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Streitbarer Philosoph und öffentlicher Intellektueller

Habermas

Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas erscheint die bislang umfassendste Biographie des Philosophen

 

Kein Gegenwartsphilosoph findet weltweit eine solche Aufmerksamkeit wie Jürgen Habermas, der am 18. Juni 85 Jahre alt wird. Die Anerkennung und Wertschätzung, die sein Werk erfährt, ist immens. Der Geist der Aufklärung und der Moderne sind in ihm genau so gegenwärtig wie die Erinnerung an die Niederlagen des Fortschritts in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Der Philosoph und streitbare öffentliche Intellektuelle wird als „Verfechter der Demokratie“ und das „öffentliche Gewissen der Bundesrepublik“ beschrieben. Stefan Müller-Doohm hat jetzt die erste umfassende Biografie über den deutschen Philosophen vorgelegt. Bereits vor zehn Jahren hat der emeritierte Oldenburger Soziologieprofessor ein vielbeachtetes Portrait über Theodor W. Adorno sowie vor sechs Jahren eine knappe Einführung in Leben, Werk und Wirkung von Habermas verfasst.

Die neue Darstellung der Vielfältigkeit des Denkens, Schaffens und Wirkens von Jürgen Habermas auf seinem Lebensweg ist gelehrt und detailliert. Sie wirft einen profunden Blick in die philosophische „Lava des Gedankens im Fluss“ und zeigt, wie sich im öffentlichen Raum intellektuelle Diskursgemeinschaften bilden und Einzelpersonen zu Schmelztiegeln und Projektionsflächen intellektueller Bewegungen werden.

Habermas habe „hohen Nachrichtenwert“, so sein Biograph, und schaue man sich sein Wirken als Philosoph, Soziologe und Diagnostiker des Zeitgeschehens an, dann könne man sich über zu wenig mediale Aufmerksamkeit oder Publizität kaum beklagen. Wozu dann aber noch eine Biographie schreiben, in einer Zeit, „von der Habermas selber sagt, sie habe Helden ebenso wenig nötig wie Antihelden“. Müller-Doohm glaubt, dass sich die „Dialektik von Individuum und Gesellschaft“ an Habermas‘ Vita besonders gut studieren lasse.

Erzählt wird das Leben des Philosophen mit seiner Kindheit und Jugend in Gummersbach während der NS-Zeit, dem Studium und dem Beginn der akademischen Karriere im Nachkriegsdeutschland bis hin zu seiner Rolle als Protagonist und Kritiker der 68er Bewegung. Das Buch schildert Habermas als international geschätzten Denker und das Wechselverhältnis von Lebens- und Werkgeschichte vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte bis in die Gegenwart hinein.

Habermas studiert an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie und promoviert in Bonn, wo er der „Welt der alten deutschen Universität“ begegnet. Nach seinem Studium arbeitet er zunächst als freier Journalist für die „FAZ“ und den „Merkur“, bis er 1956 von dem aus dem Exil zurückgekehrten Theodor W. Adorno zur Mitarbeit am wieder eröffneten Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main eingeladen wird. Der Gründungsvater der Kritischen Theorie, Max Horkheimer, schreibt in dieser Zeit einen skandalösen Brief an seinen Freund Adorno, in dem er Habermas der theoretischen Unzuverlässigkeit beschuldigt und sich über dessen „blinde“ Bindung an den jungen Marx ereifert. Hinter Begriffen wie „soziale Demokratie“ wittert Horkheimer Rebellion und Aufstand. Habermas ist enttäuscht und habilitiert sich in Marburg bei Wolfgang Abendroth. Wenige Jahre später kehrt er, nach einer Professur in Heidelberg, nach Frankfurt zurück.

1971 verlässt er abermals Frankfurt und leitet gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker in Starnberg das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt. Hier entsteht sein Hauptwerk, die „Theorie des kommunikativen Handelns“, das er 1981 veröffentlicht und mit dem er in den achtziger Jahren Weltruhm erlangt. In seinem Opus magnum verarbeitet Habermas die Werke anderer Philosophen und Soziologen wie Austin, Searle, Weber, Lukács, Adorno, Mead, Durkheim, Parsons und Luhmann. Das umfangreiche Buch wurde zu einem der meistdiskutierten Werke nicht nur in den Sozialwissenschaften. Habermas verbindet darin seine Kommunikationstheorie mit der Erforschung und Kritik an der kapitalistischen Modernisierung. Er  spannt einen großen Bogen von archaischen Gesellschaften mit fest vorgegebenen Weltbildern über rationalisierte Gesellschaften der Neuzeit bis hin zur Gegenwart, in der Wirtschaft, Finanzen, Medien und Staat an Bedeutung und Einfluss gewinnen und zunehmend die private Lebenswelt des Menschen durchdringen. Die Moderne zeichnet sich nach Habermas dadurch aus, dass sie die Menschen in ein reflexives Verständnis zu ihren tradierten Überzeugungen, zu ihrem Denken und Handeln insgesamt bringt.

„Dieser wesentliche Zug der Moderne und ihrer Institutionen“, referiert Müller-Doohm den Gedankengang von Habermas, “etwa der demokratische Rechtsstaat, müsse gegen die Gefahr der Einseitigkeit verteidigt werden, die insbesondere aus der Dominanz sowohl kapitalistischer als auch administrativer Verwertungs- und Organisationsprinzipien dominieren“. Als Gegenpol zur ökonomischen und staatlichen Machtbildung müssten die Kräfte der Verständigung im „zwischenmenschlichen Handeln freigesetzt werden: Die sich aufeinander beziehenden Menschen verständigen sich darüber, welche Zwecke sie für ihr eigenes und gemeinsames Tun geltend machen wollen.“ Verständigung meint, so heißt es in der „Theorie des kommunikativen Handelns“, „einen Prozeß der gegenseitigen Überzeugung, der die Handlungen mehrerer Teilnehmer auf der Grundlage einer Motivation durch Gründe koordiniert“. Mit dieser Zentrierung der Verständigung als eines Originalmodus des Handelns, so Müller-Doohm, leitet Habermas den Pradigmenwechsel ein, „vom strategisch orientierten, instrumentellen zum verständigungsorientierten, kommunikativen Handeln“. Damit wird die Verständigung zur originären kommunikativen Vernunftform erhoben, die auf die intersubjektive Anerkennung dessen abzielt, was Habermas als „kritisierbare Geltungsansprüche“ bezeichnet.

