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Weihnachten – Johann Wolfgang von Goethe

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Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süsse spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.
Aber, Fürst, wenn dir’s begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Dass als Lichter, dass als Flammen
Vor dir glänzten allzusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

(Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)
aus: Gedichte, Ausgabe letzter Hand

Foto: Bettina Johl

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Kollektivsingular und Lebenskunstwerk

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Rüdiger Safranskis Goethe-Biographie für unsere Zeit

Als vor 50 Jahren eine Goethe-Biographie erschien, deren Verfasser der heutzutage leider in Vergessenheit geratene Richard Friedenthal war, schlug über ihm der geballte Zorn deutscher Goethe-Verehrung zusammen. Das sich gebildet dünkende Kleinbürgertum des Landes schäumte vor Wut ob der „verantwortungslosen und zerstörenden Verzerrungen“ ihres Dichters. Jedenfalls erschien 1963 die „schädliche Karikierung“ Goethes im Piper Verlag, nachdem in einer Hamburger Zeitung monatelang ein Vorabdruck zu lesen war, begleitet vom Gejammer der volksaufklärerisch inspirierten Leserbriefschreiber, dass der „vergötterte“ Goethe „auf das Niveau der Reportagen über ehemalige Fürstinnen, Filmstars und Sängerinnen herab“ und in „den Staub gezogen würde.“ Was hatte der Biograph eigentlich getan? Der 1896 in München geborene Richard Friedenthal, 1938 nach England emigriert, hatte in seiner Biographie „Goethe – Sein Leben und seine Zeit“ für einen Teil der Deutschen schlichtweg das gekränkt, was sie ihren Nationalstolz nannten. Und er hatte eine Biographie geschrieben, die zum Bestseller avancierte; sie hatte angelsächsisches Format. Goethe war vom Podest genommen worden, seine Hände wurden unverschämt als Arbeiterhände beschrieben, auch die dunklen Seiten in seinem Leben sparte die Biographie nicht aus. Goethe wurde durch Friedenthal für die junge, nachgewachsene Generation wieder lesbar gemacht, ironisch gebrochen und doch bejaht, der letztlich nicht korrumpierbare Wesenszug des Weimarer Dichters durch die Zeiten hinweg wieder sichtbar und fühlbar.

Von Rüdiger Safranski gibt es eine Reihe von Biographien, über E.T.A Hoffmann, Schopenhauer, Heidegger, Nietzsche und Schiller, seine Epochen-Bücher über die Romantik und die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller, die ihn in die direkte Nachfolge Friedenthals rücken. Auch das große Leserpublikum, das er mit seinen Werken erreicht, lässt Analogien zu. Seine zu Goethes Geburtstag im August erschienen Biographie „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ jedenfalls hat das sehr Unwahrscheinliche bereits jetzt geschafft, dass ein Buch über Goethe zahlreiche Leser findet.

Die Biographie sei, so wird es vom Verlag umschrieben, ein Höhepunkt des biographischen Schaffens von Safranski, der sich dem Höhepunkt der deutschen Literatur, einem „Jahrhundertgenie“ widme. Mit den Forschungen über Goethe lassen sich Bibliotheken füllen, so oft und viel ist über ihn zusammengetragen und geschrieben worden. Es gibt seine Korrespondenz, seine Jahres- und Tageshefte, seine autobiographische Schrift „Dichtung und Wahrheit“, seine Gedichte, Dramen und Romane. Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik-Stiftung mit Sitz in Weimar, zählte einmal auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb, er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern, Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Safranski nähert sich Goethe über die primären Quellen, er will uns einen Goethe „wie zum ersten Mal“ präsentieren, aus seinem literarischen Werk, seinen Briefen, Tagebüchern und Gesprächen und den Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen. Wir werden so zu Beobachtern eines Menschen, dessen Lebenszeit vom Rokoko bis zum Maschinenzeitalter des 19. Jahrhunderts reichte. Was Safranski vor allem fasziniert, ist die individuelle Gestaltung dieses Lebens im Gegenzug zur modernen digitalen Vernetzung aller mit allen, die er als „Stunde des Konformismus“ interpretiert. Goethe habe es trotz aller Verbundenheit mit seiner Zeit verstanden, „ein Einzelner zu bleiben“. Hier wird ein Zug Goethes ins Positive gedeutet. Goethe nahm nur das auf, was er auch produktiv verarbeiten konnte. Alles andere ignorierte er. Das hatte Folgen, für ihn selber wie auch für einige seiner Schriftstellerkollegen, die sich an ihn wandten, wie Jean Paul und Friedrich Hölderlin. Dem Barockdichter Johann Christian Günther, der mit 28 Jahren 1723 verarmt und ausgezehrt in Jena starb, verbaute er mit seinem Richterspruch sogar noch eine postume Karriere in der Literaturgeschichte. Dieses bedenkenswerte Urteil lautete so kurz wie ignorant: „Er wusste sich nicht zu zähmen und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.“ Diesen Spruch haben Generationen von Studienräten und Professoren bis ins 20. Jahrhundert hinein nachgebetet.

