Monatsarchiv: Dezember 2011

Zum neuen Jahr – Johann Wolfgang von Goethe

Zwischen dem Alten
Zwischen dem Neuen,
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen,
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut;
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar,
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

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Ein stilles Haus am Rhein

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Der Rhein bei Unkel, Foto von Bettina Johl

Immer wieder wird er Mensch geboren
Spricht zu frommen, spricht zu tauben Ohren,
Kommt uns nah und geht uns neu verloren…

Hermann Hesse (Aus: Der Heiland)

Immer wieder um diese Zeit: Zuflucht nehmen zu Dichtern, die sich dazu bekannten, Weihnachtsmuffel zu sein, wie mein geschätzter Hermann Hesse, der nach eigenen Worten die „verlogene Sentimentalität“ als unerträglich empfand, nicht ohne jedoch aus dieser Haltung heraus immer wieder den Blick auf dennoch Bleibendes zu richten: Winzige Momentaufnahmen oft nur, – Augenblicke des Innehaltens, des Auffindens so manchen Edelsteins im allgemeinen Lametta-Flimmern, – wie das empfundene Glück des Anteilhabens an der Verzauberung kleiner Kinder, deren Blick noch ungetrübt ist, die noch nicht erfasst wurden vom allgemeinen Sog des Sich-verstellen-Müssens und des Überdrusses.

Meine eigenen Rückzugsversuche, immer wieder tageweise: Ein stilles Haus in Unkel am Rhein, an einem Ort, in welchen seit einigen Wochen winterliche Ruhe Einzug gehalten hat, – vorüber die lärmende Herbstsaison weinseliger Ausflugstouristen, – die sich allerdings in diese alt-ehrwürdigen Mauern ohnehin nicht zu verirren drohen; hier ziehen sich allenfalls Geistliche zur Erholung zurück, und kleinere Gemeindegruppen treffen sich zu Exerzitien und Einkehrtagen. Mein Blick aus dem Fenster geht hinaus auf den ewigen Strom; ein Zimmer zum Rhein hin ist in diesen Tagen ohne Schwierigkeiten zu bekommen, obwohl auch die andere Seite ihre Vorzüge hat. Sie wiederum ist die ruhigere, mit Ausblick auf einen parkähnlichen Garten, von einer hohen Mauer mit schmiedeeisernem Tor gegen ein wenig befahrenes Gässchen abgeschirmt. Hier gedeihen prächtige Rosen, die auch noch jetzt im Dezember vereinzelt blühen; es gibt einen beleuchteten Brunnen, der an wärmeren Tagen für akustische Untermalung sorgt, Sitzbänke und ein kleines Kiesrondell, in dessen Mitte eine zierliche weiße Skulptur des Heiligen Jakobus uns daran gemahnt, dass wir Pilger sind. Mehrere Katzen pflegen dort herumzustreichen; eine von ihnen, mit mehr weiß als schwarz geflecktem Fell und einer lustigen Gesichtszeichnung, begrüßt mich stets nach Katzenart mit Nasenkuss, was ich mir als besondere Ehre verbuche. Ihren Namen kenne ich nicht, nenne sie seit längerem nur „die Klosterkatze“, obwohl sie, wie die Nonnenschwestern, die sie offensichtlich ins Herz geschlossen haben, mir erzählten, irgendwo in der Nachbarschaft ihr Zuhause hat. Zu bestimmten Tageszeiten findet sie sich regelmäßig ein; sie kommt einfach über die angrenzenden Dächer oder springt elegant durch die Gitterstäbe des Tors, sonnt sich an wärmeren Tagen im Rosenbeet, hierbei stets wachsamen Auges die Küchentür im Blick behaltend, – wohl wissend, dass diese sich zur gegebenen Zeit öffnen wird, um den dort versammelten schnurrenden Mäusefängern ihren Anteil an dem zukommen zu lassen, was in einer Küche so an Übrigem anfällt.

