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Die Lütte – Eine Kurzgeschichte

von Bettina Johl

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Das Land verschließt sich die ersten Tage, immer, auch bei jährlicher Wiederkehr. Fremd liegen die Hügel, dunkel und verschwiegen die Kiefernwälder, – selbst ihren Duft – Inbegriff des mecklenburgischen Sommers, auf den du dich das Jahr über freutest, wie auf nichts sonst – scheinen sie zurückzuhalten. Jeder Grashalm scheint dich abzuweisen, dir die Frage zu stellen: „Was willst Du hier? Was suchst Du?“ Und du bleibst die Antwort schuldig, stehst ratlos, weißt nur, dass dir die Zeit weglaufen will, – drei Wochen sind verdammt kurz, ja, aber was will ich denn eigentlich hier?

Und es hilft nichts, – erst wenn du aufgehört hast, dir den Zugang mit Macht erkämpfen zu wollen, wenn du aufhörst, alles auf die gewohnte Art an dich reißen zu wollen, wenn du akzeptiert hast, dass diese Natur in ihrer weitgehenden Ursprünglichkeit ohne dich auskommt, sich zu Recht verschließt, dich nicht braucht, – und wenn du die Trauer darüber erneut zulassen kannst, dann erst merkst du, wie sich der Rhythmus zu verändern beginnt – oder bist es du selbst? Du beginnst, unmerklich einzutauchen, mit der Gegend zu verwachsen, wirst ein Teil von ihr, bis du merkst, dass es am Ende der dir hier verbleibenden Zeit für eine schmerzlose Trennung längst wieder einmal zu spät ist.

In flirrender Mittagshitze die schattigen Alleen entlang gehen, barfuß über sandigen Boden, ohne bestimmtes Ziel, einfach nur zu dem Selbstzweck des Unter-Bäumen-entlang-Laufens. Überhaupt: Solche Bäume! Mächtige Riesen, von denen jeder einzelne zuhause locker als Naturdenkmal durchginge. Hier bilden sie lange Tunnels, grün überwölbte Säulengänge, jede Art auf ihre Weise. Lindenalleen, im Sommer dunkel, geheimnisvoll, zugleich Schutz und Schatten gewährend. Höher, imposanter noch die Kastanienalleen, – immer wolltest du auch einmal ihre Blütezeit in dieser Gegend erleben, nie kam es dazu. Eichenalleen, majestätisch erhaben – beinahe unwirklich -, an gotische Kathedralen erinnernd. Gotisch, mit sehr viel Oberlicht, die hohen Eschenalleen, – eintauchen in flirrendes Hellgrün. Heller und unbeschwerter noch die Birkenalleen, trotz hohen Alters der Bäume Jugend und Fröhlichkeit ausstrahlend. Auch Obstbaumalleen fandet ihr hin und wieder: Eine Allee von alten Apfelbäumen entlang einer Nebenstrecke, die ihr oft nahmt, um auf dem Weg zu Freunden abzukürzen. Immer wieder Birnbaumalleen, einmal sogar eine kleine Allee von Pflaumenbäumen, meist an entlegeneren Straßen, auf denen euch auf rumpelndem Kopfsteinpflaster kaum ein Fahrzeug begegnete. Wenn doch, musste eines der Enge wegen auf den sandigen Seitenstreifen ausweichen, Staub wirbelte an trockenen Tagen auf; mit dem Weiterfahren musste gewartet werden, bis die Sicht wieder frei war. Straßen, die ins Nichts zu führen schienen, an deren Ende schließlich aber immer doch noch ein letztes, ein allerletztes Dorf lag, manchmal nur aus fünf Häusern bestehend, wo Scharen frei laufender Hühner und aufgeregt schnatternder Gänse mitten auf dem Weg dich am Vorankommen hinderten, was dich nie störte, solange kein Einheimischer von hinten Hupkonzerte veranstaltete und zu halsbrecherischen Überholmanövern ansetzte. Ende der Welt? Wohl doch nicht, denn auf dem Schild saht ihr die Vorsilbe „Groß-“ dem Ortsnamen vorangestellt; ein weiteres Schild am Ortsende, an einer Straße, die eigentlich nur mehr noch ein Sandweg war, verwies auf den nächsten mit „Klein-“ beginnend, und es bereitete euch gewisses Vergnügen, euch vorzustellen, wie klein dann erst dieser sein mochte.

Wenige, die sich in selbige entlegene Gegend verirrten. Es war gerade die Ruhe fernab der touristisch bereits erschlossenen Orte, die euch anzog. Hin und wieder suchtet ihr natürlich auch die äußerlich attraktiveren Plätze auf, – um hernach stets wieder gern in die Stille dieses zurückgezogenen Landstrichs abzutauchen. Eine Stille – Balsam für euch, für viele der hier Lebenden jedoch – ihr wusstet es, bekamt es in Gesprächen mit – nervenzehrend, Friedhofsruhe bedeutend. Die Ortschaften ähnelten sich: Ein verfallener Gutshof, umstanden von teilweise genutzten Genossenschaftsgebäuden, einige schlichte, kleine Häuser, dazwischen ein, zwei große Plattenwohnbauten. Sandige Wäscheleinenplätze, mehrere Reihen kleiner Doppeltüren-Garagen. Dazwischen ungehindert wachsendes Gras, Königskerzen und halbwild wachsende Stockmalven, hohe Bäume. Nirgendwo die geringsten Symptome zwangsverhaltensartigen Heckenschneidens und Rasenmähens. Idylle in der Unaufgeräumtheit; – an die Hässlichkeit sozialistischer Bauvergangenheit und der dem Verfall preisgegebenen Häuser aus Zeiten davor gewöhntet ihr euch, – auch Ruinen lässt sich mancher Charme abgewinnen -, freutet euch an der Natur, die hier überall dazwischen Raum fand, – nahezu grenzenlosen Raum.

