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Reif für die Ewigkeit – 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard

Drawing of Søren Kierkegaard. The Frederiksbor...

Drawing of Søren Kierkegaard. The Frederiksborg Museum. (Photo credit: Wikipedia)

„Es gibt zwei Gedanken, die so frühzeitig in meiner Seele gewesen sind, dass ich ihr Entstehen eigentlich nicht nachweisen kann. Das erste ist: dass es Menschen gibt, deren Bestimmung es ist, geopfert zu werden, damit die Idee hervortreten kann – und dass ich durch mein besonderes Kreuz ein solcher bin. Der andere Gedanke ist der, dass ich nie in die Lage kommen würde, für mein Auskommen zu arbeiten, teils weil ich meinte, ich würde sehr jung sterben, teils weil ich meinte, dass Gott in Anbetracht meines besonderen Kreuzes mir dies Leiden und diese Aufgabe ersparen würde. Woher man solche Gedanken hat, ja, das weiß ich nicht, angelesen habe ich sie mir nicht, auch habe ich sie nicht von einem anderen Menschen.“ Søren Kierkegaard

„Kierkegaards Philosophie ist eine radikale Philosophie des Einzelnen. Søren Kierkegaard ist ein großer Wachrufer innerhalb der Philosophiegeschichte, der uns klarmacht, dass es nicht nur darum geht, zu denken, sondern leben zu lernen, eine eigene Existenz zu führen. Er ist der erste große Philosoph der Existenz der Moderne.“ Robert Zimmer

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Der Theologe und Philosoph Walter Nigg nannte Søren Kierkegaard einst einen „der geheimnisvollsten Menschen, die je gelebt haben“, in der Philosophiehistorie wird er gemeinsam mit Schopenhauer als „leidender Denker“ geführt. Fast sein ganzes Leben verbrachte er in Kopenhagen, der Stadt, in der er am 5. Mai 1813 geboren wurde und am 11. November 1855 auch gestorben ist. Er war Philosoph, Theologe und Dichter, ein religiöser Schriftsteller und einfühlsamer Psychologe, zuletzt, an seinem Lebensende, ein radikaler Kirchenstürmer und Kämpfer für ein echtes Christentum. Kierkegaard fühlte sich sein Leben hindurch missverstanden und sah sich als „Märtyrer des Gespötts“: „Ich habe weder als ich als Schriftsteller begann, noch später irgendeine Autorität erworben, ebenso wenig, wie ich irgendeine besondere Bedeutung für meine ernsthafte Gegenwart habe, – ja, es sei denn, dass ich sie mit Hilfe meiner Hosen bekommen hätte, die in einem solch eminenten Grad zur Sensation wurden und sich das besondere Interesse eines ernsthaften und gebildeten Publikums zugezogen haben. Ein paar graue alte Hosen lassen alles andere in Vergessenheit geraten.“

Søren Aabye Kierkegaard wurde als Sohn des wohlhabenden und frommen Strickwarenhändlers Michael Pedersen Kierkegaard und seiner zweiten Ehefrau Ane geboren, die zunächst Dienstmädchen im Hause der Familie war. Er kam als siebtes und letztes Kind zur Welt, der Vater war bereits 56 Jahre alt, die Mutter fast 45 Jahre alt. Ihr erstes Kind bekam Ane bereits 4 Monate nach der Trauung mit dem glaubensstrengen Michael Pedersen. »Von Kindesbeinen war ich in der Gewalt einer ungeheuren Schwermut« schrieb er später. »Ich hatte einen Pfahl im Fleisch.« Die Schwermut war Erblast des pietistischen, glaubensstrengen Vaters, der einer vermeintlichen religiösen Schuld wegen in ständiger Erwartung göttlicher Strafe lebte. Kierkegaard führte in seinen frühen Erwachsenenjahren das Leben eines unfrohen Dandys und beendete sein Studium der Theologie und Philosophie drei Jahre nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1841. Nach heutigen Maßstäben war er Erbe eines Millionenvermögens, das er bis zu seinem frühen Tod – praktisches Denken schien ihm etwas Äußeres – fast völlig aufbrauchte. Er beschäftigte Diener und Sekretär. Die verschwenderische Lebensführung, berühmt sind seine ausgiebigen Spazierfahrten im Fiaker, und die Isolation seiner Schriftstellerexistenz zählen mit zu den vielen Paradoxien des Menschen Søren Kierkegaard. Zu den Widersprüchen in seinen moralischen Ansprüchen gehören seine Frauenfeindlichkeit und seine antisemitischen Ausfälle in den Tagebüchern.

