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Weihnachten – Johann Wolfgang von Goethe

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Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süsse spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.
Aber, Fürst, wenn dir’s begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Dass als Lichter, dass als Flammen
Vor dir glänzten allzusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

(Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)
aus: Gedichte, Ausgabe letzter Hand

Foto: Bettina Johl

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„Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“ – Über Karl Foerster

Karl Foerster

Im Frühjahr 2009, ein Jahr vor ihrem Tode, lernte ich in Potsdam-Bornim Marianne Foerster kennen, die Tochter des berühmten Staudenzüchters, Gartengestalters und Autors Karl Foerster. Den berühmte Garten, von Karl Foerster 1912 in Bornim angelegt, steht heute unter Denkmalschutz; er wurde von 1990 bis zu ihrem Tod 2010 von Marianne Foerster gepflegt.

In dem legendären Senkgarten, direkt neben der von Foerster erbauten Villa, wurden damals, im Darwin- und Humboldt-Jahr, Dreharbeiten für eine Gartensendung durchgeführt, und ich unterhielt mich mit der Moderatorin der Sendung über Literatur rund um Natur und Gartengeschichte. Unter anderem stellte ich zwei Bücher über Alexander von Humboldt vor: Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und „Alexander von Humboldt. Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazzo zu ersteigen“, herausgegeben von Oliver Lubrich und Ottmar Ette.

In beiden Büchern ist von der damals gescheiterten Gipfelbesteigung die Rede, Humboldt selber hat das Scheitern in seinen Veröffentlichungen verschwiegen. Marianne Foerster hörte meinen Ausführungen zu, kam nach der Aufzeichnung der Sendung zu mir und sagte: „Sie haben von Humboldts Barometer gesprochen, das er damals zur Höhenmessung nutzte. Humboldt hat es meinem Großvater geschenkt. Den Roman von Kehlmann kenne ich nicht, würde ihn aber gerne lesen.“

Ich überließ ihr mein Exemplar und schrieb auf Marianne Foersters Wunsch noch ein paar Zeilen hinein. Später verabschiedete ich mich von ihr und sie dankte mir noch einmal für das Buch, der Beschenkte jedoch war ich selbst. Mir wurde deutlich, dass sich hier die Lebensspuren von Karl Foerster verwoben mit der Weltsicht des Pantheismus und des Humanismus; seine Eltern und seine Vorbilder Goethe und Humboldt teilten diese Weltanschauung. So betonte Goethe in seinen Gesprächen mit Eckermann, „daß die Gebrüder von Humboldt und Schlegel unter meinen Augen aufzutreten anfingen, war von der größten Wichtigkeit. Es sind mir daher unnennbare Vorteile entstanden.“

Karl Foerster war einer der bedeutendsten Staudenzüchter des letzten Jahrhunderts, und er wurde geprägt durch seinen Vater, den Astronomen Wilhelm Foerster, der mit Alexander von Humboldt befreundet und dessen Schüler war, und seiner Mutter Ina, einer leidenschaftlichen Malerin. Der 1874 in Berlin geborene Karl besuchte das Gymnasium und absolvierte von 1889 bis 1891 eine Gärtnerlehre in der Schlossgärtnerei Schwerin. Nach einigen „Lehr- und Wanderjahren“ gründete er 1903 seine eigene Staudengärtnerei in Berlin-Westend. Nach dem Umzug der Gärtnerei nach Potsdam-Bornim im Jahre 1903 verwandelte Foerster dort ein über sechstausend Quadratmeter großes Ackergelände zu einem „Gartenreich“ mit dem heute berühmten Senkgarten, in dem die Blumen und Bäume, die Gräser, Farne und Sträucher wie in einem Amphitheater um einen Teich angeordnet sind, gleichsam Akteure und Zuschauer zugleich. Foerster wurde zu einem der wirkungsreichsten Gartengestalter des frühen 20. Jahrhunderts und zudem ein erfolgreicher Schriftsteller.

