Monatsarchiv: Oktober 2011

Herbstgedanken

Es ist Herbst und die Vögel singen. Dichter dürften so etwas vermutlich nicht schreiben, aber die Vögel, – sie wissen dies zum Glück nicht…

Sie singen zweckfrei, etwas verhaltener zuweilen, – kein Revierkampf mehr, für den es nötig wäre, sich zu verausgaben, gar zu übertönen -, dennoch vernehmlich, und es klingt fröhlich. Die Amsel im Garten flötet ihr gesamtes Repertoire, während sie am Boden ohne besondere Eile nach Regenwürmern sucht, leise, unsichtbar, mit geschlossenem Schnabel, so dass es wirkt, als kämen die Laute von woanders, weither. Aber es ist ihr typischer Gesang, – ich erkenne ihn, sie pflegt während einzelner Passagen wie ein Huhn zu gackern -, freue mich, dass sie es ist, dass sie nicht dem allgemein beklagten Amselsterben zum Opfer fiel; ihre Melodien scheinen geradezu unaufhaltsam in ihrem Inneren aufzusteigen. Ich fühle mich an kleine Kinder erinnert, die solches manchmal auf den Punkt zu bringen verstehen, mit Aussagen wie: „Ich kann nichts dafür, – es singt mich so…“ 

Es hat der Herbst etwas Belebendes, das Lähmende des Sommers,  – gleich, ob er uns Hitze oder verregnete Kühle bescherte -, weicht, der Himmel bekommt wieder Farbe, der Wind erfrischt, die Erde trägt den Duft der Verwandlung. Es zieht uns hinaus, die Berge hinauf – oder ans Wasser – oder zu beidem, es spielt keine Rolle! -,  sinkender Nebel verheißt einen schönen Tag, auch wenn die ersten Steigungen den Atem knapp werden lassen; das Licht, das in jedem Wassertropfen funkelt und die herbstlichen Farben der Blätter zum Leuchten bringt, entschädigt für vieles. Mit jedem Höhenmeter werden die Schritte leichter, Ballast bleibt zurück, die Häuser im Tal werden kleiner, der Straßenlärm geringer, bis er keine Rolle mehr spielt; die Schiffe auf dem Strom scheinen lautlos dahinzugleiten, die Züge auf den Schienen nur mehr noch mit leisem Rauschen.

Der Weg führt durch Buchen- und Eichenwald, – der bunte Teppichläufer aus Blättern und Schalen der Früchte belegt es auch den Wanderern, die seltener den Blick nach oben zu richten wagen, um nicht auf den nassen Wurzeln auszugleiten. Vogelstimmen werden vernehmlicher, – die der munteren Kohlmeisen, und auch die des Rotkehlchens, – ein Wintersänger ohnehin -, niemals gewillt, sich in seinem Gesang durch äußere widrige Umstände beeinträchtigen zu lassen. Kurze Zeit später auch der Ruf des Kleibers, – ich finde ihn nach alter Kleiber-Gewohnheit kopfunter am Stamm hängend, ein lustiger, kleiner Clown-Vogel, der nichts dabei zu finden scheint, dass die Welt für ihn zuweilen auf dem Kopf steht. In der knorrigen Wurzel einer riesigen Buche wohnt eine kleine Rötelmaus, – ich sehe sie hinein huschen, sie hatte meine Schritte wahrgenommen. Ich bleibe stehen und verhalte mich ruhig, – da erscheint sie wieder, bleibt im Eingang zu ihrem Wurzelbau still sitzen und schaut mich interessiert und ohne besondere Scheu an. Sie hat verstanden, – von mir droht ihr keine Gefahr. Wir sind Freunde.

Der Herbst hat etwas Entspanntes. Die Natur nimmt sich nie zu viel vor; sie leistet es sich, immer nur für ein Jahr vorzuhalten, für dieses eine alles zu geben, – wie es auch ausfallen mag -, und dann herunterzufahren, um im nächsten ganz neu anzufangen. Warum nicht wir?

Der Weg wird zum Pfad. Stufen. Zur Rechten felsiges Schiefergestein, mit Moosen und Flechten überzogen, dazwischen Hagebuttensträucher und Brombeerranken. Zur Linken der Abgrund. Nicht bedrohlich, – nein, das nicht. Die Notwendigkeit, sich mit Umsicht fortzubewegen, ergibt sich hier wie überall sonst. Die Felskanzel ist erreicht, bietet Platz zum Ausruhen und Ausblick über das Gebirge diesseits und jenseits des Stromes, der sich als silbriges Band in der Ferne verliert, um den Beschreibungen aller Dichter Rechnung zu tragen. Worte – zu oft gebraucht – nutzen sich bisweilen ab; das Erleben selbst bleibt davon glücklicherweise unbeeinträchtigt, ist immer wieder einzigartig, – lässt jeden Versuch, es zu beschreiben, blass und armselig aussehen. So muss es wohl sein.