Leben und Werk Goethes jedenfalls, der Schriftsteller ebenso wie der „Meister seines Lebens“ machen ihn, so Safranski, für die Nachwelt unerschöpflich. Die Intention des Biographen bestehe vor allem darin, dass die heutige Generation die Chance habe, im Spiegel Goethes sich selbst und die eigene Zeit besser zu verstehen. Das Buch Safranskis ist dieser Versuch; es beschreibt einerseits das Leben und Werk eines „Jahrhundertgenies“, andererseits will es „die Grenzen und Möglichkeiten einer Lebenskunst erkunden.“ Das Resultat dieser Bemühungen ist allerdings in Teilen ein Goethebild, dessen Widersprüche und auch Kanten wegretuschiert erscheinen, die Gegensätze und Härten in Goethes Wesenszügen werden einwattiert und zum Lebenskunstwerk stilisiert.

Bei der Schilderung der „schwierigen Geburt“ Goethes verzichtet Safranski wohltuend auf die Zeilen aus Goethes autobiographischer Schrift „Dichtung und Wahrheit“, in denen schicksalsträchtig vom Schlag der Uhr und der Konstellation der Gestirne die Rede ist. Dies ist eine Ausnahme in der Goethe-Biographik, und der Autor setzt allein damit schon einen eigenen Akzent. Safranski fragt sich, ob es vielleicht Ironie sei, dass Goethe bei der Schilderung der Geburt deren „erfreuliche Folgen für die Allgemeinheit“ erwähnt. Der Großvater und Schultheiß Johann Wolfgang Textor nahm nämlich die „lebensgefährliche Geburt“ zum Anlass, die Geburtshilfe der Stadt Frankfurt zu verbessern, „welches denn“, so Goethe, „manchem der Nachgeborenen mag zu Gute gekommen sein.“

Der heranwachsende Goethe wurde von Hauslehrern erzogen, studierte in Leipzig und Straßburg, ohne Promotion, und wurde, wie sein Vater, Jurist. Eine Reise führte Goethe 1770 nach Sesenheim, wo er Friederike Brion kennenlernte. Er schildert in „Dichtung und Wahrheit“ diese Zeit als eine Idylle, die so idyllisch allerdings nicht war. Sie fand ein jähes Ende. Goethe verließ Friederike. Über das Ende der Beziehung bemerkte er lakonisch: „Es waren peinliche Tage, deren Erinnerung mir nicht geblieben ist.“ Hier ist sie spürbar, die Kälte Goethes, die aus seiner Autobiographie zuweilen tritt, trotz aller Versuche der Harmonisierung und Glätte, ein Wesenszug, der vielen, die ihn kannten, nicht verborgen blieb. Zu seinen Gunsten muss hinzugefügt werden, dass er später bekannte, an Friederike schuldig geworden zu sein. In die Straßburger Zeit fiel seine Freundschaft mit Lenz, die andauerte, er ließ ihn sogar nach Weimar kommen, wo er ihn allerdings nach einem peinlichen Zwischenfall per Amtsgewalt polizeilich ausweisen ließ. Goethe hat sich für das weitere Schicksal von Lenz nicht mehr interessiert.

