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Weihnachten – Johann Wolfgang von Goethe

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Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süsse spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.
Aber, Fürst, wenn dir’s begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Dass als Lichter, dass als Flammen
Vor dir glänzten allzusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

(Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)
aus: Gedichte, Ausgabe letzter Hand

Foto: Bettina Johl

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„Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“ – Über Karl Foerster

Karl Foerster

Im Frühjahr 2009, ein Jahr vor ihrem Tode, lernte ich in Potsdam-Bornim Marianne Foerster kennen, die Tochter des berühmten Staudenzüchters, Gartengestalters und Autors Karl Foerster. Den berühmte Garten, von Karl Foerster 1912 in Bornim angelegt, steht heute unter Denkmalschutz; er wurde von 1990 bis zu ihrem Tod 2010 von Marianne Foerster gepflegt.

In dem legendären Senkgarten, direkt neben der von Foerster erbauten Villa, wurden damals, im Darwin- und Humboldt-Jahr, Dreharbeiten für eine Gartensendung durchgeführt, und ich unterhielt mich mit der Moderatorin der Sendung über Literatur rund um Natur und Gartengeschichte. Unter anderem stellte ich zwei Bücher über Alexander von Humboldt vor: Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und „Alexander von Humboldt. Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazzo zu ersteigen“, herausgegeben von Oliver Lubrich und Ottmar Ette.

In beiden Büchern ist von der damals gescheiterten Gipfelbesteigung die Rede, Humboldt selber hat das Scheitern in seinen Veröffentlichungen verschwiegen. Marianne Foerster hörte meinen Ausführungen zu, kam nach der Aufzeichnung der Sendung zu mir und sagte: „Sie haben von Humboldts Barometer gesprochen, das er damals zur Höhenmessung nutzte. Humboldt hat es meinem Großvater geschenkt. Den Roman von Kehlmann kenne ich nicht, würde ihn aber gerne lesen.“

Ich überließ ihr mein Exemplar und schrieb auf Marianne Foersters Wunsch noch ein paar Zeilen hinein. Später verabschiedete ich mich von ihr und sie dankte mir noch einmal für das Buch, der Beschenkte jedoch war ich selbst. Mir wurde deutlich, dass sich hier die Lebensspuren von Karl Foerster verwoben mit der Weltsicht des Pantheismus und des Humanismus; seine Eltern und seine Vorbilder Goethe und Humboldt teilten diese Weltanschauung. So betonte Goethe in seinen Gesprächen mit Eckermann, „daß die Gebrüder von Humboldt und Schlegel unter meinen Augen aufzutreten anfingen, war von der größten Wichtigkeit. Es sind mir daher unnennbare Vorteile entstanden.“

Karl Foerster war einer der bedeutendsten Staudenzüchter des letzten Jahrhunderts, und er wurde geprägt durch seinen Vater, den Astronomen Wilhelm Foerster, der mit Alexander von Humboldt befreundet und dessen Schüler war, und seiner Mutter Ina, einer leidenschaftlichen Malerin. Der 1874 in Berlin geborene Karl besuchte das Gymnasium und absolvierte von 1889 bis 1891 eine Gärtnerlehre in der Schlossgärtnerei Schwerin. Nach einigen „Lehr- und Wanderjahren“ gründete er 1903 seine eigene Staudengärtnerei in Berlin-Westend. Nach dem Umzug der Gärtnerei nach Potsdam-Bornim im Jahre 1903 verwandelte Foerster dort ein über sechstausend Quadratmeter großes Ackergelände zu einem „Gartenreich“ mit dem heute berühmten Senkgarten, in dem die Blumen und Bäume, die Gräser, Farne und Sträucher wie in einem Amphitheater um einen Teich angeordnet sind, gleichsam Akteure und Zuschauer zugleich. Foerster wurde zu einem der wirkungsreichsten Gartengestalter des frühen 20. Jahrhunderts und zudem ein erfolgreicher Schriftsteller.

Das Buch „Karl Foerster – Seine Blumen, seine Gärten“ von Carsten Mehliß gibt dem Leser einen fundierten und detaillierten Einblick in das lange und reiche Leben des Gartenkünstlers und Philosophen, der seine Lebensaufgabe darin sah, einer neuen Kultur der Gärten den Weg zu bereiten. Foersters Prinzipien zur Gestaltung werden ebenso detailliert und lehrreich beschrieben wie die von ihm angelegten Gärten und sein Schaffen als Züchter. 1911 veröffentlichte Foerster sein erstes Buch „Winterharte Blütenstauden und Sträucher der Neuzeit“, 1920 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Gartenschönheit“.

1926 heiratete er die Sopranistin Eva Hildebrandt, 1931 wurde Marianne Foerster geboren. 1932 kamen Foersters ersten Phlox-paniculata-Sorten in den Handel sowie neue Sorten von Rittersporn und Astern. Im Jahre 1934 entstand mit den Gartenarchitekten Herbert Mattern und Herta Hammerbacher die Arbeitsgemeinschaft „Gartengestaltung in Bornim“. 1941 wurde der auf seine Anregung hin eingerichtete öffentliche Schaugarten auf der Potsdamer Freundschaftsinsel eröffnet.

Mehliß thematisiert auch Karl Foersters Stellung zum und im Nationalsozialismus und betont, dass diese umstritten sei. Im Umfeld der Bundesgartenschau in Potsdam im Jahre 2001 erschienen zwei Artikel, in denen von nationalistischen und antisemtischen Äußerungen in den Schriften Foersters die Rede ist, ohne sie im Wortlaut und Zusammenhang mitzuteilen. Eine Beurteilung und Einordnung auf einer solchen Basis erscheint mehr als fragwürdig. Foerster war mit vielen Künstlern und Schriftstellern befreundet, darunter auch Emigranten. Sein Bruder Friedrich Wilhelm Foerster, ein Philosoph und Pazifist, der in die Schweiz emigrierte und dessen Schriften von den Nationalsozialisten verbrannt wurden, schrieb bis zu seinem Tode im Jahre 1966 Briefe an Karl Foerster und dessen Familie. Es deutet nichts darauf hin, dass Friedrich Wilhelm an der persönlichen Integrität und Weltsicht seines Bruders zweifelte. In der Nazi-Zeit beschäftigte Foerster in der Gärtnerei jüdische Freunde, die so überleben konnten. Der Gartenarchitekt Walter Funcke, damals ein Mitarbeiter Foersters, berichtete, dass er als Mitglied der KPD 1933 verhaftet, nach einem halben Jahr entlassen und von Foerster sofort wieder eingestellt worden sei, wozu zweifellos Mut gehörte.

Unter den vielen Künstlern und Schriftstellern, Theologen und Forschern, mit denen Foerster in engem Kontakt stand, finden wir auch den solitären Rudolf Borchardt, dessen Blumenbuch „Der leidenschaftliche Gärtner“, ein letzter Ausdruck seiner Kulturvision, erst posthum veröffentlicht wurde. 1939 hatte er es fertig gestellt und anempfahl es seinem alten Freund Karl Foerster, wohl wissend, dass es vorerst nicht erscheinen konnte. Im Sommer 1941 schrieb er an Karl Foerster aus völliger existenzieller Isolation: „Dass ich nach Ihnen verlange, liegt daran, dass ich den furchtbaren Weltmoment mir habe ins Herz treten fühlen wie eine Thrombose, und an ihm zu ersticken drohe, wenn nicht zu mir ein Bruder tritt.“ Karl Foerster war ihm ein solcher Bruder, ihm und vielen anderen.

Als Pflanzenzüchter widersetzte er sich den Forderungen vieler Nationalsozialisten nach einer ausschließlichen Verwendung heimischer „bodenständiger“ Pflanzen: „In unseren nordischen Geistesadern kreist auch Blut südlicher Geisteswelten, auf unserem Mittagstisch stehen Gerichte aus fünf Erdteilen und in unseren Bauerngärten wachsen „althergebrachte“ Stauden aus chinesischen Alpenwiesen und amerikanischen Prärien, nämlich Tränendes Herz und Phlox, bodenständige Embleme unseres Heimatgefühls. Also für Heimatpuritaner und ihre Überfremdungsängste haben wir nur ein Lächeln und empfinden sie gewissermaßen als vom Sturm der Entwicklung entwurzelte Leute.“ Diese Grundhaltung hat Foerster stets beibehalten, sie ist sein philosophisches und weltanschauliches Erbteil.

