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Augenblicke im Advent

„Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch, durch das auf unsren dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt.“ Friedrich von Bodelschwingh

Und wieder reicht es gerade noch zum Innehalten in letzter Minute, bevor eine Zeit zu Ende geht, die ich gerne bewusster begangen und gestaltet hätte, – einfach weil ich sie von Kindertagen her stets liebte, woran auch alles Seufzen über deren kommerzielle Verzerrung und auch das zunehmende Gewahrwerden des Auseinanderklaffens von Wunsch und Wirklichkeit nichts Grundlegendes zu ändern vermochte.

Es blieb bei wenigen Momentaufnahmen, gestohlenen Stunden, wie ein Besuch in meiner Heimatstadt zu einer liebevoll gestalteten Märchenlesung im Burgturm, wo eine Gruppe engagierter Menschen es sich zur Aufgabe gemacht hat, zu Gunsten von Kinderhilfsprojekten eine verlorengegangene Erzählkultur wiederzuleben.

Manches hin und wieder mit verfremdetem Blick betrachten, lässt den einen oder anderen vergangenen Zauber wieder heraufbeschwören. Trugbild? Möglicherweise. Aber welche Bilder betrügen mich nicht, welche erzählen mir schon die ganze Wahrheit – oder das, was ich dafür halte?

„Wo kämen wir hin“, mag andererseits mancher mit Recht fragen, „wenn jeder sich nach Pippi-Langstrumpf-Art die Welt machte, wie sie ihm gefällt?“ Ja, gute Frage! Wo kämen wir hin? Auf geradem Wege ins uferlose Chaos, wie mancher es uns gerne prophezeien möchte, ohne uns mit Details über das unweigerlich zu erwartende Übel zu verschonen? In den luftleeren Raum, ins Bodenlose? Oder doch vielleicht in eine schönere Welt, eine menschlichere? Wir wissen es nicht, denn es besteht keine Gefahr, dorthin zu kommen, da es nie dazu kommen wird, dass „jeder“ dies in die Tat umsetzt. Weil jenen, die es wagen, viele andere gegenüberstehen, die dies schlicht nicht wollen. Oder wieder andere, die es gerne wollten, aber nie die Kraft und den Mut dazu aufbringen würden. Und deshalb wird unsere Gesellschaft die übrige Handvoll „Spinner“ und „Phantasten“auch weiterhin aushalten, ohne dass ihr Gefüge deshalb Schaden nimmt.
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Aber ich wollte von gestohlenen Stunden erzählen. Von Spaziergängen im schönsten Dezemberlicht. Ein goldener, lichtgefluteter Sonntagnachmittag auf dem Maulbronner Klosterberg, – Zauber der stillen Winterwege. Besuch bei der 250-jährigen Linde, die viele meiner geliebten Dichter noch auf ihren Spaziergängen sah. Sahen sie auch ihn? Gewahrte der junge Hölderlin den damals jungen, wohl noch sehr unscheinbaren Baum? Wie nahm der Baumfreund Hesse die einst 100-jährige Linde wahr? Wir wissen es nicht, können es nur ahnen.

Staunen beim näheren Hinsehen: Das Laub ist vollständig gefallen, hat zarte Knospen an kleinen, aus der zerfurchten Rinde ragenden Zweigen freigelegt, die den alten Riesen außer von versunkenen Zeiten auch vom künftigen Frühling erzählen und so eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft entstehen lassen. Doch was ist die Gegenwart, und was sind zurückliegende und kommende Zeiten anderes als eine Aneinanderreihung von Augenblicken?

Sich sodann mit Einbruch der Dämmerung ins Innere der Mauern begeben,während der Stunde „zwischen Tag und Traum“, die allem, was sich in ihr zuträgt, besonderen Glanz verleiht. Auch dieser flüchtig, gewiss. Unaufdringlich auch, was seine Erscheinung zu einer angenehmen macht.

Beim Stöbern im Buchladen fand ich jenen kleinen Literaturfreund, zwischen den Regalen am Boden sitzend, selbstvergessen in seine Lektüre vertieft, sich eigene Geschichten „vorlesend“, die sich wohl mit dem eigentlichen Inhalt des Buches messen konnten, wenn sie ihn nicht gar übertrafen. Liebgewordener Satz, der während der Arbeit mit Kindern oft fällt: „Du sollst vor-le-sen!!!“ Gesammelte Hoffnungsfunken, Augenblicke, in denen das Hinforteilen der Zeit – wohl nicht anzuhalten, dies wäre sicherlich zu viel verlangt, aber zumindest – innezuhalten scheint.

