Monatsarchiv: Juni 2011

Im Frühsommer

Buchfink

Image by karsten.planz via Flickr

Juni

Mein Freund, der Buchfink
Drüben auf dem Holzstapel
Schmettert sein Lied
In den Abendwind
Gleich wie er es tat
In der Morgendämmerung

Sein Lied
Ist Anbetung
Ist Leidenschaft
Eine Liebeserklärung an den Tag
Seiner Schattenseiten
Ungeachtet

Ein Gedicht, das ich in sehr jungen Jahren niederschrieb, mit der gewissen Holprigkeit von Gedichten, die heranwachsende Menschen zu schreiben pflegen, – eines, dem ich – dem Zeitpunkt dieser Momentaufnahme entsprechend – den schlichten Titel „Juni“ verlieh. Es war eines der wenigen, die allen wütenden Vernichtungsaktionen, denen vieles damals zu Papier gebrachte stets wenig später zum Opfer fiel, – übrigens, ohne dass ich im Rückblick darüber Reue empfinde -, standhalten konnten, weil es mir im Gedächtnis haften geblieben ist.

Juni, – das war ein Monat, den ich mochte, – ein ehrlicher Monat, in dem sich die überladene Süßlichkeit des vorausgehenden Mai allmählich verzog, auflöste und in einen schlichteren Frühsommer überzugehen versprach, mit dem ich bei weitem mehr anfangen konnte.

Der kleine Vogel mit seiner ganzen Hingabe an seinen Gesang muss bei mir bereits damals einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Kaum dass ich ansonsten in jenen Tagen mehr als einen Sperling von einer Amsel zu unterscheiden vermochte. Außer der Bewunderung für die Fähigkeit, sich ungehindert in der dritten Dimension bewegen zu können, blieb mir in dieser Lebensphase die Vogelwelt eher fremd, waren mir ihre Vertreter im wahrsten Sinne zu flüchtig, war ich mehr den vierbeinigen Wesen wie Pferden und Katzen zugeneigt, in deren Fell man sein Gesicht vergraben konnte, wenn die Welt ein weiteres Mal wieder nicht zu ertragen war.

Der Buchfink mit seinem anmutigen Charme jedoch hatte es irgendwie geschafft, sich in mein Herz zu stehlen, – er, der wenig Scheue -, der es auch in späteren Jahren verstand, sich immer wieder unvermittelt  am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu zeigen, – manchmal schicksalhaft, manchmal nur als erfreuliche Zufallsbegegnung, den Weg kreuzend während einer Wanderung, oder – Ferienerinnerung! – beim frechen Kuchenkrümel-vom-Tisch-stibitzen unterm Leuchtturm einer Ostseeinsel.

War es sein Name, der mich ihm eine besondere Weisheit andichten ließ? Immerhin lässt dieser ja seinem Klang nach geradezu auf einen belesenen Vogel schließen, wider das bessere Wissen, dass man ihn natürlich nicht nach dem bedruckten Buch benannte, sondern vielmehr nach der Buche, die wiederum  dem Buch den Namen verliehen haben soll, – dem Baum, dessen Früchte ihm als Zugehörigen der Finkenfamilie – neben anderen Sämereien und Früchten – zur Nahrung dienen.

Dies jedoch nimmt ihm nichts. Ich mag die Buche, die vielerorts Mutter des Waldes genannt wird, ihren geraden, hohen Wuchs, – stattlich mit zunehmendem Alter, lehne mich gern an ihren kraftvollen Stamm und fühle ihre sonnenwarme, glatte Rinde, – es hat etwas Aufbauendes , Tröstendes , etwas,  wozu die Unverdrossenheit des kleinen Vogels, den sie nebenbei nährt, gut passt.

