Monatsarchiv: Februar 2012

Über die zivilisierende Kraft der Demokratie

Deutsch: Jürgen Habermas bei einer Diskussion ...

Jürgen Habermas und Colin Crouch zur Verfassung Europas

Nach einem Wort Hegels erfasst allein die Philosophie ihre Zeit in Gedanken. Jürgen Habermas, einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart, nimmt seit mehr als vier Jahrzehnten öffentlich Stellung zu europäischen Themen. Als Philosoph und Soziologe, dessen Ausführungen weltweit Aufmerksamkeit erregen, versucht er mit seinen Ideen zu Europa Einfluss zu nehmen auf die Mentalitätsgeschichte nicht nur der Deutschen. Anders als Hegel vermag Habermas allerdings in der Wirklichkeit kaum Vernünftiges zu erkennen, sondern sieht einen Primat der Ökonomie am Werk, dem ein „postdemokratischer Exekutivföderalismus“ der europäischen Staaten sich auszuliefern im Begriff ist.

Wie bei vielen seiner Generation, Habermas ist 1929 geboren, steht bei ihm von Anfang an die Überzeugung, dass nach der Katastrophe des Hitlerregimes die Idee des Nationalstaats einer grundsätzlichen Revision bedarf und ein geeintes Europa geschaffen werden muss. So ist beispielsweise für den Generationsgenossen Helmut Kohl die europäische Einigung „eine Frage von Krieg und Frieden“ und der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat seinen Unmut über das demokratieschwache Europa in seiner Streitschrift „Sanftes Monster Brüssel“ bekundet:„Politik hinter verschlossenen Türen. Geheimniskrämerei. Kabinettspolitik.“ Für den im Dezember letzten Jahres verstorbenen Psychoanalytiker und Vater der deutschen Friedensbewegung Horst-Eberhard Richter führt kein anderer Weg aus der gegenwärtigen Krise Europas als der Wille zur Einigung auf der Grundlage eines neuen moralischen Verantwortungsbewusstseins.

Habermas frühe Aversion gegen das Nationale verleitete ihn nicht zu einer unkritischen Sicht auf Europa, in dessen politischen Bestrebungen er während der Zeit der Pariser und Römischen Verträge nur eine Integration der kapitalistischen Marktwirtschaft zu erkennen vermochte. Selbst als die Europäische Gemeinschaft gegründet war, hielt er sich mit Stellungnahmen zur staatlichen Verfassung Europas zurück. Erst in den achtziger Jahren gab sich der Philosoph als überzeugter Europäer zu erkennen, und meldete sich vor allem dann zu Wort, wenn der politische Einigungsprozess stockte. Die anhaltende Euro-Krise sowie die halbherzigen, oft populistischen Reaktionen der Politik lassen ein Misslingen des europäischen Projekts derzeit als reale Möglichkeit erscheinen, so Jürgen Habermas in seinem neuen, seit langem erwarteten Essay „Zur Verfassung Europas“. Er wendet sich gegen eine seit dem Scheitern des Verfassungsentwurfs im Jahr 2004 verselbstständigende postdemokratische Macht des Europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs.

Die Verwendung des Begriffs „Postdemokratie“ durch Habermas verweist auf Colin Crouch gleichnamiges Buch, das im Jahre 2003 eine subtile Diagnose des demokratischen status quo der europäischen Staaten lieferte  und zu dem Ergebnis gelangte, dass die demokratischen Institutionen  nur noch formal im politischen System existieren und von Politikern und Bürgern nicht mehr mit Leben gefüllt werden. Crouch bezeichnet dort die „Postdemokratie“ als ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, „Wahlen, die  sogar, dazu führen, dass Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben.“ Crouch bescheinigt den Bürgern der europäischen Länder eine weitgehend apathische und schweigende Rolle, in der sie nur noch auf zugeführte Reize reagieren. Im Hintergrund solcher politischen Inszenierung wird Politik hinter verschlossenen Türen gemacht, und zwar von den gewählten Regierungen im Verbund mit Eliten, die vor allem die Interessen  der Wirtschaft und des Finanzsektors vertreten. Sieht man sich die gegenwärtige Politik an, beispielsweise in Bezug auf Griechenland und das Euro-Rettungspaket, so können Crouchs Analysen der „Postdemokratie“ und Habermas  Bezeichnung „Exekutivföderalismus“ für das Agieren der europäischen Regierungen kaum noch die Zustimmung versagt werden.  Der wirtschaftlichen Globalisierung, so postulierte Habermas 2008 in einem Interview zur Finanzkrise, das Thomas Assheuer für die Wochenzeitschrift „Die Zeit“ mit ihm führte, hätte schon längst „eine weltweite politische Koordination und die weitere Verrechtlichung der internationalen Beziehungen folgen sollen“ – im Sinn eines „dezentrierten Universalismus der gleichen Achtung für jeden“.

