glücklicherweise nicht, das einmal entflammte Interesse wieder zu ersticken. Du kennst sogar einen Doktor der Philosophie, der sich davon begeistern ließ. Er trug eine Baskenmütze wie Alberto Knox und bot auf dem Buch basierende Kurse für Erwachsene an. An einem Ort, den du selbst für jegliche Philosophie verloren hältst, aber er – unerschütterlicher Idealist – ließ sich davon nicht beeindrucken; er hielt seine Stunden auch, wenn sich nur fünf Leute einfanden. Von seinem Naturell war dieser eigentlich ein eher schüchterner Mensch und – das Angenehme an ihm – alles andere als ein Meister der Selbstdarstellung, demzufolge fielen seine sehr förmlich gehaltenen Vorträge oft etwas monoton aus, führten zu schweren Augenlidern während später Abendstunden in muffigen Räumen, nach langen, mit stumpfsinniger Arbeit ausgefüllten Tagen. Anders eure anschließenden Gespräche auf der Straße vor dem Café, unter freiem Himmel, der für eure Gedankenflüge brav die Kulisse lieferte. Du hast ihn ausgebeutet, denkst du rückblickend – und meinst damit nicht den Himmel. Ihn allzu oft über ungebührliche Zeit aufgehalten mit deinen Fragen und verrückten Gedankenspielen, die sich einstellten, sobald an frischer Luft deine Müdigkeit wie weggeblasen war. Er nahm es heiter und gelassen. Und auf zwei Gebieten hattest du einen Vorsprung: Er wusste die erstaunlichsten Dinge, aber, wie er freimütig zugab, wenig über die Bibel und praktisch nichts über den Sternenhimmel. Gebiete, die du dir in Eigenregie bereits etwas erschlossen hattest. So besaß jeder Teile eines großen Puzzles, die sich zuweilen ergänzten. Dies machte eure Gespräche zu etwas Wertvollem. Glücklich, wer in jedem Lebensalter immer wieder Lehrer findet, die das Denken auf neue Bahnen lenken helfen. Du hattest dieses Glück sehr oft.

Hier bist du auf dich gestellt, aber Selbstdenken und Lernen ist ja keineswegs verboten, und so findest du dich nun alsbald mit einem Notizbuch bewaffnet, alles zusammenschreibend, was du über Fichte in Erfahrung bringen kannst. Und findest zusehends Spaß daran.

In allem Anfang ist Legende: Johann Gottlieb Fichte, der begabte Sohn eines Webers aus der Oberlausitz, hütet eines Sonntags auf der Gemeindewiese hinter der Kirche das Vieh. Frondienst, der vor Kindern keineswegs Halt machte. Gewiss noch eine der angenehmeren Tätigkeiten. Etwas langweilig vielleicht. Andere hingegen mussten weniger früh aufstehen. Da gab es den Gutsherrn, mit dem auf einen Mann seines Formats wohl gut passenden Vornamen Haubold, der sich an diesem Tag verspätet hatte. Er hatte schlicht verschlafen und kam demzufolge zu spät zum Gottesdienst, wodurch er auch die Predigt verpasste, die er doch gern gehört hätte. Sein Bedauern darüber tat er zumindest in einem Gespräch mit anderen Kirchenbesuchern kund, die nach dem offiziellen Ende noch in Grüppchen beieinander stehen blieben, um sich über dieses und jenes auszutauschen. Das war die Stunde des jungen Fichte, der unfreiwillig mithörte und ihm daraufhin die Predigt, die er selbst durchs Kirchenfenster mitbekommen und im Kopf behalten hatte, auswendig vortrug, nicht ohne hierbei den Pfarrer auf unterhaltsame Weise zu imitieren. Und es schaffte, den edlen Herrn solcherart zu beeindrucken, dass dieser umgehend beschloss, ein solch aufgewecktes Bürschchen müsse unbedingt gefördert und auf entsprechende Schulen geschickt werden. Eine Sache, die der Freiherr auch sogleich mit den Mitteln, die ihm – anders als den Eltern des Jungen – zur Verfügung standen, in die Hand nahm. Wie sagte doch schon dein geschätzter Konfirmandenpfarrer? Es hat noch keinem geschadet, bei der Sonntagspredigt die Ohren zu spitzen!

Eben war der Weg, den Fichte dadurch einschlagen konnte, jedoch keineswegs. Denn nach einer gewissen Zeit verstarb der edle Herr und die Begeisterung seiner Erben für diese Art von Bildungssponsoring dürfte sich bereits zu dessen Lebzeiten in Grenzen gehalten haben. Unterstützung war also nicht länger zu erwarten. Der herangewachsene Fichte brach sein Studium ab und schlug sich – ähnlich wie später euer Dichter ­– mit Hauslehrerstellen durch. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, beruflich oder schreibend Fuß zu fassen, beschäftigte er sich mit der Philosophie Kants, der er schon während des Studiums sehr zugetan war. Als er Kant einige Zeit später in Königsberg besuchte, war dieser von ihm sehr beeindruckt und half ihm, seine Schrift „Versuch einer Critik aller Offenbarung“ zu verlegen, eine religionsphilosophische Abhandlung, von der lange angenommen wurde, dass sie von Kant selbst stamme. Als dies schließlich durch Kant richtiggestellt wurde, bedeutete es den wissenschaftlichen Durchbruch Fichtes. Er wurde an die Universität Jena bestellt, wo euer Dichter schließlich mit ihm in Berührung kommen sollte.

Bezeichnend für die Philosophie Fichtes ist nun die Bedeutung, die er dem Begriff des Ich – großgeschrieben! – als dem aktiven, in Freiheit handelnden Part zuschreibt. Er baut diesen Gedanken weiter aus: Dem Ich entgegen steht – so nennt er es – die Welt des „Nicht-Ich“. Dieses „Nicht-Ich“ bezeichnet wiederum alles, was die Freiheit des Ich bestreitet. Die Begrenzung durch das „Nicht-Ich“, also durch äußere oder innere Umstände, welche das Ich angeblich am Handeln hindern, sei jedoch – so Fichte – in Wirklichkeit eine reine Selbstbegrenzung. Und damit eine faule Ausrede! Es gelte stattdessen, die Menschen aus ihrer Lethargie wachzurütteln. Das ganze Gejammer über angeblich unabänderliche Gegebenheiten: Unsinn! Fichte ist davon überzeugt: Es gibt diese nicht. Was er für das wahre Übel des Menschen hält, benennt er hingegen unumwunden: Die Trägheit! Mit heutigen Worten: Wenn das Ich nicht in die Pötte kommt, dann läuft gar nichts, dann ist es geradezu so, als wären wir schon lange tot. Oder nie lebendig gewesen. Der Mensch, so Fichte, tendiere stets stärker dazu, sich zum getriebenen Objekt als zum handelnden Subjekt zu machen und sich auf diese Weise zu verstecken und sich vor dem Denken und Handeln zu drücken. Warum? Weil die ansonsten so vielgepriesene Freiheit unbequem ist! Weil sie erfordert, Verantwortung zu übernehmen, was – wie wir wissen – seltener Lust als Last bedeuten kann. Das Subjekt jedoch – nicht das Objekt! – liege in Wahrheit allem zugrunde: Das Subjekt als das tätige und erkennende Ich, das sich seiner selbst bewusst sein muss, und dieses wiederum „setze sich selbst“. Es bringe sich selbst aus dem Denken hervor und sei weltbildend.

Seiner selbst bewusst! Weltbildend! Dies klingt für dich doch alles eigentlich sogar sehr modern und weckt so gar nicht den Eindruck, bereits vor zweihundert Jahren gedacht worden zu sein. Was bedeutet dies nun umgesetzt ins praktische Leben? Denn dafür war es ja doch wohl gedacht, zu Zeiten, als die Philosophie sich noch nicht in die Feuilletons verkroch?

Während einer Rast auf einer deiner ausgedehnten Wanderungen sendest du deinem Philosophenfreund eine Nachricht per Mobiltelefon:

Mein Lieber, bin im Wald unterwegs und kämpfe noch immer mit Fichte. Das passt hierher, ­Du weißt schon: Schwarzwald! Links Fichten, rechts Fichten! Also, wenn ich es richtig verstanden habe: Das Ich bin ich! Sein ist nach Fichte Wahrgenommen-werden. Ich werde hier zwar höchstens von den Vögeln des Waldes wahrgenommen, weil sonst kein Mensch unterwegs ist, aber da ich den Wald hier wahrnehme und den Berg, der vor mir liegt, gehe ich einfach mal davon aus, dass es mich trotzdem gibt. So. Und dieser Berg hier ist das Nicht-Ich, welches mich begrenzt und sagt – oder sagen würde, denn dieser Berg hat natürlich nichts zu melden, das wäre ja noch schöner! – wenn dieser Berg also etwas zu sagen hätte, würde sich das vermutlich so anhören: „Hey, du kommst hier nicht rauf, ich bin viel zu hoch, und du hast null Kondition, also vergiss es besser! Und jetzt liegt die Entscheidung beim Ich – sprich bei mir! –, wie ich damit umgehe. Ob ich entweder sage: „Jawohl, der Berg hat Recht, ich gehe dann mal lieber gleich wieder zurück und lege mich ins Bett!“ Oder ob ich zum Berg sage: „Blödsinn! Hey, was willst du Berg? So hoch bist du nun auch wieder nicht! Ich hab‘ schon ganz andere Berge geschafft, gegen die bist du geradezu ein Idiotenhügel!“ Was also heißt: Ich kann mich von dem Berg erschrecken lassen, so dass ich umkehre und mich ins Bett verkrieche. Oder ich kann ihn bezwingen. Im äußersten Fall könnte ich ja auch einen Bagger holen und ihn abtragen, aber ich entscheide,  bedeutet: das Ich entscheidet, ob der Berg zu bewältigen ist oder nicht! Dies gilt ja dann wohl für alle Berge im übertragenen Sinne. Und dies ist daran das „Weltschaffende“? Die Welt erschaffe ich mir? Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – nach Art von Pippi Langstrumpf. Hab ich Fichte nun kapiert oder nicht?