Nach der Auflösung der Verlobung mit Regine Olsen, der einzigen Liebe seines Lebens, im Jahre 1841, und nach einem Besuch in Berlin, wo er die Vorlesungen Schellings hörte, begann er mit der Abfassung seines Werkes »Entweder-Oder«, das er wie alle seine philosophischen Schriften unter Pseudonym veröffentlichte. Fast sämtliche seiner Werke, die sich in dichterisch-philosophische und religiöse unterscheiden lassen, erschienen in den letzten 12 Jahren seines Lebens. Die ironischen Maskenspiele der Pseudonyme boten Kierkegaard die Gelegenheit, reflektierend Optionen durchzuspielen und selbst dahinter verborgen zu bleiben. Eine Vielzahl seiner Schriften stellt solche Möglichkeiten und Lebenshaltungen dar, nicht in belehrend-pädagogischer Absicht, sondern um Entscheidungen vorzubereiten, wie Johan de Mylius im Nachwort zu der von ihm klug und sorgfältig edierten Textsammlung „Kierkegaard für Gestresste“ schreibt.

Die Hauptbegriffe des dänischen Denkers sind »Existenz«, »Innerlichkeit« und »Glaube«. Im Zentrum steht dabei nicht der Mensch als Gattungswesen, sondern das Individuum. der konkrete Einzelne. 1843 erschienen neben »Entweder-Oder« die Werke »Furcht und Zittern« und »Die Wiederholung«, in den nächsten Jahren folgten »Der Begriff Angst«, »Die Krankheit zum Tode«, 1850  die Schrift »Einübung im Christentum«.

In »Entweder-Oder« behauptet Victor Eremita, der fingierte Herausgeber, verschiedene Papiere gefunden zu haben, die er zwei Verfassern zuschreibt, die eine ästhetische (A) und eine ethische Lebensanschauung (B) und deren jeweilige Wertesysteme repräsentieren. Im ersten, ästhetischen Stadium ist der Mensch unmittelbar, reflexions- und wahllos dem sinnlichen, erotischen Leben verfallen. Im zweiten, ethischen Stadium ermöglicht die Reflexion die Entdeckung eines vom sinnlich-unmittelbaren Einzelnen abstrahierten Allgemeinen, das sich moralisch, politisch oder philosophisch erfassen lässt. Im Ethisch-Allgemeinen können jedoch nur gemeinschaftliche und für den Einzelnen letztlich relative Ziele verwirklicht werden.

Nach Kierkegaard kann der Mensch sein absolutes Ziel, seine Vollkommenheit nur im dritten, religiösen Stadium, in der christlichen Existenz erreichen, die alle Stadien in sich vereinigt und die vorherige existenzielle Entscheidung verlangt, Christ zu werden; religiöser Glaube hebt auch Angst und Verzweiflung des Einzelnen auf. Kierkegaard stellt in »Entweder-Oder« dieses Stadium erst im Schlussteil in Form einer erbaulichen Rede bzw. Predigt dar. Die religiöse Existenz wird dann vor allem in seiner Schrift »Furcht und Zittern« thematisiert, in der Kierkegaard unter dem Distanz herstellenden Pseudonym Johannes de Silentio über die biblische Geschichte um Abraham und Isaak nachdenkt. In der religiösen Sphäre schuldet der Mensch nur noch Gott gegenüber Gehorsam, der Einzelne steht höher als das Allgemein-Ethische; kraft des Absurden (des Glaubens) ist alles möglich. In »Furcht und Zittern«, eines der meistdiskutierten und umstrittensten Werke Kierkegaards, von dem er glaubte, dass es allein ausreiche, um ihn unsterblich zu machen, wird auf einer zunächst vordergründigen Ebene die Frage erörtert, ob eine »immanente Ethik« genüge oder ob es eine »teleologische Suspension des Ethischen« gebe, die Abrahams beabsichtigte Opferung Isaaks rechtfertigen könnte.