„Zur Verfassung Europas“  enthält außer dem titelgebenden Kernessay zusätzlich den Aufsatz „Das Konzept der Menschenwürde und die realistische Utopie der Menschenrechte“ sowie drei Interventionen, die Habermas seit Ausbruch der Finanzkrise in Zeitungen veröffentlicht hat. Die changierende Doppelbedeutung des Buchtitels weist sowohl auf den gegenwärtigen defizitären Zustand Europas als auch auf ein „überzeugendes Narrativ“ für die Geschichte und vor allem die Zukunft der europäischen Union hin. Dabei versucht Habermas Denkblockaden bezüglich der Transnationalisierung Europas aus dem Weg zu räumen, indem er den Einigungsprozess in den langfristigen Zusammenhang der Verrechtlichung und Zivilisierung staatlicher Gewalt einordnet.

Die Chancen für ein demokratisch verfasstes Europa werden größer durch die Unterordnung der Nationalstaaten unter supranationales EU-Recht; die Einzelstaaten teilen sich die verfassungsgebende Gewalt des supranationalen Gemeinwesens zusammen mit der Gesamtheit der Unionsbürger. Die Volkssouveränität ist „ursprünglich geteilt“: Jeder Europäer ist zugleich Unionsbürger wie auch „Angehöriger eines europäischen Volkes“, eine „transnationale Demokratie“ entsteht erst dann, wenn Unionsbürger und Völker als gleichberechtigte Partner im Gesetzgebungsprozess auftreten. Diese transnationale Demokratie in Europa kann nur ein erster Schritt hin zu einer demokratisch verfassten Weltbürgergesellschaft mit einer globalen Verfassungsordnung sein, so die konkrete geschichtsphilosophische Utopie des Philosophen, mit der er bewußt an die mehr als zweihundert Jahre alte Schrift „Zum ewigen Frieden“ von Immanuel Kant und dessen Idee eines Weltbürgerrechts erinnert und anschließt. Deren Grundgedanke einer globalen Föderation von Republiken ist nicht erreicht und scheint es auf lange Sicht nicht. „Und gegenüber der Größenordnung dieser Probleme“, so schließt Habermas seine Überlegungen, „hat die Aufgabe, die wir in Europa lösen müssen, fast schon ein übersichtliches Format.“

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien in gekürzter Fassung am 21. Februar 2012 im General-Anzeiger Bonn

Literatur zum Thema:

Jürgen Habermas: Zur Verfassung Europas – Ein Essay, Suhrkamp, Berlin 2011, 140 Seiten Bei OSIANDER bestellen

Colin Crouch: Postdemokratie, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 159 Seiten

Horst-Eberhard Richter: Moral in Zeiten der Krise, Suhrkamp, Berlin 2010, 192 Seiten  Bei OSIANDER bestellen

Hans-Magnus Enzensberger: Sanftes Monstrum Brüssel oder Die Entmündigung Europas, Suhrkamp, Berlin 2011, 73 Seiten

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Gesellschaft, Philosophie, Politik

„Der Unnachahmliche“ – Zum 200. Geburtstag von Charles Dickens

English: Detail from photographic portrait of ...

Charles Dickens

Charles Dickens, neben Shakespeare der bekannteste britische Autor der Weltliteratur, gilt in Deutschland zumeist als ein humoristischer Volksschriftsteller mit sozialkritischem Touch, während er in der englischsprachigen Welt in einem Atemzug mit Ibsen, Joyce und Kafka genannt wird. Sein diejähriger 200. Geburtstag am 7. Februar bietet uns die Gelegenheit, seine wahre Bedeutung auch hierzulande neu zu entdecken. Hierzu bieten einige Neuveröffentlichungen reichlich Gelegenheit.

„Der Unnachahmliche“

Da ist zum einen die neu erschienene Dickens-Biographie des Anglisten Hans-Dieter Gelfert, der bereit 2009 zum 200.Geburtstag Edgar Allan Poes eine Biographie vorlegte, die das tradierte Bild des amerikanischen Dichters zurechtzurücken half. In seinem nun vorliegenden Dickens-Porträt widmet sich Gelfert in anschaulichen Kapiteln dem Leben des englischen Schriftstellers, der von seinen Freunden „Der Unnachahmliche“ genannt wurde und diesen Beinamen selbstironisch übernahm, und entwirft darüber hinaus ein Panorama des viktorianischen Zeitalters, in dem Dickens wirkte.