So auch das Dorf, in dem ihr des Öfteren bei einer Freundin zu der einen oder anderen Tasse Kaffee Station machtet. Sie besaß ein Grundstück unmittelbar gegenüber dem  Plattenbau gelegen, in dem sie wohnte; dazwischen eine Durchgangsstraße mit weißem Mittelstreifen, auf der es sich niemand einfallen ließ, auf etwaige Geschwindigkeitsbeschränkungen zu achten. Kein Überweg. Überqueren ein tägliches Abenteuer, wenn nicht ein Alptraum. Sie bewirtschaftete auf dem jenseitigen Grundstück Stall und Garten, während sie, nachdem ihr Mann nicht lange nach der politischen Wende plötzlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, das neu gebaute Haus darauf vollständig der Tochter überlassen hatte. Auf dem Hof tummelte sich stets eine Vielzahl an Tieren, nebst Hühnern, Tauben und einem betagten Pony, einige Hunde und Katzen, die sie zum Teil verletzt auf jener Straße aufgesammelt und unter Einsatz ihrer Liebe und ihrer Ersparnisse, die für die teuren Tierkliniken draufgingen, aufgepäppelt hatte. Das Ganze hatte bei allem eine tragische Komik, und einen ihrer berühmten Sätze: „Die Katze war halb tot! Mindestens!“ zitiert ihr bis heute immer wieder gern; er wurde gewissermaßen zum Running Gag. Jene Katze, von der er handelte, war eine vielbewunderte Schönheit, dreifarbig – Glückskatze! -, mit glänzendem Fell, die noch ein recht langes Leben haben sollte. Ihre schlimme Vorgeschichte war ihr fast nicht anzusehen, außer, dass sie in der Bewegung etwas trudelte, ihre Hinterbeine beim Gehen ein wenig in eine andere Richtung steuerten. Dies schien sie jedoch kaum zu stören; sie schaffte es sogar, ohne Hilfe auf die Fensterbank zu springen. Sie teilte die Wohnung und den Platz im Herzen ihrer Retterin mit einem kleinen, ebenfalls einst zugelaufenen Hund unbekannter Rasse, der sich stets buchstäblich vor Freude überschlug, wenn er euch nach einem Jahr wiedersah, keinem von euch mehr von der Seite weichen wollte und euch häufig bei euren Streifzügen begleitete, auch zum Baden an einem versteckt gelegenen See, an den man gelangte, wenn man ein kleines Kiefernwaldstück durchquerte.

Es gibt in der Gegend ungezählte Seen; auch sie liegen still und unaufdringlich, man nimmt erst nach und nach wahr, wie viele ihrer sind. Diesen mochtet ihr besonders; er wurde fast nur von Kindern aus dem Ort und aus einem nahegelegenen Ferienlager für Stadtkinder aus Berlin aufgesucht. Jene bildeten eine fröhliche, angenehme Gesellschaft, und sowie sie zur nächsten Unternehmung aufbrachen, hattet ihr die Wiese und Steg wieder für euch, konntet am Ufer im klaren, seichten Wasser die kleinen, transparent schimmernden Fische beobachten, die sich, sobald Ruhe eingekehrt war, wieder aus dem Schilf wagten.  Die Wassertiefe war so beschaffen, dass man in Ufernähe überall stehen konnte, und nahm bis fast zur Mitte des Sees auch nicht weiter zu, so dass sich selbst diejenigen hinein trauten, die offenen Gewässern größten Respekt entgegenbrachten. Es gab ein kleines Strandcafé, in einer winzigen Hütte mit nur zwei Tischen auf der engen Holzterrasse, die jedoch selten belegt waren. Dort gab es stets Getränke, Eis und guten Kaffee, – was wolltet ihr mehr?

