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Maler Herbst

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Soeben noch mühsam versöhnt mit einem altgewordenen Sommer, der dir mit den Jahren – du ahnst es – ähnlicher zu werden beginnt, – ihn durchwandert, allein, frei – Altweibersommer, Sommer der alten Weiber! Warum nicht? – auf uralten Wegen, einst von Dichtern und Denkern beschritten, dem immer länger werdenden eigenen Schatten folgend, immer wieder unter hohen Bäumen verweilend, die Wange an sonnenwarme Rinde gepresst. Sich weiter eine Spur bahnen über steinige und verwachsene Pfade, die Arme von Disteln zerkratzt, Spinnweben im Haar, die glühende Haut an über Felsvorsprünge sprühenden Wassertropfen dankbar kühlend. Mittagsstille Dörfer, inmitten derer mit der Turmuhr auch die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, – wie lange schon? Stunden, Tage? Jahre? Einziges Geräusch das Summen der Bienen über einem violetten und scharlachroten Blütenmeer auf  Asternstauden hinter hinfälligen Staketenzäunen, welches die Luft erfüllt, während als vermeintlich einzige weitere Lebewesen Katzen – bunt, getigert und schwarz – lautlos deinen Weg kreuzen oder verschlafen in Fenstern und Toren liegen, mit jenem wissendem Blick unter schweren Lidern, der nur Katzen eigen ist. Gedankenspiele, ob du nicht unwissentlich durch eine unsichtbare Pforte getreten bist, die sich als Tor in eine andere Zeitdimension erwies, in der du dich nun bewegst, für alle unsichtbar – außer für die Katzen, versteht sich! -, und vielleicht noch die Ziegen, die sich niemals etwas vormachen lassen – und die schwatzhaften Stare auf den Drähten und Zweigen, die das Jahr wie du im freien Herumziehen ausklingen  lassen, sich hier und da was sie benötigen stibitzen, ohne je darüber ein schlechtes Gewissen zu haben, – denn es ist ihre eigene Art, nichts ernst zu nehmen, schon gar nicht sich selbst! -, die Stimmen anderer Vögel ungeniert imitieren, dich mit Bussard-, Blässhuhn- und Pirol-Rufen zum Narren halten, hier wie dort, – vielleicht durchqueren auch sie nicht nur räumliche, sondern auch zeitliche Dimensionen? Während auf der Seite, die du verlassen hast, das Fehlen eines Einzelnen schwerlich auffallen wird, – vielleicht wird man anfangs verwundert nach ihm fragen, bevor sich mehr und mehr der Schleier des Vergessens über ihn legen wird, ohne dass dies jemandes ernster Wille wäre, – die einstigen Weggefährten sind ihrer Natur gemäß nur zu beschäftigt, folgen anderen Rufen und Dringlichkeiten, –  warum also nicht bleiben? Herr, lass uns Hütten bauen! -, aber du weißt im selben Moment, dass dies nicht erlaubt ist, nie erlaubt war, ja – und auch niemals erlaubt sein wird, – wo kämen wir da auch hin!

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Und so weht alsbald schon ein eisiger Windhauch, gepaart mit schweren Regentropfen, der die ersten, noch grünen Blätter mit sich fortreißt, über die Szene und lässt den Zauber jäh dahinschwinden. Er saust in den Ohren, bringt die stärksten Bäume zum Erzittern, kündet vom nahen Winter, gemahnt an Pflichten und Versäumnisse, erzählt von Frost und Verlorenheit. Und dir bleibt nichts übrig, als fröstelnd den Schal fester um dich zu ziehen, wissend dass dieser nicht ausreichen wird, um gewappnet zu sein. Durch jenes Sausen und Raunen, das Ächzen der Äste und Knistern der Zweige vermeinst du Stimmen zu vernehmen, Rufe, Wortfetzen, geflüsterte Satzfragmente vertrauter alter Dichterworte – Rilke! Hölderlin! -, wie zufällig fallen gelassen, in den Wind gestreut  – … Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß… – Weh mir, woher nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen und wo den Sonnenschein und Schatten der Erde… – … in den Alleen hin und her einsam wandern, wenn die Blätter treiben… – und du weißt, dass all dies seine Gültigkeit hat, und du es nicht aufhalten wirst. „Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht… Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann, gewiss, dass eine Fülle von Gesichten in ihm nur wartet, bis die Nacht begann, um sich in seinem dunkel aufzurichten, der ist vergangen wie ein alter Mann!“

