Monatsarchiv: April 2014

Ulysses in nuce

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Reto Hänny hat mit „Blooms Schatten“ den Joyce’schen „Ulysses“  in einem Satz nacherzählt 

Wie James Joyce in seinem Roman Ulysses folgt auch der Schweizer Autor seiner Hauptfigur, dem Annoncenakquisiteur Leopold Bloom, in einer Stadt „weit oben auf der nördlichen Halbkugel“ durch einen fast ereignislosen Tag, den ein Geschehnis verdüstert: Nachmittags empfängt die Gattin des Protagonisten, eine dralle Opernsängerin, ihren Liebhaber. Hänny ist mit seiner Erzählung das Wagnis eingegangen, den Roman des Meisters des „Stream of Consciousness“ in einem einzigen Satz über 145 Seiten nachzuerzählen, und es gelingt ihm glänzend, Literatur aus Literatur entstehen zu lassen. Neben Ulysses finden wir in diesem kühnen Sprachkunstwerk noch andere „Spuren und Ablagerungen“ der Lektüre des Autors: Vom Alten Testament über die Odyssee bis hin zu Shakespeare, Flaubert, Proust und anderen. Ein Fest für Joyceianer!

Dieter Kaltwasser

Reto Hänny: Blooms Schatten. Matthes & Seitz, Berlin 2014. 145 Seiten, 17,90 EURO. ISBN: 978-3-88221-199-3

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Klassenbewusster Bourgeois und moderner Klassiker

Max Weber

Max Weber

Neuerscheinungen zum 150. Geburtstag des Soziologen,
Juristen und  Nationalökonomen Max Weber

»Die Soziologie wäre keine Stunde der Mühe wert, sollte sie bloß ein Wissen von Experten für Experten sein.« Pierre Bourdieu

Vor über 100 Jahren, zwischen 1904 und 1905, publizierte Max Weber seine legendäre Schrift »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« als Aufsatz in zwei Folgen. Unmittelbar nach Erscheinen löste sie bereits Kontroversen aus, eine Flut von Sekundärliteratur zeugt bis heute von der nicht abreißenden Auseinandersetzung mit Max Weber. Keine Frage: Max Weber, als „Mythos von Heidelberg“ zur Gründerfigur der Sozialwissenschaften verklärt, ist en vogue. Seine Schriften »Politik als Beruf«, »Wissenschaft als Beruf« und »Wirtschaft und Gesellschaft« werden als Zitatschätze genutzt, wenn vom »Charisma« der Politiker, ihrem »Bohren harter Bretter« als Tätigkeitsmerkmal, dem Unterschied zwischen „Gesinnung-“ und „Verantwortungsethik“, vom »okzidentalen Rationalismus« und der »Entzauberung der Welt« die Rede ist.

Als „Entzauberung der Welt“ bezeichnete Weber den Prozess der Intellektualisierung und Rationalisierung der modernen Welt. Der Begriff stammt aus seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“, den er 1917 in München hielt. Der Bonner Philosoph Markus Gabriel hat darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Satz meist sinnverkehrt verstanden werde. Weber behaupte nicht, die Moderne sei ein Vorgang der Entzauberung. Die Moderne sei vielmehr von der Illusion geprägt, die Welt sei entzaubert.

Es ist nicht unsere Welt, die Weber zu seinen Theorien motivierte. Zum 150. Geburtstag des vielleicht letzten Universalgelehrten sind neue Biographien von Dirk Kaesler und Jürgen Kaube erschienen. Nach der spektakulären und furiosen Weber-Biographie von Joachim Radkau aus dem Jahre 2007 brauchen sich die beiden neuen Biographen wahrlich nicht zu verstecken, stellen sie doch Bekanntes in ein neues Licht und neue Erkenntnisse zu Leben und Werk dar. Kaesler war bis zu seiner Emeritierung Professor für Soziologie in Marburg und ist einer der besten Kenner Max Webers. Von ihm liegen bereits grundlegende Studien vor. Mit seiner neuen Weber-Biographie ist ihm ein großer Wurf gelungen. Seine Hinführung zu Max Weber versteht er auch als eine Historisierung; die Spuren der kollektiven Traumata der deutschen und europäischen Geschichte werden von ihm in den Zäsuren von Leben und Werk sichtbar gemacht. Kaeslers Fazit: »Wir verabschieden uns von der Vorstellung, es gebe eine sichere Wahrheit über ihn und sein Leben«.

Der Wissenschaftsjournalist Jürgen Kaube sieht Weber ebenso als Menschen zwischen den Epochen, im Kontext großer Umwälzungen in Politik und Gesellschaft. Er beschreibt den Juristen, Nationalökonomen, Historiker und Soziologen als einen »Bürger zweier Welten«, einer der »vielversprechendsten Gelehrten« seiner Zeit, Exponent der preußischen und protestantischen Elite, ein Held des nervösen Zeitalters. 

Leben und Werk Weber sind bestimmt durch seine großbürgerliche Herkunft, den Jahren zwischen der Gründung des Deutschen Kaiserreichs und seinem Untergang. Am Ende seines Lebens war von diesen Welten nichts mehr übrig. Weber hinterließ ein riesiges Werk: Fragmente, unzählige wissenschaftliche Aufsätze, nicht veröffentlichte Bücher, Reden und Pläne. Jürgen Kaube hält wohltuend Distanz zu seinem Gegenstand, räumt auf mit der weihevollen Stimmung um Weber, beurteilt sachlich, was an Webers Denken noch zeitgemäß ist. 

