Monatsarchiv: Mai 2013

Dokument eines langsamen Abschieds

EinTagimJahrcover

Womit beginnt ein Tag? Bei Christa Wolf begann er oft mit dem Ausklang des vorherigen. Lesen oder Fernsehen über Mitternacht hinaus, Gelesenes, Gesehenes, Erlebtes, das sich auf den Verlauf der sich daran anschließenden Nacht und den darauffolgenden Tag auswirkt, sichtbar jenen Faden weiterspinnt, der das Gewebe der Zeit und des Lebens ausmacht. Als Christa Wolf sich 1960 vom Aufruf der Moskauer Zeitschrift „Iswestija“ an die Schriftsteller der Welt, einen Tag im Jahr sorgfältig zu schildern, ansprechen und inspirieren ließ, war noch nicht abzusehen, dass sie dies Jahr um Jahr weiter fortführen und daraus ein durch seine persönliche Note einzigartiges Zeitdokument entstehen lassen würde. Die Frage, warum sie sich dies antue, hat sie sich nicht zuletzt selbst immer wieder gestellt. Sie begründete es sich selbst mit „Horror vor dem Vergessen, das … besonders die von mir so geschätzten Alltage mit sich reißt“, beschreibt es als Versuch von „Anschreiben gegen den unaufhaltsamen Verlust von Dasein“. Stets beschäftigte die 2011 im Alter von 82 Jahren verstorbene Autorin die  Frage, wie ein Leben zustande kommt, ausgehend von der Beobachtung, dass dieses beständig „entwischt“, uns entgleitet, so sehr wir die Augenblicke schreibend festzuhalten versuchen, und der Erkenntnis, das gelebte Zeit „mehr ist als die Summe der Augenblicke“.

Aus ihren jährlich fortgeführten Aufzeichnungen entstand so „Ein Tag im Jahr“, eine Chronik über die Jahre von 1960 – 2000, zu deren Veröffentlichung sie sich spät entschloss. Die Buchpremiere wurde ein großer Erfolg, den sie jedoch nicht ohne gewisse Skepsis zur Kenntnis nahm. „Ich frage mich, ob ich da nicht auf der falschen Party bin“, notiert sie am 27. September 2003 unumwunden. Wiederholt stellt sie sich die Frage, ob diese Tagebuchblätter nicht ihre Unschuld verloren hätten, indem sie die Welt an ihnen teilhaben ließ, kommt zu dem Entschluss, dass die Antwort „Ja“ und „Nein“ lauten könnte. Sie wird sie fortführen bis zu ihrem Lebensende, – nur für sich selbst, nimmt sie sich zunächst vor. Der Wunsch, sich wieder zurückziehen zu können. Sie formuliert an anderer Stelle den Gedanken, „über einen Autor zu schreiben, der sich allem entzieht und von der Welt verschwindet“, den sie ihrem Mann Gerd vortrug. Seine Antwort lautete: „Machen kannst du es nicht. Aber schreiben kannst du es.“ Es ist nicht bekannt, ob der Entschluss, „Ein Tag im Jahr – im neuen Jahrhundert“ herauszugeben, ein gemeinsamer, noch vor ihrem Tode getroffener war; es liegt jedoch nahe, dass auch Gerhard Wolfs nachträgliche alleinige Entscheidung ihre Zustimmung gefunden hätte.

Christa und Gerhard Wolf, – eine besondere, äußerst liebevolle Beziehung, die sich wie ein roter Faden durch das hier vorliegende Zeitgewebe zieht, den allein für sich zu verfolgen fasziniert: eine von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung, absolutem Vertrauen und intensivem Austausch geprägte Partnerschaft, die durch alle Lebensbereiche trägt. Wie erlangt man solches? Wer dieser Frage nachgeht, wird fündig: Viele gemeinsame oder verwandte Interessen und Projekte  – und über allem eine bewusste, um die Notwendigkeit der Balance zwischen Leben und Arbeiten wissende Gestaltung des Alltags. Das Wissen um den Wert der kleinen Dinge: Freude über ein gemeinsam zubereitetes Essen, Gespräche, Zusammensein mit der Familie, geteilte Freude und Sorge um die Enkelkinder, welche die Autorin nach eigenen Worten „gern in ein friedlicheres Jahrhundert entlassen“ hätte.