Drei Jahre nach Kriegsende bekam Foerster den Auftrag, den Goethe-Garten in Weimar zu restaurieren. Seine Gärtnerei nahm die Züchtungsarbeit wieder auf, da Foerster einen Bestand von Mutterpflanzen rechtzeitig vor der Kriegszerstörung hatte schützen können. Foerster nahm in der DDR zweifellos eine Sonderstellung ein, es fanden auch Treffen westdeutscher Staudenfreunde in Bornim statt, obwohl keine Genehmigung durch den Staat vorlag. Foerster galt als Aushängeschild, und bei ihm wurden Ausnahmen geduldet. Zahlreiche neue Bücher erschienen in den letzten zwanzig Jahrens seines Lebens, er wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft.

Am 27. Januar 1970 starb Karl Foerster im Alter von 96 Jahren. Er wurde auf dem alten Bornimer Friedhof beigesetzt, in der Familiengrabstätte, in der auch sein Vater seine letzte Ruhe fand und seit 2010 seine Tochter Marianne. In ihrem Buch „Der Garten meines Vaters“, das sie vor wenigen Jahren veröffentlichte, beschrieb sie ihre Begegnungen und Erfahrungen mit dem Potsdamer Garten, der schließlich auch der ihre wurde. Die schönsten Gartenwochen des Jahres erlebte die kosmopolitische Marianne Foerster dann, wenn der Phlox blühte, in seinen so verschiedenen Farben. „In welchem Land auch immer ich war – Phloxduft bedeutete Bornim-Heimatduft.“

Dieter Kaltwasser

Der Essay erschien erstmals in der Oktober-Ausgabe 2012 von literaturkritik.de.

Literaturhinweise:

Rudolf Borchardt: Gesammelte Werke in Einzelbänden. Der leidenschaftliche Gärtner.
Herausgegeben von Marie L. Borchardt.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003.
433 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-10: 9783608935
ISBN-13: 9783608935929

Marianne Foerster: Der Garten meines Vaters Karl Foerster.
Mit Fotos von Gary Rogers.
Herausgegeben von Ulrich Timm.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005.
144 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783421035035

Alexander von Humboldt: Ueber einen Versuch den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen. Mit dem vollständigen Text des Tagebuches „Reise zum Chimborazo“.
Herausgegeben von Oliver Lubrich.
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2006.
195 , 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783821807676

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Roman.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.
379 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783499253034

Karl Foerster: Ein Garten der Erinnerung. Leben und Wirken von Karl Foerster – dem großen Garten-Poeten und Staudenzüchter.
Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2009.
478 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783800158935

Carsten Mehliß: Karl Foerster – seine Blumen, seine Gärten.
42 Farbfotos, 50 Schwarzweißfotos.
Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 2012.
142 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-13: 9783800176328

Ein Kommentar

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Streifzug durch die Neuerscheinungen im Jean-Paul-Jahr 2013

Jean Paul

Jean Paul (Photo credit: Wikipedia)

„… fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen“

Wer ist eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, der sich Jean Paul nannte, jener „kauzige Spinner und Biertrinker“, der nach Meinung einiger Zeitgenossen nur unlesbare Bücher schrieb. Heute ist sein Ruhm nahezu verblasst. Google listet ihn irgendwo zwischen Jean Paul Belmondo, Gaultier und Sartre auf, die aktuelle Rezeption des großen Romanciers, Essayisten, Satirikers und Wortschöpfers lässt sich am besten mit den Worten „vielgelobt und ungelesen“ charakterisieren. Dabei verdanken wir ihm zahlreiche Neologismen wie Schmutzfink, Gänsefüßchen, Angsthase und Weltschmerz, um nur wenige zu nennen. Sein Wortschatz nimmt es spielend mit dem Goethes auf. Zweifellos ist er ein schwieriger Autor, einfach macht er es seinen Lesern nicht: mit seiner Weitschweifigkeit, dem abgründigen Humor, den komplizierten und mäandrierenden Sätze in den großen Romanen ebenso wie in den kleinen Erzählungen, darunter solche Meisterstücke wie „Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auenthal“ und „Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Fläz“, mit dem überraschenden und unmotivierten Einbringen angelesener Wissensbruchstücke aus seinen Exzerptheften. Wie aktuell Jean Paul dennoch ist, zeigt sich vor allem in den essayistischen Schriften wie der „Kriegserklärung gegen den Krieg“ von 1809. Dort tritt er engagiert und kritisch der These von der vermeintlichen Unvermeidbarkeit des Krieges entgegen und plädiert vehement für eine gewaltfreie Welt.

Zu Lebzeiten des Autors waren seine Romane  „Hesperus“, „Siebenkäs“, „Titan“ und „Flegeljahre“ Bestseller und stellten mit ihrer vorwiegend weiblichen Leserschaft selbst die Weimarer Klassiker in den Schatten. Aufgewachsen ist er in ärmlichen Verhältnissen, sein Vater war zuerst Lehrer, dann Geistlicher in kleinen oberfränkischen Pfarren in Wunsiedel – wo Richter am 21. März 1763 geboren wurde –, in Joditz und dann in Schwarzenbach an der Saale. In seinen späteren Lebensjahren lernte er den Luxus der Königs- und Fürstenhäuser kennen, auch seinen Titel Legationsrat verdankte Jean Paul, hierin Goethe nicht unähnlich, seinen Beziehungen zum Adel, er wurde ihm 1799 durch den Herzog von Hildburghausen verliehen. Schon in jungen Jahren begann er mit der systematischen Lektüre theologischer Abhandlungen, antiker Lehrtexte und Schriften der Weltliteratur.

Helmut Pfotenhauer, der Würzburger Literaturwissenschaftler kennt das Werk Jean Pauls wie kaum ein Zweiter, zeigt in seiner unglaublich profunden und detaillierten Biographie, wie schriftfixiert Jean Paul schon in frühen Jahren war. Das „Leben als Schreiben“ zu charakterisieren gipfelt in der Formulierung: „Das Werk ist alles, das Ich ist nichts.“ Was für das Werk zutrifft, gilt auch für die Briefe Jean Pauls, eine Auswahl davon hat Pfotenhauer in dem Band „Erschriebene Unendlichkeit“ zusammengestellt und kommentiert. Sie zählen nach Jean Pauls Verständnis mit zu seinem Werk. Pfotenhauer begründet seine Entscheidung, das Leben aus der Werkperspektive zu betrachten, mit dem frühen Entschluss Jean Pauls, Berufschriftsteller zu werden. Diesem Karriereplan, den der erst 18jährige entwirft, ordnet er alles unter. Hungerjahre waren die Folge, da seine ersten Veröffentlichungen nicht den erhofften Durchbruch erzielten. Der kam mit seinen Romanen „Unsichtbare Loge“ und „Hesperus“. Hatte Goethe die beiden Briefe Jean Pauls, die dieser zusammen mit den beiden Romanen zugesendet hatte, noch unbeantwortet gelassen, so ließ sich der inzwischen erfolgreiche Jungautor nicht länger ignorieren. 1796 kam es zu ersten Besuchen bei Goethe und Schiller. Die beiden Weimarer Götter verhielten sich im Gegensatz zu Herder und Wieland zunächst abwartend, dann ablehnend. In den „Xenien“ erschienen Spottverse über Jean Paul, Goethe nannte ihn in einem Gedicht „einen Chinesen in Rom“, Schiller beschrieb in einem Brief seinen Auftritt als „fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist.“ Jean Paul sprach später von den „eingeäscherten Herzen“ in Weimar.

Der Schriftsteller Ulrich Holbein nimmt in einem furiosen und virtuosen Doppelporträt „Ein Chinese in Rom“ einen Vergleich zwischen Jean Paul und dem ungleich berühmteren Goethe vor. Die Gedankenstudie ist voll grotesker Komik und unbändigem Sprachwitz. Der Geheime Rath Goethe nannte Jean Paul einen „Philister“, „das personifizierte Alpdrücken der Zeit“, Jean Paul bezeichnete Goethe als gefühllos und verkrustet, „ästhetischen Gaukler von Weimar“ und unnahbaren „Eispalast.“ Holbeins originelle und bisweilen funkelnde Darstellung wirft einen zweifellos neuen Blick auf Jean Paul und zeigt uns Goethe in einem etwas anderen Licht. Holbein schildert Goethes Ärger vor der „Zudringlichkeit Richters“ und zitiert den berühmten Satz, den Goethe äußerte, als er vor den Sauerkrautdelikatessen der herzoglichen Küche an der Fürstentafel in ein Separee floh und dort ein herumliegendes Buch aufschlug: die „Mumien“ von Jean Paul. Goethes gepeinigte Reaktion: „Nein, das ist zu arg! Erst Sauerkraut und dann 15 Seiten Jean Paul! Das halte aus, wer will!“

Rückt Helmut Pfotenhauer das äußere Leben Jean Pauls in den Hintergrund, so lässt Beatrix Langner in ihrer glänzend geschriebenen Biographie Leben und Werk in ihrem Zusammenhang Revue passieren, zeigt, wie das gewaltige Œuvre erst aus den Auseinandersetzungen des Autors mit seiner Zeit geschaffen werden konnte. Der Titel „Meister der zweiten Welt“ weist nicht auf eine Jenseitsidylle hin, sondern auf einen „inneren“ Zustand des Menschen. Langner beschreibt die Einflüsse von Aufklärung und Französischer Revolution auf die Entwicklung und das Selbstverständnis Jean Pauls, die existenziellen Nöte des jungen Autors, die zahlreichen Liebschaften des „notorisch Verlobten“, die unermüdliche Arbeit an den großen Romanen sowie das zuweilen spannungsreiche Familienleben der Richters. Dabei werden Lebensgeschichte und Persönlichkeit Jean Pauls subtil mit seinen dichterischen Werken verknüpft. Die neue Biographie von Beatrix Langner ist wohl das herausragende publizistische Ereignis zum Jean Paul-Jubiläum, ein sprachliches Meisterwerk.