Manchmal kehrtet ihr auf dem Rückweg im einzigen Gasthof des Ortes ein, der gleich am Wald lag, wo eine kleine, stillgelegte Bahnstrecke verlief. Das Gebäude mochte früher zum Bahnhof gehört haben, als dieser noch in Betrieb war. Der Pächter schien das Restaurant, das vermutlich zuvor längere Zeit leer stand, noch nicht allzu lange zu betreiben; die Einrichtung wirkte neu. Tatsächlich fanden sich hier zuweilen einige Feriengäste ein. Das hiesige ehemalige Gutshaus war frisch renoviert und beherbergte Ferienwohnungen, welche zur Saison recht gut besucht waren, oft genutzt von Familien, die in Begleitung ihrer Hunde Urlaub machten. In dieser Gegend waren Haustiere noch willkommen. Eure Freundin allerdings geriet zuweilen an den Rand einer Krise, da ihr kleiner, vierbeiniger Schützling – sein Name war Rudi! -, so sanft er sonst war, die Macke hatte, mit jedem hinzukommenden Rüden unverzüglich Streit anzufangen, und zwar ohne sich um desselben Größe und eventuelle körperliche Überlegenheit zu scheren. Restaurantbesuche fielen demzufolge immer ähnlich aus: Ängstliches Umsehen bereits in der Tür, – ist da ein Hund – nein? – gut! Wenn ja – Hund oder Hündin? Hündin? Alles okay! Hund? „Nee, ich glaube, wir drehen noch eine Runde und kommen später wieder!“  War diese Hürde überwunden, der kleine Raufbold an kurzer Leine unterm Tisch verstaut, konnte sich die einstweilen entspannte Situation jederzeit ändern, sobald eine neue Familie das Lokal betrat. Argwöhnisches Beäugen. Hund dabei? – Nein. Erleichtertes Aufatmen. – Ja! – Hund oder Hündin? – Hündin? Okay. – Hund? „Ich muss hier raus!“ Sie traue sich, erzählte sie, ohnehin kaum noch, mit ihm Gassi zu gehen, da draußen sehr viele unangeleinte Tiere von Kampfhundeformat herumliefen, manchmal ohne Begleitung, und wenn in Begleitung, dann sähen die Zweibeiner oft noch weniger vertrauenerweckend aus. Die meisten seien wohl ganz harmlos, aber wer könne das wissen? – „Die fühlen sich stark, weil alles Angst vor ihnen hat, und – wie gesagt, mein Hund fängt mit den größten Tölen Streit an. Neulich blieb mir fast das Herz stehen, – saß da so ein Typ – Glatze, Springerstiefel, Tattoo – was sonst? – mit einem Riesen-Pitbull auf der Stufe mitten in der Haustür. Ich kam vom Hof drüben zurück und hatte die Katze dabei, weil sie nicht gern allein oben bleibt; da saß er da und versperrte mir den Weg. Was tun? Ich hatte keine Wahl. Ich sagte zu ihm: ‚Halten Sie bitte den Hund fest, ich muss mit der Katze hier durch.‘ Glotzt er mich blöde an, grinst und sagt: ‚Na klar, die macht meiner hier sonst mit einem Happs alle!‘ – Wisst ihr, was ich dem gesagt habe? Hey, ich hatte so eine Wut! ‚Ja, das werden wir sehen, – dann mach ich SIE alle!‘, hab ich zu ihm gesagt, ja, wirklich, – ihr lacht! Wenn ihr wüsstet, was ich für eine Angst hatte! Aber wütend war ich noch mehr. Und der? Glotzte noch blöder! Ich sagte: ‚Ja, Sie haben vollkommen richtig gehört. SIE mach ich dann alle! Nicht Ihren Hund, – der Hund kann nix dafür! Tiere können nie was dafür. Ihr Hund ist ganz in Ordnung, was wetten wir? Ich mag Hunde, ich hab selbst welche, und die kommen auch mit Katzen klar. Die Verantwortung hat immer der Mensch! Ich sage Ihnen: Sorgen Sie gut für ihn, Sie tragen die Verantwortung! Schauen Sie: Sie sitzen hier mit dem Tier ewig in der prallen Sonne auf der Treppe herum. Der Hund hechelt! Hat er die letzten Stunden mal Wasser bekommen? Natürlich nicht, – was frage ich! Lassen Sie mich durch und bleiben Sie hier!  Ich bring die Katze hoch und hol ihm Wasser.‘ – Stellt Euch vor“, sagte sie, schwankend zwischen Schaudern und Lachen, „der sagte wirklich keinen Ton und hielt den Hund am Halsband fest. Ich ging nach oben, hab erst mal die Katze abgesetzt, die nur noch aus gesträubtem Fell bestand, hab Wasser in eine Schale rein und mich gefragt, ob er wirklich warten würde. Ich kam runter, und er war noch da. Sein Hund hat die Schüssel – kaum hingestellt – in ein paar Sekunden leergetrunken. – ‚Sehen Sie, wie der Hund Durst hat‘, hab ich gesagt, ’nächstes Mal, wenn Sie wieder so lange hier sind, klingeln Sie, und ich bring ihm Wasser, verstanden? Dabei vergeben Sie sich nix! Und ich sag’s Ihnen nochmal: Sorgen Sie mir gut für das Tier! Sonst gibt das Ärger!‘ – Ich weiß nicht, ob er sich’s gemerkt hat, jedenfalls grüßt er jetzt neuerdings, wenn er da unten mit dem Hund rumläuft und mich sieht.“ – Ihr hattet euch gekugelt vor Vergnügen bei der Vorstellung, wie eure Freundin, ein eher grundängstlicher Mensch, ihren letzten Mut zusammenraffte und diesem Typen die Meinung geigte. Es war ihr jedoch durchaus zuzutrauen; sie wurde ohne Weiteres zur Löwin, wenn es um die Tiere ging.

An diesem Abend dämmerte es draußen bereits, – der Spätsommer ließ die schnell kürzer werdenden Tage erahnen -, das Restaurant hatte sich geleert. An den Tischen wart ihr die einzigen Gäste, nur am Tresen saßen noch zwei jüngere Männer. Es schien sich um Einheimische zu handeln, die öfters hier verkehrten; sie duzten die Kellnerin, ließen sich ein Bier nach dem anderen bringen und sprachen sonst wenig. Ihrer Gestik und Mimik ließ sich jene Mischung aus Erschöpfung und Resignation ablesen, die du während jener Sommeraufenthalte oft bei Menschen dieses Landstrichs beobachtet hattest.  Der eine von ihnen blickte die meiste Zeit stumm vor sich hin, während der andere zwischendurch kurze Worte mit der Kellnerin wechselte. Immerhin: Dass die beiden ihr Bier am Tresen tranken, ließ darauf schließen, dass sie  Arbeit hatten, – längst nichts Selbstverständliches in dieser Gegend. Mehrmals saht ihr im Laufe eines Abends Menschen, deren Aufzug nicht darauf deuten ließ, dass sie in Lohn und Brot standen, hereinkommen, um am Tresen Geld für den Zigarettenautomaten zu wechseln und wieder gingen, sich noch in der Tür mit zitternden Händen die Zigarette anzündend, am Arm Discountertüten, an deren Ausbuchtungen sich deutlich die Form der darin befindlichen Bierdosen abzeichnete.