Im Wechsel mit biographischen Abschnitten werden in eigenen Kapiteln alle wichtigen Werke detailliert vorgestellt und interpretiert. Gelfert zeigt, wie Dickens seine traumatische Kindheitserinnerung als zwölfjähriger Hilfsarbeiter in einer Schuhwichsefabrik schriftstellerisch so zu verarbeiten wusste, dass Romane wie „David Copperfield“, „Oliver Twist“ und „Große Erwartungen“ daraus entstanden, in denen sich Menschen gegen eine übermächtige Fremdbestimmung behaupten müssen. Politik und Gesellschaft erscheinen dabei als eine labyrinthische Sphäre totaler Selbstentäußerung. Dieses Gefühl der Entfremdung  ist zum Lebensgefühl der Moderne geworden und Dickens zu einem Vorläufer Kafkas; dies führt den viktorianischen Schriftsteller aus der Welt des 19. Jahrhunderts direkt an unsere Gegenwart heran. Das Adjektiv „Dickensian“ ist in den englischen Wortschatz eingegangen und verweist auf die Armut und soziale Ungerechtigkeit der arbeitenden und besitzlosen Klassen im viktorianischen Zeitalter. Mit seinen Romanen, obwohl sie immer auch Großporträts der gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit sind, erschuf Dickens zugleich einen eigenen Kosmos, seine Romafiguren sind in die britische Alltagsmythologie übergegangen

Dabei wird uns von Gelfert ein Zeit seines Lebens Gehetzter vor Augen geführt, der in seiner Kindheit und Jugend gegen erniedrigende Widrigkeiten ankämpfen muss, sein Vater landet im Schuldgefängnis, er selbst wird ein hart arbeitender Autor, der gleichzeitig an mehreren Geschichten schreibt, auf Lesetour geht, Zeitungen herausgibt, philanthropische Projekte vorantreibt und sich um seine Familie kümmert. Die letzen zehn Jahre wird er sich einen Jugend- und Lebenstraum verwirklichen, indem er jenes Gad’s Hill Place in Kent erwirbt, in dem er dann „Große Erwartungen“, „Unser gemeinsamer Freund“ und bis wenige Stunden vor seinem Tod an seinem Fragment gebliebenen Roman „Das Geheimnis des Edwin Drood“ schreiben und das Rätsel um dessen Verschwinden mit ins Grab nehmen wird.

Hans-Dieter Gelfert gelingt mit seiner Dickens-Biographie eine Neuentdeckung des großen englischen Schriftstellers und zeigt, von welch hohem literarischen Rang dessen Werke sind, die Leser wie Robert Walser, Adorno und Franz Kafka zu begeistern vermochten. So wollte Kafka mit seinem Fragment gebliebenen Roman „Der Verschollene“ ausdrücklich einen „Dickens-Roman schreiben.

Dennoch werden hierzulande die Romane und Geschichten Dickens gerne in die anrüchige Ecke rein kommerzieller Erzählstücke gestellt, dem britischen Autor gerade aus unseren literarischen Elfenbeintürmen das Geldverdienen übel genommen. Es war in der Tat eine Obsession von ihm. Doch wer eigentlich warf dies je Goethe vor, der von seinem Herzog aus Weimar generös auf fast zwei Jahre ein Salär nachgeschickt bekam, als er in Italien durch seine erotischen Schulen lief. Deutsche Dichterbiographien behandeln Geld nur verschämt oder beklagen sein Fehlen. Gelfert bittet beinahe entschuldigend den Leser um Verständnis, dass er so oft auf die Einkünfte rekurriert und betont, dass „Dickens wie kein anderer Autor seiner Zeit seinen Wert zum Höchstpreis auf den Markt brachte.“ Auch hier bleibt er ein zeitlebens Gehetzter, obwohl sein persönliches Leitbild am englischen Landadel orientiert war, an der Gentry, ihm versuchte er so nahe wie möglich zu kommen. Seine großen philanthropischen Unternehmungen müssen auch vor diesem Hintergrund gesehen werden; der englische Gentleman des viktorianischen Zeitalters bringt es zu Wohlstand, der moralisch legitimiert ist.

Große Erwartungen

Die Neuverfilmung des Dickens-Romans „Große Erwartungen“ und seine Ausstrahlung über Weihnachten 2011 wurden in England zum Massenereignis. Millionen Menschen saßen an den Fernsehschirmen und schauten dem Aufstieg und schweren Leben, den sozialen Wirren, dem Fluch des Geldes und dem Auf und Ab des Liebeslebens des Waisenjungen Pip zu. Für die Briten ist Dickens ein Teil ihrer Identität, Shakespeares kleiner Bruder.