Christa Wolfs letzte elf Jahrestage beginnen am 27. September 2001 mit den einer unbekannten Stimme zugeschriebenen Worten: „Ein Riss im Gewebe der Zeit…“ Prophetische Eingebung? Der Schock von 9/11, erst wenige Tage zurückliegend. Kriegsvorbereitungen der USA. Über der Ungewissheit die Ahnung, dass auf jeden Fall schwierige Zeiten bevorstehen würden. Das neue, alte Kassandra-Thema: Aussprechen müssen, was keiner hören will, das Nicht-anders-Können, Anfeindungen zum Trotz – an Vernunft gemahnende und um Verständigung und Ausgleich bemühte Stimmen sind grundsätzlich verdächtig in Zeiten der Terrorhysterie. Das eigene Leiden an der Bürde dieser prophetischen Gabe – und an den Verhältnissen der Zeit. Kein Ort. Nirgends. Was bereits in den früheren Zeiten der deutschen Teilung empfunden wurde, gilt zunehmend wieder für die letzten Jahre. Das immer wieder erwähnte Gefühl, nicht mehr hineinzupassen. Es kann den bevorstehenden Abschied erleichtern, – muss aber nicht.

Die Bedeutung von Freunden und Weggefährten. Zunehmend während der letzten Jahre die Trauer um die Verstorbenen unter ihnen: „Verlorene Substanz von Menschlichkeit“. Immer wieder bleibt die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ein Thema. Sie erwähnt die nachträglich „schmerzliche Überschattung“ von Erinnerungsbildern, die sich in der Kindheit eher als „hell“ eingeprägt hatten, welche in vielen Deutschen so viel Gegenwehr auslöst und wirkliches Erinnern erschwert, – das Thema ihres 1976 erschienenen Romans „Kindheitsmuster“, eines ihrer wichtigsten Bücher. Die ebenfalls vor wenigen Monaten posthum erschienene, ursprünglich ihrem Mann als privates Geschenk gewidmete Erzählung „August“, die vom weiteren Lebensweg und den rückblendenden Erinnerungen des einst kleinen Jungen handeln, den Nelly in „Kindheitsmuster“ im Lungensanatorium kennenlernt, lädt zum Wieder-Lesen des Romans ein.

Ihr letztes Buch wiederum berührt durch das Wissen um ein langsames Abschied-Nehmen. Immer wieder sind die Jahre von Krankheit, Schmerzen, offen ausgesprochener Angst und Müdigkeit überschattet. Der Bericht von 2008, als der Jahrestag in eine Zeit mehrerer langer Krankenhausaufenthalte fällt, liegt im Original nur handschriftlich vor. Rückblickend spricht sie von einem „Altersschub“, nimmt an sich selbst das Nachlassen der inneren Teilnahme am Weltgeschehen und politischen Konflikten wahr. Es fällt der für sie untypische Satz: „Ich fühle mich nicht mehr verantwortlich für das, was geschieht.“ Über allem immer wieder die Frage: „Wie lange noch? Wie oft noch?“ Spricht mit Galgenhumor vom „Warteraum des Gevatters“. Liest im Krankenbett viel in ihren eigenen Büchern, die sie sich zum Verschenken mitbringen ließ, und findet die Texte „zu meinem Erstaunen ‚nicht schlecht‘“. Der wiederum handschriftliche Eintrag von 2011 bricht mitten im Satz ab. Ein Jahr zuvor noch hatte sie notiert, dass sie sich vorstellen könne, „nicht untröstlich zu sein, wenn ich nicht mehr schreiben könnte“. Gelesen, nachgedacht, reflektiert jedoch hat sie bis zuletzt. Der Verlust ihrer Stimme wiegt schwer.