Kenntnisreich werden die einzelnen Lebensstationen aufgezählt, darunter Leipzig, Weimar, Berlin, bis dann 1804 der Umzug nach Bayreuth erfolgte, wo Jean Paul bis zu seinem Tode im Jahre 1825 wohnte. Langners Biographie beschreibt detailliert, wie genau Jean Paul das geistige, soziale und politische Geschehen der Spätaufklärung und Restauration wahrnahm. Im vorletzten Kapitel „Menuett mit Engeln“ schildert sie das langsame Verlöschen und  Sterben Jean Pauls. Am 13. November, ein Tag vor seinem Tode, flüsterte Jean Paul auf seinem Sterbelager Christian Otto, seinem Freund aus Hofer Kindheitstagen, die Worte ins Ohr: „Du sollst sehen, ich will mit den Engeln ordentlich ein Menuett tanzen, man soll sehen, daß man in der Welt noch etwas werden kann, wenn es auch spät ist.“ Am 17. November 1825 wurden in Bayreuth am offenen Grab die Worte Jean Pauls gesprochen: „Der Todtdaliegende bin nicht ich, ihr irret, wenn ihr diesen für mich haltet.“

Dieter Kaltwasser

Besprochene Literatur:

Ulrich Holbein: Ein Chinese in Rom. Jean Paul und Goethe. Ein untendenziöses Doppelporträt. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2013. 320 Seiten, 19,90 EUR. ISBN-13: 9783942989275

Beatrix Langner: Jean Paul – Meister der zweiten Welt. C.H. Beck, München 2013. 608 Seiten, 27,95 EUR. ISBN-13: 9783406638176

Jean Paul: Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz. Mit Illustrationen von Stephan Klenner-Otto. Insel Verlag, Berlin 2013. 119 Seiten, 14,95 EUR. ISBN-13: 9783458193753

Jean Paul: Erschriebene Unendlichkeit. Briefe. Kommentiert von Markus Bernauer, Norbert Miller und Helmut Pfotenhauer. Hanser Verlag, München 2013. 783 Seiten, 34,90 EUR. ISBN-13: 9783446241367

Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auenthal. Bibliothek der Erstausgaben. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013. 144 Seiten, 7,90 EUR. ISBN-13: 9783423026871

Helmut Pfotenhauer: Das Leben als Schreiben. Biografie. Hanser Verlag, München 2013. 509 Seiten, 27,90 €

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Orte für die Suchenden – Aus: „Holunderblüten“ – Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins – von Bettina Johl

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Unvergessliche Fahrt nach der Abtei Maria Laach, heiliger Ort für deinen Philosophenfreund, den erklärten Atheisten. Wie kommt es? – „Ich weiß es nicht. Ich war schon als Kind oft hier. Mit meiner Mutter. Und immer, wenn ich hier herkomme, zünde ich eine Kerze für sie an.“ Die Sprache des Herzens ist manchmal eine andere als die des Verstandes.

Die romanische Klosterbasilika mit ihren klaren, schlichten Formen, am geheimnisumwitterten Laacher See gelegen, dessen Umgebung mit außergewöhnlichen Gesteinsformationen anschaulich seinen vulkanischen Ursprung aufzeigt. Auch dich hat dieser Ort bereits in früheren Jahren magisch angezogen. Eintauchen in die mystische Stimmung im Paradies mit dem marmornen Löwenbrunnen, eintreten in eine andere Welt. Der Chorraum mit seinen beeindruckenden Mosaiken. Heilig schwere Stille im Gewölbe der Krypta. Eine umfangreiche, verwinkelte Bibliothek, bei deren Anblick sich in euren Tagen mancher an den Film und Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco erinnert fühlt.

 

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Ihr nehmt an der Vesper der Mönche teil. Gregorianische Gesänge, jahrhundertealt. Wechselspiel von Frage und Antwort, von einer Seite des mächtigen Chorgestühls zur anderen. Unergründliches Geheimnis, welches sich irdischer Deutung entzieht. Spontan  hebt am Ende der Hore aus den Reihen der Besucher ein Chor, offenbar ebenfalls auf Reisen, einen mehrstimmigen Vaterunser-Gesang an, welcher die Akustik des Gewölbes nochmals eindrucksvoll unterstreicht.

Ihr rätselt, woher die besondere Stimmung des Ortes rührt. Sicherlich spielt hier auch die gelungene Trennung von Sakralem und dem auch hier unvermeidlichen Kommerz eine Rolle. Es gibt eine sehr schön eingerichtete Buch- und Kunsthandlung, in der ihr ausgiebig stöbert, auch eine große Gärtnerei und einen Bioladen mit vielen Lebensmitteln aus eigenem Anbau und artgerechter Tierhaltung, aber all dies findet sich so weitläufig angelegt, dass die Kirche selbst davon weitgehend unberührt und ungestört bleibt. Auf die Besucher der Abtei scheint sich die Würde des Ortes zu übertragen, sie verhalten sich mehrheitlich ihr entsprechend. Du denkst mit Grauen zurück an Köln, an die Ströme laut schwatzender, Kaugummi kauender Touristen, die den Dom heimsuchten und unter ein monströses Blitzlichtgewitter setzten.

Vielleicht spielt der heilige Ernst der hiesigen Mönche eine Rolle. Wohl segnen sie auf Anfrage Kreuze und Rosenkränze, die es in der Kunsthandlung zu erwerben gibt. Wer dies möchte, muss jedoch eigens an der Pforte der Abtei läuten und seinen Wunsch vortragen, findet daraufhin Einlass und wird am Ende mit einem persönlichen Segensgebet wieder entlassen. Dies geschieht gänzlich abseits des Rummels, in aller Stille. Auch du trägst von diesem Augenblick an ein Kreuz an einer Silberkette, Geschenk deines Philosophenfreundes, welches dir schon aus diesem Grund sehr viel bedeutet.

Und eure Dichter? Goethe besuchte den Ort auf seiner Rheinreise 1815 in Begleitung des Freiherrn vom Stein, ein Relief kündet hiervon. Allerdings sprach er von Koblenz aus rückblickend von der „verödeten Abtey Laach“, deren „bedeutende Reste“ er „mit Vorsicht und Sorgfalt hieher zu retten“ vorschlug, was gewisse Schlüsse auf den damaligen Zustand der Anlage ziehen lässt. Am vulkanischen Charakter des Sees jedoch zweifelte er, der leidenschaftliche Steinsammler. Wie wirst du Jahre später in Weimar geradezu neidvoll seine zahlreichen Sammelkommoden mit den ungezählten Schubladen bestaunen und bewundern! Dem Kunstsammler Sulpiz Boiseree in Wiesbaden gegenüber erwähnte er ein „Loch mit seinen gelinden Hügeln und Buchenhainen“, befand, „es möchte dem Vulkanismus schwerer fallen, die Menniger Steine als Lava durchzuführen und zu erklären vollständig, wie sie geflossen und dahin gekommen…“. Ein solcher Gedanke schien ihm nicht geheuer zu sein.

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Ihr verbringt noch einige Stunden an diesem Ort, lasst die besondere Stimmung auf euch wirken. Dein Philosophenfreund, in prägender katholischer Tradition erzogen, jedoch infolge seiner langjährigen Beschäftigung mit der Philosophie sich nicht als gläubigen Menschen bezeichnend, scheint offensichtlich dennoch Kraft zu schöpfen aus kirchlichen Symbolen und Ritualen. Du selbst, obwohl protestantisch und damit eher wortbetont, bildkritisch und ritualarm aufgewachsen, fühlst merkwürdigerweise ähnlich.

