Schlagwort-Archive: Weimar

Kollektivsingular und Lebenskunstwerk

500px-Goethe_(Stieler_1828)

Rüdiger Safranskis Goethe-Biographie für unsere Zeit

Als vor 50 Jahren eine Goethe-Biographie erschien, deren Verfasser der heutzutage leider in Vergessenheit geratene Richard Friedenthal war, schlug über ihm der geballte Zorn deutscher Goethe-Verehrung zusammen. Das sich gebildet dünkende Kleinbürgertum des Landes schäumte vor Wut ob der „verantwortungslosen und zerstörenden Verzerrungen“ ihres Dichters. Jedenfalls erschien 1963 die „schädliche Karikierung“ Goethes im Piper Verlag, nachdem in einer Hamburger Zeitung monatelang ein Vorabdruck zu lesen war, begleitet vom Gejammer der volksaufklärerisch inspirierten Leserbriefschreiber, dass der „vergötterte“ Goethe „auf das Niveau der Reportagen über ehemalige Fürstinnen, Filmstars und Sängerinnen herab“ und in „den Staub gezogen würde.“ Was hatte der Biograph eigentlich getan? Der 1896 in München geborene Richard Friedenthal, 1938 nach England emigriert, hatte in seiner Biographie „Goethe – Sein Leben und seine Zeit“ für einen Teil der Deutschen schlichtweg das gekränkt, was sie ihren Nationalstolz nannten. Und er hatte eine Biographie geschrieben, die zum Bestseller avancierte; sie hatte angelsächsisches Format. Goethe war vom Podest genommen worden, seine Hände wurden unverschämt als Arbeiterhände beschrieben, auch die dunklen Seiten in seinem Leben sparte die Biographie nicht aus. Goethe wurde durch Friedenthal für die junge, nachgewachsene Generation wieder lesbar gemacht, ironisch gebrochen und doch bejaht, der letztlich nicht korrumpierbare Wesenszug des Weimarer Dichters durch die Zeiten hinweg wieder sichtbar und fühlbar.

Von Rüdiger Safranski gibt es eine Reihe von Biographien, über E.T.A Hoffmann, Schopenhauer, Heidegger, Nietzsche und Schiller, seine Epochen-Bücher über die Romantik und die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, die ihn in die direkte Nachfolge Friedenthals rücken. Auch das große Leserpublikum, das er mit seinen Werken erreicht, lässt Analogien zu. Seine zu Goethes Geburtstag im August erschienen Biographie „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ jedenfalls hat das sehr Unwahrscheinliche bereits jetzt geschafft, dass ein Buch über Goethe zahlreiche Leser findet.

Die Biographie sei, so wird es vom Verlag umschrieben, ein Höhepunkt des biographischen Schaffens von Safranski, der sich dem Höhepunkt der deutschen Literatur, einem „Jahrhundertgenie“ widme. Mit den Forschungen über Goethe lassen sich Bibliotheken füllen, so oft und viel ist über ihn zusammengetragen und geschrieben worden. Es gibt seine Korrespondenz, seine Jahres- und Tageshefte, seine autobiographische Schrift „Dichtung und Wahrheit“, seine Gedichte, Dramen und Romane. Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik-Stiftung mit Sitz in Weimar, zählte einmal auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb, er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern, Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Safranski nähert sich Goethe über die primären Quellen, er will uns einen Goethe „wie zum ersten Mal“ präsentieren, aus seinem literarischen Werk, seinen Briefen, Tagebüchern und Gesprächen und den Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen. Wir werden so zu Beobachtern eines Menschen, dessen Lebenszeit vom Rokoko bis zum Maschinenzeitalter des 19. Jahrhunderts reichte. Was Safranski vor allem fasziniert, ist die individuelle Gestaltung dieses Lebens im Gegenzug zur modernen digitalen Vernetzung aller mit allen, die er als „Stunde des Konformismus“ interpretiert. Goethe habe es trotz aller Verbundenheit mit seiner Zeit verstanden, „ein Einzelner zu bleiben“. Hier wird ein Zug Goethes ins Positive gedeutet. Goethe nahm nur das auf, was er auch produktiv verarbeiten konnte. Alles andere ignorierte er. Das hatte Folgen, für ihn selber wie auch für einige seiner Schriftstellerkollegen, die sich an ihn wandten, wie Jean Paul und Friedrich Hölderlin. Dem Barockdichter Johann Christian Günther, der mit 28 Jahren 1723 verarmt und ausgezehrt in Jena starb, verbaute er mit seinem Richterspruch sogar noch eine postume Karriere in der Literaturgeschichte. Dieses bedenkenswerte Urteil lautete so kurz wie ignorant: „Er wusste sich nicht zu zähmen und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.“ Diesen Spruch haben Generationen von Studienräten und Professoren bis ins 20. Jahrhundert hinein nachgebetet.

