Monatsarchiv: Oktober 2012

Selbstvergewisserung des philosophischen Denkens

Jürgen Habermas during a discussion in the Mun...

Jürgen Habermas during a discussion in the Munich School of Philosophy (Photo credit: Wikipedia)

Jürgen Habermas veröffentlicht nach einem Vierteljahrhundert den zweiten Band „Nachmetaphysisches Denken“

Als Jürgen Habermas im Jahre 1988 seinen ersten Band mit Aufsätzen zur Thematik eines „nachmetaphysischen Denkens“ veröffentlichte, ging es ihm um eine „Selbstvergewisserung philosophischen Denkens“. An diesem Thema hat sich für ihn bis heute nichts geändert. Er will mit dieser Reflexionsfigur den Abstand deutlich machen, den die zeitgenössische Philosophie vor „bloßer Weltbildproduktion“ einzunehmen hat, wie er nun zu Beginn seines neu erschienenen Bandes betont. Doch wie kann ihr dies gelingen, ohne, so Habermas, „den Bezug zum Ganzen aufzugeben“? Ausdrücke wie „Weltbilder“ und „Weltanschauungen“, wenn sie nicht pejorativ gebraucht werden, sind seiner Einsicht nach vor allem auf die „starken Traditionen“ der Vergangenheit anzuwenden, auf die kosmologischen und theozentrischen Weltbilder der sogenannten Achsenzeit, wie Karl Jaspers sie einst nannte. Während einer relativ kurzen Zeitspanne um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends vollzog sich in der Welt der Hochkulturen in Persien, Indien, China, Israel und Griechenland ein „kognitiver Durchbruch“. Zu den Leistungen dieser Weltepoche zählen für Habermas große Teile der griechischen Metaphysik, die im Verbund mit dem Monotheismus prägend für die europäische Philosophie werden sollte. Die aus solchen Ursprüngen entstandenen Weltreligionen haben über Jahrhunderte ihre einflussreiche Rolle gespielt, und diese auch heute nicht gänzlich verloren.

Habermas schrieb in seiner Aufsatzsammlung vor einem Vierteljahrhundert den berühmt gewordenen Satz: „Wir haben zum nachmetaphysischen Denken keine Alternative.“ Dieser Satz hat für den Philosophen auch heute noch uneingeschränkte Gültigkeit. Nachmetaphysisches Denken war zunächst eine Antwort auf die Krisis des europäischen Geistes, insbesondere des Hegelschen Denkens und mit ihm des gesamten deutschen Idealismus, dessen zentrale Denkfiguren durch gesellschaftliche, wissenschaftliche und philosophische Entwicklungen erschüttert wurden. Die Philosophie verlor ihr Privileg eines besonderen, extramundanen Zugangs zur Erkenntnis ebenso wie ihre Prinzipien, die detranszendentalisiert wurden. Einige Probleme, die ihr daraus erwuchsen, werden nun in zum Teil unveröffentlichten Texten des neuen Bandes „Nachmetaphysisches Denken II“ behandelt. Es geht wiederum um das Selbstverständnis zeitgenössischer Philosophie, vor allem in ihrer Beziehung zur religiösen Überlieferung.

Im ersten Teil des Buches wird der Perspektivenwechsel von „metaphysischen Weltbildern“ zur „Lebenswelt“ beschrieben, die Habermas als einen »Raum der Gründe« auffasst, – auch dort, wo eine grammatisch entwickelte Sprache nicht mehr hineinreicht, etwa in der gestischen Kommunikation und im Ritus. Im Rahmen einer Skizze über die Entstehung des nachmetaphysischen Denkens aus der im Okzident entstandenen Symbiose von Glauben und Wissen entwickelt Habermas die systematischen Grundbegriffe von »kommunikativem Handeln« und »symbolisch strukturierter Lebenswelt«. Er nimmt ein altes Thema wieder auf: Die Ursprünge der Sprache, die Verwendung von Symbolen, die dieselbe Bedeutung haben.