„Ich glaube, ich weiß, woran es liegt“, sagst du, „es hat damit zu tun, dass dies ein Ort ist, der von vielen wahrhaft Suchenden aufgesucht wird.“

In der Tat: Euch alle, gleich welchen Bekenntnisses, treibt eine Sehnsucht hierher, die euch vereint. Und das Bewusstsein, dass ihr von den letzten Dingen nichts wissen könnt, ihr vielmehr immer Suchende bleiben werdet, die es stets aufs Neue wagen müssen, sich darauf einzulassen, sich immer wieder neu auf den Weg und auf die Suche zu begeben.

© Bettina Johl

Aus: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins,
zum Hölderlin-Jubiläumsjahr (250. Geburtstag) erschienen als online frei zugängliche Sonderausgabe von literaturkritik.de
Verlag LiteraturWissenschaft.de (TransMIT), Marburg an der Lahn 2020

 

 

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Zum neuen Jahr von Johann W. von Goethe

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Zwischen dem Alten
Zwischen dem Neuen,
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen,
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut;
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar,
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

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Ein Kollektivwesen namens Goethe

Goethes Wohnhaus Am Frauenplan, Weimar / Foto: Bettina Johl

Die neue Dauerausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ im Goethe-Nationalmuseum Weimar

Keine Frage: Goethes Lebendigkeit, seine Aktualität und Anziehungskraft sind ungebrochen. Jährlich besichtigen rund 160 000 Besucher aus aller Welt die Orte seines Wirkens in Weimar. Zu seinem 263. Geburtstag am 28. August dieses Jahres feierte die Klassik Stiftung Weimar die Wiedereröffnung des Goethe-Nationalmuseums am Frauenplan mit der neuen Ausstellung »Lebensfluten – Tatensturm«; sie veranschaulicht das anhaltende Faszinosum Goethe, erklärt sein Fortwirken, in dem sie ihn als Zeugen der um 1800 einsetzenden Moderne präsentiert und Leben und Werk in zeitgenössischen Kontexten zeigt.

In elf Räumen wird die Vielschichtigkeit von Goethes Wirken über das rein literarische Schaffen hinaus verdeutlicht – von seiner politischen Funktion als Staatsmann, seinem zeichnerischen Werk bis hin zu seinen botanischen Studien. Der Titel der neuen Schau ist dem Auftritt des Erdgeistes in der Nachtszene des Faust I entnommen: »In Lebensfluten, im Tatensturm / Wall‘ ich auf und ab, / Webe hin und her! / Geburt und Grab, / Ein ewiges Meer, / Ein wechselnd Weben, / Ein glühend Leben, / So schaff‘ ich am sausenden Webstuhl der Zeit / Und webe der Gottheit lebendiges Kleid«.

Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, Präsident der Klassik-Stiftung, zählt auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb , er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern,  Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Die neue Konzeption der Ausstellung, deren Bestand auf zehn Jahre angelegt ist, soll sowohl das Interesse von Besuchern befriedigen, die Goethe neu für sich entdecken wollen, wie auch das von Studienräten und Experten, so Holler. Auf 800 Quadratmetern Fläche und in den thematischen Abschnitten Genie, Gewalt, Welt, Liebe, Natur, Erinnerung und Kunst, die zentrale Gedankenräume Goethes zusammenfassen, sowie der „Faust-Galerie“ werden die Besucher in einer „Zeitbrechung“  in die Vergangenheit und wieder in die Gegenwart zurückgeführt, um Goethes Erfahrungen und Ansichten auf ihre Gegenwartsrelevanz zu prüfen, so der intendierte „kulturanthropologische Ansatz“ der Ausstellung. Auf der „Faust“-Galerie, die ein verbindendes Element der thematischen Räume ist, kann die Großdichtung nach Stichworten durchsucht werden, entsprechende Zitate werden auf Leuchtbändern sichtbar. Die Ausstellung inszeniert, so Seemann,  die „Persönlichkeit“ Goethes wie ein sich stetig vergrößerndes Netz, das durch die Epoche der ›Sattelzeit‹ vor und nach 1800 gezogen wurde, als die Grundlagen und die Antagonismen der Moderne sichtbar wurden.

Goethes Reisemantel / Foto: Bettina Johl

Die über 500 Exponate sind Dokumente von Goethes Hand, Objekte aus seiner naturkundlichen Sammlung und Werke der Kunst wie die Federzeichnung »Genius des Ruhms« von Johann Heinrich Meyer und der »Juno Ludovisi«, aber auch Alltägliches aus Goethes Leben – von seiner Hofuniform,  über seinen Reisepass nach Rom bis hin zu seinem auf Reisen benutzten Schreibzeug, den Handschuhen von Ulrike von Levetzow, seiner letzten Liebe. Die Ausstellung ergänzt somit den atmosphärischen Eindruck des Wohnhauses auf eindrucksvolle Weise. Wer einmal in Weimar war, wird wiederkehren. Denn wir können dort auch etwas über uns selbst lernen, wenn wir es denn wollen. Am 17. Februar 1832, einen Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch mit Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht?  … mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Dieter Kaltwasser

Zur Ausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ ist ein Begleitbuch mit Beiträgen der Kuratoren sowie u.a. von Herbert Grönemeyer, Durs Grünbein, Michael Jaeger, Harald Lesch und Rafik Schami erschienen (288 Seiten, 162 Abbildungen, 14,90 Euro).

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Zum neuen Jahr – Johann Wolfgang von Goethe

Zwischen dem Alten
Zwischen dem Neuen,
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen,
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut;
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar,
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

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Ein stilles Haus am Rhein

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Immer wieder wird er Mensch geboren
Spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
Kommt uns nah und geht uns neu verloren…

Hermann Hesse (Aus: Der Heiland)

Immer wieder um diese Zeit: Zuflucht nehmen zu Dichtern, die sich dazu bekannten, Weihnachtsmuffel zu sein, wie mein geschätzter Hermann Hesse, der nach eigenen Worten die „verlogene Sentimentalität“ als unerträglich empfand, nicht ohne jedoch aus dieser Haltung heraus immer wieder den Blick auf dennoch Bleibendes zu richten: Winzige Momentaufnahmen oft nur, – Augenblicke des Innehaltens, des Auffindens so manchen Edelsteins im allgemeinen Lametta-Flimmern, – wie das empfundene Glück des Anteilhabens an der Verzauberung kleiner Kinder, deren Blick noch ungetrübt ist, die noch nicht erfasst wurden vom allgemeinen Sog des Sich-verstellen-Müssens und des Überdrusses.

Meine eigenen Rückzugsversuche, immer wieder tageweise: Ein stilles Haus in Unkel am Rhein, an einem Ort, in welchen seit einigen Wochen winterliche Ruhe Einzug gehalten hat, – vorüber die lärmende Herbstsaison weinseliger Ausflugstouristen, – die sich allerdings in diese alt-ehrwürdigen Mauern ohnehin nicht zu verirren drohen; hier ziehen sich allenfalls Geistliche zur Erholung zurück, und kleinere Gemeindegruppen treffen sich zu Exerzitien und Einkehrtagen. Mein Blick aus dem Fenster geht hinaus auf den ewigen Strom; ein Zimmer zum Rhein hin ist in diesen Tagen ohne Schwierigkeiten zu bekommen, obwohl auch die andere Seite ihre Vorzüge hat. Sie wiederum ist die ruhigere, mit Ausblick auf einen parkähnlichen Garten, von einer hohen Mauer mit schmiedeeisernem Tor gegen ein wenig befahrenes Gässchen abgeschirmt. Hier gedeihen prächtige Rosen, die auch noch jetzt im Dezember vereinzelt blühen; es gibt einen beleuchteten Brunnen, der an wärmeren Tagen für akustische Untermalung sorgt, Sitzbänke und ein kleines Kiesrondell, in dessen Mitte eine zierliche weiße Skulptur des Heiligen Jakobus uns daran gemahnt, dass wir Pilger sind. Mehrere Katzen pflegen dort herumzustreichen; eine von ihnen, mit mehr weiß als schwarz geflecktem Fell und einer lustigen Gesichtszeichnung, begrüßt mich stets nach Katzenart mit Nasenkuss, was ich mir als besondere Ehre verbuche. Ihren Namen kenne ich nicht, nenne sie seit längerem nur „die Klosterkatze“, obwohl sie, wie die Nonnenschwestern, die sie offensichtlich ins Herz geschlossen haben, mir erzählten, irgendwo in der Nachbarschaft ihr Zuhause hat. Zu bestimmten Tageszeiten findet sie sich regelmäßig ein; sie kommt einfach über die angrenzenden Dächer oder springt elegant durch die Gitterstäbe des Tors, sonnt sich an wärmeren Tagen im Rosenbeet, hierbei stets wachsamen Auges die Küchentür im Blick behaltend, – wohl wissend, dass diese sich zur gegebenen Zeit öffnen wird, um den dort versammelten schnurrenden Mäusefängern ihren Anteil an dem zukommen zu lassen, was in einer Küche so an Übrigem anfällt.

