Monatsarchiv: Juni 2012

Rousseau – Über sein Jahrhundert hinaus

Jean-Jacques Roussseau

Ein Streifzug durch die Neuerscheinungen zum 300. Geburtstag des Philosophen

„Ich kostete meiner Mutter das Leben, und meine Geburt war mein erstes Unglück“, notierte Jean-Jacques Rousseau in seinen „Bekenntnissen“. Er wurde als Sohn eines Uhrmachers am 28. Juni 1712 in Genf geboren. Nach schwierigen Jugendjahren und einem Vater, der mit ihm überfordert war und ihn früh zu Verwandten gab, floh er sechzehnjährig aus Genf nach Annecy, wo ihn Madame de Warens in mütterlicher Fürsorge aufnahm. Später wurde er ihr Geliebter und verbrachte mit Unterbrechungen 12 Jahre bei ihr.

Karl Heinz Ott hat in seinem fantastisch-skurillen Roman „Wintzenried“ das lebenslange Trauma Rousseaus erzählt, das darin bestand, dass ein Friseur namens Wintzenried den Platz im Bett von Rousseaus dreizehn Jahre älterer Geliebten eingenommen hatte und er aus dem Paradies vertrieben wurde. Noch in seiner Fragment gebliebenen letzten „Träumerei“ aus dem Jahr 1778 erinnerte sich der alte Schriftsteller an die Zeit mit Madame de Warens.

1742 zog Rousseau nach Paris, stellte eine mit Zahlen operierende Notenschrift vor, die keine Anerkennung finden sollte. In den Cafés und Salons freundete er sich mit den Enzyklopädisten Denis Diderot, Jean-Baptiste le Rond d’Alembert, Étienne Bonnot de Condillac und Grimm an. Als Diderot 1749 wegen religionsfeindlicher Schriften verhaftet und nach Vincennes gebracht wurde, besuchte ihn Rousseau, der auf dem Weg zu ihm eine Erleuchtung hatte, die zum Schlüsseldatum in der Geistesgeschichte der Moderne werden sollte. Von diesem Oktobertag an wurde Rousseau für die Aufklärung wichtig. Er verfasste seinen „Diskurs über Wissenschaft und Künste“ und stellte als erster philosophe eine „Dialektik der Aufklärung“ fest: Die Wohltaten des wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritts werden aufgewogen durch die zahlreichen Laster, die vom Trug des Scheins stammen. Mit dieser Kulturkritik setzte sich Rousseau von den Enzyklopädisten ab, auch von Voltaire.

Mit der Denkfigur der „Dialektik der Aufklärung“ operieren zwei im Rousseau-Jahr erschienene Bücher: Manfred Geiers „Aufklärung – Das europäische Projekt“ und Alfred Hirschs „Rousseaus Traum vom ewigen Frieden“. Geier lässt die Aufklärung im Jahre 1689 mit der Glorreichen Revolution in England beginnen und als Epoche hundert Jahre später mit der Großen Revolution in Frankreich enden, als die anti-klerikalen und anti-feudalen Ideen die „Massen ergreifen“. Die Formulierung „Projekt der Aufklärung“ verweist auf eine zentrale Feststellung Kants, dass wir in keinem „aufgeklärten Zeitalter“ leben, sondern in einem „Zeitalter der Aufklärung“. Aufklärung ist kein Zustand, sondern ein Prozess, wobei der Ausgang der Geschichte offen bleibt. Manfred Geier schildert in seinem glänzend geschriebenen Buch den großen Zusammenhang, den die philosophischen und politischen Programmideen der Begründer der Aufklärung – Locke, Rousseau, Kant, Mendelssohn und Diderot – mit den Vertretern aufgeklärten Denkens unserer Zeit wie Arendt und Popper, Habermas und Derrida verbindet.

