Leise und eindringliche Erzählkunst

Aller Liebe

Über „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann

Kritiker, denen es außer an eigenem Stil schlicht an Kinderstube mangelt, werden uns wohl zu allen Zeiten manche Lektüre sauer zu machen versuchen. Wundersam mutet dies an, wenn man solches Niveau nicht etwa in einem drittklassigen Schmierblatt, sondern in einer überregionalen Zeitung vorfindet, die sich gern als DIE Meinungsbildnerin kluger Köpfe darstellt. Das Gute daran: Ich sah mich daraufhin veranlasst, Judith Hermanns Roman nun tatsächlich zu lesen, was sonst kaum geschehen wäre, da ich gewöhnlich um so und ähnlich lautende Titel wie „Aller Liebe Anfang“ einen Bogen zu machen pflege. Alles in allem brachte mich die Autorin dazu, ein Buch, das mich zunächst zugegeben wenig interessierte, in eineinhalb Tagen zu Ende zu lesen, darüber alles andere zu vernachlässigen und es zwischendurch kaum aus der Hand legen zu können. Ein leiser, eindringlicher Erzählstil versteht es, eine beklemmende Spannung aufzubauen, die den Leser in den Bann zieht. Dass manche jahreszeitliche Naturerscheinung nicht recht passen will, kann notfalls als Symbol für eine allgemein aus den Fugen geratende Welt genommen werden; die sensible Schilderung von Menschen mit all ihren unerfüllten Träumen und Sehnsüchten, die kein „Zu alt“ kennen, macht dies allemal wett. Ich freue mich, dass es für den Erich-Fried-Preis ausgewählt wurde.

Bettina Johl

Judith Hermann: Aller Liebe Anfang, S.Fischer, Frankfurt am Main 2014, 224 Seiten, 19,99 Euro

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