Die Seite zum Rhein ist lauter als jene zum Garten, betriebsam, – viel Schiffsverkehr auch um diese Zeit, welcher jedoch nicht stört. Der uralte Strom ist nun einmal lebendig, – dies gehört sich so für ihn -, er bietet dem Auge stets neue Bilder und erzählt seine eigenen Geschichten. Die alten Mauer zittern spürbar beim Stampfen der Motoren stromaufwärts fahrender Lastschiffe, die vom Wellengang bewegte Schiffslandebrücke unmittelbar unter dem Fenster gibt quietschende Geräusche von sich, – aber das alles muss so sein, verleiht mir das Gefühl, selbst Anteil an dieser Lebendigkeit zu haben, wie selbstverständlich in diesem großen Ganzen aufzugehen.

Das Haus mit den ehrwürdig anmutenden, hohen Räumen hingegen versetzt in eigentümliche Stimmung, – fast vermittelt es den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein: Das Knarren der hölzernen, weitläufigen Wendeltreppe, Lichtspiegelungen der bunten Glasfenster auf den Stufen, die Eingangshalle und die hohen Flure mit den mächtigen alten Möbeln und Gemälden, Schilder, die noch aus früheren Tagen stammen, bezeichnen die Räume: Speisesaal, Konveniat, Bibliothek, – ja, es gibt wahrhaftig eine Bibliothek! -, das Herzstück des Hauses, gut bestückt, keineswegs nur mit geistlicher Literatur; ein Raum, der zum ruhigen Arbeiten wie geschaffen wäre, zöge der Blick aus dem Fenster mich nicht alsbald hinaus.

Hier springe ich über meinen Schatten und genieße die Morgenstunden, die ich nirgendwo so sehr als hier schätze: Den kühlen, dieser Tage schlicht adventlich geschmückten Frühstücksraum betreten und die Stille in sich aufnehmen. Kaum Gäste sonst, Kaffee steht bereit, – von den Ordensfrauen ist keine zu sehen; die Stunde, die mir früh erscheint, ist für sie eine fortgeschrittene, – längst sind sie in der Heiligen Messe. Wer in dieser Zeit ein Anliegen hat, wartet eben, bis der Gottesdienst vorüber ist, – so ist das hier. Gedämpfter Gesang ist von der Hauskapelle im obersten Stock her zu vernehmen, ansonsten wird das Schweigen, in welches das Haus sich hüllt wie in einen schützenden Mantel, nur hin und wieder vom Viertelstundenschlag der alten Standuhr im Gemeinschaftsraum unterbrochen. In Ruhe die erste Tasse Kaffee trinken und dabei durch ein Erkerfenster auf das Siebengebirge und den Fluss schauen. Das Kreisen der Möwen beobachten, die sich spielerisch vom Wind tragen lassen, um dann wieder ihre Lieblingsplätze auf der Landebrücke einzunehmen, den majestätischen Flug der Kormorane, die sich irgendwann auf dem Wasser niederlassen, um sich auf ihre ausgedehnten Tauchgänge zu begeben, über deren lange Dauer sie uns Beobachtende stets aufs Neue zu verblüffen verstehen. Später werden sie sich auf dem Felsgestein auf Inseln im Fluss oder am Ufer niederlassen und mit ausgebreitet hängenden Flügeln ihr Gefieder trocknen, was ihnen ein drolliges Aussehen verleiht. Sie sind mir ans Herz gewachsen und haben die Anfeindungen mancher Zeitgenossen gewiss nicht verdient; die Probleme; für die sie zuweilen verantwortlich gemacht werden, sind – wie vieles – menschengemacht.

Etwas Gebietendes und zugleich  Beruhigendes hat er, der Strom, der in Wirklichkeit unbezähmbare, der uns mit seiner Urgewalt immer wieder die Grenzen unserer Möglichkeiten, unseres menschlich und technisch Machbaren aufzeigt. Wir fühlen: Es muss so sein. Die Farben an seinen Ufern sind verblasst, – Winterruhe -, dennoch wechselt er beständig sein Bild, zeigt sich mit dem dahinter liegenden Gebirge zu jeder Tageszeit in anderem Licht, – mal in trübem Grau, mal leuchtend blau, dann wieder in Rot und Gold, mit gleißender Oberfläche durch Spiegelungen von Morgen- oder Abendsonne, manchmal auch gänzlich nebelverhangen oder in Regenschleier gehüllt. Zuweilen noch zieht ein Trupp verspäteter Wildgänse in typischer Flugformation mit lauten Rufen vorüber, – selten glückliche Zufallsmomente.

Andere haben vor mir hier Zuflucht gesucht, unter ihnen Konrad Adenauer, als er zu Zeiten des Nazi-Regimes aus dem Regierungsbezirk Köln ausgewiesen war und im selben Haus Aufnahme fand. Saß er womöglich hier an diesem Platz, schaute so wie wir aus dem Fenster auf den Rhein? Es liegt nahe, aber wir wissen es nicht. Überhaupt, – was wissen wir später Geborenen, vor nichts Bedrohlicherem auf der Flucht als vor Alltags-Überdruss und gelegentlich vor uns selbst, von wirklicher Verfolgung und Exil? Nichts. Nichts – oder wenig – vom Ausgegrenzt- und Eingeschränkt-sein durch äußere Zwänge bis hin zur Bedrohung von Leib und Leben, vom Bangen und Hoffen in einer hoffnungslos anmutenden Situation mit ungewissem Ausgang. Die Zwänge, gegen die wir heute kämpfen, sind anderer Natur. Das Schwierige an ihnen ist: Nicht immer lassen sie sich klar benennen, – dennoch sind sie da und machen uns nicht wenig zu schaffen. Sie kommen aus größtenteils unerforschten Regionen, – aus unserem eigenen Inneren. Der Kampf, den wir gegen sie zu führen versuchen, gerät uns manchmal zum Kampf gegen uns selbst.

Als wenn es diesem Ort bestimmt wäre, die These zu untermauern, dass sich Dynamik aus der Wechselwirkung von Gegensätzlichem ergibt, verbrachte auch Willy Brandt seine letzten Lebensjahre ganz in der Nähe. Adenauer und Brandt, – Persönlichkeiten, wie sie sich unterschiedlicher nicht denken ließen, – und doch verbindet sie, dass sie große Staatsmänner waren, herausragende Politiker, die sich in keinen Rahmen, kein Muster pressen ließen, die den Mut hatten, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, – mit großen Visionen, derer viele sich über ihre Lebenszeit hinaus als tragfähig erwiesen.

