Dialog der Generationen

Jana Simon

Jana Simon im Gespräch mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf

Mit Großeltern hat es eine eigene Bewandtnis. Wir finden in ihnen die uns am nächsten stehenden Zeitzeugen vergangener Tage. Sofern es uns vergönnt ist, auf der ersten Strecke unseres Lebensweges über ein kurzes oder auch längeres Stück von ihnen begleitet zu werden, können sie uns wichtige Bezugspersonen und Gesprächspartner sein. Wir schätzen ihre Sichtweise der Dinge schon darum, weil diese sich oft von der unserer Eltern unterscheidet. Werden wir dann älter, können uns die „Geschichten von früher“, denen wir als kleine Kinder zuweilen noch begierig lauschten, auch schon ein um das andere Mal zu viel werden. Doch dann werden wir selbst erwachsen, gründen Familien, haben eines Tages eigene Kinder. Unsere Großeltern, wenn sie uns noch erhalten geblieben sind, werden älter und allmählich gebrechlicher. Erst dann wird vielen von uns bewusst, dass die Zeit, von der wir die Fülle zu haben glaubten, plötzlich zum knappen Gut geworden ist, uns davonläuft. Dass wir nicht nur lernen müssen, von wichtigen Menschen in unserem Leben Abschied zu nehmen, dass auch viele Erinnerungen, sofern sie oder wir sie nicht auf irgendeine Weise aufgezeichnet haben, für immer verloren gehen werden, und damit entscheidende Puzzleteile, nicht nur unseres persönlichen Gedächtnisses, auch – wenn man so will – des Gedächtnisses der Menschheit.

Nun findet sich die Autorin Jana Simon gewiss nicht in der Situation einer Enkelin, deren Großeltern nichts Schriftliches hinterlassen hätten. Im Gegenteil. Das umfangreiche Werk zu lesen, welches ihre 2011 im Alter von 82 Jahren verstorbene Großmutter Christa Wolf hinterließ, sollte sie erst nach und nach Zeit finden. Hinzu kommen zahlreiche Veröffentlichungen ihres Großvaters Gerhard Wolf, ebenfalls Autor und Verleger, der sich außer der Literatur auch mit großer Liebe der Bildenden Kunst und der Förderung von Künstlern verschrieben hat. Ihr wichtigstes eigenes Erbe, das Talent zum Schreiben, hat sie als Journalistin längst angetreten. Wenn auch Themen, Lebenswelt und Lebensstil zeitbedingt andere sind, so zeigen sich doch eine deutliche Prägung und viele Gemeinsamkeiten.

Im Alter von fünfundzwanzig Jahren beginnt Jana Simon erstmals, damals noch mit einem guten alten Kassettengerät, ihre Großeltern gezielt zu Themen der Vergangenheit, die sie beschäftigen, zu befragen und die Gespräche aufzuzeichnen. Über zehn Jahre setzt sie dies fort, unregelmäßig, teilweise mit sehr großen Zeitabständen. Immer kommt etwas dazwischen, sind alle zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Ihre eigene Tochter Nora kommt zur Welt; ihr ist das nun vorliegende Buch gewidmet. Die erste Urenkelin. Eine neue Generation, die mit neuen Fragen heranwachsen wird. Auch mit neuen Konflikten.

Die Konflikte sind es vor allem, die Jana Simon interessierten, sie zu ihrem Projekt bewegten. Trotz vieler Bücher im Regal: Das Gefühl, zu wenig zu wissen über ihre Großeltern und darüber, womit sie zu kämpfen hatten. Zu einer Zeit, die sich immer mehr in die Geschichtsbücher zurückzieht, aus denen sie sich für die Nachwachsenden nur mühsam wieder hervorholen lässt. Die DDR, die das Leben der Familie der Autorin und noch ihr eigenes Aufwachsen prägte, brach zusammen, als Jana Simons Schulzeit endete. Nach der politischen Wende schien die Zeit mit doppelter Geschwindigkeit dahin zu jagen. Die junge Generation fand sich damit beschäftigt, die neu gewonnene, zuvor lange entbehrte Freiheit zu nutzen und zu genießen. Was zuvor unerreichbar schien, war endlich greifbar geworden: Reisen, ein Studium im Ausland. Wer es sich ermöglichen konnte, nutzte es.

Noch war in der allgemeinen Euphorie keine Rede davon, dass sich alsbald auch Schattenseiten abzeichnen würden. Dass sich mancher später auf der Verliererseite wiederfinden würde, um festzustellen, dass sich von politischer Seite kaum mehr jemand dafür zuständig sehen wollte. Die Stimmen derer, die zu Beginn über einen dritten Weg zumindest nachdenken wollten, wurden wirksam überschrien und sind längst verstummt und vergessen. Die Macht der Medien vermag viel.

