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Ein Zug zum Maskenhaften – Gerhart Hauptmann

Corinth Gerhart Hauptmann

Corinth: Gerhart Hauptmann (Photo credit: Wikipedia)

Peter Sprengels große Biografie zum 150. Geburtstag des schlesischen Dichters

Die Skandale um die Uraufführungen seiner Stücke „Vor Sonnenaufgang“ und „Die Weber“ machten Gerhart Hauptmann zum bekanntesten deutschen Dichter – und sein Ruhm hielt an über die Zeiten, deren Repräsentant er zu sein sich bemühte, im Guten wie im Bösen. Viel gelesen wird er zwar heute nicht mehr, aber seine Werke „Bahnwärter Thiel“, „Rose Bernd“ oder „Die Weber“ sind mancherorts noch Schullektüre, und gerade seine naturalistischen Dramen erweisen sich immer noch, allen Widerständen zum Trotz, als erstaunlich gut inszenierbar. Sein mystisches Spätwerk hingegen ist nur noch von literaturhistorischem Interesse, Gerhart Hauptmann selbst ist, als Dichterpersönlichkeit, in der Versenkung verschwunden, in Erinnerung vieler nur noch in der Figur des spleenigen „Mynheer Peeperkorn“ in Thomas Manns „Zauberberg“, eine Fassadengestalt ohne hinreichend konkretisierte Substanz.

Ein Zug zum Maskenhaften, so konstatiert sein Biograf Peter Sprengel, lässt sich auf breiter Basis in Hauptmanns Leben und den Zeugnissen über seine Person wiederfinden. Er inszenierte sich als Seher, Priester und neuer Klassiker, Stellvertreter Goethes auf Erden, hierin Thomas Mann und Stefan George nicht unähnlich, ein selbsternannter Mönch, allerdings mit weltlichem, großbürgerlichem Lebensstil. In seinem Arbeitszimmer hatte er etliche Totenmasken aufgehängt und notierte, was die Toten ihm sagten. Als er 1946 starb, ließ er sich in einer Franziskanerkutte auf Hiddensee beerdigen, und zwar „vor Sonnenaufgang“ und mit seiner Dichtung „Der große Traum“. Als sein Leichnam per Sonderzug aus dem inzwischen polnischen Schlesien zu seiner letzten Ruhestätte auf der Insel überführt wurde, fand dies sogar unter offizieller Beteiligung führender SED-Politiker statt, die aus dem nicht nur zuletzt deutschnational gesonnenen Schriftsteller einen Kämpfer für die sozialistische Sache zu machen versuchten.

Zum 150. Geburtstag des Dichters ist nun die vorliegende Biografie von Peter Sprengel erschienen, der an der FU Berlin Neuere deutsche Literatur lehrt und als einer der besten Kenner der Literatur der frühen Moderne zwischen 1871 und 1918 gilt. Im Jahre 2009 hat er mit seiner Studie „Der Dichter stand auf hoher Küste – Gerhart Hauptmann im Dritten Reich“ aufgezeigt, dass Hauptmann Deutschlands Wiederaufstieg zur Weltmacht unter Hitler begrüßte und auch zur Zusammenarbeit mit den NS-Machthabern bereit war. Die jetzt erschienene Biografie des Berliner Literaturhistorikers ist die ausführlichste Monografie, die je über Hauptmann geschrieben wurde, und speist sich konsequent aus Originalquellen. Sie erzählt die Erfolgsgeschichte des Sohn eines Gastwirts aus dem schlesischen Salzbrunn, der dort am 15. November 1862 geboren wurde, später auszog, um zunächst Monumentalbildhauer zu werden, dann als größter Dramatiker des Naturalismus eine beispiellose Karriere machte und 1912 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Gerhart Hauptmann, so Sprengel, kann als eine Schlüsselfigur des literarischen Lebens um 1900 angesehen werden. Er ist für ihn einer der ganz entscheidenden Bahnbrecher der literarischen Moderne um 1900. Hauptmann ist nicht der einzige, aber einer der wichtigsten Autoren für diesen Aufbruch, ohne den die Entwicklung der modernen Literatur bis hin zu Franz Kafka gar nicht vorstellbar wäre.