Für einige Interpreten wird damit das Ende der Ethik postuliert, eine radikale Apologetik des religiösen Fundamentalismus, andere deuten den Text als einen souveränen und ironischen Angriff auf jede Art fundamentalistischen Denkens. Unbestritten sind die Reflexionshöhe, die gedankliche Schärfe und sprachliche Eleganz dieses verstörenden, provokanten Textes. Dem dänischen Denker war jeder zutiefst verdächtig, der behauptete, bereits im Besitz der Wahrheit zu sein, der Weg zu ihr ist für ihn ein nie aufhörender Prozess der Aneignung. Kierkegaard symbolisiert geradezu den radikalen Verzicht auf Autorität und geistiger Machtausübung: »Ich habe eigentlich keine Unmittelbarkeit gehabt und habe daher, ganz menschlich betrachtet, nicht gelebt; ich habe sofort mit der Reflexion begonnen, ich habe, als ich älter wurde, nicht ein wenig Reflexion gesammelt, sondern eigentlich bin ich Reflexion von Anfang bis Ende.«

Auch wenn seine eigentlich religiösen Schriften und Reden unter seinem eigenen Namen erschienen, müssen sie dennoch als spezifische »Stimmlagen« betrachtet werden, wie sie de Mylius nennt, die je nach »erbaulichem« Anlass geformt wurden. Sie sind ebenso literarisch wie die übrigen Arbeiten, die theologischen und philosophischen Absichten werden in ein schriftstellerisches Gesamtprojekt gefügt, das die Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflussen sollte. Franz Kafka notierte nach der Lektüre einer Auswahl von Kierkegaards Tagebüchern im Jahre 1913: »Wie ich ahnte, ist sein Fall trotz wesentlicher Unterschiede dem meinen sehr ähnlich, zumindest liegt er auf der gleichen Seite der Welt. Er bestätigt mich wie ein Freund.« Saul Friedländer vertritt in seiner jüngst erschienenen, vorzüglichen Kafka-Studie die Ansicht, der Einfluss des dänischen Denkers auf Kafka bestehe wesentlich darin, dass sich Kierkegaard einem philosophischen »System« verweigere und seine eigene Philosophie nur »auf individuelle Erfahrung und individuelle ästhetische oder moralische Entscheidung« gründe, »auf die individuelle Bereitschaft zum ‚Sprung in den Glauben’«, auch wenn dies vordergründig nach einer »Absage an grundlegend sittliche Gebote (‚Furcht und Zittern‘)« aussehe. Unbeeinflusst sei Kafka von den christlichen Vorzeichen dieses »frühen Existentialismus“ geblieben, doch er übernehme »die fundamentale Furcht und die einsamen Entscheidungen, die zur conditio humana als solcher gehören.«

Kierkegaard konnte dem systemtheoretischen Denkmuster Hegelscher Prägung, das er ablehnte, eine Vielzahl von Einzelstimmen entgegensetzen, die letztlich Bausteine zur Selbstfindung des Individuums sind, wie es Otto A. Böhmer in seinem neuen Kierkegaard-Buch »Reif für die Ewigkeit« beschreibt. Das Ich, das sich nach Kierkegaard selbst wählt, wird nicht ein anderer, es empfängt sich selbst, wählt sein »Entweder-Oder«: »Wenn alles stille geworden ist um den Menschen, feierlich wie eine sternenklare Nacht, wenn die Seele in der ganzen Welt allein mit sich selbst ist, da tritt ihr nicht ein ausgezeichneter Mensch gegenüber, sondern die ewige Macht selbst; es ist, als ob der Himmel sich öffnete, und das Ich wählt sich selbst, oder vielmehr, es nimmt sich selbst in Empfang.« Diese Wahl wird niemandem abgenommen, durch sie »empfängt die Persönlichkeit den Ritterschlag, der sie für die Ewigkeit adelt.«  Im Zweifelsfall, so Böhmer, »läuft es immer wieder auf eine Entscheidung hinaus, die jeder für sich treffen muss«, egal ob er Kierkegaards Fazit eines christlich bestimmten Lebens folge oder nicht: »In dem einen, mir bestimmten Augenblick, der Klarheit bringt, entscheide ich mich für mich selbst und nehme mich an.« Und so hat Søren Kierkegaards Maxime auch zu seinem 200. Geburtstag nichts an ihrer Aktualität verloren: »Das Große ist, nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.«

Apropos Kierkegaards Hosen: Die Zeitung »Corsaren« brachte 1846 Karikaturen über Kierkegaard in Umlauf, machte sich lustig über seine ungleich langen Hosenbeine, die Art, wie er seinen Stock hielt, seine Körperhaltung und seine Hüte. Die Karikaturen haben eine lange Haltbarkeit bewiesen. Sie wirken bis heute.