Oft habe ich seine Schönheit bewundert. Sein Gefieder ist farbenprächtig, aber nicht schreiend bunt, vielmehr  in harmonischen Tönen und Nuancen auf seine bevorzugte Umgebung abgestimmt. Das der Weibchen ist ganz ähnlich, – etwas schlichter, aber unverwechselbar. Letztere fielen mir stets durch ihr selbstbewusstes Gebaren auf, – sie stehen gar im Ruf, zuweilen im Winter fortzuziehen, die Männchen vor Ort zurücklassend, – Auszeit, Urlaub allein, ganz unter Frauen! -, um hernach ihre Partnerschaft in einer selbst gewählten Beziehung mit gleichberechtigter Aufgabenverteilung fortzusetzen. Allen Respekt!

Im Garten meiner Eltern sind die Bäume inzwischen hoch gewachsen. Mein Freund, der Buchfink – natürlich ist es nicht mehr derselbe wie einst – ist nicht mehr auf den Holzstapel als Singwarte angewiesen; ich höre ihn auf dem Wipfel einer hohen Fichte, während ich dies schreibe. Viele Vogelarten suchen den Garten auf, sind mir liebe Freunde: Das Rotkehlchen mit seinem perlenden Gesang, die Kohlmeisen, welche schon einmal neugierig ins Fenster geflogen kommen, die kleineren, lebhaften Blaumeisen – geschickte Akrobaten auf dünnsten Zweigen -, streitlustige Grünlinge mit durchdringenden Rufen, die farbenfroh leuchtenden Stieglitze in ganzen Schwärmen auf der Durchreise, prächtige Bergfinken als Wintergäste, beinahe handzahme Amseln. Dann die Haussperlinge – zeternde Raufbolde im Efeu an der Hauswand -, der Jahr für Jahr unter dem Dach nistende Hausrotschwanz, der pfiffige, kopfunter an den Gehölzen hängende Kleiber, der sich von den bereitgestellten Sonnenblumenkernen immer so viele mitnimmt, wie irgend in seinen langen Schnabel passen, der Buntspecht, der wohl auf der gegenüberliegenden Streuobstwiese seine Nisthöhle hat. Man erzählte mir von einer Begebenheit, die ich nicht selbst beobachten konnte: Einer der jungen Buntspechte – noch mit der roten Punkfrisur des Jungvogels -, habe Nüsse vom Haselstrauch in die Rindenspalten des benachbarten Fliederbusches gesteckt, um sie auf diese Weise zu knacken. Er muss einen lustigen Anblick geboten haben, wie er emsig hämmerte, während unter dieser Spechtschmiede, wie es die Fachleute nennen, zu denen ich nicht gehöre, kleine, erst wenige Tage flügge Kohlmeisen aufgeregt herum hüpften, in der Erwartung ihres dabei zu Boden fallenden Anteils. Mein Buchfink hingegen hält sich eher im Hintergrund. Falls sich sein Nest in der Nähe befindet, so zeigt er es nicht. Nur sein Gesang ist stets zu hören.

Auch an anderen Orten findet er sich schnell in nächster Nähe ein, – es scheint unter seiner Art eine geheime Absprache zu geben, die ich nur vage durchschaue. Einmal, als du, mein Freund, mich während eines Kuraufenthaltes besuchtest, saß er bei einem Spaziergang vor uns auf dem Weg, ohne wegzufliegen, bis wir uns auf weniges genähert hatten. Du machtest einen raschen Schritt auf ihn zu, und ich versuchte, dich daran zu hindern, – rief – zu spät: Verjag ihn nicht! – Du wolltest jedoch nur feststellen, ob er vielleicht eine Verletzung hatte und womöglich nicht mehr fliegen konnte. Er flog erschrocken auf. Du konntest nicht wissen, dass er zu mir gehörte, in meiner Nähe sein musste. Mein Erschrecken war tiefer, anhaltender, ich fühlte mich verlassen und nahm es als kein gutes Omen, konnte die Traurigkeit, die sich in mir ausbreitete, nicht mehr so leicht loswerden, – es folgten beschwerliche Zeiten. Irgendwann jedoch war er wieder da, ein anderer – gewiss! – und doch schien es stets derselbe zu sein.