„Nun ja“, erreicht dich die Antwort deines klugen Philosophenfreundes, „ironisch genug, die Berufsphilosophen würden Dir empört nachstellen, aber im Prinzip ist Deine Interpretation richtig!“ Dein Glück. Von nun an erklärst du dich als befugt!

Das Weltschaffende muss für euren Dichter, als Künstler, der ja immer im weitesten Sinne weltschaffend – weltenschaffend! – ist, die höchste Bedeutung gehabt haben. Mit dem freien, sich seiner selbst bewussten Wesen, dem Individuum, tritt also eine ganze Welt aus dem Nichts hervor. Eine Welt aus dem Nichts? Das klingt geradezu nach einem göttlichen Schöpferanspruch. Die Kirche wird an solcherlei Gedankengut ihre Freude gehabt haben, noch dazu an der sich daraus ableitenden Forderung:

…absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen, und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen…

Heißt dies: Es kann kein Gott angenommen werden, außer, wir schaffen ihn uns selbst? Und ebenso keine Unsterblichkeit, außer eine von und durch uns selbst geschaffene? Dies ist in der Tat starker Tobak! Aber warum eigentlich nicht? Die biblische Aussage lautet: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde.“ Was bedeutet: Der Schöpfer als Schaffender – kreativ er selbst! – schuf den Menschen zu seinem Ebenbild. Und wenn er das mit dem Ebenbild ernst meinte, dann schuf er ihn folglich als Schaffenden, als Kreativen! Was wäre daran so verkehrt, als dass man darum Scheiterhaufen errichten müsste? Die Unsterblichkeit wiederum – gewiss, die hätte der Mensch freilich gern, ohne sie sich erst extra schaffen zu müssen.

Im Weiteren die Forderung der Systemschrift:

Monotheismus der Vernunft und des Herzens,
Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst,
dies ist‘s, was wir bedürfen!

Was hindert uns also, an den einen Gott zu glauben und zugleich als Schaffende frei zu sein?

Die Rolle des Dichters, des Künstlers aber als Erzieher der Menschheit? Solches klingt schon sehr hochtrabend. Auch in Fichtes „Reden an die Deutsche Nation“ ist von Erziehung die Rede, von sittlicher Bildung zur Freiheit, zur Selbständigkeit. Zur – hier ganz wörtlich – „Veredelung“. Das menschliche Verhältnis zur Freiheit müsse in einer Vernunft- und Werteerziehung verankert werden.

Und nun wird es erst recht interessant: Die Erhebung zur Vernunft und zum wahren Selbst lasse auch die Feindschaft zu anderen freien Individuen und Nationen entfallen, denn der so gebildete Mensch strebe danach, seine Mitmenschen zu achten, und er liebe deren Freiheit und Größe! Mit Knechtschaft hingegen könne er sich nicht abfinden. Und für die Deutschen müsse ein neues Selbst gefunden werden, welches über die Nation hinausgehe!

Womit es dir in deinem Herumschweifen gerade noch gelungen wäre, die Kurve zu bekommen. Denn dieser Frage „Was ist heute mit den Deutschen – mit uns – los?“, der wolltest du anfangs ja nachgehen. Dein Philosophenfreund wird sagen, du seist zu lange im Wald gewesen. Fichte(n)-geschädigt! Du kannst dich höchstens mit den Worten Hyperions herauszureden versuchen:

Ich schweifte herum, wie ein Irrlicht, griff alles an, wurde von allem ergriffen…

 

© Bettina Johl (Aus dem Roman „Holunderblüten“, bislang unveröffentlicht)

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Die Kraft des Erzählens – „Ein Teelöffel Land und Meer“ von Dina Nayeri

© mare Verlag

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Lassen sich Entfernungen, die Menschen voneinander trennen, in Teelöffeln messen? Kinder schaffen sich in ihrer Vorstellung eigene Maßeinheiten zur Vermessung ihrer Welt. Eine Welt, in die sie hineingeboren wurden, ohne gefragt zu werden. Eine Welt, die nicht für sie gemacht ist. In der sie sich nur mittels ihrer Phantasie Nischen schaffen können, in denen es sich überleben lässt. Überleben trotz aller Traumata, die Kindern in vielen Ländern der Erde durch Kriege, Revolutionen und Schreckensregimes zugefügt werden: Gewalterfahrungen, Verlust nahestehender Menschen, Heimatverlust durch Flucht oder Vertreibung. Erlebnisse, die unverarbeitet bleiben, weil die drängenden Fragen nach dem Warum nicht gestellt werden dürfen, in der Welt der Erwachsenen Tabus unterliegen. Und so hören die Kinder irgendwann auf zu fragen und schaffen sich eigene Antworten, ihre eigenen Geschichten, die ihnen helfen, das vor ihnen liegende Leben zu bewältigen, es ihnen erträglicher zu machen. Die Fragen jedoch bleiben, sie schlummern nur. Das Kind auf seinem Weg zum Erwachsenwerden steht ihnen sehr bald wieder gegenüber, merkt, dass es ihnen nicht ausweichen kann, sich ihnen stellen muss. Und auch ganz neuen Fragen: Wie zuverlässig sind meine Erinnerungen? Was ist Wahrheit, was Lüge?

In der Gegend im nördlichen Iran, am Kaspischen Meer, in der Saba aufwächst, ist es üblich, dass jeder Erzähler seine Geschichte am Ende mit einem Gedicht über Wahrheit und Lüge abschließt, in dem sich die Wörter der Landessprache für „Joghurt“ und „Joghurt-Soda“ („maast“ und „dugh“) auf „Wahrheit“ und „Lüge“ („raast“ und „dorugh“) reimen. Ein Gedicht, welches aufrichtig Aufschluss über den Wahrheitsgehalt der jeweiligen Geschichte geben soll. Saba, die stets nach Wegen und Mitteln sucht, Regeln, die sie einzuengen drohen, zu übertreten, setzt sich im Laufe der Zeit auch über diese hinweg. In ihren Geschichten, die sie erzählt, schafft sie sich ihre eigenen Erklärungen über das Verschwinden ihrer Mutter und ihrer Zwillingsschwester Mahtab seit dem Ausbruch der Islamischen Revolution. Ihre Version vom neuen Leben in Amerika, das die beiden in ihrer Vorstellung führen, ist für sie eine Wahrheit, mit der sie leben kann. Die Erwachsenen um sie herum lassen dies mehr und mehr unwidersprochen, ermuntern sie gar zum Erzählen. Ihr eigenes Wissen um eine andere, hiervon sehr verschiedene Geschichte, jene vom Tod durch Ertrinken der Schwester infolge eines Badeunfalls im Kaspischen Meer, für den Saba sich womöglich indirekt mit verantwortlich fühlen könnte, und einem gescheiterten, mit Verhaftung und Gefängnis endenden Fluchtversuch der Mutter, halten sie hinter vorgehaltener Hand zurück. Weil sie das Mädchen schonen wollen? Weil das Unterscheiden von Wahrheit und Lüge auch ihnen nicht mehr so leicht von der Hand gehen will, im Wissen um die Unmöglichkeit, die genaue Wahrheit über den Hergang vermeintlicher Tatsachen, deren Augenzeuge man nicht war, herauszufinden? Weil auch sie mit der „Wahrheit“, die Saba für sich gefunden hat, bedeutend besser leben können? Nicht zuletzt, weil sie begonnen haben, nach Sabas Geschichten zu hungern, die ihnen häppchenweise in zugeschnittenen Folgen serviert werden, nach dem Beispiel der amerikanischen Serien, für deren Erwerb im Schwarzhandel Saba, ebenso wie für die westliche Musik, die ihr unendlich viel bedeutet, manches zu riskieren bereit ist. Weil sie längst festgestellt haben, dass diese Geschichten ihre eigenen Wünsche, Träume und Sehnsüchte bedienen, ohne die ihnen ihr eigenes Leben angesichts der täglichen Bedrückungen zunehmend unerträglich würde?

Die Autorin Dina Nayeri, die während der Islamischen Revolution geboren wurde und als Zehnjährige nach Oklahoma emigrierte, entwirft in ihrer Protagonistin Saba eine Art Spiegelbild ihres eigenen Selbst. Eine Zwillingsgeschichte – keineswegs zufällig. Menschen, die ihre Heimat mehr oder weniger unfreiwillig verlassen, bleiben zumeist in ihrem Innersten zerrissen. Ein Teil von einem selbst geht fort, das andere bleibt unweigerlich zurück. Mag auch ersteres zunächst die Oberhand behalten und die notwendig gewordene Anpassung an ein völlig neues Leben erleichtern, wird dennoch das andere stiller, aber unerbittlicher Begleiter bleiben und sich eines Tages wieder sehr deutlich zu Wort melden. Die Zwillingsschwester, das andere Selbst, welches vor Ort blieb, statt zu gehen. Viele Teelöffel Land und Meer zwischen beiden.