Leben und Werk Goethes jedenfalls, der Schriftsteller ebenso wie der „Meister seines Lebens“ machen ihn, so Safranski, für die Nachwelt unerschöpflich. Die Intention des Biographen bestehe vor allem darin, dass die heutige Generation die Chance habe, im Spiegel Goethes sich selbst und die eigene Zeit besser zu verstehen. Das Buch Safranskis ist dieser Versuch; es beschreibt einerseits das Leben und Werk eines „Jahrhundertgenies“, andererseits will es „die Grenzen und Möglichkeiten einer Lebenskunst erkunden.“ Das Resultat dieser Bemühungen ist allerdings in Teilen ein Goethebild, dessen Widersprüche und auch Kanten wegretuschiert erscheinen, die Gegensätze und Härten in Goethes Wesenszügen werden einwattiert und zum Lebenskunstwerk stilisiert.

Bei der Schilderung der „schwierigen Geburt“ Goethes verzichtet Safranski wohltuend auf die Zeilen aus Goethes autobiographischer Schrift „Dichtung und Wahrheit“, in denen schicksalsträchtig vom Schlag der Uhr und der Konstellation der Gestirne die Rede ist. Dies ist eine Ausnahme in der Goethe-Biographik, und der Autor setzt allein damit schon einen eigenen Akzent. Safranski fragt sich, ob es vielleicht Ironie sei, dass Goethe bei der Schilderung der Geburt deren „erfreuliche Folgen für die Allgemeinheit“ erwähnt. Der Großvater und Schultheiß Johann Wolfgang Textor nahm nämlich die „lebensgefährliche Geburt“ zum Anlass, die Geburtshilfe der Stadt Frankfurt zu verbessern, „welches denn“, so Goethe, „manchem der Nachgeborenen mag zu Gute gekommen sein.“

Der heranwachsende Goethe wurde von Hauslehrern erzogen, studierte in Leipzig und Straßburg, ohne Promotion, und wurde, wie sein Vater, Jurist. Eine Reise führte Goethe 1770 nach Sesenheim, wo er Friederike Brion kennenlernte. Er schildert in „Dichtung und Wahrheit“ diese Zeit als eine Idylle, die so idyllisch allerdings nicht war. Sie fand ein jähes Ende. Goethe verließ Friederike. Über das Ende der Beziehung bemerkte er lakonisch: „Es waren peinliche Tage, deren Erinnerung mir nicht geblieben ist.“ Hier ist sie spürbar, die Kälte Goethes, die aus seiner Autobiographie zuweilen tritt, trotz aller Versuche der Harmonisierung und Glätte, ein Wesenszug, der vielen, die ihn kannten, nicht verborgen blieb. Zu seinen Gunsten muss hinzugefügt werden, dass er später bekannte, an Friederike schuldig geworden zu sein. In die Straßburger Zeit fiel seine Freundschaft mit Lenz, die andauerte, er ließ ihn sogar nach Weimar kommen, wo er ihn allerdings nach einem peinlichen Zwischenfall per Amtsgewalt polizeilich ausweisen ließ. Goethe hat sich für das weitere Schicksal von Lenz nicht mehr interessiert.