Dennoch ist Hauptmann in der Biographie Sprengels kein Mann zum Anfassen oder Mitfühlen: Ein gescheiterte Schüler aus der schlesischen Provinz, der mit dreißig Jahren die Theater der Hauptstadt eroberte und als Siebzigjähriger von drei Staatspräsidenten empfangen wurde. Es ist eine Story weitgehend ohne Moral, die sich auf einer reichen Heirat gründet – und belastet ist mit schweren politischen Fehlern. Er ist seiner Autorität, die er als Schriftsteller zweifelsfrei genoss, in moralischer Hinsicht nicht gerecht geworden, weder 1914 noch in den Jahren nach 1933. „Ich sage ja“: Diese Worte, mit denen Gerhart Hauptmann 1933 den von Hitler ins Werk gesetzten Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund begleitete, könnten auch als sein Lebensmotto gelten. Den Kriegsbeginn 1914 begleitete er mit Zustimmung, der Weimarer Republik erteilte er sofort seine Unterstützung, so dass Thomas Mann ihn zum „ungekrönten König der Republik“ ernannte. Die Machtergreifung“ der Nazis, den Überfall auf Polen 1938 und den Einmarsch nach Frankreich ein Jahr später begrüßte er ebenso wie nach dem Zusammenbruch das sich bildende Sowjet-System in seiner schlesischen Heimat.

Trotz seiner politischen Verirrungen war Hauptmanns Lebens von früh an durch einen moralischen Idealismus und den utopischen Traum von einer besseren Welt geprägt, den er nicht zuletzt in seinen leidenschaftlichen Liebesaffären zu realisieren versuchte und der sich in seinen zahlreichen lyrischen und epischen Werken gespiegelt hat. In Sprengels Biografie kommt deren lebensgeschichtlicher Ort ebenso zur Sprache wie die biografischen Hintergründe und Voraussetzungen seines dramatischen Gesamtwerks. So wurde die Aufführung der ,Weber‘ verboten, weil damit sozialdemokratische Propaganda gemacht würde. Aber das war ein Missverständnis, so Sprengel. Hauptmann war kein politischer Kopf, er sagte vielmehr, das Mitleid habe ihm die Feder geführt, als er das Drama geschrieben hat. Es ging ihm vor allem um das künstlerische Experiment in diesem Werk. Hauptmann sei dann noch aktuell, wenn es gelinge, die historische Perspektive auf ihn zu überwinden, so der Berliner Literaturhistoriker.

Die neue Lebensbeschreibung von Peter Sprengel löst sich von alten Paradigmen der Hauptmann-Biografik, die sich gerne an die Mythen anschloss, die Hauptmann selber in seinen autobiografischen Werken gestiftet hat. Sie führt zu zahlreichen Korrekturen und neuen Erkenntnissen im Detail, und nicht zuletzt zu einem tieferen Verständnis der Persönlichkeit Gerhart Hauptmanns. Peter Sprengel hat eine maßgebliche Biografie geschrieben.

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien am 12. November 2012 auf literaturkritik.de, am 14. November 2012 in der Kölnischen Rundschau, Bonner Rundschau und im General-Anzeiger Bonn.

Peter Sprengel: Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum. Eine Biographie.
Verlag C. H. Beck, München 2012.
848 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783406640452

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Peter Sprengel: Der Dichter stand auf hoher Küste. Gerhart Hauptmann im Dritten Reich.
Propyläen Verlag, Berlin 2009.
400 Seiten, 24,90 EUR. ISBN-13: 9783549073117

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Der Schein des Unendlichen

Romantik Safranski

Die Romantik, eine deutsche Affäre?

Warum kann man eigentlich hierzulande kein Buch über die deutsche Romantik schreiben, ohne das dies als inhaltliche Schwäche, als unzulässige Verengung, ausgelegt wird? Die Romantik sei schließlich als Epoche in der Kultur- und Literaturgeschichte ein gesamteuropäisches Phänomen.  Diesen Vorwurf an sein Buch parierte der Autor Rüdiger Safranski auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse überaus lapidar: „Wenn man die deutsche literarische und philosophische Romantik im Sack hat, dann hat man sie alle.“ Dieser schnoddrig formulierte Satz, wenn er denn tatsächlich ernst gemeint sein sollte, ist natürlich falsch. Und der in philosophischen und literarischen Disziplinen hochgebildete Rüdiger Safranski weiß dies auch. Was bewog ihn dann, allein über die deutsche Literatur und Philosophie der Romantik zu schreiben, auch unter dem fast vollständigen Verzicht der anderen Künste wie der Musik und Malerei? Richard Wagner und seinen Musikdramen wird zwar Raum gegeben, allerdings fast immer im Zusammenhang mit den Philosophien Nietzsches und Schopenhauers. Und hier greift der Autor auf sein im Jahre 2000 erschienenes Nietzsche-Buch zurück, für das ihm der nach diesem Philosophen eigens benannte Preis verliehen wurde. Safranskis Intention liegt vor allem in der Beschreibung deutscher Mentalitätsgeschichte und  weniger in einer reiner Epochendarstellung. Will man ein Phänomen wie das der deutschen Romantik und den problematischen Begriff des Romantischen einem breiteren Leserkreis zugänglich machen, dann kann dies nur gelingen durch Reduzierung theoretischer Komplexität, anschauliche Beschreibung sowie stilsicheres Gespür für Aussonderung und Pointierung. Dabei bleibt naturgemäß einiges auf der Strecke.