Wirkungsmächtig sind neben seinem Hauptwerk vor allem die Bücher „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962), „Theorie und Praxis“ (1963), „Erkenntnis und Interesse“ (1968) und später „Der philosophische Diskurs der Moderne“ (1985), „Faktizität und Geltung“ (1992), die beiden Bände „Nachmetaphysisches Denken“ (1988, 2012) sowie der aufsehenerregende Großessay „Zur Verfassung Europas“ (2012).

Der ein mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegende, von Horkheimers Brief verursachte Skandal, der auch von Müller-Doohm aufgegriffen wird, macht auf etwas aufmerksam, was in der neuen Biographie leicht übersehen werden kann: seine marxistischen Wurzeln. Habermas Werk, so betont der Frankfurter Philosoph Axel Honneth im Jahr 2009, habe sich zwar seit fünfzig Jahren sachlich und konzeptionell ausdifferenziert, es setze sich mit vielen anderen Denkrichtungen und Autoren auseinander, darunter Weber, Mead, Durkheim, Rawls und Parsons, so dass der marxistische Glutkern des Anfangs darin kaum noch zu erkennen sei. Doch dieser nie ganz erloschene Kern bilde bis heute einen wesentlichen Motivationsgrund seiner ganzen Theorie. Marx‘ Idee der Notwendigkeit der vernünftig-praktischen Aufhebung fortwirkender Fremdherrschaft lasse sich in Habermas reifer Theorie der Vernunft wiederfinden. Nämlich als Vernunftanspruch, der in den kommunikativen Strukturen der Lebenswelt selbst angelegt ist. Auch seine Rolle als streitbarer öffentlicher Intellektueller steht unter diesem Vernunftanspruch, wie sein unermüdliches, Konflikte nicht scheuendes Eintreten für die Idee Europas deutlich werden lässt. Der Denker gibt selbst das Motto dazu: „Es ist die Reizbarkeit, die Gelehrte zu Intellektuellen macht.“

Neben der großen Biographie ist auf eine elektronische Publikation der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ hinzuweisen, deren langjähriger Mitherausgeber Jürgen Habermas ist. Anlässlich seines 85. Geburtstages werden sämtliche Texte publiziert, die in den »Blättern« von und zu ihm erschienen sind. Dazu zählen Beiträge seiner ehemaligen Assistenten Oskar Negt, Claus Offe, Ulrich Oevermann, Albrecht Wellmer und Axel Honneth ebenso wie die seiner engsten Frankfurter Mitarbeiter Ingeborg Maus, Klaus Günther und Rainer Forst. Die Habermas-Schülerin Seyla Benhabib und der japanische Philosoph Ken‘ichi Mishima berichten über die globalen Resonanzen des Werkes von Habermas in der westlichen und in der östlichen Hemisphäre. Die Beiträge thematisieren Auseinandersetzungen, in die Habermas als Philosoph und öffentlicher Intellektueller verwickelt war: die Studentenbewegung, der Positivismus- und der Historikerstreit, der Disput mit Niklas Luhmann sowie sein Eintreten für eine demokratische und soziale Europäische Union und gegen die „technokratischen Lösungen“ einer kleinen „Funktionselite“ der europäischen Länder.

Als Jürgen Habermas im Jahre 1988 seinen ersten Band mit Aufsätzen und Beiträgen zur Thematik eines „nachmetaphysischen Denkens“ veröffentlichte, ging es ihm um eine „Selbstvergewisserung philosophischen Denkens“. Vor allem in den „letzten Jahren hat sich Habermas immer wieder auf Gespräche mit exponierten Vertretern der westlichen Religionsphilosophie und Theologie eingelassen“, so Müller Doohm gegen Ende seiner Biographie. Habermas bezeichnet sich selbst gerne mit einem Wort Max Webers als „religiös unmusikalisch“.

Die Philosophie verlor ihr Privileg eines extramundanen Zugangs zur Erkenntnis und ihre Prinzipien wurden detranszendentalisiert, so der Philosoph. Das Selbstverständnis zeitgenössischer Philosophie umfasst ihre Beziehung zur religiösen Überlieferung und zur Rolle der Religion im politischen Kontext einer postsäkularen, liberalen Gesellschaft. Mit Rawls, der als erster der großen politischen Philosophen den weltanschaulichen Pluralismus ernst genommen und eine Debatte über die Position der Religion in der Öffentlichkeit eröffnet hat, stimmt Habermas darin überein, dass die Glaubensgemeinschaften für den säkularen Verfassungsstaat nach wie vor Relevanz besitzen.

Das kollektive Selbstverständnis eines demokratischen Gemeinwesens darf von der Tatsache einer pluralistischen Zusammensetzung der Zivilgesellschaft nicht unberührt bleiben und sollte eine politische Kultur herausbilden, die über die jeweilige „Mehrheitskultur“ hinauswächst, damit sich alle Bürger mit ihr identifizieren können. Für dieses Ziel muss, so Habermas, eine „Polyphonie der öffentlichen Stimmenvielfalt“ gewährleistet sein. Den Bürgern in der politischen Öffentlichkeit stehe es frei, eine religiöse Sprache zu verwenden, allerdings müssten sie akzeptieren, dass der semantische Gehalt ihrer Äußerungen in eine öffentlich zugängliche Sprache übersetzt wird. Habermas betont allerdings auch, dass säkulare Bürger aus fundamentalistischen Lehren, die mit dem Faktum der Pluralität nicht zurechtkommen, nichts lernen können und dass es keinen Grund gibt, „gegen die neoliberale Entsolidarisierung der Gesellschaft nun blindlings auf die Motivationskräfte der Religionen zu setzen.“ Eine ihrer eigenen Grenzen bewusste Aufklärung muss sich nicht davor scheuen, den Prozess der „Übersetzung nicht eingelöster Potentiale aus den Weltreligionen“ voranzutreiben.

Im Epilog der Biographie erzählt Müller-Doohm, dass der Philosoph im Dezember 2006 einen Brief der Schulklasse des Liceo Scientiffico Galileo Galilei aus Lanciano, einer abgelegenen Gemeinde in den Abruzzen, erhält. Die Schüler bitten Habermas, sieben Fragen zu beantworten, die sie auch dem Papst vorlegen wollen. Eine  davon lautet: „Wann erkennen wir die Wahrheit?“ Habermas antwortet den italienischen Schülern: „Die Wahrheit gibt es nicht im Singular, wenn wir Glück haben, finden wir einige Erkenntnisse, deren wir einigermaßen sicher sein können.“

Die Biographie von Stefan Müller Dohm, die wohl zukünftig als Standardwerk Bestand haben wird, zeigt, welche singuläre Gestalt Habermas für das zeitgenössische Denken ist. Habermas vermag es wie kein anderer Philosophie, Soziologie, Geschichte, Rechts- und Politikwissenschaft sowie Theologie in einen interdisziplinären Dialog einzubinden und sowohl neue wie verschüttete Denkwege aufzuzeigen.