Das Schauspiel „Götz von Berlichingen“ machte Goethe in Deutschland berühmt, der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ wurde in Europa zum Bestseller. Napoleon behauptete bei einem Treffen mit Goethe im Jahre 1808 in Erfurt, er habe diesen Roman sieben Mal gelesen. Noch in Frankfurt begann er sein „Faust“-Projekt, bis er, des genialischen Treibens der Stürmer und Dränger und des literarischen Lebens überdrüssig, einen radikalen Schritt vollzog, als er 1775 in das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar ging, wo er es, als Favorit und Freund des Herzogs, zum Minister brachte. Er hatte die Pyramide seines Daseins zugespitzt, zumindest, was die eine Seite des praktischen Lebens betraf. Er betrieb Naturforschungen, aber sein Beruf engte ihn ein und er floh nach Italien, der Herzog zahlte sein Gehalt großzügig weiter. Nach der Rückkehr lernte er zum Verdruss der ohnehin verärgerten Charlotte von Stein ein Blumenmädchen namens Christiane Vulpius kennen und lebte mit ihr in wilder Ehe. Es kommt 1794 schließlich die Dichterfreundschaft mit Friedrich Schiller, das „glückliche Ereignis“ nannten sie es. Safranski hat schon in seinen vorausgegangenen Büchern darauf aufmerksam gemacht, wie die beiden unterschiedlichen Bildungs- und Erziehungskonzepte Goethes und Schillers nun ineinandergriffen und in einen gemeinsamen Feldzug gegen den damaligen Literaturbetrieb mündeten, und wie stark sich die beiden Autoren gegenseitig in ihren literarischen Arbeiten bis zum Tode Schillers 1805 beeinflussten und unterstützten. In diesem Zusammenhang muss auf ein Buch aufmerksam gemacht werden, das leider nicht zu einer breiteren Rezeption geführt hat, obwohl die Autorin Katharina Mommsen heißt. Die Germanistin, die zahlreiche Veröffentlichungen, insbesondere zu Goethe und Goethes Werk und seinem Verhältnis zur islamischen Welt, aber auch zur Lebenskunst Goethes vorgelegt hat, schreibt in ihrem 2010 erschienen Buch „Kein Rettungsmittel als die Liebe – Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtung“, dass die meisten Biographen in Goethes und Schillers Verbindung lediglich ein bloßes Zweckbündnis sehen und ihren Fokus eher auf die „gemeinsame Lebensarbeit“ richten. Mommsen deckt eine ganz andere, bislang verborgene Dimension des Dichterbundes auf: In vielen Liebesgedichten der beiden und in „chiffrierten Zeugnissen“ sei ein „geheimer Dialog“ zu entdecken, der den „innersten Grund“ ihrer Partnerschaft offenbare. Katharina Mommsen beschreibt die Geburt der Weimarer Klassik aus dem Geist des platonischen Eros. In der Biographie Safranskis ist auf diese These der großen Goethe-Forscherin kein Bezug genommen worden.

Goethe arbeitete an seinem literarischen Werk, machte Politik und pflegte Umgang mit Wissenschaftlern und Künstlern. Er wurde zu einer Instanz, zu einem lebenden Denkmal. Er betrachtete sich selbst als ein historisches Sujet, schrieb, so Safranski, neben Augustins „Confessiones“ und Rousseaus „Confessions“ die „für das alte Europa wohl bedeutendste Autobiographie, „Dichtung und  Wahrheit“. Das Würdevolle und Steife seines Lebens werde mit dem Alterswerk „Faust“ auffällig kontrastiert, in dem „er sich … auch als kühner und sardonischer Mephisto, der alle Konventionen sprengt“, zeige.

Safranski betont, dass Goethe stets der Unterschied zwischen literarischen Werken einerseits und dem zu führenden Leben andererseits bewusst gewesen sei. Aber auch seinem Leben wollte er den Charakter eines Kunstwerks geben: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andre und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu.“ Die eine Seite bilden die Werke, die andere Seite kommt in der Aufmerksamkeit zum Vorschein, die er der Natur und der Welt widmete. Er glaubte, dass die Aufmerksamkeit, die „zarte Empirie“, ausreiche, das Wichtige und Wahre zu erkennen, so Safranski. Andere Menschen waren ihm egal, sie kamen nicht in Betracht, was ihn störte, wurde missachtet.  Goethe sei ein bis zur Grausamkeit hartherziger Mensch gewesen, sagte Marcel Reich-Ranicki einmal. Davon konnten sie alle ein Lied singen: Lenz, Jean Paul, Kleist und Hölderlin. Der arme Hölderlin. An seine resignierten Worte aus Weimar „Sie können mich nicht gebrauchen“ darf in diesem Zusammenhang erinnert werden. Goethe hat nichts hintertrieben, er hat sich nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Vielleicht kam ihm sein „Heideröslein“ in den Sinn. Safranski beschäftigt sich nicht weiter mit Hölderlin, erwähnt, dass Hölderlin Goethe während eines Besuchs bei Schiller nicht erkannt habe, eine Todsünde. Der junge Dichter versuchte, den Fehler wiedergutzumachen. Vergebens. Götter und Kunstwerke übersieht man nicht. Goethe, so Safranski, war ein Sammler. Er fragte sich stets bei persönlichen Gesprächen und Begegnungen, ob sie ihn, so sein Lieblingsausdruck, „gefördert“ hätten. Ein Augenblick galt als gerettet, wenn er in eine Form gebracht werden konnte, schreibt der Biograph und erzählt die Episode, wie Goethe ein halbes Jahr vor seinem Tode „noch einmal auf den Kickelhahn“ kletterte, „um jenes Gekritzel von einst an der Innenwand der Jägerhütte zu lesen: ‚Über allen Gipfeln ist Ruh.’“

