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Wem gehört Anne Frank? Oder: Was kann und darf Erinnerung?

Von Bettina Johl

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Wirbel um Anne Franks Tagebuch: In Frankreich hatten zu Beginn des Jahres die grüne Abgeordnete Isabelle Attard und der Informationswissenschaftler Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes das niederländische Original erstmals für alle frei zugänglich ins Internet gestellt. Ihr Argument: Mit dem Ablauf des Jahres 2015, Annes 70. Todesjahr, sei die Urheberrechts-Schutzfrist des Textes verstrichen und es gelte nun, den „Kampf seiner Befreiung zu führen“. Ganz anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel als Inhaber der Urheberrechte. Dessen Argument lautet, bei Franks Tagebüchern handle es sich um ein posthum veröffentlichtes Werk, das 1986 erstmals ungekürzt aufgelegt wurde und für das sich daraus ab diesem Zeitpunkt eine Schutzfrist von 50 Jahren ableiten ließe. Die rechtliche Auseinandersetzung darüber wird andauern.

Aufregung ganz anderer Art löste vor drei Jahren ein Eintrag im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam aus. Der zu dieser Zeit noch nicht 20-jährige kanadische Popsänger Justin Bieber hatte sich nach einem Besuch – wie das Haus berichtete –  „beeindruckt“ gezeigt, sich mit den Worten „Anne war ein tolles Mädchen“ verewigt und im Weiteren geschrieben, er hoffe, sie wäre auch ein Fan – er verwendete das unter solchen gebräuchliche Kunstwort „belieber“ – von ihm gewesen. Die darauf folgende Woge der Belustigung und Empörung, die in Presse und sozialen Netzwerken hochschlug, schien zu dem flapsigen und sicher nicht eben geistreichen Spruch des Teenie-Stars kaum im Verhältnis zu stehen. Anders als zu früheren, weniger vernetzten Zeiten erreichte und beschäftigte er weite Personenkreise, auch solche, die dem „Belieber“-Alter entwachsen sein dürften. Das wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf. Geht es hier noch um das heranwachsende jüdische Mädchen Anne, das mit seiner und einer weiteren Familie fast zwei Jahre in Amsterdam im Versteck lebte? Das sich dort mit außergewöhnlichem Talent unter extremen Bedingungen dem Schreiben widmete, wobei unter anderem ein beeindruckendes Tagebuch entstand, von dem seine Autorin nicht wissen konnte, dass dieses später um die Welt gehen würde? Ein „tolles Mädchen“ – eine tolle Geschichte? Gewiss, so hätte es sich im Rückblick wohl sagen lassen. Wenn Anne unversehrt überlebt und womöglich als heute 87-jährige Schriftstellerin ihren Enkelkindern davon hätte berichten können. Wir wissen, dass es anders kam.

Wie unzählige andere ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wurde Anne Frank letztlich verraten, verschleppt, gedemütigt, gequält und schließlich ermordet. Nach kurzem Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden wurde Anne mit ihrer Familie nach Auschwitz in Polen deportiert. Sie entging den Gaskammern, weil sie jung war und damit noch für Zwangsarbeit in Betracht kam. Sie wurde mit ihrer Schwester Margot zurückgeschickt, westwärts, nach Bergen-Belsen. Ihre Mutter starb in Auschwitz-Birkenau. Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide war kein Vernichtungslager – wenigstens das nicht –, dort herrschten ‚nur‘ Überfüllung, die übliche Brutalität, Hunger, unsägliche hygienische Bedingungen und infolge dessen Krankheit und Seuchen. Anne starb dort infolge von Entkräftung an Fleckfieber, wenige Tage nach ihrer Schwester Margot. Über ihr genaues Todesdatum herrscht bis heute Unklarheit; inzwischen wird von März oder gar Februar 1945 ausgegangen, jedenfalls – und das macht es besonders bitter – nur wenige Monate, bevor der unvorstellbar grausame Nazi-Spuk ein Ende fand. Die Leichname der Mädchen landeten in einem Massengrab. Von den ehemals im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Untergetauchten überlebte allein ihr Vater. Otto Frank verdankte dies einzig dem Umstand, dass er sich beim Herannahen der Roten Armee in Auschwitz in der Krankenbarracke befand und so den berüchtigten Todesmärschen knapp entging. Letzte Erschießungen hatten bereits begonnen. Kurz darauf waren jedoch auch die letzten Folterknechte so sehr mit ihrer eigenen Flucht beschäftigt, dass sie schließlich ihr bestialisches Mordhandwerk einstellen mussten.

Anne war es nicht mehr vergönnt, die Befreiung der Konzentrationslager zu erleben. Letzte Zeitzeugen schildern sie als „Skelett“ und „Schatten ihrer selbst“. Sie selbst war überzeugt, alle ihre Angehörigen verloren zu haben. Dass ihr Vater noch lebte, konnte sie nicht wissen. Ob ihr dies, hätte sie es gewusst, noch ausreichend Kraft verliehen hätte, länger durchzuhalten, lässt sich nicht sagen. Irgendwann ist ein Mensch physisch am Ende. Anne wurde keine 16 Jahre alt.

Eben diese bittere Tatsache, dass Anne Frank den beispiellosen Völkermord der Nazis nicht überlebte, und ihr Tagebuch, das erhalten blieb und schon kurze Zeit nach ihrem Tod weltweit zum Symbol für Auflehnung gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit erhoben wurde, hatten sie selbst schließlich zu einer Symbolfigur werden lassen. Zunächst für die Opfer der Shoah. Und schließlich mehr und mehr für alle Opfer von Unterdrückung und Völkermord in der Welt. Mediale Verarbeitungen des Tagebuchs sorgten für weitere Zuschreibungen. Anne stand schließlich für den „Glauben an das Gute im Menschen“, ein etwas aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus ihrem Tagebuch, mit dem das 1955 am New Yorker Broadway uraufgeführte Theaterstück The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett endete. Der originale Tagebucheintrag vom 15. Juli 1944 lautete: „Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Das Mädchen Anne Frank: Eine Ikone. Fortan unantastbar. Tatsächlich? Und für wen gilt das – und für wen nicht?

Biebers Gästebucheintrag mag unglücklich formuliert gewesen sein. Es war weder die erste, noch die letzte Selbstdarstellungsinszenierung, mit der er Unmut erregte – im Verlauf seines fortdauernden Teeniestar-Höhenflugs, mit dem einer, der selbst noch dabei ist, sich aus dem Teeniealter herauszuwursteln, auch erst einmal zurechtkommen muss. Aber: Wäre es denn grundsätzlich verwerflich, mit vielleicht etwas anderen Worten zu fragen: „Wenn wir uns denn – zu einer anderen Zeit – begegnet wären, hättest du meine Musik gemocht? Hätten wir uns womöglich gegenseitig etwas geben können?“ Denn es ist ja im Grunde der Wunsch eines jeden jungen Menschen, der soeben seine Talente entfaltet: gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, fortzuwirken, Spuren zu hinterlassen im Gedächtnis und Wirken anderer. Gar bewundert zu werden. Eine Sehnsucht, die in jungen Jahren – und nicht nur – mit dem Bewundern anderer in Wechselwirkung steht. Anne, die sich übrigens, wie nahezu jeder Teenager, Starfotos aus Zeitschriften an die Wände pinnte, hatte dies selbst mehrfach ausformuliert. Es war ihr eigener großer Wunsch, journalistisch und schriftstellerisch fortzuwirken. Immer wieder werden andererseits auf Ausstellungen verschiedener Anne-Frank-Gedenkstätten oder auch im Schulunterricht, wo Annes Tagebuch didaktisch eingesetzt wird, junge Leute aufgefordert, fiktive Briefe an sie zu schreiben, um ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Auch hier zeigt man sich nicht immer glücklich über die Eigendynamik, die sich mit einem solchen Versuch entwickeln kann, entspricht doch die Art der Identifikation der jungen Menschen nicht immer der vom Bildungsplan angestrebten Richtung. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase haben junge Menschen nun einmal ihre eigenen Gedanken und Anliegen, die ihnen oftmals näher stehen als die pädagogisch gewollten. Sie identifizieren sich mit Anne, fühlen sich ihr nahe – gewiss, aber ihre eigentlichen Themen sind die Heranwachsender in einer Entwicklungsphase, die sie naturgegeben stark beschäftigt: körperliche Veränderungen, Gefühlswirrungen, Rollen- und Identitätsfindung, Abgrenzung von den Eltern, Zukunftspläne, die Suche nach einem eigenen Weg.

Was darf Erinnerung? Oder: Gibt es ‚richtige‘ Formen des Erinnerns und wer legt fest, welche das sind? Die anhaltende Aufregung um Anne Frank zeigt es. Sie dokumentiert das Ringen um die ‚richtige‘ Form der Erinnerung, um die ,richtige‘ Verwendung von Geld für die ,richtigen‘ Zwecke, und immer wieder um Urheber- und Deutungsrechte. Im Jahr 2014 scheiterte ein vom ZDF geplantes Filmprojekt, das der Sender schließlich auf Betreiben des Anne Frank Fonds in Basel einstellen musste. Bei dieser von Otto Frank 1963 gegründeten Stiftung – nicht zu verwechseln mit der sechs Jahre älteren, 1957 ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Anne-Frank-Stiftung, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdem als Gedenk- und Begegnungsstätte unterhält – handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Einnahmen aus dem Erlös von Urheberrechten gezielt Projekten der Bildung, der Aufklärung und des Gedenkens zugute kommen zu lassen. Des Weiteren macht sie sich weltweit für Kinderrechte stark. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sie sich gegen eine Kommerzialisierung des Namens Anne Frank durch Dritte. Um ein vom Fonds unterstütztes Projekt handelt es sich hingegen bei der deutschen Literaturverfilmung Das Tagebuch der Anne Frank unter der Regie von Hans Steinbichler, die Anfang des Jahres in deutschen Kinos anlief. Diese stammt, ebenso wie das ein Jahr zuvor von der ARD ausgestrahlte, sehr sehenswerte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank unter Regie von Raymond Ley, aus der Produktion von Walid Nakschbandi, der sich als aus Afghanistan eingewanderter Vierzehnjähriger erstmals mit Anne Franks Tagebuch beschäftigt hatte. Dessen Firma, inzwischen Inhaberin der exklusiven Filmrechte, gehört wiederum wie der S. Fischer Verlag, in dem seither alle Anne Frank-Bücher, einschließlich der 2013 aufgelegten Gesamtausgabe, erschienen sind, zur Holtzbrink Verlagsgruppe. Steht dahinter der Wunsch, möglichst ,alles unter einem Dach‘ haben zu wollen? Auf jeden Fall wurde großer Wert auf eine authentische ,Film-Anne‘ gelegt. In beiden Inszenierungen überzeugen mit Mala Emde und Lea van Acken sorgfältig ausgewählte, starke Hauptdarstellerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Berufsschauspielerinnen waren.

Der Schweizer Fonds und die Niederländische Stiftung wiederum haben sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit eher unbemerkt – stark auseinandergelebt. Das mag auch damit einhergehen, dass die meisten der Menschen, die Anne noch persönlich gekannt hatten, inzwischen nicht mehr am Leben sind. Nach Otto Frank im Jahr 1980 verstarb 2010 in den Niederlanden 100-jährig Miep Gies, die berühmte Helferin im Versteck und Bewahrerin der Tagebücher. Mit ihr verließ uns eine überaus wichtige Zeitzeugin, die noch in hohem Alter die Ereignisse aus ihrer Sicht in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank veröffentlichte. Dieses liest sich – auch für Menschen, die überzeugt sind, die ganze Geschichte bereits in- und auswendig zu kennen – packender als jeder Thriller, umso mehr, als in ihm die immer drückendere Atmosphäre, die das Geschehen begleitet, sehr intensiv zu spüren ist und lange nachwirkt. Im März 2015 schließlich verstarb der Schweizer Schauspieler Buddy Elias, jener Cousin Anne Franks, der in ihr einst die Begeisterung für das Eislaufen geweckt hatte. Eine neue Generation steht nun hier wie dort vor der Aufgabe, sich mit dem Erbe Anne Franks und dessen ‚richtiger‘ Verwendung zu beschäftigen. Nicht einfacher wird dies durch den Umstand, dass alle Tagebücher, Fotos und anderen Aufzeichnungen Anne Franks durch ihren Vater per Testament weder der einen noch der anderen Stiftung, sondern vielmehr dem Niederländischen Institut für Kriegsforschung (NIOD – Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie) vermacht wurden. Zu dieser Entscheidung mögen rein praktische Beweggründe geführt haben, wie der Wunsch, die Dokumente einem staatlichen Institut, das übrigens später auch die Echtheit der Tagebücher untersuchen und belegen sollte, zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, als auch der Umstand, dass das Anne-Frank-Haus selbst damals noch nicht über geeignete klimatisierte Räumlichkeiten verfügte. Die Vermutung liegt nahe, dass Anne selbst es wohl für richtig befunden hätte, ihren Nachlass dem Niederländischen Staat anzuvertrauen, da es ihre eigene – durch Radio Oranje inspirierte – Idee war, ihr Tagebuch später unter anderem als Kriegsdokument zur Verfügung zu stellen. Bei dem im Anne-Frank-Haus zu besichtigenden Original-Tagebuch handelt es sich somit um eine dauerhafte Leihgabe des Instituts.

Inzwischen wurde Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, von vielen geradezu selbstverständlich als Niederländerin angesehen und wahrgenommen. Als im Jahr 2004 ein holländischer Fernsehsender sie gar auf die Kandidatenliste seiner Show Größte Niederländer aller Zeiten setzte, fiel dann doch manchem auf, dass Anne nie wirklich Niederländerin war. Gewiss war sie in ihrem Herzen Niederländerin und schrieb auf Niederländisch. Sie war Deutsche von Geburt, doch das ‚Deutschsein‘ war ihr schließlich allzu gründlich ausgetrieben worden. Durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft als Jüdin infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 galt sie fortan als staatenlos. Eine postume Einbürgerung konnte nach niederländischem Gesetz nicht erfolgen, während das deutsche Bundesinnenministerium sich wiederum beeilte, die Ausbürgerung durch die Nazis für nichtig, da nicht rechtens, und Anne somit zur Deutschen zu erklären. Einige Jahre später hätten auch die USA, in die der Familie Frank zu Lebzeiten keine Einwanderung mehr möglich war, Anne gern rückwirkend die amerikanische Staatsangehörigkeit verliehen. Doch solcherlei Versuche, die Geschichte nachträglich zu glätten, bleiben fragwürdig.

Aus dem NIOD wiederum meldet sich mit dem Historiker David Barnouw ein Insider zu Wort, der sich mit Anne beschäftigt hat, seit ihre Dokumente in den Besitz seines Instituts übergingen. Sei es, dass er während der ersten Jahre persönlich im Anne-Frank-Haus einmal im Quartal die Tagebuchseiten umwendete, um ihrem Ausbleichen entgegenzuwirken, oder dass er später Mitherausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebuchtexte werden sollte. Rückblickend erscheint es, als sei er in der Vergangenheit immer dann zu Stelle gewesen, wenn der Hype um Anne sich einmal wieder zu überschlagen drohte; sei es, als immer wieder – vor allem von Seiten rechter Gruppierungen – versucht wurde, die Echtheit der Tagebücher anzufechten, oder auch, als es um die Frage ging, wer die Familie Frank letztlich verriet. Mit einer Veröffentlichung unter dem Titel Wer verriet Anne Frank? erläuterte er 2006 alle bis dahin vorliegenden Fakten, verwies den Rest ins Reich der Phantasie und machte damit mancher wilden und unfruchtbaren Spekulation ein Ende. Unfruchtbar deshalb, weil die nachträgliche Suche nach Sündenböcken kontraproduktiv ist. Wer immer die Bewohner des Hinterhauses, die durch Annes Tagebücher allgemein bekannt wurden, verriet, ist kein schlimmerer und kein besserer Verräter, als jeder andere miese Denunziant aus jener Zeit, der andere Menschen auf dem Gewissen hat, an die sich zu deren Unglück nur niemand mehr erinnert. Vielmehr gilt es, der Frage nachzugehen, wie eine menschliche Gesellschaft überhaupt in die Situation geraten kann, mehrheitlich zu einem Volk der Mitläufer, Denunzianten und Mittäter zu werden, und nach Wegen zu suchen, dies künftig dauerhaft zu verhindern, umso dringender angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen und des zunehmenden Rechtspopulismus in Europa. Um es mit Theodor W. Adorno zu sagen: „Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Davids Barnouws jüngstes Buch Das Phänomen Anne Frank, das uns eine chronologische Darstellung der historischen Ereignisse und zugleich eine ausführliche Rezeptionsgeschichte der Texte Anne Franks sowie deren medialen Verarbeitungen liefert, erschien erstmals 2012 in den Niederlanden unter dem Titel Het fenomeen Anne Frank. Seit letztem Jahr liegt es in überarbeiteter Form nun auch in deutscher Sprache vor. Es bietet allen, die sich näher mit Anne Frank beschäftigen möchten, eine gute und umfassende Übersicht über alle Ereignisse, inklusive der Medienereignisse vom Beginn bis in die Gegenwart, nicht ohne die Instrumentalisierung und Vermarktung des Namens Anne Frank kritisch zu beleuchten. Dies wiederum trug dem Autor – auch und gerade bei der Anne-Frank-Stiftung – nicht nur Freunde ein. Mit ihrer unbeirrt sachlichen Haltung steht seine Veröffentlichung jedoch einmal mehr als ruhender Fels in der Brandung aller mehr oder weniger hitzig geführten Debatten.