Mahtabs Emigrantenleben in den USA, welches in Sabas Vorstellung stattfindet, brauchte Dina Nayeri nicht zu erfinden; dieses Leben hat sie selbst kennengelernt, erfahren und erfolgreich gemeistert. Hingegen erforderte die Schilderung des Lebens Sabas, eines der vielen möglichen Leben, das sie geführt haben könnte, wenn sie im Land verblieben wäre, eine Rückkehr und Rückbesinnung zu den eigenen Wurzeln, die im Nebel früherer Erinnerungen versunken liegen, welcher sich nur mühsam lichten lässt. Denn eine gefahrlose eigentliche Rückkehr ins Land der Kindheit ist ihr nicht möglich. Sie musste sich, um diese Erinnerungen zu ergänzen, mit Recherchen behelfen, welche sie vielfältig, gründlich und detailliert vorgenommen hat. Kontakte zu Menschen aus dem Norden des Iran halfen zusätzlich, ihr Bild des Landes zu vervollständigen. Ein Bild, welches sie farbenprächtig und lebendig zu zeichnen versteht. Es gelingt ihr, die Leser in den Bann ihrer Geschichte zu ziehen, sie in eine faszinierende Welt der Farben, Töne und Düfte eintauchen zu lassen, ihnen zugleich jedoch ebenso das Gefühl der unendlichen Bedrückung zu veranschaulichen, die ein Leben im Verborgenen bedeutet, in dem alles, was Freude zu bereiten vermag, im wahren und übertragenen Sinn unter Schleiern zu verschwinden hat. Zuweilen wechselt sie die Perspektive, indem sie einige der als stark und selbstbewusst geschilderten Frauen der Kaspischen Region, bei denen Saba aufwächst, selbst zu Wort kommen lässt, welche Situationen und Ereignisse aus ihrer Sicht schildern und die Leser an ihrem Denken, Fühlen und Erleben teilhaben lassen.

Es fällt schwer, das bis zur letzten Seite spannende Buch zwischendurch aus der Hand zu legen. Es ermöglicht ein tiefes Versinken in eine Welt, von der wir sonst nichts wissen. Eine Welt, die jenseits aller Bilder liegt, die uns aus den Medien durch die Köpfe geistern. Es sind dies jene uns geläufigen Bilder schwarz verschleierter Frauen unter Plakaten eines finster dreinblickenden Religionsführers, untermalt von Schreckensworten wie Scharia, Sittenpolizei und öffentlichen Hinrichtungen, welches viele der von uns in der freien, westlichen Welt Lebenden irgendwann veranlasste, den Iran – einst das sagenumwobene Persien, Wiege der Kultur und Ursprungsland der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht  – in die zunehmend bodenlos werdende Schublade der unbewohnbaren Gegenden dieser Erde zu verstauen und uns nicht mehr weiter mit ihm zu beschäftigen. Eine fatale Entscheidung. Für uns, weil sie dazu führt, unser Bild der Welt enger und enger werden zu lassen, indem wir Dinge, über die wir nichts wissen wollen, weil sie uns Angst machen, einfach aus ihr heraushalten, auch auf die Gefahr hin, damit gleichsam vieles zu verbannen, was dazu angetan wäre, unser Leben zu bereichern. Umso mehr für die Menschen in jenen Ländern, insbesondere die Frauen, die unter dem schwarzen Schleier, der in weiten Teilen der Welt zum Symbol des Schreckens wurde, Gefahr laufen, von eben diesen dem Vergessen anheim gegeben zu werden. Kein Ohr mehr zu finden für ihre Stimme, die dringlich nach Gehör verlangt. In diesem Fall hätten die fanatischen Machthaber in der Tat ihr Ziel erreicht, was niemand wollen kann. Und so ist Sabas Geschichte zugleich auch ein wichtiges Sprachrohr für die Menschen, insbesondere die Frauen, im Iran und in anderen islamischen Ländern, ein Appell an uns, sie nicht zu vergessen, mit ihren Wünschen, Träumen, Sehnsüchten und Hoffnungen, sie an unsere Seite zurückzuholen, uns solidarisch zu zeigen, neugierig zu werden auf Begegnungen mit ihnen, auf ihre Erzählkunst und ihr Wissen.

Persien. Erinnerung an eine zufällige Begegnung in einem Straßencafé. Eine Frau, etwas älter als ich, sehr gepflegtes Erscheinungsbild, die sich mit mir über bildungspolitische Themen unterhielt. Sie sprach sehr gutes Deutsch, jedoch mit einem ungewohnten Akzent. Befragt nach ihrer Herkunft, sagte sie: „Persien“. Sie sei noch vor der Revolution durch Heirat nach Deutschland gekommen, erzählte sie. Heimweh habe sie gewiss – ja, oft! –, aber sie könne es sich, wie viele, nicht vorstellen, unter den jetzigen Verhältnissen als Frau im Iran zu leben. Leider habe ich versäumt, sie nach ihrem Namen zu fragen. Es wäre interessant, sie wiederzutreffen. Nach der Lektüre des Buches von Dina Nayeri hätte ich mich gern weiterhin mit ihr ausgetauscht.

Auch ein Zwillingsleben fordert letztlich Entscheidungen. Die Entscheidung für ein Leben in Freiheit, welches für sie auch und vor allem uneingeschränkten Zugang zu Bildung bedeutet, steht für Saba außer Zweifel, auch wenn dies Schmerz und Trennung von allem Vertrauten und den geliebten Menschen, die sie zurücklassen muss, bedeutet. Nach einigen Versuchen, ein Leben in der Heimat mit allen Beschränkungen zu leben, nach der Auseinandersetzung mit der sich im Weiteren immer drängender stellenden Frage, ob Liebe Selbstverleugnung rechtfertigt, bricht sie auf ins Ungewisse. Ob sie ihr Glück finden wird, bleibt offen. Wer sie nach diesem Buch jedoch zu kennen glaubt, wer die Facetten ihres bisherigen Lebens kennengelernt und Freundschaft, erste Liebe, Freude und Übermut, wie auch Verlust und Trauer mit ihr durchlebt und durchlitten hat, traut ihr zu, ihres eigenen Glückes Schmied zu werden. Denn obgleich sie nur Weniges mitnehmen kann, trägt sie das Wichtigste unsichtbar im Handgepäck, – ein Talent, das sie mit ihrer Schöpferin, der Autorin, gemeinsam hat: Neben einem unerschütterlichen Selbstvertrauen – die Kraft des Erzählens.

Bettina Johl

Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer – mare Verlag Hamburg 2013. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. 528 Seiten, 22,00 €. ISBN 978-3-86648-013-1

Diese Buchbesprechung erschien am 05.10.2013 in Glanz & Elend,
Magazin für Literatur und Zeitkritik: Die Kraft des Erzählens

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Orte für die Suchenden (Aus: „Holunderblüten“)

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Unvergessliche Fahrt nach der Abtei Maria Laach, heiliger Ort für deinen Philosophenfreund, den erklärten Atheisten. Wie kommt es? – „Ich weiß es nicht. Ich war schon als Kind oft hier. Mit meiner Mutter. Und immer, wenn ich hier herkomme, zünde ich eine Kerze für sie an.“ Die Sprache des Herzens ist manchmal eine andere als die des Verstandes.

Die romanische Klosterbasilika mit ihren klaren, schlichten Formen, am geheimnisumwitterten Laacher See gelegen, dessen Umgebung mit außergewöhnlichen Gesteinsformationen anschaulich seinen vulkanischen Ursprung aufzeigt. Auch dich hat dieser Ort bereits in früheren Jahren magisch angezogen. Eintauchen in die mystische Stimmung im Paradies mit dem marmornen Löwenbrunnen, eintreten in eine andere Welt. Der Chorraum mit seinen beeindruckenden Mosaiken. Heilig schwere Stille im Gewölbe der Krypta. Eine umfangreiche, verwinkelte Bibliothek, bei deren Anblick sich in euren Tagen mancher an den Film und Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco erinnert fühlt.

 

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Ihr nehmt an der Vesper der Mönche teil. Gregorianische Gesänge, jahrhundertealt. Wechselspiel von Frage und Antwort, von einer Seite des mächtigen Chorgestühls zur anderen. Unergründliches Geheimnis, welches sich irdischer Deutung entzieht. Spontan  hebt am Ende der Hore aus den Reihen der Besucher ein Chor, offenbar ebenfalls auf Reisen, einen mehrstimmigen Vaterunser-Gesang an, welcher die Akustik des Gewölbes nochmals eindrucksvoll unterstreicht.

Ihr rätselt, woher die besondere Stimmung des Ortes rührt. Sicherlich spielt hier auch die gelungene Trennung von Sakralem und dem auch hier unvermeidlichen Kommerz eine Rolle. Es gibt eine sehr schön eingerichtete Buch- und Kunsthandlung, in der ihr ausgiebig stöbert, auch eine große Gärtnerei und einen Bioladen mit vielen Lebensmitteln aus eigenem Anbau und artgerechter Tierhaltung, aber all dies findet sich so weitläufig angelegt, dass die Kirche selbst davon weitgehend unberührt und ungestört bleibt. Auf die Besucher der Abtei scheint sich die Würde des Ortes zu übertragen, sie verhalten sich mehrheitlich ihr entsprechend. Du denkst mit Grauen zurück an Köln, an die Ströme laut schwatzender, Kaugummi kauender Touristen, die den Dom heimsuchten und unter ein monströses Blitzlichtgewitter setzten.