Safranski hat eine Biographie geschrieben, die Goethes Leben und Werk als ein Gesamtkunstwerk erscheinen lässt, von dem auch wir etwas über uns selbst lernen könnten, so der Biograph. Wenn der alte Goethe von der Kollektivität seines Ichs spricht, dann findet darin keineswegs ein Gefühl der eigenen Wichtigkeit, kein Narzissmus seinen Ausdruck, sondern eher artikulieren sich am Ende seines langen Lebens eine Demut und eine Bescheidenheit, die so gar nicht zu einer Deutung Goethes als Gesamtkunstwerk passen. Goethe spricht hier von sich als Autor, und seine Worte nehmen um nahezu 150 Jahre jenen legendären Vortrag „Was ist ein Autor?“ von Michel Foucault vorweg. Am 17. Februar 1832, ein Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch zu Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht? … Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesäet; mein Le­benswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Copyright: Dieter Kaltwasser

Der Beitrag ist in der November-Ausgabe 2013 von literaturkritik.de und in einer gekürzten Fassung am 20. November 2013 im General-Anzeiger Bonn erschienen. Am 29. November 2013 erschien der Beitrag im Online-Magazin für Literatur und Zeitkritik „Glanz & Elend“.

Literaturempfehlungen:

Rüdiger Safranski: Goethe – Kunstwerk des Lebens. Biografie. Carl Hanser Verlag, München 2013. 748 Seiten, 27,90 EUR. ISBN: 978 3-4462-3581-6

Katharina Mommsen: Kein Rettungsmittel als die Liebe. Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 328 Seiten, 28 EUR. ISBN: 978-3-8353-0761-2

Wolfgang Holler (Hg.): Lebensfluten – Tatensturm. Begleitbuch.
Klassik Stiftung Weimar, Weimar 2012. 288 Seiten, 14,90 EUR. ISBN: 978-3-7443-0154-1

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Essay, Geistesgeschichte, Literaturgeschichte

Streifzug durch die Neuerscheinungen im Jean-Paul-Jahr 2013

Jean Paul

Jean Paul (Photo credit: Wikipedia)

„… fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen“

Wer ist eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, der sich Jean Paul nannte, jener „kauzige Spinner und Biertrinker“, der nach Meinung einiger Zeitgenossen nur unlesbare Bücher schrieb. Heute ist sein Ruhm nahezu verblasst. Google listet ihn irgendwo zwischen Jean Paul Belmondo, Gaultier und Sartre auf, die aktuelle Rezeption des großen Romanciers, Essayisten, Satirikers und Wortschöpfers lässt sich am besten mit den Worten „vielgelobt und ungelesen“ charakterisieren. Dabei verdanken wir ihm zahlreiche Neologismen wie Schmutzfink, Gänsefüßchen, Angsthase und Weltschmerz, um nur wenige zu nennen. Sein Wortschatz nimmt es spielend mit dem Goethes auf. Zweifellos ist er ein schwieriger Autor, einfach macht er es seinen Lesern nicht: mit seiner Weitschweifigkeit, dem abgründigen Humor, den komplizierten und mäandrierenden Sätze in den großen Romanen ebenso wie in den kleinen Erzählungen, darunter solche Meisterstücke wie „Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auenthal“ und „Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Fläz“, mit dem überraschenden und unmotivierten Einbringen angelesener Wissensbruchstücke aus seinen Exzerptheften. Wie aktuell Jean Paul dennoch ist, zeigt sich vor allem in den essayistischen Schriften wie der „Kriegserklärung gegen den Krieg“ von 1809. Dort tritt er engagiert und kritisch der These von der vermeintlichen Unvermeidbarkeit des Krieges entgegen und plädiert vehement für eine gewaltfreie Welt.