Besprochene Literatur:

Stefan Müller-Doohm: Jürgen Habermas. Eine Biographie.  Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 784 Seiten, 29,95 EUR. ISBN: 978-3-518-42433-9

Der Aufklärer Jürgen Habermas – Zum 85. Geburtstag, EditionBlätter. Blätter Verlagsgesellschaft, Berlin 2014. Zum E-Book: https://www.blaetter.de/ebook-habermas

Copyright: Dieter Kaltwasser

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Reif für die Ewigkeit – 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard

Drawing of Søren Kierkegaard. The Frederiksbor...

Drawing of Søren Kierkegaard. The Frederiksborg Museum. (Photo credit: Wikipedia)

„Es gibt zwei Gedanken, die so frühzeitig in meiner Seele gewesen sind, dass ich ihr Entstehen eigentlich nicht nachweisen kann. Das erste ist: dass es Menschen gibt, deren Bestimmung es ist, geopfert zu werden, damit die Idee hervortreten kann – und dass ich durch mein besonderes Kreuz ein solcher bin. Der andere Gedanke ist der, dass ich nie in die Lage kommen würde, für mein Auskommen zu arbeiten, teils weil ich meinte, ich würde sehr jung sterben, teils weil ich meinte, dass Gott in Anbetracht meines besonderen Kreuzes mir dies Leiden und diese Aufgabe ersparen würde. Woher man solche Gedanken hat, ja, das weiß ich nicht, angelesen habe ich sie mir nicht, auch habe ich sie nicht von einem anderen Menschen.“ Søren Kierkegaard

„Kierkegaards Philosophie ist eine radikale Philosophie des Einzelnen. Søren Kierkegaard ist ein großer Wachrufer innerhalb der Philosophiegeschichte, der uns klarmacht, dass es nicht nur darum geht, zu denken, sondern leben zu lernen, eine eigene Existenz zu führen. Er ist der erste große Philosoph der Existenz der Moderne.“ Robert Zimmer

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Der Theologe und Philosoph Walter Nigg nannte Søren Kierkegaard einst einen „der geheimnisvollsten Menschen, die je gelebt haben“, in der Philosophiehistorie wird er gemeinsam mit Schopenhauer als „leidender Denker“ geführt. Fast sein ganzes Leben verbrachte er in Kopenhagen, der Stadt, in der er am 5. Mai 1813 geboren wurde und am 11. November 1855 auch gestorben ist. Er war Philosoph, Theologe und Dichter, ein religiöser Schriftsteller und einfühlsamer Psychologe, zuletzt, an seinem Lebensende, ein radikaler Kirchenstürmer und Kämpfer für ein echtes Christentum. Kierkegaard fühlte sich sein Leben hindurch missverstanden und sah sich als „Märtyrer des Gespötts“: „Ich habe weder als ich als Schriftsteller begann, noch später irgendeine Autorität erworben, ebenso wenig, wie ich irgendeine besondere Bedeutung für meine ernsthafte Gegenwart habe, – ja, es sei denn, dass ich sie mit Hilfe meiner Hosen bekommen hätte, die in einem solch eminenten Grad zur Sensation wurden und sich das besondere Interesse eines ernsthaften und gebildeten Publikums zugezogen haben. Ein paar graue alte Hosen lassen alles andere in Vergessenheit geraten.“

Søren Aabye Kierkegaard wurde als Sohn des wohlhabenden und frommen Strickwarenhändlers Michael Pedersen Kierkegaard und seiner zweiten Ehefrau Ane geboren, die zunächst Dienstmädchen im Hause der Familie war. Er kam als siebtes und letztes Kind zur Welt, der Vater war bereits 56 Jahre alt, die Mutter fast 45 Jahre alt. Ihr erstes Kind bekam Ane bereits 4 Monate nach der Trauung mit dem glaubensstrengen Michael Pedersen. »Von Kindesbeinen war ich in der Gewalt einer ungeheuren Schwermut« schrieb er später. »Ich hatte einen Pfahl im Fleisch.« Die Schwermut war Erblast des pietistischen, glaubensstrengen Vaters, der einer vermeintlichen religiösen Schuld wegen in ständiger Erwartung göttlicher Strafe lebte. Kierkegaard führte in seinen frühen Erwachsenenjahren das Leben eines unfrohen Dandys und beendete sein Studium der Theologie und Philosophie drei Jahre nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1841. Nach heutigen Maßstäben war er Erbe eines Millionenvermögens, das er bis zu seinem frühen Tod – praktisches Denken schien ihm etwas Äußeres – fast völlig aufbrauchte. Er beschäftigte Diener und Sekretär. Die verschwenderische Lebensführung, berühmt sind seine ausgiebigen Spazierfahrten im Fiaker, und die Isolation seiner Schriftstellerexistenz zählen mit zu den vielen Paradoxien des Menschen Søren Kierkegaard. Zu den Widersprüchen in seinen moralischen Ansprüchen gehören seine Frauenfeindlichkeit und seine antisemitischen Ausfälle in den Tagebüchern.

Nach der Auflösung der Verlobung mit Regine Olsen, der einzigen Liebe seines Lebens, im Jahre 1841, und nach einem Besuch in Berlin, wo er die Vorlesungen Schellings hörte, begann er mit der Abfassung seines Werkes »Entweder-Oder«, das er wie alle seine philosophischen Schriften unter Pseudonym veröffentlichte. Fast sämtliche seiner Werke, die sich in dichterisch-philosophische und religiöse unterscheiden lassen, erschienen in den letzten 12 Jahren seines Lebens. Die ironischen Maskenspiele der Pseudonyme boten Kierkegaard die Gelegenheit, reflektierend Optionen durchzuspielen und selbst dahinter verborgen zu bleiben. Eine Vielzahl seiner Schriften stellt solche Möglichkeiten und Lebenshaltungen dar, nicht in belehrend-pädagogischer Absicht, sondern um Entscheidungen vorzubereiten, wie Johan de Mylius im Nachwort zu der von ihm klug und sorgfältig edierten Textsammlung „Kierkegaard für Gestresste“ schreibt.