Das Schauspiel „Götz von Berlichingen“ machte Goethe in Deutschland berühmt, der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ wurde in Europa zum Bestseller. Napoleon behauptete bei einem Treffen mit Goethe im Jahre 1808 in Erfurt, er habe diesen Roman sieben Mal gelesen. Noch in Frankfurt begann er sein „Faust“-Projekt, bis er, des genialischen Treibens der Stürmer und Dränger und des literarischen Lebens überdrüssig, einen radikalen Schritt vollzog, als er 1775 in das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar ging, wo er es, als Favorit und Freund des Herzogs, zum Minister brachte. Er hatte die Pyramide seines Daseins zugespitzt, zumindest, was die eine Seite des praktischen Lebens betraf. Er betrieb Naturforschungen, aber sein Beruf engte ihn ein und er floh nach Italien, der Herzog zahlte sein Gehalt großzügig weiter. Nach der Rückkehr lernte er zum Verdruss der ohnehin verärgerten Charlotte von Stein ein Blumenmädchen namens Christiane Vulpius kennen und lebte mit ihr in wilder Ehe. Es kommt 1794 schließlich die Dichterfreundschaft mit Friedrich Schiller, das „glückliche Ereignis“ nannten sie es. Safranski hat schon in seinen vorausgegangenen Büchern darauf aufmerksam gemacht, wie die beiden unterschiedlichen Bildungs- und Erziehungskonzepte Goethes und Schillers nun ineinandergriffen und in einen gemeinsamen Feldzug gegen den damaligen Literaturbetrieb mündeten, und wie stark sich die beiden Autoren gegenseitig in ihren literarischen Arbeiten bis zum Tode Schillers 1805 beeinflussten und unterstützten. In diesem Zusammenhang muss auf ein Buch aufmerksam gemacht werden, das leider nicht zu einer breiteren Rezeption geführt hat, obwohl die Autorin Katharina Mommsen heißt. Die Germanistin, die zahlreiche Veröffentlichungen, insbesondere zu Goethe und Goethes Werk und seinem Verhältnis zur islamischen Welt, aber auch zur Lebenskunst Goethes vorgelegt hat, schreibt in ihrem 2010 erschienen Buch „Kein Rettungsmittel als die Liebe – Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtung“, dass die meisten Biographen in Goethes und Schillers Verbindung lediglich ein bloßes Zweckbündnis sehen und ihren Fokus eher auf die „gemeinsame Lebensarbeit“ richten. Mommsen deckt eine ganz andere, bislang verborgene Dimension des Dichterbundes auf: In vielen Liebesgedichten der beiden und in „chiffrierten Zeugnissen“ sei ein „geheimer Dialog“ zu entdecken, der den „innersten Grund“ ihrer Partnerschaft offenbare. Katharina Mommsen beschreibt die Geburt der Weimarer Klassik aus dem Geist des platonischen Eros. In der Biographie Safranskis ist auf diese These der großen Goethe-Forscherin kein Bezug genommen worden.

Goethe arbeitete an seinem literarischen Werk, machte Politik und pflegte Umgang mit Wissenschaftlern und Künstlern. Er wurde zu einer Instanz, zu einem lebenden Denkmal. Er betrachtete sich selbst als ein historisches Sujet, schrieb, so Safranski, neben Augustins „Confessiones“ und Rousseaus „Confessions“ die „für das alte Europa wohl bedeutendste Autobiographie, „Dichtung und  Wahrheit“. Das Würdevolle und Steife seines Lebens werde mit dem Alterswerk „Faust“ auffällig kontrastiert, in dem „er sich … auch als kühner und sardonischer Mephisto, der alle Konventionen sprengt“, zeige.

Safranski betont, dass Goethe stets der Unterschied zwischen literarischen Werken einerseits und dem zu führenden Leben andererseits bewusst gewesen sei. Aber auch seinem Leben wollte er den Charakter eines Kunstwerks geben: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andre und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu.“ Die eine Seite bilden die Werke, die andere Seite kommt in der Aufmerksamkeit zum Vorschein, die er der Natur und der Welt widmete. Er glaubte, dass die Aufmerksamkeit, die „zarte Empirie“, ausreiche, das Wichtige und Wahre zu erkennen, so Safranski. Andere Menschen waren ihm egal, sie kamen nicht in Betracht, was ihn störte, wurde missachtet.  Goethe sei ein bis zur Grausamkeit hartherziger Mensch gewesen, sagte Marcel Reich-Ranicki einmal. Davon konnten sie alle ein Lied singen: Lenz, Jean Paul, Kleist und Hölderlin. Der arme Hölderlin. An seine resignierten Worte aus Weimar „Sie können mich nicht gebrauchen“ darf in diesem Zusammenhang erinnert werden. Goethe hat nichts hintertrieben, er hat sich nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Vielleicht kam ihm sein „Heideröslein“ in den Sinn. Safranski beschäftigt sich nicht weiter mit Hölderlin, erwähnt, dass Hölderlin Goethe während eines Besuchs bei Schiller nicht erkannt habe, eine Todsünde. Der junge Dichter versuchte, den Fehler wiedergutzumachen. Vergebens. Götter und Kunstwerke übersieht man nicht. Goethe, so Safranski, war ein Sammler. Er fragte sich stets bei persönlichen Gesprächen und Begegnungen, ob sie ihn, so sein Lieblingsausdruck, „gefördert“ hätten. Ein Augenblick galt als gerettet, wenn er in eine Form gebracht werden konnte, schreibt der Biograph und erzählt die Episode, wie Goethe ein halbes Jahr vor seinem Tode „noch einmal auf den Kickelhahn“ kletterte, „um jenes Gekritzel von einst an der Innenwand der Jägerhütte zu lesen: ‚Über allen Gipfeln ist Ruh.’“