Möge uns in diesem Sinne mancher Zauber dieser und künftiger Tage wenigstens immer wieder für Augenblicke gegenwärtig sein, möge dann und wann ein Schein durch das Schlüsselloch auf unseren – mal mehr, mal weniger – dunklen Erdenweg fallen!Mit allen guten Wünschen für die kommenden Festtage und das Neue Jahr…

Eure Bettine

Copyright: Bettina Johl (2013)
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November-Elegie – Bettina Johl

Auch im Herbst
singen die Vögel
dies auserwählte Volk
Wir Maskenträger
haben verlernt
zu lauschen
dem Amselgespräch
und der innern Musik
Herbst
der freundliche Feind
Leg deinen Raum
in den Rahmen
der Zeit

Rose Ausländer (Herbst)

Schon lange wollte ich gern etwas mit dem Titel „November-Elegie“ schreiben – nenne es eine Marotte – und natürlich hegen mich Zweifel, da es – wie ich mutmaße – längst zu vieles gibt, das diesen Namen trägt. Aber hier in unserem Literatur-Blog darf ich solches wagen.

An das Gedicht Rose Ausländers fand ich mich erinnert, als ich nach dem Abzug der Stare, deren unbekümmertes Schwatzen ich schmerzlich vermisse, morgens erstmals den melodischen, perlenden Gesang des Rotkehlchens hörte, welches sich unbeeindruckt von der Novemberwitterung auf einem der gegenüberliegenden Dächer niedergelassen hatte. Das Rotkehlchen, ein unverdrossener Wintersänger, der mir die lichtarmen Tage erträglich machen wird. Auch das leise, wie entfernt klingende Amselgezwitscher, zweckfrei vorgetragen, geschlossenen Schnabels mit unbeteiligter Miene: Ein Geheimnis des Herbstes, der weiter fortschreitet, um unmerklich dem Winter Platz zu machen. Freundlicher Feind? Er ist zu schnell vergangen, dieser Herbst, hatte zu wenig Raum im Rahmen der Zeit. Und mir liegt der Gedanke nahe: Möge der Winter es ihm gleich tun! Aber sogleich erinnere ich mich an versöhnlichere Töne, die ich diesem gegenüber einst anschlug, als ich schrieb: Er bringt uns die Ruhe zurück. Uns, die wir verlernt haben zu lauschen. Maskenträger, wir. Die wir zugeschüttet sind mit Lärm, gelernt haben, diesen an uns abgleiten zu lassen, – auf Kosten unserer Sensibilität für die leisen Töne.

Aufschlussreiche Beobachtung während einer mit Kindern im Vorschulalter erprobten Klangwerkstatt. Anfangs faszinieren besonders die lauten Instrumente. Selbst nach Herzenslust laute Töne erzeugen dürfen baut Spannungen ab, nimmt etwas von dem Druck, welcher durch den Lärm entsteht, der normalerweise von außen auf die Kleinen eindringt, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, sich dagegen zu wehren. Nach einer gewissen Zeit beginnen auch die leiseren Klänge wieder ihr Interesse zu wecken, sie üben sich neu im Hinhören und Lauschen. Und mir drängt sich der Gedanke auf: Wie können sie sich schützen vor dem Lärm, den die Großen ihnen unausgesetzt zumuten? Jene Großen, die von den Kleinen so oft fordern, still zu sein, sich ruhig zu verhalten?

Das Elegische will allein Klage nicht sein, abgesehen von jener um zerrinnende, unwiederbringlich verloren gehende Zeit. Ich verbringe die Tage in Gesellschaft einer hochbetagten Katze; ihr Schnurren begleitet mein Schreiben; ich versehe sie mit neuen Namen, nenne sie „Spinnrädchen“, „Nähmaschine“ und „Samt-Tiger“. Die Katze ist „nur geliehen“, was nichts zur Sache tut, denn was ist nicht alles Leihgabe von dem, was wir gern unser eigen nennen? Auf ihre Ohren ist Verlass. Sie liebt Musik von Vivaldi und Mozart. Und sie kann das Motorengeräusch meines alten Diesels unfehlbar identifizieren, kommt mir zur Begrüßung entgegen, sobald ich vorgefahren bin. Aber auch sie hat elegische Anwandlungen, Stunden, während derer sie, von sichtbarer Unruhe getrieben, auf geheimnisvolle Weise in der Nacht verschwindet oder sich am helllichten Tage in einem finsteren Winkel des Heizungskellers verschanzt, nicht ansprechbar ist, mir entgegen schaut wie eine Fremde und mich nicht an sich heranlässt. Irgendwann findet sie sich wieder vor  meiner Tür ein, als sei nichts gewesen. „Auch in meinem Katzenleben hat es Dinge gegeben, die mir manche Tage zu schaffen machen, von denen Du als Nicht-Schnurrhaarträgerin nichts ahnen kannst“, bilde ich mir ein, in ihrem Blick zu lesen. Womit sie wohl Recht haben mag. Und so lassen wir uns gegenseitig unsere Marotten und Befindlichkeiten, nach dem Motto: Leben und spinnen lassen.