Copyright Bettina Johl

Diese Buchbesprechung erschien am 10.05.2013 in
Glanz & Elend, Magazin für Literatur und Zeitkritik.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert – 2001-2011. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 163 Seiten, 17,95 €. ISBN: 978-3-518-42360-8

Christa Wolf: August – Erzählung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 38 Seiten, 14,95 €. ISBN: 978-3-518-42328-8

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Rezension

Reif für die Ewigkeit – 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard

Drawing of Søren Kierkegaard. The Frederiksbor...

Drawing of Søren Kierkegaard. The Frederiksborg Museum. (Photo credit: Wikipedia)

„Es gibt zwei Gedanken, die so frühzeitig in meiner Seele gewesen sind, dass ich ihr Entstehen eigentlich nicht nachweisen kann. Das erste ist: dass es Menschen gibt, deren Bestimmung es ist, geopfert zu werden, damit die Idee hervortreten kann – und dass ich durch mein besonderes Kreuz ein solcher bin. Der andere Gedanke ist der, dass ich nie in die Lage kommen würde, für mein Auskommen zu arbeiten, teils weil ich meinte, ich würde sehr jung sterben, teils weil ich meinte, dass Gott in Anbetracht meines besonderen Kreuzes mir dies Leiden und diese Aufgabe ersparen würde. Woher man solche Gedanken hat, ja, das weiß ich nicht, angelesen habe ich sie mir nicht, auch habe ich sie nicht von einem anderen Menschen.“ Søren Kierkegaard

„Kierkegaards Philosophie ist eine radikale Philosophie des Einzelnen. Søren Kierkegaard ist ein großer Wachrufer innerhalb der Philosophiegeschichte, der uns klarmacht, dass es nicht nur darum geht, zu denken, sondern leben zu lernen, eine eigene Existenz zu führen. Er ist der erste große Philosoph der Existenz der Moderne.“ Robert Zimmer

__

Der Theologe und Philosoph Walter Nigg nannte Søren Kierkegaard einst einen „der geheimnisvollsten Menschen, die je gelebt haben“, in der Philosophiehistorie wird er gemeinsam mit Schopenhauer als „leidender Denker“ geführt. Fast sein ganzes Leben verbrachte er in Kopenhagen, der Stadt, in der er am 5. Mai 1813 geboren wurde und am 11. November 1855 auch gestorben ist. Er war Philosoph, Theologe und Dichter, ein religiöser Schriftsteller und einfühlsamer Psychologe, zuletzt, an seinem Lebensende, ein radikaler Kirchenstürmer und Kämpfer für ein echtes Christentum. Kierkegaard fühlte sich sein Leben hindurch missverstanden und sah sich als „Märtyrer des Gespötts“: „Ich habe weder als ich als Schriftsteller begann, noch später irgendeine Autorität erworben, ebenso wenig, wie ich irgendeine besondere Bedeutung für meine ernsthafte Gegenwart habe, – ja, es sei denn, dass ich sie mit Hilfe meiner Hosen bekommen hätte, die in einem solch eminenten Grad zur Sensation wurden und sich das besondere Interesse eines ernsthaften und gebildeten Publikums zugezogen haben. Ein paar graue alte Hosen lassen alles andere in Vergessenheit geraten.“