Zu Lebzeiten des Autors waren seine Romane  „Hesperus“, „Siebenkäs“, „Titan“ und „Flegeljahre“ Bestseller und stellten mit ihrer vorwiegend weiblichen Leserschaft selbst die Weimarer Klassiker in den Schatten. Aufgewachsen ist er in ärmlichen Verhältnissen, sein Vater war zuerst Lehrer, dann Geistlicher in kleinen oberfränkischen Pfarren in Wunsiedel – wo Richter am 21. März 1763 geboren wurde –, in Joditz und dann in Schwarzenbach an der Saale. In seinen späteren Lebensjahren lernte er den Luxus der Königs- und Fürstenhäuser kennen, auch seinen Titel Legationsrat verdankte Jean Paul, hierin Goethe nicht unähnlich, seinen Beziehungen zum Adel, er wurde ihm 1799 durch den Herzog von Hildburghausen verliehen. Schon in jungen Jahren begann er mit der systematischen Lektüre theologischer Abhandlungen, antiker Lehrtexte und Schriften der Weltliteratur.

Helmut Pfotenhauer, der Würzburger Literaturwissenschaftler kennt das Werk Jean Pauls wie kaum ein Zweiter, zeigt in seiner unglaublich profunden und detaillierten Biographie, wie schriftfixiert Jean Paul schon in frühen Jahren war. Das „Leben als Schreiben“ zu charakterisieren gipfelt in der Formulierung: „Das Werk ist alles, das Ich ist nichts.“ Was für das Werk zutrifft, gilt auch für die Briefe Jean Pauls, eine Auswahl davon hat Pfotenhauer in dem Band „Erschriebene Unendlichkeit“ zusammengestellt und kommentiert. Sie zählen nach Jean Pauls Verständnis mit zu seinem Werk. Pfotenhauer begründet seine Entscheidung, das Leben aus der Werkperspektive zu betrachten, mit dem frühen Entschluss Jean Pauls, Berufschriftsteller zu werden. Diesem Karriereplan, den der erst 18jährige entwirft, ordnet er alles unter. Hungerjahre waren die Folge, da seine ersten Veröffentlichungen nicht den erhofften Durchbruch erzielten. Der kam mit seinen Romanen „Unsichtbare Loge“ und „Hesperus“. Hatte Goethe die beiden Briefe Jean Pauls, die dieser zusammen mit den beiden Romanen zugesendet hatte, noch unbeantwortet gelassen, so ließ sich der inzwischen erfolgreiche Jungautor nicht länger ignorieren. 1796 kam es zu ersten Besuchen bei Goethe und Schiller. Die beiden Weimarer Götter verhielten sich im Gegensatz zu Herder und Wieland zunächst abwartend, dann ablehnend. In den „Xenien“ erschienen Spottverse über Jean Paul, Goethe nannte ihn in einem Gedicht „einen Chinesen in Rom“, Schiller beschrieb in einem Brief seinen Auftritt als „fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist.“ Jean Paul sprach später von den „eingeäscherten Herzen“ in Weimar.

Der Schriftsteller Ulrich Holbein nimmt in einem furiosen und virtuosen Doppelporträt „Ein Chinese in Rom“ einen Vergleich zwischen Jean Paul und dem ungleich berühmteren Goethe vor. Die Gedankenstudie ist voll grotesker Komik und unbändigem Sprachwitz. Der Geheime Rath Goethe nannte Jean Paul einen „Philister“, „das personifizierte Alpdrücken der Zeit“, Jean Paul bezeichnete Goethe als gefühllos und verkrustet, „ästhetischen Gaukler von Weimar“ und unnahbaren „Eispalast.“ Holbeins originelle und bisweilen funkelnde Darstellung wirft einen zweifellos neuen Blick auf Jean Paul und zeigt uns Goethe in einem etwas anderen Licht. Holbein schildert Goethes Ärger vor der „Zudringlichkeit Richters“ und zitiert den berühmten Satz, den Goethe äußerte, als er vor den Sauerkrautdelikatessen der herzoglichen Küche an der Fürstentafel in ein Separee floh und dort ein herumliegendes Buch aufschlug: die „Mumien“ von Jean Paul. Goethes gepeinigte Reaktion: „Nein, das ist zu arg! Erst Sauerkraut und dann 15 Seiten Jean Paul! Das halte aus, wer will!“