Die Seite zum Rhein ist lauter als jene zum Garten, betriebsam, – viel Schiffsverkehr auch um diese Zeit, welcher jedoch nicht stört. Der uralte Strom ist nun einmal lebendig, – dies gehört sich so für ihn -, er bietet dem Auge stets neue Bilder und erzählt seine eigenen Geschichten. Die alten Mauer zittern spürbar beim Stampfen der Motoren stromaufwärts fahrender Lastschiffe, die vom Wellengang bewegte Schiffslandebrücke unmittelbar unter dem Fenster gibt quietschende Geräusche von sich, – aber das alles muss so sein, verleiht mir das Gefühl, selbst Anteil an dieser Lebendigkeit zu haben, wie selbstverständlich in diesem großen Ganzen aufzugehen.

Das Haus mit den ehrwürdig anmutenden, hohen Räumen hingegen versetzt in eigentümliche Stimmung, – fast vermittelt es den Eindruck, aus der Zeit gefallen zu sein: Das Knarren der hölzernen, weitläufigen Wendeltreppe, Lichtspiegelungen der bunten Glasfenster auf den Stufen, die Eingangshalle und die hohen Flure mit den mächtigen alten Möbeln und Gemälden, Schilder, die noch aus früheren Tagen stammen, bezeichnen die Räume: Speisesaal, Konveniat, Bibliothek, – ja, es gibt wahrhaftig eine Bibliothek! -, das Herzstück des Hauses, gut bestückt, keineswegs nur mit geistlicher Literatur; ein Raum, der zum ruhigen Arbeiten wie geschaffen wäre, zöge der Blick aus dem Fenster mich nicht alsbald hinaus.

Hier springe ich über meinen Schatten und genieße die Morgenstunden, die ich nirgendwo so sehr als hier schätze: Den kühlen, dieser Tage schlicht adventlich geschmückten Frühstücksraum betreten und die Stille in sich aufnehmen. Kaum Gäste sonst, Kaffee steht bereit, – von den Ordensfrauen ist keine zu sehen; die Stunde, die mir früh erscheint, ist für sie eine fortgeschrittene, – längst sind sie in der Heiligen Messe. Wer in dieser Zeit ein Anliegen hat, wartet eben, bis der Gottesdienst vorüber ist, – so ist das hier. Gedämpfter Gesang ist von der Hauskapelle im obersten Stock her zu vernehmen, ansonsten wird das Schweigen, in welches das Haus sich hüllt wie in einen schützenden Mantel, nur hin und wieder vom Viertelstundenschlag der alten Standuhr im Gemeinschaftsraum unterbrochen. In Ruhe die erste Tasse Kaffee trinken und dabei durch ein Erkerfenster auf das Siebengebirge und den Fluss schauen. Das Kreisen der Möwen beobachten, die sich spielerisch vom Wind tragen lassen, um dann wieder ihre Lieblingsplätze auf der Landebrücke einzunehmen, den majestätischen Flug der Kormorane, die sich irgendwann auf dem Wasser niederlassen, um sich auf ihre ausgedehnten Tauchgänge zu begeben, über deren lange Dauer sie uns Beobachtende stets aufs Neue zu verblüffen verstehen. Später werden sie sich auf dem Felsgestein auf Inseln im Fluss oder am Ufer niederlassen und mit ausgebreitet hängenden Flügeln ihr Gefieder trocknen, was ihnen ein drolliges Aussehen verleiht. Sie sind mir ans Herz gewachsen und haben die Anfeindungen mancher Zeitgenossen gewiss nicht verdient; die Probleme; für die sie zuweilen verantwortlich gemacht werden, sind – wie vieles – menschengemacht.

Etwas Gebietendes und zugleich  Beruhigendes hat er, der Strom, der in Wirklichkeit unbezähmbare, der uns mit seiner Urgewalt immer wieder die Grenzen unserer Möglichkeiten, unseres menschlich und technisch Machbaren aufzeigt. Wir fühlen: Es muss so sein. Die Farben an seinen Ufern sind verblasst, – Winterruhe -, dennoch wechselt er beständig sein Bild, zeigt sich mit dem dahinter liegenden Gebirge zu jeder Tageszeit in anderem Licht, – mal in trübem Grau, mal leuchtend blau, dann wieder in Rot und Gold, mit gleißender Oberfläche durch Spiegelungen von Morgen- oder Abendsonne, manchmal auch gänzlich nebelverhangen oder in Regenschleier gehüllt. Zuweilen noch zieht ein Trupp verspäteter Wildgänse in typischer Flugformation mit lauten Rufen vorüber, – selten glückliche Zufallsmomente.

