Schlagwort-Archive: Daniel Kehlmann

„Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“ – Über Karl Foerster

Karl Foerster

Im Frühjahr 2009, ein Jahr vor ihrem Tode, lernte ich in Potsdam-Bornim Marianne Foerster kennen, die Tochter des berühmten Staudenzüchters, Gartengestalters und Autors Karl Foerster. Den berühmte Garten, von Karl Foerster 1912 in Bornim angelegt, steht heute unter Denkmalschutz; er wurde von 1990 bis zu ihrem Tod 2010 von Marianne Foerster gepflegt.

In dem legendären Senkgarten, direkt neben der von Foerster erbauten Villa, wurden damals, im Darwin- und Humboldt-Jahr, Dreharbeiten für eine Gartensendung durchgeführt, und ich unterhielt mich mit der Moderatorin der Sendung über Literatur rund um Natur und Gartengeschichte. Unter anderem stellte ich zwei Bücher über Alexander von Humboldt vor: Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und „Alexander von Humboldt. Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazzo zu ersteigen“, herausgegeben von Oliver Lubrich und Ottmar Ette.

In beiden Büchern ist von der damals gescheiterten Gipfelbesteigung die Rede, Humboldt selber hat das Scheitern in seinen Veröffentlichungen verschwiegen. Marianne Foerster hörte meinen Ausführungen zu, kam nach der Aufzeichnung der Sendung zu mir und sagte: „Sie haben von Humboldts Barometer gesprochen, das er damals zur Höhenmessung nutzte. Humboldt hat es meinem Großvater geschenkt. Den Roman von Kehlmann kenne ich nicht, würde ihn aber gerne lesen.“

Ich überließ ihr mein Exemplar und schrieb auf Marianne Foersters Wunsch noch ein paar Zeilen hinein. Später verabschiedete ich mich von ihr und sie dankte mir noch einmal für das Buch, der Beschenkte jedoch war ich selbst. Mir wurde deutlich, dass sich hier die Lebensspuren von Karl Foerster verwoben mit der Weltsicht des Pantheismus und des Humanismus; seine Eltern und seine Vorbilder Goethe und Humboldt teilten diese Weltanschauung. So betonte Goethe in seinen Gesprächen mit Eckermann, „daß die Gebrüder von Humboldt und Schlegel unter meinen Augen aufzutreten anfingen, war von der größten Wichtigkeit. Es sind mir daher unnennbare Vorteile entstanden.“

Karl Foerster war einer der bedeutendsten Staudenzüchter des letzten Jahrhunderts, und er wurde geprägt durch seinen Vater, den Astronomen Wilhelm Foerster, der mit Alexander von Humboldt befreundet und dessen Schüler war, und seiner Mutter Ina, einer leidenschaftlichen Malerin. Der 1874 in Berlin geborene Karl besuchte das Gymnasium und absolvierte von 1889 bis 1891 eine Gärtnerlehre in der Schlossgärtnerei Schwerin. Nach einigen „Lehr- und Wanderjahren“ gründete er 1903 seine eigene Staudengärtnerei in Berlin-Westend. Nach dem Umzug der Gärtnerei nach Potsdam-Bornim im Jahre 1903 verwandelte Foerster dort ein über sechstausend Quadratmeter großes Ackergelände zu einem „Gartenreich“ mit dem heute berühmten Senkgarten, in dem die Blumen und Bäume, die Gräser, Farne und Sträucher wie in einem Amphitheater um einen Teich angeordnet sind, gleichsam Akteure und Zuschauer zugleich. Foerster wurde zu einem der wirkungsreichsten Gartengestalter des frühen 20. Jahrhunderts und zudem ein erfolgreicher Schriftsteller.

Das Buch „Karl Foerster – Seine Blumen, seine Gärten“ von Carsten Mehliß gibt dem Leser einen fundierten und detaillierten Einblick in das lange und reiche Leben des Gartenkünstlers und Philosophen, der seine Lebensaufgabe darin sah, einer neuen Kultur der Gärten den Weg zu bereiten. Foersters Prinzipien zur Gestaltung werden ebenso detailliert und lehrreich beschrieben wie die von ihm angelegten Gärten und sein Schaffen als Züchter. 1911 veröffentlichte Foerster sein erstes Buch „Winterharte Blütenstauden und Sträucher der Neuzeit“, 1920 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Gartenschönheit“.