Das Buch „Karl Foerster – Seine Blumen, seine Gärten“ von Carsten Mehliß gibt dem Leser einen fundierten und detaillierten Einblick in das lange und reiche Leben des Gartenkünstlers und Philosophen, der seine Lebensaufgabe darin sah, einer neuen Kultur der Gärten den Weg zu bereiten. Foersters Prinzipien zur Gestaltung werden ebenso detailliert und lehrreich beschrieben wie die von ihm angelegten Gärten und sein Schaffen als Züchter. 1911 veröffentlichte Foerster sein erstes Buch „Winterharte Blütenstauden und Sträucher der Neuzeit“, 1920 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Gartenschönheit“.

1926 heiratete er die Sopranistin Eva Hildebrandt, 1931 wurde Marianne Foerster geboren. 1932 kamen Foersters ersten Phlox-paniculata-Sorten in den Handel sowie neue Sorten von Rittersporn und Astern. Im Jahre 1934 entstand mit den Gartenarchitekten Herbert Mattern und Herta Hammerbacher die Arbeitsgemeinschaft „Gartengestaltung in Bornim“. 1941 wurde der auf seine Anregung hin eingerichtete öffentliche Schaugarten auf der Potsdamer Freundschaftsinsel eröffnet.

Mehliß thematisiert auch Karl Foersters Stellung zum und im Nationalsozialismus und betont, dass diese umstritten sei. Im Umfeld der Bundesgartenschau in Potsdam im Jahre 2001 erschienen zwei Artikel, in denen von nationalistischen und antisemtischen Äußerungen in den Schriften Foersters die Rede ist, ohne sie im Wortlaut und Zusammenhang mitzuteilen. Eine Beurteilung und Einordnung auf einer solchen Basis erscheint mehr als fragwürdig. Foerster war mit vielen Künstlern und Schriftstellern befreundet, darunter auch Emigranten. Sein Bruder Friedrich Wilhelm Foerster, ein Philosoph und Pazifist, der in die Schweiz emigrierte und dessen Schriften von den Nationalsozialisten verbrannt wurden, schrieb bis zu seinem Tode im Jahre 1966 Briefe an Karl Foerster und dessen Familie. Es deutet nichts darauf hin, dass Friedrich Wilhelm an der persönlichen Integrität und Weltsicht seines Bruders zweifelte. In der Nazi-Zeit beschäftigte Foerster in der Gärtnerei jüdische Freunde, die so überleben konnten. Der Gartenarchitekt Walter Funcke, damals ein Mitarbeiter Foersters, berichtete, dass er als Mitglied der KPD 1933 verhaftet, nach einem halben Jahr entlassen und von Foerster sofort wieder eingestellt worden sei, wozu zweifellos Mut gehörte.

Unter den vielen Künstlern und Schriftstellern, Theologen und Forschern, mit denen Foerster in engem Kontakt stand, finden wir auch den solitären Rudolf Borchardt, dessen Blumenbuch „Der leidenschaftliche Gärtner“, ein letzter Ausdruck seiner Kulturvision, erst posthum veröffentlicht wurde. 1939 hatte er es fertig gestellt und anempfahl es seinem alten Freund Karl Foerster, wohl wissend, dass es vorerst nicht erscheinen konnte. Im Sommer 1941 schrieb er an Karl Foerster aus völliger existenzieller Isolation: „Dass ich nach Ihnen verlange, liegt daran, dass ich den furchtbaren Weltmoment mir habe ins Herz treten fühlen wie eine Thrombose, und an ihm zu ersticken drohe, wenn nicht zu mir ein Bruder tritt.“ Karl Foerster war ihm ein solcher Bruder, ihm und vielen anderen.