Wand an Wand steht das Haus Freiligraths, des großen Dichters des Vormärz, welcher hier sein Leben als freier Schriftsteller begründet haben soll. Manchmal ertappe ich mich beim nächtlichen Lauschen auf dem kleinen Balkon, – im Lärm der Schiffe genügt nur ein wenig Phantasie, um sich im Nebenhaus Stimmen aus Unterhaltungen längst vergangener Zeiten einzubilden. Große Namen, die hier verkehrten: Levin Schücking, Annette von Droste-Hülshoff,  Johanna und Adele Schopenhauer, vielleicht auch Goethe. Ihnen mag sich kein sehr viel anderes Bild als heute geboten haben, wenn man sich die Straßen und die Bahnlinie wegdenkt, – der Strom ist hier wenig gezähmt und trotz aller Bewegung und Lebendigkeit immer derselbe, – der uralte, ewiggleiche, der noch fließen wird, wenn sich unserer längst niemand mehr erinnert, – noch weniger unserer Vorhaben und Projekte, von denen zu unseren Lebzeiten für uns so vieles abhängen will. Diese Erkenntnis erschreckt – und hat zugleich doch wieder etwas Beruhigendes, denn wohl sehen wir vor diesem Hintergrund die Bedeutung unserer Anliegen verblassen,  aber gleichermaßen sehen wir auch deren Bedrohungen ins Nichtige und Kümmerliche zusammenschrumpfen. Dies wäre eigentlich ein Grund zu heiterer Gelassenheit, welche auch den Ordensschwestern hier eigen ist. Aus dem fernen Indien hat es sie hierher verschlagen, – heute hier, in ein paar Jahren vielleicht wieder ganz woanders im Einsatz, – was tut es? Gott, – nennen wir ihn so, in tiefem Respekt vor diesem Ort -, ist überall und kann überall Menschen für seine Sache brauchen; so viel ist sicher, – unabhängig davon, in welcher Gestalt er sich den Menschen, welchen Glaubens und wo auch immer, offenbaren mag.
Frieden ist ein Bedürfnis, welches viele Menschen aller Religionen teilen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine Botschaft des Friedens. Sie stößt auf viele fromme, – leider auch auf noch mehr taube Ohren. Und sie geht schnell flüchtig, wo sie nicht sorgsam bewahrt wird. „Das Licht scheint in der Finsternis, doch die Finsternis hat’s nicht ergriffen“, wusste der Prophet Jesaja bereits in alttestamentarischen Zeiten vorauszusagen. „Kommt uns nah und geht uns neu verloren“, sagt unser Dichter Hermann Hesse viele Jahrhunderte später. Er bringt unser Dilemma auf den Punkt. Das Verlorengehen bereits vorweggenommen im Nahe-kommen, Sich-Annähern, – vielleicht ist es dieses Wissen, das es uns so schwer macht, der Botschaft Glauben zu schenken? Nichts festhalten können! Aber was wäre die Alternative? Sie deshalb gar nicht mehr an uns heranzulassen? Aus Angst vor der Flüchtigkeit, dem Wieder-verloren-gehen, ihr den Zugang verweigern? Uns ihr verschließen? – Es wäre schlimm, – wir ahnen es! Und genau deshalb geht es nicht.

„Wir machen dieses Fest nicht“, hörte ich vor Jahren einmal den Pfarrer meines damaligen Wohnortes in der Christmette sagen, „wir sind Eingeladene.“ – Im Erinnern denke ich, es könnte etwas dran sein.

Bettina Johl

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Zum Abschied Kleist

Heinrich von Kleist

Wahre Bücherflut zum 200. Todestag Heinrich von Kleists

Kleist-Biographien werden von ihrem Ende her geschrieben. Die Akten über sein Leben und Wirken sind längst nicht geschlossen, sie lassen sich wohl auch nicht schließen, dieses Fazit lässt sich am Ende des Kleist-Jahres ziehen. Dass ein guter Tod der beste Lebenslauf sei, dieser dramaturgische Gedanke keimte schon früh in Heinrich von Kleist auf. Am Nachmittag des 21. November 1811 tötete er am heutigen Kleinen Wannsee zunächst Henriette Vogel durch einen Schuss in die Brust, und beendete sein eigenes Leben, in dem er sich mit einer zweiten Pistole in den Mund schoss. Welche Gründe und Ursachen zu dem Entschluss führten, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, lässt sich kaum sagen, es wirkten wohl mehrere zusammen. Zuvor hatte er, wie auch Henriette Vogel, Abschiedsbriefe an Verwandte und Freunde geschickt, an seine Schwester Ulrike „am Morgen meines Todes“ die berühmten Zeilen: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Seiner Cousine Marie von Kleist, die er vor Henriette, allerdings vergeblich, darum gebeten hatte, seine Totenführerin zu spielen, schrieb er, es sei ihm ganz „unmöglich länger zu leben“: „Meine Seele ist so wund, dass mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut…“.  Seine Sehnsucht nach Ruhm wurde nicht gestillt und den Ruhepunkt seines Leben fand er erst in seinem in „unaussprechlicher Heiterkeit“ inszenierten Freitod.

Dass Heinrich von Kleists Leben und Werk erst durch sein suizidales Ende die ihm gebührende Prominenz erlangte, ist auch eine der zentralen Aussagen von Günter Blambergers wegweisender Biographie. Der Kölner Literaturwissenschaftler und Präsident der Kleist-Gesellschaft hat eine „offene“, postmoderne Interpretation geschrieben, gesehen aus der Perspektive ungewissen Lebens, die Kleist als ruhelosen durch Deutschland und Europa ziehenden „Projektemacher“ zeigt, der sich in „riskanten Bewegungen“ entwickelt und in seinen Novellen und Dramen zum Krisen- und Katastrophenspezialisten mutiert.  Kleist war ein Nomade, er hatte zahlreiche, ständig wechselnde Wohnsitze, sein Leben lang ist er gereist.

Das virtuos verfasste und souveräne Kleist-Porträt des emeritierten Germanisten Gerhard Schulz ist das Produkt einer lebenslangen Beschäftigung mit der deutschen Literatur zwischen 1789 und 1830. Schulz liegt jenseits aller Spekulationen und Theorien vor allem daran, den verbürgten Tatsachen von Kleists Leben nachzugehen angesichts einer überaus dürren biographischen Quellenlage. Im Gegensatz zu Goethe, dessen Leben von Tag zu Tag belegt scheint, wissen wir von Kleists Leben wenig, über seine Kindheit und Jugend kaum etwas.

Jens Bisky stellt in seiner Biographie Kleist in einem kulturgeschichtlichen Zusammenhang dar bzw. in einen der Militärhistorie. Sehr lesenswert sind auch die sprachlich überzeugenden und ausbalancierten Interpretationen der Werke. Insbesondere interessiert den Journalisten Bisky auch der Publizist Heinrich von Kleist. Durch die Betonung der individuellen Freiheit in Kleists Schriften wird uns ein sehr moderner Autor in einer Schwellen- und Umbruchszeit vor Augen geführt, der unser Zeitgenosse sein könnte.

Hans-Joachim Kreutzer, Gründer des Kleist-Jahrbuchs, konstatiert in seiner kurzen, konzentrierten Monographie ebenfalls, dass es riskant sei, einen Lebensumriss Kleists zu zeichnen, vor allem müsse der Biograph sich hüten, Selbstaussagen als Dokumente realen Geschehens zu nehmen, vielfach seien sie nur Vorsätze, Wünsche und Selbstinszenierungen. Über lange Zeitstrecken des 1777 in Frankfurt an der Oder geborenen Dichters sind keine Nachrichten über ihn vorhanden, auch ihre ungleiche Streuung wirft Probleme auf. Er studiert nach Beendigung seiner Offizierslaufbahn 1799 Philosophie, Physik, Mathematik und Staatswissenschaft in seiner Geburtsstadt Frankfurt (Oder). In der Lebenszeit Kleists macht die Schriftstellerexistenz gerade einmal ein Jahrzehnt, von 1801 bis 1811, aus. Vor diesem Hintergrund ist die Vielfalt der geschaffenen Werke, die mit dem Drama „Die Familie Schroffenstein“ beginnt und mit der Erzählung „Der Zweikampf“ endet, nahezu unbegreiflich. Kreutzer behandelt vor allem die „Verfahrensart“ des Dichters, seine Zweifel gegenüber Welt und Gesellschaft, und seiner Lust am Widerspruch, der Provokation beispielsweise im „Michael Kohlhaas“, in der „Penthesilea“ oder im „Prinz Friedrich von Homburg“.

Kleist fühlte sich wie „der arme Kauz aus Brandenburg“ und Frankfurt an der Oder war ihm seit dem Tod der Mutter  im Jahre 1793 „kein Aufenthalt der Freude mehr“. Er wird dann sogar von „unserm traurigen märkischen Vaterlande“ sprechen. Zum diesjährigen Kleist-Jahr ist ein literarischer Reiseführer erschienen, der ein etwas anderes Bild vom Brandenburg Kleists zeigen möchte. Herausgegeben ist es von Hans-Jürgen Rehfeld und dem Kleist-Museum Frankfurt/0der. „Die historischen Abbildungen geben die Orte aus dem Blickwinkel des märkischen Dichters wieder“, so die Herausgeber.

Für Peter Michalzik ist Kleist ein Getriebener in einer zerbrechenden Welt, aus altem preußischen Adel stammend, Napoleon hassend und das entstehende Deutschland liebend, ein Mann der Extreme, ein Dichter, der sich zeitlebens für Technik, Bildung und Verwaltung interessiert. Einerseits ein kriegserprobter Offizier, er war von 1792 bis 1799 Soldat der königlich- preußischen Armee, andererseits ein Unternehmer, Projektemacher, Beamter und Bankrotteur, zerrissen zwischen Realität und Phantasie, in Kleists Selbstbeschreibung ein „unaussprechlicher Mensch“. Sogar für den Suizid am Kleinen Wannsee bietet Michalzik noch eine überraschende kunsthistorische Spur an, die er in einem Brief Kleists aus französischer Gefangenschaft an Marie von Kleist gefunden hat. Erwähnt wurde dieser Brief allerdings schon in der immer noch lesenswerten Kleist-Biographie Eduard von Bülows aus dem Jahre 1848, die vielen Biographen bis heute als Ausgangspunkt dient.