Rückt Helmut Pfotenhauer das äußere Leben Jean Pauls in den Hintergrund, so lässt Beatrix Langner in ihrer glänzend geschriebenen Biographie Leben und Werk in ihrem Zusammenhang Revue passieren, zeigt, wie das gewaltige Œuvre erst aus den Auseinandersetzungen des Autors mit seiner Zeit geschaffen werden konnte. Der Titel „Meister der zweiten Welt“ weist nicht auf eine Jenseitsidylle hin, sondern auf einen „inneren“ Zustand des Menschen. Langner beschreibt die Einflüsse von Aufklärung und Französischer Revolution auf die Entwicklung und das Selbstverständnis Jean Pauls, die existenziellen Nöte des jungen Autors, die zahlreichen Liebschaften des „notorisch Verlobten“, die unermüdliche Arbeit an den großen Romanen sowie das zuweilen spannungsreiche Familienleben der Richters. Dabei werden Lebensgeschichte und Persönlichkeit Jean Pauls subtil mit seinen dichterischen Werken verknüpft. Die neue Biographie von Beatrix Langner ist wohl das herausragende publizistische Ereignis zum Jean Paul-Jubiläum, ein sprachliches Meisterwerk.

Kenntnisreich werden die einzelnen Lebensstationen aufgezählt, darunter Leipzig, Weimar, Berlin, bis dann 1804 der Umzug nach Bayreuth erfolgte, wo Jean Paul bis zu seinem Tode im Jahre 1825 wohnte. Langners Biographie beschreibt detailliert, wie genau Jean Paul das geistige, soziale und politische Geschehen der Spätaufklärung und Restauration wahrnahm. Im vorletzten Kapitel „Menuett mit Engeln“ schildert sie das langsame Verlöschen und  Sterben Jean Pauls. Am 13. November, ein Tag vor seinem Tode, flüsterte Jean Paul auf seinem Sterbelager Christian Otto, seinem Freund aus Hofer Kindheitstagen, die Worte ins Ohr: „Du sollst sehen, ich will mit den Engeln ordentlich ein Menuett tanzen, man soll sehen, daß man in der Welt noch etwas werden kann, wenn es auch spät ist.“ Am 17. November 1825 wurden in Bayreuth am offenen Grab die Worte Jean Pauls gesprochen: „Der Todtdaliegende bin nicht ich, ihr irret, wenn ihr diesen für mich haltet.“

Dieter Kaltwasser

Besprochene Literatur:

Ulrich Holbein: Ein Chinese in Rom. Jean Paul und Goethe. Ein untendenziöses Doppelporträt. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2013. 320 Seiten, 19,90 EUR. ISBN-13: 9783942989275

Beatrix Langner: Jean Paul – Meister der zweiten Welt. C.H. Beck, München 2013. 608 Seiten, 27,95 EUR. ISBN-13: 9783406638176

Jean Paul: Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz. Mit Illustrationen von Stephan Klenner-Otto. Insel Verlag, Berlin 2013. 119 Seiten, 14,95 EUR. ISBN-13: 9783458193753

Jean Paul: Erschriebene Unendlichkeit. Briefe. Kommentiert von Markus Bernauer, Norbert Miller und Helmut Pfotenhauer. Hanser Verlag, München 2013. 783 Seiten, 34,90 EUR. ISBN-13: 9783446241367

Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auenthal. Bibliothek der Erstausgaben. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013. 144 Seiten, 7,90 EUR. ISBN-13: 9783423026871

Helmut Pfotenhauer: Das Leben als Schreiben. Biografie. Hanser Verlag, München 2013. 509 Seiten, 27,90 €

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher

Ein Kollektivwesen namens Goethe

Goethes Wohnhaus Am Frauenplan, Weimar / Foto: Bettina Johl

Die neue Dauerausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ im Goethe-Nationalmuseum Weimar