Max Weber wurde am 21. April 1864 im preußischen Erfurt geboren. Sein Vater, Verwaltungsjurist und zu dieser Zeit Mitglied des Stadtrats und Landtagsabgeordneter, war ein Kaufmannsohn aus dem Besitzbürgertum, seine Mutter Helene Weber geborene Fallenstein entstammte dem Bildungsbürgertum, das auch in der Politik tätig war. Sie trug erheblich zum Wohlstand der Familie durch ihr beträchtliches Erbe bei. Max Weber wird sich im Laufe seines Lebens stets selbstbewusst auf seine Herkunft berufen. »Bitte sehen Sie meine Ihnen so rätselhafte Rede doch einfach als Speech eines klassenbewussten Bourgeois an die Feiglinge seiner eigenen Klasse an«, entgegnete der 43-jährige einem Kritiker. Seine spätere Ehefrau, die Frauenrechtlerin Marianne Weber, mit der er eine komplizierte Ehe führte, entstammte einem Zweig derselben Familie, Verwandtenheirat respektive Cousinenheirat »war ein Grundelement des bürgerlichen Familienkapitalismus«, wie Kaesler nüchtern konstatiert.  

Weber studierte in Berlin, Heidelberg und Straßburg Jura, daneben Nationalökonomie, Geschichte, Philosophie und Theologie; seine Promotion erfolgte 1889 in Berlin. Weber hatte bereits mit seiner Dissertation zur Entwicklung des Handelsrechts sein grundlegendes wissenschaftliches Thema gefunden: Die Entstehungsbedingungen des kapitalistischen Wirtschaftens. Er schlug den Weg des besoldeten Universitätslehrers ein. Seine ersten Stationen waren Professuren in Berlin und Erfurt, dann folgte Heidelberg, wo er sehr schwer erkrankte, und de facto 1899 seine berufliche Karriere, nicht jedoch seine wissenschaftliche Arbeit, beendete. Im Juni 1919, zieht er nach München um, und übernimmt den Lehrstuhl Lujo Brentanos für Gesellschaftswissenschaft, Wirtschaftsgeschichte und Nationalökonomie.

Dirk Kaesler weist darauf hin, dass Max Weber in dieser Phase seines Lebens, Denkens und Schreibens ein »rücksichtsloser Nationalist« mit auch beunruhigenden rassistischen Äußerungen gewesen ist. Unter dem Stichwort »Herrenvolk« wird man in seinen Schriften und Reden fündig. Weber war, so Kaesler, ein unkritisches »Kind seiner Zeit«, »ein Protagonist des weitverbreiteten Sozialdarwinismus.« Der Gelehrte, der »Objektivität« und »Werturteilsfreiheit« wider die Vermengung von Wissenschaft und Werturteilen fordern sollte, erwies sich in den Jahren zwischen 1890 bis zur deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg als Befürworter einer deutschen Großmachtpolitik.

Die Schriften »Wirtschaft und Gesellschaft« und »Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus«, die ein Juwel der Sozialanalyse darstellt, sowie die Schriften zur Politik und Wissenschaft als Beruf, sind die meist rezipierten und einflussreichsten Werke Webers. Er  formte zu Beginn des 20. Jahrhundertsmit seiner Theorie der Rationalisierung oder den Begriffsprägungen von Bürokratie, Charisma und Herrschaft unsere Sicht auf Gesellschaft, Staat und Politik. Die „protestantische Ethik“ endet in düsteren Passagen. Weber spricht von einer kapitalisitischen Wirtschaftsordnung, die „heute den Lebensstil aller Einzelnen, die in dieses Triebwerk hineingeboren werden, mit überwältigendem Zwange bestimmt. Es gibt keine Möglichkeit zum Abschied vom Rationalismus. Damit aber wird er zu einem Verhängnis, an dessen Ende für Weber das „stahlharte Gehäuse“ des modernen Kapitalismus liegt. Ein bedrohlich klingendes Szenario der gegenwärtigen Lage des global agierenden Kapitalismus.

Die heutige Auseinandersetzung mit Webers Definitionen und Thesen bedarf solider wissenschaftlicher Forschung. In Deutschland betreibt die Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften seit 1975 die Max Weber-Gesamtausgabe, die historisch-kritische Edition seines Werkes. Das Vorhaben steht kurz vor seinem Abschluss.