Vielleicht spielt der heilige Ernst der hiesigen Mönche eine Rolle. Wohl segnen sie auf Anfrage Kreuze und Rosenkränze, die es in der Kunsthandlung zu erwerben gibt. Wer dies möchte, muss jedoch eigens an der Pforte der Abtei läuten und seinen Wunsch vortragen, findet daraufhin Einlass und wird am Ende mit einem persönlichen Segensgebet wieder entlassen. Dies geschieht gänzlich abseits des Rummels, in aller Stille. Auch du trägst von diesem Augenblick an ein Kreuz an einer Silberkette, Geschenk deines Philosophenfreundes, welches dir schon aus diesem Grund sehr viel bedeutet.

Und eure Dichter? Goethe besuchte den Ort auf seiner Rheinreise 1815 in Begleitung des Freiherrn vom Stein, ein Relief kündet hiervon. Allerdings sprach er von Koblenz aus rückblickend von der „verödeten Abtey Laach“, deren „bedeutende Reste“ er „mit Vorsicht und Sorgfalt hieher zu retten“ vorschlug, was gewisse Schlüsse auf den damaligen Zustand der Anlage ziehen lässt. Am vulkanischen Charakter des Sees jedoch zweifelte er, der leidenschaftliche Steinsammler. Wie wirst du Jahre später in Weimar geradezu neidvoll seine zahlreichen Sammelkommoden mit den ungezählten Schubladen bestaunen und bewundern! Dem Kunstsammler Sulpiz Boiseree in Wiesbaden gegenüber erwähnte er ein „Loch mit seinen gelinden Hügeln und Buchenhainen“, befand, „es möchte dem Vulkanismus schwerer fallen, die Menniger Steine als Lava durchzuführen und zu erklären vollständig, wie sie geflossen und dahin gekommen…“. Ein solcher Gedanke schien ihm nicht geheuer zu sein.

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Ihr verbringt noch einige Stunden an diesem Ort, lasst die besondere Stimmung auf euch wirken. Dein Philosophenfreund, in prägender katholischer Tradition erzogen, jedoch infolge seiner langjährigen Beschäftigung mit der Philosophie sich nicht als gläubigen Menschen bezeichnend, scheint offensichtlich dennoch Kraft zu schöpfen aus kirchlichen Symbolen und Ritualen. Du selbst, obwohl protestantisch und damit eher wortbetont, bildkritisch und ritualarm aufgewachsen, fühlst merkwürdigerweise ähnlich.

„Ich glaube, ich weiß, woran es liegt“, sagst du, „es hat damit zu tun, dass dies ein Ort ist, der von vielen wahrhaft Suchenden aufgesucht wird.“

In der Tat: Euch alle, gleich welchen Bekenntnisses, treibt eine Sehnsucht hierher, die euch vereint. Und das Bewusstsein, dass ihr von den letzten Dingen nichts wissen könnt, ihr vielmehr immer Suchende bleiben werdet, die es stets aufs Neue wagen müssen, sich darauf einzulassen, sich immer wieder neu auf den Weg und auf die Suche zu begeben.

Auszug aus „Holunderblüten“ –

Roman um zwei Liebende auf den Spuren der Dichter
(bisher unveröffentlicht)

© Bettina Johl

 

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Holunderblüten – Roman von Bettina Johl (Leseprobe)

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I


Nur Einen Sommer gönnt, Ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Friedrich Hölderlin

(An die Parzen)

 

*

Mancher Sommer will im Winter begonnen sein. Ihr werdet nicht gefragt.

Ungewöhnlich: Die Stadt, die du dein Leben lang kennst, die sich jedoch in all jenen Jahren selten so winterlich zeigte, präsentiert sich heute nun im weißen Schneegewand, so dass sie dir beinahe fremd erscheinen will. Aber so soll es ja sein. Schließlich bist du erstmals zu Gast in ihr, siehst sie so zum ersten Mal mit den Augen einer Außenstehenden, einer Fremden. Es gilt, aus dem Kreis der mit ihr Vertrauten heraustreten und sich von der anderen Seite anzunähern, um zum Wesentlichen vorzudringen, anders geht es nicht.

Es ist deine Stadt, wie auch die eures Dichters, auf dessen Spuren ihr euch begeben wollt. Die Stadt, in der du – wie jener – geboren bist, nahezu an derselben Stelle, aber dies ist weder dein Verdienst, noch dass es sich hierbei um einen besonderen Umstand handelt. Jener Platz findet sich nahezu malerisch gelegen, von steilen Weinbergterrassen überragt am jenseitigen Ufer des Flüsschens Zaber, das dort seine wenigen letzten Meter zurücklegt, bevor es sich hinter der Alten Ölmühle mit dem Neckar vereinigt. „Dörfle“ nannte sich diese Ansiedlung von alters her, schlicht und liebevoll, unter Verwendung der schwäbischen Verkleinerungsform, in Unterscheidung zu den beiden bedeutenderen Ortsteilen „Städtle“ und „Dorf“. Dort begann alles – für ihn wie für dich – auf dem Areal eines alten Klosteramtshofes mit wechselvoller Geschichte. Dasselbe Gebäude war es natürlich nicht, jenes fiel in früheren Tagen, zahlreicher Proteste von Dichterfreunden ungeachtet, dem Abriss anheim. Es fand zwischen den Weltkriegen einen Nachfolgebau, ein Jagdhaus, welches nicht lange erhalten blieb, bis man in jüngerer Zeit an dessen Stelle ein Krankenhaus errichtete, das allerdings auch längst nicht mehr steht, heute findet sich dort ein modernes Seniorenheim. Das alte Krankenhaus, in dem zu der Zeit, als es dort noch eine Entbindungsstation gab, außer dir selbst noch weit mehr Kinder der Stadt das Licht der Welt erblickt hatten. Nichts also, worauf sich etwas einzubilden wäre. Das gemeinsame Schicksal, dass man euer jeweiliges Geburtshaus dem Erdboden gleichmachte, auch das tragt ihr zu mehreren.

Du bist hier aufgewachsen, anders als er, der Dichter, der die Stadt der Chronik zufolge bereits in frühen Kindertagen verließ, keine Schule hier besuchte. „Ach! wäre ich nie in eure Schulen gegangen…“, wirst du in seinem „Hyperion“ lesen und es auf deine Weise nachvollziehen können. Die meisten Schulen der Stadt tragen bis heute den Namen des Dichters. Wirklich nahegebracht wurde er euch dort nie. Euch, ihren Kindern, die ihr hier aufgewachsen seid, als sei der Ort ein beliebiger, austauschbar mit jedem anderen. Der Dichter, das lag schon so lange zurück, weit weg, in einer Zeit, zu der euch und wohl auch vielen eurer Lehrer Zugang und Vorstellungskraft fehlten, und ihr glaubtet nicht, dass er euch etwas zu sagen haben könnte.

Du selbst warst stets gespalten, er schien dir fremd und doch fühltest du dich auf magische Weise von ihm angezogen. Der Weg zum Krankenhaus, den du in den Jahren des Heranwachsens noch öfter beklommen antreten musstest, um Blessuren aller Art behandeln zu lassen, die man sich im Schulalter bei Stürzen von Fahrrädern oder auch Pferden hin und wieder zuzuziehen pflegt, er führte durch einen kleinen Park. In diesem findet sich noch heute des Dichters Denkmal, ein Bronzerelief über einer Steintafel, eingefasst von einer in Form eines halben Sechsecks angelegten, von dichtem Buschwerk überragten Sandsteinmauer und du hast einen Abstecher dorthin nie versäumt. Wohl auch stets, um Zeit zu gewinnen und möglicherweise, bei deinem augenscheinlich angeborenen Horror vor weißen Arztkitteln, insgeheim deinen Dichter stumm um Beistand zu ersuchen. Ob er hierfür der Richtige war? Du konntest es beim besten Willen nicht feststellen, auch mit der größten Einbildungskraft – und die hattest du! – war ihm nicht der geringste Ansatz eines Augenzwinkerns abzulocken. Seine Augen blickten stets verträumt in die Ferne, er schien entrückt, weit weg, nicht von dieser Welt. Aber gerade dies schien dir seltsam vertraut, ließ ihn dir auf eigenartige Weise sehr nahe sein.

Nun bist du also wieder hier – und in Kürze wird sich ein Freund der Dichter und Philosophen einfinden, der diese Stätte noch nie betreten hat. Welcher nicht – wie du – vom Neckar stammt, jenem Fluss, der zwar durchaus seine Eigenwilligkeiten aufweist, auch dann und wann über seine Ufer tritt, aber doch immer wieder in sein Flussbett – und damit in seine ihm gesetzten Grenzen – zurückfindet. Stattdessen vom „erhabenen Rheine“, wie ihr diesen augenzwinkernd nennt, und somit, wie es sich wohl in diesem Falle gehört, in anderen Dimensionen denkend unterwegs. Die halbe Welt hat er wohl bereist, es sei ihm gegönnt. Bedeutende Stätten der Literatur, wie Goethes und Schillers Weimar, kennt er wie seine Westentasche. Darum allerdings beneidest du ihn. An diesem Ort jedoch war er nie. Das ist deine letzte Trumpfkarte, die du aus dem Ärmel ziehen kannst. Manch einer muss mit den paar Pfunden wuchern, die er hat. So auch du.