Seit dem Spätherbst letzten Jahres liegt eine Neuübersetzung des Romans von Melanie Walz vor, die auch von ihr herausgegeben und mit einem Werk und Entstehung erläuternden und sehr lesenswerten Nachwort versehen ist. Man kann der Übersetzerin nicht genug dafür danken, „eines der größten, der unvergesslichsten Bücher der Welt – Dickens auf konzentrierte Weise vollkommenstes Buch“, wie George Bernhard Shaw befand, so grandios ins Deutsche übersetzt zu haben: einen Roman, der sich ja vor allem durch seine poetische Sprache und eine sorgfältige, hochartifizielle Konstruktion ausweist. Es wäre nur zu wünschen, dass die Neuübersetzung mit dazu beiträgt, den Autor auch bei uns endlich in seiner wahren Bedeutung wahrzunehmen.

Reisender ohne Gewerbe

Wer auf der Suche nach einem Einstieg in die Dickens-Welt ist und sich vorsichtig herantasten möchte, dem sei ein schmaler Band empfohlen, der neu erschienen ist und sieben journalistisch-essayistische Texte versammelt, wiederum vorzüglich übersetzt von Melanie Walz. „Reisender ohne Gewerbe“ heissen diese zum Teil erstmals auf Deutsch veröffentlichten Nacht- und Kabinettstücke voller Spott und tieferer Bedeutung, die einen faszinierenden Blick auf die Beobachtungsgabe und die Sprachkunst des späten Dickens zwischen Tag und Nacht, Wachzustand und Traum zu werfen erlauben.

Denkmäler müssen Dickens nach 200 Jahren nicht mehr errichtet werden. Er verfügte zudem in seinem Testament, dass keines errichtet werden dürfe.  Sein Heimatland hat sich bis auf den heutigen Tag daran gehalten.

Dieter Kaltwasser

Neuerscheinungen:

Hans-Dieter Gelfert: Charles Dickens – Der Unnachahmliche, Eine Biographie, C.H. Beck Verlag 2011, 375 Seiten mit 70 Abbildungen, € 29,95

Bei OSIANDER Bestellen

Charles Dickens: Große Erwartungen, herausgegeben und neu übersetzt von Melanie Walz, Hanser Verlag 2011, 832 Seiten,  € 34,90

Bei OSIANDER BESTELLEN

Charles Dickens: Reisender ohne Gewerbe – Nachtstücke, herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz, C.H. Beck Verlag 2012, 128 Seiten, € 14,95

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bücher

Ende der Einheit von Staat und Staatsvolk

Universität Bonn (Foto: Bettina Johl)

Jürgen Habermas hat in seinem neuen Buch „Zur Verfassung Europas“ betont, dass angesichts eines „politisch ungesteuerten Komplexitätswachstums der Weltgesellschaft“, das den Handlungsspielraum der Nationalstaaten immer mehr einschränkt, sich die Forderung ergebe, die politischen Handlungsfähigkeiten über nationale Grenzen hinaus zu erweitern, und diese Forderung sei aus dem „normativen Sinn der Demokratie“ selbst gefolgert. Im Jahre 2002 veranstaltete die Deutsche Gesellschaft für Philosophie einen Kongress, der sich schwerpunktmäßig auch mit dem Thema der Beziehungen zwischen den Staaten und Nationen befasste. Wie aktuell die Diskussion ist, veranschaulicht ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 2002.

Gerechtigkeitsfragen bestimmen immer mehr die Beziehungen zwischen den Nationen

„Politische Philosophie war seit ihren Ursprüngen im Mittelalter schon immer europäisch, also international angelegt“, so Werner Becker von der Universität Gießen. Politische Philosophie betrachtet den Menschen – und zwar ebenso wie Rechtsphilosophie und Ethik – in seiner Beziehung zu anderen Menschen und den Regeln, die er im Zusammenhang mit ihnen einhalten muss. Und dies soll auch für die Beziehungen zwischen Staaten gelten. So wurden in den Vorträgen und im Kolloquium über „Grenzen als Thema der Politischen Philosophie“ sowohl die inneren und äußeren Grenzen des Staates als auch die Grenzüberschreitungen zu supranationalen Gebilden diskutiert. Dabei wurde der nebulöse Begriff der Globalisierung und einer möglichen Weltföderation kritisch untersucht.

