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Zum Abschied Kleist

Heinrich von Kleist

Wahre Bücherflut zum 200. Todestag Heinrich von Kleists

Kleist-Biographien werden von ihrem Ende her geschrieben. Die Akten über sein Leben und Wirken sind längst nicht geschlossen, sie lassen sich wohl auch nicht schließen, dieses Fazit lässt sich am Ende des Kleist-Jahres ziehen. Dass ein guter Tod der beste Lebenslauf sei, dieser dramaturgische Gedanke keimte schon früh in Heinrich von Kleist auf. Am Nachmittag des 21. November 1811 tötete er am heutigen Kleinen Wannsee zunächst Henriette Vogel durch einen Schuss in die Brust, und beendete sein eigenes Leben, in dem er sich mit einer zweiten Pistole in den Mund schoss. Welche Gründe und Ursachen zu dem Entschluss führten, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, lässt sich kaum sagen, es wirkten wohl mehrere zusammen. Zuvor hatte er, wie auch Henriette Vogel, Abschiedsbriefe an Verwandte und Freunde geschickt, an seine Schwester Ulrike „am Morgen meines Todes“ die berühmten Zeilen: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Seiner Cousine Marie von Kleist, die er vor Henriette, allerdings vergeblich, darum gebeten hatte, seine Totenführerin zu spielen, schrieb er, es sei ihm ganz „unmöglich länger zu leben“: „Meine Seele ist so wund, dass mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut…“.  Seine Sehnsucht nach Ruhm wurde nicht gestillt und den Ruhepunkt seines Leben fand er erst in seinem in „unaussprechlicher Heiterkeit“ inszenierten Freitod.

Dass Heinrich von Kleists Leben und Werk erst durch sein suizidales Ende die ihm gebührende Prominenz erlangte, ist auch eine der zentralen Aussagen von Günter Blambergers wegweisender Biographie. Der Kölner Literaturwissenschaftler und Präsident der Kleist-Gesellschaft hat eine „offene“, postmoderne Interpretation geschrieben, gesehen aus der Perspektive ungewissen Lebens, die Kleist als ruhelosen durch Deutschland und Europa ziehenden „Projektemacher“ zeigt, der sich in „riskanten Bewegungen“ entwickelt und in seinen Novellen und Dramen zum Krisen- und Katastrophenspezialisten mutiert.  Kleist war ein Nomade, er hatte zahlreiche, ständig wechselnde Wohnsitze, sein Leben lang ist er gereist.

Das virtuos verfasste und souveräne Kleist-Porträt des emeritierten Germanisten Gerhard Schulz ist das Produkt einer lebenslangen Beschäftigung mit der deutschen Literatur zwischen 1789 und 1830. Schulz liegt jenseits aller Spekulationen und Theorien vor allem daran, den verbürgten Tatsachen von Kleists Leben nachzugehen angesichts einer überaus dürren biographischen Quellenlage. Im Gegensatz zu Goethe, dessen Leben von Tag zu Tag belegt scheint, wissen wir von Kleists Leben wenig, über seine Kindheit und Jugend kaum etwas.

Jens Bisky stellt in seiner Biographie Kleist in einem kulturgeschichtlichen Zusammenhang dar bzw. in einen der Militärhistorie. Sehr lesenswert sind auch die sprachlich überzeugenden und ausbalancierten Interpretationen der Werke. Insbesondere interessiert den Journalisten Bisky auch der Publizist Heinrich von Kleist. Durch die Betonung der individuellen Freiheit in Kleists Schriften wird uns ein sehr moderner Autor in einer Schwellen- und Umbruchszeit vor Augen geführt, der unser Zeitgenosse sein könnte.

Hans-Joachim Kreutzer, Gründer des Kleist-Jahrbuchs, konstatiert in seiner kurzen, konzentrierten Monographie ebenfalls, dass es riskant sei, einen Lebensumriss Kleists zu zeichnen, vor allem müsse der Biograph sich hüten, Selbstaussagen als Dokumente realen Geschehens zu nehmen, vielfach seien sie nur Vorsätze, Wünsche und Selbstinszenierungen. Über lange Zeitstrecken des 1777 in Frankfurt an der Oder geborenen Dichters sind keine Nachrichten über ihn vorhanden, auch ihre ungleiche Streuung wirft Probleme auf. Er studiert nach Beendigung seiner Offizierslaufbahn 1799 Philosophie, Physik, Mathematik und Staatswissenschaft in seiner Geburtsstadt Frankfurt (Oder). In der Lebenszeit Kleists macht die Schriftstellerexistenz gerade einmal ein Jahrzehnt, von 1801 bis 1811, aus. Vor diesem Hintergrund ist die Vielfalt der geschaffenen Werke, die mit dem Drama „Die Familie Schroffenstein“ beginnt und mit der Erzählung „Der Zweikampf“ endet, nahezu unbegreiflich. Kreutzer behandelt vor allem die „Verfahrensart“ des Dichters, seine Zweifel gegenüber Welt und Gesellschaft, und seiner Lust am Widerspruch, der Provokation beispielsweise im „Michael Kohlhaas“, in der „Penthesilea“ oder im „Prinz Friedrich von Homburg“.