Die Hauptbegriffe des dänischen Denkers sind »Existenz«, »Innerlichkeit« und »Glaube«. Im Zentrum steht dabei nicht der Mensch als Gattungswesen, sondern das Individuum. der konkrete Einzelne. 1843 erschienen neben »Entweder-Oder« die Werke »Furcht und Zittern« und »Die Wiederholung«, in den nächsten Jahren folgten »Der Begriff Angst«, »Die Krankheit zum Tode«, 1850  die Schrift »Einübung im Christentum«.

In »Entweder-Oder« behauptet Victor Eremita, der fingierte Herausgeber, verschiedene Papiere gefunden zu haben, die er zwei Verfassern zuschreibt, die eine ästhetische (A) und eine ethische Lebensanschauung (B) und deren jeweilige Wertesysteme repräsentieren. Im ersten, ästhetischen Stadium ist der Mensch unmittelbar, reflexions- und wahllos dem sinnlichen, erotischen Leben verfallen. Im zweiten, ethischen Stadium ermöglicht die Reflexion die Entdeckung eines vom sinnlich-unmittelbaren Einzelnen abstrahierten Allgemeinen, das sich moralisch, politisch oder philosophisch erfassen lässt. Im Ethisch-Allgemeinen können jedoch nur gemeinschaftliche und für den Einzelnen letztlich relative Ziele verwirklicht werden.

Nach Kierkegaard kann der Mensch sein absolutes Ziel, seine Vollkommenheit nur im dritten, religiösen Stadium, in der christlichen Existenz erreichen, die alle Stadien in sich vereinigt und die vorherige existenzielle Entscheidung verlangt, Christ zu werden; religiöser Glaube hebt auch Angst und Verzweiflung des Einzelnen auf. Kierkegaard stellt in »Entweder-Oder« dieses Stadium erst im Schlussteil in Form einer erbaulichen Rede bzw. Predigt dar. Die religiöse Existenz wird dann vor allem in seiner Schrift »Furcht und Zittern« thematisiert, in der Kierkegaard unter dem Distanz herstellenden Pseudonym Johannes de Silentio über die biblische Geschichte um Abraham und Isaak nachdenkt. In der religiösen Sphäre schuldet der Mensch nur noch Gott gegenüber Gehorsam, der Einzelne steht höher als das Allgemein-Ethische; kraft des Absurden (des Glaubens) ist alles möglich. In »Furcht und Zittern«, eines der meistdiskutierten und umstrittensten Werke Kierkegaards, von dem er glaubte, dass es allein ausreiche, um ihn unsterblich zu machen, wird auf einer zunächst vordergründigen Ebene die Frage erörtert, ob eine »immanente Ethik« genüge oder ob es eine »teleologische Suspension des Ethischen« gebe, die Abrahams beabsichtigte Opferung Isaaks rechtfertigen könnte.

Für einige Interpreten wird damit das Ende der Ethik postuliert, eine radikale Apologetik des religiösen Fundamentalismus, andere deuten den Text als einen souveränen und ironischen Angriff auf jede Art fundamentalistischen Denkens. Unbestritten sind die Reflexionshöhe, die gedankliche Schärfe und sprachliche Eleganz dieses verstörenden, provokanten Textes. Dem dänischen Denker war jeder zutiefst verdächtig, der behauptete, bereits im Besitz der Wahrheit zu sein, der Weg zu ihr ist für ihn ein nie aufhörender Prozess der Aneignung. Kierkegaard symbolisiert geradezu den radikalen Verzicht auf Autorität und geistiger Machtausübung: »Ich habe eigentlich keine Unmittelbarkeit gehabt und habe daher, ganz menschlich betrachtet, nicht gelebt; ich habe sofort mit der Reflexion begonnen, ich habe, als ich älter wurde, nicht ein wenig Reflexion gesammelt, sondern eigentlich bin ich Reflexion von Anfang bis Ende.«

Auch wenn seine eigentlich religiösen Schriften und Reden unter seinem eigenen Namen erschienen, müssen sie dennoch als spezifische »Stimmlagen« betrachtet werden, wie sie de Mylius nennt, die je nach »erbaulichem« Anlass geformt wurden. Sie sind ebenso literarisch wie die übrigen Arbeiten, die theologischen und philosophischen Absichten werden in ein schriftstellerisches Gesamtprojekt gefügt, das die Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflussen sollte. Franz Kafka notierte nach der Lektüre einer Auswahl von Kierkegaards Tagebüchern im Jahre 1913: »Wie ich ahnte, ist sein Fall trotz wesentlicher Unterschiede dem meinen sehr ähnlich, zumindest liegt er auf der gleichen Seite der Welt. Er bestätigt mich wie ein Freund.« Saul Friedländer vertritt in seiner jüngst erschienenen, vorzüglichen Kafka-Studie die Ansicht, der Einfluss des dänischen Denkers auf Kafka bestehe wesentlich darin, dass sich Kierkegaard einem philosophischen »System« verweigere und seine eigene Philosophie nur »auf individuelle Erfahrung und individuelle ästhetische oder moralische Entscheidung« gründe, »auf die individuelle Bereitschaft zum ‚Sprung in den Glauben’«, auch wenn dies vordergründig nach einer »Absage an grundlegend sittliche Gebote (‚Furcht und Zittern‘)« aussehe. Unbeeinflusst sei Kafka von den christlichen Vorzeichen dieses »frühen Existentialismus“ geblieben, doch er übernehme »die fundamentale Furcht und die einsamen Entscheidungen, die zur conditio humana als solcher gehören.«

