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Streifzug durch die Neuerscheinungen im Jean-Paul-Jahr 2013

Jean Paul

Jean Paul (Photo credit: Wikipedia)

„… fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen“

Wer ist eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, der sich Jean Paul nannte, jener „kauzige Spinner und Biertrinker“, der nach Meinung einiger Zeitgenossen nur unlesbare Bücher schrieb. Heute ist sein Ruhm nahezu verblasst. Google listet ihn irgendwo zwischen Jean Paul Belmondo, Gaultier und Sartre auf, die aktuelle Rezeption des großen Romanciers, Essayisten, Satirikers und Wortschöpfers lässt sich am besten mit den Worten „vielgelobt und ungelesen“ charakterisieren. Dabei verdanken wir ihm zahlreiche Neologismen wie Schmutzfink, Gänsefüßchen, Angsthase und Weltschmerz, um nur wenige zu nennen. Sein Wortschatz nimmt es spielend mit dem Goethes auf. Zweifellos ist er ein schwieriger Autor, einfach macht er es seinen Lesern nicht: mit seiner Weitschweifigkeit, dem abgründigen Humor, den komplizierten und mäandrierenden Sätze in den großen Romanen ebenso wie in den kleinen Erzählungen, darunter solche Meisterstücke wie „Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auenthal“ und „Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Fläz“, mit dem überraschenden und unmotivierten Einbringen angelesener Wissensbruchstücke aus seinen Exzerptheften. Wie aktuell Jean Paul dennoch ist, zeigt sich vor allem in den essayistischen Schriften wie der „Kriegserklärung gegen den Krieg“ von 1809. Dort tritt er engagiert und kritisch der These von der vermeintlichen Unvermeidbarkeit des Krieges entgegen und plädiert vehement für eine gewaltfreie Welt.

Zu Lebzeiten des Autors waren seine Romane  „Hesperus“, „Siebenkäs“, „Titan“ und „Flegeljahre“ Bestseller und stellten mit ihrer vorwiegend weiblichen Leserschaft selbst die Weimarer Klassiker in den Schatten. Aufgewachsen ist er in ärmlichen Verhältnissen, sein Vater war zuerst Lehrer, dann Geistlicher in kleinen oberfränkischen Pfarren in Wunsiedel – wo Richter am 21. März 1763 geboren wurde –, in Joditz und dann in Schwarzenbach an der Saale. In seinen späteren Lebensjahren lernte er den Luxus der Königs- und Fürstenhäuser kennen, auch seinen Titel Legationsrat verdankte Jean Paul, hierin Goethe nicht unähnlich, seinen Beziehungen zum Adel, er wurde ihm 1799 durch den Herzog von Hildburghausen verliehen. Schon in jungen Jahren begann er mit der systematischen Lektüre theologischer Abhandlungen, antiker Lehrtexte und Schriften der Weltliteratur.

Helmut Pfotenhauer, der Würzburger Literaturwissenschaftler kennt das Werk Jean Pauls wie kaum ein Zweiter, zeigt in seiner unglaublich profunden und detaillierten Biographie, wie schriftfixiert Jean Paul schon in frühen Jahren war. Das „Leben als Schreiben“ zu charakterisieren gipfelt in der Formulierung: „Das Werk ist alles, das Ich ist nichts.“ Was für das Werk zutrifft, gilt auch für die Briefe Jean Pauls, eine Auswahl davon hat Pfotenhauer in dem Band „Erschriebene Unendlichkeit“ zusammengestellt und kommentiert. Sie zählen nach Jean Pauls Verständnis mit zu seinem Werk. Pfotenhauer begründet seine Entscheidung, das Leben aus der Werkperspektive zu betrachten, mit dem frühen Entschluss Jean Pauls, Berufschriftsteller zu werden. Diesem Karriereplan, den der erst 18jährige entwirft, ordnet er alles unter. Hungerjahre waren die Folge, da seine ersten Veröffentlichungen nicht den erhofften Durchbruch erzielten. Der kam mit seinen Romanen „Unsichtbare Loge“ und „Hesperus“. Hatte Goethe die beiden Briefe Jean Pauls, die dieser zusammen mit den beiden Romanen zugesendet hatte, noch unbeantwortet gelassen, so ließ sich der inzwischen erfolgreiche Jungautor nicht länger ignorieren. 1796 kam es zu ersten Besuchen bei Goethe und Schiller. Die beiden Weimarer Götter verhielten sich im Gegensatz zu Herder und Wieland zunächst abwartend, dann ablehnend. In den „Xenien“ erschienen Spottverse über Jean Paul, Goethe nannte ihn in einem Gedicht „einen Chinesen in Rom“, Schiller beschrieb in einem Brief seinen Auftritt als „fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist.“ Jean Paul sprach später von den „eingeäscherten Herzen“ in Weimar.