Auf seiner Belesenheit jedoch bestehe ich, – zu oft erschien er in der Nähe meines Dichters, und dies oft in entscheidenden Augenblicken, wenn ich – einmal wieder in Krisenstimmung, eigene Projekte in Frage stellend, abergläubisch auf ein Zeichen hoffend – jenen aufgesucht hatte. Wie es einmal so ist, werden eindeutige Zeichen stets auf sich warten lassen – oder wir übersehen diese; es liegt an uns selbst, was wir als ein solches Zeichen ansehen wollen, wie wir es für uns deuten – und was wir letztlich daraus machen. Der Dichter jedenfalls würde sich unterstehen, mir von seinem Bronzerelief herunter verschwörerisch zuzublinzeln oder ähnliches, – so viel stand fest, – ich war ohne überzogene Erwartungen zu ihm gekommen. In der Nähe befand sich ein Biergarten, den wir – Mutter und Sohn – besucht hatten, um uns eine Live-Leinwandübertragung eines Fußball-WM -Spieles – welches wir übrigens verloren – anzuschauen, und ich hatte das Areal klammheimlich für kurze Zeit verlassen, weil Dinge anderer Art mich umtrieben.

Mein Freund, der Buchfink, war vor mir an Ort und Stelle, saß im Schein der untergehenden Sonne nahe dem Relief des Dichters auf einem vorspringenden Ast – und sang aus Leibeskräften. Als ich mich näherte, hüpfte er noch ein Stück vor, saß einen Augenblick still, während ich den Atem anhielt, sah mich eine Zeitlang an – und flog auf. Stille umgab mich. Der Blick des Dichters blieb wie gewohnt in sich versunken in die Ferne gerichtet. Dennoch schien er zu sagen: Auf welches weitere Zeichen wartest du? Noch dazu, nachdem es von Anfang an nie Zweifel darüber gab, wie du dich entscheiden würdest? – Ich zögere einen Augenblick lang. Er – und mein Buchfink – hatten wie immer Recht. Ich murmelte meinen Dank, mich indessen verstohlen umsehend, ob es nicht etwa jemand mitbekommen haben könnte, – keine Gefahr, wer verirrt sich um diese Zeit zu den Dichtern, während die WM läuft? – und kehrte zum bunten Treiben des Gartenlokals zurück.

Im darauf folgenden Frühjahr besuche ich das Grab des Dichters an dem Ort, wo dieser bis zu seinem Tod die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte, – in geistiger Umnachtung, sagen viele. Wir wissen es anders. Und wieder – ich verwundere mich noch nicht einmal sehr – ist der kleine Vogel vor Ort, tummelt sich fröhlich in den Zweigen der Bäume, fliegt herunter, hüpft durchs Gras, bis er sich schließlich auf den Grabstein setzt, auf dem außer Blumen auch – wohl nach jüdischer Sitte – Steine abgelegt sind, und dort laut schmetternd  sein Lied singt. Ich versuche ihn zu fotografieren, – er entwischt mir natürlich. Es gibt Momente, die sich nicht mit technischen Mitteln einfangen lassen.

Er bleibt in der Nähe, sieht mich herausfordernd an, turnt durch die Zweige, spielt den Clown. Na, na, – necke ich ihn, wie verträgt sich dies mit der Friedhofsordnung, – du weißt doch: der Würde des Ortes angemessen… Er legt sein Köpfchen schief, – es fällt nicht schwer, sich einzubilden, als frage er zurück: Kennst du jemanden, der sich der Würde dieses Ortes und unseres Dichters angemessener verhält als ich? – Nein, – gebe ich zu, – wahrhaftig nicht! – Aber, – wie kommt es eigentlich, – frage ich leise, während er wieder zu einem etwas höher gelegenen Zweig flattert, – dass ich dich stets zuverlässig an diesen Orten antreffe? – Warum fragst du, – glaube ich meinen Freund von oben zu hören, – du weißt es doch längst? Mein Name ist nun mal – Buchfink…