In den Vorlesungen »Über den Staat« des großen französischen Soziologen Pierre Bourdieus, die er am Collège de France von 1989 bis 1992 hielt, finden wir vielfältige Bezüge und Diskursanschlüsse zu Weber, seinem Zeitgenossen Émile Durkheim, dem französischen Klassiker der Soziologie. Bourdieu geht in diesen Vorlesungen, die vielleicht sein Hauptwerk in der politischen Soziologie darstellen, auf Webers berühmte Definition des Staates als Monopol der legitimen physischen Gewalt ein, erweitert sie jedoch auf alles symbolische Handeln, »um das Monopol der symbolischen Gewalt überhaupt«, das zur Grundlage des Funktionierens staatlicher Institutionen wird. Bourdieu betont, dass Weber gegenüber Marx das Verdienst habe, die »Humesche Frage« gestellt zu haben: »Wie kommt es, das die Herrschenden herrschen?« Hierbei berief er sich auf die »Anerkennung der Legitimität«, ein Begriff, den Weber soziologisch begründet hat. Doch aus Bourdieus Perspektive ist diese »Anerkennung der Legitimität ein Erkenntnisakt, der keiner ist: Es ist ein Akt der doxischen Unterwerfung unter die soziale Ordnung.« Es sind Akte »körperlicher, unbewusster, infrasprachlicher Erkenntnis.« Will man die Anerkennung der staatlichen und sozialen Ordnung verstehen, muss man von diesen inkorporierten, unbewusst gewordenen kognitiven Strukturen ausgehen; ihre Übereinstimmung mit den »objektiven Strukturen« ist die Grundlegung für die »Einigkeit über den Sinn der Welt, des Glaubens, der Meinung, der doxa, von der Hume sprach.«

Bourdieu deutet in seinen Schriften die Politik stets als »Feld« innerhalb der Gesellschaft, das genau wie die Sphären der Kunstwelt oder der Wissenschaftler seinen eigenen, zuweilen informellen Regeln gehorcht. Die Bürger delegieren durch Wahlen ihre Macht an eine professionelle Schicht, und diese entscheidet fortan in deren Namen. Diese Delegation der Macht an die Politprofis stellt für den französischen Soziologen eine Enteignung dar. Speziell den Unterklassen bleibe nur, »zu schweigen oder andere für sich sprechen zu lassen«. Schweigen sie, gelten sie schnell als apathisch oder inkompetent. Zu Unrecht, so Bourdieu. Für ihn ist auch die Nichtwahl ein »Protest gegen das Monopol der Politiker«. Der Soziologe verneint, dass hinter der Herausbildung einer politischen Klasse primär Korruption stecke oder die Politiker ohnehin bloße Erfüllungsgehilfen der Unternehmer seien. Die Abschottung und Abgrenzung der Parlamentarier, die immer wieder beklagt werde, ergebe sich aus der »Logik des Feldes«. Wer von der Politik leben will, muss die gängigen Redeweisen oder die entsprechende Repräsentationen der Politiker annehmen und so Zugehörigkeit bekunden. Auch in diesen Analysen Bourdieus finden wir Anknüpfungen an Max Weber ebenso wie an Norbert Elias. Welche langen Schatten Max Webers Werk noch in das 21. Jahrhundert zu werfen vermag, davon geben die gelehrten Vorlesungen Bourdieus, die nun in deutscher Übersetzung vorliegen, ein beredtes Zeugnis.

Copyright: Dieter Kaltwasser

Bibliographische Angaben:

Dirk Kaesler
Max Weber –
Preuße, Denker, Muttersohn

C.H. Beck, München 2014
1007 Seiten
38,00 €
978-3-406-66075-7
Leseprobe

Dirk Kaesler
Max Weber

C.H. Beck, München 2011
128 Seiten
8,95 €
978-3-406-62249-6
Leseprobe

Jürgen Kaube
Max Weber –
Ein Leben zwischen den Epochen

Rowohlt, Reinbek 2014
496 Seiten
26,95 €
978-3-871-34575-3
Leseprobe

Joachim Radkau
Max Weber –
Die Leidenschaft des Denkens

Aktualisierte Taschenbuchausgabe
dtv, München 2014
928 Seiten
19,90 €
978-3-423-34790-7

Pierre Bourdieu
Über den Staat

Vorlesungen am Collège de France 1989–1992

Suhrkamp, Berlin 2014
722 Seiten
49,95 €
978-3-518-58593-1

 

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Anne Franks Vermächtnis

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Zur neu erschienenen Gesamtausgabe ihrer Werke

Von Bettina Johl

Wann bin ich erstmals mit ihr in Berührung gekommen? Ich erinnere mich an ein Buch, eine Anthologie, die ich in sehr jungen Jahren las. Darin begegnete ich Autorinnen, die mich künftig beschäftigen sollten, fand darin Texte von Virginia Woolf, George Sand, Lou Andreas Salomé, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg, Luise Rinser und Christa Wolf sowie auch einen Auszug aus Anne Franks Tagebuch. Dieses hatte ich bis dato nicht gekannt. Wenn ich in meiner Umgebung etwas davon vernommen hatte, so waren es Gerüchte und Verunglimpfungen, die besonders dort begeistert aufgegriffen wurden, wo man sonst über die Vergangenheit lieber schwieg, abgesehen von Schilderungen, wie schwer man es hatte, „nach fünfundvierzig“. Die Jahre davor waren mit Tabus belegt. Bestimmte Fragen durften nicht gestellt werden. Daran hielt man sich, wenn man als junger Mensch oft genug abgeblitzt war, sich satt gehört hatte an dem Satz: „Davon versteht ihr nichts, euch geht es heute viel zu gut, macht erst mal das mit, was wir mitgemacht haben – nach 45!“ Lesend ließ sich wohl manches in Erfahrung bringen, aber über die Lektüre sprechen ging angesichts solcher Verleugnungsstrategien ebenfalls nicht. Man blieb mit seinen Fragen allein.