Kleist fühlte sich wie „der arme Kauz aus Brandenburg“ und Frankfurt an der Oder war ihm seit dem Tod der Mutter  im Jahre 1793 „kein Aufenthalt der Freude mehr“. Er wird dann sogar von „unserm traurigen märkischen Vaterlande“ sprechen. Zum diesjährigen Kleist-Jahr ist ein literarischer Reiseführer erschienen, der ein etwas anderes Bild vom Brandenburg Kleists zeigen möchte. Herausgegeben ist es von Hans-Jürgen Rehfeld und dem Kleist-Museum Frankfurt/0der. „Die historischen Abbildungen geben die Orte aus dem Blickwinkel des märkischen Dichters wieder“, so die Herausgeber.

Für Peter Michalzik ist Kleist ein Getriebener in einer zerbrechenden Welt, aus altem preußischen Adel stammend, Napoleon hassend und das entstehende Deutschland liebend, ein Mann der Extreme, ein Dichter, der sich zeitlebens für Technik, Bildung und Verwaltung interessiert. Einerseits ein kriegserprobter Offizier, er war von 1792 bis 1799 Soldat der königlich- preußischen Armee, andererseits ein Unternehmer, Projektemacher, Beamter und Bankrotteur, zerrissen zwischen Realität und Phantasie, in Kleists Selbstbeschreibung ein „unaussprechlicher Mensch“. Sogar für den Suizid am Kleinen Wannsee bietet Michalzik noch eine überraschende kunsthistorische Spur an, die er in einem Brief Kleists aus französischer Gefangenschaft an Marie von Kleist gefunden hat. Erwähnt wurde dieser Brief allerdings schon in der immer noch lesenswerten Kleist-Biographie Eduard von Bülows aus dem Jahre 1848, die vielen Biographen bis heute als Ausgangspunkt dient.

Wolfgang Amann legt in seiner Monographie auf knappem Raum Basisinformationen über Leben, Werk und Wirkung des märkischen Schriftstellers vor, sie eignet sich als Einführung zum Thema.

‎“Es gibt im Bereich der Biografik weder Kommentar noch Kritik“, schrieb Walter Benjamin über das Schreiben von Biographien. Im Falle Heinrich von Kleists schert man sich oft nicht um diesen Ratschlag. Munter pocht hier so mancher Experte auf die Absolutheit seiner Deutungshoheit. Hans-Jürgen Schmelzers schmale Kleist-Biographie unterscheidet sich in ihrer interpretatorischen Zurückhaltung wohltuend von einigen voluminöseren Exemplaren, die in diesem Jahr erschienen sind, trotz des etwas albernen Untertitels „Deutschlands unglücklichster Dichter“, und ist daher zu empfehlen.

Das knappste Buch, das aus Anlaß des 200. Todestages geschrieben wurde, stellt uns auf 96 Seiten einen überraschend versöhnlichen, stets nach Glück suchenden Kleist vor. Adam Soboczynski wirft in „Kleist. Vom Glück des Untergangs“ einen subtilen Blick auf  den Dichter, ist seinem Glück „auf der Spur, das stets im Unglück keimt“.  Kleist entwickelt in seinem Leben wie in seiner Literatur gewaltige Untergangsszenarien, die aber immer auch Glücksmomente beinhalten. Sein Scheitern wird in diesem Buch als der „neuralgische Punkt“ von Leben und Werk geschildert, von dem aus dennoch Ruhm und Vollendung gesucht werden.

Anna Maria Carpi beginnt ihre Biographie des Dichters, die aus dem Italienischen übertragen ist, mit dem unmittelbaren Nachleben in den Mitteilungen und Kommentaren der Zeitgenossen. Die bewusst subjektiv getönte Lebensbeschreibung streicht hervor, wie sehr Kleists Verzweiflung  seiner Gewissheit entsprang, dass Kommunikation zwischen Menschen stets scheitert:„Begreifen muß ich’s – und daß ich verlor.“

Tanja Langer widmet den letzten beiden Tagen und vor allem der letzten und gemeinsamen Nacht von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist eine Imagination, wie es hätte sein können in diesen Stunden, in denen sie sich auf den gemeinsamen Tod vorbereiteten und von der Welt Abschied nahmen. Entstanden ist ein leises, berührendes Adagio erzählend vergehenden Lebens.