Andere haben vor mir hier Zuflucht gesucht, unter ihnen Konrad Adenauer, als er zu Zeiten des Nazi-Regimes aus dem Regierungsbezirk Köln ausgewiesen war und im selben Haus Aufnahme fand. Saß er womöglich hier an diesem Platz, schaute so wie wir aus dem Fenster auf den Rhein? Es liegt nahe, aber wir wissen es nicht. Überhaupt, – was wissen wir später Geborenen, vor nichts Bedrohlicherem auf der Flucht als vor Alltags-Überdruss und gelegentlich vor uns selbst, von wirklicher Verfolgung und Exil? Nichts. Nichts – oder wenig – vom Ausgegrenzt- und Eingeschränkt-sein durch äußere Zwänge bis hin zur Bedrohung von Leib und Leben, vom Bangen und Hoffen in einer hoffnungslos anmutenden Situation mit ungewissem Ausgang. Die Zwänge, gegen die wir heute kämpfen, sind anderer Natur. Das Schwierige an ihnen ist: Nicht immer lassen sie sich klar benennen, – dennoch sind sie da und machen uns nicht wenig zu schaffen. Sie kommen aus größtenteils unerforschten Regionen, – aus unserem eigenen Inneren. Der Kampf, den wir gegen sie zu führen versuchen, gerät uns manchmal zum Kampf gegen uns selbst.

Als wenn es diesem Ort bestimmt wäre, die These zu untermauern, dass sich Dynamik aus der Wechselwirkung von Gegensätzlichem ergibt, verbrachte auch Willy Brandt seine letzten Lebensjahre ganz in der Nähe. Adenauer und Brandt, – Persönlichkeiten, wie sie sich unterschiedlicher nicht denken ließen, – und doch verbindet sie, dass sie große Staatsmänner waren, herausragende Politiker, die sich in keinen Rahmen, kein Muster pressen ließen, die den Mut hatten, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, – mit großen Visionen, derer viele sich über ihre Lebenszeit hinaus als tragfähig erwiesen.

Wand an Wand steht das Haus Freiligraths, des großen Dichters des Vormärz, welcher hier sein Leben als freier Schriftsteller begründet haben soll. Manchmal ertappe ich mich beim nächtlichen Lauschen auf dem kleinen Balkon, – im Lärm der Schiffe genügt nur ein wenig Phantasie, um sich im Nebenhaus Stimmen aus Unterhaltungen längst vergangener Zeiten einzubilden. Große Namen, die hier verkehrten: Levin Schücking, Annette von Droste-Hülshoff,  Johanna und Adele Schopenhauer, vielleicht auch Goethe. Ihnen mag sich kein sehr viel anderes Bild als heute geboten haben, wenn man sich die Straßen und die Bahnlinie wegdenkt, – der Strom ist hier wenig gezähmt und trotz aller Bewegung und Lebendigkeit immer derselbe, – der uralte, ewiggleiche, der noch fließen wird, wenn sich unserer längst niemand mehr erinnert, – noch weniger unserer Vorhaben und Projekte, von denen zu unseren Lebzeiten für uns so vieles abhängen will. Diese Erkenntnis erschreckt – und hat zugleich doch wieder etwas Beruhigendes, denn wohl sehen wir vor diesem Hintergrund die Bedeutung unserer Anliegen verblassen,  aber gleichermaßen sehen wir auch deren Bedrohungen ins Nichtige und Kümmerliche zusammenschrumpfen. Dies wäre eigentlich ein Grund zu heiterer Gelassenheit, welche auch den Ordensschwestern hier eigen ist. Aus dem fernen Indien hat es sie hierher verschlagen, – heute hier, in ein paar Jahren vielleicht wieder ganz woanders im Einsatz, – was tut es? Gott, – nennen wir ihn so, in tiefem Respekt vor diesem Ort -, ist überall und kann überall Menschen für seine Sache brauchen; so viel ist sicher, – unabhängig davon, in welcher Gestalt er sich den Menschen, welchen Glaubens und wo auch immer, offenbaren mag.
Frieden ist ein Bedürfnis, welches viele Menschen aller Religionen teilen. Die Weihnachtsbotschaft ist eine Botschaft des Friedens. Sie stößt auf viele fromme, – leider auch auf noch mehr taube Ohren. Und sie geht schnell flüchtig, wo sie nicht sorgsam bewahrt wird. „Das Licht scheint in der Finsternis, doch die Finsternis hat’s nicht ergriffen“, wusste der Prophet Jesaja bereits in alttestamentarischen Zeiten vorauszusagen. „Kommt uns nah und geht uns neu verloren“, sagt unser Dichter Hermann Hesse viele Jahrhunderte später. Er bringt unser Dilemma auf den Punkt. Das Verlorengehen bereits vorweggenommen im Nahe-kommen, Sich-Annähern, – vielleicht ist es dieses Wissen, das es uns so schwer macht, der Botschaft Glauben zu schenken? Nichts festhalten können! Aber was wäre die Alternative? Sie deshalb gar nicht mehr an uns heranzulassen? Aus Angst vor der Flüchtigkeit, dem Wieder-verloren-gehen, ihr den Zugang verweigern? Uns ihr verschließen? – Es wäre schlimm, – wir ahnen es! Und genau deshalb geht es nicht.