Keine Frage: Goethes Lebendigkeit, seine Aktualität und Anziehungskraft sind ungebrochen. Jährlich besichtigen rund 160 000 Besucher aus aller Welt die Orte seines Wirkens in Weimar. Zu seinem 263. Geburtstag am 28. August dieses Jahres feierte die Klassik Stiftung Weimar die Wiedereröffnung des Goethe-Nationalmuseums am Frauenplan mit der neuen Ausstellung »Lebensfluten – Tatensturm«; sie veranschaulicht das anhaltende Faszinosum Goethe, erklärt sein Fortwirken, in dem sie ihn als Zeugen der um 1800 einsetzenden Moderne präsentiert und Leben und Werk in zeitgenössischen Kontexten zeigt.

In elf Räumen wird die Vielschichtigkeit von Goethes Wirken über das rein literarische Schaffen hinaus verdeutlicht – von seiner politischen Funktion als Staatsmann, seinem zeichnerischen Werk bis hin zu seinen botanischen Studien. Der Titel der neuen Schau ist dem Auftritt des Erdgeistes in der Nachtszene des Faust I entnommen: »In Lebensfluten, im Tatensturm / Wall‘ ich auf und ab, / Webe hin und her! / Geburt und Grab, / Ein ewiges Meer, / Ein wechselnd Weben, / Ein glühend Leben, / So schaff‘ ich am sausenden Webstuhl der Zeit / Und webe der Gottheit lebendiges Kleid«.

Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, Präsident der Klassik-Stiftung, zählt auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb , er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern,  Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Die neue Konzeption der Ausstellung, deren Bestand auf zehn Jahre angelegt ist, soll sowohl das Interesse von Besuchern befriedigen, die Goethe neu für sich entdecken wollen, wie auch das von Studienräten und Experten, so Holler. Auf 800 Quadratmetern Fläche und in den thematischen Abschnitten Genie, Gewalt, Welt, Liebe, Natur, Erinnerung und Kunst, die zentrale Gedankenräume Goethes zusammenfassen, sowie der „Faust-Galerie“ werden die Besucher in einer „Zeitbrechung“  in die Vergangenheit und wieder in die Gegenwart zurückgeführt, um Goethes Erfahrungen und Ansichten auf ihre Gegenwartsrelevanz zu prüfen, so der intendierte „kulturanthropologische Ansatz“ der Ausstellung. Auf der „Faust“-Galerie, die ein verbindendes Element der thematischen Räume ist, kann die Großdichtung nach Stichworten durchsucht werden, entsprechende Zitate werden auf Leuchtbändern sichtbar. Die Ausstellung inszeniert, so Seemann,  die „Persönlichkeit“ Goethes wie ein sich stetig vergrößerndes Netz, das durch die Epoche der ›Sattelzeit‹ vor und nach 1800 gezogen wurde, als die Grundlagen und die Antagonismen der Moderne sichtbar wurden.

Goethes Reisemantel / Foto: Bettina Johl

Die über 500 Exponate sind Dokumente von Goethes Hand, Objekte aus seiner naturkundlichen Sammlung und Werke der Kunst wie die Federzeichnung »Genius des Ruhms« von Johann Heinrich Meyer und der »Juno Ludovisi«, aber auch Alltägliches aus Goethes Leben – von seiner Hofuniform,  über seinen Reisepass nach Rom bis hin zu seinem auf Reisen benutzten Schreibzeug, den Handschuhen von Ulrike von Levetzow, seiner letzten Liebe. Die Ausstellung ergänzt somit den atmosphärischen Eindruck des Wohnhauses auf eindrucksvolle Weise. Wer einmal in Weimar war, wird wiederkehren. Denn wir können dort auch etwas über uns selbst lernen, wenn wir es denn wollen. Am 17. Februar 1832, einen Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch mit Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht?  … mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Dieter Kaltwasser

Zur Ausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ ist ein Begleitbuch mit Beiträgen der Kuratoren sowie u.a. von Herbert Grönemeyer, Durs Grünbein, Michael Jaeger, Harald Lesch und Rafik Schami erschienen (288 Seiten, 162 Abbildungen, 14,90 Euro).

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Ausstellung, Geistesgeschichte, Literaturgeschichte