Zwei Frauen betraten den Gastraum, eine schon älter, die andere sehr jung, im Gesicht allerdings deutliche Spuren zu frühen Alterns. Sie wirkten beide nachlässig frisiert, steckten in unförmigen Trainingshosen und Kapuzenshirts, die farblich nicht zueinander passten, und waren in Begleitung eines winzig kleinen Mädchens in einem schmutziggrauen, sackförmigen Hängerkleidchen, von dem schwer zu sagen war, ob es sich angesichts der Uhrzeit hierbei bereits um ein Nachthemd oder noch um Tagesoutfit handelte. Die beiden Männer am Tresen grüßten sie kurz – offenbar kannten sie sich, wechselten jedoch nur wenige Worte. Die Kleine wirkte seltsam unbeteiligt, tapste unbeholfen herum, streichelte den Hund beiläufig und wurde von den Frauen, die mit dem Wechseln von Geld und dem Bedienen des Zigarettenautomaten beansprucht waren, nicht weiter beachtet. „Magst ’nen Lolli haben?“ fragte die Kellnerin. Die Kleine sah sie verunsichert an, nickte dann. Der Automat schien zu streiken, die Frauen wurden hektisch, die Kellnerin musste zur Hilfe kommen. Eine längere Prozedur. Das Mädchen lutschte einstweilen gedankenverloren an ihrem Lolli, der rötliche Farbspuren auf Gesicht und Kleid hinterließ und beobachtete den Hund. Schließlich schienen die technischen Probleme behoben, die jüngere Frau riss ihre Zigarettenschachtel auf, kaum dass sie diese in der Hand hielt und wandte sich an den einen der beiden Burschen. „Haste mal Feuer?“ – „Klar, hier!“ – Er ließ sein Feuerzeug aufflammen. Die Frau nickte ihm kurz zu und wandte sich zum Gehen. – „Hey, vergesst die Lütte nicht!“ rief er den beiden hinterher. Die Ältere war bereits durch die Tür. Die Jüngere drehte kaum den Kopf:  „Kathy, komm!“ Es klang gleichgültig. Von der Kleinen war nichts zu sehen. „Wo ist sie überhaupt? Ist sie mal wieder hinten raus? – Ach nee, da unterm Tisch! Was machst ’n da wieder? Ach so, der Hund, – alles klar!“ Sie seufzte. „Immer mit den Hunden… Nun komm, lass den Hund, wir gehen!“ Sie verließ den Raum. Die Kleine reagierte nicht. Der junge Mann wandte sich ihr zu: „Na, komm, Kleine, du musst schon mitgehen; hier kannste ja nicht bleiben!“ Von draußen rief es zum zweiten Mal: „Kathy, komm, – lass den Hund!“ – „Kommst ja wieder!“, meinte der Bursche aufmunternd. Das Mädchen sah ihn an und lief zögernd hinaus. „Nun sieh dir das an!“ rief er, als sie verschwunden waren, „Echt, ich fass es nicht!“ – „Was ’n los?“ brummte sein Kumpel. „Die Lütte! Haste gesehen, wie der die rumlaufen lässt? Ey, ich fass es nicht, – wie kann der die Lütte so rumlaufen lassen! Ist nicht mal imstande, seine Tochter ordentlich anzuziehen, der Drecksack!“ – „Wen meinste denn?“ fragte der andere irritiert, der nichts begriff.  „Na, die Lütte – die Kleine eben -, das ist doch dem Fiete seine! Wie der die rumlaufen lässt! Würdest du Deine Tochter in so ’nem Aufzug rumrennen lassen?“ Der andere zuckte mit den Schultern. Die Aufregung seines Kumpanen blieb ihm unverständlich. „Dass der sich nicht schämt! MEINE Tochter würde SO NICHT rumlaufen, das kann ich dir flüstern, und wenn ich mir die Butter vom Brot kratzen müsste, aber DIE bekäme was Gescheites anzuziehen! Saufen, das kann er! Und seine Tochter läuft in den letzten Fetzen rum! – Hey, Jule, sei so gut, mach mir noch ´n Pils! – Ey, ich fass es nicht, – nee! – die Lütte so rumlaufen lassen…“ Er schaute zu euch herüber: „Stimmt doch, oder nicht? Ihr seid nicht von hier, oder?“ Ihr schütteltet die Köpfe. „Woher?“ Du machtest eine unbestimmte Bewegung. „Südwesten.“ Froh, darüber, das sagen zu können. „Westen“ allein hätte komisch geklungen; das sagte längst keiner mehr. Orte nennen jedoch war meist zwecklos. Sie sagten hier keinem etwas. Ihm schon. – „Kenn ich,“ – sagt er, „war ich schon ganz in der Nähe auf Montage. Ist ’ne Weile her. Hatte eigentlich Glück; Arbeit hatte ich immer…“ Er schnaubt verächtlich. „Glück, ja, – was heißt Glück?! War halt immer unterwegs auf Montage. Als ich dann eines Tages heimkam, fand ich meine Freundin mit meinem besten Kumpel im Bett, das war’s dann. So war das. Dumm gelaufen. Wenigstens keine Kinder. – Aber der Fiete! Da hat er nun die Tochter und lässt sie so ‚rumlaufen!“ Er schüttelte den Kopf, schaute wieder vor sich hin. Vor der Tür regte sich Tumult. Die beiden Frauen waren nochmals zurückgekommen, schienen in Aufregung.  „Hey, habt ihr der Kleinen ihren Schuh gesehen?“ Zwischen ihnen stand das Mädchen, am abgekauten Stiel ihres Lolli knabbernd. Einer seiner Füße steckte in einer Sandalette, den anderen zog es bloß hinter sich her.  „Oh nee, – ihr seid ja schon wieder da! Was? Den Schuh verloren? Nee, wirklich!“ Der Bursche begab sich auf seufzend alle Viere und zog schließlich eine Sandalette unter dem Tisch hervor. „Da haben wir ihn ja, – hier ist das flotte Teil!“ Er warf sie der Mutter zu. „Bei DER Kostümierung hätt‘ ich meinen Schuh allerdings auch weggeworfen! Sag Deinem Alten ’nen Gruß von mir: Er soll weniger saufen und seiner Tochter lieber anständige Sachen kaufen! Die Lütte so rumlaufen lassen, – nee!“ Die Frau machte nur eine wegwerfende Handbewegung. „Kathy komm, lass den Hund, – willste noch den andern Schuh verlieren? Jetzt ab nach Hause, komm!“ -„Ja, so kann man das auch nennen! DAS Zuhause, das stell ich mir lieber nicht vor!“ knurrte er vor sich hin. „Die Lütte so rumlaufen lassen, – nee!“ Er setzte sich, noch immer kopfschüttelnd, wieder an den Tresen.