„Wir machen dieses Fest nicht“, hörte ich vor Jahren einmal den Pfarrer meines damaligen Wohnortes in der Christmette sagen, „wir sind Eingeladene.“ – Im Erinnern denke ich, es könnte etwas dran sein.

Bettina Johl

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An-Schreiben gegen die Sprachlosigkeit – Zum Tod von Christa Wolf

Sie ist gegangen… – und sie fehlt! Ein Augenblick, vor dem ich mich lange gefürchtet habe, ist eingetreten. Jener, in dem mir jemand die Nachricht überbringt: Christa Wolf ist gestorben.

Wie sehr hatte ich mir gewünscht, sie würde uns noch lange erhalten bleiben. So vieles hätte sie uns noch zu sagen gehabt, sie, die „Jahrhundertfrau“, wie ich sie in einem der zahlreichen Nachrufe durchaus zu Recht bezeichnet fand. Vieles, was mich persönlich mit ihr verband, hatte ich zu Anfang des Jahres in meine Buchbesprechung „Das Tonband im Kopf“ zu „Stadt der Engel“ einfließen lassen, ein Roman, von dem ich gehofft – ja, gebangt – hatte, es würde nicht ihr letzter sein, ich würde mich noch an weitere wagen dürfen. Leider war er ihr letzter. Und mir selbst bleibt nur dieser Nachruf. Er fällt mir schwer. Wieder einmal quäle ich mich. „An-Schreiben gegen die Sprachlosigkeit“ – auch dies ein Satz, den ich oft verwende, den ich ihr wahrscheinlich „geklaut“ – vornehmer ausgedrückt: von ihr „entlehnt“ – habe. An-Schreiben gegen die Unmöglichkeit, ihr auch nur annähernd gerecht zu werden – jemand wie ich. Du meine Güte! So viele Jahrzehnte später geboren, eine Generation irgendwo sozusagen dazwischen: Die ihrer Kinder nicht mehr, die ihrer Enkel noch nicht. Eine Generation, die – so empfinde zumindest ich es – mit ihren offenen Fragen im Regen stehen gelassen wurde, ja, gar nicht wusste, welche Fragen überhaupt zu stellen wären. Unsere Eltern, Angehörige einer traumatisierten Generation, die als Kinder zu viele Nächte in Luftschutzkellern zubrachten, wo Kinder einfach nicht hingehören, nirgendwo auf der Welt! Die sich bei unseren Fragen die Ohren zuhielten: „Was wollt denn ihr? Ihr habt das nicht erlebt, ihr habt nichts mitgemacht, was wollt ihr denn? Wir waren klein, wir konnten nichts dafür, und ihr sollt ’s mal besser haben und wir schuften uns ab dafür! Seid froh und dankbar, dass es euch so gut geht! Haltet den Mund und schaut, dass ihr was Rechtes werdet!“ Es war nicht böse gemeint. Die Sache hatte nur einen Haken: „Etwas Rechtes“ werden, ohne sich mit der Geschichte und den Fragen, die sich daraus für die Zukunft ergeben, auseinanderzusetzen, das funktioniert so nicht!