Für Geier ist Rousseaus „Erleuchtung von Vincennes“ ein signifikantes Ereignis der Geistesgeschichte, weil sie den Eintritt des „Bürgers von Genf“ in die Aufklärung bedeutet, an der er engagiert teilnahm und zugleich massive Kritik übte. Der zweite Diskurs „Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen“ von 1759 ist die spekulative Rekonstruktion eines ursprünglichen Naturzustands, „der nicht mehr existiert, der vielleicht nie existiert hat“. Das Böse entsteht erst, wenn der Mensch in gesellschaftliche Strukturen eingebunden wird. Rousseau hatte zusammen mit Diderot und d’Alembert zahlreiche Artikel für die entstehende „Enzyklopädie“ geschrieben, doch nach Erscheinen der beiden Diskurse kam es immer mehr zu Auseinandersetzungen über die Religion, die Wissenschaften, das Wesen des Menschen und den Lauf der Geschichte. Rousseau hielt Voltaire und Diderot einen Verhängniszusammenhang von Fortschritt und Dekadenz entgegen. Hinzu kam eine soziale Komponente, vor allem in seinem „Zweiten Diskurs“ und im „Gesellschaftsvertrag“: Das Prinzip der Gleichheit, ohne das für Rousseau die Freiheit für die einzelnen Subjekte nicht gesichert werden konnte. Er sieht in Rousseau einen Denker der Aufklärung, der sich von überkommenen sozialen Autoritäten und kirchlich geprägten Wissensformen verabschiedet und sich zugleich als erster Kritiker und Dekonstrukteur der Aufklärung entwirft. Das hatte revolutionäres Potential und damit sahen sich nicht nur Kirche und Feudalaristokratie, sondern nicht wenige seiner Mitstreiter herausgefordert, vor allem der Großbürger Voltaire.

Auf die Möglichkeit eines dauerhaften Friedens konzentrierte sich Rousseau 1756 in seinen beiden „Friedensschriften“, die er in der Einsamkeit von Montmorency verfasste. Sie sind bislang kaum rezipiert worden, obwohl ihnen eine weiterführende rechtsphilosophische Bedeutung in der Entfaltung einer universalen Friedensidee zukommt, besonders auch im Hinblick auf die Genese von Kants berühmten philosophischen Entwurf „Zum ewigen Frieden“ von 1795 und die sich daran anschließende Debatte. Die Schriften liegen nun in einer deutsch-französischen Ausgabe, herausgegeben von Michael Köhler, vor. Rousseau hatte die Manuskripte des Abbé de Saint-Pierre (1658 bis 1743) über ein Projet de Paix Pérpetuelle gelesen. Er verfasste einen Auszug, den er mit eigenständigen Passagen und einer Beurteilung („Jugement“) ergänzte. Saint-Pierres Friedensentwürfe für eine europäische Republik waren für Rousseau keine bloßen Hirngespinste, sondern „Illusionen eines wahrhaft humanen Herzens“. Die Vorstellung glücklicher Menschen in einer friedlichen Gemeinschaft ist zwar nirgends verwirklicht, aber sie lässt sich vorstellen und erträumen. Diesen „Traum vom ewigen Frieden“ hat Alfred Hirsch in seiner Monografie aufgenommen und aktualisiert, und damit eine Lücke in der Rezeption geschlossen. Hirsch betont, dass es sich keineswegs um eine Thematik handle, die allein auf die politische Theorie zu begrenzen wäre, sondern der Gehalt des Rousseau’schen Friedensdenkens bereits mit den ersten Schriften zur Kulturkritik anhebt. Ist es zunächst eine individuelle Sehnsucht, die Rousseau nach Seelenruhe und Frieden mit seinen Mitmenschen streben lässt, so beschreibt Hirsch anhand des „Emile“ und des „Gesellschaftsvertrags“ die Suche nach einer innerstaatlichen Rechtsordnung, in der sozialer Frieden zwischen vergesellschafteten Bürgern besteht, und die schließlich in ein erträumtes Modell eines europäischen Friedensbundes mit der Perspektive einer „europäischen Republik“ mündet. Alfred Hirsch zeichnet uns ein anschauliches Panorama eines Rousseauschen Friedensdenkens, das noch keine Disziplingrenzen in den Wissenschaften kannte und sich daher frei entfalten und umherschweifen konnte. Er sieht in Rousseau einen Denker der Aufklärung, der sich von überkommenen sozialen Autoritäten und kirchlich geprägten Wissensformen verabschiedet und sich zugleich als erster Kritiker und Dekonstrukteur der Aufklärung entwirft.

Als 1761 zuerst der Erziehungsroman „Emile“ und 1763 der „Gesellschaftsvertrag“ erschien, wuchsen die Widerstände gegen Rousseau, ein Haftbefehl und lebenslanges Publikationsverbot erfolgten, der „Emile“ wurde öffentlich verbrannt. Immanuel Kant im fernen Königsberg hingegen sah in Rousseau nach der Lektüre der beiden Schriften seinesgleichen. Die beiden wichtigsten Wirkungsorte für den Contrat social sollten Paris und Königsberg werden, praktisch in der französischen Revolution und theoretisch in Kants Werk, in der Theorie der „Revolution der Denkart“.