1926 heiratete er die Sopranistin Eva Hildebrandt, 1931 wurde Marianne Foerster geboren. 1932 kamen Foersters ersten Phlox-paniculata-Sorten in den Handel sowie neue Sorten von Rittersporn und Astern. Im Jahre 1934 entstand mit den Gartenarchitekten Herbert Mattern und Herta Hammerbacher die Arbeitsgemeinschaft „Gartengestaltung in Bornim“. 1941 wurde der auf seine Anregung hin eingerichtete öffentliche Schaugarten auf der Potsdamer Freundschaftsinsel eröffnet.

Mehliß thematisiert auch Karl Foersters Stellung zum und im Nationalsozialismus und betont, dass diese umstritten sei. Im Umfeld der Bundesgartenschau in Potsdam im Jahre 2001 erschienen zwei Artikel, in denen von nationalistischen und antisemtischen Äußerungen in den Schriften Foersters die Rede ist, ohne sie im Wortlaut und Zusammenhang mitzuteilen. Eine Beurteilung und Einordnung auf einer solchen Basis erscheint mehr als fragwürdig. Foerster war mit vielen Künstlern und Schriftstellern befreundet, darunter auch Emigranten. Sein Bruder Friedrich Wilhelm Foerster, ein Philosoph und Pazifist, der in die Schweiz emigrierte und dessen Schriften von den Nationalsozialisten verbrannt wurden, schrieb bis zu seinem Tode im Jahre 1966 Briefe an Karl Foerster und dessen Familie. Es deutet nichts darauf hin, dass Friedrich Wilhelm an der persönlichen Integrität und Weltsicht seines Bruders zweifelte. In der Nazi-Zeit beschäftigte Foerster in der Gärtnerei jüdische Freunde, die so überleben konnten. Der Gartenarchitekt Walter Funcke, damals ein Mitarbeiter Foersters, berichtete, dass er als Mitglied der KPD 1933 verhaftet, nach einem halben Jahr entlassen und von Foerster sofort wieder eingestellt worden sei, wozu zweifellos Mut gehörte.

Unter den vielen Künstlern und Schriftstellern, Theologen und Forschern, mit denen Foerster in engem Kontakt stand, finden wir auch den solitären Rudolf Borchardt, dessen Blumenbuch „Der leidenschaftliche Gärtner“, ein letzter Ausdruck seiner Kulturvision, erst posthum veröffentlicht wurde. 1939 hatte er es fertig gestellt und anempfahl es seinem alten Freund Karl Foerster, wohl wissend, dass es vorerst nicht erscheinen konnte. Im Sommer 1941 schrieb er an Karl Foerster aus völliger existenzieller Isolation: „Dass ich nach Ihnen verlange, liegt daran, dass ich den furchtbaren Weltmoment mir habe ins Herz treten fühlen wie eine Thrombose, und an ihm zu ersticken drohe, wenn nicht zu mir ein Bruder tritt.“ Karl Foerster war ihm ein solcher Bruder, ihm und vielen anderen.

Als Pflanzenzüchter widersetzte er sich den Forderungen vieler Nationalsozialisten nach einer ausschließlichen Verwendung heimischer „bodenständiger“ Pflanzen: „In unseren nordischen Geistesadern kreist auch Blut südlicher Geisteswelten, auf unserem Mittagstisch stehen Gerichte aus fünf Erdteilen und in unseren Bauerngärten wachsen „althergebrachte“ Stauden aus chinesischen Alpenwiesen und amerikanischen Prärien, nämlich Tränendes Herz und Phlox, bodenständige Embleme unseres Heimatgefühls. Also für Heimatpuritaner und ihre Überfremdungsängste haben wir nur ein Lächeln und empfinden sie gewissermaßen als vom Sturm der Entwicklung entwurzelte Leute.“ Diese Grundhaltung hat Foerster stets beibehalten, sie ist sein philosophisches und weltanschauliches Erbteil.