Safranski hat eine Biographie geschrieben, die Goethes Leben und Werk als ein Gesamtkunstwerk erscheinen lässt, von dem auch wir etwas über uns selbst lernen könnten, so der Biograph. Wenn der alte Goethe von der Kollektivität seines Ichs spricht, dann findet darin keineswegs ein Gefühl der eigenen Wichtigkeit, kein Narzissmus seinen Ausdruck, sondern eher artikulieren sich am Ende seines langen Lebens eine Demut und eine Bescheidenheit, die so gar nicht zu einer Deutung Goethes als Gesamtkunstwerk passen. Goethe spricht hier von sich als Autor, und seine Worte nehmen um nahezu 150 Jahre jenen legendären Vortrag „Was ist ein Autor?“ von Michel Foucault vorweg. Am 17. Februar 1832, ein Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch zu Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht? … Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesäet; mein Le­benswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Copyright: Dieter Kaltwasser

Der Beitrag ist in der November-Ausgabe 2013 von literaturkritik.de und in einer gekürzten Fassung am 20. November 2013 im General-Anzeiger Bonn erschienen. Am 29. November 2013 erschien der Beitrag im Online-Magazin für Literatur und Zeitkritik „Glanz & Elend“.

Literaturempfehlungen:

Rüdiger Safranski: Goethe – Kunstwerk des Lebens. Biografie. Carl Hanser Verlag, München 2013. 748 Seiten, 27,90 EUR. ISBN: 978 3-4462-3581-6

Katharina Mommsen: Kein Rettungsmittel als die Liebe. Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtungen. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 328 Seiten, 28 EUR. ISBN: 978-3-8353-0761-2

Wolfgang Holler (Hg.): Lebensfluten – Tatensturm. Begleitbuch.
Klassik Stiftung Weimar, Weimar 2012. 288 Seiten, 14,90 EUR. ISBN: 978-3-7443-0154-1

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Ein Kollektivwesen namens Goethe

Goethes Wohnhaus Am Frauenplan, Weimar / Foto: Bettina Johl

Die neue Dauerausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ im Goethe-Nationalmuseum Weimar

Keine Frage: Goethes Lebendigkeit, seine Aktualität und Anziehungskraft sind ungebrochen. Jährlich besichtigen rund 160 000 Besucher aus aller Welt die Orte seines Wirkens in Weimar. Zu seinem 263. Geburtstag am 28. August dieses Jahres feierte die Klassik Stiftung Weimar die Wiedereröffnung des Goethe-Nationalmuseums am Frauenplan mit der neuen Ausstellung »Lebensfluten – Tatensturm«; sie veranschaulicht das anhaltende Faszinosum Goethe, erklärt sein Fortwirken, in dem sie ihn als Zeugen der um 1800 einsetzenden Moderne präsentiert und Leben und Werk in zeitgenössischen Kontexten zeigt.

In elf Räumen wird die Vielschichtigkeit von Goethes Wirken über das rein literarische Schaffen hinaus verdeutlicht – von seiner politischen Funktion als Staatsmann, seinem zeichnerischen Werk bis hin zu seinen botanischen Studien. Der Titel der neuen Schau ist dem Auftritt des Erdgeistes in der Nachtszene des Faust I entnommen: »In Lebensfluten, im Tatensturm / Wall‘ ich auf und ab, / Webe hin und her! / Geburt und Grab, / Ein ewiges Meer, / Ein wechselnd Weben, / Ein glühend Leben, / So schaff‘ ich am sausenden Webstuhl der Zeit / Und webe der Gottheit lebendiges Kleid«.