Der Schriftsteller Ulrich Holbein nimmt in einem furiosen und virtuosen Doppelporträt „Ein Chinese in Rom“ einen Vergleich zwischen Jean Paul und dem ungleich berühmteren Goethe vor. Die Gedankenstudie ist voll grotesker Komik und unbändigem Sprachwitz. Der Geheime Rath Goethe nannte Jean Paul einen „Philister“, „das personifizierte Alpdrücken der Zeit“, Jean Paul bezeichnete Goethe als gefühllos und verkrustet, „ästhetischen Gaukler von Weimar“ und unnahbaren „Eispalast.“ Holbeins originelle und bisweilen funkelnde Darstellung wirft einen zweifellos neuen Blick auf Jean Paul und zeigt uns Goethe in einem etwas anderen Licht. Holbein schildert Goethes Ärger vor der „Zudringlichkeit Richters“ und zitiert den berühmten Satz, den Goethe äußerte, als er vor den Sauerkrautdelikatessen der herzoglichen Küche an der Fürstentafel in ein Separee floh und dort ein herumliegendes Buch aufschlug: die „Mumien“ von Jean Paul. Goethes gepeinigte Reaktion: „Nein, das ist zu arg! Erst Sauerkraut und dann 15 Seiten Jean Paul! Das halte aus, wer will!“

Rückt Helmut Pfotenhauer das äußere Leben Jean Pauls in den Hintergrund, so lässt Beatrix Langner in ihrer glänzend geschriebenen Biographie Leben und Werk in ihrem Zusammenhang Revue passieren, zeigt, wie das gewaltige Œuvre erst aus den Auseinandersetzungen des Autors mit seiner Zeit geschaffen werden konnte. Der Titel „Meister der zweiten Welt“ weist nicht auf eine Jenseitsidylle hin, sondern auf einen „inneren“ Zustand des Menschen. Langner beschreibt die Einflüsse von Aufklärung und Französischer Revolution auf die Entwicklung und das Selbstverständnis Jean Pauls, die existenziellen Nöte des jungen Autors, die zahlreichen Liebschaften des „notorisch Verlobten“, die unermüdliche Arbeit an den großen Romanen sowie das zuweilen spannungsreiche Familienleben der Richters. Dabei werden Lebensgeschichte und Persönlichkeit Jean Pauls subtil mit seinen dichterischen Werken verknüpft. Die neue Biographie von Beatrix Langner ist wohl das herausragende publizistische Ereignis zum Jean Paul-Jubiläum, ein sprachliches Meisterwerk.

Kenntnisreich werden die einzelnen Lebensstationen aufgezählt, darunter Leipzig, Weimar, Berlin, bis dann 1804 der Umzug nach Bayreuth erfolgte, wo Jean Paul bis zu seinem Tode im Jahre 1825 wohnte. Langners Biographie beschreibt detailliert, wie genau Jean Paul das geistige, soziale und politische Geschehen der Spätaufklärung und Restauration wahrnahm. Im vorletzten Kapitel „Menuett mit Engeln“ schildert sie das langsame Verlöschen und  Sterben Jean Pauls. Am 13. November, ein Tag vor seinem Tode, flüsterte Jean Paul auf seinem Sterbelager Christian Otto, seinem Freund aus Hofer Kindheitstagen, die Worte ins Ohr: „Du sollst sehen, ich will mit den Engeln ordentlich ein Menuett tanzen, man soll sehen, daß man in der Welt noch etwas werden kann, wenn es auch spät ist.“ Am 17. November 1825 wurden in Bayreuth am offenen Grab die Worte Jean Pauls gesprochen: „Der Todtdaliegende bin nicht ich, ihr irret, wenn ihr diesen für mich haltet.“