Drei Jahre nach Kriegsende bekam Foerster den Auftrag, den Goethe-Garten in Weimar zu restaurieren. Seine Gärtnerei nahm die Züchtungsarbeit wieder auf, da Foerster einen Bestand von Mutterpflanzen rechtzeitig vor der Kriegszerstörung hatte schützen können. Foerster nahm in der DDR zweifellos eine Sonderstellung ein, es fanden auch Treffen westdeutscher Staudenfreunde in Bornim statt, obwohl keine Genehmigung durch den Staat vorlag. Foerster galt als Aushängeschild, und bei ihm wurden Ausnahmen geduldet. Zahlreiche neue Bücher erschienen in den letzten zwanzig Jahrens seines Lebens, er wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft.

Am 27. Januar 1970 starb Karl Foerster im Alter von 96 Jahren. Er wurde auf dem alten Bornimer Friedhof beigesetzt, in der Familiengrabstätte, in der auch sein Vater seine letzte Ruhe fand und seit 2010 seine Tochter Marianne. In ihrem Buch „Der Garten meines Vaters“, das sie vor wenigen Jahren veröffentlichte, beschrieb sie ihre Begegnungen und Erfahrungen mit dem Potsdamer Garten, der schließlich auch der ihre wurde. Die schönsten Gartenwochen des Jahres erlebte die kosmopolitische Marianne Foerster dann, wenn der Phlox blühte, in seinen so verschiedenen Farben. „In welchem Land auch immer ich war – Phloxduft bedeutete Bornim-Heimatduft.“

Dieter Kaltwasser

Der Essay erschien erstmals in der Oktober-Ausgabe 2012 von literaturkritik.de.

Literaturhinweise:

Rudolf Borchardt: Gesammelte Werke in Einzelbänden. Der leidenschaftliche Gärtner.
Herausgegeben von Marie L. Borchardt.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003.
433 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-10: 9783608935
ISBN-13: 9783608935929

Marianne Foerster: Der Garten meines Vaters Karl Foerster.
Mit Fotos von Gary Rogers.
Herausgegeben von Ulrich Timm.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005.
144 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783421035035

Alexander von Humboldt: Ueber einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen. Mit dem vollständigen Text des Tagebuches „Reise zum Chimborazo“.
Herausgegeben von Oliver Lubrich.
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2006.
195 , 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783821807676

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Roman.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.
379 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783499253034

Karl Foerster: Ein Garten der Erinnerung. Leben und Wirken von Karl Foerster – dem großen Garten-Poeten und Staudenzüchter.
Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2009.
478 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783800158935

Carsten Mehliß: Karl Foerster – seine Blumen, seine Gärten.
42 Farbfotos, 50 Schwarzweißfotos.
Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2012.
142 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-13: 9783800176328

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Essay, Geistesgeschichte

Die Weltvermessung

German writer Daniel Kehlmann at litcologne, 2...

Daniel Kehlmann

Der Roman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann über den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Naturgelehrten Alexander von Humboldt ist zum internationalen Bestseller geworden, seit er im Jahre 2005 erschien. Die beiden gelehrten deutschen Protagonisten machen sich Ende des 18. Jahrhunderts daran, die Welt mathematisch-naturwissenschaftlich zu vermessen und kartographisch zu erfassen. Der eine kämpft sich mit seinem Reisebegleiter Aimee Bonpland durch Urwald, Steppe und Gebirge, versucht sich zäh, aber vergebens an der Gipfelerstürmung des hohen Chimborazo, befährt den gefahrvollen Orinoko, eine natürliche Verbindung zum Amozonas suchend, begegnet auf seinen großen Fahrten Kannibalen und Seeungeheuern, ein Philantroph und Weltbürger. Der andere wird zum Mathematiker und Astronom, geht nicht auf Reisen und beweist dennoch, dass der Raum gekrümmt ist. Er ist ein Misanthrop und kann nicht ohne eine Frau leben, flüchtet noch aus seinem Hochzeitslager, um eine mathematische Formel zu notieren. 1828, alt und berühmt geworden, treffen sich die beiden Genies in Berlin, und verstricken sich prompt in die politischen Wirren nach dem Sturz Napoleons. Daniel Kehlmanns Roman beschreibt episodenhaft das Leben dieser beiden großen Wissenschaftler; ein Roman über Erfolg und Scheitern, Triumph und Lächerlichkeit, Starrsinn und Größe, Philosophie und Trivialität. Ein weltweises literarisches Meisterwerk eines jungen Schriftstellers voller subtiler Komik und einer bestechenden, seltenen stilistischen Brillanz.