Georg Brandes, der dänische Literaturkritiker und Philosoph, der Nietzsches Genie als einer der Ersten erkannte und in Europa bekannt machte, über dessen »aristokratischen Radikalismus« er Vorlesungen hielt und in Buchform brachte, einer der Wegbereiter der Moderne, hob auch die befreienden Ideen Kierkegaards hervor, und seine 1877 erschiene Schrift »Søren Kierkegaard. Eine Kritische Darstellung« beginnt mit den Sätzen: »Meine früheste Erinnerung, was Kierkegaard betrifft, ist die: Wenn ich als kleiner Junge meine Hosen nicht glatt und sorgfältig über die damals üblichen langen Stiefelschäfte zog, sagte das Kindermädchen warnend zu mir: ‚Søren Kierkegaard!‘ Auf solche Art hörte ich zum ersten Mal jenen Namen, der zur selben Zeit den Erwachsenen so laut in den Ohren klang. Die Karikaturzeichnungen im Kopenhagener Witzblatt ‚Corsaren‘ hatten Kierkegaards Beine in Kreisen bekannt gemacht, zu denen sein Genie nicht vorgedrungen war.«

Copyright: Dieter Kaltwasser

Der Beitrag erschien erstmalig am 2. Mai 2013 im Online-Magazin „Glanz & Elend“, in gekürzten Fassungen am 4. Mai 2013 im General-Anzeiger Bonn und  im Rezensionsforum literaturkritik.de.

Literatur:

Otto A. Böhmer: Reif für die Ewigkeit, Sören Kierkegaard und die Kunst der Selbstfindung. Diederichs Verlag, München 2013. 176 Seiten, 17,99 €. ISBN: 978-3-424-35075-3

Sören Kierkegaard: Es gehört wahrlich Mut dazu, Gedanken über das Leben. Ausgewählt und herausgegeben von Asa A. Schillinge -Kind. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011. 192 Seiten, 9,90 €. ISBN: 978-3-423-14012-6

Kierkegaard für Gestresste. Herausgegeben von Johan de Mylius. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Insel Verlag, Berlin 2013. 183 Seiten, 9 €. ISBN: 978-3-458-35918-0

Saul Friedländer: Franz Kafka. Aus dem Englischen übersetzt von Martin Pfeiffer. Verlag C.H. Beck, München 2012. 252 Seiten, 19,95 EUR. ISBN-13: 978-3-406-63740-7

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Auf verlorenem Posten – Über Ernst Jünger

Ernst Jünger, (March 29, 1895 – February 17, 1...

Ernst Jünger

Leben und Werk von Ernst Jünger stehen wie kein anderes eines deutschen Schriftstellers unter normativer Kontrolle. Daran hat sich auch nach seinem Tode nichts geändert. Am 17. Februar 1998 starb Ernst Jünger im Alter von fast 103 Jahren. Sein Leben erstreckte sich über ein Jahrhundert zweier Weltkriege und des Kalten Krieges, die letzen zehn Jahre lebte und erlebte er im wiedervereinigten Deutschland. Jünger wird 1895 in Heidelberg geboren und Deutschland ist, obwohl noch im Kaiserreich, in die Moderne eingetreten. Zweimal sah Jünger in seinem langen Leben den Kometen Halley, der alle sechsundsiebzig Jahren an der Erde vorüberzieht. Für viele, die seine Zeitgenossen waren, ist es ein provozierendes Lebens im Jahrhundert der Kriege gewesen. Er hat polarisiert und fasziniert, weil er sich partout in kein Schema fügen wollte. Doch die Zeiten, in denen Ernst Jünger Anlass für politische Protestdemonstrationen geboten hat, wie 1982 vor der Verleihung des Goethe-Preises, sind vorüber. Inzwischen beschäftigt man sich mit ihm so kühl und sachlich, wie er einem seiner liebsten Hobbys nachgegangen ist: dem Käfersammeln. Geblieben von ihm sind ein sehr spannungs- und widerspruchsgeladenes Gesamtwerk und eine epochale Biographie. Doch auch wenn die schroffen Auseinandersetzungen um Jünger der Vergangenheit angehören, sollte man sie nicht einfach ad acta legen. Schließlich spiegeln sie auf besonders lehrreiche Weise deutsche Befindlichkeiten im 20. Jahrhundert.