Søren Aabye Kierkegaard wurde als Sohn des wohlhabenden und frommen Strickwarenhändlers Michael Pedersen Kierkegaard und seiner zweiten Ehefrau Ane geboren, die zunächst Dienstmädchen im Hause der Familie war. Er kam als siebtes und letztes Kind zur Welt, der Vater war bereits 56 Jahre alt, die Mutter fast 45 Jahre alt. Ihr erstes Kind bekam Ane bereits 4 Monate nach der Trauung mit dem glaubensstrengen Michael Pedersen. »Von Kindesbeinen war ich in der Gewalt einer ungeheuren Schwermut« schrieb er später. »Ich hatte einen Pfahl im Fleisch.« Die Schwermut war Erblast des pietistischen, glaubensstrengen Vaters, der einer vermeintlichen religiösen Schuld wegen in ständiger Erwartung göttlicher Strafe lebte. Kierkegaard führte in seinen frühen Erwachsenenjahren das Leben eines unfrohen Dandys und beendete sein Studium der Theologie und Philosophie drei Jahre nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1841. Nach heutigen Maßstäben war er Erbe eines Millionenvermögens, das er bis zu seinem frühen Tod – praktisches Denken schien ihm etwas Äußeres – fast völlig aufbrauchte. Er beschäftigte Diener und Sekretär. Die verschwenderische Lebensführung, berühmt sind seine ausgiebigen Spazierfahrten im Fiaker, und die Isolation seiner Schriftstellerexistenz zählen mit zu den vielen Paradoxien des Menschen Søren Kierkegaard. Zu den Widersprüchen in seinen moralischen Ansprüchen gehören seine Frauenfeindlichkeit und seine antisemitischen Ausfälle in den Tagebüchern.

Nach der Auflösung der Verlobung mit Regine Olsen, der einzigen Liebe seines Lebens, im Jahre 1841, und nach einem Besuch in Berlin, wo er die Vorlesungen Schellings hörte, begann er mit der Abfassung seines Werkes »Entweder-Oder«, das er wie alle seine philosophischen Schriften unter Pseudonym veröffentlichte. Fast sämtliche seiner Werke, die sich in dichterisch-philosophische und religiöse unterscheiden lassen, erschienen in den letzten 12 Jahren seines Lebens. Die ironischen Maskenspiele der Pseudonyme boten Kierkegaard die Gelegenheit, reflektierend Optionen durchzuspielen und selbst dahinter verborgen zu bleiben. Eine Vielzahl seiner Schriften stellt solche Möglichkeiten und Lebenshaltungen dar, nicht in belehrend-pädagogischer Absicht, sondern um Entscheidungen vorzubereiten, wie Johan de Mylius im Nachwort zu der von ihm klug und sorgfältig edierten Textsammlung „Kierkegaard für Gestresste“ schreibt.

Die Hauptbegriffe des dänischen Denkers sind »Existenz«, »Innerlichkeit« und »Glaube«. Im Zentrum steht dabei nicht der Mensch als Gattungswesen, sondern das Individuum. der konkrete Einzelne. 1843 erschienen neben »Entweder-Oder« die Werke »Furcht und Zittern« und »Die Wiederholung«, in den nächsten Jahren folgten »Der Begriff Angst«, »Die Krankheit zum Tode«, 1850  die Schrift »Einübung im Christentum«.

In »Entweder-Oder« behauptet Victor Eremita, der fingierte Herausgeber, verschiedene Papiere gefunden zu haben, die er zwei Verfassern zuschreibt, die eine ästhetische (A) und eine ethische Lebensanschauung (B) und deren jeweilige Wertesysteme repräsentieren. Im ersten, ästhetischen Stadium ist der Mensch unmittelbar, reflexions- und wahllos dem sinnlichen, erotischen Leben verfallen. Im zweiten, ethischen Stadium ermöglicht die Reflexion die Entdeckung eines vom sinnlich-unmittelbaren Einzelnen abstrahierten Allgemeinen, das sich moralisch, politisch oder philosophisch erfassen lässt. Im Ethisch-Allgemeinen können jedoch nur gemeinschaftliche und für den Einzelnen letztlich relative Ziele verwirklicht werden.