Wie sehr die Kantische Sicht auf Rousseau die Rezeption gerade in der praktischen Philosophie prägte, davon zeugen auch die beiden brillanten Rousseau-Studien von Ernst Cassirer, die Guido Kreis neu herausgegeben hat. Cassirer sieht den verborgenen Angelpunkt des Rousseau’schen Kosmos in einer Theorie der Subjektivität und der universellen praktischen Vernunft, auf deren Grundlage Kant die Grundprinzipien seiner Moral- und Rechtslehre aufbaute. Für Kant lag der besondere Wert der Lehren Rousseaus darin, „die Rechte der Menschen herzustellen“. Dafür müssen sich, so Rousseau, die Menschen von den Fesseln ihrer „Eigenliebe“ befreien.

Von deren Rolle handelt die exzellente Studie „Pathologien der Selbstliebe. Freiheit und Anerkennung bei Rousseau“ des amerikanischen Philosophen Frederick Neuhouser. Die amour propre ist die „böse“ Charaktereigenschaft, ständig den eigenen Wert nach dem Urteil der anderen zu messen, und den Wert der anderen danach zu beurteilen, wie nützlich diese dem eigenen Selbst sein können. Es ist das große Verdienst Neuhousers, in Rousseaus Schriften aufzuzeigen, dass diese amour propre nicht bloß die gesellschaftlichen Übel hervorbringt, sondern sie auch zu überwinden vermag. Die Eigenliebe darf nicht zerstört werden, sondern sie muss gebildet und veredelt werden, „so dass sie auf positive Weise zu der Verwirklichung von Freiheit, Frieden, Tugend, Glück und nichtentfremdetem Selbstsein beiträgt“. Cassirer und Neuhouser betonen beide, dass schon Kant diese Theorie der amour propre bei Rousseau als Theodizee begriffen habe.

Kant stellte persönlich für sich fest: „Rousseau hat mich zurechtgebracht“. Der enorme Einfluss des französischen Denkers und dessen Bedeutung für den deutschen Philosophen veranschaulicht sich auch darin, dass ein Porträt des französischen Philosophen das einzige Bildnis in Kants Haus war und über dem Schreibtisch des ansonsten bilderarmen und beispiellosen Königsbergers hing. Der Verfasser des „Gesellschaftsvertrags“ war, anders als Voltaire, ein erklärter Feind der Sklaverei, des Luxus, der Ungleichheit.

Die Fronten verhärteten sich immer mehr im Leben Rousseaus, die Widersprüche und Widerstände um ihn wuchsen. Als er die „Bekenntnisse“ von 1764 bis 1770 schrieb, war er zumeist auf der Flucht, überall angefeindet, ausgewiesen, in Genf wurde ihm im Laufe der Jahre gleich zweimal das Bürgerrecht entzogen. In Motiers begann eine Menschenjagd, die Geistlichkeit wiegelte die Bevölkerung auf, er entging knapp einer Steinigung. Der englische Philosoph David Hume holte ihn nach England, auch dort blieb er nicht lange. Einige seiner früheren Weggenossen und Freunde, allen voran Voltaire, spielten ihm übel mit. 1764 sah er sich in einer achtseitigen Schrift diffamiert. Es war die vermutlich infamste Verleumdung, die jemals gegen einen Autor veröffentlicht wurde. Sie liefert bis heute den Stoff für die moralische Entrüstung über Rousseau. Ihr Verfasser war Voltaire. Die meisten Anschuldigungen waren erfunden. Eine wog schwer: Rousseau habe seine fünf Kinder ausgesetzt, was nicht stimmte, aber er hatte sie ins Findelhaus gegeben. Damit war der Skandal perfekt. Für Rousseau wurde die widerständige Welt zu einem, wie er resigniert konstatierte, „undurchdringlichen Gebäude der Finsternis“. Der berühmteste Philosoph und Schriftsteller seiner Zeit wurde zum Außenseiter, Angst und Verfolgungswahn nahmen immer mehr Besitz von ihm.