Die drei schienen endgültig von dannen gezogen. Auch wir waren bereit zum Aufbruch. „Dann macht’s mal gut“, sagte er zu uns. „Kommt ihr noch mal, habt ihr noch paar Tage?“ – „Wir müssen morgen zurück.“ – „Schade. Grüßt mir den Süden! Es war ganz nett dort. Vielleicht verschlägt ’s mich ja mal wieder hin.“ Wir verabschiedeten uns. Am Parkplatz standen die beiden Frauen und rauchten. Sie sprachen kein Wort. Von der Kleinen war nichts mehr zu sehen.

Copyright Bettina Johl

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Im Frühsommer

Buchfink

Image by karsten.planz via Flickr

Juni

Mein Freund, der Buchfink
Drüben auf dem Holzstapel
Schmettert sein Lied
In den Abendwind
Gleich wie er es tat
In der Morgendämmerung

Sein Lied
Ist Anbetung
Ist Leidenschaft
Eine Liebeserklärung an den Tag
Seiner Schattenseiten
Ungeachtet

Ein Gedicht, das ich in sehr jungen Jahren niederschrieb, mit der gewissen Holprigkeit von Gedichten, die heranwachsende Menschen zu schreiben pflegen, – eines, dem ich – dem Zeitpunkt dieser Momentaufnahme entsprechend – den schlichten Titel „Juni“ verlieh. Es war eines der wenigen, die allen wütenden Vernichtungsaktionen, denen vieles damals zu Papier gebrachte stets wenig später zum Opfer fiel, – übrigens, ohne dass ich im Rückblick darüber Reue empfinde -, standhalten konnten, weil es mir im Gedächtnis haften geblieben ist.

Juni, – das war ein Monat, den ich mochte, – ein ehrlicher Monat, in dem sich die überladene Süßlichkeit des vorausgehenden Mai allmählich verzog, auflöste und in einen schlichteren Frühsommer überzugehen versprach, mit dem ich bei weitem mehr anfangen konnte.

Der kleine Vogel mit seiner ganzen Hingabe an seinen Gesang muss bei mir bereits damals einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Kaum dass ich ansonsten in jenen Tagen mehr als einen Sperling von einer Amsel zu unterscheiden vermochte. Außer der Bewunderung für die Fähigkeit, sich ungehindert in der dritten Dimension bewegen zu können, blieb mir in dieser Lebensphase die Vogelwelt eher fremd, waren mir ihre Vertreter im wahrsten Sinne zu flüchtig, war ich mehr den vierbeinigen Wesen wie Pferden und Katzen zugeneigt, in deren Fell man sein Gesicht vergraben konnte, wenn die Welt ein weiteres Mal wieder nicht zu ertragen war.

Der Buchfink mit seinem anmutigen Charme jedoch hatte es irgendwie geschafft, sich in mein Herz zu stehlen, – er, der wenig Scheue -, der es auch in späteren Jahren verstand, sich immer wieder unvermittelt  am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu zeigen, – manchmal schicksalhaft, manchmal nur als erfreuliche Zufallsbegegnung, den Weg kreuzend während einer Wanderung, oder – Ferienerinnerung! – beim frechen Kuchenkrümel-vom-Tisch-stibitzen unterm Leuchtturm einer Ostseeinsel.

War es sein Name, der mich ihm eine besondere Weisheit andichten ließ? Immerhin lässt dieser ja seinem Klang nach geradezu auf einen belesenen Vogel schließen, wider das bessere Wissen, dass man ihn natürlich nicht nach dem bedruckten Buch benannte, sondern vielmehr nach der Buche, die wiederum  dem Buch den Namen verliehen haben soll, – dem Baum, dessen Früchte ihm als Zugehörigen der Finkenfamilie – neben anderen Sämereien und Früchten – zur Nahrung dienen.

Dies jedoch nimmt ihm nichts. Ich mag die Buche, die vielerorts Mutter des Waldes genannt wird, ihren geraden, hohen Wuchs, – stattlich mit zunehmendem Alter, lehne mich gern an ihren kraftvollen Stamm und fühle ihre sonnenwarme, glatte Rinde, – es hat etwas Aufbauendes , Tröstendes , etwas,  wozu die Unverdrossenheit des kleinen Vogels, den sie nebenbei nährt, gut passt.

Oft habe ich seine Schönheit bewundert. Sein Gefieder ist farbenprächtig, aber nicht schreiend bunt, vielmehr  in harmonischen Tönen und Nuancen auf seine bevorzugte Umgebung abgestimmt. Das der Weibchen ist ganz ähnlich, – etwas schlichter, aber unverwechselbar. Letztere fielen mir stets durch ihr selbstbewusstes Gebaren auf, – sie stehen gar im Ruf, zuweilen im Winter fortzuziehen, die Männchen vor Ort zurücklassend, – Auszeit, Urlaub allein, ganz unter Frauen! -, um hernach ihre Partnerschaft in einer selbst gewählten Beziehung mit gleichberechtigter Aufgabenverteilung fortzusetzen. Allen Respekt!