Nach Kierkegaard kann der Mensch sein absolutes Ziel, seine Vollkommenheit nur im dritten, religiösen Stadium, in der christlichen Existenz erreichen, die alle Stadien in sich vereinigt und die vorherige existenzielle Entscheidung verlangt, Christ zu werden; religiöser Glaube hebt auch Angst und Verzweiflung des Einzelnen auf. Kierkegaard stellt in »Entweder-Oder« dieses Stadium erst im Schlussteil in Form einer erbaulichen Rede bzw. Predigt dar. Die religiöse Existenz wird dann vor allem in seiner Schrift »Furcht und Zittern« thematisiert, in der Kierkegaard unter dem Distanz herstellenden Pseudonym Johannes de Silentio über die biblische Geschichte um Abraham und Isaak nachdenkt. In der religiösen Sphäre schuldet der Mensch nur noch Gott gegenüber Gehorsam, der Einzelne steht höher als das Allgemein-Ethische; kraft des Absurden (des Glaubens) ist alles möglich. In »Furcht und Zittern«, eines der meistdiskutierten und umstrittensten Werke Kierkegaards, von dem er glaubte, dass es allein ausreiche, um ihn unsterblich zu machen, wird auf einer zunächst vordergründigen Ebene die Frage erörtert, ob eine »immanente Ethik« genüge oder ob es eine »teleologische Suspension des Ethischen« gebe, die Abrahams beabsichtigte Opferung Isaaks rechtfertigen könnte.

Für einige Interpreten wird damit das Ende der Ethik postuliert, eine radikale Apologetik des religiösen Fundamentalismus, andere deuten den Text als einen souveränen und ironischen Angriff auf jede Art fundamentalistischen Denkens. Unbestritten sind die Reflexionshöhe, die gedankliche Schärfe und sprachliche Eleganz dieses verstörenden, provokanten Textes. Dem dänischen Denker war jeder zutiefst verdächtig, der behauptete, bereits im Besitz der Wahrheit zu sein, der Weg zu ihr ist für ihn ein nie aufhörender Prozess der Aneignung. Kierkegaard symbolisiert geradezu den radikalen Verzicht auf Autorität und geistiger Machtausübung: »Ich habe eigentlich keine Unmittelbarkeit gehabt und habe daher, ganz menschlich betrachtet, nicht gelebt; ich habe sofort mit der Reflexion begonnen, ich habe, als ich älter wurde, nicht ein wenig Reflexion gesammelt, sondern eigentlich bin ich Reflexion von Anfang bis Ende.«

Auch wenn seine eigentlich religiösen Schriften und Reden unter seinem eigenen Namen erschienen, müssen sie dennoch als spezifische »Stimmlagen« betrachtet werden, wie sie de Mylius nennt, die je nach »erbaulichem« Anlass geformt wurden. Sie sind ebenso literarisch wie die übrigen Arbeiten, die theologischen und philosophischen Absichten werden in ein schriftstellerisches Gesamtprojekt gefügt, das die Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts entscheidend beeinflussen sollte. Franz Kafka notierte nach der Lektüre einer Auswahl von Kierkegaards Tagebüchern im Jahre 1913: »Wie ich ahnte, ist sein Fall trotz wesentlicher Unterschiede dem meinen sehr ähnlich, zumindest liegt er auf der gleichen Seite der Welt. Er bestätigt mich wie ein Freund.« Saul Friedländer vertritt in seiner jüngst erschienenen, vorzüglichen Kafka-Studie die Ansicht, der Einfluss des dänischen Denkers auf Kafka bestehe wesentlich darin, dass sich Kierkegaard einem philosophischen »System« verweigere und seine eigene Philosophie nur »auf individuelle Erfahrung und individuelle ästhetische oder moralische Entscheidung« gründe, »auf die individuelle Bereitschaft zum ‚Sprung in den Glauben’«, auch wenn dies vordergründig nach einer »Absage an grundlegend sittliche Gebote (‚Furcht und Zittern‘)« aussehe. Unbeeinflusst sei Kafka von den christlichen Vorzeichen dieses »frühen Existentialismus“ geblieben, doch er übernehme »die fundamentale Furcht und die einsamen Entscheidungen, die zur conditio humana als solcher gehören.«

