Schlagwort-Archive: Christa Wolf

Dialog der Generationen

Jana Simon

Jana Simon im Gespräch mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf

Mit Großeltern hat es eine eigene Bewandtnis. Wir finden in ihnen die uns am nächsten stehenden Zeitzeugen vergangener Tage. Sofern es uns vergönnt ist, auf der ersten Strecke unseres Lebensweges über ein kurzes oder auch längeres Stück von ihnen begleitet zu werden, können sie uns wichtige Bezugspersonen und Gesprächspartner sein. Wir schätzen ihre Sichtweise der Dinge schon darum, weil diese sich oft von der unserer Eltern unterscheidet. Werden wir dann älter, können uns die „Geschichten von früher“, denen wir als kleine Kinder zuweilen noch begierig lauschten, auch schon ein um das andere Mal zu viel werden. Doch dann werden wir selbst erwachsen, gründen Familien, haben eines Tages eigene Kinder. Unsere Großeltern, wenn sie uns noch erhalten geblieben sind, werden älter und allmählich gebrechlicher. Erst dann wird vielen von uns bewusst, dass die Zeit, von der wir die Fülle zu haben glaubten, plötzlich zum knappen Gut geworden ist, uns davonläuft. Dass wir nicht nur lernen müssen, von wichtigen Menschen in unserem Leben Abschied zu nehmen, dass auch viele Erinnerungen, sofern sie oder wir sie nicht auf irgendeine Weise aufgezeichnet haben, für immer verloren gehen werden, und damit entscheidende Puzzleteile, nicht nur unseres persönlichen Gedächtnisses, auch – wenn man so will – des Gedächtnisses der Menschheit.

Nun findet sich die Autorin Jana Simon gewiss nicht in der Situation einer Enkelin, deren Großeltern nichts Schriftliches hinterlassen hätten. Im Gegenteil. Das umfangreiche Werk zu lesen, welches ihre 2011 im Alter von 82 Jahren verstorbene Großmutter Christa Wolf hinterließ, sollte sie erst nach und nach Zeit finden. Hinzu kommen zahlreiche Veröffentlichungen ihres Großvaters Gerhard Wolf, ebenfalls Autor und Verleger, der sich außer der Literatur auch mit großer Liebe der Bildenden Kunst und der Förderung von Künstlern verschrieben hat. Ihr wichtigstes eigenes Erbe, das Talent zum Schreiben, hat sie als Journalistin längst angetreten. Wenn auch Themen, Lebenswelt und Lebensstil zeitbedingt andere sind, so zeigen sich doch eine deutliche Prägung und viele Gemeinsamkeiten.

Im Alter von fünfundzwanzig Jahren beginnt Jana Simon erstmals, damals noch mit einem guten alten Kassettengerät, ihre Großeltern gezielt zu Themen der Vergangenheit, die sie beschäftigen, zu befragen und die Gespräche aufzuzeichnen. Über zehn Jahre setzt sie dies fort, unregelmäßig, teilweise mit sehr großen Zeitabständen. Immer kommt etwas dazwischen, sind alle zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Ihre eigene Tochter Nora kommt zur Welt; ihr ist das nun vorliegende Buch gewidmet. Die erste Urenkelin. Eine neue Generation, die mit neuen Fragen heranwachsen wird. Auch mit neuen Konflikten.

Die Konflikte sind es vor allem, die Jana Simon interessierten, sie zu ihrem Projekt bewegten. Trotz vieler Bücher im Regal: Das Gefühl, zu wenig zu wissen über ihre Großeltern und darüber, womit sie zu kämpfen hatten. Zu einer Zeit, die sich immer mehr in die Geschichtsbücher zurückzieht, aus denen sie sich für die Nachwachsenden nur mühsam wieder hervorholen lässt. Die DDR, die das Leben der Familie der Autorin und noch ihr eigenes Aufwachsen prägte, brach zusammen, als Jana Simons Schulzeit endete. Nach der politischen Wende schien die Zeit mit doppelter Geschwindigkeit dahin zu jagen. Die junge Generation fand sich damit beschäftigt, die neu gewonnene, zuvor lange entbehrte Freiheit zu nutzen und zu genießen. Was zuvor unerreichbar schien, war endlich greifbar geworden: Reisen, ein Studium im Ausland. Wer es sich ermöglichen konnte, nutzte es.

Noch war in der allgemeinen Euphorie keine Rede davon, dass sich alsbald auch Schattenseiten abzeichnen würden. Dass sich mancher später auf der Verliererseite wiederfinden würde, um festzustellen, dass sich von politischer Seite kaum mehr jemand dafür zuständig sehen wollte. Die Stimmen derer, die zu Beginn über einen dritten Weg zumindest nachdenken wollten, wurden wirksam überschrien und sind längst verstummt und vergessen. Die Macht der Medien vermag viel.

Was bleibt, sind Fragen. Keineswegs verklungen, nur vorübergehend in den Hintergrund getreten, um sich beim Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt neu zu stellen. Die Fragen der Nachkommen an eine Generation, die – wie die Autorin feststellt – „den Krieg, die Flucht und zwei Diktaturen erlebt hat“ und „die es bald nicht mehr geben wird.“ Jana Simon findet sich in der glücklichen Situation, Großeltern zu haben, die reden. Die reflektieren und hinterfragen. Auch sich selbst. Viele tun dies nicht. Das Phänomen ist bekannt und beschäftigt die Psychologen. Eine oft mehrfach traumatisierte Generation hüllt sich in kollektives Schweigen und lässt die Jüngeren mit ihren brennenden Fragen im Stich. Verhängnisvoll für deren Zukunft.

Sich die Lebensumstände der Großeltern vorstellen erfordert ein Sich-hinein-denken in ein Leben ohne Informations- und Medienvielfalt. „Sieh mal, wenn du in deinem ganzen Umfeld nicht einen einzigen Menschen hast, der dir erzählt, was tatsächlich in der Welt geschieht, wie sollst du als Kind wissen, was vor sich geht?“ In einem ihrer Romane ist Christa Wolf sehr intensiv ihrer eigenen Spur nachgegangen. Mit der Aufforderung: „Dann lies einfach Kindheitsmuster!“ gibt sich die Enkelin jedoch nicht zufrieden. „Das habe ich. Aber da steht nicht alles drin, und ich würde es gern von euch hören.“

Die Gespräche finden im familiären Rahmen statt, sind sie zunächst doch ausschließlich für diesen vorgesehen. Begebenheiten des Tages fließen mit hinein, die Atmosphäre ist vertraut. Bei aller Nachdenklichkeit wird zwischendurch viel gelacht. Man sitzt im Wohnzimmer in Berlin oder im Garten im mecklenburgischen Woserin, dem Sommerrefugium. Zuweilen am alten Küchentisch, dem – wie es auch in „Ein Tag im Jahr“ zu lesen ist – als Ort für Essen und Trinken in geselliger Runde, für Zusammenkünfte und Gespräche stets eine besondere Bedeutung zukam. Der für Erinnerungen an frühere Tage steht. An Freundschaften, die mit diesen verbunden waren. Viele darunter, die weggebrochen sind. Zu groß die Veränderungen. „Was uns zusammengehalten hat, ist nicht mehr da“, so Christa Wolf 1998 und ihr Mann fügt hinzu: „Und was uns unterschieden hatte, war zuvor nicht thematisiert worden. Das brach dann mit einem Mal nach dem Mauerfall auf.“

Das Verbindende im gemeinsamen Tun als Basis. In welcher Intensität einst Politik in das tägliche Leben, auch in Freundschaften, mit hinein spielte, daraus kaum wegzudenken war, – es lässt sich von den Jüngeren kaum noch nachvollziehen. Sie wiederum werden von den Älteren mit Staunen als unpolitische Generation wahrgenommen. Dennoch finden sich bei allen Unterschieden immer wieder Übereinstimmungen. Zu keiner Zeit lassen die Gespräche es an Offenheit und gegenseitiger Akzeptanz fehlen. Die Enkelin lebt ein ganz anderes Leben, reist viel und lebt zeitweise im Ausland. Sie bezeichnet sich nicht als politisch engagiert, aber sie schreibt in ihrem Beruf über gesellschaftliche Themen und bezieht zu diesen Position. Es entspinnen sich Gespräche über das ihnen allen vertraute, oft vergebliche Ringen um Objektivität beim Schreiben. Die Bedeutung der Zwischentöne. Das Hinauslaufen – immer wieder! – auf die bezeichnende, die allgemeine Überforderung signalisierende Feststellung: „Ich weiß es nicht.“ Jana Simon befindet gar, dass man diesen Satz, letzter Satz – in der leicht veränderten Form „Das weiß ich nicht.“ – auch in Christa Wolfs zu dieser Zeit noch in Arbeit befindlichem Buch „Stadt der Engel“, als Leitspruch über das ganze heutige Leben stellen könnte.