Es spricht einiges dafür, dass der Ritus entwicklungsgeschichtlich älter ist als die mythische Erzählung, die bereits eine grammatische Sprache erfordert. Dieser sakrale Komplex ist für Habermas deshalb interessant, weil der Ritus in der gemeinschaftlich geübten Kultpraxis der Weltreligionen fortlebt. Den rituellen Praktiken legen wir den Sinn von Gefahrenabwehr und der Bewältigung von Krisen sowie der existentiellen Erfahrung des Todes bei, Begräbnisriten offenbar die Funktion, das Faktum der Endlichkeit des Menschen zu „beschwichtigen“. Die Bewältigung des Unverfügbaren findet im Ritus ihren Ausdruck.

Religionen überleben nicht ohne die kultischen Handlungen ihrer Gemeinde, gerade diese sind ihre „starken Traditionen“. Als Gestalt des Geistes verfügen allein Religionen noch über einen Zugang zur archaischen Erfahrungswelt des Ritus, die einst, so beschreibt es Habermas, eine Quelle gesellschaftlicher Solidarität und Normativität gewesen ist.

Im zweiten Teil ist das Verhältnis von Religion und nachmetaphysischem Denken thematisiert. Habermas greift auf eine Äußerung aus dem ersten Band zurück, wonach die »Philosophie auch in ihrer nachmetaphysischen Gestalt Religion weder ersetzen noch verdrängen« kann, und erörtert das wiedererwachte Interesse der Philosophie an der Religion. An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass Habermas sich selbst zu den „religiös Unmusikalischen“ zählt, die sich „mit der hochsublimierten Ersatzform ästhetischer Erfahrungen“ begnügen müssen. Für ihn ist Kant der erste „nachmetaphysische“ Denker, denn er beendet in der „Kritik der reinen Vernunft“ den Fehler, die auf „innerweltliche Phänomene zugeschnittenen Verstandeskategorien auf die Welt als Ganzes“ anzuwenden, den Schritt über die Erfahrungswelt unerlaubt hinauszugehen. In der heutigen nachmetaphysischen Philosophie treten an die Stelle des „transzendentalen Subjekts“ die „nichthintergehbaren Strukturen der Lebenswelt“, dem neuzeitlichen wissenschaftlichen Denken sind die metaphysischen Ansprüche zum Opfer gefallen. Gegen eine „szientistische Verhärtung des Selbstverständnisses der Philosophie“, die sich zum Anwalt des wissenschaftlichen Weltbildes aufwirft, plädiert Habermas für einen „weichen Naturalismus“, wie er bereits im ersten Teil des Buches formuliert. Gerade der neue Naturalismusstreit bringt die Aspekte zum Vorschein, unter denen sich Philosophie als wissenschaftlich betriebene diskursive Form des Welt- und Selbstverständnisses von den objektivierenden Wissenschaften unterscheidet.

In das nachmetaphysische Denken, das sich als Resultat von Lernprozessen versteht, gehen die kritisch überwundenen Stufen der Genealogie des Geistes ein. Und in einem Satz, der an Benjamin, aber auch an Adorno und Horkheimer erinnert, formuliert Habermas: „Die bewusstmachende Kritik geht einher mit einer rettenden Erinnerung.“

Religion ist eine zeitgenössische Gestalt des Geistes geblieben, denn sie verfügt über semantische Potentiale, welche die Philosophie als „Hüterin der Rationalität“ seit der Spätantike in ihre eigene Sprache übersetzt. Genannt werden von Habermas die Bedeutungsinhalte von Begriffen wie Person und Individualität, Freiheit und Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinschaft. Es gibt kein Wissen darüber, ob diese Aneignung „aus einem im Kern unzugänglich bleibenden Diskurs“ bereits erschöpft ist oder ob sie fortgesetzt werden kann. In der Geschichtsphilosophie jedenfalls hat diese „Osmose“ Spuren hinterlassen, z.B. in den Begriffen Emanzipation, Fortschritt und Krise. Die Begriffsarbeit religiös beeinflusster Schriftsteller und Autoren, Habermas nennt den jungen Ernst Bloch und Walter Benjamin, aber auch Levinas und Derrida, sprechen eher für eine fortgesetzte Produktivität der philosophischen Anstrengungen. Dies legt eine lernbereite und dialogische Beziehung zur Religion nahe, gleichzeitig eine Reflexion auf die Stellung „nachmetaphysischen Denkens zwischen den Wissenschaften und der Religion“. Philosophie ist zwar eine wissenschaftliche Tätigkeit, aber sie geht nicht in Wissenschaft auf, ihr Königsweg ist und bleibt die Selbstreflexion, sie ist als nachmetaphysisches Philosophieren einer Formulierung Nietzsches folgend das „nicht festgestellte Denken“.