Ich kannte zuvor niemanden, der Annes Tagebuch gelesen hatte, wusste daher auch nicht, dass es im Stil von Briefen verfasst war, und dass es sich bei der Adressatin Kitty um eine fiktive Freundin handelte. Ich las mich schnell fest und staunte. Dies waren die Aufzeichnungen eines jungen Mädchens, das unter äußeren Bedingungen lebte, für die meine Vorstellungskraft nicht ausreichte, und dennoch war, was sie schrieb, mir seltsam vertraut. Denn viele der inneren Kämpfe, die sie ausfocht, waren die eines heranwachsenden jungen Mädchens. Anne hätte viel darum gegeben, einfach nur das Leben eines ganz normalen jungen Mädchens führen zu dürfen. Es sollte ihr nicht vergönnt sein.

Annes Tagebuch, ein Dokument, geprägt von großer Nachdenklichkeit, aber auch ungebrochener Lebensfreude und Hoffnung, entstand – wie wir wissen, unter völlig anderen als normal zu nennenden Bedingungen – im Versteck eines Amsterdamer Hinterhauses, in das sich Annes Familie vor den Nachstellungen der Nazis in den seit 1940 deutsch besetzten Niederlanden geflüchtet hatte. Dieses teilte sie mit einer weiteren Familie und einem entfernten Bekannten. Insgesamt waren es acht Menschen, die dort fast zwei Jahre in Enge, Angst und Ungewissheit zubrachten, um schließlich verraten, entdeckt und deportiert zu werden. Das Haus an der Prinsengracht 263 beherbergt heute das Anne-Frank-Museum. Ich bin bislang nie dort gewesen. Ein virtueller Gang durch das Haus auf der Website vermittelt jedoch eine Vorstellung von den Räumlichkeiten. Ich habe diesen oft aufgerufen, die Zimmer und Flure in verschiedenen Richtungen durchquert, bis ich mich nahezu auswendig darin bewegte. Ein kläglicher Versuch, mich in die Situation hineinzudenken. Man kann es nicht.

Leben im Versteck bedeutete Zusammensein auf engstem Raum, teilweise mit fremden Menschen, inklusive aller Spannungen und Streitigkeiten, die eine solche Situation mit sich bringt. Es bedeutete Eingesperrtsein, Stillhalten, stundenweises Vermeiden jeglicher Geräusche, Mangel an Bewegung und frischer Luft – selbst das Öffnen eines Fensters bedeutete stets ein Risiko. Es bedeutete zunehmende Knappheit an Nahrungsmitteln, verheerende hygienische Bedingungen – auch das Betätigen der Toilettenspülung war nur zu bestimmten Zeiten möglich. Es bedeutete das Zurücklassen von liebgewordenen und vertrauten Gegenständen, wenngleich Annes Familie zumindest in der Lage gewesen war, viele Dinge vorab im Versteck zu deponieren, da sich das Büro der Firma Opekta, die der Vater Otto Frank leitete, im Vorderhaus befand. Es bedeutete – erschwerend für ein Kind – die Trennung von Freunden und Haustieren, das Fehlen von Außenkontakten, das Entbehren harmlosester Vergnügungen und obendrein das Fehlen jeglicher Privat- und Intimsphäre, verstärkt durch den Umstand, dass das heranwachsende Mädchen Anne gerade während der kritischsten Pubertätsphase das Zimmer mit einem ihr fremden Mann um die Fünfzig teilen musste. Es bedeutete im Weiteren für einen jungen Menschen die Unmöglichkeit, sich abzugrenzen, den so notwendigen Ablösungsprozess von den Eltern – nicht nur innerlich, auch äußerlich – zu vollziehen. Und es bedeutete vor allem Angst. Angst, die zum ständigen Begleiter wurde. Angst, die über allem lagerte. Angst vor jederzeit möglicher Entdeckung und den Folgen, um die man sehr wohl wusste. Angst, die sich nicht in den allgemeinen Schrecken des Krieges erschöpfte, die noch hinzukamen: Nächtliche Schießereien und Bombardierungen, die es unmöglich machten, Schlaf zu finden, umso mehr in dem Wissen, als Untergetauchte schutzlos ausgeliefert zu sein, nirgendwohin fliehen zu können. Stets gegenwärtig außerdem das Bewusstsein, dass sich die Helfer –  in diesem Falle Mitarbeiter der Firma und gute Freunde –  mit dem, was sie taten, in stetige Lebensgefahr brachten.

Wie ging ein von Natur aus lebhaftes Mädchen wie Anne mit dieser Situation um? Auf dem Gebiet der Pädagogik scheut man sich nicht, sie als Beispiel für die vielfach beschworene Resilienz heranzuziehen, welche die Widerstandskraft in schwierigen Lebenssituationen bezeichnet. Es verursacht mir einiges Unbehagen. Zweifelsfrei war Anne aufgeschlossen, wissbegierig und lerneifrig, ausgestattet mit einer scharfen Beobachtungsgabe und unverwüstlichem Humor. Es gab Bücher im Versteck. Die Familie hatte viele davon selbst mitgebracht, die Helfer sorgten für Nachschub, liehen Bücher aus öffentlichen Bibliotheken aus, brachten Zeitschriften mit, bestellten Fernkurse und beschafften Schreibmaterial. Anne lernte mit Fleiß und großer Disziplin, denn sie hegte bis zuletzt die Hoffnung, irgendwann wieder die Schule besuchen zu können. Die Fähigkeit, ihr Lernen weitgehend selbst zu organisieren, kennzeichnet die einstige Montessori-Schülerin. Darüber hinaus beschäftigte sie sich mit Themen, die sie besonders interessierten, wie Geschichte, Kunstgeschichte und klassische Mythologie. Sie hatte darüber hinaus, wie sicherlich viele andere junge Mädchen, ein Faible für Filmstars, über die sie Zeitungsausschnitte sammelte, und für europäische Königshäuser, über die sie Stammbaumtafeln erstellte. Sie las viel. Und sie schrieb.