Der Strom ist derselbe von alters her, ihn kümmert es nicht. Kurz ist das Leben der Menschen, die ihn für ihre Zwecke ausbeuten und ausbaggern, ihn als Verkehrsweg nutzen, sich auf ihm und an seinen Ufern wichtig tun und – für ihn zu allem Überfluss – über ihn dichten. Er war lange vor ihnen und wird lange nach ihnen sein; die Urgewalt seines Wassers hat sie noch immer wieder in ihre Schranken verwiesen. Komische Winzlinge sind sie von hier oben; ihr Treiben mutet seltsam an. Was haben wir mit ihnen zu schaffen? Nichts – für wenige Stunden…  

Bettina Johl

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Das Glück im Auge des Denkers – Über Theodor W. Adorno

German philosopher Theodor Adorno

Theodor Wiesengrund Adorno

Adorno galt lange Zeit philosophischen Fachzirkeln als verdächtig, wenn nicht gar anrüchig. Seine Eloquenz und funkelnden Sätze, er hielt die meisten seiner Vorlesungen frei, verstärkte noch unter nicht wenigen Fachkollegen das Vorurteil, hier wisse einer nicht, wovon er rede. Nüchterne Wissenschaft jedenfalls sei dies nicht. Unsystematisches und dunkel abgründiges, romantisches Denken wurde ihm attestiert, bloße Rhetorik nachgesagt. Dass Fragmente und Aphorismen systematisches Denken nicht ausschliessen, und dass die Sprache sich an den Gegenständen selbst zu bilden habe, sollte spätestens seit Nietzsche und Husserl die Runde gemacht haben. Ganz verstummten jedoch jene Stimmen nie. Adorno selbst schrieb in seiner unabgeschlossen gebliebenen „Ästhetischen Theorie“: „Das Fragment ist der Eingriff des Todes ins Werk. Indem er es zerstört, nimmt er den Makel des Scheins von ihm.“ Als Adorno 1969 starb, zählten er und Max Horkheimer zu den geistigen Gründungsvätern der Bundesrepublik.

Geboren wurde er am 11. September 1903 als Sohn des Weinhändlers Oscar Alexander Wiesengrund und seiner Frau, der italienischen Sängerin Maria Calvelli-Adorno in Frankfurt am Main. Aufgewachsen ist Adorno in derselben Straße, in der Arthur Schopenhauer lange lebte: der Schönen Aussicht. Er studiert in Frankfurt Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musiktheorie. Er lernte Max Horkheimer und Walter Benjamin kennen. Parallel zu seinem Studium ist Adorno bereits als Musikkritiker für die Zeitschrift „Neue Blätter für Kunst und Literatur“ tätig. 1925 war er Kompositionsschüler bei Alban Berg in Wien, 1931 habilitierte er sich über Kierkegaard in Frankfurt. Er emigrierte 1934 nach dem Entzug der venia legendi durch die Nationalsozialisten zunächst nach Oxford und übersiedelte ein paar Jahre später nach New York. Hier wurde er Mitglied des von Horkheimer geleiteten Instituts für Sozialforschung. In den vierziger Jahren lebte er in Los Angeles, wo er in Zusammenarbeit mit Horkheimer und Eisler  einige seiner gesellschaftskritischen und musikästhetischen Hauptwerke schrieb. 1949 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück und wurde 1956 Ordinarius für Philosophie und Soziologie der Frankfurter Goethe-Universität.

Adorno ist einer der wichtigsten Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Er hat nicht nur Philosophie und Soziologie nachhaltig beeinflusst, sondern ebenso Musiktheorie, Ästhetik, die Kulturwissenschaften sowie Literatur und Psychoanalyse. Seine kritische Theorie der Gesellschaft ist nach wie vor in Universitätsseminaren Diskussionsstoff, ebenso in Kunst- und Literaturzeitschriften. Mit Max Horkheimer zusammen verfasste er das einflussreiche Werk „Dialektik der Aufklärung„. 1947 wurden diese „Philosophischen Fragmente“ in ihrer endgültigen Fassung im Querido Verlag in Amsterdam in Druckform herausgegeben. Kurz darauf erschien seine „Philosophie der neuen Musik“, die Adornos Ruhm als Philosoph der Avantgarde festigte. Er selber sah dieses Werk als „ausgeführten Diskurs zu Dialektik der Aufklärung“. Zweifelsfrei ist sie das bekannteste Werk der Kritischen Theorie und avancierte zum klassischen Text des 20. Jahrhunderts. Sie ist eine Theorie der modernen Massenkultur – Begriffe wie die der Kulturindustrie werden eingeführt – und zugleich philosophische Kritik und Auseinandersetzung mit dem Faschismus.