© Bettina Johl

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Blog, Essay, Kurzgeschichte, Sommer, Sommer

Weißer Hahnenfuß – Eine Kurzgeschichte

Foto-0049

Ein inneres Bild hatte uns hergeführt. Eine Erinnerung, verschwommen, in Blau, Gelb und Weiß: Eine Wiese voller Vergissmeinnicht, Sumpfdotterblumen – und weißem Hahnenfuß, von dem wir eine lange Zeit gar nicht wussten, dass es ihn gibt.

Vieles wissen wir nicht mehr – aus jenen früheren Tagen, als es auf Wiesen noch mehr Blumen geben durfte, als diese noch nicht völlig überdüngt waren, bis nur noch Löwenzahn auf ihnen gedeihen konnte. Was wir lange genug nicht mehr zu Gesicht  bekommen haben, hören wir offenbar irgendwann auf zu vermissen. Nur manchmal stolpern wir noch unvermittelt über letzte Refugien, stehen dann staunend vor Wiesenstreifen – schmal meist nur – von leuchtend tiefblauem Salbei, manchmal sich abwechselnd mit dem Zitronengelb des Klappertopfs, den ebenfalls fast niemand mehr kennt, – oder  filigranen Kuckuckslichtnelken, die früher ganze Auen in einen rosa Teppich zu verwandeln vermochten – oder vor dem Traumbild eines wogenden Getreidefelds mit Kamille, Mohn und Kornblume. Hatten wir sie tatsächlich vergessen, den schleichenden Verlust an Farbe in der Landschaft nicht wahrgenommen? Und wundern uns wahrhaftig, dass an solchen Plätzen auch die Schmetterlinge wieder zurück sind; Falter, die wir mitunter nicht mehr benennen können, weil wir sie aus den Augen verloren hatten, sowie viele farbenprächtige Insektenarten, deren Namen wir längst auch nicht mehr wissen.

Ich habe mir angewöhnt, mir diese seltenen Stellen einzuprägen, und diese fand ich wieder, – fand sie genauso vor, wie ich sie in Erinnerung behalten hatte. Die Jahreszeit stimmte. Es führt ein Weg dorthin, aufwärts, entlang des Oberlaufs eines Gebirgsflusses, der hier – von seiner unterhalb des Höhenrückens gelegenen Quelle kommend – über ein beeindruckendes Gefälle von rotem Gestein, welches vom vulkanischen Ursprung der Gegend zeugt, seine weitere Reise ins Tal hinunter nimmt. Ein Weg, der – neben der Faszination des Wassers – interessante geologische Besonderheiten aufweist und so trotz seiner beträchtlichen Steigungen recht kurzweilig zu gehen ist. Der Platz, der sich mir ins Gedächtnis eingegraben hatte, liegt noch nicht weit vom Eingang des Hochtals an einer Biegung des Wasserlaufs, bevor die Schlucht sich zu verengen und der Weg anzusteigen beginnt. Jene Kehre hatte auf einem Stück ebenen Untergrunds eine Feuchtwiese entstehen lassen. Der Platz bietet eine gute Gelegenheit zu einer Rast; entsprechend hatte man ihn mit einer Schutzhütte und mehreren freistehenden Bänken sowie einem eingefassten Brunnen ausgestaltet.

Wir fanden alles so vor, wie ich es von meinem ersten Besuch in Erinnerung hatte: Der weiße Hahnenfuß, in der Mittagssonne flimmernd im fast unwirklichen Dunkelgrün des Grases, welches stets auf nassen Untergrund schließen lässt, jenes wiederum zum Ufer des Bachs hin vermehrt mit leuchtenden Tupfen vom Gelb der Sumpfdotterblumen durchzogen, während das unaufdringliche Blau der Vergissmeinnicht erst auf den zweiten Blick sichtbar wurde, wenn die Augen sich allmählich an die Sonnenlichtreflexe gewöhnt hatten.