Konflikte. Für Christa Wolfs Schreiben waren sie Voraussetzung. „Ich könnte bei jedem Buch sagen, aus welcher Konfliktlage heraus es sich mir aufgezwungen hat.“ Nicht immer lassen sich diese so eindeutig mit Jahreszahlen verknüpfen wie 1965 (11. Plenum), 1968 (Prager Frühling), 1976 (Biermann-Affäre) oder schließlich die Ereignisse ab 1989. Begebenheiten, über die sich mehr und mehr der Schleier des Vergessens zu legen beginnt, da uns die Zeitzeugen von einst nach und nach verlassen. Was waren die Ideen, die so lange an der DDR festhalten ließen? Zum einen die des Antifaschismus. Zahlreiche Exilanten während der Zeit des Nationalsozialismus hatten sich nach ihrer Rückkehr in der DDR niedergelassen; sie und ihre Ideale dienten den Jüngeren als Vorbild. Viele unter ihnen, die Jahre später von der Entwicklung des neuen Systems bitter enttäuscht waren, – keine Frage. Zum anderen der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit.

Zweifel? Sie stellten sich bald ein, – gewiss. Weggehen als Alternative? Wohin? Und die Familie? Die Freunde? Die Leser? Zeitungen, die im Briefkasten steckten, auf deren Rändern man hastig gekritzelte Botschaften fand: „Bleiben Sie bloß hier! Gehen Sie nicht auch noch weg!“ Es gab viele, die Hoffnung in die im Lande verbliebenen Autoren und Künstler setzten. Hoffnung, sie könnten mit ihren Ideen von innen heraus etwas verändern. Hoffnung bis zuletzt, dass es doch noch einen dritten Weg geben könne. Dass es möglich wäre, einen modernen, sozialistischen Staat zu schaffen, der ohne Einengung, Überwachung und Unterdrückung seiner Menschen auskommt. Eine Idee, für die sich im materiellen Aufholfieber der Wendezeit keine Mehrheit mehr fand. Reicht ihr damaliges Scheitern aus, um sie als endgültig falsch zu bewerten? Die Entwicklung der nachfolgenden Jahrzehnte zeigt manche Schattenseite eines grenzen- und skrupellosen Kapitalismus auf. Neue Fragen. „Wohin steuert die Gesellschaftsordnung in der Globalisierung?“

Es gibt keine Ideologie mehr, die Orientierung verleihen könnte oder gar eine schnelle Antwort bereit hielte. Die Enkelin sieht die Vorteile darin, dass man dadurch möglicherweise misstrauischer und weniger verführbar sei, merkt aber auch an, dass sicherlich viel Kraft darin liegen könne, von einer Sache völlig überzeugt zu sein. Kraft, die man heute manchmal vermisst, weil man sie für notwendige Veränderungen gut gebrauchen könnte?

Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Das letzte Gespräch findet nur mehr zwischen Jana Simon und ihrem Großvater statt, ein halbes Jahr nach dem Tod Christa Wolfs. Für ihren Mann ist sie noch überall gegenwärtig, in ihren Büchern, in allem Schriftlichen, das sie hinterließ. Dies alles zu sichten, manches bislang Unveröffentlichte noch herauszugeben, wird ihn nach Vermögen noch sehr lange beansprucht halten. Er war der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Nach dem Geheimnis ihrer Beziehung, die sich über sechzig Jahre als haltbar und tragfähig zeigte, gefragt, nannten beide das gemeinsame Schaffen, ihr gegenseitiges Sich-Ergänzen. Gerhard Wolf sah in seiner Frau immer auch die bedeutende Autorin und machte es sich zur Lebensaufgabe, sie zu fördern und zu unterstützen. Stets las er ihre Texte als Erster, sein Urteil war für sie unerlässlich. Er hingegen fühlte sich nie als in ihrem Schatten stehend, arbeitete stets zugleich an eigenen – weniger bekannten, aber keineswegs weniger interessanten – Projekten. Er erschloss ihr das ihr weniger vertraute Feld der Lyrik und das der Bildenden Kunst und schuf so einen – Christa Wolf wörtlich – „literarisch-künstlerischen Hintergrund“ für ihr gemeinschaftliches Leben und Arbeiten; sie nennt es „ein ganzes Geflecht, auf dem unser Leben ruht“, spricht von ihrer Partnerschaft als einer „idealen Verbindung“, in der jeder dem anderen etwas geben kann.

Christa Wolf ist gegangen. Sie fehlt. Als letzte Geleitworte hatte Gerhard Wolf ihr Verse aus einem Gedicht Paul Flemings, welches sie sehr mochte, mitgegeben. Dieses trägt den Titel „An sich“ und entstand zur keineswegs idyllischen Zeit des Dreißigjährigen Krieges:

„Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
Tu, was getan muß sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.“

„Sei dennoch unverzagt“ lautet nun auch der Titel dieses sehr lesenswerten Buches. Wenn wir so wollen: Ein Vermächtnis.

Copyright: Bettina Johl

Jana Simon: Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013. 288 Seiten, 19.99 €. ISBN 978-3-550-08040-1

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Buchbesprechung, Politik, Rezension

November-Elegie – Bettina Johl

Auch im Herbst
singen die Vögel
dies auserwählte Volk
Wir Maskenträger
haben verlernt
zu lauschen
dem Amselgespräch
und der innern Musik
Herbst
der freundliche Feind
Leg deinen Raum
in den Rahmen
der Zeit

Rose Ausländer (Herbst)

Schon lange wollte ich gern etwas mit dem Titel „November-Elegie“ schreiben – nenne es eine Marotte – und natürlich hegen mich Zweifel, da es – wie ich mutmaße – längst zu vieles gibt, das diesen Namen trägt. Aber hier in unserem Literatur-Blog darf ich solches wagen.

An das Gedicht Rose Ausländers fand ich mich erinnert, als ich nach dem Abzug der Stare, deren unbekümmertes Schwatzen ich schmerzlich vermisse, morgens erstmals den melodischen, perlenden Gesang des Rotkehlchens hörte, welches sich unbeeindruckt von der Novemberwitterung auf einem der gegenüberliegenden Dächer niedergelassen hatte. Das Rotkehlchen, ein unverdrossener Wintersänger, der mir die lichtarmen Tage erträglich machen wird. Auch das leise, wie entfernt klingende Amselgezwitscher, zweckfrei vorgetragen, geschlossenen Schnabels mit unbeteiligter Miene: Ein Geheimnis des Herbstes, der weiter fortschreitet, um unmerklich dem Winter Platz zu machen. Freundlicher Feind? Er ist zu schnell vergangen, dieser Herbst, hatte zu wenig Raum im Rahmen der Zeit. Und mir liegt der Gedanke nahe: Möge der Winter es ihm gleich tun! Aber sogleich erinnere ich mich an versöhnlichere Töne, die ich diesem gegenüber einst anschlug, als ich schrieb: Er bringt uns die Ruhe zurück. Uns, die wir verlernt haben zu lauschen. Maskenträger, wir. Die wir zugeschüttet sind mit Lärm, gelernt haben, diesen an uns abgleiten zu lassen, – auf Kosten unserer Sensibilität für die leisen Töne.

Aufschlussreiche Beobachtung während einer mit Kindern im Vorschulalter erprobten Klangwerkstatt. Anfangs faszinieren besonders die lauten Instrumente. Selbst nach Herzenslust laute Töne erzeugen dürfen baut Spannungen ab, nimmt etwas von dem Druck, welcher durch den Lärm entsteht, der normalerweise von außen auf die Kleinen eindringt, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, sich dagegen zu wehren. Nach einer gewissen Zeit beginnen auch die leiseren Klänge wieder ihr Interesse zu wecken, sie üben sich neu im Hinhören und Lauschen. Und mir drängt sich der Gedanke auf: Wie können sie sich schützen vor dem Lärm, den die Großen ihnen unausgesetzt zumuten? Jene Großen, die von den Kleinen so oft fordern, still zu sein, sich ruhig zu verhalten?

Das Elegische will allein Klage nicht sein, abgesehen von jener um zerrinnende, unwiederbringlich verloren gehende Zeit. Ich verbringe die Tage in Gesellschaft einer hochbetagten Katze; ihr Schnurren begleitet mein Schreiben; ich versehe sie mit neuen Namen, nenne sie „Spinnrädchen“, „Nähmaschine“ und „Samt-Tiger“. Die Katze ist „nur geliehen“, was nichts zur Sache tut, denn was ist nicht alles Leihgabe von dem, was wir gern unser eigen nennen? Auf ihre Ohren ist Verlass. Sie liebt Musik von Vivaldi und Mozart. Und sie kann das Motorengeräusch meines alten Diesels unfehlbar identifizieren, kommt mir zur Begrüßung entgegen, sobald ich vorgefahren bin. Aber auch sie hat elegische Anwandlungen, Stunden, während derer sie, von sichtbarer Unruhe getrieben, auf geheimnisvolle Weise in der Nacht verschwindet oder sich am helllichten Tage in einem finsteren Winkel des Heizungskellers verschanzt, nicht ansprechbar ist, mir entgegen schaut wie eine Fremde und mich nicht an sich heranlässt. Irgendwann findet sie sich wieder vor  meiner Tür ein, als sei nichts gewesen. „Auch in meinem Katzenleben hat es Dinge gegeben, die mir manche Tage zu schaffen machen, von denen Du als Nicht-Schnurrhaarträgerin nichts ahnen kannst“, bilde ich mir ein, in ihrem Blick zu lesen. Womit sie wohl Recht haben mag. Und so lassen wir uns gegenseitig unsere Marotten und Befindlichkeiten, nach dem Motto: Leben und spinnen lassen.