Ansonsten in der Tat zu wenig Raum im Rahmen der Zeit, um den Herbst zu genießen. Vereinzelte „gestohlene Tage“, wie eine Stippvisite ins Siebengebirge zu einer meiner Lieblingsruinen, der Löwenburg, die eine traumhafte Kulisse für einen kurz währenden herbstlich-goldenen Sonnenuntergang über dem Rheintal bot.

Einer der unzweifelhaften Vorzüge, die der November aufzuweisen hat, ist der, manche Orte, die sonst von Besucherströmen heimgesucht sind, nahezu für sich allein zu haben. Das spätherbstliche, still gewordene Maulbronn, sakraler und literarischer Ort, lässt besonders in dieser Jahreszeit eine Ahnung früherer Tage vor dem inneren Auge erstehen, im Schatten der dunklen Sandsteinmauern stehend, dem Flüstern lange verklungener Stimmen lauschend. Für einen Lidschlag scheint hin und wieder ein kurzer Blick durch den Vorhang der Zeiten möglich, bevor der Novembernebel alle Bilder und Trugbilder wiederum verhüllt und es uns rückblickend schwer macht, sie voneinander zu unterscheiden.

Der Blick wird magisch angezogen von einem Transparent: „Adventskalender-Ausstellung“. Die schwere Tür zu der mächtigen ehemaligen Zehntscheune öffnen, sich im Dunkeln wiederfinden, schon glauben, im falschen Raum zu sein, dann hinter einer weiteren Tür Licht, Eintauchen in eine über hundertjährige Welt des Vorweihnachtszaubers, enges Beisammensein von Kitsch und Kunst, Faszination – aber auch Gruseln über Dokumente ideologischer Vereinnahmung zu unseligen Zeiten im Lauf der Geschichte.

Adventskalender – Zeugnisse verlogener Sentimentalität, Heraufbeschwören einer Idylle, die es nie gegeben hat? Oder schlicht eine Hommage an die kindliche Freude am Geheimnis, – auch wenn es lediglich um bunte Bildchen hinter Papptürchen geht? Sinnbild für die tief verwurzelte Sehnsucht nach Fenstern und Türen, die sich zu gegebener Zeit öffnen lassen, um hinter die sichtbaren Dinge schauen zu können? Deutungsversuche, die möglicherweise scheitern, während ich bei Kaffee und Nusstorte in einem nahegelegenen Café meine neu erworbenen Schätze – wie so oft sind Museumsladen und Buchhandlung Nutznießer meiner Stöbereien – betrachte: Ein Reprint eines schlichten Adventkalenders von 1946 und ein nostalgisches Glasmurmelspiel in einem putzigen Schächtelchen.

Nicht zuletzt ist diese Jahreszeit Lesezeit, könnte es umso mehr sein, wenn weniger andere Dinge zu tun wären. Immerhin reichte es zu einer neuen Buchbesprechung zu Lukas Hartmanns „Abschied von Sansibar“ – Diogenes Verlag, die bei Glanz & Elend erschien und auch in unserem Blog nachgelesen werden kann:Prinzessin ohne Land. Als nächstes plane ich, mich der bei Fischer neu erschienenen Anne-Frank-Gesamtausgabe etwas ausführlicher zu widmen.
Am 1. Dezember jährt sich der Todestag Christa Wolfs zum zweiten Mal. Ich vermisse sie sehr, ebenso Sarah Kirsch, die im Mai dieses Jahres verstarb. Zwei große Schriftstellerinnen, ganz unterschiedlich in Wesensart und Stil, beide unersetzlich. Das Schmökern in Sarah Kirschs ganz besonderen Tagebuchnotizen – wie „Krähengeschwätz“, „Regenkatze“ und „Märzveilchen“- ist seit Wochen meine bevorzugte Abendbeschäftigung. Zu Christa und Gerhard Wolf erschienen beim Ullstein Verlag unter dem Titel „Sei dennoch unverzagt“ aufgezeichnete Gespräche, geführt und herausgegeben von ihrer Enkelin, der Journalistin Jana Simon, – ein interessanter Austausch der Generationen. Für Winterlektüre ist also reich gesorgt. Mögen sich lediglich noch die dafür notwendigen Mußestunden finden!Und ungeachtet jährlich neu belebten inneren Grolls über Verlogenheit und Konsumwahnsinn der Weihnachtszeit freue ich mich darauf, mein im Frühjahr neu bezogenes Dachdomizil erstmals für den bevorstehenden Advent zu dekorieren…In diesem Sinne wünsche ich uns allen Mut und Kreativität, unsere persönliche Adventszeit nach jeweils eigenen Bedürfnissen individuell zu gestalten – und die Rolle der Gehetzten und von falschen Erwartungen Getriebenen konsequent von uns zu weisen!