Im Garten meiner Eltern sind die Bäume inzwischen hoch gewachsen. Mein Freund, der Buchfink – natürlich ist es nicht mehr derselbe wie einst – ist nicht mehr auf den Holzstapel als Singwarte angewiesen; ich höre ihn auf dem Wipfel einer hohen Fichte, während ich dies schreibe. Viele Vogelarten suchen den Garten auf, sind mir liebe Freunde: Das Rotkehlchen mit seinem perlenden Gesang, die Kohlmeisen, welche schon einmal neugierig ins Fenster geflogen kommen, die kleineren, lebhaften Blaumeisen – geschickte Akrobaten auf dünnsten Zweigen -, streitlustige Grünlinge mit durchdringenden Rufen, die farbenfroh leuchtenden Stieglitze in ganzen Schwärmen auf der Durchreise, prächtige Bergfinken als Wintergäste, beinahe handzahme Amseln. Dann die Haussperlinge – zeternde Raufbolde im Efeu an der Hauswand -, der Jahr für Jahr unter dem Dach nistende Hausrotschwanz, der pfiffige, kopfunter an den Gehölzen hängende Kleiber, der sich von den bereitgestellten Sonnenblumenkernen immer so viele mitnimmt, wie irgend in seinen langen Schnabel passen, der Buntspecht, der wohl auf der gegenüberliegenden Streuobstwiese seine Nisthöhle hat. Man erzählte mir von einer Begebenheit, die ich nicht selbst beobachten konnte: Einer der jungen Buntspechte – noch mit der roten Punkfrisur des Jungvogels -, habe Nüsse vom Haselstrauch in die Rindenspalten des benachbarten Fliederbusches gesteckt, um sie auf diese Weise zu knacken. Er muss einen lustigen Anblick geboten haben, wie er emsig hämmerte, während unter dieser Spechtschmiede, wie es die Fachleute nennen, zu denen ich nicht gehöre, kleine, erst wenige Tage flügge Kohlmeisen aufgeregt herum hüpften, in der Erwartung ihres dabei zu Boden fallenden Anteils. Mein Buchfink hingegen hält sich eher im Hintergrund. Falls sich sein Nest in der Nähe befindet, so zeigt er es nicht. Nur sein Gesang ist stets zu hören.

Auch an anderen Orten findet er sich schnell in nächster Nähe ein, – es scheint unter seiner Art eine geheime Absprache zu geben, die ich nur vage durchschaue. Einmal, als du, mein Freund, mich während eines Kuraufenthaltes besuchtest, saß er bei einem Spaziergang vor uns auf dem Weg, ohne wegzufliegen, bis wir uns auf weniges genähert hatten. Du machtest einen raschen Schritt auf ihn zu, und ich versuchte, dich daran zu hindern, – rief – zu spät: Verjag ihn nicht! – Du wolltest jedoch nur feststellen, ob er vielleicht eine Verletzung hatte und womöglich nicht mehr fliegen konnte. Er flog erschrocken auf. Du konntest nicht wissen, dass er zu mir gehörte, in meiner Nähe sein musste. Mein Erschrecken war tiefer, anhaltender, ich fühlte mich verlassen und nahm es als kein gutes Omen, konnte die Traurigkeit, die sich in mir ausbreitete, nicht mehr so leicht loswerden, – es folgten beschwerliche Zeiten. Irgendwann jedoch war er wieder da, ein anderer – gewiss! – und doch schien es stets derselbe zu sein.

Auf seiner Belesenheit jedoch bestehe ich, – zu oft erschien er in der Nähe meines Dichters, und dies oft in entscheidenden Augenblicken, wenn ich – einmal wieder in Krisenstimmung, eigene Projekte in Frage stellend, abergläubisch auf ein Zeichen hoffend – jenen aufgesucht hatte. Wie es einmal so ist, werden eindeutige Zeichen stets auf sich warten lassen – oder wir übersehen diese; es liegt an uns selbst, was wir als ein solches Zeichen ansehen wollen, wie wir es für uns deuten – und was wir letztlich daraus machen. Der Dichter jedenfalls würde sich unterstehen, mir von seinem Bronzerelief herunter verschwörerisch zuzublinzeln oder ähnliches, – so viel stand fest, – ich war ohne überzogene Erwartungen zu ihm gekommen. In der Nähe befand sich ein Biergarten, den wir – Mutter und Sohn – besucht hatten, um uns eine Live-Leinwandübertragung eines Fußball-WM -Spieles – welches wir übrigens verloren – anzuschauen, und ich hatte das Areal klammheimlich für kurze Zeit verlassen, weil Dinge anderer Art mich umtrieben.

Mein Freund, der Buchfink, war vor mir an Ort und Stelle, saß im Schein der untergehenden Sonne nahe dem Relief des Dichters auf einem vorspringenden Ast – und sang aus Leibeskräften. Als ich mich näherte, hüpfte er noch ein Stück vor, saß einen Augenblick still, während ich den Atem anhielt, sah mich eine Zeitlang an – und flog auf. Stille umgab mich. Der Blick des Dichters blieb wie gewohnt in sich versunken in die Ferne gerichtet. Dennoch schien er zu sagen: Auf welches weitere Zeichen wartest du? Noch dazu, nachdem es von Anfang an nie Zweifel darüber gab, wie du dich entscheiden würdest? – Ich zögere einen Augenblick lang. Er – und mein Buchfink – hatten wie immer Recht. Ich murmelte meinen Dank, mich indessen verstohlen umsehend, ob es nicht etwa jemand mitbekommen haben könnte, – keine Gefahr, wer verirrt sich um diese Zeit zu den Dichtern, während die WM läuft? – und kehrte zum bunten Treiben des Gartenlokals zurück.

Im darauf folgenden Frühjahr besuche ich das Grab des Dichters an dem Ort, wo dieser bis zu seinem Tod die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte, – in geistiger Umnachtung, sagen viele. Wir wissen es anders. Und wieder – ich verwundere mich noch nicht einmal sehr – ist der kleine Vogel vor Ort, tummelt sich fröhlich in den Zweigen der Bäume, fliegt herunter, hüpft durchs Gras, bis er sich schließlich auf den Grabstein setzt, auf dem außer Blumen auch – wohl nach jüdischer Sitte – Steine abgelegt sind, und dort laut schmetternd  sein Lied singt. Ich versuche ihn zu fotografieren, – er entwischt mir natürlich. Es gibt Momente, die sich nicht mit technischen Mitteln einfangen lassen.