Ansonsten in der Tat zu wenig Raum im Rahmen der Zeit, um den Herbst zu genießen. Vereinzelte „gestohlene Tage“, wie eine Stippvisite ins Siebengebirge zu einer meiner Lieblingsruinen, der Löwenburg, die eine traumhafte Kulisse für einen kurz währenden herbstlich-goldenen Sonnenuntergang über dem Rheintal bot.

Einer der unzweifelhaften Vorzüge, die der November aufzuweisen hat, ist der, manche Orte, die sonst von Besucherströmen heimgesucht sind, nahezu für sich allein zu haben. Das spätherbstliche, still gewordene Maulbronn, sakraler und literarischer Ort, lässt besonders in dieser Jahreszeit eine Ahnung früherer Tage vor dem inneren Auge erstehen, im Schatten der dunklen Sandsteinmauern stehend, dem Flüstern lange verklungener Stimmen lauschend. Für einen Lidschlag scheint hin und wieder ein kurzer Blick durch den Vorhang der Zeiten möglich, bevor der Novembernebel alle Bilder und Trugbilder wiederum verhüllt und es uns rückblickend schwer macht, sie voneinander zu unterscheiden.

Der Blick wird magisch angezogen von einem Transparent: „Adventskalender-Ausstellung“. Die schwere Tür zu der mächtigen ehemaligen Zehntscheune öffnen, sich im Dunkeln wiederfinden, schon glauben, im falschen Raum zu sein, dann hinter einer weiteren Tür Licht, Eintauchen in eine über hundertjährige Welt des Vorweihnachtszaubers, enges Beisammensein von Kitsch und Kunst, Faszination – aber auch Gruseln über Dokumente ideologischer Vereinnahmung zu unseligen Zeiten im Lauf der Geschichte.

Adventskalender – Zeugnisse verlogener Sentimentalität, Heraufbeschwören einer Idylle, die es nie gegeben hat? Oder schlicht eine Hommage an die kindliche Freude am Geheimnis, – auch wenn es lediglich um bunte Bildchen hinter Papptürchen geht? Sinnbild für die tief verwurzelte Sehnsucht nach Fenstern und Türen, die sich zu gegebener Zeit öffnen lassen, um hinter die sichtbaren Dinge schauen zu können? Deutungsversuche, die möglicherweise scheitern, während ich bei Kaffee und Nusstorte in einem nahegelegenen Café meine neu erworbenen Schätze – wie so oft sind Museumsladen und Buchhandlung Nutznießer meiner Stöbereien – betrachte: Ein Reprint eines schlichten Adventkalenders von 1946 und ein nostalgisches Glasmurmelspiel in einem putzigen Schächtelchen.

Nicht zuletzt ist diese Jahreszeit Lesezeit, könnte es umso mehr sein, wenn weniger andere Dinge zu tun wären. Immerhin reichte es zu einer neuen Buchbesprechung zu Lukas Hartmanns „Abschied von Sansibar“ – Diogenes Verlag, die bei Glanz & Elend erschien und auch in unserem Blog nachgelesen werden kann:Prinzessin ohne Land. Als nächstes plane ich, mich der bei Fischer neu erschienenen Anne-Frank-Gesamtausgabe etwas ausführlicher zu widmen.
Am 1. Dezember jährt sich der Todestag Christa Wolfs zum zweiten Mal. Ich vermisse sie sehr, ebenso Sarah Kirsch, die im Mai dieses Jahres verstarb. Zwei große Schriftstellerinnen, ganz unterschiedlich in Wesensart und Stil, beide unersetzlich. Das Schmökern in Sarah Kirschs ganz besonderen Tagebuchnotizen – wie „Krähengeschwätz“, „Regenkatze“ und „Märzveilchen“- ist seit Wochen meine bevorzugte Abendbeschäftigung. Zu Christa und Gerhard Wolf erschienen beim Ullstein Verlag unter dem Titel „Sei dennoch unverzagt“ aufgezeichnete Gespräche, geführt und herausgegeben von ihrer Enkelin, der Journalistin Jana Simon, – ein interessanter Austausch der Generationen. Für Winterlektüre ist also reich gesorgt. Mögen sich lediglich noch die dafür notwendigen Mußestunden finden!Und ungeachtet jährlich neu belebten inneren Grolls über Verlogenheit und Konsumwahnsinn der Weihnachtszeit freue ich mich darauf, mein im Frühjahr neu bezogenes Dachdomizil erstmals für den bevorstehenden Advent zu dekorieren…In diesem Sinne wünsche ich uns allen Mut und Kreativität, unsere persönliche Adventszeit nach jeweils eigenen Bedürfnissen individuell zu gestalten – und die Rolle der Gehetzten und von falschen Erwartungen Getriebenen konsequent von uns zu weisen!

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Blog, Essay

Dokument eines langsamen Abschieds

EinTagimJahrcover

Womit beginnt ein Tag? Bei Christa Wolf begann er oft mit dem Ausklang des vorherigen. Lesen oder Fernsehen über Mitternacht hinaus, Gelesenes, Gesehenes, Erlebtes, das sich auf den Verlauf der sich daran anschließenden Nacht und den darauffolgenden Tag auswirkt, sichtbar jenen Faden weiterspinnt, der das Gewebe der Zeit und des Lebens ausmacht. Als Christa Wolf sich 1960 vom Aufruf der Moskauer Zeitschrift „Iswestija“ an die Schriftsteller der Welt, einen Tag im Jahr sorgfältig zu schildern, ansprechen und inspirieren ließ, war noch nicht abzusehen, dass sie dies Jahr um Jahr weiter fortführen und daraus ein durch seine persönliche Note einzigartiges Zeitdokument entstehen lassen würde. Die Frage, warum sie sich dies antue, hat sie sich nicht zuletzt selbst immer wieder gestellt. Sie begründete es sich selbst mit „Horror vor dem Vergessen, das … besonders die von mir so geschätzten Alltage mit sich reißt“, beschreibt es als Versuch von „Anschreiben gegen den unaufhaltsamen Verlust von Dasein“. Stets beschäftigte die 2011 im Alter von 82 Jahren verstorbene Autorin die  Frage, wie ein Leben zustande kommt, ausgehend von der Beobachtung, dass dieses beständig „entwischt“, uns entgleitet, so sehr wir die Augenblicke schreibend festzuhalten versuchen, und der Erkenntnis, das gelebte Zeit „mehr ist als die Summe der Augenblicke“.

Aus ihren jährlich fortgeführten Aufzeichnungen entstand so „Ein Tag im Jahr“, eine Chronik über die Jahre von 1960 – 2000, zu deren Veröffentlichung sie sich spät entschloss. Die Buchpremiere wurde ein großer Erfolg, den sie jedoch nicht ohne gewisse Skepsis zur Kenntnis nahm. „Ich frage mich, ob ich da nicht auf der falschen Party bin“, notiert sie am 27. September 2003 unumwunden. Wiederholt stellt sie sich die Frage, ob diese Tagebuchblätter nicht ihre Unschuld verloren hätten, indem sie die Welt an ihnen teilhaben ließ, kommt zu dem Entschluss, dass die Antwort „Ja“ und „Nein“ lauten könnte. Sie wird sie fortführen bis zu ihrem Lebensende, – nur für sich selbst, nimmt sie sich zunächst vor. Der Wunsch, sich wieder zurückziehen zu können. Sie formuliert an anderer Stelle den Gedanken, „über einen Autor zu schreiben, der sich allem entzieht und von der Welt verschwindet“, den sie ihrem Mann Gerd vortrug. Seine Antwort lautete: „Machen kannst du es nicht. Aber schreiben kannst du es.“ Es ist nicht bekannt, ob der Entschluss, „Ein Tag im Jahr – im neuen Jahrhundert“ herauszugeben, ein gemeinsamer, noch vor ihrem Tode getroffener war; es liegt jedoch nahe, dass auch Gerhard Wolfs nachträgliche alleinige Entscheidung ihre Zustimmung gefunden hätte.