Dieter Kaltwasser

Besprochene Literatur:

Ulrich Holbein: Ein Chinese in Rom. Jean Paul und Goethe. Ein untendenziöses Doppelporträt. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2013. 320 Seiten, 19,90 EUR. ISBN-13: 9783942989275

Beatrix Langner: Jean Paul – Meister der zweiten Welt. C.H. Beck, München 2013. 608 Seiten, 27,95 EUR. ISBN-13: 9783406638176

Jean Paul: Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz. Mit Illustrationen von Stephan Klenner-Otto. Insel Verlag, Berlin 2013. 119 Seiten, 14,95 EUR. ISBN-13: 9783458193753

Jean Paul: Erschriebene Unendlichkeit. Briefe. Kommentiert von Markus Bernauer, Norbert Miller und Helmut Pfotenhauer. Hanser Verlag, München 2013. 783 Seiten, 34,90 EUR. ISBN-13: 9783446241367

Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wuz in Auenthal. Bibliothek der Erstausgaben. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013. 144 Seiten, 7,90 EUR. ISBN-13: 9783423026871

Helmut Pfotenhauer: Das Leben als Schreiben. Biografie. Hanser Verlag, München 2013. 509 Seiten, 27,90 €

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Der Schein des Unendlichen

Romantik Safranski

Die Romantik, eine deutsche Affäre?

Warum kann man eigentlich hierzulande kein Buch über die deutsche Romantik schreiben, ohne das dies als inhaltliche Schwäche, als unzulässige Verengung, ausgelegt wird? Die Romantik sei schließlich als Epoche in der Kultur- und Literaturgeschichte ein gesamteuropäisches Phänomen.  Diesen Vorwurf an sein Buch parierte der Autor Rüdiger Safranski auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse überaus lapidar: „Wenn man die deutsche literarische und philosophische Romantik im Sack hat, dann hat man sie alle.“ Dieser schnoddrig formulierte Satz, wenn er denn tatsächlich ernst gemeint sein sollte, ist natürlich falsch. Und der in philosophischen und literarischen Disziplinen hochgebildete Rüdiger Safranski weiß dies auch. Was bewog ihn dann, allein über die deutsche Literatur und Philosophie der Romantik zu schreiben, auch unter dem fast vollständigen Verzicht der anderen Künste wie der Musik und Malerei? Richard Wagner und seinen Musikdramen wird zwar Raum gegeben, allerdings fast immer im Zusammenhang mit den Philosophien Nietzsches und Schopenhauers. Und hier greift der Autor auf sein im Jahre 2000 erschienenes Nietzsche-Buch zurück, für das ihm der nach diesem Philosophen eigens benannte Preis verliehen wurde. Safranskis Intention liegt vor allem in der Beschreibung deutscher Mentalitätsgeschichte und  weniger in einer reiner Epochendarstellung. Will man ein Phänomen wie das der deutschen Romantik und den problematischen Begriff des Romantischen einem breiteren Leserkreis zugänglich machen, dann kann dies nur gelingen durch Reduzierung theoretischer Komplexität, anschauliche Beschreibung sowie stilsicheres Gespür für Aussonderung und Pointierung. Dabei bleibt naturgemäß einiges auf der Strecke.