Wolfgang Amann legt in seiner Monographie auf knappem Raum Basisinformationen über Leben, Werk und Wirkung des märkischen Schriftstellers vor, sie eignet sich als Einführung zum Thema.

‎“Es gibt im Bereich der Biografik weder Kommentar noch Kritik“, schrieb Walter Benjamin über das Schreiben von Biographien. Im Falle Heinrich von Kleists schert man sich oft nicht um diesen Ratschlag. Munter pocht hier so mancher Experte auf die Absolutheit seiner Deutungshoheit. Hans-Jürgen Schmelzers schmale Kleist-Biographie unterscheidet sich in ihrer interpretatorischen Zurückhaltung wohltuend von einigen voluminöseren Exemplaren, die in diesem Jahr erschienen sind, trotz des etwas albernen Untertitels „Deutschlands unglücklichster Dichter“, und ist daher zu empfehlen.

Das knappste Buch, das aus Anlaß des 200. Todestages geschrieben wurde, stellt uns auf 96 Seiten einen überraschend versöhnlichen, stets nach Glück suchenden Kleist vor. Adam Soboczynski wirft in „Kleist. Vom Glück des Untergangs“ einen subtilen Blick auf  den Dichter, ist seinem Glück „auf der Spur, das stets im Unglück keimt“.  Kleist entwickelt in seinem Leben wie in seiner Literatur gewaltige Untergangsszenarien, die aber immer auch Glücksmomente beinhalten. Sein Scheitern wird in diesem Buch als der „neuralgische Punkt“ von Leben und Werk geschildert, von dem aus dennoch Ruhm und Vollendung gesucht werden.

Anna Maria Carpi beginnt ihre Biographie des Dichters, die aus dem Italienischen übertragen ist, mit dem unmittelbaren Nachleben in den Mitteilungen und Kommentaren der Zeitgenossen. Die bewusst subjektiv getönte Lebensbeschreibung streicht hervor, wie sehr Kleists Verzweiflung  seiner Gewissheit entsprang, dass Kommunikation zwischen Menschen stets scheitert:„Begreifen muß ich’s – und daß ich verlor.“

Tanja Langer widmet den letzten beiden Tagen und vor allem der letzten und gemeinsamen Nacht von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist eine Imagination, wie es hätte sein können in diesen Stunden, in denen sie sich auf den gemeinsamen Tod vorbereiteten und von der Welt Abschied nahmen. Entstanden ist ein leises, berührendes Adagio erzählend vergehenden Lebens.

Endlich sei noch auf die Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ von Christa Wolf aus dem Jahre 1978 hingewiesen, die eine fiktive Begegnung zwischen der Dichterin Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist in Winkel am Rhein im Jahre 1804 inszeniert, schon  zwei Jahre bevor sich die Freundin Bettina von Arnims unweit des Ortes selbst das Leben nahm, mit einem Dolch, den sie stets bei sich trug. Eduard von Bülow wusste bereits 1848 um Gerüchte von einem Zusammentreffen der Beiden nach einen Aufenthalt Kleists bei seinem Arzt Wedekind in Mainz im Jahre 1804.  Die Erzählung der Schriftstellerin zeigt zwei literarische Außenseiter um 1800, eingezwängt in gesellschaftliche Zwänge und  Rollenerwartungen, in einer Schwellen- und Umbruchszeit. Moderne Figuren. Am Ende, es beginnt zu dunkeln, Abschiedsgesten. „Wir wissen, was kommt.“

Dieter Kaltwasser

(Der Artikel erschien in leicht geänderter Fassung am 22.11.2011 im General-Anzeiger Bonn)

Stimmen zu Heinrich von Kleist:

Rahel Levin:

Brief an Alexander von der Marwitz, Berlin, d. 23t. November 1811:

Gestern aber hätte ich Ihnen doch geschrieben, wenn mich nicht H. Kleists Tod so sehr eingenommen hätte. Es läßt sich, wo das Leben aus ist, niemals etwas darüber sagen; von Kleist befremdete mich die Tat nicht, es ging streng in ihm her, er war wahrhaft und litt viel. Wir haben nie über Tod und Selbstmord gesprochen, – Sie wissen, wie ich über den Mord an uns selbst denke, wie Sie. Und niemals hör‘ ich dergleichen, ohne mich der Tat zu freuen. Ich mag es nicht, daß die Unglückseligen, die Menschen, bis auf den Hefen leiden, denn Wahrheit, Großes, Unendliches, wenn man es konzessiert, kann man sich auf allen Wegen nähern; begreifen können wir keine, wir müssen hoffen auf die göttliche Güte, und die sollte grade nach einem Pistolenschuß ihr Ende erreicht haben? Unglück aller Art dürfte mich berühren? Jeden Abend Fieber. Jedem Klotz, jedem Dachstein, jeder Ungeschicklichkeit sollte es erlaubt sein, nur mir nicht? Siech auf kranken und Unglückslagern sollt‘ ich müssen, und wenn es hoch und schön kommt, zu achtzig Jahren ein glücklicher imbecile werden, und wenn dreißig schon mich ekelhaft deteriorieren? Ich freue mich, daß mein edler Freund – denn Freund ruf‘ ich ihm bitter und mit Tränen nach – das Unwürdige nicht duldete; gelitten hat er genug. Sehen Sie mich! Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätten ihm zehn Rtl. gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt‘ er sich ihnen nur ungestört zeigen können. Der ewige Calcul hätte sie nie unterbrochen, ob er wohl recht, ob er wohl unrecht, ob er wohl Recht, ob er wohl nicht Recht zu dieser Tasse Kaffee habe. Ich weiß von seinem Tode nichts, als daß er eine Frau und dann sich erschossen hat. Es ist und bleibt ein Mut. Wer verließe nicht das abgetragene, inkorrigible Leben, wenn er die dunklen Möglichkeiten nicht noch mehr fürchtete? Uns loslösen vom Wünschenswerten, das tut der Weltgang schon, dies von denen, die sich nichts zu erfreuen haben; forsche ein jeder selbst, ob es viele oder wenige sind.

Christoph Martin Wieland:

Ich gestehe Ihnen, daß ich erstaunt war, und ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich Sie versichere: Wenn die Geister des Äschylus, Sophokles und Shakespeare sich vereinigten, eine Tragödie zu schaffen, sie würde das sein, was Kleists Tod Guiskards des Normanns, sofern das Ganze demjenigen entspräche, was er mich damals hören ließ. Von diesem Augenblicke an war es bei mir entschieden, Kleist sei dazu geboren, die große Lücke in unserer damaligen Literatur auszufüllen, die (nach meiner Meinung wenigstens) selbst von Goethe und Schiller noch nicht ausgefüllt worden ist […]
Brief an Georg Wedekind, 10. April 1804

Karl August Varnhagen von Ense:

Eine so herrliche Dichterseele, ein so schönes Talent missen wir nun, Freunde des Mannes und seiner Kunst!
Brief an Friedrich de la Motte Fouqué, 19. Dezember 1811

Heinrich Heine:

Es ist jetzt bestimmt, daß das Kleistische Schauspiel „Der Prinz von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin” nicht auf unserer Bühne erscheinen wird, und zwar, wie ich höre, weil eine edle Dame glaubt, daß ihr Ahnherr in einer unedlen Gestalt darin erscheine. […] Was mich betrifft, so stimme ich dafür, daß es gleichsam vom Genius der Poesie selbst geschrieben ist und daß es mehr Wert hat als jene Farcen und Spektakelstücke und Houwaldsche Rühreier, die man uns täglich auftischt.
Brief aus Berlin, 1822

Johann Wolfgang von Goethe

Mir erregte dieser Dichter [Kleist], bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schön intentionierter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen wäre.
Ludwig Tiecks „Dramaturgische Blätter”, 1826

Günther von Freiberg (Ida Pinelli):

Obwohl sie [Ulrike] die Popularität des „Käthchens” erlebte, von der ersten Aufführung des „Prinzen von Homburg” und des „Zerbrochenen Kruges” vernahm, so war doch in Deutschland keine Rede davon, Heinrich einstimmig als Nationaldichter anzuerkennen; er blieb eine bestrittene Größe, ein literarisches Kuriosum, dessen Auswüchse und zeitweilige Verirrung gerügt wurden, ohne daß sein Genius Begeisterung erweckte.
Im Hause des dramatischen Dichters, 1882

Klaus Mann:

Der Kleist meines Pantheon steht regungslos, den Revolver gegen die eigene Schläfe gerichtet, die tragische Stirne leuchtend im Glanz jener ‚unaussprechlichen Heiterkeit’, von der im Abschiedsbrief die Rede ist.
Der Wendepunkt, 1942

Besprochene Literatur:

Wilhelm Amann: Heinrich von Kleist – Leben-Werk-Wirkung,  Suhrkamp,  Berlin 2011, 159 S.