Dabei hat kaum ein anderer das Denken über Erziehung in der Moderne so vielfältig und nachhaltig beeinflusst wie Rousseau. Der deutsche Pädagoge Winfried Böhm und der französische Philosoph Michel Soëtard führen mit einem neu erschienenen Lehrbuch in die Pädagogik Rousseaus ein und legen in ihrer Auswahl die zentralen Texte vor, die ihn als den „genuinen Entdecker und Erfinder von Kindheit und Erziehung“ darstellen. Dabei zeigen auch sie sowohl in den ausgewählten Schriften wie in ihrem einführenden Kommentar einen Seher und Träumer, an dem sich bis heute die Geister scheiden, sowohl was seine Person und Biografie als auch seine pädagogischen Ideen anbelangt, und der nach einem Urteil von Wilhelm Weisschedel „vermutlich der egozentrischste Denker in der Geschichte der Philosophie ist“. In seinen „Bekenntnissen“ versuchte er sich durch die Preisgabe privater und intimer Details wie kein anderer Autor vor ihm zu rechtfertigen, er erteilte sich seine eigene Absolution. Er heiratete seine langjährige Lebensgefährtin Thérèse Levasseur, die auch die Mutter seiner Kinder war, zog nach Paris zurück, wurde dort offiziell geduldet und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Notenkopist.

„Die Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, seine letzte Schrift, die ab 1772 entstand, ist die vielleicht schönste, sicher gewagteste des Genfer Philosophen. Sie hat das philosophische Leben zu ihrem Gegenstand und gipfelt in einer poetischen Darstellung des Glücks, das dieses Leben eröffnet. Heinrich Meier ist diesen Spaziergängen in seinen Reflexionen zu Rousseaus „Rêveries“ gefolgt, die wohl mit zum Erhellendsten gehören, was je über diesen großen Einsamkeitstext der europäischen Literatur geschrieben wurde. Die „Träumereien“ nehmen nichts zurück, sie verweisen den Leser nachdrücklich auf das „Glaubensbekenntnis des Savoyischen Vikars“, das 1762 als Teil von „Emile“ erschienen war und Rousseau die politische Verfolgung durch die kirchlichen und weltlichen Autoritäten seiner Zeit eintrug. Stefan Zweifel gibt in seiner neuen Übersetzung „Träumereien eines einsam Schweifenden“ einen originellen, radikalen Blick auf Rousseau und dessen Denken frei. Auf der Grundlage neu aufgefundener und ergänzender Textteile, die Rousseau auf Spielkarten notierte, hat er das Manuskript übersetzt und ausführlich kommentiert. Acht „Schweifzüge“ aus Rousseaus Werken unter besonderer Berücksichtigung des bislang nicht übersetzten Neuenberger Manuskripts der „Confessions“ und ein fulminantes Nachwort komplettieren dieses überaus lesenswerte Buch.

Seine letzten Lebenstage verbrachte der Eremit der Aufklärung in Ermenonville, wo er am 2. Juli 1778 starb und auf einer kleinen Pappelinsel beigesetzt wurde. Hier sollte er seine letzte Ruhe nicht finden. 1794 wurden seine sterblichen Überreste ins Panthéon überführt. Dort liegen sie nun nebeneinander, seit über 200 Jahren: Voltaire und Rousseau.

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien stark gekürzt erstmals am 26. Juni 2012 im General-Anzeiger Bonn, in kompletter Fassung auch in der Oktober-Ausgabe 2012 von literaturkritik.de

Rousseau-Literatur:

Jean-Jacques Rousseau: Träumereien eines einsam Schweifenden, nach dem Manuskript neu übersetzt, um 25 Spielkarten und ein Dossier ergänzt von Stefan Zweifel, Matthes & Seitz, 380 S., 29,90 €

Bei OSIANDER bestellen

Jean-Jacques Rousseau: Ich sah eine andere Welt – Philosophische Briefe, übersetzt und herausgegeben von Henning Ritter, Hanser, 400 S., 27,90 €

Bei OSIANDER bestellen

Jean-Jacques Rousseau: Die Bekenntnisse, dtv, 758 S., 16,90 €

Bei OSIANDER bestellen

Philipp Blom: Böse Philosophen – Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, Hanser, 400 S., 24,90 €