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Hermann Hesse und ich

So manches widerfährt unseren Dichtern im Nachgange, wogegen sich zu wehren ihnen keine Möglichkeit mehr gegeben ist. Hierzu darf sich wohl auch mein Foto zählen, welches vor zwei Jahren in Calw auf einem meiner Ausflüge auf den Spuren der Dichter entstand. Es ist dieses – rückblickend betrachtet – natürlich eine unverschämte Dreistigkeit meinerseits, eine Anmaßung, die mir, der Nachgeborenen, eigentlich nicht zukommen dürfte, und meinem verehrten Hermann Hesse scheint die Skepsis förmlich in Haltung und Gesicht geschrieben. Mir bleibt nur zu hoffen, dass er es mir angesichts meiner Verehrung für ihn nachsehen und großzügig verzeihen würde.

Er soll sich gern und oft auf dieser Brücke, die über das lebendige Schwarzwaldflüsschen Nagold führt, aufgehalten haben, und auch jene leicht seitwärts geneigte Haltung, die der Künstler Kurt Tassotti aus Mühlacker sehr gelungen in seiner Bronzeskulptur verewigte, soll eine für ihn typische gewesen sein. Sie gefiel mir auf den ersten Blick, verleiht sie ihm doch etwas Pfiffiges. So empfinde ich ihn, – empfand ich ihn immer. Er ist der Dichter, dem es irgendwie stets gelingt, dass ich auf ihn treffe, wenn ich ihn am nötigsten brauche. Der mich stets aufbaute mit seinen Gedichten. Dem ich mich verwandt fühlte in seiner Verbundenheit zur Natur und Landschaft, – zuerst begegnete er mir, wenn ich mich richtig entsinne, in jungen Jahren in einem kleinen, nett gestalteten Buch mit Betrachtungen und Gedichten über Bäume, welches heute noch in meinen Regalen zu finden ist.  Dessen Romane mir neue Räume erschlossen, – wenn mir auch gerade der mit seinem Namen oft zuvorderst in Verbindung gebrachte „Steppenwolf“ seltsamerweise eher fremd blieb. Der für mich die Möglichkeit von Sprache in ihrer Vollendung erahnen ließ in seinem „Glasperlenspiel“. Dennoch nannte ich ihn nie „meinen Dichter“, – mit dieser Bezeichnung versah ich einen anderen, älteren, mit dem mich verbindet, an derselben Stelle geboren zu sein, – dem ich mich schon aus diesem Grunde verpflichtet fühle, – Hölderlin, den viel gepriesenen, wenig verstandenen, oft verkannten. Er war es, mit dem ich mich auch in jenen Tagen mit der ihm gebührenden Ernsthaftigkeit – sofern ich zu solcher fähig bin – befasste. Hermann Hesse verehrte ihn, – auch hier gibt es Berührungspunkte. Neben seiner Erzählung „Im Pressel´schen Gartenhaus“, die in poetischer Weise einen fiktiven Ausflug Mörikes und Waiblingers mit dem bereits betagten und als wahnsinnig geltenden Hölderlin auf den Tübinger Österberg schildert, – eine Begegnung, welche sich durchaus ähnlich zugetragen haben könnte, gab er unter anderem gesammelte Lebensdokumente über Hölderlin heraus, die mir Stoff lieferten für mein eigenes Schreibprojekt, an dem ich während meines damaligen Kuraufenthaltes arbeitete. Ich befand mich in einem Höhenkurort in unmittelbarer Nähe Calws und war untergebracht in einem altehrwürdigen Gebäude, welches vor Zeiten ein Lungensanatorium vorstellte,  was sich an seiner Architektur noch gut ablesen ließ. Mein Zimmer hatte einen großen Balkon mit holzgeschnitztem Gebälk, auf dem es sich gut in Decken verpackt in der Märzsonne ruhen und auf die hohen Ulmen im Park schauen ließ; ich nannte es meinen persönlichen kleinen Zauberberg. Gerne denke ich an diese Tage zurück, – sie waren wie für mich geschaffen mit meinen geliebten Schwarzwald vor der Tür; selten hatte ich mich an einem Ort