Er bleibt in der Nähe, sieht mich herausfordernd an, turnt durch die Zweige, spielt den Clown. Na, na, – necke ich ihn, wie verträgt sich dies mit der Friedhofsordnung, – du weißt doch: der Würde des Ortes angemessen… Er legt sein Köpfchen schief, – es fällt nicht schwer, sich einzubilden, als frage er zurück: Kennst du jemanden, der sich der Würde dieses Ortes und unseres Dichters angemessener verhält als ich? – Nein, – gebe ich zu, – wahrhaftig nicht! – Aber, – wie kommt es eigentlich, – frage ich leise, während er wieder zu einem etwas höher gelegenen Zweig flattert, – dass ich dich stets zuverlässig an diesen Orten antreffe? – Warum fragst du, – glaube ich meinen Freund von oben zu hören, – du weißt es doch längst? Mein Name ist nun mal – Buchfink…

© Bettina Johl

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Weißer Hahnenfuß – Eine Kurzgeschichte

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Ein inneres Bild hatte uns hergeführt. Eine Erinnerung, verschwommen, in Blau, Gelb und Weiß: Eine Wiese voller Vergissmeinnicht, Sumpfdotterblumen – und weißem Hahnenfuß, von dem wir eine lange Zeit gar nicht wussten, dass es ihn gibt.

Vieles wissen wir nicht mehr – aus jenen früheren Tagen, als es auf Wiesen noch mehr Blumen geben durfte, als diese noch nicht völlig überdüngt waren, bis nur noch Löwenzahn auf ihnen gedeihen konnte. Was wir lange genug nicht mehr zu Gesicht  bekommen haben, hören wir offenbar irgendwann auf zu vermissen. Nur manchmal stolpern wir noch unvermittelt über letzte Refugien, stehen dann staunend vor Wiesenstreifen – schmal meist nur – von leuchtend tiefblauem Salbei, manchmal sich abwechselnd mit dem Zitronengelb des Klappertopfs, den ebenfalls fast niemand mehr kennt, – oder  filigranen Kuckuckslichtnelken, die früher ganze Auen in einen rosa Teppich zu verwandeln vermochten – oder vor dem Traumbild eines wogenden Getreidefelds mit Kamille, Mohn und Kornblume. Hatten wir sie tatsächlich vergessen, den schleichenden Verlust an Farbe in der Landschaft nicht wahrgenommen? Und wundern uns wahrhaftig, dass an solchen Plätzen auch die Schmetterlinge wieder zurück sind; Falter, die wir mitunter nicht mehr benennen können, weil wir sie aus den Augen verloren hatten, sowie viele farbenprächtige Insektenarten, deren Namen wir längst auch nicht mehr wissen.

Ich habe mir angewöhnt, mir diese seltenen Stellen einzuprägen, und diese fand ich wieder, – fand sie genauso vor, wie ich sie in Erinnerung behalten hatte. Die Jahreszeit stimmte. Es führt ein Weg dorthin, aufwärts, entlang des Oberlaufs eines Gebirgsflusses, der hier – von seiner unterhalb des Höhenrückens gelegenen Quelle kommend – über ein beeindruckendes Gefälle von rotem Gestein, welches vom vulkanischen Ursprung der Gegend zeugt, seine weitere Reise ins Tal hinunter nimmt. Ein Weg, der – neben der Faszination des Wassers – interessante geologische Besonderheiten aufweist und so trotz seiner beträchtlichen Steigungen recht kurzweilig zu gehen ist. Der Platz, der sich mir ins Gedächtnis eingegraben hatte, liegt noch nicht weit vom Eingang des Hochtals an einer Biegung des Wasserlaufs, bevor die Schlucht sich zu verengen und der Weg anzusteigen beginnt. Jene Kehre hatte auf einem Stück ebenen Untergrunds eine Feuchtwiese entstehen lassen. Der Platz bietet eine gute Gelegenheit zu einer Rast; entsprechend hatte man ihn mit einer Schutzhütte und mehreren freistehenden Bänken sowie einem eingefassten Brunnen ausgestaltet.

Wir fanden alles so vor, wie ich es von meinem ersten Besuch in Erinnerung hatte: Der weiße Hahnenfuß, in der Mittagssonne flimmernd im fast unwirklichen Dunkelgrün des Grases, welches stets auf nassen Untergrund schließen lässt, jenes wiederum zum Ufer des Bachs hin vermehrt mit leuchtenden Tupfen vom Gelb der Sumpfdotterblumen durchzogen, während das unaufdringliche Blau der Vergissmeinnicht erst auf den zweiten Blick sichtbar wurde, wenn die Augen sich allmählich an die Sonnenlichtreflexe gewöhnt hatten.

Ich war glücklich, der Freundin diesen seltenen Winkel zeigen zu können, und wir mussten ihn nur mit wenigen Menschen teilen. Zwar war es einer jener kaum Ruhe verheißenden Feiertage im Frühling, die das Wandern geradezu im Kalender vorschreiben, – mit all den unsäglichen Begegnungen und grauenvollen Anblicken, die solches mit sich zu bringen pflegt: Eltern mit krampfhaft Fröhlichkeit vorschützenden Mienen, mäkelnde Kleinkinder und maulende Teenager hinter sich her zerrend, im vergeblichen Versuch, diese mit der Aussicht auf ein späteres Eis zum Durchhalten zu motivieren. Was schiefgehen muss, denn Stadtkinder, die einmal im Jahr zum Wandern hinaus gejagt werden, mit der Begründung, dass am Kalenderersten des Wonnemonats nun mal gewandert werden müsse, – und jetzt zieht mal nicht so ein Gesicht, mehr Fröhlichkeit bitte! – sind nun mal so gar nicht zu begeistern und schaffen erst recht keinen Gewaltmarsch, sind sie doch oft weniger trainiert als ihre Eltern, die schon eher mal der Sorge um die Figur willen das Fitness-Studio aufsuchen, während die Rasselbande inzwischen zuhause vor der Spielkonsole sturmfrei feiert.

Von all dem blieben wir glücklicherweise weitgehend verschont, was daran liegen mochte, dass der Weg einfach zu steil war und – der schlechten Anfahrbarkeit mit motorisierten Fahrzeugen wegen – fernab all jener bierseligen Waldfeste lag, die normalerweise Ziel solcher Art Familientrips zu sein pflegen, auf denen es schließlich gilt, neben dem Nachwuchs auch die Rucksack schleppenden Väter bei Laune zu halten.