War es diese unbewusste Einsicht, die mich an Christa Wolfs Bücher heranführte, an ihnen hängen bleiben ließ, obwohl ich zunächst wohl kaum verstand, was ich da las? Fremde Welt, fremde Lebenshintergründe, spannend wohl, aber zuweilen weit weg von mir. Ich war jung und ungeduldig, hatte ein kleines Kind, eine Familie, in der es turbulent zuging, was konzentriertem Lesen nicht eben zuträglich ist, und Bücher, die mir schwer verständlich waren oder die mich nicht zu fesseln vermochten, wurden schnell beiseite gelegt. Mit ihren Büchern war dies nicht der Fall. Ich blieb dran, selbst wenn ich mich seitenweise quälte. Irgendetwas muss es gewesen sein, ein vages Gefühl nur, noch weit vom eigentlichen Verstehen entfernt: Dass es hier um etwas geht, das mich betrifft, und dass dieses Unfassbare bedrängende Aktualität hat. Dass so viele dieser Themen und Konflikte, trotz eines völlig anderen Lebenshintergrunds, genau meine eigenen sind!

Solches oder Ähnliches muss ich ihr geschrieben haben, in einem Brief, den ich ihr während eines meiner vielen späteren Ferienaufenthalte in Mecklenburg ganz in der Nähe des Ortes, wo sie – wie ich durch glücklichen Zufall erfuhr – ihren Sommersitz hatte, verstohlen im Vorbeifahren in den Briefkasten schmuggelte. Ich wünschte, ich könnte mich erinnern; ich fertige mir niemals Abschriften von Briefen, und was ich schreibe, ist auf merkwürdige Weise ausgelagert und würde ein Wiederlesen erfordern – und selbst dann ist nicht immer gesagt, dass ich mich sofort darin wiedererkenne. Was mir geblieben ist – umso kostbarer jetzt: Eine Postkarte, mit der sie mir in kürzester Zeit antwortete, die seither einen Ehrenplatz in meinem Regal bei ihren Büchern einnimmt. Sie habe – schrieb sie – meinen Brief mehrmals gelesen, er beschäftige sie! Das war mehr, als ich je zu hoffen gewagt hatte!

Ich habe es leider nicht geschafft, ihr persönlich zu begegnen, was ich nun als umso schmerzhafter empfinde. Ein einziges Mal noch traute ich mich zu dem alten ehemaligen Pfarrhof hin, um ein Buch signieren zu lassen. Sie war leider unpässlich an diesem Tag, aber ihr Mann, Gerhard Wolf, im Garten beschäftigt und mich sehr freundlich empfangend, trug ihr das Buch ins Haus und brachte es signiert zurück. So war es mir zumindest vergönnt, ihn kennenzulernen, dessen Essay über Hölderlin zum Allerbesten gehört, was es über den Dichter zu lesen gibt – und im Besitz eines handsignierten Exemplars ihres vorletzten Buchs „Mit anderem Blick“ zu sein.

Mit diesen beiden Andenken sitze ich hier und kämpfe mit den Tränen. Der Verlust ist unermesslich. Ich fühle mich alleingelassen, auch in meinen eigenen Versuchen, zu schreiben, und ich denke mit Sorge an die jungen Menschen der nachfolgenden Generationen, die heranwachsen mit ebensolchen offenen Fragen. Kann es noch gelingen, ihnen einen Zugang zu ihren Werken zu vermitteln? Die Weichen hierzu könnten jetzt gestellt werden. Ein Blick in die Medien lässt staunen: Ehrenbezeugungen, wohin das Auge blickt. Es gab andere Zeiten, das wissen wir. Zeiten bösester Diffamierungen im „deutschen Literaturstreit“, Abstempelung zur „DDR-Staatsdichterin“, dann der Vorwurf, in verhältnismäßig jungen Jahren für kurze Zeit als Stasi-IM angeworben worden zu sein, eine Situation, der viele ihrer Berufsgruppe ausgesetzt waren und sehr unterschiedlich damit umgingen. Sie selbst schlug dem System ein Schnippchen und verfasste einige wenige nichtssagende Berichte, welche die zu überwachenden Personen in durchweg positives Licht stellte, Verdachtsmomente gegen sie entkräftete und von staatlicher Seite missbilligtes Verhalten entschuldigte. Der Staatssicherheitapparat gelangte sehr schnell zu der Überzeugung, dass mit ihr in dieser Hinsicht nichts Großes anzufangen sei – und befand es nur wenig später für notwendig, sie selbst zu überwachen. Die Debatte beendete sie schließlich 1993, indem sie, was wohl nicht jeder vorbehaltlos getan hätte, ihre gesamte Stasi-Akte kurzum veröffentlichte. Zehn Seiten „Täterakte“, die fast nichts enthalten, stehen hier über 40 Ordnern (!) „Opferakte“ gegenüber. Jedoch – die Häme blieb, hat Spuren hinterlassen, am meisten bei ihr selbst, wovon sie sich auch nie vollständig erholte. Solches macht mich traurig und ist ein erschreckendes Beispiel dafür, was Medienkampagnen anrichten können.