so wohl gefühlt, nirgends so viel geschrieben. Eine seltene Erfahrung von Harmonie, – Ruhe, Bewegung an frischer Luft und freiwillig verordnetes Arbeiten in völligem Einklang ineinandergreifend. Zufällig stieß ich in der Buchhandlung des Ortes, wo man mich inzwischen ob meiner skurrilen Wünsche und Bestellungen kannte, – wann fragen Kurgäste gewöhnlich nach Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ und Mörikes „Maler Nolten“ – auf die Hesse´sche Entsprechung des Zauberbergs, seinen „Kurgast“, – Jahre vor dem erstgenannten erschienen -, den ich unter Bäumen sitzend mit großem Vergnügen geradezu verschlang und mich selten herrlicher amüsierte. Thomas Mann soll diesen Roman gekannt haben, bevor er den „Zauberberg“ schrieb. Hermann Hesse und Thomas Mann – eine freundschaftliche Beziehung zweier ganz verschiedener Persönlichkeiten, auf gegenseitiger Hochachtung beruhend. Hesse dieser Tage in Calw aufzusuchen war für mich ein längst überfälliges Vorhaben. So kam es zu jener „Begegnung“ – und dem Schnappschuss auf der Brücke. Dies ist es, was bleibt. Und die Erinnerung daran, wie mir im dortigen Museum beim Anhören alter Radioaufnahmen, – entstanden, bevor ich selbst das Licht der Welt erblickte -, plötzlich bewusst wurde, wie sehr er doch Schwabe war! Seine Aussprache und Eigenart, in Verben die Endungen auf „-ern“ zusammenzuziehen und dabei mit rollendem r das e zu verschlucken, – „… blüht jede Lebensstufe zu ihr´r Zeit und darrf nicht ewig daurr’n…“ -, sie erinnert mich so sehr an den vertrauten Klang der Aussprache vieler älterer – inzwischen längst verstorbener – Menschen in meinem Heimatort, die davon nicht sehr viel verschieden ist, – so wenig, wie auch dieser Ort, an dem Hesse geboren wurde, nicht allzu weit entfernt von meinem liegt. Hölderlin und Hesse, – beide zu völlig verschiedenen Zeiten Seminaristen im unweit gelegenen Kloster Maulbronn, das ich ebenfalls oft und gerne besuche: Hölderlin, der tüchtige, fleißige Lerner, – Hesse, eher der unglückliche und sich nicht abfindende „Querulant“ und spätere „Schulabbrecher“, – mir der eindrückliche Beweis, dass sich Bildung auf vielerlei Wegen erwerben lässt, die keineswegs immer die vorgegebenen sein müssen. Die kritische Auseinandersetzung mit den Maulbronner Schulverhältnissen, unter denen er selbst immens litt, verarbeitete er in „Unterm Rad“, dennoch war er nicht einer, der sich ganz dem Zauber des Ortes selbst entziehen konnte, welcher ihn wohl in späteren Jahren zu dem unvergleichlichen – in einem eher wieder versöhnten Ton gehaltenen – Gedicht „Im Maulbronner Kreuzgang“ inspirierte:

„Verzaubert in der Jugend grünem Tale
Steh ich am moosigen Säulenschaft gelehnt
Und horche, wie in seiner grünen Schale
Der Brunnen klingend die Gewölbe dehnt.“

Wer je dort stand und in raren Augenblicken die angesichts der vorüberziehenden Besucherströme selten gewordene Stille des Kreuzgangs und den Klang des Brunnens in sich aufnehmen konnte, weiß, dass niemand dieses Bild besser ausdrücken könnte. Und so wird mir der Dichter, dessen Skulptur auf der Calwer Nikolausbrücke hier mit verschmitzter Distanziertheit meine Zudringlichkeit erdulden muss, zugleich Vertrauter und immer wieder neu zu Entdeckender sein und bleiben.

Bettina Johl

Der Beitrag ist in gekürzter Fassung erschienen in: „Hermann Hesse antwortet … auf Facebook“, Suhrkamp Berlin 2012, suhrkamp taschenbuch 4376,  95 Seiten, ISBN 978-3-512-46376-5

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