Dieses unerschöpflichen Erzählstoffes haben sich Helmut Kiesel, Literaturprofessor in Heidelberg, und Heimo Schwilk, Redakteur der „Welt am Sonntag“, angenommen. Sie schildern lebendig und kenntnisreich Jüngers Leben und Werk im Kolorit des Zeithorizontes, und er ist für beide eine Jahrhundertgestalt, die wie kaum eine zweite die zentralen Wendungen und Widersprüche der deutschen Geschichte widerspiegelt. Schwilk macht bereits im Vorwort klar, dass Jünger zum „demokratischen Diskurs“ wenig beizutragen hat, viel aber zu dem, was „Heidegger die Existenzialien genannt hat: Zeitlichkeit, Geworfenheit, Sterblichkeit.“ Die Gewissheit, dass das Leben ein Geheimniszustand sei, dieser „romantische Grundzug seines Lebens schloss ihn weitgehend von einer Gegenwart aus, die an der Banalisierung unserer Existent tagaus tagein geschäftig arbeitet. Er verkörpert das Rätsel der deutschen Seele, deren faszinierende Eigenwilligkeit“, den Metaphysiker. Dies trifft wohl zu auf den späten Jünger, doch nicht auf den Theoretiker und Propagandisten des Krieges, der er auch war, ungerührt den Untergang prognostizierend, wie es in den 1920 erschienenen Aufzeichnungen „In Stahlgewittern“ und in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen während des Zweiten Weltkriegs geschieht. Ernst Jünger erhielt als letzter Offizier im Jahre 1918 den Kriegsorden Pour le Merite. Die ästhetisierenden Darstellungen von Krieg und Gewalt, die Ästhetik des Schreckens in Jüngers Werk brachten ihm den Ruf ein, ein Militarist und Vorbereiter des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Jedenfalls vertrat Jünger in den zwanziger Jahren extreme nationalistische Positionen, doch vom Nationalsozialismus „distanzierte“ er sich bereits vor der Machtergreifung im Jahre 1933. Er hielt ihn „nicht für die Verwirklichung der hierarchisch gegliederten, desubjektivierten Ordnung hielt, die er in „Der Arbeiter“ als Telos der Geschichte bejaht hatte, sondern allenfalls für eine Übergangsstufe, die Hindernisse und Rückschläge mit sich brachte.“, so Esther Marian, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie, in einem Beitrag für die ORF.  Jünger bezeichne den Nationalsozialismus „als ‚plebiszitäre Demokratie‘ und rückt ihn in die Nähe des ‚Bürgers‘, der in „Der Arbeiter“ gleichermaßen für Aufklärung und Spießertum steht und im schicksalshaften Verlauf der Geschichte vernichtet werden soll.“

Helmut Kiesel entwirft ein Bild des Schriftstellers jenseits von Verehrung und Verteufelung. Jünger werde zwar den Totengräbern der Weimarer Republik zugerechnet, doch solle man die Macht des Wortes nicht überschätzen. „Wenn die ‚Macht des Wortes‘ so groß gewesen wäre, wie Jüngers Kritiker es unterstellen, dann hätten auch die Reden und Schriften der prorepublikanischen Intelligenz, etwa der Brüder Mann, eine ganz andere Wirkung haben und die Republik vor dem Untergang retten müssen.“ Doch ist dies tatsächlich so? Ist es wirklich gleichgültig, ob man als Intellektueller für oder gegen die Weimarer Republik war? Thomas und Heinrich Mann sowie zahlreiche andere bedeutenden deutsche Schriftsteller zumindest sahen dies in jener Zeit völlig anders. Die Neigung der beiden Biographen, mit Jünger Frieden zu schließen, ist zwar wegen der von ihnen dargestellten Reichhaltigkeit und Tiefe des schriftstellerischen Werkes nachvollziehbar, darf aber keine moralische Indifferenz zur Folge haben. Kiesel und Schilk differieren nur in Details, ihr Gesamtwurf wird von der gleichen Intention getragen: Werk und der Person Jüngers endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. 1951 entstand Jüngers Essay „Der Waldgang“, der sich mit Totalitarismus und Anpassung beschäftigt. In Jüngers Roman Eumeswil findet dieses schriftstellerische Nachdenken seinen Abschluss. Sowohl Kiesel wie auch Schwilk betonen, dass der Waldgänger ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit habe und sich den Automatismen der Vereinnahmung durch den Staat entziehe. Ernst Jünger macht hier allerdings keinen großen Unterschied zwischen demokratischen und autoritären Staatsformen, er verleugnet oder verkennt die tiefen Antagonismen und Differenzen. In „Eumeswil“ entwickelt er die Figur des Waldgängers zum distanzierten Beobachter weiter, der in einer Spätzeit lebt, die keine weitere Entwicklung mehr zulässt. Der Roman wird deshalb auch als „Kommentar und eine philosophie des posthistoire“ gedeutet.