Doch wie kann der gigantische Nachlass, das Goethe-Gebirge, eigentlich angemessen dargestellt werden? Hellmut Seemann, Präsident der Klassik-Stiftung, zählt auf, dass Goethe in den 83 Jahren seines Lebens mehr als 50 Millionen Zeichen schrieb , er legte zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche 40000 km zurück, er war mit mehr Zeitgenossen bekannt, als das Weimar seiner Zeit Einwohner hatte, sammelte Tausende von Büchern,  Kunstwerken und Naturalien und hatte einen schier unglaublichen Wortschatz von über 80000 Wörtern, schrieb 2000 Briefe, führte Gespräche, die auf über 5000 Seiten erfasst sind. Kein anderer deutscher Dichter, so Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung, sei in allen Fasern seiner Existenz so durchleuchtet worden und habe das kollektive Bewusstsein so geprägt wie Johann Wolfgang von Goethe.

Die neue Konzeption der Ausstellung, deren Bestand auf zehn Jahre angelegt ist, soll sowohl das Interesse von Besuchern befriedigen, die Goethe neu für sich entdecken wollen, wie auch das von Studienräten und Experten, so Holler. Auf 800 Quadratmetern Fläche und in den thematischen Abschnitten Genie, Gewalt, Welt, Liebe, Natur, Erinnerung und Kunst, die zentrale Gedankenräume Goethes zusammenfassen, sowie der „Faust-Galerie“ werden die Besucher in einer „Zeitbrechung“  in die Vergangenheit und wieder in die Gegenwart zurückgeführt, um Goethes Erfahrungen und Ansichten auf ihre Gegenwartsrelevanz zu prüfen, so der intendierte „kulturanthropologische Ansatz“ der Ausstellung. Auf der „Faust“-Galerie, die ein verbindendes Element der thematischen Räume ist, kann die Großdichtung nach Stichworten durchsucht werden, entsprechende Zitate werden auf Leuchtbändern sichtbar. Die Ausstellung inszeniert, so Seemann,  die „Persönlichkeit“ Goethes wie ein sich stetig vergrößerndes Netz, das durch die Epoche der ›Sattelzeit‹ vor und nach 1800 gezogen wurde, als die Grundlagen und die Antagonismen der Moderne sichtbar wurden.

Goethes Reisemantel / Foto: Bettina Johl

Die über 500 Exponate sind Dokumente von Goethes Hand, Objekte aus seiner naturkundlichen Sammlung und Werke der Kunst wie die Federzeichnung »Genius des Ruhms« von Johann Heinrich Meyer und der »Juno Ludovisi«, aber auch Alltägliches aus Goethes Leben – von seiner Hofuniform,  über seinen Reisepass nach Rom bis hin zu seinem auf Reisen benutzten Schreibzeug, den Handschuhen von Ulrike von Levetzow, seiner letzten Liebe. Die Ausstellung ergänzt somit den atmosphärischen Eindruck des Wohnhauses auf eindrucksvolle Weise. Wer einmal in Weimar war, wird wiederkehren. Denn wir können dort auch etwas über uns selbst lernen, wenn wir es denn wollen. Am 17. Februar 1832, einen Monat vor seinem Tod, sagte Goethe in einem Gespräch mit Frédéric Soret: „Was bin ich denn selbst? Was habe ich gemacht?  … mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“

Dieter Kaltwasser

Zur Ausstellung „Lebensfluten-Tatensturm“ ist ein Begleitbuch mit Beiträgen der Kuratoren sowie u.a. von Herbert Grönemeyer, Durs Grünbein, Michael Jaeger, Harald Lesch und Rafik Schami erschienen (288 Seiten, 162 Abbildungen, 14,90 Euro).

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Zum neuen Jahr – Johann Wolfgang von Goethe

Zwischen dem Alten
Zwischen dem Neuen,
Hier uns zu freuen
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammeln uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen,
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut;
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar,
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