Welcher Ort würde sich besser eignen, sich zu eurem Dichter auf den Weg zu machen? Zu ihm, der nur von wenigen Menschen seiner Zeit verstanden wurde, der nun aber gerade euch in den letzten Tagen immer wieder überraschend begegnete, euch begleitete, euch zunehmend mehr zu sagen hatte? Neugierig wie ihr seid, findet ihr euch nun ein in der winterlich verschneiten Stadt, um mit neuen Augen hinzusehen und mit anderen Ohren hinzuhören.

 

 

II

 

„Wir sind nichts; was wir suchen ist alles.“

Friedrich Hölderlin

(Aus: Hyperion, Thalia-Fragment)

 

*

Werdet ihr hier finden, wonach ihr sucht? Ihr, die ihr als Liebende hierher fandet, Liebende mit ungewöhnlicher Geschichte, welche nun auch – so glaubt ihr natürlich, unverbesserlich Literaturverrückte, ihr! – eines außergewöhnlichen Rahmens bedarf? Der Dichter, Vorwand nur? Oder fühltet ihr, dass er tatsächlich etwas mit euch zu tun haben könnte, so dass ihr seinem Ruf gefolgt seid?

Ein kleines Hotel, gepflegt, schöne Zimmer. Eine regelrechte Winterhöhle, um sich darin für gewisse Zeit zu vergraben und für niemanden zu sprechen zu sein. Blick aus dem Fenster über den Kanal auf die verschneite Vogelinsel – unbetretbares Naturschutzgebiet, seit du zurückdenken kannst. Darauf die alte, trutzige Rathausburg, dahinter der eigentliche Fluss und an dessen gegenüberliegendem Ufer, auf dem Kirchberg, gestützt von imposantem Mauerwerk, die alles überragende, viele Jahrhunderte alte Kirche, die den Namen einer mittelalterlichen Ortsheiligen trägt. Diese sei, so will es die Legende wissen, im frühen Kindesalter von ihrer Amme ermordet und in den Fluss geworfen worden, angeblich aus Rache, die ihren Eltern galt – immer haben die Kinder im wahrsten Sinne alles auszubaden! Fischer zogen sie jedoch drei Tage später – für eine Wasserleiche eher unüblich – mit blühend rosigen Wangen und glücklichem Lächeln aus dem Wasser. Das Ereignis sprach sich in Windeseile herum, erfuhr auf diesem Weg alle denkbaren Ausschmückungen, die Heiligenlegenden eigen sind, und sorgte über lange Zeiten für Pilgerzüge zum steinernen Sarg des wundersamen Mädchens, dessen Gebeine allerdings in den späteren Wirren kriegerischer Auseinandersetzungen im Zuge der Reformation verlorengingen. Eine schaurige Geschichte, die ihr als Kinder mit wohligem Gruseln in euch aufsogt. Ihr versäumtet es bei einem Gang über den Kirchhof nie, durch die vergitterten Fenster der Regiswindiskapelle zu spähen, um einen Blick auf den steinernen Schrein zu erhaschen, welcher bis heute erhalten ist.

Die Kirche wiederum ist es, die aufgrund ihrer Lage und ihrer imposanten Erscheinung durch ihren mächtigen, rechteckigen Turm mit geschwungener Haube und Laterne stets von weitem ins Auge fällt, aus welcher Richtung man sich auch nähern mag, und die zusammen mit der alten Bogenbrücke über den Fluss und der gegenüberliegenden Burg dem Ortsbild seine unverwechselbare Prägung verleiht.

Du wurdest, wie der Dichter, in ihr getauft und – anders als er – auch dort konfirmiert; es müssen hiervon noch schreckliche Fotos existieren. Aus der Perspektive des entgegengesetzten Ufers hast du sie seltener betrachtet, du hast immer auf der anderen Seite des Flusses gelebt. Auch dies ein Sich-Annähern aus ungewohnter Blickrichtung, was dem Ganzen einen besonderen Zauber verleiht. Der viel beschworene Anfang, dem ein Zauber innewohnt? Dies jedoch war ein anderer Dichter, einer der späteren. Auch er stammt aus der näheren Gegend, auch er steht dir nahe.

Dein Philosophenfreund hingegen, als Kenner und Verehrer des großen Goethe, begibt sich hier ebenso wie du auf neue, weniger ausgetretene Pfade, so dass ihr beide etwas davon mitnehmen könnt, wenn ihr euch darauf einlassen wollt. Und es ist euer Anfang.

 

III

 

Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr den Künstler höhnt,
Und den tieferen Geist klein und gemein versteht,
Gott vergibt es, doch stört nur
Nie den Frieden der Liebenden.

Friedrich Hölderlin

(Das Unverzeihliche)

 

*

Eine Woche nur für euch – gestohlene Tage. Die restliche Welt bleibt außen vor, hat keinen Zutritt. Das Zimmer mit Blick auf den Fluss wird für kurze Zeit zu eurer Festung. Liebende, ihr, die ihr euch bislang nur wenige Tage gesehen, kaum je berührt habt und doch scheint es euch, dass ihr euch seit Ewigkeiten kennt. Was würde euch erwarten bei dieser ersten, zweiten Begegnung nach so langer Zeit? Bange Frage. Wachsendes Lampenfieber auf beiden Seiten. Die Bahngesellschaft sorgt für Aufschub, der ICE deines Philosophenfreundes hat Verspätung, der Anschlusszug ist weg, der Zugbegleiter schlägt eine alternative Verbindung über die Landeshauptstadt vor. Und so kommt es für ihn, den vom Rhein her Angereisten, auch schon zur ersten Begegnung dieser Tage mit dem Schwäbischen:

“Was? Nach Laafa? Do wellet Se no?! Was wellet Se ‘n do? Waaas? Zum Hölderlin? Der isch do nemme! Do sottet Se besser nach Tübinga fahra, koa sei, dass er dort noch im Turm hockt und irgendwas z´sammakritzlt!“, meint jener emsige Schaffner und fügt geradezu hellseherisch hinzu: „Froaget Se amol die Leut dort, was die noch vom Hölderlin wisset! Wenn Se recht gugget, woiß do koiner mehr ebbes!“

Na, solches wollt ihr dann doch nicht hoffen! Und nach Tübingen zu fahren, plant ihr ja ohnehin diese Tage noch.

Mit solchen und weiteren köstlichen Reiseanekdoten per Mobiltelefon auf dem Laufenden gehalten – inzwischen hat dein Philosophenfreund sich glücklicherweise einen Mitreisenden aufgetan, der einst bei Heidegger studierte, was ihm bei angeregtem Austausch den Umweg in wochenendbedingt hoffnungslos überfüllten Zügen ein wenig verkürzt – fütterst du unermüdlich die hungrige Parkuhr, um dir den bahnsteignahen Parkplatz zu erhalten. Der Bäcker, bei dem du Geld wechseln willst, hat bereits geschlossen. Seit elf Uhr! Du hast vergessen, dass hier an Samstagen mittags sprichwörtlich die Gehwege hochgeklappt werden. Ebenso wie an Mittwochnachmittagen, ganz wie früher, aber du findest dies eigentlich sehr erholsam. Entschleunigung.

Versuch, ein offenes Café zu finden – Fehlanzeige! Im Zeitschriftenladen am Bahnhof gibt es zumindest einen Kaffeeautomaten. Hinter dem Tresen wirkt man unfreundlich, ohne es wirklich zu sein, es ist die Mentalität. Auch die Kunden verhalten sich zunächst mürrisch, sind jedoch sofort zu mehreren bereitwillig mit Wechselmünzen behilflich. Einige sind Reisende, warten selbst auf einen Zug, der Verspätung hat, andere auf säumige Ankommende, so wie du. Man schimpft gemeinschaftlich über die Bahngesellschaft: „Do brauchet bloß amol drei Schneeflogga falla und scho fährt koin Zug meh! Die kriege des dr Läbadag nemme gebacha!“ Solches verbindet und schafft eine die Altersgruppen übergreifende Solidarität. Du fühlst dich ihnen zugehörig, bist zuhause angekommen. Jedoch ist es im Verkaufsraum kalt und zugig, zum Aufwärmen ist dieser Ort ungeeignet und so ignorierst du schließlich die Parkuhr, die alle halbe Stunde nach Nachschub schreit, und machst dich auf den Weg in die Hauptgeschäftsstraße, die dir schneematschig-grau, leer und verlassen entgegen gähnt. Nach zehn Minuten Suche landest du schließlich bei einem türkischen Döner-Imbiss, dessen Besitzer, ein freundlicher älterer Mann, dir deine zerzauste Verfassung ansieht und erst einmal heißen Tee herbeischafft. Er verschwindet hinter der Theke, an der sichtbar alle Speisen frisch vor- und zubereitet werden und serviert wenig später vorzüglichen Pide mit Fetakäse an den Tisch, nebenbei mit heiterer Gelassenheit eine Gruppe ausgelassen lärmender Jugendlicher bändigend, die eine improvisierte Sofaecke mit Beschlag belegt hält. Die gute Stimmung steckt an. Du wärmst dich auf, kommst etwas zur Ruhe – den Tee bekommst du noch nicht einmal berechnet – und machst dich gestärkt auf den Rückweg.