Christa und Gerhard Wolf, – eine besondere, äußerst liebevolle Beziehung, die sich wie ein roter Faden durch das hier vorliegende Zeitgewebe zieht, den allein für sich zu verfolgen fasziniert: eine von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung, absolutem Vertrauen und intensivem Austausch geprägte Partnerschaft, die durch alle Lebensbereiche trägt. Wie erlangt man solches? Wer dieser Frage nachgeht, wird fündig: Viele gemeinsame oder verwandte Interessen und Projekte  – und über allem eine bewusste, um die Notwendigkeit der Balance zwischen Leben und Arbeiten wissende Gestaltung des Alltags. Das Wissen um den Wert der kleinen Dinge: Freude über ein gemeinsam zubereitetes Essen, Gespräche, Zusammensein mit der Familie, geteilte Freude und Sorge um die Enkelkinder, welche die Autorin nach eigenen Worten „gern in ein friedlicheres Jahrhundert entlassen“ hätte.

Christa Wolfs letzte elf Jahrestage beginnen am 27. September 2001 mit den einer unbekannten Stimme zugeschriebenen Worten: „Ein Riss im Gewebe der Zeit…“ Prophetische Eingebung? Der Schock von 9/11, erst wenige Tage zurückliegend. Kriegsvorbereitungen der USA. Über der Ungewissheit die Ahnung, dass auf jeden Fall schwierige Zeiten bevorstehen würden. Das neue, alte Kassandra-Thema: Aussprechen müssen, was keiner hören will, das Nicht-anders-Können, Anfeindungen zum Trotz – an Vernunft gemahnende und um Verständigung und Ausgleich bemühte Stimmen sind grundsätzlich verdächtig in Zeiten der Terrorhysterie. Das eigene Leiden an der Bürde dieser prophetischen Gabe – und an den Verhältnissen der Zeit. Kein Ort. Nirgends. Was bereits in den früheren Zeiten der deutschen Teilung empfunden wurde, gilt zunehmend wieder für die letzten Jahre. Das immer wieder erwähnte Gefühl, nicht mehr hineinzupassen. Es kann den bevorstehenden Abschied erleichtern, – muss aber nicht.

Die Bedeutung von Freunden und Weggefährten. Zunehmend während der letzten Jahre die Trauer um die Verstorbenen unter ihnen: „Verlorene Substanz von Menschlichkeit“. Immer wieder bleibt die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ein Thema. Sie erwähnt die nachträglich „schmerzliche Überschattung“ von Erinnerungsbildern, die sich in der Kindheit eher als „hell“ eingeprägt hatten, welche in vielen Deutschen so viel Gegenwehr auslöst und wirkliches Erinnern erschwert, – das Thema ihres 1976 erschienenen Romans „Kindheitsmuster“, eines ihrer wichtigsten Bücher. Die ebenfalls vor wenigen Monaten posthum erschienene, ursprünglich ihrem Mann als privates Geschenk gewidmete Erzählung „August“, die vom weiteren Lebensweg und den rückblendenden Erinnerungen des einst kleinen Jungen handeln, den Nelly in „Kindheitsmuster“ im Lungensanatorium kennenlernt, lädt zum Wieder-Lesen des Romans ein.

Ihr letztes Buch wiederum berührt durch das Wissen um ein langsames Abschied-Nehmen. Immer wieder sind die Jahre von Krankheit, Schmerzen, offen ausgesprochener Angst und Müdigkeit überschattet. Der Bericht von 2008, als der Jahrestag in eine Zeit mehrerer langer Krankenhausaufenthalte fällt, liegt im Original nur handschriftlich vor. Rückblickend spricht sie von einem „Altersschub“, nimmt an sich selbst das Nachlassen der inneren Teilnahme am Weltgeschehen und politischen Konflikten wahr. Es fällt der für sie untypische Satz: „Ich fühle mich nicht mehr verantwortlich für das, was geschieht.“ Über allem immer wieder die Frage: „Wie lange noch? Wie oft noch?“ Spricht mit Galgenhumor vom „Warteraum des Gevatters“. Liest im Krankenbett viel in ihren eigenen Büchern, die sie sich zum Verschenken mitbringen ließ, und findet die Texte „zu meinem Erstaunen ‚nicht schlecht‘“. Der wiederum handschriftliche Eintrag von 2011 bricht mitten im Satz ab. Ein Jahr zuvor noch hatte sie notiert, dass sie sich vorstellen könne, „nicht untröstlich zu sein, wenn ich nicht mehr schreiben könnte“. Gelesen, nachgedacht, reflektiert jedoch hat sie bis zuletzt. Der Verlust ihrer Stimme wiegt schwer.

Copyright Bettina Johl

Diese Buchbesprechung erschien am 10.05.2013 in
Glanz & Elend, Magazin für Literatur und Zeitkritik.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert – 2001-2011. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 163 Seiten, 17,95 €. ISBN: 978-3-518-42360-8

Christa Wolf: August – Erzählung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 38 Seiten, 14,95 €. ISBN: 978-3-518-42328-8

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Rezension

Kassandras Vermächtnis

Bundesarchiv Bild 183-1989-0313-107, Leipzig, ...

Über Christa Wolfs „Rede, daß ich Dich sehe“

Ihre Stimme fehlt. Während die Zeit – wie es ihre Art ist – weitereilt. Ohne sie. Und nun doch noch ein letztes Buch von Christa Wolf, das sie vor ihrem Tod im Dezember vorigen Jahres noch zur Veröffentlichung bestimmt hat: Reden, Essays, Gespräche, von ihr selbst ausgewählt, manches davon bereits an früherer Stelle veröffentlicht, das meiste in Zeitungen. Texte, zu schade, um ins Vergessen zu geraten.

Um Vergessen und Erinnern mit allen dafür notwendigen Bedingungen und Voraussetzungen geht es im vorliegenden Buch unter dem Titel und Motto „Rede, daß ich dich sehe“. Eine Aufforderung, deren Ursprung sich bei Sokrates findet, im Weiteren bei dem Philosophen Johann Georg Hamann, der den Gedanken aufgriff, erweiterte und seinen Betrachtungen über die Einheit der Schöpfung und die „Poesie Gottes“ – Gott als Schriftsteller! – hinzufügte. Auch der deutsche Schriftsteller Johannes Bobrowski hat das Zitat in einem seiner Werke verwendet. Nach diesem gibt sich, wer redet – wer das Wort ergreift -, sich selbst zu erkennen, – auf welche Weise auch immer.

„Rede, dass wir dich sehen“ ist ein Vortrag von Christa Wolf, den sie auf dem Kongress „Wer redet, führt“ im Jahr 2000 in Berlin gehalten hat. Hier geht es anschaulich um den Zusammenhang von Rede und Führung, die Frage nach dem Wer und Wohin, auch um die Frage, warum Reden so oft in Sonntagsreden auslaufen, statt Nachdenken und konstruktiven Dialog zu fördern. Eine Rede, hinter der die Autorin selbst, die es auf ihrer unerbittlichen Wahrheitssuche weder sich noch ihren Leserinnen und Lesern je leicht gemacht hat, in Erscheinung tritt, sich zu erkennen gibt.

In Interviews und Vorträgen zu besonderen Anlässen findet sich im Weiteren manches lesenswerte Portrait von Zeit- und Weggenossen aus dem literarischen wie politischen Leben, – stellvertretend seien Uwe Johnson, Volker Braun, Egon Bahr genannt-, ferner aus den Reihen bildender Künstler. Erinnerungen an manches interessante gemeinsame Text-Bild-Projekt, auf das näheres Hinsehen lohnt. Nachdenklich stimmen Guenther Ueckers Bilder aus Asche, die in Auseinandersetzung  mit der Tschernobyl-Katastrophe entstanden und vor dem Hintergrund von Fukushima erneut beklemmende Aktualität erlangt haben. Es folgt mancher Denkanstoß zum Thema „Autobiografisches Schreiben“ in Anmerkungen zu „Beim Häuten der Zwiebel“ von Günter Grass. Schließlich Erinnerungen an das denkwürdige 11. Plenum der SED, welches für Christa Wolf unter dem Zeichen „Jetzt musst du reden!“ stand und einen entscheidenden Wendepunkt im Denken, Leben und Schaffen der Autorin bezeichnet. Wichtig in diesem Kontext auch ihr Vorwort zu Werner Bräunigs zu eben jener Zeit vom DDR-Regime verworfenen und 2007 posthum erschienenen Roman „Rummelplatz“.

Interessant vor diesem Hintergrund die Frage, die Thomas Manns „Dr. Faustus“ aufwirft: Welchen Preis zahlt der Künstler für sein Werk? Ihr widmete sie sich 2000 in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Preises. Schicksal und Werk des großen deutschen Schriftstellers, dem sein eigenes Land so fremd geworden war, dass er nicht mehr nach Deutschland zurückzog, beschäftigten sie besonders während ihres USA-Stipendium-Aufenthaltes in Los Angeles, dem sogenannten „Weimar unter Palmen“, so benannt, seit dort viele bedeutende deutsche Autoren während der NS-Diktatur Exil fanden. Im Aufsuchen der Orte, die diesen einst Zuflucht gewährten, wagt Christa Wolf manche Annäherung und den Versuch des Sich-hinein-Versetzens in eine Lage, die sich heute unserer Vorstellungskraft zumeist entzieht.