Skeptisch zeigte sich hier vor allem Henning Ottmann von der Universität München, der mit einer Weltregierung sogar größte Gefahren heraufziehen sieht. Denn woher solle diese ihre Zwangsgewalt nehmen, wenn neben ihr weiterhin Staaten existieren? Wir leben als Menschen wie als Staaten zunächst mit unseren Sitten und Bräuchen – von Ottmann als Ethik bezeichnet. Diese Ethik beantworte die Frage: „Was ist gut für uns?“ Erst danach komme uns die moralische Perspektive „Was ist gut für alle?“ in den Sinn. Das heißt, es treten immer Nah- und Fernverpflichtungen in Konflikt, grundsätzlich lässt sich hier keine Kongruenz finden. „Die Berücksichtigung konkreter Verpflichtungen der Herkunft konfligiert mit globaler Gerechtigkeit.“

Dem entgegnete Ludger Kühnhardt von der Universität Bonn in seinem Beitrag „Welche Grenzen setzt die Globalisierung der europäischen Integration?“ mit dem Hinweis, dass die Globalisierung zwar „ein Nebelwolkenbegriff“ sei, doch zumindest mit der Europäischen Union ein Gebilde geschaffen sei, das rechtsstaatliche und demokratische Strukturen entwickle. Durch die weltweiten Implikationen werde die ursprüngliche Leitidee der EU sogar transzendiert. Nach seiner Meinung wird die Europäische Union in Zukunft global eine immer größere Rolle spielen sowie am weltweiten politischen und moralischen Diskurs teilnehmen müssen. „Die EU entwickelt einen Souveränitäts- und Demokratiebegriff sui generis“, lautete Kühnhardts Fazit.

Peter Koslowski aus Witten/Herdecke setzte sich mit der in seinen Augen überholten Identitätsvorstellung von „Staatsvolk und Staat“ auseinander. Diese Vorstellung sei ursprünglich bei Hegel und Schelling und in der Gegenwart auch noch bei Jürgen Habermas zu finden. Nun sei diese Identität einer Revision zu unterziehen. Deshalb müssten für die EU andere Kategorien gefunden werden. Schließlich sei die Habsburger Monarchie auch ein Staat gewesen, der viele Völker unter sich beherbergte. „Es gibt keine Einheit von Staat und Staatsvolk, sondern nur eine Beauftragung des Staates seitens der Mehrheit seiner Bürger“, so Koslowski.

Der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm stellte im Kolloquium fest, dass es innere Grenzen des Staates gäbe, die so gar nicht wahrgenommen würde. Zum Beispiel die Frage, wie das Soziale organisiert werde. Viele Bereiche des Sozialen würden schließlich von Beitrags- und nicht von Steuerzahlern finanziert. Dass politische Philosophie von der Neuzeit bis in die Moderne eine Philosophie des (National)-Staats war, beschrieb Carola von Villiez (Universität Bremen). „Die politische Philosophie wurde lange Zeit durch die paradigmatische Theorie des Philosophen Thomas Hobbes modelliert. Letztere ist eine Theorie der Herrschaftslegitimation.“ Sinn und Zweck der Durchsetzungsinstanz des Staates ist hierbei die Schaffung von Sicherheit und Ordnung für die Rechtssubjekte innerhalb eines Staates. Die äußere Souveränität von Staaten beinhaltet nach diesem Modell die Berechtigung der Staatsgewalt, den Staat gegen äußere Feinde abzusichern.

„Die neuzeitliche Aufgabe der Legitimation von Herrschaft“, so Villiez, „ist abgelöst worden von der Aufgabe, eine gerechte institutionelle Grundstruktur zu schaffen.“ Man könne in diesem Zusammenhang von einem Paradigmenwechsel von „Sicherheit und Ordnung“ zu der „Gerechtigkeit von Institutionen“ sprechen. Diese Gerechtigkeitsfragen werden mittlerweile auch zwischen Staaten herangezogen. Carola von Villiez vertrat eine „staatenübergreifende Gerechtigkeitskonzeption“.  Das leitende Prinzip soll demnach ein „transnationaler Legitimationsgrundsatz“ sein, dessen Kriterium das der staatenübergreifenden Gerechtigkeit nach einem kontraktualistischen Ansatz sei, der „in Anlehnung an Rawls die Genese von wechselseitigen Gerechtigkeitsansprüchen zwischen den Menschen im Kontext sozialer Kooperation“ berücksichtigt. „Gerechte Grenzen“ sind demnach allein solche, die sich an „lückenlos legitimierten Kooperationsverhältnissen orientieren“.

Dieter Kaltwasser

Der Kongressbericht aus Bonn erschien am 26.09.2002 im General-Anzeiger

2 Kommentare

Eingeordnet unter Bücher