Was bleibt, sind Fragen. Keineswegs verklungen, nur vorübergehend in den Hintergrund getreten, um sich beim Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt neu zu stellen. Die Fragen der Nachkommen an eine Generation, die – wie die Autorin feststellt – „den Krieg, die Flucht und zwei Diktaturen erlebt hat“ und „die es bald nicht mehr geben wird.“ Jana Simon findet sich in der glücklichen Situation, Großeltern zu haben, die reden. Die reflektieren und hinterfragen. Auch sich selbst. Viele tun dies nicht. Das Phänomen ist bekannt und beschäftigt die Psychologen. Eine oft mehrfach traumatisierte Generation hüllt sich in kollektives Schweigen und lässt die Jüngeren mit ihren brennenden Fragen im Stich. Verhängnisvoll für deren Zukunft.

Sich die Lebensumstände der Großeltern vorstellen erfordert ein Sich-hinein-denken in ein Leben ohne Informations- und Medienvielfalt. „Sieh mal, wenn du in deinem ganzen Umfeld nicht einen einzigen Menschen hast, der dir erzählt, was tatsächlich in der Welt geschieht, wie sollst du als Kind wissen, was vor sich geht?“ In einem ihrer Romane ist Christa Wolf sehr intensiv ihrer eigenen Spur nachgegangen. Mit der Aufforderung: „Dann lies einfach Kindheitsmuster!“ gibt sich die Enkelin jedoch nicht zufrieden. „Das habe ich. Aber da steht nicht alles drin, und ich würde es gern von euch hören.“

Die Gespräche finden im familiären Rahmen statt, sind sie zunächst doch ausschließlich für diesen vorgesehen. Begebenheiten des Tages fließen mit hinein, die Atmosphäre ist vertraut. Bei aller Nachdenklichkeit wird zwischendurch viel gelacht. Man sitzt im Wohnzimmer in Berlin oder im Garten im mecklenburgischen Woserin, dem Sommerrefugium. Zuweilen am alten Küchentisch, dem – wie es auch in „Ein Tag im Jahr“ zu lesen ist – als Ort für Essen und Trinken in geselliger Runde, für Zusammenkünfte und Gespräche stets eine besondere Bedeutung zukam. Der für Erinnerungen an frühere Tage steht. An Freundschaften, die mit diesen verbunden waren. Viele darunter, die weggebrochen sind. Zu groß die Veränderungen. „Was uns zusammengehalten hat, ist nicht mehr da“, so Christa Wolf 1998 und ihr Mann fügt hinzu: „Und was uns unterschieden hatte, war zuvor nicht thematisiert worden. Das brach dann mit einem Mal nach dem Mauerfall auf.“

Das Verbindende im gemeinsamen Tun als Basis. In welcher Intensität einst Politik in das tägliche Leben, auch in Freundschaften, mit hinein spielte, daraus kaum wegzudenken war, – es lässt sich von den Jüngeren kaum noch nachvollziehen. Sie wiederum werden von den Älteren mit Staunen als unpolitische Generation wahrgenommen. Dennoch finden sich bei allen Unterschieden immer wieder Übereinstimmungen. Zu keiner Zeit lassen die Gespräche es an Offenheit und gegenseitiger Akzeptanz fehlen. Die Enkelin lebt ein ganz anderes Leben, reist viel und lebt zeitweise im Ausland. Sie bezeichnet sich nicht als politisch engagiert, aber sie schreibt in ihrem Beruf über gesellschaftliche Themen und bezieht zu diesen Position. Es entspinnen sich Gespräche über das ihnen allen vertraute, oft vergebliche Ringen um Objektivität beim Schreiben. Die Bedeutung der Zwischentöne. Das Hinauslaufen – immer wieder! – auf die bezeichnende, die allgemeine Überforderung signalisierende Feststellung: „Ich weiß es nicht.“ Jana Simon befindet gar, dass man diesen Satz, letzter Satz – in der leicht veränderten Form „Das weiß ich nicht.“ – auch in Christa Wolfs zu dieser Zeit noch in Arbeit befindlichem Buch „Stadt der Engel“, als Leitspruch über das ganze heutige Leben stellen könnte.