Schließlich widmet sie sich in ihrem bisher unveröffentlichten Essay „Nachdenken über den blinden Fleck“ unter Verweis auf historische Zusammenhänge ausführlicher der Frage nach Erinnern, Gewissen, Schuld und Verantwortung. Auch hier wieder Faust. Diesmal der klassische von Goethe. Die beklemmende Aktualität des Teufelspaktes. Welcher Preis ist zu zahlen für grenzenlosen Fortschritt? Und schließlich: Die Frage nach den Müttern. Die Verdrängung des Weiblichen in der Geschichte, „das Hinschwinden der Frau in der öffentlichen Wahrnehmung“. Kassandra. Die Mahnerin, deren Prophezeiungen man umso weniger hören will, je mehr sie sich bewahrheiten? Für deren Eintreffen sie vielmehr die Schuld aufgeladen bekommt, – weil eine Gesellschaft Sündenböcke braucht, um sich selbst der Verantwortung nicht stellen zu müssen? Der Bogen spannt sich zu Medea.

Wer einfache Antworten für komplexe Fragen unserer Zeit sucht, wird sie in diesem Buch nicht finden, – so wenig wie im gesamten Werk von Christa Wolf. Simplizitäten und Phrasen sind ihre Sache nicht, waren es nie. Nur Schwarz und Weiß Raum geben, Nuancen nicht gelten lassen, würde bedeuten, nie die volle Sehkraft zu erlangen, die zum Urteilen befähigt. Dann werden schnell aus Urteilen Vorurteile, – und daraus wiederum Verurteilungen, die dazu führen, dass sich wahre Erkenntnis verschließt, – wie die Autorin selbst in einem Interview 2010 deutlich aussagte.

Und daher müssen die großen Fragen unbeantwortet bleiben; vielmehr werden sie neu gestellt, – aufbereitet für kommende Generationen mit der unmissverständlichen Aufforderung, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ein Vermächtnis. Können – mit Christa Wolfs Worten gefragt – die Kräfte, die Alternativen schaffen, schnell genug wachsen? Hierin sind wir Nachfolgenden gefordert. Und wir verstehen: Rede, daß ich dich sehe, – rede so, dass ich dich sehe! – meint eine reife Form von Reden, die als einzige zum notwendigen Austausch und verantwortlichem Handeln führen kann.

Bettina Johl

Der Artikel ist am 28. August 2012 im General-Anzeiger Bonn erschienen.

Christa Wolf: Rede, daß ich Dich sehe, Berlin 2012, Suhrkamp Verlag, 208 Seiten

Bei OSIANDER bestellen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Geistesgeschichte, Gesellschaft, Literaturgeschichte, Rezension

An-Schreiben gegen die Sprachlosigkeit – Zum Tod von Christa Wolf

Sie ist gegangen… – und sie fehlt! Ein Augenblick, vor dem ich mich lange gefürchtet habe, ist eingetreten. Jener, in dem mir jemand die Nachricht überbringt: Christa Wolf ist gestorben.

Wie sehr hatte ich mir gewünscht, sie würde uns noch lange erhalten bleiben. So vieles hätte sie uns noch zu sagen gehabt, sie, die „Jahrhundertfrau“, wie ich sie in einem der zahlreichen Nachrufe durchaus zu Recht bezeichnet fand. Vieles, was mich persönlich mit ihr verband, hatte ich zu Anfang des Jahres in meine Buchbesprechung „Das Tonband im Kopf“ zu „Stadt der Engel“ einfließen lassen, ein Roman, von dem ich gehofft – ja, gebangt – hatte, es würde nicht ihr letzter sein, ich würde mich noch an weitere wagen dürfen. Leider war er ihr letzter. Und mir selbst bleibt nur dieser Nachruf. Er fällt mir schwer. Wieder einmal quäle ich mich. „An-Schreiben gegen die Sprachlosigkeit“ – auch dies ein Satz, den ich oft verwende, den ich ihr wahrscheinlich „geklaut“ – vornehmer ausgedrückt: von ihr „entlehnt“ – habe. An-Schreiben gegen die Unmöglichkeit, ihr auch nur annähernd gerecht zu werden – jemand wie ich. Du meine Güte! So viele Jahrzehnte später geboren, eine Generation irgendwo sozusagen dazwischen: Die ihrer Kinder nicht mehr, die ihrer Enkel noch nicht. Eine Generation, die – so empfinde zumindest ich es – mit ihren offenen Fragen im Regen stehen gelassen wurde, ja, gar nicht wusste, welche Fragen überhaupt zu stellen wären. Unsere Eltern, Angehörige einer traumatisierten Generation, die als Kinder zu viele Nächte in Luftschutzkellern zubrachten, wo Kinder einfach nicht hingehören, nirgendwo auf der Welt! Die sich bei unseren Fragen die Ohren zuhielten: „Was wollt denn ihr? Ihr habt das nicht erlebt, ihr habt nichts mitgemacht, was wollt ihr denn? Wir waren klein, wir konnten nichts dafür, und ihr sollt ’s mal besser haben und wir schuften uns ab dafür! Seid froh und dankbar, dass es euch so gut geht! Haltet den Mund und schaut, dass ihr was Rechtes werdet!“ Es war nicht böse gemeint. Die Sache hatte nur einen Haken: „Etwas Rechtes“ werden, ohne sich mit der Geschichte und den Fragen, die sich daraus für die Zukunft ergeben, auseinanderzusetzen, das funktioniert so nicht!

War es diese unbewusste Einsicht, die mich an Christa Wolfs Bücher heranführte, an ihnen hängen bleiben ließ, obwohl ich zunächst wohl kaum verstand, was ich da las? Fremde Welt, fremde Lebenshintergründe, spannend wohl, aber zuweilen weit weg von mir. Ich war jung und ungeduldig, hatte ein kleines Kind, eine Familie, in der es turbulent zuging, was konzentriertem Lesen nicht eben zuträglich ist, und Bücher, die mir schwer verständlich waren oder die mich nicht zu fesseln vermochten, wurden schnell beiseite gelegt. Mit ihren Büchern war dies nicht der Fall. Ich blieb dran, selbst wenn ich mich seitenweise quälte. Irgendetwas muss es gewesen sein, ein vages Gefühl nur, noch weit vom eigentlichen Verstehen entfernt: Dass es hier um etwas geht, das mich betrifft, und dass dieses Unfassbare bedrängende Aktualität hat. Dass so viele dieser Themen und Konflikte, trotz eines völlig anderen Lebenshintergrunds, genau meine eigenen sind!

Solches oder Ähnliches muss ich ihr geschrieben haben, in einem Brief, den ich ihr während eines meiner vielen späteren Ferienaufenthalte in Mecklenburg ganz in der Nähe des Ortes, wo sie – wie ich durch glücklichen Zufall erfuhr – ihren Sommersitz hatte, verstohlen im Vorbeifahren in den Briefkasten schmuggelte. Ich wünschte, ich könnte mich erinnern; ich fertige mir niemals Abschriften von Briefen, und was ich schreibe, ist auf merkwürdige Weise ausgelagert und würde ein Wiederlesen erfordern – und selbst dann ist nicht immer gesagt, dass ich mich sofort darin wiedererkenne. Was mir geblieben ist – umso kostbarer jetzt: Eine Postkarte, mit der sie mir in kürzester Zeit antwortete, die seither einen Ehrenplatz in meinem Regal bei ihren Büchern einnimmt. Sie habe – schrieb sie – meinen Brief mehrmals gelesen, er beschäftige sie! Das war mehr, als ich je zu hoffen gewagt hatte!

Ich habe es leider nicht geschafft, ihr persönlich zu begegnen, was ich nun als umso schmerzhafter empfinde. Ein einziges Mal noch traute ich mich zu dem alten ehemaligen Pfarrhof hin, um ein Buch signieren zu lassen. Sie war leider unpässlich an diesem Tag, aber ihr Mann, Gerhard Wolf, im Garten beschäftigt und mich sehr freundlich empfangend, trug ihr das Buch ins Haus und brachte es signiert zurück. So war es mir zumindest vergönnt, ihn kennenzulernen, dessen Essay über Hölderlin zum Allerbesten gehört, was es über den Dichter zu lesen gibt – und im Besitz eines handsignierten Exemplars ihres vorletzten Buchs „Mit anderem Blick“ zu sein.