Bei OSIANDER bestellen

Ernst Cassirer: Über Rousseau, Suhrkamp, 174 S., 10 €

Bei OSIANDER bestellen

Manfred Geier: Aufklärung – Das europäische Projekt, Rowohlt, 416 S.,
24,95 €

Bei OSIANDER bestellen

Iring Fetscher: Rousseaus politische Philosophie, Suhrkamp, 384 S., 17 €

Bei OSIANDER bestellen

Eveline Hasler: Tells Tochter, dtv, 256 S., 9,90 €

Bei OSIANDER bestellen

Christiane Landgrebe: Zurück zur Natur? Das wilde Leben des Jean–Jacques Rousseau, Beltz, 376 S., 14,95 €

Bei OSIANDER bestellen

Heinrich Meier: Über das Glück des philosophischen Lebens – Reflexionen zu Rousseaus Réveries, C.H.Beck, 442 S., 29,95 €

Bei OSIANDER bestellen

Frederick Neuhouser: Pathologien der Selbstliebe – Freiheit und Anerkennung bei Rousseau, Suhrkamp, 380 S., 17 €

Bei OSIANDER bestellen

Robert Norton / Ulrich Raulff (Hrsg.): Idealist – Kanaille – Rousseau, Zeitschrift für Ideengeschichte, C.H.Beck, 128 S., 12,90 €

Bei OSIANDER bestellen

Jean Starobinski: Rousseau – Eine Welt von Widerständen, Fischer, 576 S., 12,99 €

Bei OSIANDER bestellen

Bernhard Taureck: Jean-Jacques Rousseau, Rowohlt Monographie, 160 S., 8,95 €

Bei OSIANDER bestellen

Karl-Heinz Ott: Wintzenried, Hoffmann und Campe, 208 S., 18,99 €

Bei OSIANDER bestellen

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Essay, Geistesgeschichte, Literaturgeschichte, Philosophie

Kassandras Vermächtnis

Bundesarchiv Bild 183-1989-0313-107, Leipzig, ...

Über Christa Wolfs „Rede, daß ich Dich sehe“

Ihre Stimme fehlt. Während die Zeit – wie es ihre Art ist – weitereilt. Ohne sie. Und nun doch noch ein letztes Buch von Christa Wolf, das sie vor ihrem Tod im Dezember vorigen Jahres noch zur Veröffentlichung bestimmt hat: Reden, Essays, Gespräche, von ihr selbst ausgewählt, manches davon bereits an früherer Stelle veröffentlicht, das meiste in Zeitungen. Texte, zu schade, um ins Vergessen zu geraten.

Um Vergessen und Erinnern mit allen dafür notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen geht es im vorliegenden Buch unter dem Titel und Motto „Rede, daß ich dich sehe“. Eine Aufforderung, deren Ursprung sich bei Sokrates findet, im Weiteren bei dem Philosophen Johann Georg Hamann, der den Gedanken aufgriff, erweiterte und seinen Betrachtungen über die Einheit der Schöpfung und die „Poesie Gottes“ – Gott als Schriftsteller! – hinzufügte. Auch der deutsche Schriftsteller Johannes Bobrowski hat das Zitat in einem seiner Werke verwendet. Nach diesem gibt sich, wer redet – wer das Wort ergreift -, sich selbst zu erkennen, – auf welche Weise auch immer.

„Rede, dass wir dich sehen“ ist ein Vortrag von Christa Wolf, den sie auf dem Kongress „Wer redet, führt“ im Jahr 2000 in Berlin gehalten hat. Hier geht es anschaulich um den Zusammenhang von Rede und Führung, die Frage nach dem Wer und Wohin, auch um die Frage, warum Reden so oft in Sonntagsreden auslaufen, statt Nachdenken und konstruktiven Dialog zu fördern. Eine Rede, hinter der die Autorin selbst, die es auf ihrer unerbittlichen Wahrheitssuche weder sich noch ihren Leserinnen und Lesern je leicht gemacht hat, in Erscheinung tritt, sich zu erkennen gibt.