Als Pflanzenzüchter widersetzte er sich den Forderungen vieler Nationalsozialisten nach einer ausschließlichen Verwendung heimischer „bodenständiger“ Pflanzen: „In unseren nordischen Geistesadern kreist auch Blut südlicher Geisteswelten, auf unserem Mittagstisch stehen Gerichte aus fünf Erdteilen und in unseren Bauerngärten wachsen „althergebrachte“ Stauden aus chinesischen Alpenwiesen und amerikanischen Prärien, nämlich Tränendes Herz und Phlox, bodenständige Embleme unseres Heimatgefühls. Also für Heimatpuritaner und ihre Überfremdungsängste haben wir nur ein Lächeln und empfinden sie gewissermaßen als vom Sturm der Entwicklung entwurzelte Leute.“ Diese Grundhaltung hat Foerster stets beibehalten, sie ist sein philosophisches und weltanschauliches Erbteil.

Drei Jahre nach Kriegsende bekam Foerster den Auftrag, den Goethe-Garten in Weimar zu restaurieren. Seine Gärtnerei nahm die Züchtungsarbeit wieder auf, da Foerster einen Bestand von Mutterpflanzen rechtzeitig vor der Kriegszerstörung hatte schützen können. Foerster nahm in der DDR zweifellos eine Sonderstellung ein, es fanden auch Treffen westdeutscher Staudenfreunde in Bornim statt, obwohl keine Genehmigung durch den Staat vorlag. Foerster galt als Aushängeschild, und bei ihm wurden Ausnahmen geduldet. Zahlreiche neue Bücher erschienen in den letzten zwanzig Jahrens seines Lebens, er wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft.

Am 27. Januar 1970 starb Karl Foerster im Alter von 96 Jahren. Er wurde auf dem alten Bornimer Friedhof beigesetzt, in der Familiengrabstätte, in der auch sein Vater seine letzte Ruhe fand und seit 2010 seine Tochter Marianne. In ihrem Buch „Der Garten meines Vaters“, das sie vor wenigen Jahren veröffentlichte, beschrieb sie ihre Begegnungen und Erfahrungen mit dem Potsdamer Garten, der schließlich auch der ihre wurde. Die schönsten Gartenwochen des Jahres erlebte die kosmopolitische Marianne Foerster dann, wenn der Phlox blühte, in seinen so verschiedenen Farben. „In welchem Land auch immer ich war – Phloxduft bedeutete Bornim-Heimatduft.“

Dieter Kaltwasser

Der Essay erschien erstmals in der Oktober-Ausgabe 2012 von literaturkritik.de.

Literaturhinweise:

Rudolf Borchardt: Gesammelte Werke in Einzelbänden. Der leidenschaftliche Gärtner.
Herausgegeben von Marie L. Borchardt.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003.
433 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-10: 9783608935
ISBN-13: 9783608935929

Marianne Foerster: Der Garten meines Vaters Karl Foerster.
Mit Fotos von Gary Rogers.
Herausgegeben von Ulrich Timm.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005.
144 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783421035035

Alexander von Humboldt: Ueber einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen. Mit dem vollständigen Text des Tagebuches „Reise zum Chimborazo“.
Herausgegeben von Oliver Lubrich.
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2006.
195 , 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783821807676

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Roman.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.
379 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783499253034

Karl Foerster: Ein Garten der Erinnerung. Leben und Wirken von Karl Foerster – dem großen Garten-Poeten und Staudenzüchter.
Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2009.
478 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783800158935

Carsten Mehliß: Karl Foerster – seine Blumen, seine Gärten.
42 Farbfotos, 50 Schwarzweißfotos.
Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2012.
142 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-13: 9783800176328

Ein Kommentar

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Streifzug durch die Neuerscheinungen im Jean-Paul-Jahr 2013

Jean Paul

Jean Paul (Photo credit: Wikipedia)

„… fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen“

Wer ist eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, der sich Jean Paul nannte, jener „kauzige Spinner und Biertrinker“, der nach Meinung einiger Zeitgenossen nur unlesbare Bücher schrieb. Heute ist sein Ruhm nahezu verblasst. Google listet ihn irgendwo zwischen Jean Paul Belmondo, Gaultier und Sartre auf, die aktuelle Rezeption des großen Romanciers, Essayisten, Satirikers und Wortschöpfers lässt sich am besten mit den Worten „vielgelobt und ungelesen“ charakterisieren. Dabei verdanken wir ihm zahlreiche Neologismen wie Schmutzfink, Gänsefüßchen, Angsthase und Weltschmerz, um nur wenige zu nennen. Sein Wortschatz nimmt es spielend mit dem Goethes auf. Zweifellos ist er ein schwieriger Autor, einfach macht er es seinen Lesern nicht: mit seiner Weitschweifigkeit, dem abgründigen Humor, den komplizierten und mäandrierenden Sätze in den großen Romanen ebenso wie in den kleinen Erzählungen, darunter solche Meisterstücke wie „Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auenthal“ und „Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Fläz“, mit dem überraschenden und unmotivierten Einbringen angelesener Wissensbruchstücke aus seinen Exzerptheften. Wie aktuell Jean Paul dennoch ist, zeigt sich vor allem in den essayistischen Schriften wie der „Kriegserklärung gegen den Krieg“ von 1809. Dort tritt er engagiert und kritisch der These von der vermeintlichen Unvermeidbarkeit des Krieges entgegen und plädiert vehement für eine gewaltfreie Welt.

Zu Lebzeiten des Autors waren seine Romane  „Hesperus“, „Siebenkäs“, „Titan“ und „Flegeljahre“ Bestseller und stellten mit ihrer vorwiegend weiblichen Leserschaft selbst die Weimarer Klassiker in den Schatten. Aufgewachsen ist er in ärmlichen Verhältnissen, sein Vater war zuerst Lehrer, dann Geistlicher in kleinen oberfränkischen Pfarren in Wunsiedel – wo Richter am 21. März 1763 geboren wurde –, in Joditz und dann in Schwarzenbach an der Saale. In seinen späteren Lebensjahren lernte er den Luxus der Königs- und Fürstenhäuser kennen, auch seinen Titel Legationsrat verdankte Jean Paul, hierin Goethe nicht unähnlich, seinen Beziehungen zum Adel, er wurde ihm 1799 durch den Herzog von Hildburghausen verliehen. Schon in jungen Jahren begann er mit der systematischen Lektüre theologischer Abhandlungen, antiker Lehrtexte und Schriften der Weltliteratur.

Helmut Pfotenhauer, der Würzburger Literaturwissenschaftler kennt das Werk Jean Pauls wie kaum ein Zweiter, zeigt in seiner unglaublich profunden und detaillierten Biographie, wie schriftfixiert Jean Paul schon in frühen Jahren war. Das „Leben als Schreiben“ zu charakterisieren gipfelt in der Formulierung: „Das Werk ist alles, das Ich ist nichts.“ Was für das Werk zutrifft, gilt auch für die Briefe Jean Pauls, eine Auswahl davon hat Pfotenhauer in dem Band „Erschriebene Unendlichkeit“ zusammengestellt und kommentiert. Sie zählen nach Jean Pauls Verständnis mit zu seinem Werk. Pfotenhauer begründet seine Entscheidung, das Leben aus der Werkperspektive zu betrachten, mit dem frühen Entschluss Jean Pauls, Berufschriftsteller zu werden. Diesem Karriereplan, den der erst 18jährige entwirft, ordnet er alles unter. Hungerjahre waren die Folge, da seine ersten Veröffentlichungen nicht den erhofften Durchbruch erzielten. Der kam mit seinen Romanen „Unsichtbare Loge“ und „Hesperus“. Hatte Goethe die beiden Briefe Jean Pauls, die dieser zusammen mit den beiden Romanen zugesendet hatte, noch unbeantwortet gelassen, so ließ sich der inzwischen erfolgreiche Jungautor nicht länger ignorieren. 1796 kam es zu ersten Besuchen bei Goethe und Schiller. Die beiden Weimarer Götter verhielten sich im Gegensatz zu Herder und Wieland zunächst abwartend, dann ablehnend. In den „Xenien“ erschienen Spottverse über Jean Paul, Goethe nannte ihn in einem Gedicht „einen Chinesen in Rom“, Schiller beschrieb in einem Brief seinen Auftritt als „fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist.“ Jean Paul sprach später von den „eingeäscherten Herzen“ in Weimar.