Blick auf die Bahnhofsuhr – Schreck! Der Zug müsste planmäßig in fünf Minuten da sein. Es gibt eine neue Verspätungsdurchsage. Weitere fünf Minuten, um die Nervosität ins Unermessliche wachsen zu lassen. Wochenlang E-Mails ausgetauscht, heimlich telefoniert, euch diesen Augenblick herbeigesehnt, jeden Tag, jede Stunde, Minute, Sekunde darauf hingelebt, hingefiebert, doch würde die Realität dem standhalten? Ihr glaubtet von Anfang an fest daran, habt nie wirklich gezweifelt. Aber etwas befangen seid ihr doch.

Dann kommt die rote Diesellok in Sicht, sich aus südlicher Richtung nähernd. Sehr viel Bewegung auf dem engen Bahnsteig, die sich jedoch nach dem Halten des Zugs schnell wieder verlaufen hat. Und es gibt nur noch euch, ihr liegt euch in den Armen – und alles ist gut und richtig und hätte nie anders sein können.

Noch später werdet ihr oft daran denken, an die ersten Minuten, als die letzten Zweifel und Ängste sich in nichts auflösten, ihr ausgelassen wie die Kinder die Unterführung durch- und den Vorplatz überquertet, immer wieder stehenbleibend, euch vorsichtig berührend, wie um festzustellen, dass ihr wirklich seid und nicht womöglich im Begriff, euch gleich wieder in Nichts aufzulösen. Ineinander versunken, die Fahrt über die verschneite Brücke zu eurem selbst erwählten Refugium, in das ihr euch vergrabt wie die Räuber in ihre Höhle, um in Ruhe die überreich erbeuteten Schätze zu zählen – und sich zu fühlen wie Könige. Oder wie Götter.

Wie es euer Dichter sagt:

„Einmal lebt ich, wie Götter, mehr bedarf ’s nicht.“

 

© Bettina Johl

(Exklusive Leseprobe aus dem Roman „Holunderblüten“, bisher unveröffentlicht)

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Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

In der alten Neckarschlinge mit dem ihr verbliebenen Altwasser hat sich indessen eine außergewöhnliche Vegetation herausgebildet. Die Gegend ist ein Paradies für seltenere Vogelarten, Wasservögel insbesondere. Der Wald am ehemaligen Uferprallhang ist nicht groß, ein schmaler Streifen im Grunde nur, den dein Dichter mit „den Wäldern meiner Kindheit“ nicht gemeint haben kann, da er seine weiteren Kinder- und Jugendjahre in Nürtingen verbrachte. Dorthin zog er im Alter von nur vier Jahren, nach dem frühen Tod seines Vaters, mit seiner Mutter und seinem neuen, ebenfalls sehr geschätzten und geliebten Stiefvater, der dort Bürgermeister war. Sein neuer Wohnort, an dem er alsbald auf Streifzüge ging, die ihn auch in die umliegenden Wälder führten. Es ist die Rede von einem Lieblingsplatz in der Nähe des sagenumwobenen Ulrichsteins, an den er sich gern zurückzog, allein oder manchmal auch mit seinem jüngeren Bruder Karl, um diesem vorzulesen. Orte, die du selbst nur vom Lesen und Hörensagen kennst. Dies hier ist hingegen „dein“ Wald, der „Wald deiner Kindheit“. An den du zuerst denkst, wenn du diesen Begriff hörst. Vielfältig hast du ihn durchstreift, tust es oft in nächtlichen Träumen noch und manchmal stiehlst du dich heimlich zu ihm hin. Hier lässt sich manchmal mehr Wild beobachten als irgendwo sonst, da die Tiere sich nur in wenige Winkel zurückziehen können. Häufiger als anderswo kreuzen Reh und Hase den Weg, und im letzten Frühjahr konntest du mitten auf einem grasüberwachsenen Weg zwei kleine Jungfüchse beim Spielen beobachten. Sie waren vielleicht zehn Meter entfernt und bemerkten dich lange Zeit überhaupt nicht. Du weißt es: solches Glück ist uns – wenn je im Leben – nur sehr selten beschieden.

Im März sind die Böschungen von kleinen blauen und vereinzelt auch weißen Sternen übersät: Wildwachsende Scilla – auch Blaustern genannt –, eine frühblühende Blumenart, die nicht überall zu finden ist, weil sie wohl diese besonderen Bodenverhältnisse benötigt. Für dich gehörte sie wie selbstverständlich zum Frühling. Als Kinder pflücktet ihr sie gedankenlos, schien sie euch doch so zahlreich vorhanden, aber viele Menschen kennen sie nicht, allenfalls ihre kultivierte Verwandte in Parks und Gärten, welche sich jedoch nicht annähernd mit ihr vergleichen lässt. Erst als du für längere Zeit in anderen Gegenden lebtest, merktest du zunehmend, dass etwas am Frühling seit längerem nicht stimmte, verkehrt war, dass etwas Entscheidendes fehlte. Dieses besondere Blau, welches erst ins Auge fällt, wenn dein Blick länger auf den blassen Grün-, Braun- und Grautönen der noch vom ausklingenden Winter kündenden Wiese verweilt. Im wechselnden Licht- und Schattenspiel der Frühlingssonne in den noch unbelaubten Erlen und Weiden blitzt es am Boden plötzlich hier und da vereinzelt auf, bis die Böschungen jäh von einem blau funkelnden Zauberteppich überzogen sind, der alles verwandelt. Der Märchenwald ist eröffnet, das Stück spielt nur für dich. Selbst der Gesang der Vögel klingt verändert, scheint unbekannten Traumsphären zu entsteigen. Zu Störenfrieden werden kurzzeitig andere Spaziergänger, Jogger und Radfahrer. Aber auch sie schaffen es merkwürdigerweise nicht, dir die Stimmung zu verderben. Du siehst sie vorbeihasten, freundlich grüßend oder stumm. Sie gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie sehen es nicht. Für sie ist der Wald wie immer. Auf die wenigen, die es hingegen wahrnehmen, die sich in derselben Dimension bewegen, triffst du selten. Sie suchen die Zurückgezogenheit, möchten mit all dem allein sein. Wie du.

(Aus: „Holunderblüten“) © Bettina Johl

 

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Das Tonband im Kopf – Nachdenken über Christa Wolfs „Stadt der Engel“

Deutsch: Die Schriftstellerin Christa Wolf wäh...

“Du bist dabei gewesen. Du hast es überlebt. Du kannst davon berichten.“

Sätze, die mir bereits beim Blick auf die rückwärtige Umschlagseite des Buches mein eigenes Dilemma aufzeigen, – mir, der 38 Jahre später Geborenen, Vertreterin einer Generation, die mit Sätzen aufwuchs, die genau entgegengesetzt lauteten: Ihr seid nicht dabei gewesen. Ihr habt nichts erlebt – geschweige denn überlebt! Ihr könnt nicht mitreden. Diese Aussagen stets einhergehend mit der schwerwiegenden Auflage: Seid froh, dass ihr so etwas nie erleben musstet, – wir haben alles dafür getan, dass es unsere Kinder mal besser haben, – deshalb seid dankbar und stellt keine Fragen!

Das Tonband im Kopf zum Schweigen bringen…

Diesen Satz lesen und wissen: Er gilt auch für mein persönliches Tonband. Es sind solche Bänder verhängnisvoll. Sie können im einen Fall zum Sich-mit-sich-selbst-Auseinandersetzen bis hin zur Selbstzerfleischung führen, im anderen – die große Gefahr, in der sich meine Generation befindet – zum Sich-Abwenden, Sich-Ausklinken, zum Sich-nicht-Auseinandersetzen-wollen, – nachdem man oft  genug das Recht dazu abgesprochen bekommen hat.

Das geteilte Deutschland, – es war von Jugend auf gegenwärtig, – ein Elternteil aus dem Osten, der andere im Westen aufgewachsen. Aus dem Osten kommen, das klang nach Trauma, – großgeworden mit Erzählungen von den Schrecken sowjetischer Besatzung, späteren Repressalien im sozialistischen Staat, aus denen der einzige Ausweg in Flucht und Entwurzelung führte. Und die Nachkommen bekommen jenes Trauma mit der Muttermilch eingeflößt, werden staunend damit groß, – Pakete packen helfen für im Osten verbliebene Angehörige,  – dort gibt es nix, dort sind die Läden leer! –, sorgfältig auf allen sechs Seiten beschriften, – Geschenksendung, keine Handelsware! – , banges Hoffen, dass die Pakete nicht abgefangen werden. Einige wenige Reisen mit Mutter und Großmutter in das so fremde Nachbarland, das tatsächlich doch auch Deutschland sein sollte, – Fahrten mit Gruseleffekt -, Beklemmung bei der Grenzkontrolle, Eindrücke von trostlosem Grau in Grau, – Erwachsene, die sich stets leise flüsternd unterhielten, dem Kind einschärften, sich mäuschenstill zu verhalten, – wer hier einfach so sagt, was er denkt, wird sofort eingesperrt! -, bekam es zu hören, – oder gleich totgeschossen! –, setzte die Oma noch eins obendrauf, – den Opa hatten sie damals gleich zweimal nachts abgeholt… Solches klang ein bisschen nach Abenteuerurlaub – mit viel Abenteuer und wenig Urlaub.