Konflikte. Für Christa Wolfs Schreiben waren sie Voraussetzung. „Ich könnte bei jedem Buch sagen, aus welcher Konfliktlage heraus es sich mir aufgezwungen hat.“ Nicht immer lassen sich diese so eindeutig mit Jahreszahlen verknüpfen wie 1965 (11. Plenum), 1968 (Prager Frühling), 1976 (Biermann-Affäre) oder schließlich die Ereignisse ab 1989. Begebenheiten, über die sich mehr und mehr der Schleier des Vergessens zu legen beginnt, da uns die Zeitzeugen von einst nach und nach verlassen. Was waren die Ideen, die so lange an der DDR festhalten ließen? Zum einen die des Antifaschismus. Zahlreiche Exilanten während der Zeit des Nationalsozialismus hatten sich nach ihrer Rückkehr in der DDR niedergelassen; sie und ihre Ideale dienten den Jüngeren als Vorbild. Viele unter ihnen, die Jahre später von der Entwicklung des neuen Systems bitter enttäuscht waren, – keine Frage. Zum anderen der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit.

Zweifel? Sie stellten sich bald ein, – gewiss. Weggehen als Alternative? Wohin? Und die Familie? Die Freunde? Die Leser? Zeitungen, die im Briefkasten steckten, auf deren Rändern man hastig gekritzelte Botschaften fand: „Bleiben Sie bloß hier! Gehen Sie nicht auch noch weg!“ Es gab viele, die Hoffnung in die im Lande verbliebenen Autoren und Künstler setzten. Hoffnung, sie könnten mit ihren Ideen von innen heraus etwas verändern. Hoffnung bis zuletzt, dass es doch noch einen dritten Weg geben könne. Dass es möglich wäre, einen modernen, sozialistischen Staat zu schaffen, der ohne Einengung, Überwachung und Unterdrückung seiner Menschen auskommt. Eine Idee, für die sich im materiellen Aufholfieber der Wendezeit keine Mehrheit mehr fand. Reicht ihr damaliges Scheitern aus, um sie als endgültig falsch zu bewerten? Die Entwicklung der nachfolgenden Jahrzehnte zeigt manche Schattenseite eines grenzen- und skrupellosen Kapitalismus auf. Neue Fragen. „Wohin steuert die Gesellschaftsordnung in der Globalisierung?“

Es gibt keine Ideologie mehr, die Orientierung verleihen könnte oder gar eine schnelle Antwort bereit hielte. Die Enkelin sieht die Vorteile darin, dass man dadurch möglicherweise misstrauischer und weniger verführbar sei, merkt aber auch an, dass sicherlich viel Kraft darin liegen könne, von einer Sache völlig überzeugt zu sein. Kraft, die man heute manchmal vermisst, weil man sie für notwendige Veränderungen gut gebrauchen könnte?

Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Das letzte Gespräch findet nur mehr zwischen Jana Simon und ihrem Großvater statt, ein halbes Jahr nach dem Tod Christa Wolfs. Für ihren Mann ist sie noch überall gegenwärtig, in ihren Büchern, in allem Schriftlichen, das sie hinterließ. Dies alles zu sichten, manches bislang Unveröffentlichte noch herauszugeben, wird ihn nach Vermögen noch sehr lange beansprucht halten. Er war der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Nach dem Geheimnis ihrer Beziehung, die sich über sechzig Jahre als haltbar und tragfähig zeigte, gefragt, nannten beide das gemeinsame Schaffen, ihr gegenseitiges Sich-Ergänzen. Gerhard Wolf sah in seiner Frau immer auch die bedeutende Autorin und machte es sich zur Lebensaufgabe, sie zu fördern und zu unterstützen. Stets las er ihre Texte als Erster, sein Urteil war für sie unerlässlich. Er hingegen fühlte sich nie als in ihrem Schatten stehend, arbeitete stets zugleich an eigenen – weniger bekannten, aber keineswegs weniger interessanten – Projekten. Er erschloss ihr das ihr weniger vertraute Feld der Lyrik und das der Bildenden Kunst und schuf so einen – Christa Wolf wörtlich – „literarisch-künstlerischen Hintergrund“ für ihr gemeinschaftliches Leben und Arbeiten; sie nennt es „ein ganzes Geflecht, auf dem unser Leben ruht“, spricht von ihrer Partnerschaft als einer „idealen Verbindung“, in der jeder dem anderen etwas geben kann.

Christa Wolf ist gegangen. Sie fehlt. Als letzte Geleitworte hatte Gerhard Wolf ihr Verse aus einem Gedicht Paul Flemings, welches sie sehr mochte, mitgegeben. Dieses trägt den Titel „An sich“ und entstand zur keineswegs idyllischen Zeit des Dreißigjährigen Krieges:

„Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
Tu, was getan muß sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.“

„Sei dennoch unverzagt“ lautet nun auch der Titel dieses sehr lesenswerten Buches. Wenn wir so wollen: Ein Vermächtnis.

Copyright: Bettina Johl

Jana Simon: Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013. 288 Seiten, 19.99 €. ISBN 978-3-550-08040-1

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