Mit diesen beiden Andenken sitze ich hier und kämpfe mit den Tränen. Der Verlust ist unermesslich. Ich fühle mich alleingelassen, auch in meinen eigenen Versuchen, zu schreiben, und ich denke mit Sorge an die jungen Menschen der nachfolgenden Generationen, die heranwachsen mit ebensolchen offenen Fragen. Kann es noch gelingen, ihnen einen Zugang zu ihren Werken zu vermitteln? Die Weichen hierzu könnten jetzt gestellt werden. Ein Blick in die Medien lässt staunen: Ehrenbezeugungen, wohin das Auge blickt. Es gab andere Zeiten, das wissen wir. Zeiten bösester Diffamierungen im „deutschen Literaturstreit“, Abstempelung zur „DDR-Staatsdichterin“, dann der Vorwurf, in verhältnismäßig jungen Jahren für kurze Zeit als Stasi-IM angeworben worden zu sein, eine Situation, der viele ihrer Berufsgruppe ausgesetzt waren und sehr unterschiedlich damit umgingen. Sie selbst schlug dem System ein Schnippchen und verfasste einige wenige nichtssagende Berichte, welche die zu überwachenden Personen in durchweg positives Licht stellte, Verdachtsmomente gegen sie entkräftete und von staatlicher Seite missbilligtes Verhalten entschuldigte. Der Staatssicherheitapparat gelangte sehr schnell zu der Überzeugung, dass mit ihr in dieser Hinsicht nichts Großes anzufangen sei – und befand es nur wenig später für notwendig, sie selbst zu überwachen. Die Debatte beendete sie schließlich 1993, indem sie, was wohl nicht jeder vorbehaltlos getan hätte, ihre gesamte Stasi-Akte kurzum veröffentlichte. Zehn Seiten „Täterakte“, die fast nichts enthalten, stehen hier über 40 Ordnern (!) „Opferakte“ gegenüber. Jedoch – die Häme blieb, hat Spuren hinterlassen, am meisten bei ihr selbst, wovon sie sich auch nie vollständig erholte. Solches macht mich traurig und ist ein erschreckendes Beispiel dafür, was Medienkampagnen anrichten können.

Was hatte man ihr sonst vorzuwerfen? Dass sie blieb, als andere gingen? Dass ihr die Menschen und das Land – nicht das System – wichtiger waren als anderes? Gewiss, sie war „privilegiert“, sie durfte reisen. Aber wer sonst hätte ihr Land – und damit meine ich wiederum die Menschen, die darin lebten, nicht das System, das sie unterdrückte – besser nach außen vertreten können? Dass sie dennoch die Zukunft im Sozialismus sah? Der Sozialismus, der ihr Ideal war, hatte mit Diktatur nichts gemein. Einer Diktatur – gleich welcher – hat sie nie das Wort geredet. Ihre Gesinnung war demokratisch durch und durch. Wer etwas anderes behauptet, sagt die Unwahrheit. Es ist einfach, zu kritisieren, wenn man nicht in der Haut des anderen steckt. Aber es ist unverantwortlich, Menschen, die in einer Gesellschaft wie unserer eine so wichtige – weil seltene – Vorbildfunktion einnehmen können, durch ungeprüfte und unwahre Behauptungen zu diffamieren. Sie in die Enge zu treiben und durch Rufmord um alle Möglichkeiten zu bringen, sich zu erklären. Dann ist in der Tat: „Kein Ort. Nirgends.“

„Medea“: Die Gesellschaft, die ihre Sündenböcke braucht, um selbst der Anstrengung ledig zu sein, sich zu hinterfragen. Und dieselbe Gesellschaft, die wie in „Kassandra“ die ihr lästigen mahnenden Stimmen zum Schweigen bringt. Christa Wolfs Stimme wird uns fehlen, ihre besondere leise, unaufdringliche Art, sich frei von Besserwisserei mit unseren äußeren und inneren Konflikten selbstkritisch und durchaus mit Augenzwinkern und feinsinnigem Humor auseinanderzusetzen. Ihre unbedingte Aufrichtigkeit, ihr zähes Ringen um Wahrheit, ihr unentwegtes Prüfen und Infrage-stellen eigener Aussagen, ohne sich dabei jedoch zu verlieren, vielmehr stets – mit schonungsloser Offenheit auch sich selbst gegenüber – zu ihren Überzeugungen stehend. Diese bleibt unerreicht, und ich habe sie so sonst nirgendwo gefunden. Dies ist es, was wir ab jetzt schmerzlich vermissen werden. Christa Wolf hinterlässt in der Literaturlandschaft eine klaffende Lücke, die in absehbarer Zeit nicht zu schließen sein wird.

Um mit ihren Worten einmal mehr zu fragen: Was bleibt? Ihre Werke, die für sich sprechen. Wir können sie mit der Fülle an Gedankenreichtum, den sie enthalten, immer wieder lesen, immer wieder mit anderen Augen und mit anderem Schwerpunkt. „Jeder Leser arbeitet auch an dem Buch mit, das er liest…“ – auch dies waren Worte von ihr. Sie lebt weiter in den Herzen derer, die sie schätzen und lieben. Das ist ein kleiner Trost angesichts des riesigen Verlustes, aber der einzige, den wir im Augenblick haben. Wir verneigen uns vor einer großen deutschen Schriftstellerin, der bedeutendsten für mich, und – wie ich weiß und in diesen schweren Tagen vielfach erfahren habe – für sehr viele Menschen überall auf der Welt.

Bettina Johl

3 Kommentare

Eingeordnet unter Autor, Essay

Das Tonband im Kopf – Nachdenken über Christa Wolfs „Stadt der Engel“

Deutsch: Die Schriftstellerin Christa Wolf wäh...

“Du bist dabei gewesen. Du hast es überlebt. Du kannst davon berichten.“

Sätze, die mir bereits beim Blick auf die rückwärtige Umschlagseite des Buches mein eigenes Dilemma aufzeigen, – mir, der 38 Jahre später Geborenen, Vertreterin einer Generation, die mit Sätzen aufwuchs, die genau entgegengesetzt lauteten: Ihr seid nicht dabei gewesen. Ihr habt nichts erlebt – geschweige denn überlebt! Ihr könnt nicht mitreden. Diese Aussagen stets einhergehend mit der schwerwiegenden Auflage: Seid froh, dass ihr so etwas nie erleben musstet, – wir haben alles dafür getan, dass es unsere Kinder mal besser haben, – deshalb seid dankbar und stellt keine Fragen!

Das Tonband im Kopf zum Schweigen bringen…

Diesen Satz lesen und wissen: Er gilt auch für mein persönliches Tonband. Es sind solche Bänder verhängnisvoll. Sie können im einen Fall zum Sich-mit-sich-selbst-Auseinandersetzen bis hin zur Selbstzerfleischung führen, im anderen – die große Gefahr, in der sich meine Generation befindet – zum Sich-Abwenden, Sich-Ausklinken, zum Sich-nicht-Auseinandersetzen-wollen, – nachdem man oft  genug das Recht dazu abgesprochen bekommen hat.

Das geteilte Deutschland, – es war von Jugend auf gegenwärtig, – ein Elternteil aus dem Osten, der andere im Westen aufgewachsen. Aus dem Osten kommen, das klang nach Trauma, – großgeworden mit Erzählungen von den Schrecken sowjetischer Besatzung, späteren Repressalien im sozialistischen Staat, aus denen der einzige Ausweg in Flucht und Entwurzelung führte. Und die Nachkommen bekommen jenes Trauma mit der Muttermilch eingeflößt, werden staunend damit groß, – Pakete packen helfen für im Osten verbliebene Angehörige,  – dort gibt es nix, dort sind die Läden leer! –, sorgfältig auf allen sechs Seiten beschriften, – Geschenksendung, keine Handelsware! – , banges Hoffen, dass die Pakete nicht abgefangen werden. Einige wenige Reisen mit Mutter und Großmutter in das so fremde Nachbarland, das tatsächlich doch auch Deutschland sein sollte, – Fahrten mit Gruseleffekt -, Beklemmung bei der Grenzkontrolle, Eindrücke von trostlosem Grau in Grau, – Erwachsene, die sich stets leise flüsternd unterhielten, dem Kind einschärften, sich mäuschenstill zu verhalten, – wer hier einfach so sagt, was er denkt, wird sofort eingesperrt! -, bekam es zu hören, – oder gleich totgeschossen! –, setzte die Oma noch eins obendrauf, – den Opa hatten sie damals gleich zweimal nachts abgeholt… Solches klang ein bisschen nach Abenteuerurlaub – mit viel Abenteuer und wenig Urlaub.

Ganz anders, als es viel später – nach den Ereignissen von 1989 – die ruhige Schönheit der mecklenburgischen Landschaft zu entdecken gab, die der eigenen Familie zur Stätte unvergessener Sommerferien wurde, – dringend gebrauchte Entschleunigung -, das einfache Leben, intakte Natur, – Seen, Kiefernwälder -, ruhige, freundliche Menschen – und Pferde… Ein Land zum Urlaub machen, – aber zum Leben? Die Ruhe – Friedhofsruhe? Landflucht, teils völlig verlassene Orte, fehlende junge Menschen, – die verbleibenden unzufrieden und ohne Perspektive. Die Gelassenheit der Älteren – in Wirklichkeit hoffnungslose Resignation?

Wann bin ich mit Christa Wolf erstmals in Berührung gekommen?