In Interviews und Vorträgen zu besonderen Anlässen findet sich im Weiteren manches lesenswerte Portrait von Zeit- und Weggenossen aus dem literarischen wie politischen Leben, – stellvertretend seien Uwe Johnson, Volker Braun, Egon Bahr genannt-, ferner aus den Reihen bildender Künstler. Erinnerungen an manches interessante gemeinsame Text-Bild-Projekt, auf das näheres Hinsehen lohnt. Nachdenklich stimmen Guenther Ueckers Bilder aus Asche, die in Auseinandersetzung  mit der Tschernobyl-Katastrophe entstanden und vor dem Hintergrund von Fukushima erneut beklemmende Aktualität erlangt haben. Es folgt mancher Denkanstoß zum Thema „Autobiografisches Schreiben“ in Anmerkungen zu „Beim Häuten der Zwiebel“ von Günter Grass. Schließlich Erinnerungen an das denkwürdige 11. Plenum der SED, welches für Christa Wolf unter dem Zeichen „Jetzt musst du reden!“ stand und einen entscheidenden Wendepunkt im Denken, Leben und Schaffen der Autorin bezeichnet. Wichtig in diesem Kontext auch ihr Vorwort zu Werner Bräunigs zu eben jener Zeit vom DDR-Regime verworfenen und 2007 posthum erschienenen Roman „Rummelplatz“.

Interessant vor diesem Hintergrund die Frage, die Thomas Manns „Dr. Faustus“ aufwirft: Welchen Preis zahlt der Künstler für sein Werk? Ihr widmete sie sich 2000 in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Preises. Schicksal und Werk des großen deutschen Schriftstellers, dem sein eigenes Land so fremd geworden war, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückzog, beschäftigten sie besonders während ihres USA-Stipendium-Aufenthaltes in Los Angeles, dem sogenannten „Weimar unter Palmen“, so benannt, seit dort viele bedeutende deutsche Autoren während der NS-Diktatur Exil fanden. Im Aufsuchen der Orte, die diesen einst Zuflucht gewährten, wagt Christa Wolf manche Annäherung und den Versuch des Sich-hinein-Versetzens in eine Lage, die sich heute unserer Vorstellungskraft zumeist entzieht.

Schließlich widmet sie sich in ihrem bisher unveröffentlichten Essay „Nachdenken über den blinden Fleck“ unter Verweis auf historische Zusammenhänge ausführlicher der Frage nach Erinnern, Gewissen, Schuld und Verantwortung. Auch hier wieder Faust. Diesmal der klassische von Goethe. Die beklemmende Aktualität des Teufelspaktes. Welcher Preis ist zu zahlen für grenzenlosen Fortschritt? Und schließlich: Die Frage nach den Müttern. Die Verdrängung des Weiblichen in der Geschichte, „das Hinschwinden der Frau in der öffentlichen Wahrnehmung“. Kassandra. Die Mahnerin, deren Prophezeiungen man umso weniger hören will, je mehr sie sich bewahrheiten? Für deren Eintreffen sie vielmehr die Schuld aufgeladen bekommt, – weil eine Gesellschaft Sündenböcke braucht, um sich selbst der Verantwortung nicht stellen zu müssen? Der Bogen spannt sich zu Medea.

Wer einfache Antworten für komplexe Fragen unserer Zeit sucht, wird sie in diesem Buch nicht finden, – so wenig wie im gesamten Werk von Christa Wolf. Simplizitäten und Phrasen sind ihre Sache nicht, waren es nie. Nur Schwarz und Weiß Raum geben, Nuancen nicht gelten lassen, würde bedeuten, nie die volle Sehkraft zu erlangen, die zum Urteilen befähigt. Dann werden schnell aus Urteilen Vorurteile, – und daraus wiederum Verurteilungen, die dazu führen, dass sich wahre Erkenntnis verschließt, – wie die Autorin selbst in einem Interview 2010 deutlich aussagte.

Und daher müssen die großen Fragen unbeantwortet bleiben; vielmehr werden sie neu gestellt, – aufbereitet für kommende Generationen mit der unmissverständlichen Aufforderung, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ein Vermächtnis. Können – mit Christa Wolfs Worten gefragt – die Kräfte, die Alternativen schaffen, schnell genug wachsen? Hierin sind wir Nachfolgenden gefordert. Und wir verstehen: Rede, daß ich dich sehe, – rede so, dass ich dich sehe! – meint eine reife Form von Reden, die als einzige zum notwendigen Austausch und verantwortlichem Handeln führen kann.

Bettina Johl

Der Artikel ist am 28. August 2012 im General-Anzeiger Bonn erschienen.

Christa Wolf: Rede, daß ich Dich sehe, Berlin 2012, Suhrkamp Verlag, 208 Seiten

Bei OSIANDER bestellen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Geistesgeschichte, Gesellschaft, Literaturgeschichte, Rezension