Den dritten und abschließenden Teil des Buches bilden Texte über die Rolle der Religion im politischen Kontext einer postsäkularen, liberalen Gesellschaft. Mit Rawls, der als erster der großen politischen Philosophen den weltanschaulichen Pluralismus ernst genommen und eine Debatte über die Stellung der Religion in der Öffentlichkeit eröffnet hat, betont Habermas die Relevanz, welche die Glaubensgemeinschaften für den säkularen Verfassungsstaat nach wie vor haben. Das kollektive Selbstverständnis eines demokratischen Gemeinwesens, so Habermas, darf von dieser Tatsache einer pluralistischen Zusammensetzung der Zivilgesellschaft nicht unberührt bleiben.

Es sollte sich eine politische Kultur herausbilden, die über die jeweilige „Mehrheitskultur“ hinauswächst, damit sich alle Bürger mit ihr identifizieren können. Für dieses Ziel muss eine Polyphonie der öffentlichen Stimmenvielfalt gewährleistet sein. Ein liberaler Staat, der seine Bürger ausdrücklich dazu ermächtigt, ein frommes Leben zu führen, darf religiöse Stimmen nicht schon an der zivilgesellschaftlichen Basis des demokratischen Prozesses zum Schweigen bringen. Den Bürgern in der politischen Öffentlichkeit steht es frei, eine religiöse Sprache zu verwenden, allerdings müssen sie akzeptieren, dass der semantische Gehalt ihrer Äußerungen in eine allgemein verständliche Sprache übersetzt wird, bevor er in die Verhandlungen und Entscheidungsprozesse der Parlamente, der Gerichte und der staatlichen Gremien Einlass finden kann. Habermas sagt in diesem Zusammenhang allerdings auch, dass säkulare Bürger aus fundamentalistischen Lehren, die mit dem Faktum der Pluralität nicht zurechtkommen, nichts lernen können, und dass es keinen Grund gibt, „gegen die neoliberale Entsolidarisierung der Gesellschaft nun blindlings auf die Motivationskräfte der Religionen zu setzen.“ Aber eine ihrer eigenen Grenzen bewusste Aufklärung muss sich nicht davor scheuen, den Prozess der „Übersetzung nicht eingelöster Potentiale aus den Weltreligionen“ in eine öffentlich zugängliche Sprache voranzutreiben.

Jürgen Habermas zeigt auch in seinem neuen Buch, welche singuläre Gestalt er für das zeitgenössische Denken ist. Er vermag es wie wohl kaum ein anderer Philosophie, Theologie, Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Rechtswissenschaft und Politische Theorie in einen interdisziplinären Dialog einzubinden und sowohl neue wie verschüttete Denkwege aufzuzeigen. Gerade dies zeichnet philosophisches Denken aus.

Dieter Kaltwasser

Die Rezension erschien am 29. 11. 2012 in leicht geänderter Fassung auf literaturkritik.de und gekürzt am 4.12.2012 im General-Anzeiger.