Es begann mit ihrem Tagebuch, das sie zu ihrem dreizehnten Geburtstag geschenkt bekam, und mit dem sie begann, als sie noch in ihrem Zuhause, der Wohnung am Merwedeplein lebte. Fast läge es nahe, zu sagen: Als sie noch ein normales Leben führte. Ein solches hatte jedoch schon zwei Jahre zuvor mit der niederländischen Kapitulation und den sofort darauf einsetzenden Diskriminierungen und Einschränkungen für die jüdische Bevölkerung durch die deutschen Besatzer ein jähes Ende gefunden. Es bedeutete für Anne, nicht mehr zum Eislaufen zu dürfen, ein Sport, für den sie große Begeisterung entwickelt hatte, keine Kinobesuche, kein Betreten von öffentlichen Anlagen, kein Aufsuchen von nichtjüdischen Ladengeschäften, kein Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln, zuletzt noch nicht einmal Fahrrad fahren, geschweige denn Aufenthalt im Freien nach Einbruch der Dunkelheit. Annes Freizeitvergnügen beschränkte sich zuletzt auf das Pingpongspiel bei Freunden, in deren Privathaus sich eine Tischtennisplatte befand. Sie durfte keine allgemeine Schule mehr besuchen und musste aufs jüdische Lyzeum wechseln, wo sie sich zwar wohl fühlte, jedoch sollte auch ihr Aufenthalt dort nicht lange dauern.

Unzählige Nadelstiche, Diskriminierungen im Alltag, die in Deutschland schon viele Jahre zuvor begonnen hatten, die offensichtlich waren und lange vor den Deportationen und Morden eingesetzt hatten, von denen später niemand etwas gewusst haben wollte. All dies spielte sich noch nicht „irgendwo im Osten“ ab, sondern mitten unter der Bevölkerung, die all dies billigend hinnahm. Machen wir uns nichts vor: Die Widerstandskämpfer bildeten unter unseren Vorfahren  die Ausnahme! Übrig blieben nur wenige unbeliebte Rollen: Die der Täter und die der feigen Mitläufer. Die Frage, welche davon die schlimmere ist, lässt sich, wie ich fürchte, noch nicht einmal eindeutig beantworten, machte doch das feige Mitläufertum die Untaten der Täter erst im vollen Umfange möglich. Und ich zögere, mir die Frage zu stellen, welche Rolle wir Nachgeborenen unter den gegebenen Verhältnissen eingenommen hätten. Machen wir uns wiederum nichts vor: In uns allen steckt, wie auch immer bedingt, leider viel mehr Potenzial – auch wenn wir die Täter heraushalten – zu Mitläufern als zu Widerstandskämpfern. So viel zu der möglicherweise ernst gemeinten Frage, ob man nicht irgendwann aufhören könne, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Man kann nicht!

Anne hatte in ihrem Schreiben einen Weg gefunden, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Sie fand Gefallen am Schreiben, entwickelte darin wachsende sprachliche und stilistische Fertigkeit, erkannte ihr offensichtliches Talent mehr und mehr als Berufung und zog eine berufliche Zukunft als Journalistin oder Schriftstellerin in Erwägung. Neben ihrem Tagebuch schrieb sie Erzählungen und Geschichten, begann, an einem Roman zu arbeiten. Mit selbstkritischem Blick schulte sie ihre Urteilsfähigkeit hinsichtlich ihres Schaffens, lernte einzuschätzen, ob ihr ein Text gut gelungen war oder ob er der Verbesserung bedurfte. Von ihrer Familie wurde sie in ihrem Tun zumeist bestärkt und weitgehend nicht darin behindert, diente doch ihre Erzählkunst auch zeitweise der Unterhaltung ihrer Mitbewohner, wenn sie zuweilen einige ausgewählte Passagen aus ihren Werken vorlas.

In ihrem Tagebucheintrag vom 5. April 1944 lesen wir:

„[…] Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf. Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale und meine Phantasien. […]“