Kierkegaard konnte dem systemtheoretischen Denkmuster Hegelscher Prägung, das er ablehnte, eine Vielzahl von Einzelstimmen entgegensetzen, die letztlich Bausteine zur Selbstfindung des Individuums sind, wie es Otto A. Böhmer in seinem neuen Kierkegaard-Buch »Reif für die Ewigkeit« beschreibt. Das Ich, das sich nach Kierkegaard selbst wählt, wird nicht ein anderer, es empfängt sich selbst, wählt sein »Entweder-Oder«: »Wenn alles stille geworden ist um den Menschen, feierlich wie eine sternenklare Nacht, wenn die Seele in der ganzen Welt allein mit sich selbst ist, da tritt ihr nicht ein ausgezeichneter Mensch gegenüber, sondern die ewige Macht selbst; es ist, als ob der Himmel sich öffnete, und das Ich wählt sich selbst, oder vielmehr, es nimmt sich selbst in Empfang.« Diese Wahl wird niemandem abgenommen, durch sie »empfängt die Persönlichkeit den Ritterschlag, der sie für die Ewigkeit adelt.«  Im Zweifelsfall, so Böhmer, »läuft es immer wieder auf eine Entscheidung hinaus, die jeder für sich treffen muss«, egal ob er Kierkegaards Fazit eines christlich bestimmten Lebens folge oder nicht: »In dem einen, mir bestimmten Augenblick, der Klarheit bringt, entscheide ich mich für mich selbst und nehme mich an.« Und so hat Søren Kierkegaards Maxime auch zu seinem 200. Geburtstag nichts an ihrer Aktualität verloren: »Das Große ist, nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.«

Apropos Kierkegaards Hosen: Die Zeitung »Corsaren« brachte 1846 Karikaturen über Kierkegaard in Umlauf, machte sich lustig über seine ungleich langen Hosenbeine, die Art, wie er seinen Stock hielt, seine Körperhaltung und seine Hüte. Die Karikaturen haben eine lange Haltbarkeit bewiesen. Sie wirken bis heute.

Georg Brandes, der dänische Literaturkritiker und Philosoph, der Nietzsches Genie als einer der Ersten erkannte und in Europa bekannt machte, über dessen »aristokratischen Radikalismus« er Vorlesungen hielt und in Buchform brachte, einer der Wegbereiter der Moderne, hob auch die befreienden Ideen Kierkegaards hervor, und seine 1877 erschiene Schrift »Søren Kierkegaard. Eine Kritische Darstellung« beginnt mit den Sätzen: »Meine früheste Erinnerung, was Kierkegaard betrifft, ist die: Wenn ich als kleiner Junge meine Hosen nicht glatt und sorgfältig über die damals üblichen langen Stiefelschäfte zog, sagte das Kindermädchen warnend zu mir: ‚Søren Kierkegaard!‘ Auf solche Art hörte ich zum ersten Mal jenen Namen, der zur selben Zeit den Erwachsenen so laut in den Ohren klang. Die Karikaturzeichnungen im Kopenhagener Witzblatt ‚Corsaren‘ hatten Kierkegaards Beine in Kreisen bekannt gemacht, zu denen sein Genie nicht vorgedrungen war.«

Copyright: Dieter Kaltwasser

Der Beitrag erschien erstmalig am 2. Mai 2013 im Online-Magazin „Glanz & Elend“, in gekürzten Fassungen am 4. Mai 2013 im General-Anzeiger Bonn und  im Rezensionsforum literaturkritik.de.

Literatur:

Otto A. Böhmer: Reif für die Ewigkeit, Sören Kierkegaard und die Kunst der Selbstfindung. Diederichs Verlag, München 2013. 176 Seiten, 17,99 €. ISBN: 978-3-424-35075-3

Sören Kierkegaard: Es gehört wahrlich Mut dazu, Gedanken über das Leben. Ausgewählt und herausgegeben von Asa A. Schillinge -Kind. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011. 192 Seiten, 9,90 €. ISBN: 978-3-423-14012-6

Kierkegaard für Gestresste. Herausgegeben von Johan de Mylius. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Insel Verlag, Berlin 2013. 183 Seiten, 9 €. ISBN: 978-3-458-35918-0

Saul Friedländer: Franz Kafka. Aus dem Englischen übersetzt von Martin Pfeiffer. Verlag C.H. Beck, München 2012. 252 Seiten, 19,95 EUR. ISBN-13: 978-3-406-63740-7

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Für eine Philosophie des Ernstes

Much of Arthur Schopenhauer's writing is focus...

(Photo credit: Wikipedia)

Zum 225. Geburtstag von Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer ist ein singuläres Ereignis in der langen Geschichte der Philosophie. An Kants Vernunftkritik und Goethes Anschauung von der Natur anknüpfend, hat er die Philosophie in den Rang der Weltliteratur gehoben. Er hat die Philosophie des 19. Jahrhunderts maßgeblich erweitert und sie mit seiner eleganten und klaren Sprache aus ihrem akademischen Elfenbeinturm befreit. Das sollte ihm die Fachzunft nie ganz verzeihen und sie hat ihn denn auch geflissentlich ignoriert. Er seinerseits beschimpfte sie als Afterphilosophen und ihr Tun als Professorenphilosophie. Zum Gedenken an seinen 150. Todestag im Jahre 2010 ist eine grandiose Biographie von Robert Zimmer erschienen, die einen neuen und erfrischenden Blick auf Arthur Schopenhauer erlaubt und mit dem Klischee des misanthropischen Einzelgängers aufräumt, der sich lieber mit seinem Pudel als mit den Menschen unterhalten habe, und ihn als philosophischen Weltbürger beschreibt.

Am 22. Februar 1788, vor 225 Jahren, als Sohn eines angesehenen Danziger Kaufmanns geboren, verbrachte Schopenhauer die ersten Jahre seines Lebens in der fürsorglichen Obhut seiner Mutter Johanna Schopenhauer, die später eine bekannte Schriftstellerin werden sollte und einen berühmten Salon in Weimar führte, in dem auch Goethe verkehrte. Die Erziehung des Knaben war praktisch ausgerichtet, er sollte in die Fußstapfen seines Vaters treten. Hierzu wurden ausgedehnte Reisen durch Europa unternommen, vor allem nach England und Frankreich, Schopenhauers Vater achtete sorgsam darauf, dass die Reisen einen Nutzen für seinen Sohn hatten. Er sollte als Kaufmannssohn die Welt kennen lernen. Schopenhauer wurde in England auch für mehrere Monate auf eine Internatsschule gegeben, und konnte somit ausgezeichnete Sprachkenntnisse und kulturelle Erfahrungen sammeln. Nach dem Umzug der Familie von Danzig nach Hamburg besuchte Schopenhauer die in Hamburger Kaufmannskreisen beliebte Privatschule des Dr. Runge. Hier wurden die Zöglinge auf ihre zukünftige Rolle als Handelsherren vorbereitet. Doch die Schule blieb nur ein Ort des Lernens. Die literarisch hochgebildete Mutter gab ihrem Sohn zahlreiche Anregungen und die umfangreiche Privatbibliothek des Vaters bot zusätzliche Bildungsmöglichkeiten. Doch vor allem im Buch der Welt sollte Arthur Schopenhauer lesen. In seinem 17. Lebensjahr machte er eine prägende Erfahrung für sein ganzes Leben. Im südfranzösischen Toulon, einem Marinestützpunkt, erblickte er Galeerhäftlinge, die, an ihre Bänke geschmiedet waren: „Lässt sich eine schrecklichere Empfindung denken, wie die eines solchen Unglücklichen, während er an die Bank in der finsteren Galeere geschmiedet wird, von der ihn nichts wie der Tod mehr trennen kann.“ Schopenhauer hat im Rückblick den Anblick der Galeerenhäftlinge als sein metaphysiches Schlüsselerlebnis gedeutet: “In meinem 17ten Jahre ohne alle gelehrte Schulbildung, wurde ich vom Jammer des Lebens so ergriffen, wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte… mein Resultat war, dass diese Welt kein Werk eines allgütigen Wesens sein könnte, wohl aber das eines Teufels, der Geschöpfe ins Daseyn gerufen, um am Anblick ihrer Qual sich zu weiden.“