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„Der arme Hölderlin“

Peter Lenk, Hölderlin im Kreisverkehr, Detail

Peter Lenk, Hölderlin im Kreisverkehr

Es ist still geworden hierzulande um Friedrich Hölderlin, auch wenn in wenigen Jahren sein 250. Geburtstag gefeiert wird. Es ist keine Paradoxie zu behaupten, von seinem Werk sei zwar einiges ins kulturelle Gedächtnis übergegangen, seine exzentrische Lebensbahn hingegen völlig ins Vergessen geraten. Dabei gilt Hölderlin als eine singuläre Gestalt unter den Dichtern und Philosophen, er, der am 20. März 1770 im kleinen schwäbischen Lauffen am Neckar bei Heilbronn geboren wurde; ein Landstrich, den sein Freund Schelling als Land der „Pfaffen und Schreiber“ verspottete. Sein Vater war Klosterhofmeister eines früheren Nonnenklosters in Lauffen, seine Mutter eine Pfarrerstochter aus dem nahegelegenen Frauenzimmern. Wer heute die Geburtsstadt besucht, in der Hölderlin die ersten vier Lebensjahre verbrachte und die sich stolz auf ihn beruft, findet zwar alle Schulen und die einzige Buchhandlung des Geburtsortes nach ihm benannt, doch kaum einer weiß Näheres, in den Schulen wird nahezu nichts über ihn vermittelt; der große und einzigartige Dichter ist seinen Schwaben und wohl auch den Deutschen insgesamt wieder einmal abhanden gekommen. In der Hölderlin Buchhandlung in Lauffen jedenfalls, so erzählt es der dortige Buchhändler, wird manchmal sogar telefonisch nach ihm verlangt, nach dem „Geschäftsführer Hölderlin“. Man fragt sich, woher dieses Vergessen rührt. Sind es wirklich die Weimarer Klassiker, vor allem Goethe und leider dann auch Schiller, die ihn abgewiesen und so für das ganze 19. Jahrhundert unlesbar gemacht haben?

In Lauffen jedenfalls will man diesen Eindruck schon am Ortseingang erwecken. Dort steht ein Kunstwerk namens „Hölderlin im Kreisverkehr“, geschaffen hat es der Bildhauer Peter Lenk und im Juni 2003 ist es dort errichtet worden. Hölderlin ist nicht allein Objekt des Kunstwerks, sondern wird in Beziehung zu anderen historischen Figuren gesetzt, die stellvertretend sein sollen für die Einflüsse und Wirkungen auf den Dichter. Die Grundkonstruktion des Kunstwerks ist ein geschwungenes „H“, den Mittelpunkt bildet eine waagerecht liegende Schreibfeder, auf der an beiden Enden jeweils eine Figur sitzt, ein kleines Kind und der etwa 30jährige Friedrich Hölderlin. Um diese sollen sich mit Hilfe der anderen Figuren Aspekte zu Leben und Werk des Dichters erschließen. Man sollte meinen, bei einem Hölderlin-Kunstwerk stehe dieser selbst im Mittelpunkt, doch mit der Doppelfigur Goethe und Schiller hat der Künstler andere ins Zentrum geschoben. Schiller hält dem etwa 2jährigen Knaben einen Lorbeerkranz entgegen, ein kolossaler und fettleibiger Goethe senkt in Richtung des den anderen Figuren den Rücken zukehrenden, abwesend und völlig in sich versunken wirkenden Hölderlin den Daumen nach unten. Zwei weitere Figuren des Lauffener Kunstwerks zeigen die nackte Diotima, die große und unerfüllte Liebe Hölderlins, im wirklichen Leben trug sie den Namen Susette Gontard, und einen Fahrrad fahrenden Friedrich Nietzsche, der Hölderlin den Thyrsosstab entgegenhält, auf Dionysos und seinen Kult hinweisend. Nietzsche, so wissen wir, hat Hölderlin als Dichter zu einer Zeit verehrt, als andere ihn völlig vergessen hatten. An der Spitze des Kunstwerks steht Herzog Carl Eugen auf einem sterbenden Hirsch, der das Württemberger Volk symbolisieren soll, in der Pose des absoluten Herrschers. Lenk hat mit seinem Kunstwerk einen Bezugsrahmen zu Hölderlins Leben und Dichten geschaffen, der wesentliche Lebensthemen integriert: Tyrannei, Revolution, Liebe, Abweisung und Wahnsinn.