Die einzige Familie, die außer uns den Rastplatz belagerte, war hingegen sportlich mit mehrgängigen Mountainbikes ausgerüstet. Entschlossen, den Berg mithilfe ihrer Räder zu bezwingen, strotzten sie geradezu vor Durchtrainiertheit; die Gruppe bestand aus mehreren Erwachsenen und einem kleinen Mädchen von eher zarter Statur. Wie alt mochte sie sein, etwa zehn Jahre? Alle Achtung, wenn sie diese Steigung bewältigen konnte! Die Erwachsenen nahmen ihr Picknick halb auf den Fahrradsätteln sitzend ein, in Gedanken wohl mehr oder weniger schon oben, am Ziel, wie es ihrer Unterhaltung zu entnehmen war.

Wir rasteten auf Holzbänken etwas abseits der Hütte, wo unterhalb des Brunnens einige kleine Teiche angelegt waren, und genossen die Blütenpracht und die weitreichende Stille, die über dem Platz lag.  In der Nähe turnte das von den Gesprächen der Erwachsenen sichtlich gelangweilte kleine Mädchen unlustig an den Geräten eines Spielplatzes herum, bis es sich schließlich darauf verlegte, auf dem Brunnenrand entlang zu balancieren, – Anlass für die Mutter, ihren Redefluss zu unterbrechen: „Julia, pass auf – werde nicht nass – fall nicht rein!“

Inzwischen war die Aufmerksamkeit des Kindes auf den nächstgelegenen Teich gefallen, und es hatte sich an dessen Ufer gesetzt. „Da sind Kaulquappen!“ rief es begeistert aus. Von der anderen Seite ertönte: „Julia, steh auf! Du machst dir die Hose dreckig!“

Das Kind schöpft Wasser in der hohlen Hand, fängt dabei vorsichtig eines der Tierchen und trägt es zu den Erwachsenen hinüber. „Schaut doch mal!“ Der Vater reagiert nicht. Kommentar der Mutter: „Uuh! Tu’s wieder ‚rein! Schnell!“ Das Mädchen macht ein enttäuschtes Gesicht und trägt die Kaulquappe zurück.

Der Teich beginnt uns nun auch zu interessieren. Wir gehen hin. Schauen. Staunen, fasziniert vom Leben, das er in sich birgt. „Hier sind noch größere, – sind die schön!“ ruft das Kind, welches inzwischen das gegenüberliegende Ufer erkundet. Eigentlich richtet es dies nicht an uns. Wir warten. Niemand reagiert. Wir gehen hin, lassen uns die Entdeckung zeigen. Und wirklich sind diese Kaulquappen sehr viel weiter fortentwickelt, lassen bereits die Frösche erahnen, zu denen sie einst werden sollen.

„Sie sind wirklich schön“, sage ich. „An den kommenden Sommerabenden wird es hier ausgiebige Froschkonzerte geben“, mutmaßt die Freundin. Das Mädchen schaut hoch und lächelt.

Doch schon erschallt es: „Julia, – komm, wir wollen weiter!“ – „Nein! Ich will noch nicht! Kommt doch mal her und schaut!“ – „Nein. Komm jetzt!“ – „Kommt IHR doch mal!“ Die Mutter zögert, nähert sich unschlüssig. „Schau mal, eine Schnecke!“ Das Mädchen zieht seine Hand aus dem Schlamm und hält in ihr eine kleine Wasserschnecke, die es dort gefunden hat, entgegen. Wir tauschen ahnungsvolle Blicke. Ein entsetzter Aufschrei: „Was machst du denn da? – Lass das! Tu sie bloß schnell wieder ‚rein, – pfui Deibel! Komm jetzt endlich!“ Die Mutter wendet sich angewidert zum Gehen. Das Mädchen bleibt traurig sitzen.

„Als ich so alt war wie du“, erzählt die Freundin, „hab ich’s ganz genauso gemacht. Wasser  – und alles, was darin so lebt, hat mich immer magisch angezogen. Kein Teich war mir zu tief und kein Bach zu reißend. Und meine Mutter hat andauernd mit mir geschimpft, weil ich ständig nasse Hosen hatte – und schmutzige Strümpfe – und auch öfters  mal meine Schuhe verlor.“ – „Und ich“, setze ich hinzu, „war überall zu finden, wo es Tiere gab. Meine Tante hatte Ziegen, und ich wurde immer ermahnt: Bleib aus dem Stall draußen! Aber ich musste natürlich hineinkriechen bis in die hintersten Winkel. Und zuhause hieß es dann: Zieh dich bloß vor der Tür aus, – du stinkst!“ – Das Mädchen lächelt wieder. Wir sind Verbündete. Ich entdecke noch eine der Wasserschnecken. Die Kleine ist begeistert, – freut sich, dass sie uns gefällt.

Drüben werden die Rufe lauter. Schließlich lässt sich der Vater am Teich blicken. Hat die Mutter ihn vorgeschickt? „Julia, was ist denn? Nun komm doch!“ – „Papa, schau doch mal! Nur gucken!!!“ – Er zieht es vor, auf Abstand zu bleiben. Seine Stimme klingt nicht unfreundlich: „Nun komm, – du warst doch nun wirklich lange genug hier, – wir müssen doch weiter!“ Er ist nicht zu bewegen, näher zu kommen.

„Ja, nun“, sage ich, „es stimmt schon, – wir sollten auch weiter, sonst bekommen wir in der Hütte oben keinen Rhabarberkuchen mehr. Auf den freue ich mich schon den ganzen Tag. Aber dafür müssen wir uns ranhalten, wir sind zu Fuß! Denn man los!“

Seufzend erheben wir uns beide. Auch das Mädchen steht auf, nickt uns kurz zu und folgt ihrem Vater zu den Fahrrädern.

© Bettina Johl

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