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Und die alten Weiber? Was bleibt ihnen? Etwa, sich auf den Besen schwingen, sich den Herbstböen aussetzen, den Stürmen ausliefern, abwarten, wohin sie euch treiben werden? Doch eure Besen tragen nicht, zu viel Ballast lässt euch nicht an Höhe gewinnen. Und es bleibt keine Zeit zur Trauer, denn unversehens hat der Wind sich gelegt, als hätte es ihn nie gegeben, und ein anderer, – ein bei weitem fröhlicherer Geselle macht sich auf den Weg, um das Land mit seinem Zauber zu überziehen. Ein altes Jahreszeiten-Quartett, welches die Mutter aus ihrer Kindheit im Nachtkästchen verwahrte, vier Karten für jeden Monat des Jahres, der Oktober geprägt von der Figur des Malers Herbst, im bunten Gewand mit Farbpalette und Pinsel durch die Lande ziehend, seine kraftvollen Farbakzente setzend, Silber-, Gold- und Kupfertöne, dazwischen Töne von leuchtendem Rot, Orange und Gelb auf sich mehr und mehr zurücknehmendem Grün, jeden Tag ein wenig mehr, – Nuancenspiel von Licht und Schatten. Der Versuch, das Leuchten mit optischen Linsen einzufangen, bleibt klägliches Stückwerk. – Geheimnis wird bleiben, warum es beim Sich-Annähern allzu oft verblasst, sich entzieht, gleich einem Gemälde, welches den Betrachter veranlasst, einige Schritte zurückzutreten, um es erfassen zu können. Dennoch kannst du es nicht lassen, ihm nachzuschleichen, die Kamera im Hinterhalt, auf der Jagd nach Augenblicken, den so vergänglichen, die du allzu gerne bannen möchtest, wie das Aufflammen der Kirschbäume auf der Streuobstwiese, deren zarte Blüten einst den Frühling prägten, und die, nachdem sie Früchte getragen hatten, diskret zurückgezogen den Rest des Sommers im dunkelgrünen Kleid verbrachten, träumend, Schatten spendend, sich selbst vergessend. Das Glühen der Hagebutten, vormals  zartrosa-filigran, vollendet duftend in Heckenrosentagen, jetzt auf dampfende Teekannen an verregneten Novembertagen hindeutend. Schwarzblau hingegen die herb schmeckenden Schlehen, – Herbstgeschmack! -, an Frühlingstagen ein weißer Blütentraum von honigsüßem Duft, ihre Gehölze dornenreiche Schutzburgen vieler Singvögel, die auch jetzt ihre vielfältigen Rufe daraus vernehmen lassen. Das Vanillegelb der kleinen, wohlgeformten Blätter des Feldahorns. Der nahezu metallische Glanz der Birnbäume – von Grün über kupferleuchtendes Orange bis ins Rotviolett -, keine Herbstfärbung – hörst du – Birnengitterrost! – und wenn? Wer will ernstlich dem Maler die letzten Geheimnisse seiner Farbenmischungen entlocken? Anreiz jedoch, sich beim Nachhause-Kommen selbst mit Pinsel, Farbenkasten und Papier auszustatten, um sich über kommende, farblosere Tage zu retten. Kreativität wiedererlangen, die dir einst verlorenging, manchmal auch geraubt wurde, – eine winterfüllende Aufgabe? Wohlan! Den Maler Herbst vermag dies nicht zu erschüttern. Seine Kunst bleibt unerreicht.