Inwieweit ein Name, eine Person oder auch ein Stoff bei der Umsetzung in ein mediales Format der Gefahr der Instrumentalisierung, im schlimmeren Fall auch der Trivialisierung, ausgesetzt ist, bleibt eine spannende Frage. Dies zeigt eine Sammlung von Aufsätzen, die vorletztes Jahr unter dem Titel Anne Frank – Mediengeschichten erschien. Verschiedene Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit oder Lehrtätigkeit mit unterschiedlichen Medialisierungen von Anne Franks Geschichte beschäftigten, kommen hier zu Wort und gehen vor allem der Frage nach, inwieweit eine Geschichte durch eine andere mediale Verarbeitung neu erzählt oder auch umerzählt wird. Angefangen beim unbewegten Medium, beispielsweise der Fotografie oder dem Denkmal, und der Botschaft, die es transportiert – einmal durch das, was es erzählt und zum anderen auch durch das, was es nicht erzählt – über die vielfältigen szenischen Umsetzungen des Stoffes für Bühne oder Film, bis hin zu Übertragungen der Geschichte in modernere Formen, zum Beispiel die der Graphic Novel oder des japanischen Mangas, und schließlich den Möglichkeiten, die neue, interaktive Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, zeigt sich hier ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Erzählformen. Als jüngstes Beispiel sei hier noch das neue Theaterstück ANNE von Leon de Winter und Jessica Durlacher angefügt, 2014 uraufgeführt in einem eigens zu diesem Zweck neu erbauten Theater in Amsterdam.

Die diversen Erzählformen wiederum können, abhängig von der Motivation des Senders, der Art und Weise der Übermittlung und nicht zuletzt von Alter, Persönlichkeit, Vorbildung und Vorerfahrungen der Empfänger innerhalb einer Zielgruppe sehr unterschiedliche Auslegungen und Deutungen hervorbringen. Neue Medien schaffen überdies Möglichkeiten des Zugangs, an die früher niemand auch nur zu denken gewagt hätte. Zum Beispiel bietet das Anne-Frank-Haus auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das gesamte Haus in der Prinsengracht, welcher auch Menschen, denen keine Besichtigung vor Ort möglich ist, erlaubt, sich einen Eindruck der Räume und des ehemaligen Verstecks im Hinterhaus zu verschaffen. Als eine originelle Idee ist auch der „Anne-Frank-Tree“ zu nennen, ein virtueller Kastanienbaum anstelle des echten, den Anne in ihrem Tagebuch erwähnt. Jener war leider aus Altersgründen letztlich nicht mehr zu retten und stürzte trotz aufwändiger Sanierungsaktionen im Jahr 2010 endgültig um, während dafür Setzlinge von ihm um die ganze Welt gingen. An seinem im Internet verewigten Abbild ist es nun möglich, mit dem Anheften virtueller Gedenk-Blätter eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich mit Menschen desselben Anliegens zu verbinden. Mit „Anne Frank im Land der Mangas“, ein Thema, dem im Buch ebenfalls ein eigener Aufsatz gewidmet ist, gestaltete ein Team belgisch-französischer Künstler auf der Internet-Seite des Senders Arte ein „begehbares Manga“. Ein interaktiver Comic – in der in Japan bei Kindern und Erwachsenen äußerst beliebten Form des Mangas – begleitet nachträglich eine Reise der Autoren auf der Suche nach Spuren Anne Franks im fernen Osten. Er beleuchtet mit gewissem Augenzwinkern ein Land der Widersprüche, das Anne einerseits hoch verehrt, ihr gar eine Kirche geweiht und eine Rosensorte gewidmet hat und sich mit ihr gleichsam als Weltkriegsopfer – Holocaust und Hiroshima wurden im selben Atemzug genannt – identifiziert, dem andererseits die Auseinandersetzung mit der anderen, dunklen Seite der eigenen Täterrolle bei Kriegsverbrechen ähnlich schwer fallen will, wie dem einst verbündeten Deutschland. Es handelt sich um ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, wie die Instrumentalisierung ausgerechnet des Namens Anne Frank Verzerrungen in der Wahrnehmung historischer Ereignisse befördern kann.

Hingegen lohnt es sich in der Tat, näher zu betrachten, inwieweit die fiktive Präsenz einer Ikone wie Anne Frank in einem sozialen Netzwerk – nehmen wir beispielsweise Facebook –  einerseits neue Möglichkeiten der Identifikation und Erinnerung schaffen, jedoch andererseits zur Trivialisierung der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen zum Zweck der Unterhaltung um jeden Preis führen kann. Seit Erscheinen des Beitrags „Meine Freundin Anne Frank – Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone“ hat sich die Situation nochmals verändert. Die Verantwortlichen von Facebook haben in der jüngsten Zeit darauf hingearbeitet, fiktive Personenprofile zu löschen, beziehungsweise diese in Seiten umzuwandeln. Das heutige Anne-Frank-Profil suggeriert somit Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr, mit Anne ‚befreundet‘ zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Fan-Seite, die von diesen mit „Gefällt mir“ markiert werden kann und ihnen – wie jede andere Facebook-Seite – Einstellungen anbietet, um neue Postings an erster Stelle der persönlichen Timeline angezeigt zu bekommen. So ist auf der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam betreuten Anne-Frank-Seite ein Einblick in Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums sowie ein Weiterverbreiten dieser Meldungen über die „Teilen“-Option möglich, was der Stiftung und ihren Projekten zunehmend größere Bekanntheit verschafft. Das ist in diesem Falle nur wünschenswert, da sich die Organisation Zielen wie Aufklärung, Bildung, Begegnung und internationalem Austausch junger Leute verschrieben hat, die anzustreben heute wichtiger ist denn je. Natürlich muss sich eine Seite, die auf Interaktion setzt, unter anderem mit unpassenden und destruktiven Kommentaren auseinandersetzen, und leider verwenden auch rechtsextreme Kreise die sozialen Netzwerke sehr intensiv als Plattform für ihre Zwecke. Denn mehr als jedes andere Medium kann Social Media nun einmal auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden. Gerade deshalb wäre es jedoch der falsche Ansatz, Plattformen wie Facebook pauschal abzuwerten oder gar schlecht zu reden – und geradezu fatal, wenn Einrichtungen und Organisationen, die auf Bildung und Aufklärung setzen, sich aus ihnen zurückziehen würden. Für diese gilt es umso mehr, soziale Netzwerke und deren Möglichkeiten intensiv zu nutzen, ihre Präsenz dort sorgfältig und aktuell zu pflegen und sich mit gleich und ähnlich gesinnten Seiten zu vernetzen, um im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung deutlich Position zu zeigen. Dass der Basler Anne-Frank-Fonds die Aktivitäten auf seiner eigenen Facebook-Seite seit Herbst 2015 offensichtlich komplett eingestellt hat, ist zu bedauern und tut dessen Bildungszielen keinen guten Dienst. Die von der Anne-Frank-Stiftung in den Niederlanden sehr sorgfältig gepflegte Präsenz Anne Franks auf Facebook wiederum zeigt das facettenreiche Profil einer Autorin, die als Opfer der Shoah vielen anderen Opfern stellvertretend eine Stimme gab, die weiter fortwirkt. Somit gewinnt diese Seite zugleich den Charakter einer wichtigen Bildungsinstanz.

Hingegen nehmen junge Menschen Anne vor allem als eine der ihren wahr, identifizieren sich mit ihr als einer Gleichaltrigen, die sich traute, ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, auch viele heikle Dinge beim Namen zu nennen, die Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen. Sie identifizieren sich jedoch eher nicht – so sehr auch Lehrerinnen und Lehrer, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen sich darum bemühen mögen – mit Anne als Opfer der Shoah. Dies können sie vermutlich auch nicht. Zu allen Zeiten dürfte es jungen Menschen widerstrebt haben, sich mit Opfern zu identifizieren, eine Abneigung, die sehr viel mit Selbstschutz zu tun hat – und die gegenwärtig auch in der gängigen, abwertenden Schimpfwortbezeichnung „Du Opfer!“ ihren Ausdruck findet. Zum Opfer werden, das kann niemand wollen, daran mögen wir noch nicht einmal denken! Und es lässt sich auch nicht sagen, ob Identifikation mit den Opfern tatsächlich verhindern kann, nicht eines Tages doch zu Tätern oder Mittätern zu werden. Denn gerade dies entwickelt sich ja oft aus dem – freilich simplen – Entweder-Oder-Glauben, andernfalls womöglich selbst Opfer zu werden. Mechanismen, über die nachzudenken Unbehagen bereiten muss. Bedeutet es für uns als Deutsche schließlich auch, uns damit zu konfrontieren, dass – Tatsachen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zufolge – in den Reihen der eigenen, mehrheitlich schweigenden Vorfahren seltenst Widerstandskämpfer, wohl aber Täter, Mittäter und feige Mitläufer gewesen sein müssen. Und notwendigerweise erfordert es im nächsten Schritt, sich mit der noch dringenderen Frage auseinanderzusetzen, wozu wir denn selbst fähig wären, vor die Wahl gestellt: In Aussicht gestellte Teilhabe an der Macht bei Mitlaufen und Mittun – oder Ausgrenzung bis hin zur Verfolgung bei Widerstand? Dies ist ein schmerzhafter Prozess; er lässt sich durch nichts abmildern, und nicht ganz zu Unrecht empfinden junge Menschen ihn als Zumutung, denn ihre Vorfahren, die es eigentlich betraf, haben diesen Prozess mehrheitlich umgangen, sich unfähig gezeigt, sich mit eigener Schuld und Mitschuld auseinanderzusetzen. Wie sollen ihnen das die nächsten Generationen abnehmen? So ganz ohne Vorbilder? Schuld, die sich einfach weitervererben lässt, nach dem Motto: Sollen sich die Nachgeborenen doch damit herumschlagen!? Wer kann es diesen verdenken, wenn sie ein solches Erbe ausschlagen? Bleibt das Erbe der Verantwortung, welches nicht ausgeschlagen werden kann: Wie lässt sich das an junge Menschen herantragen? Vielleicht bedarf es hier nicht gar so vieler Verrenkungen. Möglicherweise reichen Denkimpulse aus. Es kann – nicht nur für junge Menschen – immer wieder ein einfacher erster Schritt sein, festzustellen: Hier war jemand, der wegen angeblichen Andersseins ausgegrenzt wurde und doch ähnlich dachte und fühlte wie ich, obwohl er oder sie zu einer ganz anderen Zeit lebte. Und dann darauf zu vertrauen, dass junge Menschen durchaus zum Selbstdenken und Weiterdenken in der Lage sind, wenn dies vielleicht auch in ganz anderen, als in den von Didaktik und Methodik vorgesehenen Bahnen geschehen mag.

Was darf Erinnerung? Wie schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, zu sagen: Alles, was dem offenen Austausch, der Begegnung und Friedensbemühungen in aller Welt dient. Alles, was hilft, künftige Barbarei zu verhindern. Um es nochmals mit den Worten Adornos zu sagen: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das Vorwort von Miep Gies in ihrem Erinnerungsbuch Meine Zeit mit Anne Frank, das vor zwei Jahren zum dritten Mal aufgelegt wurde, endet mit den Worten: „Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten – Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals. Es ist an uns, den einfachen Menschen in aller Welt, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht.“

Was machte Miep Gies zu einem Menschen, der anders handelte? Welche Erfahrungen in ihrer Jugend befähigten sie zu ihrer so ganz anderen Haltung? In Wien geboren, wurde sie als Elfjährige nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen eines Hilfsprogramms für hungernde österreichische Kinder zu einer ihr zuvor unbekannten Pflegefamilie in die Niederlande verschickt. Diese hatte bereits mehrere eigene Kinder und war keineswegs reich – der Vater ein Arbeiter –, aber der festen Überzeugung, dass dort, wo schon so viele satt werden, es auf einen mehr nicht ankomme. Wenn Miep Gies ihre Lebensbedingungen in dieser Familie beschreibt, so entbehrt dies völlig Schilderungen, wie sie aus dieser Zeit normalerweise erwartet werden, womöglich von Entbehrungen, harter Disziplin oder gar Schlägen, die angeblich „noch keinem geschadet haben“, und ähnlichem, das unseren Ohren aus Berichten unserer eigenen Vorfahren vertraut ist. Vielmehr entsteht das Bild von einer freundlich umsorgenden Atmosphäre liebevoller Akzeptanz und Wärme, die ganz offensichtlich auch von Mieps neuen Geschwistern so erfahren und weitergegeben wurde, von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft auch von Kindern in der Umgebung, die offenbar unter ähnlichen Bedingungen aufwuchsen, und schließlich von einem insgesamt geistig aufgeschlossenen und bildungsfreundlichen Klima, in dem Heranwachsende unter anderem angehalten wurden, Zeitung zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier scheint sich ganz schlicht das spätere Astrid-Lindgren-Zitat zu bestätigen: „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“ Dies nur, um eine Ahnung davon entstehen zu lassen, wie die theoretisch viel diskutierte Erziehung nach Auschwitz in der Praxis aussehen könnte. Denn leider sieht es immer noch so aus, als hätten wir in dieser Hinsicht gar keinen Plan, während eine neue Generation in Teilen der Anziehungskraft des Barbarischen neu zu erliegen droht.

Und wem gehört nun Anne Frank? Einerseits zur unantastbaren Ikone verklärt, andererseits im selben Zug – oft auch gerade von den Menschen, die sie dazu erklären – nach Belieben für die unterschiedlichsten Belange herangezogen? Sie, die sich schon immer sehr darüber wunderte, „dass erwachsene Menschen so schnell, so viel und über alle möglichen Kleinigkeiten Streit anfangen“, wie es einem Tagebuch-Eintrag vom 28. September 1942 zu entnehmen ist? Wäre es nicht an der Zeit, sie ein wenig sich selbst zurückzugeben? Am ehesten kann dies gelingen, indem wir ihr eigenes Werk lesen. Unter dem Titel Denn schreiben will ich!, ein Ausruf, mit dem ein selbstkritischer Eintrag vom 5. April 1944 endet, erschien in diesem Jahr in neuer Übersetzung bei Reclam eine handliche, leinengebundene Ausgabe. Sie enthält Annes wichtigste Tagebuchauszüge, eigene Erzählungen aus ihrem „Geschichtenbuch“ und einen Auszug aus ihrem begonnenen und unvollendeten Roman Aus Cadys Leben. Hier entsteht anschaulich das Bild eines jungen Mädchens mit ungewöhnlicher schriftstellerischer Begabung, scharfer Beobachtungsgabe und herzlichem Humor, das sich das „Dennoch“ zum Motto ihres kurzen Lebens gemacht hatte, welches ihr – und mit ihr vielen anderen, die Rede ist von mehreren Millionen, darunter geschätzte eineinhalb Millionen Kinder – schließlich auf denkbar schlimmste Weise genommen wurde. Uns, die wir angesichts dieser kaum vorstellbaren Fakten immer wieder sprachlos verharren, bleibt im Grunde nur, dieses „Dennoch“ zu übernehmen, es uns zu eigen zu machen und weiterzutragen. In jeder Hinsicht.

 

Dieser Beitrag erschien am 17.08.2016 in Rezensionsforum literaturkritik.de.

 

 

Miep Gies Anne Frank

Miep Gies:
Meine Zeit mit Anne Frank.
Der Bericht jener Frau,
die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte,
sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte –
und sie doch nicht retten konnte.
Übersetzt aus dem Englischen von Liselotte Julius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
256 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783596183678

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umschlag_mediengeschichten_druck.indd

Peter Seibert / Jana Piper / Alfonso Meoli (Hg.):
Anne Frank. Mediengeschichten.
Metropol Verlag, Berlin 2014.
272 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783863311995

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Anne Frank_14.8.2015.inddDavid Barnouw:
Das Phänomen Anne Frank.
Aus dem Niederländischen
von Simone Schroth.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2015.
180 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783837512465

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Denn schreiben will ichAnne Frank:
Denn schreiben will ich!
Aus den Tagebüchern und anderen Werken.
Reclam Verlag, Stuttgart 2016.
262 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783150110553

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Begegnung – Eine Kurzgeschichte

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Ich hätte es wissen müssen. Es stand fest, dass es geschehen würde. Dennoch traf es mich unvorbereitet. An einem jener schwer lastenden Tage des alt gewordenen Sommers, an denen bereits alle Zeichen auf Herbst stehen, ohne dass der Herbst wirklich begonnen hätte. Reste von Gewitterschwüle, deren Entladung keine Erfrischung, keine Erleichterung mit sich bringen will, nur unguten Wind aufkommen lässt, vor dem wir frösteln, ohne dass uns wirklich kalt wäre. Etwas Angespanntes, fast Lauerndes scheint in der Atmosphäre zu liegen. Keine Vorstellung, wer denn wem auflauern sollte, oder wer dies von wem zu befürchten hätte. Allem Unbehagen zum Trotz hatte ich mich auf diese Wanderung begeben, allein. Nicht etwa, weil sich keine Begleitung gefunden hätte, sondern weil ich das Alleinsein vorziehe. Weil es mir ermöglicht, unterwegs Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, an denen ich während einer Unterhaltung achtlos vorüberginge. Und auch, um in Ruhe meinen Gedanken nachzuhängen, die, von vier Wänden umgeben, oft quälende Kreise ziehen, während sie sich im Freien aufzulösen und ordnen beginnen.

Den Weg, den ich wählte, war ich oft zuvor gegangen. Er führt durch ein schattiges Tal, in dem sich entlang eines Bachlaufes mehrere Wassermühlen finden. Jede dieser Mühlen ist mehrere hundert Jahre alt. Manche wirken verlassen und heruntergekommen, sind kaum zugänglich, von verwilderten Gärten umgeben; ihre dunklen Kellergewölbe und die schwarz aus verwitterten Rahmen starrenden Fenster lassen, besonders wenn sich das Licht der untergehenden Sonne in ihren zerbrochenen Scheiben spiegelt, manchen Gedanken an Gespensterspuk aufkommen. Andere wiederum sind neu bewohnt und restauriert, wirken fast idyllisch, was über ihre wahre, wenig romantische Vergangenheit hinwegtäuschen will. Die alten Gebäude aus Stein und Fachwerk zeugen vom harten Leben eines Berufsstandes, der einst als einer der am wenigsten angesehenen galt. Ihm anzugehören bedeutete in jenen Tagen schwere Arbeit, gesellschaftliche Ächtung und Armut. Vielleicht war es eine Ahnung dessen, die mich das Tal stets mit gemischten Gefühlen durchqueren ließ; einerseits zog es mich an, andererseits drückte es mich merkwürdig nieder. Lieber wählte ich zuweilen einen Seitenpfad, der nach den ersten beiden Mühlen nach rechts abzweigt und durch Bannwald steil aufwärts zu einer Schlucht führt, die man auf einer brüchig wirkenden Holzbrücke überquert, um sodann auf die Anhöhe und freies Feld zu gelangen. Der Weg verläuft zunächst an einem entlegenen, von hohen Bäumen umstandenen, jahrhundertealten jüdischen Friedhof entlang und führt danach wieder durch Wald zu einer Burg, von deren Terrasse man einen weiten Blick über das Tal des Flusses hat, in den unterhalb des Bergsporns jener Bach mündet, der die Mühlen einst betrieb.

Wie immer hatte ich auch diesmal auf der Burg Rast gehalten und bei einer Tasse Kaffee in die Ferne geschaut. Es war später Nachmittag und die meisten der Besucher von Museum und Falknerei hatten den Heimweg angetreten. Die sonst gut besetzte Terrasse hatte sich bereits geleert, und mit dem Abzug der Menschen legte sich eine tiefe Stille über die alten, geschichtsträchtigen Mauern, in denen einst ein Märchendichter eine Novelle verfasste, die heute kaum einer mehr kennt.

Der Rückweg führte mich über den unteren Burggarten, dessen späte Rosen in der Abendsonne leuchteten, auf einen Pfad, der steil abfallend in das untere Mühlenbachtal an der Nordseite des Burgbergs führte. Neblige Kühle umfing mich; aus der Senke hatte sich das Sonnenlicht längst zurückgezogen. Außer dem Murmeln des Wassers war kein Laut zu hören. Jenseits des Baches gab es eine Straße, von der hin und wieder das Geräusch eines Fahrzeugs herüber drang; es war eine wenig befahrene Nebenstrecke. Selbst die Vögel waren hier völlig verstummt, sie schienen sich auf die Höhen zurückgezogen zu haben. Nach einem kurzen Stück durch den Wald kam eine der unteren Mühlen in Sicht, an deren Rückseite der Pfad endet. Indem man ihren Hof durchquert, gelangt man auf den Hauptweg, der über die oberhalb gelegenen Mühlen zum Ausgangspunkt zurückführt. Jene Mühle beherbergte eine kleine Gaststätte, die es schon gab, seit ich zurückdenken kann. Irgendwann hatte man sie in einen neu renovierten Gebäudeteil verlagert und modernisiert. Auf der verwinkelten Gartenterrasse saßen wenige Gäste. Das Tal lag düster und wirkte verlassen, als wäre der Tag viel weiter fortgeschritten. Über den Wiesen hingen vereinzelt Nebelschwaden. Kaum eine Spur mehr von Wanderern, Joggern, Spaziergängern und Radfahrern, die diese Gegend zu anderen Tageszeiten bevölkerten. Nun, sie würden mir nicht fehlen.

Die Mühle war kaum außer Sicht, als ich Schritte hinter mir vernahm. Sie näherten sich rasch, wirkten fest, energisch, – bei all dem nicht unbedingt eilig, aber doch forsch, deuteten auf jemanden, der ein Ziel vor Augen hatte. Kurz darauf tauchte eine Gestalt zu meiner Linken auf und ich sah, dass es eine junge Frau war. Auf meiner Höhe angelangt, sah sie kurz auf und grüßte mit der Andeutung eines Lächelns. Sie hatte mich bereits überholt, als sie sich nochmals umwandte. Etwas Erstauntes, Fragendes schien jetzt in ihrem Blick zu liegen, das sich jedoch sofort wieder verflüchtigte. Dann setzte sie ihren Weg fort, wobei sie rasch den Abstand zwischen sich und mir vergrößerte. Sie schien so groß wie ich, trug einen kleinen Rucksack, darunter eine Windjacke, ihr Haar offen über den Schultern, robuste Jeans und leichte Sportschuhe aus rauem Leder.

Frauen allein unterwegs bieten noch immer einen eher seltenen Anblick. Wenn sich zufällig zwei von ihnen begegnen, wechseln sie manchmal Blicke wie in geheimem Einvernehmen, seltener Worte. Wer die Einsamkeit aufsucht, hat seine Gründe, allein sein zu wollen. Dasselbe setzt man beim anderen voraus und respektiert es von vorneherein. In ihrem Blick hatte etwas anderes gelegen. Etwas wie Wiedererkennen. Aber woher? Ich war mir sicher, dieser jungen Frau nie begegnet zu sein, dennoch erschien mir etwas an ihr vertraut. Als ich aufsah, war sie bereits hinter der Wegbiegung verschwunden, ihre Schritte verklungen. Zur Rechten erstreckte sich ein Wiesenhang hinauf bis zum Waldrand, dort sah ich ein Reh stehen, das in meine Richtung schaute. Der Ruf eines Eichelhähers schreckte es auf, es wandte sich um und setzte mit großen Sprüngen ins Dickicht hinein. Es musste schon eine Weile dort gestanden und mich beobachtet haben. Aber warum hatte es sich von ihr nicht erschrecken lassen, die doch vor mir her ging? Und warum hatte der Häher nicht vor ihr gewarnt? Ein kühler Luftzug streifte mich.

Ich durchquerte das Wäldchen, beschleunigte, hatte es plötzlich eilig. Mein Herz hämmerte. Ich lief. Die Frau war nirgends zu sehen. Außer Atem erreichte ich schließlich eine Wegkreuzung, an der sich eine Raststelle befand. Hierhin war das fehlende Sonnenlicht zurückgekehrt, schien wie selbstverständlich golden glänzend durch die Bäume. Ich füllte meine Wasserflasche am Brunnen und ließ mich auf eine der hölzernen Bänke fallen. Noch immer jagte mein Puls. Hatte ich geglaubt, mich einholen zu können? Plötzlich stand mir alles klar vor Augen.

Ein ähnlicher Spätsommertag. Fünfundzwanzig  Jahre zuvor. Die junge Frau auf dem Rückweg von einer Wanderung, die sie alleine unternommen hatte. Obwohl – von „allein“ zu sprechen traf es nicht ganz, denn in ihrem Leib hatte sich neues Leben angekündigt, wenngleich ihr das noch nicht anzusehen war. Ihr erstes Kind, auf das sie sich freute. Eigentlich war es ihr zweites, das erste war eine Fehlgeburt gewesen. Dieses würde keine werden, sie war sich sicher. Dieses Kind würde leben. Es sollte ihr einziges bleiben, aber das konnte sie zu dieser Zeit nicht wissen. Sie war guter Dinge. Das Kleine hatte sich eingerichtet und bereitete ihr keine Beschwerden. Im Gegenteil. Sie fühlte sich kräftig, es ging ihr so gut wie nie zuvor – und nie wieder danach, aber auch das wusste sie noch nicht. Ihr Mann war zur Kur gefahren; sie verbrachte viel Zeit allein und hatte begonnen, Gefallen daran zu finden. Sie war zur Burg gewandert, auf dem bekannten Weg, hatte sich zwischendurch geringfügig verlaufen, und war auf einen entlegenen Waldweg geraten. Dort begegnete sie einem Fuchs. Es war der erste Fuchs in freier Wildbahn, den sie in ihrem Leben aus der Nähe zu sehen bekam; sie würde dies nie vergessen. Er hatte plötzlich vor ihr gestanden, wohl genauso erschrocken wie sie selbst. Eine Füchsin, denke ich mir heute – eine Fähe. Mager hatte sie ausgesehen, als wenn sie mehr für ihre Jungen jagte, die sich vermutlich irgendwo in der Nähe versteckt hielten, als für sich selbst. Und als ob sie selten schlief. Das Los aller Mütter. Die Fähe war sekundenlang wie festgewachsen auf der Mitte des Weges stehen geblieben, hatte sie mit aufmerksamen Fuchsaugen angeschaut und sich dann ohne zu große Eile ins Dickicht verzogen. Bildete sie sich ein, dass Traurigkeit in diesem Blick gelegen hatte? Die Gabe, das Leid der Tiere und mit ihm die eigene Verlorenheit zu fühlen, die zum Fluch werden kann. Füchse sind sehr klug, tröstete sie sich. Dieser wird es schaffen! Sie werden ihn nicht vor die Flinte bekommen. Sie mochte Füchse sehr und freute sich, dass es ihr vergönnt gewesen war, einem zu begegnen. Sie war weiter zur Burg gewandert, hatte auf der Terrasse in der Sonne gesessen, auf den Fluss geschaut, der ihr Fluss war, immer schon, und eine Tasse Tee getrunken – keinen Kaffee, den mochte sie während dieser Zeit nicht, das Kind wehrte sich dagegen. Es trinkt bis heute keinen. Nie. Später hatte sie noch einige Zeit im Burggarten gesessen und die Rosen bewundert. Die Sonne war tief gesunken, als sie den Rückweg an der Schattenseite des Berges antrat. Sie war zügig ausgeschritten, hatte sich nicht aufhalten lassen. Alsbald war sie zur Mühle gelangt, hatte deren Hof durchquert und befand sich nun auf dem Weg durch das obere Tal.

Außer der Frau, die vor ihr ging, schien niemand unterwegs zu sein. Diese war ähnlich gekleidet und ausgerüstet wie sie selbst. Sie ging langsam, schien es nicht eilig zu haben. Sie war nicht mehr jung; aus nächster Nähe war es ihr anzusehen. Die junge Frau hatte sie sehr bald eingeholt. Sie warf ihr einen verstohlen neugierigen Seitenblick zu und grüßte etwas verlegen, als die Ältere aufsah und ihre Blicke sich begegneten. Etwas wie Verwunderung las sie in deren Augen. Vertraut schien sie ihr – und doch fremd. Aber es war natürlich unhöflich, jemanden anzustarren. Sie ging rasch weiter. Irgendetwas veranlasste sie, sich nochmals umzudrehen und zurückzuschauen. Sie sah den Blick der anderen auf sich ruhen. Etwas in ihr ahnte dunkel, dass diese etwas wissen könnte, das mit ihr zu tun hatte. Etwas, das wichtig war. Ein kurzer Impuls, stehen zu bleiben, sie anzusprechen, sie einfach zu fragen. Sie zögerte – und ging dann weiter. Sie wagte es nicht. Als sie sich nochmals umdrehte, war die Ältere verschwunden. Wohin mochte sie so schnell abgebogen sein? Der Weg teilte sich auf diesem Abschnitt doch nirgends? Oder hatte sie etwas vergessen und war zurückgegangen? Aber wohin? Woher war sie gekommen? Auf der Burg hatte sie sie nicht gesehen. Nachdenklich setzte die Jüngere ihren Weg fort. Sie gelangte zum Rastplatz, der ruhig in der Abendsonne lag, setzte sich auf eine Bank und schloss die Augen. Sie versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Die Frau, der sie begegnet war, hatte etwas mit ihr zu tun, das fühlte sie. Was immer sie suchte, diese schien den Schlüssel dazu zu besitzen. Warum bin ich an ihr vorbeigegangen, statt einfach ein Stück des Weges neben ihr zu bleiben? Wollte ich es nicht wissen? Fürchtete ich, zurückgewiesen zu werden? „Wo bist Du?“ Sie hatte diese Worte nur mehr geflüstert, dennoch erschrak sie über ihren Klang, es war ihr, als hallten sie von der nahen Schlucht her zurück.

War da ein Ruf? Es ist alles ruhig. Puls und Atemfrequenz – fast – wieder normal. Die Sonne scheint. Zwitschern vereinzelter Vögel. Manchmal knacken Äste. Es sind die Geräusche des Waldes, die mich nie beunruhigen. Stets habe ich in meinem Leben das Gefühl, dass der Wald, sobald ich mich in ihm befinde, einen Mantel um mich breitet. Das Grün der Bäume wirkt ausgelaugt, Zeichen des alternden Sommers. Bald ist Herbst.

© Bettina Johl

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Leise und eindringliche Erzählkunst

Aller Liebe

Über „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann

Kritiker, denen es außer an eigenem Stil schlicht an Kinderstube mangelt, werden uns wohl zu allen Zeiten manche Lektüre sauer zu machen versuchen. Wundersam mutet dies an, wenn man solches Niveau nicht etwa in einem drittklassigen Schmierblatt, sondern in einer überregionalen Zeitung vorfindet, die sich gern als DIE Meinungsbildnerin kluger Köpfe darstellt. Das Gute daran: Ich sah mich daraufhin veranlasst, Judith Hermanns Roman nun tatsächlich zu lesen, was sonst kaum geschehen wäre, da ich gewöhnlich um so und ähnlich lautende Titel wie „Aller Liebe Anfang“ einen Bogen zu machen pflege. Alles in allem brachte mich die Autorin dazu, ein Buch, das mich zunächst zugegeben wenig interessierte, in eineinhalb Tagen zu Ende zu lesen, darüber alles andere zu vernachlässigen und es zwischendurch kaum aus der Hand legen zu können. Ein leiser, eindringlicher Erzählstil versteht es, eine beklemmende Spannung aufzubauen, die den Leser in den Bann zieht. Dass manche jahreszeitliche Naturerscheinung nicht recht passen will, kann notfalls als Symbol für eine allgemein aus den Fugen geratende Welt genommen werden; die sensible Schilderung von Menschen mit all ihren unerfüllten Träumen und Sehnsüchten, die kein „Zu alt“ kennen, macht dies allemal wett. Ich freue mich, dass es für den Erich-Fried-Preis ausgewählt wurde.

Bettina Johl

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang, S.Fischer, Frankfurt am Main 2014, 224 Seiten, 19,99 Euro

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Anne Franks Vermächtnis

annefranklitera

Zur neu erschienenen Gesamtausgabe ihrer Werke

Von Bettina Johl

Wann bin ich erstmals mit ihr in Berührung gekommen? Ich erinnere mich an ein Buch, eine Anthologie, die ich in sehr jungen Jahren las. Darin begegnete ich Autorinnen, die mich künftig beschäftigen sollten, fand darin Texte von Virginia Woolf, George Sand, Lou Andreas Salomé, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg, Luise Rinser und Christa Wolf sowie auch einen Auszug aus Anne Franks Tagebuch. Dieses hatte ich bis dato nicht gekannt. Wenn ich in meiner Umgebung etwas davon vernommen hatte, so waren es Gerüchte und Verunglimpfungen, die besonders dort begeistert aufgegriffen wurden, wo man sonst über die Vergangenheit lieber schwieg, abgesehen von Schilderungen, wie schwer man es hatte, „nach fünfundvierzig“. Die Jahre davor waren mit Tabus belegt. Bestimmte Fragen durften nicht gestellt werden. Daran hielt man sich, wenn man als junger Mensch oft genug abgeblitzt war, sich satt gehört hatte an dem Satz: „Davon versteht ihr nichts, euch geht es heute viel zu gut, macht erst mal das mit, was wir mitgemacht haben – nach 45!“ Lesend ließ sich wohl manches in Erfahrung bringen, aber über die Lektüre sprechen ging angesichts solcher Verleugnungsstrategien ebenfalls nicht. Man blieb mit seinen Fragen allein.

Ich kannte zuvor niemanden, der Annes Tagebuch gelesen hatte, wusste daher auch nicht, dass es im Stil von Briefen verfasst war, und dass es sich bei der Adressatin Kitty um eine fiktive Freundin handelte. Ich las mich schnell fest und staunte. Dies waren die Aufzeichnungen eines jungen Mädchens, das unter äußeren Bedingungen lebte, für die meine Vorstellungskraft nicht ausreichte, und dennoch war, was sie schrieb, mir seltsam vertraut. Denn viele der inneren Kämpfe, die sie ausfocht, waren die eines heranwachsenden jungen Mädchens. Anne hätte viel darum gegeben, einfach nur das Leben eines ganz normalen jungen Mädchens führen zu dürfen. Es sollte ihr nicht vergönnt sein.

Annes Tagebuch, ein Dokument, geprägt von großer Nachdenklichkeit, aber auch ungebrochener Lebensfreude und Hoffnung, entstand – wie wir wissen, unter völlig anderen als normal zu nennenden Bedingungen – im Versteck eines Amsterdamer Hinterhauses, in das sich Annes Familie vor den Nachstellungen der Nazis in den seit 1940 deutsch besetzten Niederlanden geflüchtet hatte. Dieses teilte sie mit einer weiteren Familie und einem entfernten Bekannten. Insgesamt waren es acht Menschen, die dort fast zwei Jahre in Enge, Angst und Ungewissheit zubrachten, um schließlich verraten, entdeckt und deportiert zu werden. Das Haus an der Prinsengracht 263 beherbergt heute das Anne-Frank-Museum. Ich bin bislang nie dort gewesen. Ein virtueller Gang durch das Haus auf der Website vermittelt jedoch eine Vorstellung von den Räumlichkeiten. Ich habe diesen oft aufgerufen, die Zimmer und Flure in verschiedenen Richtungen durchquert, bis ich mich nahezu auswendig darin bewegte. Ein kläglicher Versuch, mich in die Situation hineinzudenken. Man kann es nicht.

Leben im Versteck bedeutete Zusammensein auf engstem Raum, teilweise mit fremden Menschen, inklusive aller Spannungen und Streitigkeiten, die eine solche Situation mit sich bringt. Es bedeutete Eingesperrtsein, Stillhalten, stundenweises Vermeiden jeglicher Geräusche, Mangel an Bewegung und frischer Luft – selbst das Öffnen eines Fensters bedeutete stets ein Risiko. Es bedeutete zunehmende Knappheit an Nahrungsmitteln, verheerende hygienische Bedingungen – auch das Betätigen der Toilettenspülung war nur zu bestimmten Zeiten möglich. Es bedeutete das Zurücklassen von liebgewordenen und vertrauten Gegenständen, wenngleich Annes Familie zumindest in der Lage gewesen war, viele Dinge vorab im Versteck zu deponieren, da sich das Büro der Firma Opekta, die der Vater Otto Frank leitete, im Vorderhaus befand. Es bedeutete – erschwerend für ein Kind – die Trennung von Freunden und Haustieren, das Fehlen von Außenkontakten, das Entbehren harmlosester Vergnügungen und obendrein das Fehlen jeglicher Privat- und Intimsphäre, verstärkt durch den Umstand, dass das heranwachsende Mädchen Anne gerade während der kritischsten Pubertätsphase das Zimmer mit einem ihr fremden Mann um die Fünfzig teilen musste. Es bedeutete im Weiteren für einen jungen Menschen die Unmöglichkeit, sich abzugrenzen, den so notwendigen Ablösungsprozess von den Eltern – nicht nur innerlich, auch äußerlich – zu vollziehen. Und es bedeutete vor allem Angst. Angst, die zum ständigen Begleiter wurde. Angst, die über allem lagerte. Angst vor jederzeit möglicher Entdeckung und den Folgen, um die man sehr wohl wusste. Angst, die sich nicht in den allgemeinen Schrecken des Krieges erschöpfte, die noch hinzukamen: Nächtliche Schießereien und Bombardierungen, die es unmöglich machten, Schlaf zu finden, umso mehr in dem Wissen, als Untergetauchte schutzlos ausgeliefert zu sein, nirgendwohin fliehen zu können. Stets gegenwärtig außerdem das Bewusstsein, dass sich die Helfer –  in diesem Falle Mitarbeiter der Firma und gute Freunde –  mit dem, was sie taten, in stetige Lebensgefahr brachten.

Wie ging ein von Natur aus lebhaftes Mädchen wie Anne mit dieser Situation um? Auf dem Gebiet der Pädagogik scheut man sich nicht, sie als Beispiel für die vielfach beschworene Resilienz heranzuziehen, welche die Widerstandskraft in schwierigen Lebenssituationen bezeichnet. Es verursacht mir einiges Unbehagen. Zweifelsfrei war Anne aufgeschlossen, wissbegierig und lerneifrig, ausgestattet mit einer scharfen Beobachtungsgabe und unverwüstlichem Humor. Es gab Bücher im Versteck. Die Familie hatte viele davon selbst mitgebracht, die Helfer sorgten für Nachschub, liehen Bücher aus öffentlichen Bibliotheken aus, brachten Zeitschriften mit, bestellten Fernkurse und beschafften Schreibmaterial. Anne lernte mit Fleiß und großer Disziplin, denn sie hegte bis zuletzt die Hoffnung, irgendwann wieder die Schule besuchen zu können. Die Fähigkeit, ihr Lernen weitgehend selbst zu organisieren, kennzeichnet die einstige Montessori-Schülerin. Darüber hinaus beschäftigte sie sich mit Themen, die sie besonders interessierten, wie Geschichte, Kunstgeschichte und klassische Mythologie. Sie hatte darüber hinaus, wie sicherlich viele andere junge Mädchen, ein Faible für Filmstars, über die sie Zeitungsausschnitte sammelte, und für europäische Königshäuser, über die sie Stammbaumtafeln erstellte. Sie las viel. Und sie schrieb.

Es begann mit ihrem Tagebuch, das sie zu ihrem dreizehnten Geburtstag geschenkt bekam, und mit dem sie begann, als sie noch in ihrem Zuhause, der Wohnung am Merwedeplein lebte. Fast läge es nahe, zu sagen: Als sie noch ein normales Leben führte. Ein solches hatte jedoch schon zwei Jahre zuvor mit der niederländischen Kapitulation und den sofort darauf einsetzenden Diskriminierungen und Einschränkungen für die jüdische Bevölkerung durch die deutschen Besatzer ein jähes Ende gefunden. Es bedeutete für Anne, nicht mehr zum Eislaufen zu dürfen, ein Sport, für den sie große Begeisterung entwickelt hatte, keine Kinobesuche, kein Betreten von öffentlichen Anlagen, kein Aufsuchen von nichtjüdischen Ladengeschäften, kein Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln, zuletzt noch nicht einmal Fahrrad fahren, geschweige denn Aufenthalt im Freien nach Einbruch der Dunkelheit. Annes Freizeitvergnügen beschränkte sich zuletzt auf das Pingpongspiel bei Freunden, in deren Privathaus sich eine Tischtennisplatte befand. Sie durfte keine allgemeine Schule mehr besuchen und musste aufs jüdische Lyzeum wechseln, wo sie sich zwar wohl fühlte, jedoch sollte auch ihr Aufenthalt dort nicht lange dauern.

Unzählige Nadelstiche, Diskriminierungen im Alltag, die in Deutschland schon viele Jahre zuvor begonnen hatten, die offensichtlich waren und lange vor den Deportationen und Morden eingesetzt hatten, von denen später niemand etwas gewusst haben wollte. All dies spielte sich noch nicht „irgendwo im Osten“ ab, sondern mitten unter der Bevölkerung, die all dies billigend hinnahm. Machen wir uns nichts vor: Die Widerstandskämpfer bildeten unter unseren Vorfahren  die Ausnahme! Übrig blieben nur wenige unbeliebte Rollen: Die der Täter und die der feigen Mitläufer. Die Frage, welche davon die schlimmere ist, lässt sich, wie ich fürchte, noch nicht einmal eindeutig beantworten, machte doch das feige Mitläufertum die Untaten der Täter erst im vollen Umfange möglich. Und ich zögere, mir die Frage zu stellen, welche Rolle wir Nachgeborenen unter den gegebenen Verhältnissen eingenommen hätten. Machen wir uns wiederum nichts vor: In uns allen steckt, wie auch immer bedingt, leider viel mehr Potenzial – auch wenn wir die Täter heraushalten – zu Mitläufern als zu Widerstandskämpfern. So viel zu der möglicherweise ernst gemeinten Frage, ob man nicht irgendwann aufhören könne, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Man kann nicht!

Anne hatte in ihrem Schreiben einen Weg gefunden, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Sie fand Gefallen am Schreiben, entwickelte darin wachsende sprachliche und stilistische Fertigkeit, erkannte ihr offensichtliches Talent mehr und mehr als Berufung und zog eine berufliche Zukunft als Journalistin oder Schriftstellerin in Erwägung. Neben ihrem Tagebuch schrieb sie Erzählungen und Geschichten, begann, an einem Roman zu arbeiten. Mit selbstkritischem Blick schulte sie ihre Urteilsfähigkeit hinsichtlich ihres Schaffens, lernte einzuschätzen, ob ihr ein Text gut gelungen war oder ob er der Verbesserung bedurfte. Von ihrer Familie wurde sie in ihrem Tun zumeist bestärkt und weitgehend nicht darin behindert, diente doch ihre Erzählkunst auch zeitweise der Unterhaltung ihrer Mitbewohner, wenn sie zuweilen einige ausgewählte Passagen aus ihren Werken vorlas.

In ihrem Tagebucheintrag vom 5. April 1944 lesen wir:

„[…] Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf. Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale und meine Phantasien. […]“

Weitere Kraft mag sie geschöpft haben aus ihrer vorangegangenen glücklich zu nennenden Kindheit; sie beschrieb ihr Familienleben als harmonisch, sich selbst als den Liebling ihrer Lehrer und Mitschüler. Sie hatte viele Freundinnen und Freunde, erwähnte mit kleinem Augenzwinkern zahlreiche „Verehrer“. Umso schwerer musste sie den nachfolgenden Einschnitt in ihrem Leben empfunden haben. Vor allem während der ersten Zeit war ihr das Vertrauensverhältnis zu ihrem Vater eine große Hilfe und Stütze. Sie fand in ihm ihren Lernmentor und nahm sich im Übrigen seine stoische Ruhe und Genügsamkeit, die sie sehr bewunderte, zum Vorbild. Das Verhältnis zur Mutter hingegen zeigte sich in diesen Tagen als sehr belastet und konfliktgeladen, worunter offenbar beide litten. Die Mutter schien ihr wesensfremd, sie erlebte sie als gefühlskalt und verständnislos. Ihr Tagebuch gibt Zeugnis davon. Zugleich jedoch zeichnet sich darin über die Jahre hinweg eine Entwicklung in ihrem Denken ab, welches dazu führte, dass sie Rückschau hielt, reflektierte, relativierte, differenzierte, sich zunehmend in die sie umgebenden Menschen hineinzuversetzen versuchte und sich bemühte, deren Verhalten zu verstehen. Innigkeit sollte sich in der Beziehung zur Mutter zumindest in dieser Zeit jedoch nicht mehr einstellen. Anne musste die Loslösung von den Eltern innerlich vollziehen, äußerlich war es nicht möglich. Hierbei half ihr während der letzten Monate die Freundschaft mit Peter van Pels, dem zwei Jahre älteren Sohn der zweiten im Versteck lebenden Familie, mit dessen ruhigem, eher verschlossenen Wesen sie zuvor so wenig anfangen konnte, wie er mit ihrem lebhaften, weshalb sie sich anfangs eher aus dem Wege gingen. Zwischen beiden entspann sich eine sehr vertraute Verbindung, in der beide ihrer Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit Ausdruck verliehen. Auch die erwachende Sexualität der beiden jungen Menschen spielte eine nicht unwesentliche Rolle, allerdings gehen Versuche von Filmemachern, aus ihrer Beziehung eine wilde Affäre zu machen, wohl  an der Realität vorbei. Anne zog sich, wie aus ihren Aufzeichnungen zu ersehen ist, sehr bald wieder innerlich von Peter zurück; zu groß war doch die Verschiedenheit im Denken und Erleben. Sie vermochte die Freundschaft mit ihm durchaus weiterhin zu genießen, aber war sich sehr wohl bewusst, dass sie nicht uneingeschränkt alles, was ihr wichtig war, mit ihm teilen, nicht alle Tiefen ihres Denkens und Empfindens mit ihm gemeinsam ausloten konnte. Dies mit einem Menschen zu können, bedeutete ihr jedoch die wichtigste Voraussetzung für eine Lebenspartnerschaft. Ihr Eigenes für jemand anderen aufgeben kam für sie unter keinen Umständen in Frage; diese Haltung bescheinigt ihr im Rückblick eine für eine Fünfzehnjährige bemerkenswerte Reife. Ein späteres gemeinsames Leben mit Peter zog sie zu keiner Zeit ernsthaft in Betracht. Anne hatte eigene Ziele, sie erwartete mehr von einer möglichen Zukunft. Einer Zukunft, die ihr alsbald gewaltsam genommen wurde.

Beim Lesen ihres Tagebuchs kennen wir im Gegensatz zur Verfasserin den späteren Ausgang der Geschichte. Das Versteck wurde verraten, die Untergetauchten deportiert. Von den Bewohnern des Hinterhauses sollte nur einer überleben und zurückkehren. Otto Frank, der Vater von Anne, wurde im Januar 1945 von der Roten Armee aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit, seine Frau Edith war kurz zuvor im Frauenlager Auschwitz-Birkenau an Fieber und Entkräftung gestorben. Die Schwestern Margot und Anne starben im Lager Bergen-Belsen, wohin sie im Zuge eines Rücktransports aus Birkenau gelangt waren, im März 1945 kurz nacheinander an Typhus. Anne wurde nur fünfzehn Jahre alt. Ihre Tagebücher und Aufzeichnungen wurden nach der Stürmung des Verstecks von Miep Gies, einer der Helferinnen der Versteckten, achtlos auf dem Boden verstreut gefunden, eingesammelt und verwahrt. Bis zuletzt hatte Miep Gies gehofft, es der Besitzerin bei ihrer Rückkehr aushändigen zu können. Erst als die endgültige Nachricht von Annes Tod sie erreichte, händigte sie Annes Vater die Hefte und Blätter aus, ohne zuvor je selbst einen Blick hineingeworfen zu haben. Anne hatte sich, inspiriert durch einen Aufruf des heimlich empfangenen, niederländischen Exilsenders Radio Oranje, so viele private Zeitdokumente als möglich zu verwahren und nach dem Krieg zur Verfügung zu stellen, mit dem Gedanken an eine spätere Veröffentlichung getragen. Hierzu hatte sie in sorgfältiger Arbeit begonnen, Teile ihres Tagebuchs umzuschreiben und aufzubereiten. Aus diesen und Ergänzungen aus ihrem bis zuletzt fortgeführten ersten Tagebuch entstand schließlich eine erste Ausgabe, die 1947 unter dem Titel „Het Achterhuis“ in den Niederlanden erschien und nach einigen Jahren – übersetzt in viele Sprachen – zum  Welterfolg wurde. Jedoch unterlag diese erste Aufgabe vielen Kürzungen, die zum einen dem Schutz der Privatsphäre der Familie und der Freunde dienten, zum anderen für den einstigen Zeitgeschmack zu offenherzige Äußerungen über das Thema Sexualität betrafen. Erst nach dem Tod Otto Franks 1980 veröffentlichte das Niederländische Staatliche Institut für Kriegsdokumentation, dem die Rechte testamentarisch vermacht worden waren, sämtliche Aufzeichnungen Anne Franks, nachdem deren Echtheit in wissenschaftlichen Untersuchungen zweifelsfrei festgestellt und bestätigt worden war, in einer Kritischen Ausgabe unter dem Titel „Die Tagebücher der Anne Frank“. Der Anne Frank Fonds in Basel als Universalerbe der Autorenrechte nahm weitere Textpassagen in eine neue Fassung auf, die 1986 erschien, so dass es sich bei der Version, die ich zuerst kennenlernte, um die frühere gehandelt haben musste, während ich mich mit der späteren erst im Erwachsenenalter beschäftigen sollte. Ich erinnere mich, das Tagebuch mehrmals in jeweils verschiedenen Lebensphasen gelesen zu haben, mit immer wieder verändertem Blick. Die Erschütterung, die es in mir bei jedem neuen Lesen auszulösen vermochte, wurde mit den Jahren nicht geringer.

Es ergeht mir nicht anders, nun, da ich die im vergangenen Herbst erschienene Gesamtausgabe mit sämtlichen Werken Anne Franks in den Händen halte. Erstmals enthält diese alle Versionen des Tagebuchs in vollständiger Form, sowie einige später aufgetauchte, bislang unveröffentlichte Manuskriptseiten. Ein vergleichendes Lesen wird möglich. Im Weiteren finden sich Annes „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“, sowie ihr Fragment eines Romans über die Entwicklung eines jungen Mädchens und  weitere Erzählungen und selbst erfundene Märchen, die sie auf losen Blättern festgehalten hatte. Diese geben einen eindrucksvollen Einblick in ihr vielseitiges Schaffen während der Jahre im Versteck. Ergänzt wird die Sammlung durch Briefe und Einträge in Poesiealben von Freundinnen vor der Zeit des Untertauchens sowie durch Fotos und Dokumente.

Keineswegs weniger interessant präsentiert sich ihr „Schöne-Sätze-Buch“, die Sammlung von Texten, die sie zum größten Teil aus Büchern, mit denen sie sich während ihrer Zeit im Versteck beschäftigte, abgeschrieben hatte, wozu ihr ein leeres Kassenbuch diente. Da es sich bei ihrer Lektüre zumeist um geliehene Bücher handelte, die alsbald zurückgegeben werden mussten, war dies die einzige Möglichkeit, die ihr wichtig gewordenen Passagen daraus zu bewahren. Neben Versen von Shakespeare und Goethe, welche sie auf Deutsch niederschrieb, finden sich Namen aus der englischsprachigen Literatur , wie Thomas Morus, Thomas Carlyle, Oscar Wilde und John Galsworthy. Die Reihe der niederländischen Autoren reicht von Jacob van Maerlant im 13. Jahrhundert  bis zu Multatuli (alias Eduard Douwes-Dekker), Justus van Maurik und Willy Corsari (alias Angela Douwes-Schmidt) im neunzehnten Jahrhundert. Ebenso vertreten ist die norwegische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Sigrid Undset. Anne las gern Biografien, wie aus ihrer Sammlung hervorgeht, unter anderem die berühmte des französischen Historikers André Maurois (alias Émile Salomon Wilhelm Herzog) über Lord Byron und weitere des ungarischen Schriftstellers Zsolt von Harsány über Paul Rubens und Franz Liszt. Als zentrale Themen, mit denen sich Anne in ihrer Lektüre auseinandersetzte, finden sich wiederholt Fragen um die Freiheit des Denkens und Handelns, soziale Gerechtigkeit, Glaube und Religion, auch um Tod, Verlust, Trauer und Freundschaft. Aus einem Buch der vermutlich heute eher in Vergessenheit geratenen niederländischen Autorin Frida de Clercq Zubli notierte sie interessante Passagen über die Bedeutung des Schreibens, über männliches und weibliches Rollenverständnis und über die Bedeutung von Vertrauen im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Den einen oder anderen der weniger bekannten Autoren wiederzuentdecken würde sich gewiss lohnen. Ein zweites Heft mit dem Titel „Ägyptenbuch“ führte Anne, in welches sie Bilder von Kunstgegenständen der Antike einklebte und beschriftete; auch diesem ist ein Platz in der Gesamtausgabe gewidmet.

Im Anhang finden sich die beiden Versionen des Tagebuchs, die Anne anfertigte, erstmals einander gegenübergestellt. So liegen uns nun auch die frühesten Aufzeichnungen aus ihrem ersten Tagebuch vor. Hier begegnen wir dem völlig schutzlosen Kind, das aus seinem vertrauten Leben gerissen wurde – ganz verschieden von dem Rückblick einer seelisch gereifteren Fünfzehnjährigen – und wir spüren trotz seiner Frohnatur das Unglück und die Verzweiflung dieses Kindes. Und dies ist der Grund, warum ich es für unangemessen halte, Anne als literarisches Beispiel für Resilienz heranzuziehen, wie die neuere psychologische und pädagogische Literatur es tut. Anne Frank ist nicht Pippi Langstrumpf! Hier wurde ein wehrloses Kind Opfer eines beispiellosen Verbrechens, das als Einzelschicksal stellvertretend steht für geschätzte eineinhalb Millionen Kinder unter sechs Millionen Menschen, die dem Genozid der Nazis zum Opfer fielen. Eineinhalb Millionen Kinder, die keine Stimme hatten, denen keine Gelegenheit gegeben war, sich mitzuteilen, die allesamt auf unvorstellbare Weise ihre Würde beraubt, gequält, erniedrigt und bestialisch ermordet wurden. Dieses Ausmaß sollte genügen, uns zum Innehalten und Nachdenken über unsere Verantwortung zu bringen.

Anne war ein Kind, das keinen größeren Wunsch hatte, als nach dem Krieg wieder zur Schule gehen, Freunde haben und sich draußen in freier Natur bewegen zu können. Ihr Zukunftstraum, eine große Autorin zu werden, hat sich posthum erfüllt, aber nichts kann ihr das eine Leben zurückgeben, das ihr gegeben war und das sie gern weitergeführt hätte. Das eine Leben, das ein jeder Mensch nur einmal zur Verfügung hat, und das deshalb bei jedem Menschen Schutz und Achtung verdient.  Die Nazi-Ideologie funktionierte nach der Methode, in einer Gesellschaft vorhandene Ressentiments und Vorurteile zu nutzen und zu schüren, mittels Manipulation und Aufhetzung der Bevölkerung ganze Gruppen von Menschen aufgrund ihres tatsächlichen oder angeblichen Anders-seins auszugrenzen, von der übrigen Gesellschaft abzuspalten, ihnen zuletzt gar ihr Menschsein abzusprechen. Diese Methoden haben in der Vergangenheit funktioniert und sie funktionieren auch heute noch. Um sie sich bewusst zu machen, sind wir auf Zeitdokumente wie Anne Franks Tagebuch dringend angewiesen. Sechs Millionen Tote sind auf den ersten Blick eine abstrakte Zahl, die jenseits allem Vorstellbaren liegt. Aus dieser Zahl werden leicht wieder „die anderen“, mit denen man selbst am liebsten nichts zu schaffen hätte. Sobald jedoch ein Einzelschicksal aus der Anonymität heraustritt, wird auch der letzte Zeitgenosse, der es zuvor nicht wahrhaben wollte, mit der Tatsache konfrontiert, dass es hier um Menschen ging, die sich mit ihrem Denken und Fühlen kaum von ihm selbst unterschieden. Das lahmgelegte Gewissen beginnt seinen Dienst wieder aufzunehmen. Dies erklärt auch die Anfeindungen, denen eben solche persönlichen Dokumente ausgesetzt sind, die Diffamierungen, Versuche, die Echtheit zu leugnen, die immer wieder Anhänger finden, deren Wunschgedanken sie bedienen, nämlich den Wunschgedanken, das Undenkbare, weil zu Schreckliche, habe ja vielleicht gar nicht stattgefunden, sondern beruhe auf  Lügen und Unterstellungen anderer. Jedes Einzelschicksal jedoch, das auf Sympathie und Mitleid stößt, hat das Potenzial, unmenschliche Gedankengebäude zu sprengen.

Annes Vermächtnis ist ein Klares. Es lautet nicht: Macht die Kinder resilient, damit sie lernen, sich in einer unmenschlichen Gesellschaft, die ihre Rechte mit Füßen tritt, so gut als möglich anzupassen und sich mit wenigem zu begnügen. Es ruft vielmehr dazu auf, Kindern endlich bessere und würdigere Lebensbedingungen in einer menschlicheren Gesellschaft zu schaffen. Und es ruft auf, sich für die Rechte der Kinder einzusetzen, überall dort, wo diese mit Füßen getreten werden. Denn Kinder haben Rechte! Die von der UNO 1989 verabschiedete Kinderrechtskonvention wurde von ausnahmslos allen Ländern dieser Erde unterzeichnet! Wer sich die Realität vor Augen führt, dem mutet es wie Hohn an.

Der Anne Frank Fonds in Basel unter der Leitung von Anne Franks Cousin Bernhard Elias – „Buddy“, mit dem sie so gern noch einmal Eislaufen gegangen wäre! – hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich gemeinsam mit dem Kinderhilfswerk UNICEF für die Rechte der Kinder in aller Welt stark zu machen. Diese unterliegen drei Grundprinzipien, dem Recht auf Schutz, dem Recht auf Förderung und dem Recht auf Beteiligung. Wenn wir das Erbe der Verantwortung ernst nehmen, erschließt sich uns hier ein weites Feld künftiger Betätigung. Auf diese Weise würde, was uns als Leserinnen und Lesern ihres Tagebuchs am Herzen liegt, am ehesten möglich: Ein würdiges Gedenken an Anne Frank.

Am 15. Juli 1944 notierte sie in ihr Tagebuch:

„[…] Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden. Inzwischen muss ich meine Vorstellungen hochhalten, in den Zeiten, die kommen, sind sie vielleicht doch noch auszuführen! […]“

Anne hat ihre Vorstellungen bis zuletzt hochgehalten. Nehmen wir sie für uns an – als Annes Vermächtnis an uns!

Anne Frank: Gesamtausgabe. Tagebücher, Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus, Erzählungen, Briefe, Fotos und Dokumente. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Herausgeber: Anne Frank Fonds Basel. S. Fischer Verlag. 816 Seiten, 28 EUR. ISBN-13: 9783100223043

Der Essay erschien auch  in der Mai-Ausgabe 2014 von literaturkritik.de

 

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Glänzende Gefilde – Hölderlins Tübingen (Aus: „Holunderblüten“, Roman von Bettina Johl)

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Sich der Stadt annähern, von den Höhen des östlichen Schwarzwaldes her, aus dem Tal der Nagold kommend über Calw nach Herrenberg, der Deutschen Fachwerkstraße folgend entlang der Ammer, das Flüsschen, welches in Tübingen auf den Neckar trifft, entbehrt gerade im Frühling nicht eines gewissen Reizes. Die sanft auslaufenden Hügel gehen in eine offene, als „Heckengäu“ bezeichnete Landschaft über: Obstplantagen, jedoch auch weite Streuobstwiesen, die Kirsch- und Birnbäume in voller Blüte, dazwischen schneeweiß leuchtende Schlehenhecken; das Frühjahr ist hier sehr viel weiter fortgeschritten. Malerische Ortschaften, eine Bilderbuchlandschaft. Mit glänzend grün-glasierten Schindeln gedeckte Kirchturmdächer. Zur Rechten ragt auf einem frei stehenden Hügel die weithin sichtbare Wurmlinger Kapelle auf, von der euer Dichter zu Studienzeiten in einem Brief an seine Schwester schrieb:

Ich werde einen Spaziergang mit Hegel auf die Wurmlinger Kapelle machen, wo die berühmte schöne Aussicht ist.

In der Tat, denkst du, muss die Aussicht von dort einmalig sein, zumal frei in alle Richtungen. Du hoffst, dass dir später noch Zeit für einen Abstecher dorthin bleiben wird.

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Tübingen präsentiert sich dir sehr viel anders als noch drei Monate zuvor. Du hast Mühe, die Stadt wiederzuerkennen. Anlässlich eines gerade stattfindenden Marktes herrscht drangvolle Enge; lärmende Menschenmassen schieben sich durch die engen Gassen, – zügiges Vorankommen ist nahezu unmöglich. Du hast kaum ein Auge für die Altstadt, willst so schnell wie möglich zum Turm deines Dichters. An der Neckarbrücke angekommen, traust du deinen Augen kaum: Die Ufermauer, an welcher der schmale Pfad den Zwinger entlangführt, auf dem ihr euch im Winter als einzige mehr oder weniger schliddernd zum Turm hin fortbewegtet, ist voller Menschen, die darauf in Reih und Glied in der Sonne sitzen wie Sperlinge auf dem Draht und dem Treiben der Stocherkähne zusehen. Selbst der Platz vor dem Eingang ist belagert, dort stehen vollbelegte Tische und Stühle eines benachbarten Restaurants. Der Eingang zum Haus mit dem halbrunden Turm zur Neckarseite mutet hingegen schlicht an, – eine Seitentür, die sich eher wie zufällig durch Dagegen-drücken öffnen lässt. Du trittst ein – und findest stille, menschenleere Räume vor. Bis auf zwei junge Studentinnen scheint sich niemand außer dir hierher verirrt zu haben. Du kannst es nicht lassen, zu der freundlichen Dame am Empfang zu sagen: „Und ich dachte, hier drinnen sei es ebenso überfüllt wie draußen.“ Diese meint lächelnd: „Solches haben wir eher nicht zu befürchten!“

Vor dir liegt der lange Gang mit den Steinfliesen, den euer Dichter – wie überliefert ist – alle Tage „mit gewaltigen Schritten durchmessen“ habe; dieser endet an der hinteren Tür, die in ein kleines Gärtchen hinausführt. Rechterhand führt eine Wendeltreppe zum Turmzimmer hinauf. Dorthin zieht es dich zuerst. Du ersteigst die Treppe und betrittst den sonnendurchfluteten, halbrunden Raum. Er ist leer, unmöbliert bis auf zwei Stühle. Zwei der drei hohen, mehrfach unterteilten Doppelfenster zum Neckar und Garten hin stehen offen. Auf dem hölzernen Dielenboden eine Vase mit frischen Blumen.

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Mit der Illusion, hier noch etwas Originales vorzufinden, bist Du nicht hergekommen. Chroniken zufolge brannte der Turm 1875 bis auf die Grundmauern ab, nachdem er schon vorher immer wieder Veränderungen durch Umbauarbeiten erfahren hatte. Der jetzige Zustand, sagt man, soll dem Original wieder recht nahe kommen. Schlicht weißgetüncht und schmucklos sei der Raum auch damals gewesen, geht aus Aufzeichnungen von Besuchern des Dichters hervor. Im Hinblick darauf empfindest du es als angenehm, dass auf nachgebildetes Inventar verzichtet wurde, und so Raum bleibt für eigene Vorstellungen. Ein Klavier soll es gegeben haben, auf dem er viel improvisierte, ein Sofa, an dem er, als man es ihm ins Zimmer stellte, besondere Freude hatte. An der einzigen geraden Wand des Raumes: Vier gerahmte Jahreszeiten-Gedichte, – Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dein Blick verweilt beim Frühlingsgedicht.

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

d. 24 April 1839.
mit Untertänigkeit
Scardanelli.

Alle vier Gedichte sind unterzeichnet mit Scardanelli, sind seine spätesten aus der Turm-Zeit. Der Zugschaffner kommt dir wieder in den Sinn: Das Bild des „kritzelnden“ Dichters im Turm. In der Tat sollen viele dieser Gedichte auf Anfragen von Besuchern im Handumdrehen niedergeschrieben worden sein. Ob sie jedoch just zum jeweiligen Zeitpunkt entstanden, oder ob er sie aus seinem Gedächtnis holte, wo er sie seit längerem fertig hütete, – niemand vermag es zu sagen.

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Das Panorama vor dem Fenster – immerhin hieß es einst, man könne aus dem Zimmer „das ganze Neckartal samt dem Steinlacher Tal“ übersehen –, was ist davon übrig? Du öffnest einen der angelehnten Flügel des linken Fensters, schaust hinaus.
Lärm dringt vom Fluss herauf, auf dem die Stocherkähne unterwegs sind, Spektakel für die auf der Ufermauer Sitzenden. Der Blick aus dem mittleren Fenster reicht bis zu den hohen Bäumen auf der Neckarinsel; ein ähnlicher Anblick, wie ihr ihn hattet in eurem kleinen Hotel, nur dass der Fluss hier noch jung ist, schmaler und weniger tief, die Fließrichtung eine andere, die Insel mit ihrer Platanenallee hingegen begehbar ist. Vom Tal der Steinlach, die von der Schwäbischen Alb her kommend unweit hier gegenüber mündet, ist nichts zu sehen; das jenseitige Ufer ist längst zugebaut. Du lehnst dich aus dem rechten Fenster, das auf den terrassenartig angelegten, ebenfalls ans Ufer grenzenden Garten hinaus geht. Wenigstens dieser liegt ruhig, ist nur Besuchern des Museums zugänglich, mag sich noch am ehesten dazu eignen, die Stimmung früherer Zeiten herbeizuzaubern.

Dennoch, – der halbrunde, stille, weitgehend leere Raum verfehlt seine Wirkung nicht. Die Stühle laden dazu ein, sich zu setzen. Anflug von Traurigkeit, plötzlich. Ein Leben, das nach der ersten Hälfte zu Ende schien, – fortan ein nunmehr reduziertes Dasein, über Jahre auf engsten Raum beschränkt. Als wäre das gleichnamige Gedicht eine – selbsterfüllende? – Prophezeiung gewesen. Sechsunddreißig Jahre hier zugebracht in weitgehender Abgeschiedenheit.

Am 11. September 1806 brachte ihn ein auf Veranlassung seiner Mutter und seines Freundes Sinclair bestellter Wagen von Homburg nach Tübingen ins Autenriethsche Klinikum, – warum passieren immer wieder zu diesem Datum folgenreiche Ereignisse, die alles verändern, nichts mehr so sein lassen wie zuvor, die Welt auf den Kopf stellen? Fast könnte man darüber abergläubisch werden! Ob Sinclair mit der Betreuung des depressiven Freundes überfordert war, oder ob das Ganze einen Versuch der Freunde darstellte, in jenen politisch unruhigen Zeiten den wegen seiner Nähe zu revolutionärem Gedankengut verdächtigen Dichter mittels eines ärztlichen Attests vor drohender Inhaftierung zu schützen, bleibt im Dunkeln. Nach dem Klinikaufenthalt jedenfalls war endgültig auf eine Besserung seines Zustandes nicht mehr zu hoffen. Dass die Anstalt zur Behandlung von sogenannten Geisteskrankheiten zu den für die damalige Zeit modernsten und – es widerstrebt dir, das Wort zu verwenden – humansten zählte, die sich immerhin an neuesten Forschungserkenntnissen aus den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika orientierte, macht es nicht besser und mutet wie Hohn an. Beschreibungen der Zwangsmaßnahmen, denen die Insassen ausgesetzt waren, lassen einem das Blut in den Adern gefrieren.

Nach einem halben Jahr entließ man ihn. Diagnose: Unheilbar, aber ungefährlich. Er hatte Glück im Unglück, kam im Hause jenes belesenen Handwerkers unter, der ihn bei Schreinerarbeiten in der Klinik kennengelernt, im Laufe der Zeit öfter besucht und sein Vertrauen gewonnen hatte, dem es nach eigenen Worten leid darum war, „dass ein so schöner, herrlicher Geist zu Grund gehen soll“, und ihn zu sich in fürsorgliche Pflege nahm. Höchstens zwei oder drei Jahre hatte man dem Siebenunddreißigjährigen noch an Lebenserwartung zuerkannt. Er sollte ein Alter von – Zahlendreher! – dreiundsiebzig Jahren erreichen. Während der gesamten Zeit, heißt es, sei er selten krank gewesen. Nur die Unruhe, – sie sollte ihn nicht mehr verlassen. Rastlos soll er in dem Raum, den du hier auf dich wirken lässt, auf und ab gegangen sein, endlose Selbstgespräche geführt haben. Wenn das ein Zeichen von Wahnsinn ist? Lieber nicht darüber nachdenken!

[…]

Die Bettine, deine Namensvetterin, die du dir inzwischen getreulich hinzuzuziehen getraust, die euren Dichter nie selbst traf, ihn jedoch mit ihrer Sensibilität besser zu verstehen schien, als manch anderer Zeitgenosse, schrieb, bezugnehmend auf die Diskussion, die sich über dessen Wahnsinn entsponnen hatte, freimütig und treffsicher über den Zustand der Gesellschaft, in der beide lebten:

„Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewusst… und das ist unser Wahnsinn.“

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Nachdenklich den Raum verlassen. Hinuntergehen. Am Fuß der Treppe geht es rechts zur hinteren Tür; diese steht offen, führt in den kleinen Garten hinaus. Er wirkt verträumt, könnte früher ähnlich ausgesehen haben. Steinstufen, Wiese, Hecken, ein schmaler Kiesweg, zur Rechten die Stadtmauer, mit wilden Weinreben bewachsen, auf der sich das nächste Haus anschließt; hinter einem alten Staketenzaun mit verschlossenem Tor der angrenzende Obstgarten mit teilweise schon blühenden Apfelbäumen, davor ein steinerner Brunnentrog, ein noch recht junger Kastanienbaum, umrundet von kleinen, tiefblauen Traubenhyazinthen.

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Zur Linken führen Stufen hinunter zum Zwinger, der unterhalb des Hauses zwischen dem Turm und der äußeren Mauer entlang führt. Er muss den Weg oft gegangen sein, euer Dichter, zuweilen sehr früh am Morgen, und er dehnte seine Spaziergänge oft über mehrere Stunden aus. Dieser Teil des Weges ist ebenfalls glücklicherweise nicht öffentlich zugänglich; ein ruhiger Uferabschnitt zum Atemholen. Im Wasser spiegelndes Sonnenlicht, Weiden in frischem Grün, die Hausmauer teilweise mit dichtem Efeu bewachsen, eine Büste des Dichters in einer Maueraussparung, gelbblühende Forsythien, auch ein Holunderstrauch, Ruhebänke, vereinzelte Tulpenbeete. Dies alles schön und schlicht angelegt, nichts Überladenes, – Idyll zum Innehalten.

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Lieber, wärest Du hier – denkst du – könnte ich es mit Dir teilen. Ich musste mir die Frage stellen, ob ich ohne Dich kann. Um zu überleben, musste ich mich dazu durchringen, zu sagen: Ich kann! Es wäre sehr schmerzhaft, sehr traurig, – gewiss! Wie einen Farbfilm in Schwarz-Weiß weiterschauen müssen, weil die Bildröhre im Fernsehgerät kaputt ist. Aber: Ich kann! Die Frage ist, ob ich es will. Und eigentlich will ich es nicht!

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Impuls: Den Rest des Tages einfach weiter hier zu verbringen, – nur sitzen und schauen, eurem Dichter nahe zu sein. Jedoch: Es treibt dich weiter; wie immer läuft dir die Zeit davon.

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Die Ausstellungsräume passierst du zügig; du wirst wiederkommen. In einem der Schaukästen begegnest du schließlich der Büste der Diotima, – vielmehr der Frau, die euren Dichter zur Diotima im Hyperion inspirierte: Susette Gontard, seiner großen Liebe. Einer Liebe, für die es keine Zukunft gab, – ja, nicht einmal eine Gegenwart.

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Das Haus der Gontards, wo er jene Hauslehrerstelle antrat, lag in Frankfurt am Großen Hirschgraben, nur einen Steinwurf vom Geburtshaus des großen Goethe entfernt, – welche bittere Ironie auch dies! Der Hausherr galt als erfolgreicher Tuchhändler und Bankier, gänzlich damit ausgefüllt, die Geschäfte am Laufen zu halten. Die Bedürfnisse seiner Frau mögen hiervon ganz verschieden gewesen sein und hatten vermutlich dahinter zurückzutreten. Zweifelsohne muss sie eine sehr schöne Frau gewesen sein; dies zeigt jener Abguss eines Hochreliefs des zeitgenössischen Künstlers Landolin Ohnmacht, welcher hier ausgestellt ist. Die plastische Darstellung lässt sich durchaus mit dem Bild in Einklang bringen, das sich aus Schilderungen anderer Zeitgenossen ergibt, die sie als klug, gütig und sanftmütig beschreiben. Duldsam wohl auch. Rebellion, Aufbegehren, – gar den Ausbruch in Erwägung ziehen, schien ihre Sache nicht zu sein, war ihr nicht gegeben, – wie es überhaupt immer nur Sache von ganz wenigen war, die es tatsächlich wagten. Außerdem hatte sie Kinder, die sie nicht verlieren wollte. Die rechtliche Stellung der Frau ließ keine großen Handlungsspielräume. Gründe fürs Ausharren in einer meist arrangierten Ehe waren oft rein wirtschaftlicher Natur, – Gefühle konnte man sich selten leisten.

Dennoch: Zwei Menschen begegnen sich, stellen fest, dass sie dieselbe Sprache sprechen, ähnlich fühlen, ähnlich denken. Ihr wisst aus jüngster Erfahrung, welchen Verlauf solches nimmt. Gegensteuern zwecklos! Es kommt, wie es kommen muss, – früher oder später ist der Konflikt unausweichlich. Der Dichter verlässt das Haus, um sich in Homburg niederzulassen. Es bleibt nur noch die Möglichkeit zu kurzen, heimlichen Treffen und dem Austausch von Briefen durch die Hecke. Ein Zustand zermürbend, nervenzerfetzend! Er versucht, sich neu zu orientieren, kehrt schließlich zurück in seine schwäbische Heimat, nimmt im Lauf der Zeit nochmals entfernt liegende Hofmeisterstellen an, in Hauptwil in der Schweiz, später in Bordeaux, reist jeweils zu Fuß über die Gebirge, – rastloser Wanderer, der er ist und bleiben wird. Dann die Nachricht vom Tode Susettes, die ihn nach der Rückkehr aus Frankreich – oder bereits unterwegs? – erreicht. Ein Riss in der Seele, der durch nichts mehr zu kitten sein wird.

Du ringst die Schwermut nieder. Ins Gästebuch schreibst du in einem Anfall von Kühnheit: Nächstens mehr. Fragst die Dame am Empfang nach dem Weg zum Stadtfriedhof und zum Österberg, wohin Wilhelm Waiblinger, Hölderlins erster Biograph, euren Dichter in jenen Jahren öfters mitnahm, wie in dessen „Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn“ zu lesen ist:

Womit ich ihn am meisten vergnügte, das war ein hübsches Gartenhaus, das ich auf dem Österberg bewohnte, dasselbe, worin Wieland die Erstlinge seiner Muse niederschrieb. Hier hat man Aussicht über grüne freundliche Thäler, die am Schloßberg emporgelagerte Stadt, die Krümmung des Neckars, viele lachende Dörfer und die Kette der Alb.

Der Österberg sei zu Fuß gut zu erreichen, hörst du, aber wo jenes Gartenhaus stand, wisse heute niemand mehr. Du machst dich dennoch auf den Weg, willst dich umschauen, wirst – wie vorherzusehen war – enttäuscht. Der Berg ist zugebaut, fast nirgends freie Sicht; wo diese möglich wäre, ist sie durch hohe Bäume eingeschränkt. Dennoch: Du warst oben, hast eine Vorstellung von seiner Lage erhalten. Sehr gut vorstellbar, dass es hier früher statt der Häuser Gartengrundstücke gab, die eine Aussicht wie die beschriebene boten.

Auf der Suche nach dem Weg zum Friedhof verlierst du die Orientierung, bringst die Wegbeschreibung nicht mehr auswendig zusammen, hast nur einen dürftigen Stadtplan, der so weit nicht reicht. Im Alten Botanischen Garten gibt es ein Hölderlin-Denkmal, das als solches gar nicht ohne weiteres erkennbar ist. Der Rasen ist über und über von jungen Menschen – sicher hauptsächlich Studierenden – belagert, denen er als Liegewiese dient. Nachfragen führt zu nicht unfreundlichem, aber ratlosem Achselzucken. Hölderlin? Keine Ahnung!

Ein Mann, wie du schätzt, im besten Schwabenalter wie du selbst, der deine Bemühungen mitbekommen hat, weist dir schließlich den Weg zum Friedhof, geht selbst noch ein ganzes Stück mit, bis fast vors Tor, beschreibt dir auch die Lage des Grabs. Er scheint sich sehr gut auszukennen, interessiert sich für dein Projekt; er weiß wahrscheinlich mehr als du selbst über die Hölderlin-Gesellschaft, fragt, ob du Härtlings Roman und die Texte von Ulrich Gaier kennst. Siehe da: Ein ähnlich Gesinnter und obendrein angenehmer Weggefährte in der hoffnungslos überlaufenen kleinen Universitätsstadt!

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Der Stadtfriedhof – Grablege für zahlreiche Tübinger Persönlichkeiten, darunter auch Ludwig Uhland und Ottilie Wildermuth – ist schmal und langgezogen; es führt eine verkehrsreiche Straße daran vorbei, die es etwas schwer macht, ihn als Ort des Rückzugs und der Besinnung wahrzunehmen. Aber vielleicht müssen diese Gegensätze gerade hier deutlich werden, – wie auch bei den lärmenden Studenten im Alten Botanischen Garten rund um die aufgestellten Denkmäler, wo die Statuen schon einmal einen herumfliegenden Ball an den Kopf bekommen. Blitzlichtartige Erinnerung eingedenk des Besuchs im Turm: Auszüge an der Treppenwand aus der späten Schrift „In lieblicher Bläue“. Sie endet mit den schlichten Worten:

Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.

 

Aus dem noch unveröffentlichten Roman „Holunderblüten“

© Bettina Johl

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Fichte und Hölderlin – Aus dem Roman „Holunderblüten“ von Bettina Johl

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Zum Gedenken an Johann Gottlieb Fichte ( *19. Mai 1762 in Rammenau bei Bischofswerda;  † 29. Januar 1814 in Berlin)

Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen.  Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor –  die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus dem Nichts.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Das Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus)

Der Dichter selbst als Philosoph? Als ein solcher sah Hölderlin sich selbst zweifellos. Er bestand darauf, als Dichter notwendigerweise Philosoph sein zu müssen – und umgekehrt. Die Bereiche Dichtung und Philosophie sah er als untrennbar an und widmete sich zeitlebens der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte: Beide einer neuen Einheit zuzuführen.

Ihr lest: Die Idee der Schönheit, die sich in der Kunst ausdrückt, sei die Idee, die alle anderen Ideen vereinige, und ein Philosoph müsse gerade so viel ästhetische Kraft besitzen wie ein Dichter, sonst nämlich bleibe er ein Buchstabenphilosoph, den keiner verstehe und der somit auch das Volk nicht erreiche. Die Poesie hingegen müsse wieder die Rolle der Lehrerin der Menschheit übernehmen, wie sie diese bereits zu Beginn inne hatte. Und letztlich – so schließt er kühn – werde die Dichtkunst alle anderen Wissenschaften und Künste überleben.

Große Worte eines jungen Menschen. Er wird ihnen treu bleiben. Ihr staunt. Die Dichtkunst wird also überleben, – wird sie in letzter Konsequenz das sein, was bleibt? Das Schriftfragment, in dem sich all dies findet, nennt sich das „Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“. Es handelt sich hierbei um den Entwurf der Tübinger Studienfreunde, nach Aussage der Forschung überliefert in Hegels Handschrift, nach einem Konzept von Schelling – und deutlich geprägt durch euren Hölderlin; viele der hier enthaltenen Gedanken finden sich nahezu wörtlich im Hyperion wieder, den er in sehr jungen Jahren begann, und an dem er viele Jahre arbeitete. Ein Entwurf, nicht ganz vollständig erhalten, welcher Anfang 1797 entstand, als das bezeichnete Dreigestirn nach Jahren in Frankfurt zu erneutem Austausch wieder aufeinander traf.

Dies also wurde vor mehr als zweihundert Jahren zu Papier gebracht durch drei außergewöhnlich begabte junge Menschen, von denen zu dieser Zeit noch keiner die dreißig Jahre erreicht hatte. Es beschäftigt dich. Wie ergeht es euch, wenn ihr aus heutiger Sicht darauf schaut? Wie ist es heute um Philosophie und Dichtkunst bestellt? Revolutionen, Weltkriege, die technische Entwicklung und der allgemeine Lauf der Zeit haben die Gesellschaft verändert wie nie zuvor. Die Philosophie scheint ein Schattendasein unter den Wissenschaften zu führen, geistert durch die Feuilletons, welche nur von einem kleinen Kreis gelesen werden. Oftmals erscheinen dir diese eher als eine Spielwiese der Selbstdarstellung, wo mit Begriffen jongliert wird, angesichts derer du dich fragst, ob jene, die sie verwenden, sie eigentlich selbst verstehen. Oder sollten diese einzig dem Zweck dienen, beim Leser Erstarren in Ehrfurcht vor vermeintlicher geistiger Überlegenheit auszulösen? Feuilletonbeiträge, so verriet dir einmal der Chefredakteur einer überregionalen Zeitung, würden insgesamt wenig gelesen; dies erkläre auch das Phänomen, dass immer einmal wieder politisch inkorrekte Beiträge darin auftauchen könnten, und niemand rege sich darüber auf, – keiner nehme es zur Kenntnis, eben weil es keiner wirklich gelesen hat. Eigentlich diene ein Feuilleton vor allem dazu, eine Zeitung aufzuwerten; der Leser, auch wenn er es nicht liest, würde es dennoch vermissen, wäre es nicht vorhanden, – verleiht es doch der Zeitung das gewisse Niveau. Dies wertet wiederum auch den Leser auf; er liest schließlich ein anspruchsvolles Blatt, selbst wenn dies Lesen sich auf das Überfliegen der Schlagzeilen beschränken sollte.

Philosophen also ungestört unter sich im Elfenbeinturm? Unbeachtet – und damit auch ungestört – vom Rest der Welt? „Stimmt so nicht!“ – sagt dein Dichterfreund und Philosophenfreund, der sich unter denselben bewegt, – möglicherweise hat er Recht. Aber der Eindruck bleibt – und die Frage: Wem nützt Philosophie, solange ihre Vertreter dem Leser suggerieren, ihre Inhalte könnten von einfach denkenden Menschen nicht verstanden werden? Wird es hier nicht höchste Zeit, sich einzumischen?

Jung war sie damals: Die Vorstellung des Menschen von sich selbst als absolut freiem Wesen, bestimmt zum freiheitlichen Handeln, welche aus dem Gedankengut der Aufklärung und der Französischen Revolution entstand. In Deutschland und von Deutschland aus wurde diese maßgebend geprägt durch die Philosophen Kant – welchen euer Dichter in Tübingen eingehend studierte – und Fichte, den er später in Jena hörte, von dem er tief beeindruckt war, und der ihm Denkanstöße lieferte, seine eigenen Ideen im Hinblick auf den schöpferischen – den Kunst schaffenden – Menschen weiter zu entwickeln.

Was genau hat es mit Fichtes Werk auf sich? Das Thema hat dich in seinen Bann gezogen, jedoch kämpfst du hier mit erheblichen Bildungslücken. Über Kant lässt sich ja noch irgendwie etwas zusammenbringen. Sofern es einer versteht, durch Herumwirbeln einiger Begriffe und Zitate zu bluffen, lässt sich mit diesem Philosophen durchaus einen Abend lang Konversation treiben. Den meisten wird es nicht auffallen, weil sie es zwar chic finden, sich über Kant zu unterhalten, den sie ja dem Namen nach kennen, auch wissen, dass das jemand Bedeutendes gewesen sein muss, aber möglicherweise insgeheim überlegen: Wer war das noch mal? Ein Modeschöpfer vielleicht? Triffst du aber zufällig doch auf jemanden, der sich auskennt, wird derjenige in der Regel vor Begeisterung völlig außer sich sein – Wahnsinn, hier interessiert sich jemand für Kant! –, so dass auch er es nicht unbedingt mitbekommt, wenn du in Wirklichkeit nur Blödsinn erzählst. Auch dein Dichterfreund wäre einst fast darauf hereingefallen. Jedoch nur fast! Hingegen bei Fichte verlassen dich zunächst alle guten Geister, und es wird Zeit, dass du dich dahinter klemmst. Hier auf deinem „Zauberberg“, wo du ein wenig Auszeit hast.

Wenigstens liegt dein Wissensmangel diesmal nicht darin begründet, dass du in der Schule schlicht gepennt hast; das hast du zwar in der Tat, aber Philosophie kannst du nicht verschlafen haben, denn – es gab sie nicht. Im Gegensatz zu manchen anderen europäischen Ländern war Philosophie an deutschen Schulen nicht im Lehrplan vorgesehen, wird als eigenes Fach bis heute selten gelehrt. Und damit fängt das Elend an – und nimmt seinen weiteren Lauf. Es führte zu dem Phänomen, dass sich Menschen wie du im Erwachsenenalter auf „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder stürzten, ein Buch, das sich eigentlich an Jugendliche richtet. Ihr kauftet es unter dem Vorwand, es euren Kindern schenken zu wollen, und last es dann selbst, verschämt unter der Bettdecke, – denn die Kids hatten auf so etwas gar keinen Bock, das roch ja viel zu sehr nach Bildung! –, und so habt ihr auf diese Weise erstmals in verständlicher Form etwas über Philosophie erfahren. Die Kritiker spotteten über euch, versuchten, das Buch schlecht zu reden, aber es gelang ihnen glücklicherweise nicht, das einmal entflammte Interesse wieder zu ersticken. Du kennst sogar einen Doktor der Philosophie, der sich davon begeistern ließ. Er trug eine Baskenmütze wie Alberto Knox und bot auf dem Buch basierende Kurse für Erwachsene, an einem Ort, den du selbst für jegliche Philosophie verloren hieltest, aber er – unerschütterlicher Idealist, der er war – ließ sich davon nicht beeindrucken; er hielt seine Stunden auch, wenn sich nur fünf Leute einfanden. Von seinem Naturell war er ansonsten ein eher schüchterner Mensch und – was angenehm an ihm war – alles andere als ein Meister der Selbstdarstellung, daher fielen seine förmlichen Vorträge oft etwas monoton aus, führten zu schweren Augenlidern während Abendstunden in muffigen Räumen, nach langen, mit stumpfsinniger Arbeit ausgefüllten Tagen. Anders Eure anschließenden Gespräche auf der Straße vor dem Café, unter dem freien Himmel, der für eure Gedankenflüge brav die Kulisse lieferte. Du hast ihn ausgebeutet, denkst du rückblickend – und meinst damit nicht den Himmel –, ihn allzu oft über ungebührliche Zeit aufgehalten mit deinen Fragen und verrückten Gedankenspielen, die sich einstellten, sobald an frischer Luft deine Müdigkeit wie weggeblasen war. Er nahm es heiter und gelassen. Und auf zwei Gebieten hattest du einen Vorsprung: Er wusste die erstaunlichsten Dinge, aber, wie er freimütig zugab, wenig über die Bibel und den Sternenhimmel, Gebiete, die du dir in Eigenregie bereits etwas erschlossen hattest. So besaß jeder Teile eines großen Puzzles, die sich zuweilen ergänzten, – dies machte eure Gespräche zu etwas Wertvollem. Glücklich, wer in jedem Lebensalter immer wieder Lehrer findet, die das Denken auf neue Bahnen lenken helfen. Du hattest dieses Glück sehr oft.

Hier bist du auf dich gestellt, aber Selbstdenken und Lernen ist ja keineswegs verboten, und so findest du dich nun alsbald mit einem Notizbuch bewaffnet, alles zusammenschreibend, was du über Fichte in Erfahrung bringen kannst. Und findest zusehends Spaß daran.

An allem Anfang war Legende: Fichte, der begabte Sohn eines Webers aus der Oberlausitz, sonntags auf der Gemeindewiese hinter der Kirche das Vieh hütend. Frondienst, der vor Kindern keineswegs Halt machte. Sein Gutsherr, mit dem auf einen Mann seines Formats passenden Vornamen Haubold, der eines Sonntags verschlafen hatte, Gottesdienst samt Predigt verpasste und sein Bedauern darüber im Zuge eines Gesprächs kundtat. Der Junge, der dies mithörte oder hinzugeholt wurde, und der ihm daraufhin die Predigt, die er durchs Kirchenfenster mitbekommen und im Kopf behalten hatte, auswendig vortrug, nicht ohne hierbei den Pfarrer auf unterhaltsame Weise zu imitieren. Der Freiherr, davon sehr beeindruckt, der umgehend beschloss, dass man einen solch aufgeweckten Burschen unbedingt fördern und auf entsprechende Schulen schicken müsse. Eine Sache, die er auch sogleich mit den Mitteln, die ihm – anders als den Eltern des Jungen – zur Verfügung standen, in die Hand nahm. Wie sagte doch schon dein geschätzter Konfirmandenpfarrer? Es hat noch keinem geschadet, bei der Sonntagspredigt die Ohren zu spitzen!

Eben war der Weg, den Fichte dadurch einschlagen konnte, jedoch keineswegs. Wenig später verstarb der edle Herr, und die Begeisterung seiner Erben für diese Art Bildungssponsoring dürfte sich bereits zu dessen Lebzeiten in Grenzen gehalten haben. Unterstützung war nicht länger zu erwarten. Fichte schlug sich –  ähnlich wie später euer Dichter ­– mit Hauslehrerstellen durch und brach sein Studium ab. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, beruflich oder schreibend Fuß zu fassen, beschäftigte er sich mit der Philosophie Kants, der er sehr zugetan war. Als er Kant einige Zeit später in Königsberg besuchte, war dieser von ihm sehr beeindruckt und half ihm, seine Schrift „Versuch einer Critik aller Offenbarung“ zu verlegen, eine religionsphilosophische Abhandlung, von der lange angenommen wurde, dass sie von Kant selbst stamme. Als dies schließlich durch Kant richtiggestellt wurde, bedeutete es den Durchbruch Fichtes. Er wurde an die Universität Jena bestellt, wo euer Dichter schließlich mit ihm in Berührung kommen sollte.

Bezeichnend für die Philosophie Fichtes ist nun die Bedeutung, die er dem Begriff des Ich – großgeschrieben! – als dem aktiven, in Freiheit handelnden Part zuschreibt. Er baut diesen Gedanken weiter aus: Dem Ich entgegen steht – so nennt er es – die Welt des „Nicht-Ich“. Dieses „Nicht-Ich“ bezeichnet wiederum alles, was die Freiheit des Ich bestreitet. Die Begrenzung durch das „Nicht-Ich“, also durch äußere oder innere Umstände, welche das Ich angeblich am Handeln hindern, sei jedoch – so Fichte – in Wirklichkeit eine reine Selbstbegrenzung – und damit eine faule Ausrede! Es gelte stattdessen, die Menschen aus ihrer Lethargie wachzurütteln. Das ganze Gejammer über angeblich unabänderliche Gegebenheiten: Unsinn! Fichte ist davon überzeugt: Es gibt diese nicht. Was er für das wahre Übel des Menschen hält, benennt er hingegen unumwunden: Die Trägheit! Mit heutigen Worten: Wenn das Ich nicht in die Pötte kommt, dann läuft gar nichts, – dann ist es geradezu so, als wären wir schon lange tot. Oder nie lebendig gewesen. Der Mensch, so Fichte, tendiere stets stärker dazu, sich zum getriebenen Objekt als zum handelnden Subjekt zu machen, – und sich auf diese Weise zu verstecken und sich vor dem Denken und Handeln zu drücken. Warum? Weil die sonst so vielgepriesene Freiheit unbequem ist! Weil sie erfordert, Verantwortung zu übernehmen, was – wie wir wissen – seltener Lust als Last bedeuten kann. Das Subjekt jedoch – nicht das Objekt! – liege in Wahrheit allem zugrunde: Das Subjekt als das tätige und erkennende Ich, das sich seiner selbst bewusst sein muss, und dieses wiederum „setze sich selbst“, bringe sich selbst aus dem Denken hervor und sei weltbildend.

Seiner selbst bewusst! Weltbildend! Dies klingt für dich doch alles eigentlich sogar sehr modern und weckt so gar nicht den Eindruck, bereits vor zweihundert Jahren gedacht worden zu sein. Was bedeutet dies nun umgesetzt ins praktische Leben? Denn dafür war es ja doch wohl gedacht, zu Zeiten, als die Philosophie sich noch nicht in die Feuilletons verkroch?

Während einer Rast auf einer deiner ausgedehnten Wanderungen sendest du deinem Philosophenfreund eine Nachricht über Mobiltelefon:

Mein Lieber, bin im Wald unterwegs und kämpfe noch immer mit Fichte, – das passt hierher, ­– Du weißt schon: Schwarzwald! Links Fichten, rechts Fichten! Also, wenn ich es richtig verstanden habe: Das Ich bin ich! Sein ist nach Fichte Wahrgenommen-werden. Ich werde hier zwar höchstens von den Vögeln des Waldes wahrgenommen, weil sonst kein Mensch unterwegs ist, aber da ich den Wald hier wahrnehme und den Berg, der vor mir liegt, gehe ich einfach einmal davon aus, dass es mich trotzdem gibt. So. Und dieser Berg hier ist das Nicht-Ich, welches mich begrenzt und sagt – oder sagen würde, denn dieser Berg hat natürlich nichts zu melden, das wäre ja noch schöner! – wenn dieser Berg also etwas zu sagen hätte, würde sich das vermutlich so anhören: „Hey, du kommst hier nicht rauf, ich bin viel zu hoch, und du hast null Kondition, also vergiss es besser! Und jetzt liegt die Entscheidung beim Ich, – sprich bei mir! –, wie ich damit umgehe, ob ich entweder sage: „Jawohl, der Berg hat Recht, ich gehe dann mal lieber nach Hause“, – oder ob ich zum Berg sage: „Blödsinn! Hey, was willst du Berg? So hoch bist du nun auch wieder nicht, – ich hab schon ganz andere Berge geschafft, gegen die bist du geradezu ein Idiotenhügel!“ – Was also heißt: Ich kann mich von dem Berg erschrecken lassen, so dass ich umkehre und mich daheim unterm Bett verkrieche, – oder ich kann ihn bezwingen, im Extremfall auch den Bagger holen und ihn abtragen, aber ich – das Ich! – entscheidet, ob der Berg hoch oder niedrig ist! Dies gilt ja dann wohl auch für alle Berge im übertragenen Sinne. Und dies ist daran das „Weltschaffende“: Die Welt erschaffe ich mir; ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – Pippi Langstrumpf lässt grüßen! Hab ich Fichte kapiert oder nicht? „Nun ja“, erreicht dich die Antwort deines klugen Dichterfreundes, „ironisch genug, die Berufsphilosophen werden Dir empört nachstellen; aber im Prinzip ist Deine Interpretation richtig!“ Dein Glück. Von nun an erklärst du dich als befugt!

Das Weltschaffende muss für euren Dichter, als Künstler, der ja immer im weitesten Sinne weltschaffend, – weltenschaffend! – ist, die höchste Bedeutung gehabt haben. Mit dem freien, sich seiner selbst bewussten Wesen tritt also eine ganze Welt aus dem Nichts hervor. Eine Welt aus dem Nichts? Das klingt geradezu nach einem göttlichen Schöpferanspruch. Die Kirche wird an solcherlei Gedankengut ihre Freude gehabt haben! Noch mehr an der Forderung:

…absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen, und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen…

Heißt dies: Es kann kein Gott angenommen werden, außer, wir schaffen ihn uns selbst? Und ebenso keine Unsterblichkeit, außer eine von und durch uns selbst geschaffene? – Dies ist in der Tat starker Tobak! Aber warum eigentlich nicht? Die biblische Aussage lautet, Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Was bedeutet: Der Schöpfer, als Schaffender, – kreativ er selbst! –, schuf den Menschen zu seinem Ebenbild, folglich als Schaffenden, als Kreativen! Was wäre daran so verkehrt, als dass man darum Scheiterhaufen errichten müsste? Die Unsterblichkeit – gewiss, die hätten wir freilich gern, ohne sie uns erst extra schaffen zu müssen. Im Weiteren die Forderung der Systemschrift:

Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst,  dies ist‘s, was wir bedürfen!

Was hindert uns also, an den einen Gott zu glauben und zugleich als Schaffende frei zu sein? Die Rolle des Dichters, des Künstlers aber als Erzieher der Menschheit? Solches klingt hochtrabend. Auch in Fichtes „Reden an die Deutsche Nation“ ist von Erziehung die Rede, von sittlicher Bildung zur Freiheit, zu Selbständigkeit, zur  – wörtlich – „Veredelung“. Das menschliche Verhältnis zur Freiheit müsse in einer Vernunft- und Werterziehung verankert werden. Interessant: Die Erhebung zur Vernunft und zum wahren Selbst lasse auch die Feindschaft zu anderen freien Individuen und Nationen entfallen, denn der so gebildete Mensch strebe danach, seine Mitmenschen zu achten und liebe deren Freiheit und Größe, – mit Knechtschaft hingegen könne er sich nicht abfinden! Und für die Deutschen müsse ein neues Selbst gefunden werden, welches über die Nation hinausgehe!

Womit es dir in deinem Herum-schweifen gerade noch gelungen wäre, die Kurve zu bekommen. Denn dieser Frage „Was ist heute mit den Deutschen – mit uns! – los?“, der wolltest du anfangs ja nachgehen. Dein Dichterfreund wird sagen, du seist zu lange im Wald gewesen. Fichte(n)-geschädigt! Du kannst dich höchstens mit den Worten Hyperions herauszureden versuchen:

Ich schweifte herum, wie ein Irrlicht, griff alles an, wurde von allem ergriffen…

Copyright: Bettina Johl

Ein Kommentar

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Dialog der Generationen

Jana Simon

Jana Simon im Gespräch mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf

Mit Großeltern hat es eine eigene Bewandtnis. Wir finden in ihnen die uns am nächsten stehenden Zeitzeugen vergangener Tage. Sofern es uns vergönnt ist, auf der ersten Strecke unseres Lebensweges über ein kurzes oder auch längeres Stück von ihnen begleitet zu werden, können sie uns wichtige Bezugspersonen und Gesprächspartner sein. Wir schätzen ihre Sichtweise der Dinge schon darum, weil diese sich oft von der unserer Eltern unterscheidet. Werden wir dann älter, können uns die „Geschichten von früher“, denen wir als kleine Kinder zuweilen noch begierig lauschten, auch schon ein um das andere Mal zu viel werden. Doch dann werden wir selbst erwachsen, gründen Familien, haben eines Tages eigene Kinder. Unsere Großeltern, wenn sie uns noch erhalten geblieben sind, werden älter und allmählich gebrechlicher. Erst dann wird vielen von uns bewusst, dass die Zeit, von der wir die Fülle zu haben glaubten, plötzlich zum knappen Gut geworden ist, uns davonläuft. Dass wir nicht nur lernen müssen, von wichtigen Menschen in unserem Leben Abschied zu nehmen, dass auch viele Erinnerungen, sofern sie oder wir sie nicht auf irgendeine Weise aufgezeichnet haben, für immer verloren gehen werden, und damit entscheidende Puzzleteile, nicht nur unseres persönlichen Gedächtnisses, auch – wenn man so will – des Gedächtnisses der Menschheit.

Nun findet sich die Autorin Jana Simon gewiss nicht in der Situation einer Enkelin, deren Großeltern nichts Schriftliches hinterlassen hätten. Im Gegenteil. Das umfangreiche Werk zu lesen, welches ihre 2011 im Alter von 82 Jahren verstorbene Großmutter Christa Wolf hinterließ, sollte sie erst nach und nach Zeit finden. Hinzu kommen zahlreiche Veröffentlichungen ihres Großvaters Gerhard Wolf, ebenfalls Autor und Verleger, der sich außer der Literatur auch mit großer Liebe der Bildenden Kunst und der Förderung von Künstlern verschrieben hat. Ihr wichtigstes eigenes Erbe, das Talent zum Schreiben, hat sie als Journalistin längst angetreten. Wenn auch Themen, Lebenswelt und Lebensstil zeitbedingt andere sind, so zeigen sich doch eine deutliche Prägung und viele Gemeinsamkeiten.

Im Alter von fünfundzwanzig Jahren beginnt Jana Simon erstmals, damals noch mit einem guten alten Kassettengerät, ihre Großeltern gezielt zu Themen der Vergangenheit, die sie beschäftigen, zu befragen und die Gespräche aufzuzeichnen. Über zehn Jahre setzt sie dies fort, unregelmäßig, teilweise mit sehr großen Zeitabständen. Immer kommt etwas dazwischen, sind alle zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Ihre eigene Tochter Nora kommt zur Welt; ihr ist das nun vorliegende Buch gewidmet. Die erste Urenkelin. Eine neue Generation, die mit neuen Fragen heranwachsen wird. Auch mit neuen Konflikten.

Die Konflikte sind es vor allem, die Jana Simon interessierten, sie zu ihrem Projekt bewegten. Trotz vieler Bücher im Regal: Das Gefühl, zu wenig zu wissen über ihre Großeltern und darüber, womit sie zu kämpfen hatten. Zu einer Zeit, die sich immer mehr in die Geschichtsbücher zurückzieht, aus denen sie sich für die Nachwachsenden nur mühsam wieder hervorholen lässt. Die DDR, die das Leben der Familie der Autorin und noch ihr eigenes Aufwachsen prägte, brach zusammen, als Jana Simons Schulzeit endete. Nach der politischen Wende schien die Zeit mit doppelter Geschwindigkeit dahin zu jagen. Die junge Generation fand sich damit beschäftigt, die neu gewonnene, zuvor lange entbehrte Freiheit zu nutzen und zu genießen. Was zuvor unerreichbar schien, war endlich greifbar geworden: Reisen, ein Studium im Ausland. Wer es sich ermöglichen konnte, nutzte es.

Noch war in der allgemeinen Euphorie keine Rede davon, dass sich alsbald auch Schattenseiten abzeichnen würden. Dass sich mancher später auf der Verliererseite wiederfinden würde, um festzustellen, dass sich von politischer Seite kaum mehr jemand dafür zuständig sehen wollte. Die Stimmen derer, die zu Beginn über einen dritten Weg zumindest nachdenken wollten, wurden wirksam überschrien und sind längst verstummt und vergessen. Die Macht der Medien vermag viel.

Was bleibt, sind Fragen. Keineswegs verklungen, nur vorübergehend in den Hintergrund getreten, um sich beim Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt neu zu stellen. Die Fragen der Nachkommen an eine Generation, die – wie die Autorin feststellt – „den Krieg, die Flucht und zwei Diktaturen erlebt hat“ und „die es bald nicht mehr geben wird.“ Jana Simon findet sich in der glücklichen Situation, Großeltern zu haben, die reden. Die reflektieren und hinterfragen. Auch sich selbst. Viele tun dies nicht. Das Phänomen ist bekannt und beschäftigt die Psychologen. Eine oft mehrfach traumatisierte Generation hüllt sich in kollektives Schweigen und lässt die Jüngeren mit ihren brennenden Fragen im Stich. Verhängnisvoll für deren Zukunft.

Sich die Lebensumstände der Großeltern vorstellen erfordert ein Sich-hinein-denken in ein Leben ohne Informations- und Medienvielfalt. „Sieh mal, wenn du in deinem ganzen Umfeld nicht einen einzigen Menschen hast, der dir erzählt, was tatsächlich in der Welt geschieht, wie sollst du als Kind wissen, was vor sich geht?“ In einem ihrer Romane ist Christa Wolf sehr intensiv ihrer eigenen Spur nachgegangen. Mit der Aufforderung: „Dann lies einfach Kindheitsmuster!“ gibt sich die Enkelin jedoch nicht zufrieden. „Das habe ich. Aber da steht nicht alles drin, und ich würde es gern von euch hören.“

Die Gespräche finden im familiären Rahmen statt, sind sie zunächst doch ausschließlich für diesen vorgesehen. Begebenheiten des Tages fließen mit hinein, die Atmosphäre ist vertraut. Bei aller Nachdenklichkeit wird zwischendurch viel gelacht. Man sitzt im Wohnzimmer in Berlin oder im Garten im mecklenburgischen Woserin, dem Sommerrefugium. Zuweilen am alten Küchentisch, dem – wie es auch in „Ein Tag im Jahr“ zu lesen ist – als Ort für Essen und Trinken in geselliger Runde, für Zusammenkünfte und Gespräche stets eine besondere Bedeutung zukam. Der für Erinnerungen an frühere Tage steht. An Freundschaften, die mit diesen verbunden waren. Viele darunter, die weggebrochen sind. Zu groß die Veränderungen. „Was uns zusammengehalten hat, ist nicht mehr da“, so Christa Wolf 1998 und ihr Mann fügt hinzu: „Und was uns unterschieden hatte, war zuvor nicht thematisiert worden. Das brach dann mit einem Mal nach dem Mauerfall auf.“

Das Verbindende im gemeinsamen Tun als Basis. In welcher Intensität einst Politik in das tägliche Leben, auch in Freundschaften, mit hinein spielte, daraus kaum wegzudenken war, – es lässt sich von den Jüngeren kaum noch nachvollziehen. Sie wiederum werden von den Älteren mit Staunen als unpolitische Generation wahrgenommen. Dennoch finden sich bei allen Unterschieden immer wieder Übereinstimmungen. Zu keiner Zeit lassen die Gespräche es an Offenheit und gegenseitiger Akzeptanz fehlen. Die Enkelin lebt ein ganz anderes Leben, reist viel und lebt zeitweise im Ausland. Sie bezeichnet sich nicht als politisch engagiert, aber sie schreibt in ihrem Beruf über gesellschaftliche Themen und bezieht zu diesen Position. Es entspinnen sich Gespräche über das ihnen allen vertraute, oft vergebliche Ringen um Objektivität beim Schreiben. Die Bedeutung der Zwischentöne. Das Hinauslaufen – immer wieder! – auf die bezeichnende, die allgemeine Überforderung signalisierende Feststellung: „Ich weiß es nicht.“ Jana Simon befindet gar, dass man diesen Satz, letzter Satz – in der leicht veränderten Form „Das weiß ich nicht.“ – auch in Christa Wolfs zu dieser Zeit noch in Arbeit befindlichem Buch „Stadt der Engel“, als Leitspruch über das ganze heutige Leben stellen könnte.

Konflikte. Für Christa Wolfs Schreiben waren sie Voraussetzung. „Ich könnte bei jedem Buch sagen, aus welcher Konfliktlage heraus es sich mir aufgezwungen hat.“ Nicht immer lassen sich diese so eindeutig mit Jahreszahlen verknüpfen wie 1965 (11. Plenum), 1968 (Prager Frühling), 1976 (Biermann-Affäre) oder schließlich die Ereignisse ab 1989. Begebenheiten, über die sich mehr und mehr der Schleier des Vergessens zu legen beginnt, da uns die Zeitzeugen von einst nach und nach verlassen. Was waren die Ideen, die so lange an der DDR festhalten ließen? Zum einen die des Antifaschismus. Zahlreiche Exilanten während der Zeit des Nationalsozialismus hatten sich nach ihrer Rückkehr in der DDR niedergelassen; sie und ihre Ideale dienten den Jüngeren als Vorbild. Viele unter ihnen, die Jahre später von der Entwicklung des neuen Systems bitter enttäuscht waren, – keine Frage. Zum anderen der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit.

Zweifel? Sie stellten sich bald ein, – gewiss. Weggehen als Alternative? Wohin? Und die Familie? Die Freunde? Die Leser? Zeitungen, die im Briefkasten steckten, auf deren Rändern man hastig gekritzelte Botschaften fand: „Bleiben Sie bloß hier! Gehen Sie nicht auch noch weg!“ Es gab viele, die Hoffnung in die im Lande verbliebenen Autoren und Künstler setzten. Hoffnung, sie könnten mit ihren Ideen von innen heraus etwas verändern. Hoffnung bis zuletzt, dass es doch noch einen dritten Weg geben könne. Dass es möglich wäre, einen modernen, sozialistischen Staat zu schaffen, der ohne Einengung, Überwachung und Unterdrückung seiner Menschen auskommt. Eine Idee, für die sich im materiellen Aufholfieber der Wendezeit keine Mehrheit mehr fand. Reicht ihr damaliges Scheitern aus, um sie als endgültig falsch zu bewerten? Die Entwicklung der nachfolgenden Jahrzehnte zeigt manche Schattenseite eines grenzen- und skrupellosen Kapitalismus auf. Neue Fragen. „Wohin steuert die Gesellschaftsordnung in der Globalisierung?“

Es gibt keine Ideologie mehr, die Orientierung verleihen könnte oder gar eine schnelle Antwort bereit hielte. Die Enkelin sieht die Vorteile darin, dass man dadurch möglicherweise misstrauischer und weniger verführbar sei, merkt aber auch an, dass sicherlich viel Kraft darin liegen könne, von einer Sache völlig überzeugt zu sein. Kraft, die man heute manchmal vermisst, weil man sie für notwendige Veränderungen gut gebrauchen könnte?

Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Das letzte Gespräch findet nur mehr zwischen Jana Simon und ihrem Großvater statt, ein halbes Jahr nach dem Tod Christa Wolfs. Für ihren Mann ist sie noch überall gegenwärtig, in ihren Büchern, in allem Schriftlichen, das sie hinterließ. Dies alles zu sichten, manches bislang Unveröffentlichte noch herauszugeben, wird ihn nach Vermögen noch sehr lange beansprucht halten. Er war der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Nach dem Geheimnis ihrer Beziehung, die sich über sechzig Jahre als haltbar und tragfähig zeigte, gefragt, nannten beide das gemeinsame Schaffen, ihr gegenseitiges Sich-Ergänzen. Gerhard Wolf sah in seiner Frau immer auch die bedeutende Autorin und machte es sich zur Lebensaufgabe, sie zu fördern und zu unterstützen. Stets las er ihre Texte als Erster, sein Urteil war für sie unerlässlich. Er hingegen fühlte sich nie als in ihrem Schatten stehend, arbeitete stets zugleich an eigenen – weniger bekannten, aber keineswegs weniger interessanten – Projekten. Er erschloss ihr das ihr weniger vertraute Feld der Lyrik und das der Bildenden Kunst und schuf so einen – Christa Wolf wörtlich – „literarisch-künstlerischen Hintergrund“ für ihr gemeinschaftliches Leben und Arbeiten; sie nennt es „ein ganzes Geflecht, auf dem unser Leben ruht“, spricht von ihrer Partnerschaft als einer „idealen Verbindung“, in der jeder dem anderen etwas geben kann.

Christa Wolf ist gegangen. Sie fehlt. Als letzte Geleitworte hatte Gerhard Wolf ihr Verse aus einem Gedicht Paul Flemings, welches sie sehr mochte, mitgegeben. Dieses trägt den Titel „An sich“ und entstand zur keineswegs idyllischen Zeit des Dreißigjährigen Krieges:

„Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
Tu, was getan muß sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.“

„Sei dennoch unverzagt“ lautet nun auch der Titel dieses sehr lesenswerten Buches. Wenn wir so wollen: Ein Vermächtnis.

Copyright: Bettina Johl

Jana Simon: Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013. 288 Seiten, 19.99 €. ISBN 978-3-550-08040-1

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