Was das Anschauliche betrifft, liefert ihm die frühe romantische Philosophie durchaus argumentative Schützenhilfe. In einem kühnen Textentwurf von 1797, den man später „Das älteste  Systemprogramm des deutschen Idealismus“ nannte und bis ins späte 20.Jahrhundert abwechselnd Hölderlin, Hegel und Schelling zugeschrieben wurde, bis man in der philosophischen Forschung Friedrich Hölderlins dominierenden Part allgemein anerkannte, ist ausdrücklich von der Schaffung einer neuen Mythologie die Rede, einer „Mythologie der Vernunft“. Sie soll in Bildern verfasst sein, anschaulich darstellen, was vorher abstraktes philosophisches Denken formuliert hatte, sie muss mythologisch, d.h. ästhetisch sein, sonst habe sie für das Volk kein Interesse und der Philosoph müsse sich ihrer schämen. Es ist ein volkspädagogisches Konzept, die drei jungen schwäbischen Idealisten wollen eine bessere Wirkung beim Publikum. Annahme von allem ist, dass in Gesellschaft und Natur die gleiche Vernunft wirke, und die „Vorstellung von mir als einem absolut freien Wesen.“ Allerdings ist auch dieses „älteste Systemprogramm“ wenig anschaulich, sondern in einer hochtheoretischen Sprache formuliert, die wenig Erbarmen mit philosophisch ungeübten Köpfen zeigt. Rüdiger Safranski ist ein Meister der philosophischen Bilderrede, dies hat er in seinen Biographien über Schiller, Schopenhauer und Heidegger ebenso bewiesen wie in seinen zahlreichen philosophischen Essays. Sie stehen in einer Reihe mit den großen Biographien Richard Friedenthals über Goethe, Luther und Karl Marx. Das Buch ist in zwei große Teile untergliedert, die einander ergänzen. Es ist die Biographie einer für den Autor noch nicht beendeten Geisteshaltung der Deutschen. Die Romantik wird zunächst als Epoche dargestellt, anschließend das Romantische als Geisteshaltung, die bis heute fortwirke, und zwar in Politik und Kultur. Die prägnanteste Formulierung für das Romantische lieferte Friedrich von Hardenberg, der sich später Novalis nannte: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Die Romantik als Epoche beginnt in Jena im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, sie endet in der deutschen Literatur mit Eichendorffs und Tiecks Tod in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Heinrich Heine, der eine Sonderstellung einnimmt, starb 1856 im Pariser Exil. Durch Fichte und Schelling zunächst stark von der Aufklärung und der französischen Revolution geprägt, besitzt die Romantik noch ein sehr welt- und zukunftsoffenes Potenzial. Doch gleichzeitig will sie der „entzauberten Welt“, der Säkularisierung etwas entgegensetzen, sie unterhält eine untergründige Beziehung zur Religion, zum Unendlichen; sie liebt die Ferne der Zukunft ebenso wie die der Vergangenheit. Sie ist in Extremen zuhause, in der Ironie ebenso wie in der Andacht. Sie  bekennt sich zur Weltfremdheit, zum Traum, zur Nacht und zur Todessehnsucht. Safranskis pointierte Formulierung: „Die Romantik ist die Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln.“ Es sind oft genug Privatreligionen. Im Jena nahe gelegenen Weimar betrachtete man das Treiben der Gebrüder Schlegel und Novalis argwöhnisch. Der „Geheime Rath“ konzedierte zwar, dass aus Novalis ein Imperator der Literatur hätte werden können, wäre dem mit 28 Jahren verstorbenen Dichter nur genügend Zeit geblieben. Im Alter nannte Goethe, der seinen Blick ohnehin zu niemandem in der deutschen Literatur seiner Zeit mehr heben musste, das Romantische bloß noch das Kranke. Romantische Spuren, der Zauber des Vergänglichen, Weltfremdheit, Sprachdunkles und Irrationalität finden sich, so Safranski, nach dem Ende der eigentlichen Epoche in der deutschen Literatur und Philosophie zuhauf, wie z.B. bei Nietzsche, George und seinem Kreis, und Heidegger. Einmal in die Politik eingebracht, wirke Romantik zerstörerisch, wie es an der deutschen Geschichte ablesbar sei. Andererseits, so beschließt Rüdiger Safranski sein schönes und nachdenkenswertes Buch, dürfe den Menschen die romantische Einbildungskraft nicht verloren gehen, denn wir benötigten ihre Phantasieräume, weil wir, wie Rilke dichtete, „nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“

Dieter Kaltwasser

Rüdiger Safranski: Romantik – Eine deutsche Affäre, München 2007, 415 Seiten