Jürgen Habermas: Nachmetaphysisches Denken II, Aufsätze und Repliken. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. Leinen, 335 Seiten, 34,95 EUR. ISBN-13: 9783518585818

Bei OSIANDER bestellen

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher, Geistesgeschichte, Gesellschaft, Philosophie

Maler Herbst

Bild

Soeben noch mühsam versöhnt mit einem altgewordenen Sommer, der dir mit den Jahren – du ahnst es – ähnlicher zu werden beginnt, – ihn durchwandert, allein, frei – Altweibersommer, Sommer der alten Weiber! Warum nicht? – auf uralten Wegen, einst von Dichtern und Denkern beschritten, dem immer länger werdenden eigenen Schatten folgend, immer wieder unter hohen Bäumen verweilend, die Wange an sonnenwarme Rinde gepresst. Sich weiter eine Spur bahnen über steinige und verwachsene Pfade, die Arme von Disteln zerkratzt, Spinnweben im Haar, die glühende Haut an über Felsvorsprünge sprühenden Wassertropfen dankbar kühlend. Mittagsstille Dörfer, inmitten derer mit der Turmuhr auch die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, – wie lange schon? Stunden, Tage? Jahre? Einziges Geräusch das Summen der Bienen über einem violetten und scharlachroten Blütenmeer auf  Asternstauden hinter hinfälligen Staketenzäunen, welches die Luft erfüllt, während als vermeintlich einzige weitere Lebewesen Katzen – bunt, getigert und schwarz – lautlos deinen Weg kreuzen oder verschlafen in Fenstern und Toren liegen, mit jenem wissendem Blick unter schweren Lidern, der nur Katzen eigen ist. Gedankenspiele, ob du nicht unwissentlich durch eine unsichtbare Pforte getreten bist, die sich als Tor in eine andere Zeitdimension erwies, in der du dich nun bewegst, für alle unsichtbar – außer für die Katzen, versteht sich! -, und vielleicht noch die Ziegen, die sich niemals etwas vormachen lassen – und die schwatzhaften Stare auf den Drähten und Zweigen, die das Jahr wie du im freien Herumziehen ausklingen  lassen, sich hier und da was sie benötigen stibitzen, ohne je darüber ein schlechtes Gewissen zu haben, – denn es ist ihre eigene Art, nichts ernst zu nehmen, schon gar nicht sich selbst! -, die Stimmen anderer Vögel ungeniert imitieren, dich mit Bussard-, Blässhuhn- und Pirol-Rufen zum Narren halten, hier wie dort, – vielleicht durchqueren auch sie nicht nur räumliche, sondern auch zeitliche Dimensionen? Während auf der Seite, die du verlassen hast, das Fehlen eines Einzelnen schwerlich auffallen wird, – vielleicht wird man anfangs verwundert nach ihm fragen, bevor sich mehr und mehr der Schleier des Vergessens über ihn legen wird, ohne dass dies jemandes ernster Wille wäre, – die einstigen Weggefährten sind ihrer Natur gemäß nur zu beschäftigt, folgen anderen Rufen und Dringlichkeiten, –  warum also nicht bleiben? Herr, lass uns Hütten bauen! -, aber du weißt im selben Moment, dass dies nicht erlaubt ist, nie erlaubt war, ja – und auch niemals erlaubt sein wird, – wo kämen wir da auch hin!

Bild

Und so weht alsbald schon ein eisiger Windhauch, gepaart mit schweren Regentropfen, der die ersten, noch grünen Blätter mit sich fortreißt, über die Szene und lässt den Zauber jäh dahinschwinden. Er saust in den Ohren, bringt die stärksten Bäume zum Erzittern, kündet vom nahen Winter, gemahnt an Pflichten und Versäumnisse, erzählt von Frost und Verlorenheit. Und dir bleibt nichts übrig, als fröstelnd den Schal fester um dich zu ziehen, wissend dass dieser nicht ausreichen wird, um gewappnet zu sein. Durch jenes Sausen und Raunen, das Ächzen der Äste und Knistern der Zweige vermeinst du Stimmen zu vernehmen, Rufe, Wortfetzen, geflüsterte Satzfragmente vertrauter alter Dichterworte – Rilke! Hölderlin! -, wie zufällig fallen gelassen, in den Wind gestreut  – … Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß… – Weh mir, woher nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde… – … in den Alleen hin und her einsam wandern, wenn die Blätter treiben… – und du weißt, dass all dies seine Gültigkeit hat, und du es nicht aufhalten wirst. „Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht… Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann, gewiss, dass eine Fülle von Gesichten in ihm nur wartet, bis die Nacht begann, um sich in seinem dunkel aufzurichten, der ist vergangen wie ein alter Mann!“