Was hatte man ihr sonst vorzuwerfen? Dass sie blieb, als andere gingen? Dass ihr die Menschen und das Land – nicht das System – wichtiger waren als anderes? Gewiss, sie war „privilegiert“, sie durfte reisen. Aber wer sonst hätte ihr Land – und damit meine ich wiederum die Menschen, die darin lebten, nicht das System, das sie unterdrückte – besser nach außen vertreten können? Dass sie dennoch die Zukunft im Sozialismus sah? Der Sozialismus, der ihr Ideal war, hatte mit Diktatur nichts gemein. Einer Diktatur – gleich welcher – hat sie nie das Wort geredet. Ihre Gesinnung war demokratisch durch und durch. Wer etwas anderes behauptet, sagt die Unwahrheit. Es ist einfach, zu kritisieren, wenn man nicht in der Haut des anderen steckt. Aber es ist unverantwortlich, Menschen, die in einer Gesellschaft wie unserer eine so wichtige – weil seltene – Vorbildfunktion einnehmen können, durch ungeprüfte und unwahre Behauptungen zu diffamieren. Sie in die Enge zu treiben und durch Rufmord um alle Möglichkeiten zu bringen, sich zu erklären. Dann ist in der Tat: „Kein Ort. Nirgends.“

„Medea“: Die Gesellschaft, die ihre Sündenböcke braucht, um selbst der Anstrengung ledig zu sein, sich zu hinterfragen. Und dieselbe Gesellschaft, die wie in „Kassandra“ die ihr lästigen mahnenden Stimmen zum Schweigen bringt. Christa Wolfs Stimme wird uns fehlen, ihre besondere leise, unaufdringliche Art, sich frei von Besserwisserei mit unseren äußeren und inneren Konflikten selbstkritisch und durchaus mit Augenzwinkern und feinsinnigem Humor auseinanderzusetzen. Ihre unbedingte Aufrichtigkeit, ihr zähes Ringen um Wahrheit, ihr unentwegtes Prüfen und Infrage-stellen eigener Aussagen, ohne sich dabei jedoch zu verlieren, vielmehr stets – mit schonungsloser Offenheit auch sich selbst gegenüber – zu ihren Überzeugungen stehend. Diese bleibt unerreicht, und ich habe sie so sonst nirgendwo gefunden. Dies ist es, was wir ab jetzt schmerzlich vermissen werden. Christa Wolf hinterlässt in der Literaturlandschaft eine klaffende Lücke, die in absehbarer Zeit nicht zu schließen sein wird.

Um mit ihren Worten einmal mehr zu fragen: Was bleibt? Ihre Werke, die für sich sprechen. Wir können sie mit der Fülle an Gedankenreichtum, den sie enthalten, immer wieder lesen, immer wieder mit anderen Augen und mit anderem Schwerpunkt. „Jeder Leser arbeitet auch an dem Buch mit, das er liest…“ – auch dies waren Worte von ihr. Sie lebt weiter in den Herzen derer, die sie schätzen und lieben. Das ist ein kleiner Trost angesichts des riesigen Verlustes, aber der einzige, den wir im Augenblick haben. Wir verneigen uns vor einer großen deutschen Schriftstellerin, der bedeutendsten für mich, und – wie ich weiß und in diesen schweren Tagen vielfach erfahren habe – für sehr viele Menschen überall auf der Welt.

Bettina Johl

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