Der Schriftsteller Ulrich Holbein nimmt in einem furiosen und virtuosen Doppelporträt „Ein Chinese in Rom“ einen Vergleich zwischen Jean Paul und dem ungleich berühmteren Goethe vor. Die Gedankenstudie ist voll grotesker Komik und unbändigem Sprachwitz. Der Geheime Rath Goethe nannte Jean Paul einen „Philister“, „das personifizierte Alpdrücken der Zeit“, Jean Paul bezeichnete Goethe als gefühllos und verkrustet, „ästhetischen Gaukler von Weimar“ und unnahbaren „Eispalast.“ Holbeins originelle und bisweilen funkelnde Darstellung wirft einen zweifellos neuen Blick auf Jean Paul und zeigt uns Goethe in einem etwas anderen Licht. Holbein schildert Goethes Ärger vor der „Zudringlichkeit Richters“ und zitiert den berühmten Satz, den Goethe äußerte, als er vor den Sauerkrautdelikatessen der herzoglichen Küche an der Fürstentafel in ein Separee floh und dort ein herumliegendes Buch aufschlug: die „Mumien“ von Jean Paul. Goethes gepeinigte Reaktion: „Nein, das ist zu arg! Erst Sauerkraut und dann 15 Seiten Jean Paul! Das halte aus, wer will!“

Rückt Helmut Pfotenhauer das äußere Leben Jean Pauls in den Hintergrund, so lässt Beatrix Langner in ihrer glänzend geschriebenen Biographie Leben und Werk in ihrem Zusammenhang Revue passieren, zeigt, wie das gewaltige Œuvre erst aus den Auseinandersetzungen des Autors mit seiner Zeit geschaffen werden konnte. Der Titel „Meister der zweiten Welt“ weist nicht auf eine Jenseitsidylle hin, sondern auf einen „inneren“ Zustand des Menschen. Langner beschreibt die Einflüsse von Aufklärung und Französischer Revolution auf die Entwicklung und das Selbstverständnis Jean Pauls, die existenziellen Nöte des jungen Autors, die zahlreichen Liebschaften des „notorisch Verlobten“, die unermüdliche Arbeit an den großen Romanen sowie das zuweilen spannungsreiche Familienleben der Richters. Dabei werden Lebensgeschichte und Persönlichkeit Jean Pauls subtil mit seinen dichterischen Werken verknüpft. Die neue Biographie von Beatrix Langner ist wohl das herausragende publizistische Ereignis zum Jean Paul-Jubiläum, ein sprachliches Meisterwerk.

Kenntnisreich werden die einzelnen Lebensstationen aufgezählt, darunter Leipzig, Weimar, Berlin, bis dann 1804 der Umzug nach Bayreuth erfolgte, wo Jean Paul bis zu seinem Tode im Jahre 1825 wohnte. Langners Biographie beschreibt detailliert, wie genau Jean Paul das geistige, soziale und politische Geschehen der Spätaufklärung und Restauration wahrnahm. Im vorletzten Kapitel „Menuett mit Engeln“ schildert sie das langsame Verlöschen und  Sterben Jean Pauls. Am 13. November, ein Tag vor seinem Tode, flüsterte Jean Paul auf seinem Sterbelager Christian Otto, seinem Freund aus Hofer Kindheitstagen, die Worte ins Ohr: „Du sollst sehen, ich will mit den Engeln ordentlich ein Menuett tanzen, man soll sehen, daß man in der Welt noch etwas werden kann, wenn es auch spät ist.“ Am 17. November 1825 wurden in Bayreuth am offenen Grab die Worte Jean Pauls gesprochen: „Der Todtdaliegende bin nicht ich, ihr irret, wenn ihr diesen für mich haltet.“