Jens Bisky: Kleist – Eine Biographie,Rowohlt,  Berlin 2007, 4. Auflage 2011, 532 S.

Günter Blamberger: Heinrich von Kleist – Biographie, S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, 597 S.

Anna Maria Carpi: Kleist – Ein Leben,  Suhrkamp, Berlin 2011, 477 S.

Hans Joachim Kreutzer: Heinrich von Kleist, C.H.Beck, München 2011, 128 S.

Tanja Langer: Wir sehen uns wieder in der Ewigkeit. dtv, München 2011, 232 S.

Peter Michalzik: Kleist – Dichter, Krieger, Seelensucher. Propyläen Verlag, Berlin 2011, 557 S.

Hans-Jürgen Rehberg: Der arme Kauz aus Brandenburg. Ein literarischer Reiseführer, Findling Verlag, Kunersdorf 2011, 248 S.

Gerhard Schulz: Kleist – Eine Biographie. C.H.Beck, München 2007, Sonderausgabe 2011, 606 S.

Hans-Jürgen Schmelzer: Heinrich von Kleist. Deutschlands unglücklichster Dichter. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2011, 250 S.

Adam Soboczynski: Kleist. Vom Glück des Untergangs. Luchterhand Literaturverlag, München 2011, 96 S.

Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, 100 S.

online lesen:

Eduard v. Bülow (Hrsg.), Heinrich von Kleist’s Leben und Briefe. Mit einem Anhange (Berlin: Besser 1848)

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Der Schein des Unendlichen

Romantik Safranski

Die Romantik, eine deutsche Affäre?

Warum kann man eigentlich hierzulande kein Buch über die deutsche Romantik schreiben, ohne das dies als inhaltliche Schwäche, als unzulässige Verengung, ausgelegt wird? Die Romantik sei schließlich als Epoche in der Kultur- und Literaturgeschichte ein gesamteuropäisches Phänomen.  Diesen Vorwurf an sein Buch parierte der Autor Rüdiger Safranski auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse überaus lapidar: „Wenn man die deutsche literarische und philosophische Romantik im Sack hat, dann hat man sie alle.“ Dieser schnoddrig formulierte Satz, wenn er denn tatsächlich ernst gemeint sein sollte, ist natürlich falsch. Und der in philosophischen und literarischen Disziplinen hochgebildete Rüdiger Safranski weiß dies auch. Was bewog ihn dann, allein über die deutsche Literatur und Philosophie der Romantik zu schreiben, auch unter dem fast vollständigen Verzicht der anderen Künste wie der Musik und Malerei? Richard Wagner und seinen Musikdramen wird zwar Raum gegeben, allerdings fast immer im Zusammenhang mit den Philosophien Nietzsches und Schopenhauers. Und hier greift der Autor auf sein im Jahre 2000 erschienenes Nietzsche-Buch zurück, für das ihm der nach diesem Philosophen eigens benannte Preis verliehen wurde. Safranskis Intention liegt vor allem in der Beschreibung deutscher Mentalitätsgeschichte und  weniger in einer reiner Epochendarstellung. Will man ein Phänomen wie das der deutschen Romantik und den problematischen Begriff des Romantischen einem breiteren Leserkreis zugänglich machen, dann kann dies nur gelingen durch Reduzierung theoretischer Komplexität, anschauliche Beschreibung sowie stilsicheres Gespür für Aussonderung und Pointierung. Dabei bleibt naturgemäß einiges auf der Strecke.

Was das Anschauliche betrifft, liefert ihm die frühe romantische Philosophie durchaus argumentative Schützenhilfe. In einem kühnen Textentwurf von 1797, den man später „Das älteste  Systemprogramm des deutschen Idealismus“ nannte und bis ins späte 20.Jahrhundert abwechselnd Hölderlin, Hegel und Schelling zugeschrieben wurde, bis man in der philosophischen Forschung Friedrich Hölderlins dominierenden Part allgemein anerkannte, ist ausdrücklich von der Schaffung einer neuen Mythologie die Rede, einer „Mythologie der Vernunft“. Sie soll in Bildern verfasst sein, anschaulich darstellen, was vorher abstraktes philosophisches Denken formuliert hatte, sie muss mythologisch, d.h. ästhetisch sein, sonst habe sie für das Volk kein Interesse und der Philosoph müsse sich ihrer schämen. Es ist ein volkspädagogisches Konzept, die drei jungen schwäbischen Idealisten wollen eine bessere Wirkung beim Publikum. Annahme von allem ist, dass in Gesellschaft und Natur die gleiche Vernunft wirke, und die „Vorstellung von mir als einem absolut freien Wesen.“ Allerdings ist auch dieses „älteste Systemprogramm“ wenig anschaulich, sondern in einer hochtheoretischen Sprache formuliert, die wenig Erbarmen mit philosophisch ungeübten Köpfen zeigt. Rüdiger Safranski ist ein Meister der philosophischen Bilderrede, dies hat er in seinen Biographien über Schiller, Schopenhauer und Heidegger ebenso bewiesen wie in seinen zahlreichen philosophischen Essays. Sie stehen in einer Reihe mit den großen Biographien Richard Friedenthals über Goethe, Luther und Karl Marx. Das Buch ist in zwei große Teile untergliedert, die einander ergänzen. Es ist die Biographie einer für den Autor noch nicht beendeten Geisteshaltung der Deutschen. Die Romantik wird zunächst als Epoche dargestellt, anschließend das Romantische als Geisteshaltung, die bis heute fortwirke, und zwar in Politik und Kultur. Die prägnanteste Formulierung für das Romantische lieferte Friedrich von Hardenberg, der sich später Novalis nannte: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Die Romantik als Epoche beginnt in Jena im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, sie endet in der deutschen Literatur mit Eichendorffs und Tiecks Tod in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Heinrich Heine, der eine Sonderstellung einnimmt, starb 1856 im Pariser Exil. Durch Fichte und Schelling zunächst stark von der Aufklärung und der französischen Revolution geprägt, besitzt die Romantik noch ein sehr welt- und zukunftsoffenes Potenzial. Doch gleichzeitig will sie der „entzauberten Welt“, der Säkularisierung etwas entgegensetzen, sie unterhält eine untergründige Beziehung zur Religion, zum Unendlichen; sie liebt die Ferne der Zukunft ebenso wie die der Vergangenheit. Sie ist in Extremen zuhause, in der Ironie ebenso wie in der Andacht. Sie  bekennt sich zur Weltfremdheit, zum Traum, zur Nacht und zur Todessehnsucht. Safranskis pointierte Formulierung: „Die Romantik ist die Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln.“ Es sind oft genug Privatreligionen. Im Jena nahe gelegenen Weimar betrachtete man das Treiben der Gebrüder Schlegel und Novalis argwöhnisch. Der „Geheime Rath“ konzedierte zwar, dass aus Novalis ein Imperator der Literatur hätte werden können, wäre dem mit 28 Jahren verstorbenen Dichter nur genügend Zeit geblieben. Im Alter nannte Goethe, der seinen Blick ohnehin zu niemandem in der deutschen Literatur seiner Zeit mehr heben musste, das Romantische bloß noch das Kranke. Romantische Spuren, der Zauber des Vergänglichen, Weltfremdheit, Sprachdunkles und Irrationalität finden sich, so Safranski, nach dem Ende der eigentlichen Epoche in der deutschen Literatur und Philosophie zuhauf, wie z.B. bei Nietzsche, George und seinem Kreis, und Heidegger. Einmal in die Politik eingebracht, wirke Romantik zerstörerisch, wie es an der deutschen Geschichte ablesbar sei. Andererseits, so beschließt Rüdiger Safranski sein schönes und nachdenkenswertes Buch, dürfe den Menschen die romantische Einbildungskraft nicht verloren gehen, denn wir benötigten ihre Phantasieräume, weil wir, wie Rilke dichtete, „nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“

Dieter Kaltwasser

Rüdiger Safranski: Romantik – Eine deutsche Affäre, München 2007, 415 Seiten