Nach dem Tod des Vaters bot sich Schopenhauer, der in ein tiefes emotionales Loch gefallen war, dennoch die Gelegenheit, dem Joch des Kaufmannsleben zu entkommen. Auch seine Mutter baute sich ein neues Leben auf. Schopenhauer ergriff allerdings von nun an Partei gegen sie, der er sogar die Schuld am Selbstmord seines Vaters gab. Er entfremdete sich von ihr zusehends  und der eintretende  offene Bruch mit ihr war endgültig. Schopenhauer studierte in Göttingen und wechselte nach zwei Semestern von der Medizin zur Philosophie. Danach studierte er in Berlin an der damals noch jungen Universität. Gegen Ende des Studiums begannen sich die Umrisse eines eigenen philosophischen Weltbildes abzuzeichnen. Schopenhauer studierte Kant, Fichte und Schelling. Sein Erbe ermöglichte ihm ein finanziell unabhängiges Leben, und er zog nach Abschluss der Studien nach Dresden, um hier sein philosophisches Hauptwerk zu entwickeln. Dieses sollte „Die Welt als Wille und Vorstellung“ werden, der Titel als philosophisches Programm. Es erschien bereits 1819.

Für Schopenhauer ist die gesamte Welt der Objekte eine Welt der Vorstellungen, und diese werden durch das Subjekt hervorgebracht. Schon in seiner Dissertation beschreibt Schopenhauer die Grundzüge seiner Philosophie, hier ein getreuer Schüler Kants: „Alle unsere Vorstellungen, sind Objekte des Subjekts, und alle Objekte des Subjekts sind unsere Vorstellungen.“ Nichts kann demnach Objekt sein, ohne dass es ein dazugehöriges Subjekt gibt, und alle Objekte sind untereinander durch eine gesetzmäßige Verbindung bestimmt. Nur mit dem Wollen und dem Willen hat es eine eigene Bedeutung. Der Mensch steht dem Wollen nicht wie einer normalen Vorstellung gegenüber, sondern erfährt sich selbst als wollend. Er erfährt sich so durch einen inneren Sinn, und so eröffnet sich im Wollen des Menschen ein besonderer Erkenntnisschacht. Er sollte sich als Zugang zu einer Wirklichkeit des Willens erweisen, die selber nicht mehr Vorstellung ist. Schopenhauer bringt in seinem Hauptwerk die Welt auf zwei Begriffe, auf „Wille“ und „Vorstellung“. Während für Kant jenseits der erfahrbaren Welt das „Ding an sich“ nicht erkannt werden kann, erklärt Schopenhauer es als reinen Willen, erfahrbar durch den inneren Sinn des Menschen. Der Mensch erfährt die Wirklichkeit des Willens durch seinen Leib und seine Triebregungen. Der Wille ist unmittelbar erfahrbar, es öffnet sich ein Tunnel zu dem, was nicht mehr Vorstellung ist, räumlich und zeitlich geordnet, die „wahre Welt“ des blinden Wollens. „Als Subjekt des Wollens, so Schopenhauer, „bin ich ein höchst elendes Wesen und all unser Leiden besteht im Wollen. Das Wollen, Wünschen, Streben, Trachten, ist durchaus Endlichkeit, durchaus Tod und Qual.“ Der Leib ist der sichtbare Ausdruck dieser Realität, die tiefer liegt als die Welt der Vorstellungen. Schopenhauer bezieht östliche Weisheits- und Erlösungslehren von nun an in sein Denken ein. Er erkennt im Willen das verbindende Band aller Lebewesen. „Überhaupt aber sehen wir das Alles was ist nur Erscheinung von Willen ist, verkörperter Wille. Wir wissen aber dass alle unsere Qual nur aus dem Willen kommt, wir nur in ihm unselig sind. Der Wille also ist der Ursprung des Bösen und auch des Übels das nur für seine Erscheinung, den Leib, da ist: und der Wille ist auch der Ursprung der Welt.“ Damit war das Wort über den Ursprung ausgesagt, und Schopenhauer wird diese Welt und die Möglichkeiten des Daseins in ihr bis zu seinem Lebensende immer tiefer und umfassender beschreiben. Das geschieht in seiner Schriftensammlung „Parerga et Paralipomena“ ebenso wie in seinen berühmten „Aphorismen zur Lebensweisheit“, seinem geheimen zweiten Hauptwerk, das unübertroffen ist an Prägnanz, Klarheit und Weltklugheit. Schopenhauer selbst beschreibt die Lebensweisheit als Kunst, „das Leben möglichst angenehm und glücklich durchzuführen“. Die „Aphorismen“ sind nicht ohne Pessimismus geschrieben, doch sie zeigen einen gangbaren Weg durch die Welt auf, gleichzeitig sind sie große literarische Meisterwerke deutscher Sprache.