Dieter Kaltwasser

Besprochene Literatur:

Ulrich Holbein: Ein Chinese in Rom. Jean Paul und Goethe. Ein untendenziöses Doppelporträt. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2013. 320 Seiten, 19,90 EUR. ISBN-13: 9783942989275

Beatrix Langner: Jean Paul – Meister der zweiten Welt. C.H. Beck, München 2013. 608 Seiten, 27,95 EUR. ISBN-13: 9783406638176

Jean Paul: Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz. Mit Illustrationen von Stephan Klenner-Otto. Insel Verlag, Berlin 2013. 119 Seiten, 14,95 EUR. ISBN-13: 9783458193753

Jean Paul: Erschriebene Unendlichkeit. Briefe. Kommentiert von Markus Bernauer, Norbert Miller und Helmut Pfotenhauer. Hanser Verlag, München 2013. 783 Seiten, 34,90 EUR. ISBN-13: 9783446241367

Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auenthal. Bibliothek der Erstausgaben. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013. 144 Seiten, 7,90 EUR. ISBN-13: 9783423026871

Helmut Pfotenhauer: Das Leben als Schreiben. Biografie. Hanser Verlag, München 2013. 509 Seiten, 27,90 €

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Orte für die Suchenden (Aus: „Holunderblüten“)

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Unvergessliche Fahrt nach der Abtei Maria Laach, heiliger Ort für deinen Philosophenfreund, den erklärten Atheisten. Wie kommt es? – „Ich weiß es nicht. Ich war schon als Kind oft hier. Mit meiner Mutter. Und immer, wenn ich hier herkomme, zünde ich eine Kerze für sie an.“ Die Sprache des Herzens ist manchmal eine andere als die des Verstandes.

Die romanische Klosterbasilika mit ihren klaren, schlichten Formen, am geheimnisumwitterten Laacher See gelegen, dessen Umgebung mit außergewöhnlichen Gesteinsformationen anschaulich seinen vulkanischen Ursprung aufzeigt. Auch dich hat dieser Ort bereits in früheren Jahren magisch angezogen. Eintauchen in die mystische Stimmung im Paradies mit dem marmornen Löwenbrunnen, eintreten in eine andere Welt. Der Chorraum mit seinen beeindruckenden Mosaiken. Heilig schwere Stille im Gewölbe der Krypta. Eine umfangreiche, verwinkelte Bibliothek, bei deren Anblick sich in euren Tagen mancher an den Film und Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco erinnert fühlt.

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Ihr nehmt an der Vesper der Mönche teil. Gregorianische Gesänge, jahrhundertealt. Wechselspiel von Frage und Antwort, von einer Seite des mächtigen Chorgestühls zur anderen. Unergründliches Geheimnis, welches sich irdischer Deutung entzieht. Spontan  hebt am Ende der Hore aus den Reihen der Besucher ein Chor, offenbar ebenfalls auf Reisen, einen mehrstimmigen Vaterunser-Gesang an, welcher die Akustik des romanischen Gewölbes nochmals eindrucksvoll unterstreicht.

Ihr rätselt, woher die besondere Stimmung des Ortes rührt. Sicherlich spielt hier auch die gelungene Trennung von Sakralem und dem auch hier unvermeidlichen Kommerz eine Rolle. Es gibt eine sehr schön eingerichtete Buch- und Kunsthandlung, in der ihr ausgiebig stöbert, auch eine große Gärtnerei und einen Bioladen mit vielen Lebensmitteln aus eigenem Anbau und artgerechter Tierhaltung, aber all dies findet sich so weitläufig angelegt, dass die Kirche selbst davon weitgehend unberührt und ungestört bleibt. Auf die Besucher der Abtei scheint sich die Würde des Ortes zu übertragen, sie verhalten sich mehrheitlich ihr entsprechend. Du denkst mit Grauen zurück an Köln, an die Ströme laut schwatzender, Kaugummi kauender Touristen, die den Dom heimsuchten und unter ein monströses Blitzlichtgewitter setzten.