Bettina Johl

Copyright für Fotos und Text: Bettina Johl

 

 

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Frühlingstage am Niederrhein – Bettina Johl

Unterwegs in mir bisher unbekannten Gegenden, im Land zwischen Niederrhein und Maas, – erfahren, dass anfangs nicht selbst Gewähltes ebenfalls zu Vertrautem werden kann, wovon es einst – ich ahne es voraus – schwerfallen wird, sich wieder zu trennen. Woran werde ich zurückdenken, – welche Erinnerungen werden mir erhalten bleiben?

Da ist die Weite der Ebene, – ungewohnt zunächst -, die jeder Mensch auf seine eigene Weise wahrnimmt. So wie Berge dem einen Geborgenheit vermitteln oder Herausforderung sein können, im anderen jedoch das Gefühl von Enge und Beklemmung auszulösen vermögen, so kann auch das flache Land dem einen Freiheit, dem anderen Verlorenheit bedeuten. Ich entscheide mich für Freiheit.

Symbol werden mir die morgens vorüberziehenden Graugänse, deren Geschnatter mir wie Gesang anmuten will. Es gibt einen See in der Nähe, doch diesen suchen sie nicht auf. Er ist zu klein, zu gut besucht, sein Ufer zu sehr beansprucht. Immerhin finden sich dort zwei Haubentaucherpaare, die sich davon offensichtlich nicht schrecken ließen, und es ist faszinierend, ihrem Balztanz zuzusehen, in dessen Verlauf sie sich fast mit den Hälsen berühren, sich drehen und symmetrische Formen  bilden, die sich wiederum auf der Wasseroberfläche spiegeln. Dann wieder tauchen sie mit elegantem Sprung unter, sind lange verschwunden, um an einer weit entfernt liegenden Stelle plötzlich unvermutet wieder aufzutauchen, als wäre nichts geschehen.

Bettina Johl

In der Flugrichtung, welche die Wildgänse nehmen, liegt jedoch ein Seegebiet  mit kleinen Wasserflächen zwischen niedrigem Gehölz und feuchten Wiesen. Ich suche sie dort an einem der nächsten Tage auf,  – bin verwachsen mit meinem geliehenen blauen Fahrrad, das mich hier überall hinbringt, fahre durch schattige Eichenalleen, – viele dieser Bäume scheinen mir älter als hundert Jahre zu sein, stehen wie mächtige Säulen, ihr junges Laub filtert das Sonnenlicht, lässt ein hohes Gewölbe von leuchtendem Grün entstehen -, komme vorüber an großen, weiten Pferdekoppeln, an von blühenden Weißdorn- und Rosenhecken gesäumten Feldern. Mehrere Fasane kreuzen meinen Weg. Dort wo ich herkomme, sind sie längst verschwunden, bietet ihnen die, – wie man es nennt – „bereinigte“ Flur und die Zersiedelung keinen Lebensraum mehr. Ich werde sie vermissen!

An einer großen Wiese in der Nähe der Seen sehe ich sie lagern, – meine Gänse! Mein Erscheinen stört sie auf, – sie ziehen sich unter aufgeregten Lautäußerungen etwas zurück, beeilen sich, die Mindestdistanz zwischen sich und mich zu bringen. Als sie sehen, dass ich nicht näherkomme, mich am Feldrain auf die Erde setze und ruhig sitzenbleibe, beruhigen sie sich und recken interessiert die Hälse, – manche nähern sich wieder etwas. Ein wenig spreche ich ihre Sprache. Meine innigen Zwiegespräche mit Hausgänsen sind durchaus geeignet, mir zuweilen besorgte Blicke einzuhandeln. Diese hier sind wildlebend. Sie werden immer auf Distanz bedacht sein, dies ist wichtig zu ihrem Schutz. Um mit ihnen vertraut zu werden, würde ich sehr viel Zeit benötigen, – mehr, als ich hier haben werde. Aber sie lassen mich aus der Ferne teilhaben, damit muss ich mich zufrieden geben. Ich frage mich, ob sie nur auf der Durchreise sind oder gar hier brüten.