Doch ist es tatsächlich Goethe, dem die Hauptverantwortung für das lang anhaltende Vergessen und Verkennen Hölderlins angelastet werden darf? Tatsache ist, dass Goethe für das Werk Hölderlins keine Sympathien trug, aber auch, dass Gedichte Hölderlins in den von Schiller herausgegebenen Literaturzeitschriften erschienen sind. Goethe jedenfalls hat nichts hintertrieben, er hat sich einfach nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial und ignorant angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Dies zeugte nicht unbedingt von ausgeprägtem Gespür für literarischen Nachwuchs, auch bei Kleist verhielt er sich ähnlich. Goethe konnte mit dem exzentrischen jungen Mann nichts anfangen, er, der sich stets zu fassen wusste und darauf aus war, auch aus seinem Leben ein Kunstwerk zu formen. Michel Foucault hat 1962 in einem Essay darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht der bereits „vergöttlichte“ Goethe war, der dem schweigenden Hölderlin mit Unverständnis begegnete und in dem jungen Dichter das Gefühl der Ablehnung durch die „Klassiker“ bewirkte, sondern dass Hölderlin vor allem daran litt, von der „Vaterfigur“ Schiller nicht gefördert zu werden. Foucault spricht davon, dass Schiller die „leere Stelle des Vaters besetzt“. Hölderlin hatte sich viel versprochen von Jena, in direkter Nähe zu Weimar, dem damaligen kulturellen Mittelpunkt in Deutschland. Er lebte und arbeitete dort für kurze Zeit als Hauslehrer der Kinder von Charlotte von Kalb. Doch auch in Jena erfüllte sich sein Wunsch nicht, durch Freundschaft und Bekanntschaft mit den Berühmten „in Ruhe und Eingezogenheit einmal zu leben, und Bücher schreiben zu können, ohne dabei zu hungern“, wie es in einem Brief an seine Schwester heißt. Er verließ Jena und Weimar mit den Worten:“ Sie können mich hier nicht gebrauchen.“ Und so sollte es bleiben.

Nach bürgerlichen Maßstäben müssen wir Hölderlins Existenz zu dieser Zeit um 1795 bereits als gescheitert ansehen. Dabei hatte es groß begonnen mit ihm. Seine Freunde im Tübinger Stift waren Hegel und Schelling, mit denen er eine Zeit lang sogar das Zimmer und vor allem die Begeisterung für die Ideale der Französischen Revolution teilte. Hölderlin ist der eigentliche geistige Urheber des „Ältesten Systemprogramms des deutschen Idealismus“, wie es der große Hegelforscher und Kenner des deutschen Idealismus Dieter Henrich in eindrucksvollen Studien dargelegt hat. Hegel und Schelling suchten während der Tübinger Zeit und auch später noch wiederholt Hölderlins Rat. Als gesichert gilt, dass Hölderlin mit seinem Freund Sinclair große Teile des „Systemprogramms“ schrieb, wobei wohl die erste schriftliche Form Sinclair zu verdanken ist, der weitaus „systematischer“ dachte als sein Freund. Dieser ging seinen eigenen, poetischen Weg: Dichtung war für ihn Anfang und Ende der Philosophie. Und so ging er diesen einsamen Pfad bis zum Ende, kompromisslos, konsequent, verkannt.

In Armut und äußerer Abhängigkeit lebend, immer wieder neue Hofmeisterstellen antretend, dann das ihm zum Schicksal werdende Zusammentreffen mit Susette Gontard in Frankfurt im Jahre 1796, der Frau eines reichen Bankiers. Hölderlin sollte den Sohn erziehen. Das Wohnhaus lag am Großen Hirschgraben, ausgerechnet neben Goethes Geburtshaus. Er verliebte sich in die schöne Frankfurter Patrizierin und sie erwiderte seine Liebe. Sie wurde zur Schlüsselfigur seines Lebens und seiner Dichtung. Es kam zu Auseinandersetzungen und wohl auch Demütigungen, die Hölderlin von Susettes Ehemann ertragen musste; das Resultat jedenfalls war, dass Hölderlin das Gontardsche Haus 1798 verließ. In seinem Gedicht „Lebenslauf“ heißt es: „Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog / Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger; / So durchlauf ich des Lebens / Bogen und kehre, woher ich kam.“ Nach der Trennung schrieben sie sich Briefe, trafen sich nur noch heimlich wenige Male. Hölderlin veröffentlichte seinen Roman „Hyperion“. Diotima lässt er im Roman sterben, Susette Gontard stirbt am 22. Juli 1802 in Frankfurt.