Vielleicht spielt der heilige Ernst der hiesigen Mönche eine Rolle. Wohl segnen sie auf Anfrage Kreuze und Rosenkränze, die es in der Kunsthandlung zu erwerben gibt. Wer dies möchte, muss jedoch eigens an der Pforte der Abtei läuten und seinen Wunsch vortragen, findet daraufhin Einlass und wird am Ende mit einem persönlichen Segensgebet wieder entlassen. Dies geschieht gänzlich abseits des Rummels, in aller Stille. Auch du trägst von diesem Augenblick an ein Kreuz an einer Silberkette, Geschenk deines Philosophenfreundes, welches dir schon aus diesem Grund sehr viel bedeutet.

Und eure Dichter? Goethe besuchte den Ort auf seiner Rheinreise 1815 in Begleitung des Freiherrn vom Stein, ein Relief kündet hiervon. Allerdings sprach er von Koblenz aus rückblickend von der „verödeten Abtey Laach“, deren „bedeutende Reste“ er „mit Vorsicht und Sorgfalt hieher zu retten“ vorschlug, was gewisse Schlüsse auf den damaligen Zustand der Anlage ziehen lässt. Den vulkanischen Charakter des Sees jedoch zweifelte er, der leidenschaftliche Steinsammler – wie wirst du Jahre später in Weimar geradezu neidvoll seine zahlreichen Sammelkommoden mit den ungezählten Schubladen bestaunen und bewundern! – an, erwähnte gegenüber dem Kunstsammler Sulpiz Boiseree in Wiesbaden ein „Loch mit seinen gelinden Hügeln und Buchenhainen“, befand, „es möchte dem Vulkanismus schwerer fallen, die Menniger Steine als Lava durchzuführen und zu erklären vollständig, wie sie geflossen und dahin gekommen…“. Ein solcher Gedanke schien ihm nicht geheuer zu sein.

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Ihr verbringt noch einige Stunden an diesem Ort, lasst die einzigartige Stimmung auf euch wirken. Dein Philosophenfreund, in prägender katholischer Tradition erzogen, jedoch infolge seiner langjährigen Beschäftigung mit der Philosophie sich nicht als gläubigen Menschen bezeichnend, scheint offensichtlich dennoch Kraft zu schöpfen aus kirchlichen Symbolen und Ritualen. Du selbst, obwohl protestantisch und damit eher wortbetont, bildkritisch und ritualarm aufgewachsen, fühlst merkwürdigerweise ähnlich.

„Ich glaube, ich weiß, woran es liegt“, sagst du, „es hat damit zu tun, dass dies ein Ort ist, der von vielen wahrhaft Suchenden aufgesucht wird.“

In der Tat: Euch alle, gleich welchen Bekenntnisses, treibt eine Sehnsucht hierher, die euch vereint. Und das Bewusstsein, dass ihr von den letzten Dingen nichts wissen könnt, ihr vielmehr immer Suchende bleiben werdet, die es stets aufs Neue wagen müssen, sich darauf einzulassen, sich immer wieder neu auf den Weg und auf die Suche zu begeben.

Auszug aus „Holunderblüten“ –
Roman um zwei Liebende auf den Spuren der Dichter
(bisher unveröffentlicht)

© Bettina Johl

 

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Zum neuen Jahr von Johann W. von Goethe

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Zwischen dem Alten
Zwischen dem Neuen,
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen,
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut;
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar,
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

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Ein Kollektivwesen namens Goethe

Goethes Wohnhaus Am Frauenplan, Weimar / Foto: Bettina Johl

Die neue Dauerausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ im Goethe-Nationalmuseum Weimar

Keine Frage: Goethes Lebendigkeit, seine Aktualität und Anziehungskraft sind ungebrochen. Jährlich besichtigen rund 160 000 Besucher aus aller Welt die Orte seines Wirkens in Weimar. Zu seinem 263. Geburtstag am 28. August dieses Jahres feierte die Klassik Stiftung Weimar die Wiedereröffnung des Goethe-Nationalmuseums am Frauenplan mit der neuen Ausstellung »Lebensfluten – Tatensturm«; sie veranschaulicht das anhaltende Faszinosum Goethe, erklärt sein Fortwirken, in dem sie ihn als Zeugen der um 1800 einsetzenden Moderne präsentiert und Leben und Werk in zeitgenössischen Kontexten zeigt.