Auch für den Philosophen Hans Blumenberg wird an Jüngers Werk und Person nicht weniger als die Gestalt des zwanzigsten Jahrhunderts erkennbar. Die Essays und Notizen Blumenbergs zu Jünger umfassen einen Zeitraum von vierzig Jahren. Dies ist auch das editorische Problem der Herausgeber des Buches, das auch zum Teil Unfertiges aus dem Nachlass des Philosophen umfasst, der wie kaum ein anderer auf das gelungene Konstrukt seiner philosophischen Sprache achtete. Wir lesen hier in der Werkstatt des Philosophen.  Jünger ist für Blumenberg der einzige deutsche Schriftsteller, der sich in seinem Werk unbeirrt mit dem Problem des Nihilismus, mit der „Vernichtung der Welt“ beschäftigt habe; in der Wüste, im Kriegertod, im Drogenrausch und Abenteuer, in der technisch-biologischen Konstruktion des Arbeiters. „Auf den Marmorklippen“, 1939 in Deutschland erschienen und von der gleichgeschalteten Presse totgeschwiegen, zähle zu den „wichtigsten Ereignissen der deutschen Geistesgeschichte“, so Blumenberg kurz nach dem Kriege. Die Figuren, an denen Jünger seine Zeit erfasst, der Krieger und Anarch, der Arbeiter und Waldgänger, lösen bei Blumenberg Reflektionen darüber aus, wie in einer Welt der Maschinen und Waffen, in einer Welt der Simulakren überhaupt noch zu leben sei. Hierbei findet er Verbindungen zum eigenen philosophischen Themen: Lesbarkeit der Welt sowie die ungeheure Differenz von Weltzeit und Lebenszeit.

In der Essaysammlung „Das abenteuerliche Herz“, die zeitgleich mit den „Stahlgewittern“ entstand, wird eine Figur des menschlichen Schicksals beschrieben, die Jünger als „der Verlorene Posten“ beschreibt. Diese Figur befindet sich in der Lage eines Schachspielers, der sich zum langen Endspiel rüstet, obwohl er den Verlust der Partie als unvermeidlich erkennt, eine Insel inmitten drohender Niederlage und Auflösung. Sie kann dem Einzelnen das Gefühl geben, „Letztes und Endgültiges“ zu tun. Als solchen Einzelnen sah sich Ernst Jünger.

© Dieter Kaltwasser

(zum 10. Todestag Ernst Jüngers Februar 2008 im Bonner General-Anzeiger erschienen)

Aktuelle Ausstellung:

Deutsches Literaturarchiv Marbach:  Ernst Jünger. Arbeiter am Abgrund | 7. November 2010 bis 27. März 2011. An Ernst Jünger scheiden sich immer noch die Geister. Die Ausstellung zeigt das, was er, der von 1895 bis 1998 und damit mehr als ein Jahrhundert lebte, als Zeugnisse seiner literarischen Arbeit nach Marbach gegeben hat.

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Hans Blumenberg: Der Mann vom Mond

Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2007

ISBN 978-3-518-58483-5

185 Seiten

Helmut Kiesel: Ernst Jünger

Siedler Verlag München 2007

ISBN 978-3-88680-852-6

715 Seiten

Heimo Schwilk: Ernst Jünger – Ein Jahrhundertleben

Piper Verlag München 2007

ISBN 978-3-492-04016-7

623 Seiten

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