Erstes Scheitern beim Versuch, mich zu erinnern. Es wird nach dem Mauerfall gewesen sein. Den „Geteilten Himmel“ einmal zufällig in der Bibliothek  ausgeliehen, zusammen mit einigen anderen, – damals vieles an Büchern weggelesen, wenig davon behalten -, dieses beeindruckend gefunden. Lust auf mehr. Begeistert von „Kindheitsmuster“, – da hatte mich der Titel neugierig gemacht, – es war mein Thema. Mich durch „Nachdenken über Christa T.“ mehr oder weniger hindurch gequält, – fremde Welt für mich als junge Frau einer späteren Generation. Anders „Kassandra“, – sie stöberte ich zufällig in einer Flohmarktkiste auf, in einer Lebensphase, während derer ich mich intensiv mit Frauenthemen befasste, der Bedeutung von Frauen in Geschichte und Literatur, dem Vorhandensein eines Geschichtsbildes, welches die Frauen – und damit die Hälfte der Menschheit – nahezu ausklammert, Literatur von Frauen nicht zur Kenntnis nimmt. Das Buch wurde mir zu einer Offenbarung. Später die „Medea“, – mit ihr tat ich mich wiederum schwerer, – sie erschloss sich mir erst nach zweimaligem Lesen. Zwischendurch immer wieder Erzählungen, Aufsätze, Essays…

„Was bleibt“ – natürlich! – , das alte Gruseln! Ausgerechnet dieses Buch kürzlich bei einer lieben Freundin, wo es zufällig auf dem Tisch lag, in die Hand genommen und während eines einzigen Abends nochmals durchgelesen, diesmal regelrecht mit einem dem ernsten Thema eigentlich so gar nicht angemessenem Vergnügen, – wer behauptete je, der Autorin fehle es an Humor?  Man bemerkt die Ironie oft nicht, die in der ganzen sie umgebenden Ernsthaftigkeit plötzlich so knochentrocken dasteht, dass man innehalten muss, um sie zu erfassen, – vielleicht auch deshalb das Zweimal-lesen-müssen?

Andererseits eben diese Ernsthaftigkeit, die ich immer schätzte, ihr Ringen um Wahrhaftigkeit, ihr unbedingtes Vermeiden von Vorurteilen, ihr behutsames Abwägen, ihr unbedingtes Hinterfragen der eigenen subjektiven Wahrnehmung, das völlige Fehlen von Gemeinplätzen und Rundumschlägen, an denen sonst in der Gegenwartsliteratur nicht unbedingt Mangel herrscht.

Dann während eines jener späteren Ferienaufenthalte in Mecklenburg zufällig im Gespräch mit einer Bekannten aus der Umgebung – Du liest Christa Wolf? Die wohnt hier gleich um die Ecke! – erfahren, dass sie ihre Sommer in einem Dorf ganz in der Nähe – ich hatte seinen Namen zuvor nie gehört – zu verbringen pflegte. Dieses Wissen reichte aus, mich in Aufregung zu versetzen!

Im Rückblick sehe ich mich auf meinem Lieblingsplatz im Giebel – eines jener schönen alten Doppelfenster mit breitem Sims! – meines Zimmers sitzen, die Nachmittagssonne vom Schatten der hohen Eschen gefiltert, während die Schwalben, damit beschäftigt, in der Scheune den letzten Nachwuchs des Jahres aufzuziehen, dicht an mir vorüberfliegen und fast mit den Flügeln meinen Arm berühren, außer deren Gezwitscher nichts zu hören als Hühnergackern und ab und zu das Krähen eines Hahnes, – sehe mich in „Sommerstück“ lesen , den Duft eines ähnlichen Sommers in der Nase. Lese in den jeweiligen Neuerscheinungen dieser Jahre, die nun regelmäßig im Schaufenster der einzigen Buchhandlung der nächstgelegenen größeren Stadt ausgelegt zu finden sind. Früher, – erzählte die gemeinsame Bekannte -, bekamst du dort kein Buch von Christa Wolf, die gab’s höchstens heimlich unterm Tresen für Privilegierte, – der Laden war so linientreu, dass ich ihn heute noch boykottiere!

Lese „Nuancen von Grün“, Textauszüge aus ganz unterschiedlichen Werken, sensible Naturbeschreibungen, die immer wieder den Zauber der Landschaft auf noch einmal ganz eigene Weise heraufbeschwören, während sie in ihrem ursprünglichen Rahmen manchmal in der Textfülle unterzugehen drohen, –  ein ähnliches Schicksal erleiden wie der angeblich fehlende Humor. Lese „Ein Tag im Jahr“, Poesie des Alltags im Wandel der Zeiten und geschichtlichen Ereignisse, eine sympathische, umwerfend offene Christa Wolf.

Sehe mich Briefe schreiben, die ich ihr bei einer unter irgendeinem Vorwand getätigten Fahrt durch jenen Ort, der nirgendwohin auf meinem Weg lag, heimlich wie eine Diebin in den Briefkasten schmuggle, erhalte auch umgehend eine freundliche Postkarte, die seitdem einen Ehrenplatz auf meinem Bücherregal inne hat.

Lese „Hierzulande, Andernorts“, fahre mit diesem Exemplar eines Tages nochmals hin, mit der vagen Hoffnung, es signieren lassen zu können, betrete mit schlechtem Gewissen durch das offen stehende Tor den Pfarrhof mit seinen hohen, alten Bäumen, – kein Sich-Abschirmen und Abschotten, kein Prunk, kein Protz, – einfaches Leben mitten unter den Menschen im Dorf. Ich treffe sie nicht an, – sie ist unpässlich an jenem Tag, – wohl aber Gerhard Wolf, der mit Gartenarbeit beschäftigt ist und heitere Ruhe ausstrahlt, sich mit uns freundlich unterhält und uns fragt, woher wir sind, – ah ja, Süddeutschland, unweit der Geburtsstadt Hölderlins! -, lange genug hat er sich – selbst Autor und Verleger – mit ihm beschäftigt; er nimmt das Buch ohne Umstände entgegen und bringt es nach wenigen Minuten signiert mit Widmung zurück, – in meine Freude mischt sich das Bedauern, wohl die einzige Gelegenheit verpasst zu haben, ihr je zu begegnen, – es war mein vorläufig letzter Sommer in Mecklenburg.

Dies alles trug sich bereits in der Zeit nach ihrem neunmonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten – in Los Angeles – zu, von dem ihr neuestes Buch „Stadt der Engel“ handelt. Flucht, – sagten böse Zungen. Die Debatte um Stasi-Vorwürfe. Irgendwann mochte ich es nicht mehr hören. Sie hat alles veröffentlicht, ihre komplette Akte. Seltsamerweise wurde dies von den Medien kaum zur Kenntnis genommen. Was an der Sache wirklich dran war, ist darin für jeden nachzulesen. In dieses Netz zu geraten, war noch ganz anderen beschieden, auch zu späteren Zeiten, als sie selbst längst die „Zusammenarbeit“ – wenn sich von solcher denn sprechen lässt – eingestellt hatte und anderen aktiv davon abriet, sich darauf einzulassen. Ich frage mich, wie viele darunter sein mögen, die sich wirklicher Vergehen schuldig gemacht hatten, ohne es bis heute für nötig zu halten, sich darüber – gar öffentlich – zu äußern.

All dies, worüber heute alle Welt meint, urteilen zu müssen, hatte sich lange vor dem denkwürdigen 11. ZK-Plenum von 1965 ereignet, wo sie es als einzige wagte, Kritik an der Kulturabteilung ihres Regimes zu üben, – lange bevor sie gemeinsam mit einigen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen 1976 schriftlich gegen die Ausbürgerung des in Ungnade gefallenen Liedermachers Wolf Biermann protestierte, – lange vor ihrer Rede von 1989, als das Volk in einer friedlichen Revolution bekundet hatte, dass es nun einmal das Volk sei, und dass die Regierung sich – Brecht lässt grüßen – eben kein anderes wählen könne, – als sie die Menschen beschwor, zu bleiben, statt weiterhin in großer Zahl das Land zu verlassen, – Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg! -,weil sie ansonsten ein Ausbluten des Landes befürchtete, in dem sie selbst immer geblieben war, statt wie viele andere zu gehen. Warum? –  fragt man heute. Weil sie das Gefühl hatte, dort gebraucht zu werden. Weil sie an die Möglichkeit einer Umgestaltung des Sozialismus glaubte – wer will es ihr verdenken? – und weil sie den Menschen im Land nach dem – in der Geschichte erstmaligen! – Gelingen einer friedlichen Revolution zutraute, dass solches zusammen mit ihnen durchzuführen wäre, – während diese bei Öffnung der Grenze nach Jahren materieller Entbehrungen zunächst einmal der Anziehungskraft der vollen Schaufenster auf der anderen Seite des Zaunes erlagen, – wer will es wiederum ihnen verdenken?