In elf Räumen wird die Vielschichtigkeit von Goethes Wirken über das rein literarische Schaffen hinaus verdeutlicht – von seiner politischen Funktion als Staatsmann, seinem zeichnerischen Werk bis hin zu seinen botanischen Studien. Der Titel der neuen Schau ist dem Auftritt des Erdgeistes in der Nachtszene des Faust I entnommen: »In Lebensfluten, im Tatensturm / Wall‘ ich auf und ab, / Webe hin und her! / Geburt und Grab, / Ein ewiges Meer, / Ein wechselnd Weben, / Ein glühend Leben, / So schaff‘ ich am sausenden Webstuhl der Zeit / Und webe der Gottheit lebendiges Kleid«.

Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, Präsident der Klassik-Stiftung, zählt auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb , er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern,  Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Die neue Konzeption der Ausstellung, deren Bestand auf zehn Jahre angelegt ist, soll sowohl das Interesse von Besuchern befriedigen, die Goethe neu für sich entdecken wollen, wie auch das von Studienräten und Experten, so Holler. Auf 800 Quadratmetern Fläche und in den thematischen Abschnitten Genie, Gewalt, Welt, Liebe, Natur, Erinnerung und Kunst, die zentrale Gedankenräume Goethes zusammenfassen, sowie der „Faust-Galerie“ werden die Besucher in einer „Zeitbrechung“  in die Vergangenheit und wieder in die Gegenwart zurückgeführt, um Goethes Erfahrungen und Ansichten auf ihre Gegenwartsrelevanz zu prüfen, so der intendierte „kulturanthropologische Ansatz“ der Ausstellung. Auf der „Faust“-Galerie, die ein verbindendes Element der thematischen Räume ist, kann die Großdichtung nach Stichworten durchsucht werden, entsprechende Zitate werden auf Leuchtbändern sichtbar. Die Ausstellung inszeniert, so Seemann,  die „Persönlichkeit“ Goethes wie ein sich stetig vergrößerndes Netz, das durch die Epoche der ›Sattelzeit‹ vor und nach 1800 gezogen wurde, als die Grundlagen und die Antagonismen der Moderne sichtbar wurden.

Goethes Reisemantel / Foto: Bettina Johl

Die über 500 Exponate sind Dokumente von Goethes Hand, Objekte aus seiner naturkundlichen Sammlung und Werke der Kunst wie die Federzeichnung »Genius des Ruhms« von Johann Heinrich Meyer und der »Juno Ludovisi«, aber auch Alltägliches aus Goethes Leben – von seiner Hofuniform,  über seinen Reisepass nach Rom bis hin zu seinem auf Reisen benutzten Schreibzeug, den Handschuhen von Ulrike von Levetzow, seiner letzten Liebe. Die Ausstellung ergänzt somit den atmosphärischen Eindruck des Wohnhauses auf eindrucksvolle Weise. Wer einmal in Weimar war, wird wiederkehren. Denn wir können dort auch etwas über uns selbst lernen, wenn wir es denn wollen. Am 17. Februar 1832, einen Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch mit Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht?  … mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Dieter Kaltwasser

Zur Ausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ ist ein Begleitbuch mit Beiträgen der Kuratoren sowie u.a. von Herbert Grönemeyer, Durs Grünbein, Michael Jaeger, Harald Lesch und Rafik Schami erschienen (288 Seiten, 162 Abbildungen, 14,90 Euro).

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Zum neuen Jahr – Johann Wolfgang von Goethe

Zwischen dem Alten
Zwischen dem Neuen,
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen,
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut;
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar,
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

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