Weitere Kraft mag sie geschöpft haben aus ihrer vorangegangenen glücklich zu nennenden Kindheit; sie beschrieb ihr Familienleben als harmonisch, sich selbst als den Liebling ihrer Lehrer und Mitschüler. Sie hatte viele Freundinnen und Freunde, erwähnte mit kleinem Augenzwinkern zahlreiche „Verehrer“. Umso schwerer musste sie den nachfolgenden Einschnitt in ihrem Leben empfunden haben. Vor allem während der ersten Zeit war ihr das Vertrauensverhältnis zu ihrem Vater eine große Hilfe und Stütze. Sie fand in ihm ihren Lernmentor und nahm sich im Übrigen seine stoische Ruhe und Genügsamkeit, die sie sehr bewunderte, zum Vorbild. Das Verhältnis zur Mutter hingegen zeigte sich in diesen Tagen als sehr belastet und konfliktgeladen, worunter offenbar beide litten. Die Mutter schien ihr wesensfremd, sie erlebte sie als gefühlskalt und verständnislos. Ihr Tagebuch gibt Zeugnis davon. Zugleich jedoch zeichnet sich darin über die Jahre hinweg eine Entwicklung in ihrem Denken ab, welches dazu führte, dass sie Rückschau hielt, reflektierte, relativierte, differenzierte, sich zunehmend in die sie umgebenden Menschen hineinzuversetzen versuchte und sich bemühte, deren Verhalten zu verstehen. Innigkeit sollte sich in der Beziehung zur Mutter zumindest in dieser Zeit jedoch nicht mehr einstellen. Anne musste die Loslösung von den Eltern innerlich vollziehen, äußerlich war es nicht möglich. Hierbei half ihr während der letzten Monate die Freundschaft mit Peter van Pels, dem zwei Jahre älteren Sohn der zweiten im Versteck lebenden Familie, mit dessen ruhigem, eher verschlossenen Wesen sie zuvor so wenig anfangen konnte, wie er mit ihrem lebhaften, weshalb sie sich anfangs eher aus dem Wege gingen. Zwischen beiden entspann sich eine sehr vertraute Verbindung, in der beide ihrer Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit Ausdruck verliehen. Auch die erwachende Sexualität der beiden jungen Menschen spielte eine nicht unwesentliche Rolle, allerdings gehen Versuche von Filmemachern, aus ihrer Beziehung eine wilde Affäre zu machen, wohl  an der Realität vorbei. Anne zog sich, wie aus ihren Aufzeichnungen zu ersehen ist, sehr bald wieder innerlich von Peter zurück; zu groß war doch die Verschiedenheit im Denken und Erleben. Sie vermochte die Freundschaft mit ihm durchaus weiterhin zu genießen, aber war sich sehr wohl bewusst, dass sie nicht uneingeschränkt alles, was ihr wichtig war, mit ihm teilen, nicht alle Tiefen ihres Denkens und Empfindens mit ihm gemeinsam ausloten konnte. Dies mit einem Menschen zu können, bedeutete ihr jedoch die wichtigste Voraussetzung für eine Lebenspartnerschaft. Ihr Eigenes für jemand anderen aufgeben kam für sie unter keinen Umständen in Frage; diese Haltung bescheinigt ihr im Rückblick eine für eine Fünfzehnjährige bemerkenswerte Reife. Ein späteres gemeinsames Leben mit Peter zog sie zu keiner Zeit ernsthaft in Betracht. Anne hatte eigene Ziele, sie erwartete mehr von einer möglichen Zukunft. Einer Zukunft, die ihr alsbald gewaltsam genommen wurde.

Beim Lesen ihres Tagebuchs kennen wir im Gegensatz zur Verfasserin den späteren Ausgang der Geschichte. Das Versteck wurde verraten, die Untergetauchten deportiert. Von den Bewohnern des Hinterhauses sollte nur einer überleben und zurückkehren. Otto Frank, der Vater von Anne, wurde im Januar 1945 von der Roten Armee aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit, seine Frau Edith war kurz zuvor im Frauenlager Auschwitz-Birkenau an Fieber und Entkräftung gestorben. Die Schwestern Margot und Anne starben im Lager Bergen-Belsen, wohin sie im Zuge eines Rücktransports aus Birkenau gelangt waren, im März 1945 kurz nacheinander an Typhus. Anne wurde nur fünfzehn Jahre alt. Ihre Tagebücher und Aufzeichnungen wurden nach der Stürmung des Verstecks von Miep Gies, einer der Helferinnen der Versteckten, achtlos auf dem Boden verstreut gefunden, eingesammelt und verwahrt. Bis zuletzt hatte Miep Gies gehofft, es der Besitzerin bei ihrer Rückkehr aushändigen zu können. Erst als die endgültige Nachricht von Annes Tod sie erreichte, händigte sie Annes Vater die Hefte und Blätter aus, ohne zuvor je selbst einen Blick hineingeworfen zu haben. Anne hatte sich, inspiriert durch einen Aufruf des heimlich empfangenen, niederländischen Exilsenders Radio Oranje, so viele private Zeitdokumente als möglich zu verwahren und nach dem Krieg zur Verfügung zu stellen, mit dem Gedanken an eine spätere Veröffentlichung getragen. Hierzu hatte sie in sorgfältiger Arbeit begonnen, Teile ihres Tagebuchs umzuschreiben und aufzubereiten. Aus diesen und Ergänzungen aus ihrem bis zuletzt fortgeführten ersten Tagebuch entstand schließlich eine erste Ausgabe, die 1947 unter dem Titel „Het Achterhuis“ in den Niederlanden erschien und nach einigen Jahren – übersetzt in viele Sprachen – zum  Welterfolg wurde. Jedoch unterlag diese erste Aufgabe vielen Kürzungen, die zum einen dem Schutz der Privatsphäre der Familie und der Freunde dienten, zum anderen für den einstigen Zeitgeschmack zu offenherzige Äußerungen über das Thema Sexualität betrafen. Erst nach dem Tod Otto Franks 1980 veröffentlichte das Niederländische Staatliche Institut für Kriegsdokumentation, dem die Rechte testamentarisch vermacht worden waren, sämtliche Aufzeichnungen Anne Franks, nachdem deren Echtheit in wissenschaftlichen Untersuchungen zweifelsfrei festgestellt und bestätigt worden war, in einer Kritischen Ausgabe unter dem Titel „Die Tagebücher der Anne Frank“. Der Anne Frank Fonds in Basel als Universalerbe der Autorenrechte nahm weitere Textpassagen in eine neue Fassung auf, die 1986 erschien, so dass es sich bei der Version, die ich zuerst kennenlernte, um die frühere gehandelt haben musste, während ich mich mit der späteren erst im Erwachsenenalter beschäftigen sollte. Ich erinnere mich, das Tagebuch mehrmals in jeweils verschiedenen Lebensphasen gelesen zu haben, mit immer wieder verändertem Blick. Die Erschütterung, die es in mir bei jedem neuen Lesen auszulösen vermochte, wurde mit den Jahren nicht geringer.