Das alte Indianersprichwort, – am Ende des Buches besucht sie wirklich Indianerland -, aber es kommt nicht darin vor: Urteile über niemanden, solange du nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bist.

Aber Christa Wolf wäre nicht Christa Wolf, wenn sie einen wunden Punkt – oder einen blinden Fleck – auf sich beruhen lassen könnte. Rechtfertigungszwang? Wie stellt man es an, genau da nicht hineingedrängt zu werden? Eine Frage, die sie sich selbst stellt. Und die, ob es für diesen Fall eine mögliche richtige, eine angemessene Verhaltensweise gibt. Vermutlich gibt es sie nicht, und man kann in jedem Fall nur alles falsch machen. Zumindest für andere. Also gilt es, das zu tun, was man für sich selbst als das Richtige erkennt. Und ihr Bestreben war es ein Leben lang, das größte Maß an Offenheit zu finden, schonungslose Offenheit sich selbst und anderen gegenüber, – ich habe mich oft gefragt, warum tut sie das, warum setzt sie sich dem allem aus? -, und die eigene Verantwortung ernst zu nehmen, sich ihr zu stellen. Dies ist – irgendwann begriff ich es – der einzige Weg – und Thema dieses Buches.

Ein Buch, mit dem ich mich zunächst schwer tue. Der Anfang ist zäh, wirkt holprig. Er muss es sein, aber das begreife ich erst später. Ich quäle mich. Ebenso quält sich die Autorin, – auch dies begreife ich erst nach und nach. Und dass ich vor die Wahl gestellt bin, mitzugehen, um zu verstehen, – oder eben nicht. Und ich entscheide mich fürs Mitgehen.

Der Amerikaaufenthalt Christa Wolfs ergibt sich durch die Einladung eines historischen Forschungszentrums, ein Stipendium, – dafür bedarf es eines Projektes, und was läge näher, als sich auf die Spuren der deutschen Exilliteraten zu begeben, derer sich viele während der NS-Zeit in Kalifornien am selben Ort einfanden, in Santa Monica, in Pacific Palisades, „New Weimar unter Palmen“ genannt, – bekannte Namen: Bertold Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Alfred Döblin… -, im Besonderen jedoch auf die verlorene Spur einer emigrierten Freundin, – richtiger: der Freundin einer inzwischen verstorbenen Freundin, von der nur einige Briefe aus deren Nachlass existieren, die sie stets nur mit dem Anfangsbuchstaben ihres Vornamens unterschrieben hatte. Die Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen, – gleichzeitig die der Autorin nach sich selbst. Es kommt im Zuge dessen zu Recherchen, Exkursionen und Begegnungen mit den verschiedensten Menschen, auch mit vielen jüdischen Emigranten und deren Nachkommen, zu Gesprächen über die geschichtlichen Ereignisse und die gegenwärtige Situation der Menschen sowohl in den Staaten als auch im wiedervereinigten Deutschland und in Europa.

Wie immer fehlt mir historisches Hintergrundwissen, habe ich Lücken, – Mühe, den Zeitsprüngen der Erinnerung zu folgen, muss mancherlei Namen und Ereignisse nachschlagen, die mir nichts sagen, die mir in etlichen früheren Werken Christa Wolfs schon des Öfteren begegnet sein müssen, die ich dennoch regelmäßig wieder vergesse und bei Bedarf nicht hervorzuholen geschweige denn zuzuordnen vermag. Wer aus meiner Generation – im Westen aufgewachsen – kennt den tschechischen Autoren Louis Fürnberg? Bekannter der russische Schriftsteller Lew Kopelew, der sich nach seiner Zwangsausbürgerung in Köln bei Heinrich Böll aufhielt, dann Anna Achmatowa, der russische Germanist und Übersetzer Efim Etkind, das russische Dichterpaar Ossip und Nadeschda Mandelstam, die Emigrantenarchitekten Neutra und Schindler, – der interessanten Persönlichkeiten, die es hier zu entdecken oder wiederzuentdecken gibt, scheint kein Ende.

Wer einen Roman im eher üblichen Sinne erwartet hat, muss möglicherweise seine Vorstellungen neu ausrichten. Christa Wolfs Werke haben sich wohl niemals eindeutig kategorisieren lassen. Wer den roten Faden sucht, findet ein eigenwilliges Gewebe vieler roter Fäden, die alle verfolgt sein wollen, sich manchmal naturgemäß verheddern, – ohne dass dies schlimm wäre, denn: ist das Leben anders?

Und unsere Erinnerung, unser Unbewusstes und Unterbewusstes, dem sie auf der Spur ist? Der zweite Titel „The Overcoat of Dr. Freud“, welcher Bezug nimmt auf einen Mantel Sigmund Freuds, in dessen Besitz ein Freund auf Umwegen gelangte, und der ihm unter mysteriösen Umstanden wieder abhandenkam, deutet es an. Erlebnisse, Begegnungen, Überlegungen, Reflexionen, Träume greifen ineinander. Dies zu einer Handlung zu verweben, erfordert Können. Christa Wolf besitzt es, – zweifellos. Und nach den ersten etwa hundertfünfzig Seiten hat auch die Krise ihren Höhepunkt überschritten. Ab dann wird der Ton eindringlicher, – ist es die „alte“ Christa Wolf, wie ich sie kenne. Dafür hat es sich gelohnt.

Und ich merke nach und nach: Es geht nicht darum, die Fülle an Details wie Teile eines Puzzles zusammenzufügen, auch wenn es durchaus spannend sein kann, diesen Versuch zu unternehmen. Auch das Rätsel der verschollenen Freundin löst sich in einer Verkettung von Zufällen, die echt oder erfunden sein können, – wenn es solche Zufälle nicht gäbe, müsste man sie erfinden, schreibt sie, – ist da etwa ein Augenzwinkern zu vernehmen? Aber inzwischen ist längst zu merken: Darum geht es gar nicht mehr.

Vielmehr geht es um Voraussetzungen von Erinnern und Vergessen, – das erwähnte Freud-Zitat: Ohne Vergessen können wir nicht leben! -, um Schuld und Verantwortung, die uralte Frage, wie die unlösbaren Konflikte zustande kommen, die uns seit ewigen Zeiten zu schaffen machen, so dass sie bereits in der Antike literarischen Stoff in Hülle und Fülle zu liefern vermochten, – wo haben sie begonnen, – wohin führt dies in unserer Zeiten? Bezeichnend die im Buch erwähnten Worte eines Freundes während einer Diskussion, in der es um die moralischen Verstrickungen der Atomphysiker geht:

„Wenn gutwillige normale Menschen so in eine Klemme getrieben werden, dass sie, nach ihren eigenen Maßstäben, nichts mehr richtig machen können, dann ist die Gesellschaft krank, in der sie leben.“

Und es geht um die stets brennende Frage nach dem Ausweg aus dem zwangsläufigen Schuldig-werden-müssen, aus dem ewigen Scheitern am Versuch, es doch noch einmal besser zu machen, Voraussetzungen für eine bessere Gesellschaft zu schaffen, – des Einzelnen, eines ganzes Volkes, – schließlich der Menschheit, – aller Menschen an allen Orten, – in welchem Gesellschaftssystem auch immer.

Ein mehrfach verwendetes Bild im Roman – Stadt der Engel! – ist jenes des „Engels der Geschichte“, zurückzuführen auf den Philosophen Walter Benjamin, der durch ein Gemälde von Paul Klee dazu inspiriert wurde:

Ein Sturm weht vom Paradiese her, der diesen Engel mit rückwärts gewendetem Antlitz in die Zukunft treibt, die er nicht schauen und lediglich – ein grausamer Fluch! – mit stetem Entsetzen auf das bereits Vergangene zurückblicken kann, ohne dieses je mehr ändern zu können.
Die Frage danach, wie ein solches Verhängnis aufzuhalten, wie dieser Fluch zu durchbrechen wäre, – sie macht nicht vor irgendeiner Generation einfach Halt, – sie wird ein Thema bleiben, auch für die nächste und übernächste.

Um mit den Worten des bekannten – zuvor genannten – älteren Titels zu fragen: Was bleibt?

Eine Erinnerung an meinen letzten Sommer in Mecklenburg:
Ich sehe mich eines Abends – wie so oft während meines Aufenthaltes – die Bundesstraße 192 zwischen Goldberg und Sternberg entlang fahren, auf einer bestimmten Höhe unwillkürlich nach rechts Ausschau haltend, nach dem etwas abseits erhöht gelegenen kleinen Dorf und seinem ersten größeren Haus, dem Pfarrhaus mit dem großen Giebel. Alles liegt bereits im Dunkeln, der Ort wirkt ausgestorben – nur das Licht im Giebelfenster, –  ihrem Fenster! – ist von weit her zu sehen. Licht über dem Land -, denke ich, – ein schönes Bild.

© Bettina Johl

Christa Wolf: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 416 S., geb. 24,90 €

Bei OSIANDER Bestellen

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Essay, Rezension, Roman