Tage später durchstreife ich vorsichtig das Seengebiet, schwankend zwischen Neugier und dem Wunsch, nicht zu stören. An einem kleinen See mit schwer zugänglichem Ufer finde ich, durch Erlen- und Birkenzweige spähend, zunächst nur Stockenten und Blesshühner vor. Am gegenüberliegenden Ufer steht ein Graureiher unbeweglich, gleich einem Denkmal, im seichten Wasser. Kurz darauf hebt er ab, segelt über die Wasserfläche, majestätisch, in seiner ihm eigenen Haltung, – mit zurückgelegtem Kopf und Hals, um sich etwas tiefer im Gehölz auf einem Baumwipfel niederzulassen. Dann – mich durchfährt ein freudiger Schrecken – entdecke ich weiter hinten ein Gänsepaar, das junge Küken zu führen scheint. Es sind sehr umsichtige Eltern, – mit Mühe kann ich einen Blick auf die Kleinen erhaschen, jedoch nicht feststellen, wie viele es sind. Ich ziehe mich still zurück.

Anderntags, in der Stille der Mittagsstunden, halte ich erneut Ausschau nach ihnen. Am Ufer führt eine schmale ausgetretene Spur durch die Wiese. Ich folge dem Pfad. Von Grashalmen, die ich streife, fliegen Dutzende blauschillernder Libellen auf, tanzen im funkelnden Sonnenlicht, um sich danach wieder im Grün niederzulassen, – fast unwirkliches Farbenspiel. Der See liegt still, wirkt verzaubert. Nichts ist dort sonst zu hören, außer dem Ruf des Kuckucks im Gehölz und dem Gesang des Pirols, – der erste, den ich in diesem Jahr vernehme. Einige Graugänse sind zu sehen, – jedoch von meiner Gänsefamilie keine Spur. Flüchtiger Gedanke, ich könnte mich gar getäuscht haben, aber ich vermute sie im hohen Gras einer benachbarten eingezäunten Wiese, wo sie sicherlich Mittagsruhe hält. Dennoch reut es mich nicht, mich auf den Weg gemacht zu haben.

Und genau dort, auf der Weide, sehe ich sie – am folgenden Abend, als ich denselben Weg nehme – unter Rufen Richtung Seeufer aufbrechen, beide Elterntiere, zwischen sich ihre Jungen, – alle sehr klein, Flaumkügelchen noch -, sicherlich erst wenige Tage alt. Bald sind sie im Wasser, bleiben jedoch im Schutz des Schilfs. Soweit ich mich auch bis zur äußersten Spitze einer Halbinsel vortaste, kann ich sie doch stets nur flüchtig erkennen. Aber ich habe sie gesehen! Kurz darauf holt mich der helle, warnende Ruf eines Blesshuhns aus meiner Versunkenheit. Wenige Meter entfernt sehe ich nahe am Ufer sein Schwimmnest mit einem Gelege von mehreren Eiern, das ich zunächst nicht bemerkt hatte. Ich bin zu nahe. Ich zeige ihm, dass ich verstanden habe, trete langsam den Rückweg an. Es beruhigt sich und setzt sich wieder auf sein Nest.

Zeit für mich zu gehen. Mir bewusst zu machen, was nicht neu ist: Die Natur braucht mich nicht. Ich brauche sie. Ich bin ein geduldeter Gast, – eine Zeitlang, wenn ich mich umsichtig verhalte. Mehr nicht. Wenn ich mir dies erhalten will, muss ich bereit sein zum Verzicht. Und so hoffe ich auf weitere Abende, an denen es mir vergönnt sein wird, Gast zu sein. Für eine kurze Zeit.

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