Ich war glücklich, der Freundin diesen seltenen Winkel zeigen zu können, und wir mussten ihn nur mit wenigen Menschen teilen. Zwar war es einer jener kaum Ruhe verheißenden Feiertage im Frühling, die das Wandern geradezu im Kalender vorschreiben, – mit all den unsäglichen Begegnungen und grauenvollen Anblicken, die solches mit sich zu bringen pflegt: Eltern mit krampfhaft Fröhlichkeit vorschützenden Mienen, mäkelnde Kleinkinder und maulende Teenager hinter sich her zerrend, im vergeblichen Versuch, diese mit der Aussicht auf ein späteres Eis zum Durchhalten zu motivieren. Was schiefgehen muss, denn Stadtkinder, die einmal im Jahr zum Wandern hinaus gejagt werden, mit der Begründung, dass am Kalenderersten des Wonnemonats nun mal gewandert werden müsse, – und jetzt zieht mal nicht so ein Gesicht, mehr Fröhlichkeit bitte! – sind nun mal so gar nicht zu begeistern und schaffen erst recht keinen Gewaltmarsch, sind sie doch oft weniger trainiert als ihre Eltern, die schon eher mal der Sorge um die Figur willen das Fitness-Studio aufsuchen, während die Rasselbande inzwischen zuhause vor der Spielkonsole sturmfrei feiert.

Von all dem blieben wir glücklicherweise weitgehend verschont, was daran liegen mochte, dass der Weg einfach zu steil war und – der schlechten Anfahrbarkeit mit motorisierten Fahrzeugen wegen – fernab all jener bierseligen Waldfeste lag, die normalerweise Ziel solcher Art Familientrips zu sein pflegen, auf denen es schließlich gilt, neben dem Nachwuchs auch die Rucksack schleppenden Väter bei Laune zu halten.

Die einzige Familie, die außer uns den Rastplatz belagerte, war hingegen sportlich mit mehrgängigen Mountainbikes ausgerüstet. Entschlossen, den Berg mithilfe ihrer Räder zu bezwingen, strotzten sie geradezu vor Durchtrainiertheit; die Gruppe bestand aus mehreren Erwachsenen und einem kleinen Mädchen von eher zarter Statur. Wie alt mochte sie sein, etwa zehn Jahre? Alle Achtung, wenn sie diese Steigung bewältigen konnte! Die Erwachsenen nahmen ihr Picknick halb auf den Fahrradsätteln sitzend ein, in Gedanken wohl mehr oder weniger schon oben, am Ziel, wie es ihrer Unterhaltung zu entnehmen war.

Wir rasteten auf Holzbänken etwas abseits der Hütte, wo unterhalb des Brunnens einige kleine Teiche angelegt waren, und genossen die Blütenpracht und die weitreichende Stille, die über dem Platz lag.  In der Nähe turnte das von den Gesprächen der Erwachsenen sichtlich gelangweilte kleine Mädchen unlustig an den Geräten eines Spielplatzes herum, bis es sich schließlich darauf verlegte, auf dem Brunnenrand entlang zu balancieren, – Anlass für die Mutter, ihren Redefluss zu unterbrechen: „Julia, pass auf – werde nicht nass – fall nicht rein!“

Inzwischen war die Aufmerksamkeit des Kindes auf den nächstgelegenen Teich gefallen, und es hatte sich an dessen Ufer gesetzt. „Da sind Kaulquappen!“ rief es begeistert aus. Von der anderen Seite ertönte: „Julia, steh auf! Du machst dir die Hose dreckig!“

Das Kind schöpft Wasser in der hohlen Hand, fängt dabei vorsichtig eines der Tierchen und trägt es zu den Erwachsenen hinüber. „Schaut doch mal!“ Der Vater reagiert nicht. Kommentar der Mutter: „Uuh! Tu’s wieder ‚rein! Schnell!“ Das Mädchen macht ein enttäuschtes Gesicht und trägt die Kaulquappe zurück.