Dieter Kaltwasser

 

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt, 304 S., Rowohlt 2005



 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher

Nabokovs Streichhölzer – Lob der Literatur

German writer Daniel Kehlmann at litcologne, 2...

Image via Wikipedia

Trifft Schillers Unterscheidung zwischen naiver und sentimentalischer Dichtung zu, dann ist Daniel Kehlmann ausdrücklich der reflektierten und daher sentimentalischen Dichtkunst zuzuordnen. Spätestens seit seinem Roman „Die Vermessung der Welt“, in über vierzig Sprachen übersetzt, ist er ein berühmter Autor und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Zum zweiten Male legt nun der Rowohlt Verlag eine Auswahl von Kehlmanns Essays, Reden und Vorlesungen vor, und wir stehen staunend vor der Klugheit und artistischen Brillianz dieses jungen Schriftstellers. Daniel Kehlmann ist ein Leser und Interpret der besonderen Güte, beispielsweise der  Werke von Samuel Beckett und Thomas Mann, Thomas Bernhard und Knut Hamsun, Kleist, Shakespeare und Nabokov.

In Kehlmanns Poetikvorlesungen „Diese sehr ernsten Scherze“, – in Anlehnung an Goethes Beschreibung des Faust II in seinem letzten Brief -, gehalten im Jahre 2006 an der Universität Göttingen, in der er das Handwerk des Schreibens sich und den Hörern auf den Begriff zu bringen versucht, ist von einer frühen Kurzgeschichte Nabokovs die Rede, die sich in einem Zimmer und zwischen zwei Gesprächspartnern abspielt. Während des Dialogs orchestriert Nabokov das ganze, mit kleinen, „psychologisch vielsagenden Gesten“. Eine der beiden Gesprächspartner bricht vor Nervosität ein kleines Streichholz in zwei Stücke und lässt sie in ein Weinglas fallen. Am Ende der Geschichte, nach vielen Wendungen und Gegenwendungen, schenken sich die beiden Wein ein und trinken. Der alte Nabokov sagt Jahrzehnte später, dass jeder das Streichholz im Weinglas vergessen habe, „etwas, das ich heute nicht mehr zulassen würde“. Dieser Satz enthält für Kehlmann eine der wesentlichen Erkenntnisse über das Prosaschreiben: Details sind überaus wichtig, der Autor müsse eine Szene sehen lernen, dann erst, in dem so geschauten, klaren Bild würden Detailfehler vermieden. Ein bilderloses Erzählen sei ohnehin gar nicht vorstellbar. Unabdingbar sei das Element des Notwendigen, welches gute Literatur ausmache sowie ein Pakt mit dem Unbewussten, den ein Schriftsteller eingehen müsse.

In seiner Rede „Die Katastrophe des Glücks“ erzählt Daniel Kehlmann, dass seine ersten Romane und Erzählungen sich schlecht verkauften, und erst der Bestseller „Die Vermessung der Welt“ seinem Lebenslauf  eine „anscheinende Absichtlichkeit“ – so Schopenhauers Formulierung – gegeben, und sich all das erfüllte, was er nicht einmal zu wünschen geglaubt habe. Doch man müsse das Glück mit der gleichen Ruhe hinzunehmen versuchen, mit dem man unter ungünstigeren Umständen mit dem Scheitern hätte leben müssen. Saul Bellow hat einst nach einem Bestsellererfolg seines Romans „Herzog“ gesagt: „Ich habe mein Gewissen befragt und mich gefragt, ob ich Falsches getan habe. Aber ich habe keine Sünde gefunden.“ Wer schreibt, will gelesen werden, und der geneigte Leser darf sich getrost Daniel Kehlmanns Literaturlob zueigen machen.

© Dieter Kaltwasser

Daniel Kehlmann: Lob / Über Literatur, Rowohlt 2010, 190 Seiten

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher