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Die Kraft des Erzählens – „Ein Teelöffel Land und Meer“ von Dina Nayeri

© mare Verlag

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Lassen sich Entfernungen, die Menschen voneinander trennen, in Teelöffeln messen? Kinder schaffen sich in ihrer Vorstellung eigene Maßeinheiten zur Vermessung ihrer Welt. Eine Welt, in die sie hineingeboren wurden, ohne gefragt zu werden. Eine Welt, die nicht für sie gemacht ist. In der sie sich nur mittels ihrer Phantasie Nischen schaffen können, in denen es sich überleben lässt. Überleben trotz aller Traumata, die Kindern in vielen Ländern der Erde durch Kriege, Revolutionen und Schreckensregimes zugefügt werden: Gewalterfahrungen, Verlust nahestehender Menschen, Heimatverlust durch Flucht oder Vertreibung. Erlebnisse, die unverarbeitet bleiben, weil die drängenden Fragen nach dem Warum nicht gestellt werden dürfen, in der Welt der Erwachsenen Tabus unterliegen. Und so hören die Kinder irgendwann auf zu fragen und schaffen sich eigene Antworten, ihre eigenen Geschichten, die ihnen helfen, das vor ihnen liegende Leben zu bewältigen, es ihnen erträglicher zu machen. Die Fragen jedoch bleiben, sie schlummern nur. Das Kind auf seinem Weg zum Erwachsenwerden steht ihnen sehr bald wieder gegenüber, merkt, dass es ihnen nicht ausweichen kann, sich ihnen stellen muss. Und auch ganz neuen Fragen: Wie zuverlässig sind meine Erinnerungen? Was ist Wahrheit, was Lüge?

In der Gegend im nördlichen Iran, am Kaspischen Meer, in der Saba aufwächst, ist es üblich, dass jeder Erzähler seine Geschichte am Ende mit einem Gedicht über Wahrheit und Lüge abschließt, in dem sich die Wörter der Landessprache für „Joghurt“ und „Joghurt-Soda“ („maast“ und „dugh“) auf „Wahrheit“ und „Lüge“ („raast“ und „dorugh“) reimen. Ein Gedicht, welches aufrichtig Aufschluss über den Wahrheitsgehalt der jeweiligen Geschichte geben soll. Saba, die stets nach Wegen und Mitteln sucht, Regeln, die sie einzuengen drohen, zu übertreten, setzt sich im Laufe der Zeit auch über diese hinweg. In ihren Geschichten, die sie erzählt, schafft sie sich ihre eigenen Erklärungen über das Verschwinden ihrer Mutter und ihrer Zwillingsschwester Mahtab seit dem Ausbruch der Islamischen Revolution. Ihre Version vom neuen Leben in Amerika, das die beiden in ihrer Vorstellung führen, ist für sie eine Wahrheit, mit der sie leben kann. Die Erwachsenen um sie herum lassen dies mehr und mehr unwidersprochen, ermuntern sie gar zum Erzählen. Ihr eigenes Wissen um eine andere, hiervon sehr verschiedene Geschichte, jene vom Tod durch Ertrinken der Schwester infolge eines Badeunfalls im Kaspischen Meer, für den Saba sich womöglich indirekt mit verantwortlich fühlen könnte, und einem gescheiterten, mit Verhaftung und Gefängnis endenden Fluchtversuch der Mutter, halten sie hinter vorgehaltener Hand zurück. Weil sie das Mädchen schonen wollen? Weil das Unterscheiden von Wahrheit und Lüge auch ihnen nicht mehr so leicht von der Hand gehen will, im Wissen um die Unmöglichkeit, die genaue Wahrheit über den Hergang vermeintlicher Tatsachen, deren Augenzeuge man nicht war, herauszufinden? Weil auch sie mit der „Wahrheit“, die Saba für sich gefunden hat, bedeutend besser leben können? Nicht zuletzt, weil sie begonnen haben, nach Sabas Geschichten zu hungern, die ihnen häppchenweise in zugeschnittenen Folgen serviert werden, nach dem Beispiel der amerikanischen Serien, für deren Erwerb im Schwarzhandel Saba, ebenso wie für die westliche Musik, die ihr unendlich viel bedeutet, manches zu riskieren bereit ist. Weil sie längst festgestellt haben, dass diese Geschichten ihre eigenen Wünsche, Träume und Sehnsüchte bedienen, ohne die ihnen ihr eigenes Leben angesichts der täglichen Bedrückungen zunehmend unerträglich würde?

Die Autorin Dina Nayeri, die während der Islamischen Revolution geboren wurde und als Zehnjährige nach Oklahoma emigrierte, entwirft in ihrer Protagonistin Saba eine Art Spiegelbild ihres eigenen Selbst. Eine Zwillingsgeschichte – keineswegs zufällig. Menschen, die ihre Heimat mehr oder weniger unfreiwillig verlassen, bleiben zumeist in ihrem Innersten zerrissen. Ein Teil von einem selbst geht fort, das andere bleibt unweigerlich zurück. Mag auch ersteres zunächst die Oberhand behalten und die notwendig gewordene Anpassung an ein völlig neues Leben erleichtern, wird dennoch das andere stiller, aber unerbittlicher Begleiter bleiben und sich eines Tages wieder sehr deutlich zu Wort melden. Die Zwillingsschwester, das andere Selbst, welches vor Ort blieb, statt zu gehen. Viele Teelöffel Land und Meer zwischen beiden.

Mahtabs Emigrantenleben in den USA, welches in Sabas Vorstellung stattfindet, brauchte Dina Nayeri nicht zu erfinden; dieses Leben hat sie selbst kennengelernt, erfahren und erfolgreich gemeistert. Hingegen erforderte die Schilderung des Lebens Sabas, eines der vielen möglichen Leben, das sie geführt haben könnte, wenn sie im Land verblieben wäre, eine Rückkehr und Rückbesinnung zu den eigenen Wurzeln, die im Nebel früherer Erinnerungen versunken liegen, welcher sich nur mühsam lichten lässt. Denn eine gefahrlose eigentliche Rückkehr ins Land der Kindheit ist ihr nicht möglich. Sie musste sich, um diese Erinnerungen zu ergänzen, mit Recherchen behelfen, welche sie vielfältig, gründlich und detailliert vorgenommen hat. Kontakte zu Menschen aus dem Norden des Iran halfen zusätzlich, ihr Bild des Landes zu vervollständigen. Ein Bild, welches sie farbenprächtig und lebendig zu zeichnen versteht. Es gelingt ihr, die Leser in den Bann ihrer Geschichte zu ziehen, sie in eine faszinierende Welt der Farben, Töne und Düfte eintauchen zu lassen, ihnen zugleich jedoch ebenso das Gefühl der unendlichen Bedrückung zu veranschaulichen, die ein Leben im Verborgenen bedeutet, in dem alles, was Freude zu bereiten vermag, im wahren und übertragenen Sinn unter Schleiern zu verschwinden hat. Zuweilen wechselt sie die Perspektive, indem sie einige der als stark und selbstbewusst geschilderten Frauen der Kaspischen Region, bei denen Saba aufwächst, selbst zu Wort kommen lässt, welche Situationen und Ereignisse aus ihrer Sicht schildern und die Leser an ihrem Denken, Fühlen und Erleben teilhaben lassen.

Es fällt schwer, das bis zur letzten Seite spannende Buch zwischendurch aus der Hand zu legen. Es ermöglicht ein tiefes Versinken in eine Welt, von der wir sonst nichts wissen. Eine Welt, die jenseits aller Bilder liegt, die uns aus den Medien durch die Köpfe geistern. Es sind dies jene uns geläufigen Bilder schwarz verschleierter Frauen unter Plakaten eines finster dreinblickenden Religionsführers, untermalt von Schreckensworten wie Scharia, Sittenpolizei und öffentlichen Hinrichtungen, welches viele der von uns in der freien, westlichen Welt Lebenden irgendwann veranlasste, den Iran – einst das sagenumwobene Persien, Wiege der Kultur und Ursprungsland der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht  – in die zunehmend bodenlos werdende Schublade der unbewohnbaren Gegenden dieser Erde zu verstauen und uns nicht mehr weiter mit ihm zu beschäftigen. Eine fatale Entscheidung. Für uns, weil sie dazu führt, unser Bild der Welt enger und enger werden zu lassen, indem wir Dinge, über die wir nichts wissen wollen, weil sie uns Angst machen, einfach aus ihr heraushalten, auch auf die Gefahr hin, damit gleichsam vieles zu verbannen, was dazu angetan wäre, unser Leben zu bereichern. Umso mehr für die Menschen in jenen Ländern, insbesondere die Frauen, die unter dem schwarzen Schleier, der in weiten Teilen der Welt zum Symbol des Schreckens wurde, Gefahr laufen, von eben diesen dem Vergessen anheim gegeben zu werden. Kein Ohr mehr zu finden für ihre Stimme, die dringlich nach Gehör verlangt. In diesem Fall hätten die fanatischen Machthaber in der Tat ihr Ziel erreicht, was niemand wollen kann. Und so ist Sabas Geschichte zugleich auch ein wichtiges Sprachrohr für die Menschen, insbesondere die Frauen, im Iran und in anderen islamischen Ländern, ein Appell an uns, sie nicht zu vergessen, mit ihren Wünschen, Träumen, Sehnsüchten und Hoffnungen, sie an unsere Seite zurückzuholen, uns solidarisch zu zeigen, neugierig zu werden auf Begegnungen mit ihnen, auf ihre Erzählkunst und ihr Wissen.

Persien. Erinnerung an eine zufällige Begegnung in einem Straßencafé. Eine Frau, etwas älter als ich, sehr gepflegtes Erscheinungsbild, die sich mit mir über bildungspolitische Themen unterhielt. Sie sprach sehr gutes Deutsch, jedoch mit einem ungewohnten Akzent. Befragt nach ihrer Herkunft, sagte sie: „Persien“. Sie sei noch vor der Revolution durch Heirat nach Deutschland gekommen, erzählte sie. Heimweh habe sie gewiss – ja, oft! –, aber sie könne es sich, wie viele, nicht vorstellen, unter den jetzigen Verhältnissen als Frau im Iran zu leben. Leider habe ich versäumt, sie nach ihrem Namen zu fragen. Es wäre interessant, sie wiederzutreffen. Nach der Lektüre des Buches von Dina Nayeri hätte ich mich gern weiterhin mit ihr ausgetauscht.

Auch ein Zwillingsleben fordert letztlich Entscheidungen. Die Entscheidung für ein Leben in Freiheit, welches für sie auch und vor allem uneingeschränkten Zugang zu Bildung bedeutet, steht für Saba außer Zweifel, auch wenn dies Schmerz und Trennung von allem Vertrauten und den geliebten Menschen, die sie zurücklassen muss, bedeutet. Nach einigen Versuchen, ein Leben in der Heimat mit allen Beschränkungen zu leben, nach der Auseinandersetzung mit der sich im Weiteren immer drängender stellenden Frage, ob Liebe Selbstverleugnung rechtfertigt, bricht sie auf ins Ungewisse. Ob sie ihr Glück finden wird, bleibt offen. Wer sie nach diesem Buch jedoch zu kennen glaubt, wer die Facetten ihres bisherigen Lebens kennengelernt und Freundschaft, erste Liebe, Freude und Übermut, wie auch Verlust und Trauer mit ihr durchlebt und durchlitten hat, traut ihr zu, ihres eigenen Glückes Schmied zu werden. Denn obgleich sie nur Weniges mitnehmen kann, trägt sie das Wichtigste unsichtbar im Handgepäck, – ein Talent, das sie mit ihrer Schöpferin, der Autorin, gemeinsam hat: Neben einem unerschütterlichen Selbstvertrauen – die Kraft des Erzählens.

Bettina Johl

Dina Nayeri: Ein Teelöffel Land und Meer – mare Verlag Hamburg 2013. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. 528 Seiten, 22,00 €. ISBN 978-3-86648-013-1

Diese Buchbesprechung erschien am 05.10.2013 in Glanz & Elend,
Magazin für Literatur und Zeitkritik: Die Kraft des Erzählens

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Ein Kommentar

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„In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen“ – Über Karoline von Günderrode­

Karoline von Günderrode Anonymous Painter, cir...

Karoline von Günderrode

Über sie schreiben bedeutet zunächst, innere Bedenken über Bord zu werfen und das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit –  wenigstens vorübergehend – zum Schweigen zu bringen, denn nicht nur, dass dies viele bereits lange vor mir unternommen hätten, – daran ist nichts Ungewöhnliches  -, jedoch gelang dies – Schreiben über Karoline von Günderrode – einer der ganz großen Autorinnen – Christa Wolf – Jahre zuvor in ihrem Essay „Der Schatten eines Traums“ – wie mit jedem Stoff, dessen sie sich annimmt – auf solch vollendete Weise, die es allen Nachfolgenden schwer macht, dem weiteres hinzuzufügen. Ich hatte lange gezögert, jenen großartigen Essay mehrmals gelesen, – wie alles von Christa Wolf es verdient, mehrmals gelesen zu werden, schon weil sich der darin enthaltene Gedankenreichtum schwerlich mit einem Male erfassen lässt -, nicht nur mit Interesse, auch mit gewissem Vergnügen, wie immer, wenn ich meine eigenen Sympathien oder auch Antipathien für einzelne Charaktere durch andere geteilt weiß.

Die Günderrode. Ein tragisches Leben, ein tragisches Schaffen und ein tragisches Ende, welches uns zweihundert Jahre später Lebende, Schaffende,  das Ende zumeist noch nicht ins Auge Fassende, nicht unberührt lassen kann, – nicht unberührt lassen darf.  Die wohlmeinende Warnung im Gedächtnis, sich als Autorin, die sich ihren Weg erst suchen muss, möglichst nicht gerade diejenigen zu  Vorbildern zu wählen, die ihrem Leben vorzeitig selbst ein Ende setzten, mich jedoch zu jenen zählend, die ihre Inspiration von vielerlei Seiten beziehen, worunter sich – die zahlreichen noch Lebenden ausgenommen – die Zahl derer, die den Freitod wählten, zumindest die Waage hält mit der jener, die allem trotzend mitunter steinalt wurden -, wollte ich eigentlich zunächst über die Bettine schreiben.

Bettine, die für mich immer den erfrischenden Gegenpol bildete, – Bettine, die Unkonventionelle, die sich bereits zu Zeiten, in denen solches bedeutend mehr Mut erforderte  als heute, keinen Deut um die Ansichten und Vorurteile ihrer Kreise scherte, die sich das freie Denken als Letzte hätte verbieten lassen, und die dies unumwunden kundtat, auch auf die Gefahr hin, zu nerven, – und sie nervte so manchen Zeitgenossen! -, Bettine, die es sich nicht hätte einfallen lassen, zu kapitulieren, die jedem Rückschlag und jeder Zurückweisung  nach kürzester Zeit ein Jetzt-erst-recht! entgegenzusetzen wusste. Ihre vorübergehende Kapitulation vor den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft war nur eine vermeintliche, – eine Zeit, in der sie sich regelrecht in jener Rolle eingerichtet zu haben schien, die ihr von eben dieser Gesellschaft zugemessen wurde, in der sie mit beachtlicher Energie ein Gut bewirtschaftete, sieben Kinder gebar und aufzog, die alle – nicht selbstverständlich in jenen Jahren! – das Erwachsenenalter erreichten, – um sich danach unversehrt zurückzumelden und in der Verfolgung ihrer sich selbst gesetzten Lebensziele dort fortzufahren, wo sie sich in jungen Jahren zur Unterbrechung derselben genötigt sah. Bettine, unbeirrt den Faden wieder aufnehmend, schreibend, veröffentlichend, das Berliner Salonleben prägend und in ihrem sozialen und politischen Engagement geradezu Kopf und Kragen riskierend. An sie habe ich mich stets geklammert, sie hervor gezerrt, – abergläubisch die Namensgleichheit beschwörend, – mit deren Mut, deren Unerschrockenheit ausgestattet sein, damit wäre gut leben!  Wenn die Welt nicht passt, in die man hineingeboren wurde, sich einfach eine neue schaffen, – ob diese anderen nun gefällt oder nicht, – ein vorstellbarer Weg.

Sich hingegen mit ihrer um fünf Jahre älteren Freundin Karoline, der vermeintlich Gescheiterten, die so ganz anderen Gemütes war, zu befassen, kostet Überwindung. Da ist die Trauer, die einen verstummen lassen möchte. Eine junge Dichterin und Philosophin beendet ihr Leben – sechsundzwanzigjährig – aus freiem Willen.

Als ich auf dem weitläufigen Friedhof in Winkel am Rhein den Weg zu ihrem Grab erfrage, weist mir eine sichtlich belesene Frau die Richtung, – es liegt etwas abseits an der Mauer -, ja, sie habe viel von der Günderrode gelesen, sie spricht über die Ereignisse, als habe sich alles erst vor Kurzem zugetragen; es scheint sie persönlich sehr zu beschäftigen. Ihr sei auch lange nicht klar gewesen, bekennt sie, dass die Günderrode sich ja gar nicht ertränkt habe, wie manche annähmen, da man sie unten am Rhein, halb im Wasser liegend, gefunden hatte, – stattdessen ein gezielter, mit Präzision von eigener Hand durchgeführter Dolchstoß, der zum Tode führte. Keine sehr weibliche Art, sich umzubringen, – in der Tat! Mit einem Dolch, über lange Zeit stets in der Handtasche mit sich geführt, – auch nicht gerade ein typisch weibliches Utensil.

Vor dem Gedenkstein stehend, stellt sich auch bei mir ein Gefühl von fassungsloser Betroffenheit ein. Der lange Zeitraum scheint sich zusammenzuziehen, keine Rolle mehr zu spielen. Lese die Inschrift:

Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch,
Heilges Feuer mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab‘ ich hienieden gelebt,
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend,
Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!

Ihre letzten Worte, – nicht ganz ihre eigenen -, vielmehr  Verse aus  „Abschied des Einsiedlers“  von Herder, welche sie, so nimmt man an, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte. Auf einem Blatt Papier, in ihrem Zimmer zurückgelassen, in welchem sie sich während eines Besuchs bei einer Freundin in Winkel aufhielt. Endstation eines Lebens, in dem, um es mit heutigen Worten auszudrücken, nichts mehr stimmte. Eines an äußeren und inneren Beschränkungen wundgestoßenen Lebens. Als Frau und Dichterin keine Chance auf eine von Gunst und Wohlwollen anderer unabhängige Existenz. Weder in ihrem Leben, noch in ihrem Schaffen. Von der Liebe ganz zu schweigen. Betrogen um ihr Erbe, – zwar ausreichend versorgt, allerdings nicht so, als dass es zu einer Mitgift für eine Ehe gereicht hätte -, stets in dem erniedrigenden Bewusstsein, letztlich von Almosen abhängig zu sein. Von Freunden verehrt, jedoch selten verstanden, in entscheidenden Momenten entweder zur Ikone stilisiert oder mit gönnerhafter Herablassung bedacht. Das „Günderrödchen“. Ihr beachtliches dichterisches und philosophisches Schaffen gleichermaßen schmeichelnd bewundert und neidvoll heruntergespielt. Anerkennung hatte es glücklicherweise bereits gefunden, bevor sie als Autorin persönlich öffentlich in Erscheinung trat. Sie hatte zunächst unter dem Pseudonym Tian veröffentlicht, was auf einen männlichen Verfasser schließen ließ, hinter dem niemand so ohne weiteres gerade sie, die Sanfte, die schüchtern Wirkende, vermutete.

Als es schließlich bekannt wurde, kam, was kommen musste: Man neidete ihr das Talent, zerriss sich die Mäuler, versuchte ihr Werk kleinzureden, – aber man hatte ja bereits zugegeben, zugeben müssen, dass ihre Lyrik beachtlich war, reich an gedanklicher Fülle und sprachlicher Schönheit, – also umschmeichelte man sie, ließ sich gerne mit ihr sehen, schätzte sie als kluge Gesellschafterin, Unterhalterin, Ratgeberin und Freundin, sonnte sich in ihrer Gegenwart, – wusste man sich im schlimmsten Fall gar nicht mehr zu helfen, überhöhte man sie zur Heiligen, die sie nicht sein wollte. Als Frau mit allen Bedürfnissen einer Frau wollte man sie nicht sehen, – sie, die sich selbst unbestimmt zerrissen zwischen Mann und Frau wiederfand, keiner Seite wirklich zugehörig. Auch hiermit setzte sie sich auseinander, – sprach es offen aus. Sich verstellen, sich verstecken hinter Lügen und faulen Kompromissen war ihre Sache nicht. Voraussetzung für ein lebbares Leben bedeutete ihr ein Streben nach größtmöglicher Authentizität, nach höchstmöglicher Übereinstimmung von Denken, Fühlen, Handeln und Schaffen. Ein Anspruch, an dem sie letztlich zerbrach.

Die Erfahrung von Vergeblichkeit und Entfremdung, wie Christa Wolf es ausdrückte:
„Kein Ort. Nirgends“. Die fiktive Begegnung Karoline von Günderrodes mit Heinrich von Kleist. Schauplatz: Winkel, im Sommerhaus der Brentanos. Ich suche es auf. Ein langgezogener Barockbau, Eingang zur Hofseite, in der Toreinfahrt eines jener inzwischen veralteten, dreieckig-rotumrandeten Warnschilder, auf dem ein schwarzer Mann mit Hut auf weißem Grund  den Zebrastreifen überquert,  ein Glas in der Hand hinzu gezeichnet – Symbol des Weingutbesitzers! –  darunter eine Tafel mit dem Aufdruck: „Baron kreuzt!“ Man scheint im Hause Brentano mit Humor ausgestattet. Vom Hof aus erstreckt sich in Richtung Rhein ein parkähnlicher Garten mit Kletterspalieren, einem Brunnen und steinernen Skulpturen. Alles wirkt still und verwunschen, – eine Oase, aus alter Zeit hinübergerettet, inmitten des vom Verkehrslärm reichlich gebeutelten Ortes. „Besichtigung nach Anfrage möglich“, steht auf dem Schild an der Tür, aber ich weiß nicht, ob ich anfragen, ob ich es wirklich besichtigen möchte, oder ob ich mir nicht lieber die Bilder aus meiner Vorstellungskraft bewahren will. Mit etwas Phantasie wäre es denkbar, dass sich sogleich die Tür öffnet und die Gesellschaft aus jenen Tagen heraustritt, um sich auf ihren Spaziergang zu begeben. Clemens Brentano und Sophie Mereau, Friedrich Karl von Savigny und Gunda Brentano, Christian Nees von Esenbeck und dessen Frau Lisette, geborene Mettingh, Karolines Freundin aus Frankfurter Stiftstagen. Allen voran die quirlige Bettine. Kleist, von dem nicht gewiss überliefert ist, ob er diesen Ort in Wirklichkeit je besuchte. Und nicht zuletzt Karoline von Günderrode, des Öfteren in Winkel zu Gast.

Der Rheingau, – die Sommerfrische der Frankfurter Gesellschaft und was sich so dafür hielt. Von Charakter und Schönheit der Umgebung, die ich aus Bettines brieflichen Schilderungen so lebendig vor Augen habe, scheint weniges erhalten. Das Ufer verbaut, Ortschaft reiht sich an Ortschaft, – Lärm durch Industrie und Verkehr erschlägt alle Bemühungen, sich vorzustellen, wie es hier vor zwei Jahrhunderten ausgesehen haben mag. Die Orte selbst sind touristisch überlaufene, Übelkeit erzeugende Albträume; durch die als malerisch bezeichneten Gassen von Eltville, Rüdesheim und Assmannshausen wälzen sich Tag für Tag grölende Horden wein- und schunkelseliger Busreisender, offensichtlich im Bemühen, sich die verflossene Rheinromantik mittels Promille zurückzuholen. Erst etwas weiter nördlich, bei Lorch und Kaub, wo das Mittlere Rheintal sich zunehmend verengt, die Berge zum Ufer hin steiler abfallen, weniger Bausünden zulassend, lässt sich auf Wanderwegen wie dem Rheingauer Rieslingpfad zwischen altem Weinland, Gärten und jungen Eichenwäldern eine Ahnung der einstigen Beschaulichkeit wiederbeleben, finden sich noch stille Seitentäler und Schluchten mit den munteren Bächen, die den Felsen des Taunus entspringen, erschließen sich immer wieder verträumte Aussichten auf den Strom und dessen andere Uferseite mit den bewaldeten Höhenzügen des Hunsrücks und auf stolze Burgen als stumme Zeugen alter, jedoch selten friedlicherer Tage.

Bedeutend schwieriger noch, das alte Frankfurt, wo Karoline von Günderrode aus Gründen ihrer Mittellosigkeit in einem Stift für unverheiratete, adelige Fräulein lebte, inmitten seiner Bankenviertel und Wolkenkratzer auszumachen. Grotesk mutet selbst das wiedererrichtete Goethehaus zwischen den ansonsten unsäglich hässlichen Betonklötzen an, – die ganze Stadt traurig überspitztes Symbol für die Gesellschaft, unter der gerade Karoline unsäglich litt, eine Gesellschaft, die sich das Bereichere-dich- um-jeden-Preis bereits zweihundert Jahre vor unserer Zeit auf ihre restaurativen Fahnen geschrieben hatte. Und es will uns gruseln im Bewusstsein, wie richtig die Dichterin lag mit der Einschätzung dieser Gesellschaft und der Fortentwicklung der Verhältnisse, durch alle geschichtlichen Um- und Einbrüche hindurch, bis in unsere Tage.

Das Cronstetten-Hynspergische Damenstift, – es stieß an seiner Gartenseite an diejenige des Anwesens der Bankiersfamilie Gontard, bei welcher Friedrich Hölderlin – einige Jahre vor Karolines Einzug im Stift – seine Hauslehrerstelle inne hatte und dort die Tragik seiner unglücklichen Liebe zur Hausherrin Susette Gontard durchlebte. Auch er ein vermeintlich Gescheiterter, – von der Gesellschaft zum Gescheiterten erklärt -, auch hier eine unglückliche Liebe, die ihren Teil zum weiteren dramatischen Lebensverlauf beitrug.

Verhängnisvolles  Jahr 1806 – für beide. Karoline von Günderrode nimmt sich im Sommer, am 26. Juli, das Leben, Hölderlin wird am 11. September gegen seinen erbitterten Widerstand von Bad Homburg in das Authenriethsche Klinikum in Tübingen gebracht, wo man ihn Monate später als „unheilbar wahnsinnig“ – Glück im Unglück! – in die Obhut des Schreinermeisters Zimmer entlässt, wo er  – wenn auch verloren für die Welt – noch weitere sechsunddreißig Jahre leben wird. Hälfte des Lebens.

Die Günderrode, sie verehrte Hölderlin und seine Dichtung, – von einer Begegnung jedoch ist nichts überliefert. Angenommen, sie wären sich begegnet? Es würde dies besser in meine Vorstellungswelt passen, da er mir – es mag etwas mit dem gemeinsamen Geburtsort zu tun haben – näher steht als Kleist, welcher mir stets fremd geblieben ist.

Die Günderrode und Hölderlin. Gewisse Gemeinsamkeiten fallen auf. In ihrer Dichtung, in ihrer Philosophie. In den Vorurteilen der Gesellschaft, die beide umgab. Abgedrängt in die Ecke der verträumten Phantasten und Spinner, – die ohnehin keiner versteht, – kein Wunder, da muss sich einer ja umbringen oder verrückt werden.  Beide arbeiteten mit größtem Ernst, stets am Rande der physischen und psychischen Verausgabung. Beide waren reich an Bildung, allerdings stand diese bei ihm als Mann und ältesten Sohn einer Familie, die zur damaligen württembergisch-protestantischen „Ehrbarkeit“ zählte, die für ihn der Tradition gemäß ein Pfarramt vorgesehen hatte, von Jugend an auf dem Plan, während ihr als Frau ohne Mittel kein Weg blieb, als sich alles an Wissen unter beträchtlichen Mühen selbst oder mit Unterstützung von Freunden anzueignen.

Beider unglückliche Liebe wiederum ist nur die jeweils eine Seite der Tragik, – „nur die Form“, wie es bei Karolines Freundin Lisette recht treffend in einem Brief zu lesen ist, während ihre weiteren Erklärungsversuche sich in unerträglichem Moralisieren ergehen, – die fassbare Seite. Dahinter wird es bodenlos, müssen Erklärungsversuche vor der Tiefe der Verzweiflung kapitulieren. Eine unglückliche Liebe als Katalysator für den Ausbruch dieser Verzweiflung? Zumindest steht hier einmal mehr die Unmöglichkeit, ohne Liebe leben zu können, gegenüber der unmenschlichen Forderung, ohne Liebe leben zu müssen. Sie durchlebte dies zweimal.

Ihre erste große Liebe galt Savigny, ihrem „Schatten eines Traumes“. Er ist von ihr fasziniert und bleibt es, aber noch mehr ist er ein ehrgeiziger, zielstrebiger Jurist, der nüchtern-praktische Überlegungen vor Gefühle stellt, – und eine mittellose Stiftsdame zu ehelichen wäre seiner Sache wenig dienlich. Er heiratet letztlich Gunda Brentano, – die bessere Partie! -, hält den intensiven Kontakt zu Karoline jedoch aufrecht, drängt sie, da er auf den geistigen Austausch mit ihr nicht verzichten will, in die Rolle der gemeinsamen Freundin, – eine Zumutung, die diese auf sich nimmt, denn auch sie ist auf diesen Austausch mehr als angewiesen.  Zugang zu Bildung, – für uns heute selbstverständlich, damals für Frauen nur über Umwege zu haben: über einflussreiche männliche Freunde, Förderer und Gönner. Dafür wollte vieles in Kauf genommen sein.

Geistiger Austausch, – gegenseitige Inspiration war es auch, der ihre spätere Beziehung zu dem unglücklich verheirateten Friedrich Creuzer entscheidend prägte. Selbst wenn es ihr gelungen wäre, sich gefühlsmäßig von ihm zu lösen, ihm, dem zaudernden, sich gern selbst bemitleidenden, von der Meinung seiner Freunde über das gesunde Maß hinaus abhängigen und in seinen Briefen sichtlich wenig auf ihre Gefühle und Empfindungen eingehenden Mann, der sie hinhält, über lange Zeit unfähig, sich für oder gegen sie zu entscheiden, und sie schließlich fallen lässt , – auf die geistige Zusammenarbeit, die sich entscheidend auf ihr literarisches Schaffen auswirkte, verzichten, war für sie unvorstellbar, – ja, letzten Endes: tödlich. Schwer nachzuvollziehen für jemanden, der solches nicht erfahren hat. Wem es nie gegeben war, für den gibt es nichts zu vermissen. Das Verständnis der Freunde bleibt auf der Strecke, – Stück um Stück.

Tödlich auch das Fehlen jeglicher Alternativen. Vor die Wahl gestellt sein, entweder auf freie Entfaltung oder auf Liebe zu verzichten. Das eine ohne das andere für ein lebbares Leben nicht zu denken. Eine grausame, unmenschliche Wahl! Liebe nur um den Preis, sich in die von der Gesellschaft vorgeschriebene Rolle einzufinden, – Entfaltung nur um den Preis des Außenseiterdaseins, der Vereinsamung. Auch Bettine musste dies im Verlaufe ihres recht langen Lebens mehrmals sehr bitter erfahren. Sie war robuster, widerstandsfähiger. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht immens darunter litt.

Während der Zeit, die ihre Freundschaft währte, in der die beiden jungen Frauen sich eng aneinander angeschlossen hatten, inspirierten sie sich gegenseitig, in Gesprächen und durch gemeinsames Lernen, in ihrer Korrespondenz, wenn sie sich an getrennten Orten aufhielten, unternahmen Phantasiereisen und Gedankenflüge, erhoben sich geistig über die äußerlichen, beengenden Verhältnisse.

Es war Karoline, die sich letzten Endes zurückzog, – ob der Druck Creuzers, der gegen die Brentanos eine neidvolle Aversion hegte, dafür ausgereicht hatte, ist fraglich, fiel dies doch in eine Zeit, als der Entschluss, ihr Leben zu beenden, längst gereift war. Berichten Bettines zufolge gab es Zeichen hierfür, die in ihr selbst Verzweiflung und Ratlosigkeit auslösten, ohne dass sie zu der Freundin weiter hätte vordringen können, – auch die Ankündigung einer „Entzweiung“. Der Weg, den Karoline gewählt hatte, war ihr eigener, ein aus frei gefasstem Entschluss eingeschlagener Weg, auf den sie – so bitter es die Freunde ankommen mochte – niemand begleiten – und auf dem niemand sie zurückhalten konnte.

Zwei Frauenschicksale lange vor unserer Zeit, sehr unterschiedlich und doch sehr ähnlich in ihrer Verschiedenheit, eine Verschiedenheit, um die beide wussten. Karoline schrieb in einem Brief an Bettine, in dessen Verlauf sie dieser eine energischere Natur bescheinigte, als es ihr selbst beschieden war:

„… mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, dass dir etwas möglich wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte. Du musst dies bei deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken.“

Das Lesen der Briefe, die der Nachwelt erhalten geblieben sind, macht betroffen, zieht mich in ihren Bann,  erschüttert mich, als läge all dies nur Tage zurück. Warum, frage ich mich? Sind wir doch die Vertreterinnen einer Zeit, in der diese Widersprüche überwunden zu sein scheinen, stehen uns doch heute alle Wege offen. Wirklich? Die Realität zeigt eine andere Seite. Das Scheitern ist auch uns nur zu vertraut. Nur: Woran scheitern wir?

Daran, dass wir zwar vermeintlich freie Wahl haben, jedoch die alten, überkommenen Rollenvorstellungen, von Generation zu Generation – bewusst oder unbewusst – weitergegeben, sich nach wie vor tief in uns eingefressen haben, so dass wir dennoch immer wieder versuchen, ihnen gerecht zu werden, – schlimmer noch: dass wir oft mehreren Rollenbildern völlig gegensätzlicher Ausrichtung entsprechen wollen, diese vergebens in uns zu vereinen versuchen, – eine Zerreißprobe, die wir auf Dauer nicht bestehen können?

Daran, dass wir trotz der angeblichen Fülle von Möglichkeiten Gefahr laufen, uns in der Beliebigkeit zu verlieren, zerstreuter, ablenkbarer sind, schwerer in der Lage, einen gewählten Weg zielstrebig und kontinuierlich zu verfolgen?

Daran, dass heute weniger die Gesellschaft oder eine bestimmte Gesellschaftsklasse die Rollenmodelle vorgibt, sondern zu einem beträchtlichen Anteil die Massenmedien, die uns Zerrbilder vermitteln, denen entsprechen zu wollen das Scheitern zwangsläufig mit sich bringen muss? Denn hier erschöpft es sich wahrlich nicht im Fleißig-sein-müssen und Brav-sein-müssen; hinzu kommen Schlank-sein-müssen, Schön-sein-müssen, Jugendlich-sein-müssen, Sich-alles-leisten-können-müssen, Stets-Power-haben-müssen… Endlosschleife! Und das Verurteilen unseres Selbst, sobald wir nicht dies alles zugleich schaffen, – und wir können und werden es nicht schaffen, die einen werden dies nur früher, die anderen später feststellen! -, das übernehmen wir auch gleich selbst. Denn wir sind emanzipiert!

So stehen uns unsere Vorkämpferinnen aus vergangenen Jahrhunderten näher denn je. Und es klingt uns nicht einmal unvertraut in den Ohren, wenn wir aus der Feder der Günderrode lesen:

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

(Karoline von Günderrode)

© Bettina Johl

Empfohlene Literatur:

Karoline von Günderrode: Einstens lebt ich süßes Leben, Gedichte, Prosa und Briefe der Karoline von Günderrode. Eine neue Auswahl und Essay von Christa Wolf, 24.04.2006, insel taschenbuch 3191, Broschur, 407 Seiten, ISBN: 978-3-458-34891-7

Bettine von Arnim: Die Günderrode, Deutscher Klassiker Verlag, 2006, ISBN: 978-3-618-68009-3

Markus Hille: Karoline von Günderrode, Rowohlt-Monographie, 160 Seiten, ISBN 978-3-499-50441-9

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Das fehlende Recht auf Scheitern – Zur neuen alten Frauendebatte

Sylvia Plath

Sylvia Plath

»Warum kann ich nicht verschiedene Leben anprobieren wie Kleider, um zu sehen, was mir am besten steht und zu mir paßt?«

Sylvia Plath

Wie gut viele Worte aus alten Tagen immer wieder auch in die unseren passen! So auch die der großen Schriftstellerin Sylvia Plath, die 1963 den Freitod wählte. Die Möglichkeit, verschiedene Leben „anzuprobieren“, um ein für sie passendes zu finden – „eines, das mir […] steht“! – war ihr nicht gegeben. Solches kann, wie wir wissen, zu andauernden Spannungen und unlösbaren Konflikten führen, die ein Leben lang auszuhalten nicht jedem die Kraft gegeben ist.

Ihr Beispiel stimmt nachdenklich. Nachdenklich auch angesichts der immer neu angefachten Diskussionen in jüngster Zeit um die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Mein ganz persönlicher Unwille, in Büchern, Zeitungsartikeln oder TV-Talkrunden Frauen, die sich selbst eine „Position an der Spitze“ erkämpfen konnten, von oben herab erzählen zu hören, was an der Sache mit den Frauen falsch gelaufen sei und wer daran Schuld habe.

Ein ganz wichtiger Aspekt wird hier außer Acht gelassen: Die Frauen, die sich darüber meinen, auslassen zu dürfen, mögen eine Ahnung davon haben, wie Erfolg geht. Es sei ihnen zugestanden. Jedoch das Scheitern, – das steht auf einem anderen Blatt, davon verstehen sie nichts! Über das Scheitern zu reden, kommt nur jenen zu, die das Scheitern kennen!

Warum scheitern Frauen auch in unseren Tagen, wenn ihnen doch gerade heute – wie es ohne Unterlass verkündet wird – mehr denn je alle Möglichkeiten offen stehen? Oder die alte Frage: Warum konkurrieren Frauen untereinander, statt zusammenzuhalten? Und warum sind Frauen teilweise so gar nicht von jenen Lebensmodellen, die doch ach so glücklich machen könnten, zu überzeugen? Treffen sie am Ende doch zu, – die Eigenschaften, die man ihnen unterstellt? „Dummheit“, „Faulheit“ und „Feigheit“?

Erinnerung an eine jüngere Bekannte, eine Pfarrerstochter, jedoch weitab vom Klischee, im Gegenteil ein sehr selbstbewusstes Mädchen, die sich vor Jahren auf einer Ausbildungsbörse mitleidig auslachen lassen musste, als sie etwas zu arglos den Wunsch geäußert hatte, einen Beruf ergreifen zu wollen, der ihr auch die Möglichkeit lasse, ihre Kinder einmal selbst großzuziehen. Von derlei Gedanken – so die emanzipierte Beraterin – müsse sie schleunigst „abkommen“! Es gäbe ja schließlich Tagesmütter!

Ein Gedanke, der sich damals in mir festgefressen hatte: Und die Tagesmütter? Was ist mit ihnen? Sind das etwa keine Frauen? Er lässt sich weiterspinnen: Und die „Putzfrauen“ – Verzeihung! – Raumpflegerinnen? Veränderte Namensgebungen helfen manchmal tatsächlich, für etwas mehr Respekt und Wertschätzung zu sorgen, ohne jedoch wirklich etwas am Charakter und an den Rahmenbedingungen der Tätigkeit und der zumeist mit ihr verbundenen ausbeuterischen Praxis zu ändern. Und die – wie wir wissen: in aller Regel unterbezahlten – Pflegekräfte?

Frauen, welche anderen Frauen, die möglicherweise Karriere machen, diejenigen Arbeiten abnehmen, die jene sonst darin behindern würden. Frauen, die, obwohl erwerbstätig, aus diesem Grund selbst auf keinen Fall Karriere machen werden. Frauen, denen selbst in aller Regel niemand diese Tätigkeiten, die ja auch im eigenen Bereich anfallen, abnimmt. Diese fallen nämlich zusätzlich an! Die Raumpflegerin, die zuhause noch die eigene Wohnung putzen muss. Die Altenpflegerin, die zuhause obendrein die pflegebedürftige Mutter oder Schwiegermutter zu betreuen hat. Die Tagesmutter, die kaum Zeit für die eigenen Kinder findet. Sehr viele Frauen, die schon deshalb keine Solidarität von den vergleichsweise wenigen anderen Frauen zu erwarten haben, weil deren Karriere sonst möglicherweise gefährdet wäre. Und hier liegt sprichwörtlich der Hase im Pfeffer: Die Karriere einiger – weniger! – Frauen geht auf Kosten – vieler! – anderer Frauen!

Verwunderlich ist dies nicht. Schon angesichts der früheren Kinder-oder-Karriere-Debatten wollte mir nie in den Kopf, warum Berufstätigsein stets in einem Zug mit „Karriere“ genannt wurde. Karriere bedeutete in meiner Begriffswelt immer etwas, das – auch in der Männerwelt – nur einige wenige „machen“. In meiner Familie gab es – wie in vielen anderen Familien auch – zahlreiche Frauen und Männer, die ihr Leben lang sehr tüchtig waren und hart arbeiteten, auch immer einmal wieder Erfolge zu verbuchen hatten; Karriere gemacht hatte aber deshalb noch lange niemand von ihnen.

Die Mehrheit der Menschheit ist nämlich, soweit frau sich umsieht, mit ganz gewöhnlicher Erwerbsarbeit beschäftigt, die dem simplen Zweck dient, den eigenen Unterhalt und den der Familie zu sichern. Meinetwegen auch, um im Bereich von Produktion oder Dienstleistung seinen Teil zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben beizutragen. Nicht mehr und nicht weniger! Ob diese Arbeit Sinn und Erfüllung bringt und somit möglicherweise zum Glück des Menschen beiträgt – oder ob sie ihn durch Entfremdung, Ausbeutung und Fremdbestimmtheit unglücklich und kaputt macht, hängt von sehr vielen Faktoren ab, nicht jedoch unbedingt und allein vom Vorhandensein der Möglichkeit, Karriere zu machen. Die Überzeugung, Glück hänge von Karriere ab, scheint mir ohnehin umgekehrt proportional zur Häufigkeit von Herzinfarkten und Burn-Out rückläufig zu sein!

Wenn das Karrieremodell sich bei Frauen nie so recht durchsetzen konnte, und, wo es dies doch konnte, nun inzwischen wieder aufhört, attraktiv zu sein, dann vielleicht einfach deshalb, – nicht, weil Frauen feige, faul und dumm wären, sondern weil sie allzu schnell erkannt haben, dass es nicht stimmig ist. Dass die Rechnung nicht aufgeht, solange es immer wieder neue VerliererInnen gibt. Dass die heutige Gesellschaft mit ihren Erfordernissen hierfür möglicherweise ganz anderer, neuer Modelle bedarf. Dass Platz und vor allem gesellschaftliche Akzeptanz für solche anderen, neuen, alternativen Lebensentwürfe entstehen muss. Möglicherweise für Lebensentwürfe mit dem Ziel, in dieser Gesellschaft in erster Linie Mensch zu werden – und zu bleiben! – und erst im zweiten Schritt uns als Frau oder Mann zu definieren.

Zum gleichberechtigten Mensch-Sein jedoch gehört auch eine Gleichberechtigung beim Recht auf Scheitern. Dass Frauen Möglichkeiten offen stehen, sobald sie mehr können und mehr leisten als der Durchschnitt, hat nicht unbedingt viel mit Gleichberechtigung zu tun. Besondere LeistungsträgerInnen fanden zu allen Zeiten ihren Platz in der Gesellschaft, auch wenn sie zuweilen, gerade wenn sie weiblich waren, sehr hart darum kämpfen mussten. Jede Gesellschaft bringt aber auch immer wieder Individuen hervor, die sich nicht anpassen, sich nicht einfügen, nicht konform gehen, – ja, sich nicht einmal mit irgendwelcher Leistung hervortun, die ihnen die Anerkennung der Gemeinschaft sichern könnte. Die einfach aus allen Rastern fallen. Die sich eigene Wege suchen müssen, weil schon in der Kindheit kein Schulsystem sie erreichen kann, sie sich im Zuge des Erwachsenwerdens nicht in die gängigen Rollenbilder hineinfinden können und Arbeitswelt und Gesellschaft keine Entfaltungsmöglichkeiten für sie parat haben. Also die sogenannten Taugenichtse!

Es gab sie zu allen Zeiten, und wo man – manchmal auch mit leisem Anflug von Anerkennung – über sie spricht, sind sie zumeist männlich. Sind es Frauen, finden sie in der Regel keine Erwähnung. Eher werden sie totgeschwiegen nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denn Frauen haben schließlich immer perfekt zu funktionieren. Gut in der Schule zu sein. Erfolgreich im Job. Gebärfähig sowieso. Allround-Managerin in Haushaltsdingen. Obendrein toll auszusehen. Schön, jung, schlank, fit und attraktiv, auch noch jenseits der Sechzig! Das fehlende Recht auf Scheitern.

Ein Verdrängungsmechanismus, der recht gut funktioniert, mit der sich die viel besungene, moderne Zivil-Informations-Arbeits-Konsum-Medien-Kommunikations-Wissens-Risiko-Gesellschaft täglich in die eigene Tasche lügt. Denn es gibt auch diese anderen Frauen. Und ich ahne, – nein, ich wette! – es sind ihrer mehr, als uns das von den Medien allgemein vermittelte Bild vorgaukeln will! Zum Glück. Es muss sie geben dürfen! Und es muss für sie Alternativen geben zu Schuldgefühlen, Verdrängung und Flucht in psychische oder psychosomatische Krankheit. Es muss Entfaltungsmöglichkeiten für sie geben jenseits der üblichen eingefahrenen Rollenmuster. Diese Gesellschaft wird erst eine wahrhaft gleichberechtigte Gesellschaft sein, wenn sie sich weibliche Taugenichtse leisten kann. Wenn sie sich gleichberechtigtes Scheitern leisten kann.

Sehr viele Fragen müssen neu gestellt werden. Wer geglaubt hat, die Diskussion um die Frauenfrage sei zu Ende, irrt sich. Sie fängt erst an!

Bettina Johl

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