Ganz anders, als es viel später – nach den Ereignissen von 1989 – die ruhige Schönheit der mecklenburgischen Landschaft zu entdecken gab, die der eigenen Familie zur Stätte unvergessener Sommerferien wurde, – dringend gebrauchte Entschleunigung -, das einfache Leben, intakte Natur, – Seen, Kiefernwälder -, ruhige, freundliche Menschen – und Pferde… Ein Land zum Urlaub machen, – aber zum Leben? Die Ruhe – Friedhofsruhe? Landflucht, teils völlig verlassene Orte, fehlende junge Menschen, – die verbleibenden unzufrieden und ohne Perspektive. Die Gelassenheit der Älteren – in Wirklichkeit hoffnungslose Resignation?

Wann bin ich mit Christa Wolf erstmals in Berührung gekommen?

Erstes Scheitern beim Versuch, mich zu erinnern. Es wird nach dem Mauerfall gewesen sein. Den „Geteilten Himmel“ einmal zufällig in der Bibliothek  ausgeliehen, zusammen mit einigen anderen, – damals vieles an Büchern weggelesen, wenig davon behalten -, dieses beeindruckend gefunden. Lust auf mehr. Begeistert von „Kindheitsmuster“, – da hatte mich der Titel neugierig gemacht, – es war mein Thema. Mich durch „Nachdenken über Christa T.“ mehr oder weniger hindurch gequält, – fremde Welt für mich als junge Frau einer späteren Generation. Anders „Kassandra“, – sie stöberte ich zufällig in einer Flohmarktkiste auf, in einer Lebensphase, während derer ich mich intensiv mit Frauenthemen befasste, der Bedeutung von Frauen in Geschichte und Literatur, dem Vorhandensein eines Geschichtsbildes, welches die Frauen – und damit die Hälfte der Menschheit – nahezu ausklammert, Literatur von Frauen nicht zur Kenntnis nimmt. Das Buch wurde mir zu einer Offenbarung. Später die „Medea“, – mit ihr tat ich mich wiederum schwerer, – sie erschloss sich mir erst nach zweimaligem Lesen. Zwischendurch immer wieder Erzählungen, Aufsätze, Essays…

„Was bleibt“ – natürlich! – , das alte Gruseln! Ausgerechnet dieses Buch kürzlich bei einer lieben Freundin, wo es zufällig auf dem Tisch lag, in die Hand genommen und während eines einzigen Abends nochmals durchgelesen, diesmal regelrecht mit einem dem ernsten Thema eigentlich so gar nicht angemessenem Vergnügen, – wer behauptete je, der Autorin fehle es an Humor?  Man bemerkt die Ironie oft nicht, die in der ganzen sie umgebenden Ernsthaftigkeit plötzlich so knochentrocken dasteht, dass man innehalten muss, um sie zu erfassen, – vielleicht auch deshalb das Zweimal-lesen-müssen?

Andererseits eben diese Ernsthaftigkeit, die ich immer schätzte, ihr Ringen um Wahrhaftigkeit, ihr unbedingtes Vermeiden von Vorurteilen, ihr behutsames Abwägen, ihr unbedingtes Hinterfragen der eigenen subjektiven Wahrnehmung, das völlige Fehlen von Gemeinplätzen und Rundumschlägen, an denen sonst in der Gegenwartsliteratur nicht unbedingt Mangel herrscht.

Dann während eines jener späteren Ferienaufenthalte in Mecklenburg zufällig im Gespräch mit einer Bekannten aus der Umgebung – Du liest Christa Wolf? Die wohnt hier gleich um die Ecke! – erfahren, dass sie ihre Sommer in einem Dorf ganz in der Nähe – ich hatte seinen Namen zuvor nie gehört – zu verbringen pflegte. Dieses Wissen reichte aus, mich in Aufregung zu versetzen!

Im Rückblick sehe ich mich auf meinem Lieblingsplatz im Giebel – eines jener schönen alten Doppelfenster mit breitem Sims! – meines Zimmers sitzen, die Nachmittagssonne vom Schatten der hohen Eschen gefiltert, während die Schwalben, damit beschäftigt, in der Scheune den letzten Nachwuchs des Jahres aufzuziehen, dicht an mir vorüberfliegen und fast mit den Flügeln meinen Arm berühren, außer deren Gezwitscher nichts zu hören als Hühnergackern und ab und zu das Krähen eines Hahnes, – sehe mich in „Sommerstück“ lesen , den Duft eines ähnlichen Sommers in der Nase. Lese in den jeweiligen Neuerscheinungen dieser Jahre, die nun regelmäßig im Schaufenster der einzigen Buchhandlung der nächstgelegenen größeren Stadt ausgelegt zu finden sind. Früher, – erzählte die gemeinsame Bekannte -, bekamst du dort kein Buch von Christa Wolf, die gab’s höchstens heimlich unterm Tresen für Privilegierte, – der Laden war so linientreu, dass ich ihn heute noch boykottiere!

Lese „Nuancen von Grün“, Textauszüge aus ganz unterschiedlichen Werken, sensible Naturbeschreibungen, die immer wieder den Zauber der Landschaft auf noch einmal ganz eigene Weise heraufbeschwören, während sie in ihrem ursprünglichen Rahmen manchmal in der Textfülle unterzugehen drohen, –  ein ähnliches Schicksal erleiden wie der angeblich fehlende Humor. Lese „Ein Tag im Jahr“, Poesie des Alltags im Wandel der Zeiten und geschichtlichen Ereignisse, eine sympathische, umwerfend offene Christa Wolf.

Sehe mich Briefe schreiben, die ich ihr bei einer unter irgendeinem Vorwand getätigten Fahrt durch jenen Ort, der nirgendwohin auf meinem Weg lag, heimlich wie eine Diebin in den Briefkasten schmuggle, erhalte auch umgehend eine freundliche Postkarte, die seitdem einen Ehrenplatz auf meinem Bücherregal inne hat.

Lese „Hierzulande, Andernorts“, fahre mit diesem Exemplar eines Tages nochmals hin, mit der vagen Hoffnung, es signieren lassen zu können, betrete mit schlechtem Gewissen durch das offen stehende Tor den Pfarrhof mit seinen hohen, alten Bäumen, – kein Sich-Abschirmen und Abschotten, kein Prunk, kein Protz, – einfaches Leben mitten unter den Menschen im Dorf. Ich treffe sie nicht an, – sie ist unpässlich an jenem Tag, – wohl aber Gerhard Wolf, der mit Gartenarbeit beschäftigt ist und heitere Ruhe ausstrahlt, sich mit uns freundlich unterhält und uns fragt, woher wir sind, – ah ja, Süddeutschland, unweit der Geburtsstadt Hölderlins! -, lange genug hat er sich – selbst Autor und Verleger – mit ihm beschäftigt; er nimmt das Buch ohne Umstände entgegen und bringt es nach wenigen Minuten signiert mit Widmung zurück, – in meine Freude mischt sich das Bedauern, wohl die einzige Gelegenheit verpasst zu haben, ihr je zu begegnen, – es war mein vorläufig letzter Sommer in Mecklenburg.

Dies alles trug sich bereits in der Zeit nach ihrem neunmonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten – in Los Angeles – zu, von dem ihr neuestes Buch „Stadt der Engel“ handelt. Flucht, – sagten böse Zungen. Die Debatte um Stasi-Vorwürfe. Irgendwann mochte ich es nicht mehr hören. Sie hat alles veröffentlicht, ihre komplette Akte. Seltsamerweise wurde dies von den Medien kaum zur Kenntnis genommen. Was an der Sache wirklich dran war, ist darin für jeden nachzulesen. In dieses Netz zu geraten, war noch ganz anderen beschieden, auch zu späteren Zeiten, als sie selbst längst die „Zusammenarbeit“ – wenn sich von solcher denn sprechen lässt – eingestellt hatte und anderen aktiv davon abriet, sich darauf einzulassen. Ich frage mich, wie viele darunter sein mögen, die sich wirklicher Vergehen schuldig gemacht hatten, ohne es bis heute für nötig zu halten, sich darüber – gar öffentlich – zu äußern.

All dies, worüber heute alle Welt meint, urteilen zu müssen, hatte sich lange vor dem denkwürdigen 11. ZK-Plenum von 1965 ereignet, wo sie es als einzige wagte, Kritik an der Kulturabteilung ihres Regimes zu üben, – lange bevor sie gemeinsam mit einigen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen 1976 schriftlich gegen die Ausbürgerung des in Ungnade gefallenen Liedermachers Wolf Biermann protestierte, – lange vor ihrer Rede von 1989, als das Volk in einer friedlichen Revolution bekundet hatte, dass es nun einmal das Volk sei, und dass die Regierung sich – Brecht lässt grüßen – eben kein anderes wählen könne, – als sie die Menschen beschwor, zu bleiben, statt weiterhin in großer Zahl das Land zu verlassen, – Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg! -,weil sie ansonsten ein Ausbluten des Landes befürchtete, in dem sie selbst immer geblieben war, statt wie viele andere zu gehen. Warum? –  fragt man heute. Weil sie das Gefühl hatte, dort gebraucht zu werden. Weil sie an die Möglichkeit einer Umgestaltung des Sozialismus glaubte – wer will es ihr verdenken? – und weil sie den Menschen im Land nach dem – in der Geschichte erstmaligen! – Gelingen einer friedlichen Revolution zutraute, dass solches zusammen mit ihnen durchzuführen wäre, – während diese bei Öffnung der Grenze nach Jahren materieller Entbehrungen zunächst einmal der Anziehungskraft der vollen Schaufenster auf der anderen Seite des Zaunes erlagen, – wer will es wiederum ihnen verdenken?