Was das Anschauliche betrifft, liefert ihm die frühe romantische Philosophie durchaus argumentative Schützenhilfe. In einem kühnen Textentwurf von 1797, den man später „Das älteste  Systemprogramm des deutschen Idealismus“ nannte und bis ins späte 20.Jahrhundert abwechselnd Hölderlin, Hegel und Schelling zugeschrieben wurde, bis man in der philosophischen Forschung Friedrich Hölderlins dominierenden Part allgemein anerkannte, ist ausdrücklich von der Schaffung einer neuen Mythologie die Rede, einer „Mythologie der Vernunft“. Sie soll in Bildern verfasst sein, anschaulich darstellen, was vorher abstraktes philosophisches Denken formuliert hatte, sie muss mythologisch, d.h. ästhetisch sein, sonst habe sie für das Volk kein Interesse und der Philosoph müsse sich ihrer schämen. Es ist ein volkspädagogisches Konzept, die drei jungen schwäbischen Idealisten wollen eine bessere Wirkung beim Publikum. Annahme von allem ist, dass in Gesellschaft und Natur die gleiche Vernunft wirke, und die „Vorstellung von mir als einem absolut freien Wesen.“ Allerdings ist auch dieses „älteste Systemprogramm“ wenig anschaulich, sondern in einer hochtheoretischen Sprache formuliert, die wenig Erbarmen mit philosophisch ungeübten Köpfen zeigt. Rüdiger Safranski ist ein Meister der philosophischen Bilderrede, dies hat er in seinen Biographien über Schiller, Schopenhauer und Heidegger ebenso bewiesen wie in seinen zahlreichen philosophischen Essays. Sie stehen in einer Reihe mit den großen Biographien Richard Friedenthals über Goethe, Luther und Karl Marx. Das Buch ist in zwei große Teile untergliedert, die einander ergänzen. Es ist die Biographie einer für den Autor noch nicht beendeten Geisteshaltung der Deutschen. Die Romantik wird zunächst als Epoche dargestellt, anschließend das Romantische als Geisteshaltung, die bis heute fortwirke, und zwar in Politik und Kultur. Die prägnanteste Formulierung für das Romantische lieferte Friedrich von Hardenberg, der sich später Novalis nannte: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Die Romantik als Epoche beginnt in Jena im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, sie endet in der deutschen Literatur mit Eichendorffs und Tiecks Tod in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Heinrich Heine, der eine Sonderstellung einnimmt, starb 1856 im Pariser Exil. Durch Fichte und Schelling zunächst stark von der Aufklärung und der französischen Revolution geprägt, besitzt die Romantik noch ein sehr welt- und zukunftsoffenes Potenzial. Doch gleichzeitig will sie der „entzauberten Welt“, der Säkularisierung etwas entgegensetzen, sie unterhält eine untergründige Beziehung zur Religion, zum Unendlichen; sie liebt die Ferne der Zukunft ebenso wie die der Vergangenheit. Sie ist in Extremen zuhause, in der Ironie ebenso wie in der Andacht. Sie  bekennt sich zur Weltfremdheit, zum Traum, zur Nacht und zur Todessehnsucht. Safranskis pointierte Formulierung: „Die Romantik ist die Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln.“ Es sind oft genug Privatreligionen. Im Jena nahe gelegenen Weimar betrachtete man das Treiben der Gebrüder Schlegel und Novalis argwöhnisch. Der „Geheime Rath“ konzedierte zwar, dass aus Novalis ein Imperator der Literatur hätte werden können, wäre dem mit 28 Jahren verstorbenen Dichter nur genügend Zeit geblieben. Im Alter nannte Goethe, der seinen Blick ohnehin zu niemandem in der deutschen Literatur seiner Zeit mehr heben musste, das Romantische bloß noch das Kranke. Romantische Spuren, der Zauber des Vergänglichen, Weltfremdheit, Sprachdunkles und Irrationalität finden sich, so Safranski, nach dem Ende der eigentlichen Epoche in der deutschen Literatur und Philosophie zuhauf, wie z.B. bei Nietzsche, George und seinem Kreis, und Heidegger. Einmal in die Politik eingebracht, wirke Romantik zerstörerisch, wie es an der deutschen Geschichte ablesbar sei. Andererseits, so beschließt Rüdiger Safranski sein schönes und nachdenkenswertes Buch, dürfe den Menschen die romantische Einbildungskraft nicht verloren gehen, denn wir benötigten ihre Phantasieräume, weil wir, wie Rilke dichtete, „nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.“

Dieter Kaltwasser

Rüdiger Safranski: Romantik – Eine deutsche Affäre, München 2007, 415 Seiten