Kierkegaard konnte dem systemtheoretischen Denkmuster Hegelscher Prägung, das er ablehnte, eine Vielzahl von Einzelstimmen entgegensetzen, die letztlich Bausteine zur Selbstfindung des Individuums sind, wie es Otto A. Böhmer in seinem neuen Kierkegaard-Buch »Reif für die Ewigkeit« beschreibt. Das Ich, das sich nach Kierkegaard selbst wählt, wird nicht ein anderer, es empfängt sich selbst, wählt sein »Entweder-Oder«: »Wenn alles stille geworden ist um den Menschen, feierlich wie eine sternenklare Nacht, wenn die Seele in der ganzen Welt allein mit sich selbst ist, da tritt ihr nicht ein ausgezeichneter Mensch gegenüber, sondern die ewige Macht selbst; es ist, als ob der Himmel sich öffnete, und das Ich wählt sich selbst, oder vielmehr, es nimmt sich selbst in Empfang.« Diese Wahl wird niemandem abgenommen, durch sie »empfängt die Persönlichkeit den Ritterschlag, der sie für die Ewigkeit adelt.«  Im Zweifelsfall, so Böhmer, »läuft es immer wieder auf eine Entscheidung hinaus, die jeder für sich treffen muss«, egal ob er Kierkegaards Fazit eines christlich bestimmten Lebens folge oder nicht: »In dem einen, mir bestimmten Augenblick, der Klarheit bringt, entscheide ich mich für mich selbst und nehme mich an.« Und so hat Søren Kierkegaards Maxime auch zu seinem 200. Geburtstag nichts an ihrer Aktualität verloren: »Das Große ist, nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.«

Apropos Kierkegaards Hosen: Die Zeitung »Corsaren« brachte 1846 Karikaturen über Kierkegaard in Umlauf, machte sich lustig über seine ungleich langen Hosenbeine, die Art, wie er seinen Stock hielt, seine Körperhaltung und seine Hüte. Die Karikaturen haben eine lange Haltbarkeit bewiesen. Sie wirken bis heute.

Georg Brandes, der dänische Literaturkritiker und Philosoph, der Nietzsches Genie als einer der Ersten erkannte und in Europa bekannt machte, über dessen »aristokratischen Radikalismus« er Vorlesungen hielt und in Buchform brachte, einer der Wegbereiter der Moderne, hob auch die befreienden Ideen Kierkegaards hervor, und seine 1877 erschiene Schrift »Søren Kierkegaard. Eine Kritische Darstellung« beginnt mit den Sätzen: »Meine früheste Erinnerung, was Kierkegaard betrifft, ist die: Wenn ich als kleiner Junge meine Hosen nicht glatt und sorgfältig über die damals üblichen langen Stiefelschäfte zog, sagte das Kindermädchen warnend zu mir: ‚Søren Kierkegaard!‘ Auf solche Art hörte ich zum ersten Mal jenen Namen, der zur selben Zeit den Erwachsenen so laut in den Ohren klang. Die Karikaturzeichnungen im Kopenhagener Witzblatt ‚Corsaren‘ hatten Kierkegaards Beine in Kreisen bekannt gemacht, zu denen sein Genie nicht vorgedrungen war.«

Copyright: Dieter Kaltwasser

Der Beitrag erschien erstmalig am 2. Mai 2013 im Online-Magazin „Glanz & Elend“, in gekürzten Fassungen am 4. Mai 2013 im General-Anzeiger Bonn und  im Rezensionsforum literaturkritik.de.

Literatur:

Otto A. Böhmer: Reif für die Ewigkeit, Sören Kierkegaard und die Kunst der Selbstfindung. Diederichs Verlag, München 2013. 176 Seiten, 17,99 €. ISBN: 978-3-424-35075-3

Sören Kierkegaard: Es gehört wahrlich Mut dazu, Gedanken über das Leben. Ausgewählt und herausgegeben von Asa A. Schillinge -Kind. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011. 192 Seiten, 9,90 €. ISBN: 978-3-423-14012-6

Kierkegaard für Gestresste. Herausgegeben von Johan de Mylius. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Insel Verlag, Berlin 2013. 183 Seiten, 9 €. ISBN: 978-3-458-35918-0

Saul Friedländer: Franz Kafka. Aus dem Englischen übersetzt von Martin Pfeiffer. Verlag C.H. Beck, München 2012. 252 Seiten, 19,95 EUR. ISBN-13: 978-3-406-63740-7

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bücher