Das alte Indianersprichwort, – am Ende des Buches besucht sie wirklich Indianerland -, aber es kommt nicht darin vor: Urteile über niemanden, solange du nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bist.

Aber Christa Wolf wäre nicht Christa Wolf, wenn sie einen wunden Punkt – oder einen blinden Fleck – auf sich beruhen lassen könnte. Rechtfertigungszwang? Wie stellt man es an, genau da nicht hineingedrängt zu werden? Eine Frage, die sie sich selbst stellt. Und die, ob es für diesen Fall eine mögliche richtige, eine angemessene Verhaltensweise gibt. Vermutlich gibt es sie nicht, und man kann in jedem Fall nur alles falsch machen. Zumindest für andere. Also gilt es, das zu tun, was man für sich selbst als das Richtige erkennt. Und ihr Bestreben war es ein Leben lang, das größte Maß an Offenheit zu finden, schonungslose Offenheit sich selbst und anderen gegenüber, – ich habe mich oft gefragt, warum tut sie das, warum setzt sie sich dem allem aus? -, und die eigene Verantwortung ernst zu nehmen, sich ihr zu stellen. Dies ist – irgendwann begriff ich es – der einzige Weg – und Thema dieses Buches.

Ein Buch, mit dem ich mich zunächst schwer tue. Der Anfang ist zäh, wirkt holprig. Er muss es sein, aber das begreife ich erst später. Ich quäle mich. Ebenso quält sich die Autorin, – auch dies begreife ich erst nach und nach. Und dass ich vor die Wahl gestellt bin, mitzugehen, um zu verstehen, – oder eben nicht. Und ich entscheide mich fürs Mitgehen.

Der Amerikaaufenthalt Christa Wolfs ergibt sich durch die Einladung eines historischen Forschungszentrums, ein Stipendium, – dafür bedarf es eines Projektes, und was läge näher, als sich auf die Spuren der deutschen Exilliteraten zu begeben, derer sich viele während der NS-Zeit in Kalifornien am selben Ort einfanden, in Santa Monica, in Pacific Palisades, „New Weimar unter Palmen“ genannt, – bekannte Namen: Bertold Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Alfred Döblin… -, im Besonderen jedoch auf die verlorene Spur einer emigrierten Freundin, – richtiger: der Freundin einer inzwischen verstorbenen Freundin, von der nur einige Briefe aus deren Nachlass existieren, die sie stets nur mit dem Anfangsbuchstaben ihres Vornamens unterschrieben hatte. Die Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen, – gleichzeitig die der Autorin nach sich selbst. Es kommt im Zuge dessen zu Recherchen, Exkursionen und Begegnungen mit den verschiedensten Menschen, auch mit vielen jüdischen Emigranten und deren Nachkommen, zu Gesprächen über die geschichtlichen Ereignisse und die gegenwärtige Situation der Menschen sowohl in den Staaten als auch im wiedervereinigten Deutschland und in Europa.

Wie immer fehlt mir historisches Hintergrundwissen, habe ich Lücken, – Mühe, den Zeitsprüngen der Erinnerung zu folgen, muss mancherlei Namen und Ereignisse nachschlagen, die mir nichts sagen, die mir in etlichen früheren Werken Christa Wolfs schon des Öfteren begegnet sein müssen, die ich dennoch regelmäßig wieder vergesse und bei Bedarf nicht hervorzuholen geschweige denn zuzuordnen vermag. Wer aus meiner Generation – im Westen aufgewachsen – kennt den tschechischen Autoren Louis Fürnberg? Bekannter der russische Schriftsteller Lew Kopelew, der sich nach seiner Zwangsausbürgerung in Köln bei Heinrich Böll aufhielt, dann Anna Achmatowa, der russische Germanist und Übersetzer Efim Etkind, das russische Dichterpaar Ossip und Nadeschda Mandelstam, die Emigrantenarchitekten Neutra und Schindler, – der interessanten Persönlichkeiten, die es hier zu entdecken oder wiederzuentdecken gibt, scheint kein Ende.

Wer einen Roman im eher üblichen Sinne erwartet hat, muss möglicherweise seine Vorstellungen neu ausrichten. Christa Wolfs Werke haben sich wohl niemals eindeutig kategorisieren lassen. Wer den roten Faden sucht, findet ein eigenwilliges Gewebe vieler roter Fäden, die alle verfolgt sein wollen, sich manchmal naturgemäß verheddern, – ohne dass dies schlimm wäre, denn: ist das Leben anders?

Und unsere Erinnerung, unser Unbewusstes und Unterbewusstes, dem sie auf der Spur ist? Der zweite Titel „The Overcoat of Dr. Freud“, welcher Bezug nimmt auf einen Mantel Sigmund Freuds, in dessen Besitz ein Freund auf Umwegen gelangte, und der ihm unter mysteriösen Umstanden wieder abhandenkam, deutet es an. Erlebnisse, Begegnungen, Überlegungen, Reflexionen, Träume greifen ineinander. Dies zu einer Handlung zu verweben, erfordert Können. Christa Wolf besitzt es, – zweifellos. Und nach den ersten etwa hundertfünfzig Seiten hat auch die Krise ihren Höhepunkt überschritten. Ab dann wird der Ton eindringlicher, – ist es die „alte“ Christa Wolf, wie ich sie kenne. Dafür hat es sich gelohnt.

Und ich merke nach und nach: Es geht nicht darum, die Fülle an Details wie Teile eines Puzzles zusammenzufügen, auch wenn es durchaus spannend sein kann, diesen Versuch zu unternehmen. Auch das Rätsel der verschollenen Freundin löst sich in einer Verkettung von Zufällen, die echt oder erfunden sein können, – wenn es solche Zufälle nicht gäbe, müsste man sie erfinden, schreibt sie, – ist da etwa ein Augenzwinkern zu vernehmen? Aber inzwischen ist längst zu merken: Darum geht es gar nicht mehr.

Vielmehr geht es um Voraussetzungen von Erinnern und Vergessen, – das erwähnte Freud-Zitat: Ohne Vergessen können wir nicht leben! -, um Schuld und Verantwortung, die uralte Frage, wie die unlösbaren Konflikte zustande kommen, die uns seit ewigen Zeiten zu schaffen machen, so dass sie bereits in der Antike literarischen Stoff in Hülle und Fülle zu liefern vermochten, – wo haben sie begonnen, – wohin führt dies in unserer Zeiten? Bezeichnend die im Buch erwähnten Worte eines Freundes während einer Diskussion, in der es um die moralischen Verstrickungen der Atomphysiker geht:

„Wenn gutwillige normale Menschen so in eine Klemme getrieben werden, dass sie, nach ihren eigenen Maßstäben, nichts mehr richtig machen können, dann ist die Gesellschaft krank, in der sie leben.“

Und es geht um die stets brennende Frage nach dem Ausweg aus dem zwangsläufigen Schuldig-werden-müssen, aus dem ewigen Scheitern am Versuch, es doch noch einmal besser zu machen, Voraussetzungen für eine bessere Gesellschaft zu schaffen, – des Einzelnen, eines ganzes Volkes, – schließlich der Menschheit, – aller Menschen an allen Orten, – in welchem Gesellschaftssystem auch immer.

Ein mehrfach verwendetes Bild im Roman – Stadt der Engel! – ist jenes des „Engels der Geschichte“, zurückzuführen auf den Philosophen Walter Benjamin, der durch ein Gemälde von Paul Klee dazu inspiriert wurde:

Ein Sturm weht vom Paradiese her, der diesen Engel mit rückwärts gewendetem Antlitz in die Zukunft treibt, die er nicht schauen und lediglich – ein grausamer Fluch! – mit stetem Entsetzen auf das bereits Vergangene zurückblicken kann, ohne dieses je mehr ändern zu können.
Die Frage danach, wie ein solches Verhängnis aufzuhalten, wie dieser Fluch zu durchbrechen wäre, – sie macht nicht vor irgendeiner Generation einfach Halt, – sie wird ein Thema bleiben, auch für die nächste und übernächste.

Um mit den Worten des bekannten – zuvor genannten – älteren Titels zu fragen: Was bleibt?

Eine Erinnerung an meinen letzten Sommer in Mecklenburg:
Ich sehe mich eines Abends – wie so oft während meines Aufenthaltes – die Bundesstraße 192 zwischen Goldberg und Sternberg entlang fahren, auf einer bestimmten Höhe unwillkürlich nach rechts Ausschau haltend, nach dem etwas abseits erhöht gelegenen kleinen Dorf und seinem ersten größeren Haus, dem Pfarrhaus mit dem großen Giebel. Alles liegt bereits im Dunkeln, der Ort wirkt ausgestorben – nur das Licht im Giebelfenster, –  ihrem Fenster! – ist von weit her zu sehen. Licht über dem Land -, denke ich, – ein schönes Bild.

© Bettina Johl

Christa Wolf: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 416 S., geb. 24,90 €

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