Der Teich beginnt uns nun auch zu interessieren. Wir gehen hin. Schauen. Staunen, fasziniert vom Leben, das er in sich birgt. „Hier sind noch größere, – sind die schön!“ ruft das Kind, welches inzwischen das gegenüberliegende Ufer erkundet. Eigentlich richtet es dies nicht an uns. Wir warten. Niemand reagiert. Wir gehen hin, lassen uns die Entdeckung zeigen. Und wirklich sind diese Kaulquappen sehr viel weiter fortentwickelt, lassen bereits die Frösche erahnen, zu denen sie einst werden sollen.

„Sie sind wirklich schön“, sage ich. „An den kommenden Sommerabenden wird es hier ausgiebige Froschkonzerte geben“, mutmaßt die Freundin. Das Mädchen schaut hoch und lächelt.

Doch schon erschallt es: „Julia, – komm, wir wollen weiter!“ – „Nein! Ich will noch nicht! Kommt doch mal her und schaut!“ – „Nein. Komm jetzt!“ – „Kommt IHR doch mal!“ Die Mutter zögert, nähert sich unschlüssig. „Schau mal, eine Schnecke!“ Das Mädchen zieht seine Hand aus dem Schlamm und hält in ihr eine kleine Wasserschnecke, die es dort gefunden hat, entgegen. Wir tauschen ahnungsvolle Blicke. Ein entsetzter Aufschrei: „Was machst du denn da? – Lass das! Tu sie bloß schnell wieder ‚rein, – pfui Deibel! Komm jetzt endlich!“ Die Mutter wendet sich angewidert zum Gehen. Das Mädchen bleibt traurig sitzen.

„Als ich so alt war wie du“, erzählt die Freundin, „hab ich’s ganz genauso gemacht. Wasser  – und alles, was darin so lebt, hat mich immer magisch angezogen. Kein Teich war mir zu tief und kein Bach zu reißend. Und meine Mutter hat andauernd mit mir geschimpft, weil ich ständig nasse Hosen hatte – und schmutzige Strümpfe – und auch öfters  mal meine Schuhe verlor.“ – „Und ich“, setze ich hinzu, „war überall zu finden, wo es Tiere gab. Meine Tante hatte Ziegen, und ich wurde immer ermahnt: Bleib aus dem Stall draußen! Aber ich musste natürlich hineinkriechen bis in die hintersten Winkel. Und zuhause hieß es dann: Zieh dich bloß vor der Tür aus, – du stinkst!“ – Das Mädchen lächelt wieder. Wir sind Verbündete. Ich entdecke noch eine der Wasserschnecken. Die Kleine ist begeistert, – freut sich, dass sie uns gefällt.

Drüben werden die Rufe lauter. Schließlich lässt sich der Vater am Teich blicken. Hat die Mutter ihn vorgeschickt? „Julia, was ist denn? Nun komm doch!“ – „Papa, schau doch mal! Nur gucken!!!“ – Er zieht es vor, auf Abstand zu bleiben. Seine Stimme klingt nicht unfreundlich: „Nun komm, – du warst doch nun wirklich lange genug hier, – wir müssen doch weiter!“ Er ist nicht zu bewegen, näher zu kommen.

„Ja, nun“, sage ich, „es stimmt schon, – wir sollten auch weiter, sonst bekommen wir in der Hütte oben keinen Rhabarberkuchen mehr. Auf den freue ich mich schon den ganzen Tag. Aber dafür müssen wir uns ranhalten, wir sind zu Fuß! Denn man los!“

Seufzend erheben wir uns beide. Auch das Mädchen steht auf, nickt uns kurz zu und folgt ihrem Vater zu den Fahrrädern.

© Bettina Johl

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bettina Johl, Frühling, Kurzgeschichte, Sommer