Es ergeht mir nicht anders, nun, da ich die im vergangenen Herbst erschienene Gesamtausgabe mit sämtlichen Werken Anne Franks in den Händen halte. Erstmals enthält diese alle Versionen des Tagebuchs in vollständiger Form, sowie einige später aufgetauchte, bislang unveröffentlichte Manuskriptseiten. Ein vergleichendes Lesen wird möglich. Im Weiteren finden sich Annes „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“, sowie ihr Fragment eines Romans über die Entwicklung eines jungen Mädchens und  weitere Erzählungen und selbst erfundene Märchen, die sie auf losen Blättern festgehalten hatte. Diese geben einen eindrucksvollen Einblick in ihr vielseitiges Schaffen während der Jahre im Versteck. Ergänzt wird die Sammlung durch Briefe und Einträge in Poesiealben von Freundinnen vor der Zeit des Untertauchens sowie durch Fotos und Dokumente.

Keineswegs weniger interessant präsentiert sich ihr „Schöne-Sätze-Buch“, die Sammlung von Texten, die sie zum größten Teil aus Büchern, mit denen sie sich während ihrer Zeit im Versteck beschäftigte, abgeschrieben hatte, wozu ihr ein leeres Kassenbuch diente. Da es sich bei ihrer Lektüre zumeist um geliehene Bücher handelte, die alsbald zurückgegeben werden mussten, war dies die einzige Möglichkeit, die ihr wichtig gewordenen Passagen daraus zu bewahren. Neben Versen von Shakespeare und Goethe, welche sie auf Deutsch niederschrieb, finden sich Namen aus der englischsprachigen Literatur , wie Thomas Morus, Thomas Carlyle, Oscar Wilde und John Galsworthy. Die Reihe der niederländischen Autoren reicht von Jacob van Maerlant im 13. Jahrhundert  bis zu Multatuli (alias Eduard Douwes-Dekker), Justus van Maurik und Willy Corsari (alias Angela Douwes-Schmidt) im neunzehnten Jahrhundert. Ebenso vertreten ist die norwegische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Sigrid Undset. Anne las gern Biografien, wie aus ihrer Sammlung hervorgeht, unter anderem die berühmte des französischen Historikers André Maurois (alias Émile Salomon Wilhelm Herzog) über Lord Byron und weitere des ungarischen Schriftstellers Zsolt von Harsány über Paul Rubens und Franz Liszt. Als zentrale Themen, mit denen sich Anne in ihrer Lektüre auseinandersetzte, finden sich wiederholt Fragen um die Freiheit des Denkens und Handelns, soziale Gerechtigkeit, Glaube und Religion, auch um Tod, Verlust, Trauer und Freundschaft. Aus einem Buch der vermutlich heute eher in Vergessenheit geratenen niederländischen Autorin Frida de Clercq Zubli notierte sie interessante Passagen über die Bedeutung des Schreibens, über männliches und weibliches Rollenverständnis und über die Bedeutung von Vertrauen im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Den einen oder anderen der weniger bekannten Autoren wiederzuentdecken würde sich gewiss lohnen. Ein zweites Heft mit dem Titel „Ägyptenbuch“ führte Anne, in welches sie Bilder von Kunstgegenständen der Antike einklebte und beschriftete; auch diesem ist ein Platz in der Gesamtausgabe gewidmet.

Im Anhang finden sich die beiden Versionen des Tagebuchs, die Anne anfertigte, erstmals einander gegenübergestellt. So liegen uns nun auch die frühesten Aufzeichnungen aus ihrem ersten Tagebuch vor. Hier begegnen wir dem völlig schutzlosen Kind, das aus seinem vertrauten Leben gerissen wurde – ganz verschieden von dem Rückblick einer seelisch gereifteren Fünfzehnjährigen – und wir spüren trotz seiner Frohnatur das Unglück und die Verzweiflung dieses Kindes. Und dies ist der Grund, warum ich es für unangemessen halte, Anne als literarisches Beispiel für Resilienz heranzuziehen, wie die neuere psychologische und pädagogische Literatur es tut. Anne Frank ist nicht Pippi Langstrumpf! Hier wurde ein wehrloses Kind Opfer eines beispiellosen Verbrechens, das als Einzelschicksal stellvertretend steht für geschätzte eineinhalb Millionen Kinder unter sechs Millionen Menschen, die dem Genozid der Nazis zum Opfer fielen. Eineinhalb Millionen Kinder, die keine Stimme hatten, denen keine Gelegenheit gegeben war, sich mitzuteilen, die allesamt auf unvorstellbare Weise ihre Würde beraubt, gequält, erniedrigt und bestialisch ermordet wurden. Dieses Ausmaß sollte genügen, uns zum Innehalten und Nachdenken über unsere Verantwortung zu bringen.