Der Begriff der „Kulturindustrie“ wird von Adorno dabei ebenso verwendet wie „Communication Industry“, und dies nicht immer eindeutig. Gemeint sind hierbei Grundtendenzen der Massenkultur: Das Publikum wird zum reinen Konsumenten und mit Informationen beliefert, die Warencharakter haben. Die Kommunikation fließt in diesem Prozess einseitig nur vom Sender hin zum Empfänger. Adorno spricht in diesem Zusammenhang von der „Einbahnstraße der Massenkommunikation“. Theodor W. Adorno und  Max Horkheimer beleuchten früh die Kehrseiten des sozialen und technischen Fortschritts: Die „Aufklärung“ als Herrschaft der Vernunft, als die Unterwerfung der Natur unter menschliche Zwecke, wird über sich selbst aufgeklärt – die Aufklärung der Aufklärung. Will man die Geschichtsphilosophie der Kritischen Theorie verstehen, muss Geschichte als die des „kumulierten Leides“ gedeutet werden. Von Adorno ist die Bemerkung überliefert, es sei doch erstaunlich, wie wenig man der Geschichte der Philosophie die Leiden der Menschen anmerke. Dies ist ein Leitmotiv seines Denkens: Die Unterwerfung der Individuen durch anonyme, oft brutale Mächte nicht nur zu bereden, sondern im eigenen Denken spürbar werden zu lassen. Die von ihm stets wiederholte Fragestellung, „ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen“, ist der eigentliche Impetus und Hintergrund seiner Philosophie. In der „Dialektik der Aufklärung“ ist die Geschichte der Herrschaft nicht mehr, wie noch in marxistischen Deutungsversuchen, auf Produktionsverhältnisse, sondern, in Verwendung der Formel Nietzsches, auf einen ursprünglichen „Willen zur Macht“ zurückgeführt. Dies wird später Michel Foucault in seinen Machtanalysen wieder aufgreifen. Die Kritik führt hinaus auf ein Denken, das selber „Organ der Herrschaft“ ist. Aufklärung, so die berühmten Sätze, die sich alles unterwirft, „schlägt in Mythologie zurück“.

Nachdem die beiden jüdischen Denker Adorno und Horkheimer Ende der 40er Jahre aus der Emigration in den USA nach Frankfurt zurückkehrten und gemeinsam das Institut für Sozialforschung wieder errichteten, kam es zu weiteren Einzelveröffentlichungen Adornos, wie der Aphorismensammlung „Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. „Es gibt“, so lautet ein viel zitierter Satz aus diesem Werk, „kein richtiges Leben im falschen.“ Aufrufe zu autonomem Denken und Handeln seien alle hohl.

Die Kraft, den Dingen ins Auge zu schauen, sieht Adorno nur aus der Natur und der Geschichte des Individuums strömen, aus „Impulsen der Kindheit“. In seinem Buch über Gustav Mahler finden sich Formulierungen, die das Glück gerade von Adornos Kindheit reflektieren. Der Philosoph spricht von der Erfahrung, „dass in der Jugend unendlich Vieles als Versprechen des Lebens, als antizipiertes Glück wahrgenommen wird, wovon dann der Alternde, durch die Erinnerung hindurch, erkennt, dass in Wahrheit die Augenblicke solchen Versprechens das Leben selber gewesen sind.“ Nicht falsch gelebt hat der, dem das Glücksversprechen die Kraft zum Widerspruch gegeben hat.

In den 60er Jahren erschien dann, neben anderen Schriften, der „Jargon der Eigentlichkeit“, eine Generalabrechnung mit der Philosophie Heideggers. Adorno greift die „Ideologie als Sprache“ an, er kommentiert den „maßlosen Widerspruch zwischen dem pathetischen Anspruch dieser Sätze und der Sprachgestalt, in der sie erscheinen.“ Der Gestus solcher Sprache suggeriert, dass unmittelbar aus den Worten selber die Phänomene sprächen. Der Philosoph sieht hier im übrigen eine Schnittstelle von esoterischer Philosophie und Kulturindustrie. Gewichtige Worte alleine genügen, um einen hinreichenden Beweis geliefert zu haben: „Die beste CD des Jahres“ oder „ein geniales Meisterwerk der Popkultur“.

Drei Jahre vor seinem Tod erschien die „Negative Dialektik“ und posthum erst die Fragment gebliebene „Ästhetische Theorie“. Es häuften sich in Frankfurt Auseinandersetzungen mit den radikaler werdenden Studenten, die dem Philosophen ein Denken im Elfenbeinturm vorwerfen. In einem seiner letzten Aufsätze, der den Titel „Resignation“ trägt, antwortet Adorno auf diese Vorwürfe: „Demgegenüber ist der kompromisslos Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren lässt, in Wahrheit der, welcher nicht ablässt. … Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit.“

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien erstmals anlässlich einer Veranstaltung des Philosophischen Seminars der Universität Bonn zum 100. Geburtstag Theodor Wiesengrund Adornos am 20.05.2003 im Bonner General-Anzeiger in gekürzter und leicht geänderter Fassung.

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