Schopenhauer ließ sich im Alter in Frankfurt nieder, und der Ruhm kam spät, zu spät, er nahm ihn gelassen zur Kenntnis. Die Universitäten haben ihn gemieden und er sie, bis auf ein paar Gastrollen hat er sich vom akademischen Betrieb ferngehalten, er beschrieb sich als “entsprungener Kaspar Hauser” der Philosophie. ”Meine Celebrität wächst wie eine Feuersbrunst“, notierte er zuletzt spöttisch, er spricht von der „Komödie seines Ruhms“. In dieser Zeit seines beginnenden Ruhms ist auch sein letztes Manuskriptbuch entstanden, das er 1852 begann und an dem er bis zu seinem Tode schrieb. Es ist sein philosophisches Testament, und der alte Denker hat hier die Früchte seiner regelmäßigen philosophischen Meditationen Tag für Tag zusammengetragen, ein Notizbuch mit 150 dicht beschriebenen Seiten. Schopenhauer gibt ihm den Namen “Senilia”. Es war für ihn eine geistige Arznei, die ihm das Alter erträglich, sogar angenehm machte. 2010 wurde dieses Manuskript in der Transkription Ernst Zieglers erstmals vollständig herausgegeben. In ihm finden sich Zitate, Reflexionen, Erinnerungen, psychologische Beobachtungen und wissenschaftliche Überlegungen, Tiraden gegen seine Gegner, und das sind vor allem die “Spaß-Philosophen” von den Universitäten, allen voran die “berühmten Drei” Hegel, Schelling und Fichte. Ihnen setzte er eine “Philosophie des Ernstes” gegenüber, er sah sich selbst in der legitimen Nachfolge Kants und in den Vertretern der Universitätsphilosophie nur die Verkünder der Katechismen der monotheistischen Glaubensgemeinschaften. Doch vor allem finden sich in diesem letzten Werk Gedanken über das Alter, die von ihrer Gültigkeit nichts verloren haben. In ihnen wird nicht die Vergangenheit beschworen, sondern Schopenhauer betont, wie wichtig es ist, sich an die Gegenwart zu halten. “Was gewesen ist, das ist nicht mehr; ist ebensowenig wie das, was nie gewesen ist. Aber alles, was ist, ist im nächsten Augenblick schon gewesen. Daher hat vor der bedeutendsten Vergangenheit die unbedeutendste Gegenwart die Wirklichkeit voraus; wodurch sie zu jener sich verhält wie etwas zu nichts.“ Jeder Augenblick des Lebens hat sein Recht, denn er ist ein unwiederbringbares Unikat. “Jedem Vorgang unseres Lebens gehört nur auf einen Augenblick das Ist; sodann für immer das War. Jeden Abend sind wir um einen Tag ärmer. Wir würden vielleicht beim Anblick dieses Ablaufens unserer kurzen Zeitspanne rasend werden; wenn nicht im tiefsten Grunde unseres Wesens ein heimliches Bewußtsein läge, daß uns der nie zu erschöpfende Born der Ewigkeit gehört, um immerdar die Zeit des Lebens daraus erneuern zu können.“ Im Rückblick des Alters fügt sich alles enger zusammen, nimmt Struktur und Ordnung an, nicht nur die Begebenheiten, sondern auch die in der Zeit agierenden Menschen. „Gegen das Ende des Lebens nun gar geht es wie gegen das Ende eines Maskenballs, wenn die Larven abgenommen werden. Man sieht jetzt, wer diejenigen, mit denen man, während seines Lebenslaufes, in Berührung gekommen war, eigentlich gewesen sind. Denn die Charaktere haben sich an den Tag gelegt, die Taten haben ihre Früchte getragen, die Leistungen ihre gerechte Würdigung erhalten, und alle Trugbilder sind zerfallen.“

Am 21. September 1860 starb der Philosoph, er hatte Tod und Unsterblichkeit zum Thema seines philosophischen Denkens gemacht, aber als gelehriger Schüler Kants respektierte er das, was er die „unüberschreitbare Grenze aller unserer metaphysischen Erfahrung“ nannte. Die letzte handschriftliche Notiz von ihm lautet lapidar: “Die Welt ist, und ist, wie Figura zeigt: ich möchte nur wißen, wer etwas davon hat.” Er wünschte keine Grabinschrift. Die schwarze Granitplatte auf seinem Grab trägt nur seinen Namen.

Dieter Kaltwasser

Arthur Schopenhauer: Senilia, Gedanken im Alter. Herausgegeben von Franco Volpi und Ernst Ziegler. C.H. Beck, München 2010. 374 Seiten, 29,95 €. ISBN 978-3-406-59645-2

Robert Zimmer: Arthur Schopenhauer – Ein philosophischer Weltbürger.

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012. 320 Seiten, € 11,90. ISBN 978-3-423-34750-1

Zitate Arthur Schopenhauer

„Für eine gute Rede gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.“

„Der heimliche Prosaiker hingegen sucht zum Gedanken den Reim, der Pfuscher zum Reim den Gedanken.“

„Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt.“

„Die Wahrheit ist keine Hure, die sich Denen an den Hals wirft, welche ihrer nicht begehren: vielmehr ist sie eine so spröde Schöne, dass selbst wer ihr alles opfert noch nicht ihrer Gunst gewiß sein darf.“

„Eine gefasste Hypothese gibt uns Luchsaugen für alles sie Bestätigende, und macht uns blind für alles ihr Widersprechende.“

„Was dem Herzen widerstrebt, lässt der Kopf nicht ein.“

„Zur Philosophie verhält sich die Poesie, wie die Erfahrung sich zur empirischen Wissenschaft verhält.“

„Ein unpersönlicher Gott ist gar kein Gott, sondern bloß ein missbrauchtes Wort, ein Unbegriff, eine contradictio in adjecto, ein Schiboleth für Philosophieprofessoren, welche, nachdem sie die Sache haben aufgeben müssen, mit dem Worte durchzuschleichen bemüht sind.“

„Es gibt keine andere Offenbarung als die Gedanken der Weisen.“

„Was nun andererseits die Menschen gesellig macht ist ihre Unfähigkeit, die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu ertragen.“

„Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich die Einsamkeit einen zweifachen Vortheil: erstlich den, mit sich selbst zu sein, und zweitens den, nicht mit den Anderen zu sein.“

„Aber so ein Gott Jehova, der zum Vergnügen und mutwillig diese Welt der Not und des Jammers hervorbringt und dann noch gar sich selber Beifall klatscht mit „Alles war sehr gut“ (Moses, 1,31): Das ist nicht zu ertragen.“

„Die Heiterkeit und der Lebensmut unserer Jugend beruht zum Teil darauf, daß wir bergauf gehend, den Tod nicht sehen…“

Ein Kommentar

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Der Schein des Unendlichen

Romantik Safranski

Die Romantik, eine deutsche Affäre?