Anne war ein Kind, das keinen größeren Wunsch hatte, als nach dem Krieg wieder zur Schule gehen, Freunde haben und sich draußen in freier Natur bewegen zu können. Ihr Zukunftstraum, eine große Autorin zu werden, hat sich posthum erfüllt, aber nichts kann ihr das eine Leben zurückgeben, das ihr gegeben war und das sie gern weitergeführt hätte. Das eine Leben, das ein jeder Mensch nur einmal zur Verfügung hat, und das deshalb bei jedem Menschen Schutz und Achtung verdient.  Die Nazi-Ideologie funktionierte nach der Methode, in einer Gesellschaft vorhandene Ressentiments und Vorurteile zu nutzen und zu schüren, mittels Manipulation und Aufhetzung der Bevölkerung ganze Gruppen von Menschen aufgrund ihres tatsächlichen oder angeblichen Anders-seins auszugrenzen, von der übrigen Gesellschaft abzuspalten, ihnen zuletzt gar ihr Menschsein abzusprechen. Diese Methoden haben in der Vergangenheit funktioniert und sie funktionieren auch heute noch. Um sie sich bewusst zu machen, sind wir auf Zeitdokumente wie Anne Franks Tagebuch dringend angewiesen. Sechs Millionen Tote sind auf den ersten Blick eine abstrakte Zahl, die jenseits allem Vorstellbaren liegt. Aus dieser Zahl werden leicht wieder „die anderen“, mit denen man selbst am liebsten nichts zu schaffen hätte. Sobald jedoch ein Einzelschicksal aus der Anonymität heraustritt, wird auch der letzte Zeitgenosse, der es zuvor nicht wahrhaben wollte, mit der Tatsache konfrontiert, dass es hier um Menschen ging, die sich mit ihrem Denken und Fühlen kaum von ihm selbst unterschieden. Das lahmgelegte Gewissen beginnt seinen Dienst wieder aufzunehmen. Dies erklärt auch die Anfeindungen, denen eben solche persönlichen Dokumente ausgesetzt sind, die Diffamierungen, Versuche, die Echtheit zu leugnen, die immer wieder Anhänger finden, deren Wunschgedanken sie bedienen, nämlich den Wunschgedanken, das Undenkbare, weil zu Schreckliche, habe ja vielleicht gar nicht stattgefunden, sondern beruhe auf  Lügen und Unterstellungen anderer. Jedes Einzelschicksal jedoch, das auf Sympathie und Mitleid stößt, hat das Potenzial, unmenschliche Gedankengebäude zu sprengen.

Annes Vermächtnis ist ein Klares. Es lautet nicht: Macht die Kinder resilient, damit sie lernen, sich in einer unmenschlichen Gesellschaft, die ihre Rechte mit Füßen tritt, so gut als möglich anzupassen und sich mit wenigem zu begnügen. Es ruft vielmehr dazu auf, Kindern endlich bessere und würdigere Lebensbedingungen in einer menschlicheren Gesellschaft zu schaffen. Und es ruft auf, sich für die Rechte der Kinder einzusetzen, überall dort, wo diese mit Füßen getreten werden. Denn Kinder haben Rechte! Die von der UNO 1989 verabschiedete Kinderrechtskonvention wurde von ausnahmslos allen Ländern dieser Erde unterzeichnet! Wer sich die Realität vor Augen führt, dem mutet es wie Hohn an.

Der Anne Frank Fonds in Basel unter der Leitung von Anne Franks Cousin Bernhard Elias – „Buddy“, mit dem sie so gern noch einmal Eislaufen gegangen wäre! – hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich gemeinsam mit dem Kinderhilfswerk UNICEF für die Rechte der Kinder in aller Welt stark zu machen. Diese unterliegen drei Grundprinzipien, dem Recht auf Schutz, dem Recht auf Förderung und dem Recht auf Beteiligung. Wenn wir das Erbe der Verantwortung ernst nehmen, erschließt sich uns hier ein weites Feld künftiger Betätigung. Auf diese Weise würde, was uns als Leserinnen und Lesern ihres Tagebuchs am Herzen liegt, am ehesten möglich: Ein würdiges Gedenken an Anne Frank.

Am 15. Juli 1944 notierte sie in ihr Tagebuch:

„[…] Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden. Inzwischen muss ich meine Vorstellungen hochhalten, in den Zeiten, die kommen, sind sie vielleicht doch noch auszuführen! […]“

Anne hat ihre Vorstellungen bis zuletzt hochgehalten. Nehmen wir sie für uns an – als Annes Vermächtnis an uns!

Anne Frank: Gesamtausgabe. Tagebücher, Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus, Erzählungen, Briefe, Fotos und Dokumente. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Herausgeber: Anne Frank Fonds Basel. S. Fischer Verlag. 816 Seiten, 28 EUR. ISBN-13: 9783100223043

Der Essay erschien auch  in der Mai-Ausgabe 2014 von literaturkritik.de

 

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