Als Hölderlin die Nachricht von ihrem Tode erfuhr, kam er gerade von Bordeaux in einem völlig zerrütteten Zustand ins Württembergische zurück. Danach war er für die Welt verloren. Er schrieb weiterhin vollendete Gedichte, bis er 1806 auf Veranlassung seines Freundes Isaac von Sinclair von Homburg nach Tübingen in das dortige Universitätsklinikum verbracht, als „unheilbar wahnsinnig“ diagnostiziert und interniert wurde. Am Abend des 11. September 1806 schrieb die Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg, die den Dichter „Holterling“ nennt: „Man hat heute früh den armen Holterling abtransportiert, um ihn seinen Eltern zu übergeben. Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen.“

1807 hat der in Tübingen lebende Schreiner Ernst Zimmer, ein Bewunderer des „Hyperion“, den Dichter aus dem in der Nähe liegenden Universitätsklinikum zu sich geholt und im Kreise seiner Familie aufgenommen. Zimmer hatte den „Hyperion“ gelesen, der ihm „ungemein wohl gefiel“. Ihm tat es leid, dass ein so „schöner herrlicher Geist zu Grund gehen soll“. Bis heute dauert der Streit darüber an, ob Hölderlin krank war oder sich nur verstellte. Vor allem der französische Germanist Pierre Bertaux hat vor Jahrzehnten nach über fünfzigjähriger Beschäftigung mit Hölderlin eine „Revision“ des Falles eingefordert. Er kommt in seiner großen Studie zu dem Schluss: Hölderlin war nicht geisteskrank, er war anders als die Norm, aber dieses Anderssein kann nicht als pathologisch bezeichnet werden. Hölderlin lebte in des Schreiners Turmzimmer 36 lange Jahre, die Hälfte seines Lebens. Er hat Besucher empfangen, sie mit äußerster Höflichkeit behandelt und als „Hochgeboren“, „Exzellenz“ oder „Eure königliche Majestät“ angesprochen. Wurde er mit seinem Namen angesprochen, widersprach er und sagte: „Diesen Namen trage ich nicht mehr” oder „Ich, mein werter Herr, bin nicht mehr von demselben Namen.“ Er nannte sich „Scardanelli“, „Buonarotti“, gab sich exotisch klingende Namen wie „Killalusimeno“, schrieb Gedichte auf Wunsch sofort nieder, skandierte dazu mit der linken Hand, datierte sie lange vor seiner Geburt oder nach seinem Tode. Er war aus der Zeit heraus gefallen. Noch heute rätselt man darüber, ob die Gedichte schon lange in seinem Kopf existierten und er Besucher nur als willkommenen Anlass nutzte, sie niederzuschreiben. Er phantasierte tagsüber stundenlang an einem Spinett und führte unablässig Selbstgespräche. Zuweilen wanderte er mit Wilhelm Waiblinger, damaliger  Student in Tübingen, auf den Österberg ins Presselsche Gartenhaus, worüber Hermann Hesse eine wunderschöne kleine Erzählung verfasst hat. Waiblinger trieb ein überaus starkes biographisches Interesse an Hölderlin, er schrieb nicht nur die erste Biographie, sondern auch einen Roman über ihn, und die Grenzen des Biographischen und des Fiktiven verschwimmen leider nur zu oft. Seine zwar lebendige, aber sehr einseitige Darstellung des Dichters wurde unkritisch übernommen.

Im zwanzigsten Jahrhundert, nach unrühmlichen und widerwärtigen Adaptionen während des Ersten Weltkriegs und durch den Nationalsozialismus, nach Heideggers ambitioniertem Versuch, in Hölderlins Dichtung Spuren oder Ansätze eines andersanfänglichen Denkens zu finden und ihn so für sein eigenes „Denken“ nach der sogenannten „Kehre“ zu vereinnahmen,  wurde der so Verkannte schließlich als ein Wegbereiter der Moderne wahrgenommen. Peter Weiss notierte zu seinem „Hölderlin“-Stück: „Hölderlins psychologische Reaktionen sprechen von den gleichen Gefahren, die auch uns bedrohen. Er gibt ein extremes Beispiel dafür, wie der Druck der Außenwelt einen solchen Grad von Unerträglichkeit annehmen kann, dass nur noch die Flucht in die innere Verborgenheit übrig bleibt.“ In der Schlussstrophe aus „Hyperions Schicksalslied“ wird diese Erfahrung benannt. Kein anderer Dichter deutscher Sprache hat sie klarer und vollkommener in Verse zu fassen gewusst: “Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ruhn, / Es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen / Blindlings von einer / Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen, / Jahr lang ins Ungewisse hinab.“ Am 7. Juni 1843 ist Friedrich Hölderlin mit 73 Jahren in Tübingen gestorben.

Dieter Kaltwasser

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