Warum kann man eigentlich hierzulande kein Buch über die deutsche Romantik schreiben, ohne das dies als inhaltliche Schwäche, als unzulässige Verengung, ausgelegt wird? Die Romantik sei schließlich als Epoche in der Kultur- und Literaturgeschichte ein gesamteuropäisches Phänomen.  Diesen Vorwurf an sein Buch parierte der Autor Rüdiger Safranski auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse überaus lapidar: „Wenn man die deutsche literarische und philosophische Romantik im Sack hat, dann hat man sie alle.“ Dieser schnoddrig formulierte Satz, wenn er denn tatsächlich ernst gemeint sein sollte, ist natürlich falsch. Und der in philosophischen und literarischen Disziplinen hochgebildete Rüdiger Safranski weiß dies auch. Was bewog ihn dann, allein über die deutsche Literatur und Philosophie der Romantik zu schreiben, auch unter dem fast vollständigen Verzicht der anderen Künste wie der Musik und Malerei? Richard Wagner und seinen Musikdramen wird zwar Raum gegeben, allerdings fast immer im Zusammenhang mit den Philosophien Nietzsches und Schopenhauers. Und hier greift der Autor auf sein im Jahre 2000 erschienenes Nietzsche-Buch zurück, für das ihm der nach diesem Philosophen eigens benannte Preis verliehen wurde. Safranskis Intention liegt vor allem in der Beschreibung deutscher Mentalitätsgeschichte und  weniger in einer reiner Epochendarstellung. Will man ein Phänomen wie das der deutschen Romantik und den problematischen Begriff des Romantischen einem breiteren Leserkreis zugänglich machen, dann kann dies nur gelingen durch Reduzierung theoretischer Komplexität, anschauliche Beschreibung sowie stilsicheres Gespür für Aussonderung und Pointierung. Dabei bleibt naturgemäß einiges auf der Strecke.

Was das Anschauliche betrifft, liefert ihm die frühe romantische Philosophie durchaus argumentative Schützenhilfe. In einem kühnen Textentwurf von 1797, den man später „Das älteste  Systemprogramm des deutschen Idealismus“ nannte und bis ins späte 20.Jahrhundert abwechselnd Hölderlin, Hegel und Schelling zugeschrieben wurde, bis man in der philosophischen Forschung Friedrich Hölderlins dominierenden Part allgemein anerkannte, ist ausdrücklich von der Schaffung einer neuen Mythologie die Rede, einer „Mythologie der Vernunft“. Sie soll in Bildern verfasst sein, anschaulich darstellen, was vorher abstraktes philosophisches Denken formuliert hatte, sie muss mythologisch, d.h. ästhetisch sein, sonst habe sie für das Volk kein Interesse und der Philosoph müsse sich ihrer schämen. Es ist ein volkspädagogisches Konzept, die drei jungen schwäbischen Idealisten wollen eine bessere Wirkung beim Publikum. Annahme von allem ist, dass in Gesellschaft und Natur die gleiche Vernunft wirke, und die „Vorstellung von mir als einem absolut freien Wesen.“ Allerdings ist auch dieses „älteste Systemprogramm“ wenig anschaulich, sondern in einer hochtheoretischen Sprache formuliert, die wenig Erbarmen mit philosophisch ungeübten Köpfen zeigt. Rüdiger Safranski ist ein Meister der philosophischen Bilderrede, dies hat er in seinen Biographien über Schiller, Schopenhauer und Heidegger ebenso bewiesen wie in seinen zahlreichen philosophischen Essays. Sie stehen in einer Reihe mit den großen Biographien Richard Friedenthals über Goethe, Luther und Karl Marx. Das Buch ist in zwei große Teile untergliedert, die einander ergänzen. Es ist die Biographie einer für den Autor noch nicht beendeten Geisteshaltung der Deutschen. Die Romantik wird zunächst als Epoche dargestellt, anschließend das Romantische als Geisteshaltung, die bis heute fortwirke, und zwar in Politik und Kultur. Die prägnanteste Formulierung für das Romantische lieferte Friedrich von Hardenberg, der sich später Novalis nannte: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Die Romantik als Epoche beginnt in Jena im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, sie endet in der deutschen Literatur mit Eichendorffs und Tiecks Tod in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Heinrich Heine, der eine Sonderstellung einnimmt, starb 1856 im Pariser Exil. Durch Fichte und Schelling zunächst stark von der Aufklärung und der französischen Revolution geprägt, besitzt die Romantik noch ein sehr welt- und zukunftsoffenes Potenzial. Doch gleichzeitig will sie der „entzauberten Welt“, der Säkularisierung etwas entgegensetzen, sie unterhält eine untergründige Beziehung zur Religion, zum Unendlichen; sie liebt die Ferne der Zukunft ebenso wie die der Vergangenheit. Sie ist in Extremen zuhause, in der Ironie ebenso wie in der Andacht. Sie  bekennt sich zur Weltfremdheit, zum Traum, zur Nacht und zur Todessehnsucht. Safranskis pointierte Formulierung: „Die Romantik ist die Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln.“ Es sind oft genug Privatreligionen. Im Jena nahe gelegenen Weimar betrachtete man das Treiben der Gebrüder Schlegel und Novalis argwöhnisch. Der „Geheime Rath“ konzedierte zwar, dass aus Novalis ein Imperator der Literatur hätte werden können, wäre dem mit 28 Jahren verstorbenen Dichter nur genügend Zeit geblieben. Im Alter nannte Goethe, der seinen Blick ohnehin zu niemandem in der deutschen Literatur seiner Zeit mehr heben musste, das Romantische bloß noch das Kranke. Romantische Spuren, der Zauber des Vergänglichen, Weltfremdheit, Sprachdunkles und Irrationalität finden sich, so Safranski, nach dem Ende der eigentlichen Epoche in der deutschen Literatur und Philosophie zuhauf, wie z.B. bei Nietzsche, George und seinem Kreis, und Heidegger. Einmal in die Politik eingebracht, wirke Romantik zerstörerisch, wie es an der deutschen Geschichte ablesbar sei. Andererseits, so beschließt Rüdiger Safranski sein schönes und nachdenkenswertes Buch, dürfe den Menschen die romantische Einbildungskraft nicht verloren gehen, denn wir benötigten ihre Phantasieräume, weil wir, wie Rilke dichtete, „nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“

Dieter Kaltwasser

Rüdiger Safranski: Romantik – Eine deutsche Affäre, München 2007, 415 Seiten