Bild

Und die alten Weiber? Was bleibt ihnen? Etwa, sich auf den Besen schwingen, sich den Herbstböen aussetzen, den Stürmen ausliefern, abwarten, wohin sie euch treiben werden? Doch eure Besen tragen nicht, zu viel Ballast lässt euch nicht an Höhe gewinnen. Und es bleibt keine Zeit zur Trauer, denn unversehens hat der Wind sich gelegt, als hätte es ihn nie gegeben, und ein anderer, – ein bei weitem fröhlicherer Geselle macht sich auf den Weg, um das Land mit seinem Zauber zu überziehen. Ein altes Jahreszeiten-Quartett, welches die Mutter aus ihrer Kindheit im Nachtkästchen verwahrte, vier Karten für jeden Monat des Jahres, der Oktober geprägt von der Figur des Malers Herbst, im bunten Gewand mit Farbpalette und Pinsel durch die Lande ziehend, seine kraftvollen Farbakzente setzend, Silber-, Gold- und Kupfertöne, dazwischen Töne von leuchtendem Rot, Orange und Gelb auf sich mehr und mehr zurücknehmendem Grün, jeden Tag ein wenig mehr, – Nuancenspiel von Licht und Schatten. Der Versuch, das Leuchten mit optischen Linsen einzufangen, bleibt klägliches Stückwerk. – Geheimnis wird bleiben, warum es beim Sich-Annähern allzu oft verblasst, sich entzieht, gleich einem Gemälde, welches den Betrachter veranlasst, einige Schritte zurückzutreten, um es erfassen zu können. Dennoch kannst du es nicht lassen, ihm nachzuschleichen, die Kamera im Hinterhalt, auf der Jagd nach Augenblicken, den so vergänglichen, die du allzu gerne bannen möchtest, wie das Aufflammen der Kirschbäume auf der Streuobstwiese, deren zarte Blüten einst den Frühling prägten, und die, nachdem sie Früchte getragen hatten, diskret zurückgezogen den Rest des Sommers im dunkelgrünen Kleid verbrachten, träumend, Schatten spendend, sich selbst vergessend. Das Glühen der Hagebutten, vormals  zartrosa-filigran, vollendet duftend in Heckenrosentagen, jetzt auf dampfende Teekannen an verregneten Novembertagen hindeutend. Schwarzblau hingegen die herb schmeckenden Schlehen, – Herbstgeschmack! -, an Frühlingstagen ein weißer Blütentraum von honigsüßem Duft, ihre Gehölze dornenreiche Schutzburgen vieler Singvögel, die auch jetzt ihre vielfältigen Rufe daraus vernehmen lassen. Das Vanillegelb der kleinen, wohlgeformten Blätter des Feldahorns. Der nahezu metallische Glanz der Birnbäume – von Grün über kupferleuchtendes Orange bis ins Rotviolett -, keine Herbstfärbung – hörst du – Birnengitterrost! – und wenn? Wer will ernstlich dem Maler die letzten Geheimnisse seiner Farbenmischungen entlocken? Anreiz jedoch, sich beim Nachhause-Kommen selbst mit Pinsel, Farbenkasten und Papier auszustatten, um sich über kommende, farblosere Tage zu retten. Kreativität wiedererlangen, die dir einst verlorenging, manchmal auch geraubt wurde, – eine winterfüllende Aufgabe? Wohlan! Den Maler Herbst vermag dies nicht zu erschüttern. Seine Kunst bleibt unerreicht.

Bettina Johl

Copyright für Fotos und Text: Bettina Johl

 

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Blog, Essay