Endlich sei noch auf die Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ von Christa Wolf aus dem Jahre 1978 hingewiesen, die eine fiktive Begegnung zwischen der Dichterin Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist in Winkel am Rhein im Jahre 1804 inszeniert, schon  zwei Jahre bevor sich die Freundin Bettina von Arnims unweit des Ortes selbst das Leben nahm, mit einem Dolch, den sie stets bei sich trug. Eduard von Bülow wusste bereits 1848 um Gerüchte von einem Zusammentreffen der Beiden nach einen Aufenthalt Kleists bei seinem Arzt Wedekind in Mainz im Jahre 1804.  Die Erzählung der Schriftstellerin zeigt zwei literarische Außenseiter um 1800, eingezwängt in gesellschaftliche Zwänge und  Rollenerwartungen, in einer Schwellen- und Umbruchszeit. Moderne Figuren. Am Ende, es beginnt zu dunkeln, Abschiedsgesten. „Wir wissen, was kommt.“

Dieter Kaltwasser

(Der Artikel erschien in leicht geänderter Fassung am 22.11.2011 im General-Anzeiger Bonn)

Stimmen zu Heinrich von Kleist:

Rahel Levin:

Brief an Alexander von der Marwitz, Berlin, d. 23t. November 1811:

Gestern aber hätte ich Ihnen doch geschrieben, wenn mich nicht H. Kleists Tod so sehr eingenommen hätte. Es läßt sich, wo das Leben aus ist, niemals etwas darüber sagen; von Kleist befremdete mich die Tat nicht, es ging streng in ihm her, er war wahrhaft und litt viel. Wir haben nie über Tod und Selbstmord gesprochen, – Sie wissen, wie ich über den Mord an uns selbst denke, wie Sie. Und niemals hör‘ ich dergleichen, ohne mich der Tat zu freuen. Ich mag es nicht, daß die Unglückseligen, die Menschen, bis auf den Hefen leiden, denn Wahrheit, Großes, Unendliches, wenn man es konzessiert, kann man sich auf allen Wegen nähern; begreifen können wir keine, wir müssen hoffen auf die göttliche Güte, und die sollte grade nach einem Pistolenschuß ihr Ende erreicht haben? Unglück aller Art dürfte mich berühren? Jeden Abend Fieber. Jedem Klotz, jedem Dachstein, jeder Ungeschicklichkeit sollte es erlaubt sein, nur mir nicht? Siech auf kranken und Unglückslagern sollt‘ ich müssen, und wenn es hoch und schön kommt, zu achtzig Jahren ein glücklicher imbecile werden, und wenn dreißig schon mich ekelhaft deteriorieren? Ich freue mich, daß mein edler Freund – denn Freund ruf‘ ich ihm bitter und mit Tränen nach – das Unwürdige nicht duldete; gelitten hat er genug. Sehen Sie mich! Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätten ihm zehn Rtl. gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt‘ er sich ihnen nur ungestört zeigen können. Der ewige Calcul hätte sie nie unterbrochen, ob er wohl recht, ob er wohl unrecht, ob er wohl Recht, ob er wohl nicht Recht zu dieser Tasse Kaffee habe. Ich weiß von seinem Tode nichts, als daß er eine Frau und dann sich erschossen hat. Es ist und bleibt ein Mut. Wer verließe nicht das abgetragene, inkorrigible Leben, wenn er die dunklen Möglichkeiten nicht noch mehr fürchtete? Uns loslösen vom Wünschenswerten, das tut der Weltgang schon, dies von denen, die sich nichts zu erfreuen haben; forsche ein jeder selbst, ob es viele oder wenige sind.

Christoph Martin Wieland:

Ich gestehe Ihnen, daß ich erstaunt war, und ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich Sie versichere: Wenn die Geister des Äschylus, Sophokles und Shakespeare sich vereinigten, eine Tragödie zu schaffen, sie würde das sein, was Kleists Tod Guiskards des Normanns, sofern das Ganze demjenigen entspräche, was er mich damals hören ließ. Von diesem Augenblicke an war es bei mir entschieden, Kleist sei dazu geboren, die große Lücke in unserer damaligen Literatur auszufüllen, die (nach meiner Meinung wenigstens) selbst von Goethe und Schiller noch nicht ausgefüllt worden ist […]
Brief an Georg Wedekind, 10. April 1804

Karl August Varnhagen von Ense:

Eine so herrliche Dichterseele, ein so schönes Talent missen wir nun, Freunde des Mannes und seiner Kunst!
Brief an Friedrich de la Motte Fouqué, 19. Dezember 1811

Heinrich Heine:

Es ist jetzt bestimmt, daß das Kleistische Schauspiel „Der Prinz von Homburg oder die Schlacht bei Fehrbellin” nicht auf unserer Bühne erscheinen wird, und zwar, wie ich höre, weil eine edle Dame glaubt, daß ihr Ahnherr in einer unedlen Gestalt darin erscheine. […] Was mich betrifft, so stimme ich dafür, daß es gleichsam vom Genius der Poesie selbst geschrieben ist und daß es mehr Wert hat als jene Farcen und Spektakelstücke und Houwaldsche Rühreier, die man uns täglich auftischt.
Brief aus Berlin, 1822

Johann Wolfgang von Goethe

Mir erregte dieser Dichter [Kleist], bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schön intentionierter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen wäre.
Ludwig Tiecks „Dramaturgische Blätter”, 1826

Günther von Freiberg (Ida Pinelli):

Obwohl sie [Ulrike] die Popularität des „Käthchens” erlebte, von der ersten Aufführung des „Prinzen von Homburg” und des „Zerbrochenen Kruges” vernahm, so war doch in Deutschland keine Rede davon, Heinrich einstimmig als Nationaldichter anzuerkennen; er blieb eine bestrittene Größe, ein literarisches Kuriosum, dessen Auswüchse und zeitweilige Verirrung gerügt wurden, ohne daß sein Genius Begeisterung erweckte.
Im Hause des dramatischen Dichters, 1882

Klaus Mann:

Der Kleist meines Pantheon steht regungslos, den Revolver gegen die eigene Schläfe gerichtet, die tragische Stirne leuchtend im Glanz jener ‚unaussprechlichen Heiterkeit’, von der im Abschiedsbrief die Rede ist.
Der Wendepunkt, 1942

Besprochene Literatur:

Wilhelm Amann: Heinrich von Kleist – Leben-Werk-Wirkung,  Suhrkamp,  Berlin 2011, 159 S.

Jens Bisky: Kleist – Eine Biographie,Rowohlt,  Berlin 2007, 4. Auflage 2011, 532 S.

Günter Blamberger: Heinrich von Kleist – Biographie, S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, 597 S.

Anna Maria Carpi: Kleist – Ein Leben,  Suhrkamp, Berlin 2011, 477 S.

Hans Joachim Kreutzer: Heinrich von Kleist, C.H.Beck, München 2011, 128 S.

Tanja Langer: Wir sehen uns wieder in der Ewigkeit. dtv, München 2011, 232 S.

Peter Michalzik: Kleist – Dichter, Krieger, Seelensucher. Propyläen Verlag, Berlin 2011, 557 S.

Hans-Jürgen Rehberg: Der arme Kauz aus Brandenburg. Ein literarischer Reiseführer, Findling Verlag, Kunersdorf 2011, 248 S.

Gerhard Schulz: Kleist – Eine Biographie. C.H.Beck, München 2007, Sonderausgabe 2011, 606 S.

Hans-Jürgen Schmelzer: Heinrich von Kleist. Deutschlands unglücklichster Dichter. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2011, 250 S.

Adam Soboczynski: Kleist. Vom Glück des Untergangs. Luchterhand Literaturverlag, München 2011, 96 S.

Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, 100 S.

online lesen:

Eduard v. Bülow (Hrsg.), Heinrich von Kleist’s Leben und Briefe. Mit einem Anhange (Berlin: Besser 1848)

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„In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen“ – Über Karoline von Günderrode­

Karoline von Günderrode Anonymous Painter, cir...

Karoline von Günderrode

Über sie schreiben bedeutet zunächst, innere Bedenken über Bord zu werfen und das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit –  wenigstens vorübergehend – zum Schweigen zu bringen, denn nicht nur, dass dies viele bereits lange vor mir unternommen hätten, – daran ist nichts Ungewöhnliches  -, jedoch gelang dies – Schreiben über Karoline von Günderrode – einer der ganz großen Autorinnen – Christa Wolf – Jahre zuvor in ihrem Essay „Der Schatten eines Traums“ – wie mit jedem Stoff, dessen sie sich annimmt – auf solch vollendete Weise, die es allen Nachfolgenden schwer macht, dem weiteres hinzuzufügen. Ich hatte lange gezögert, jenen großartigen Essay mehrmals gelesen, – wie alles von Christa Wolf es verdient, mehrmals gelesen zu werden, schon weil sich der darin enthaltene Gedankenreichtum schwerlich mit einem Male erfassen lässt -, nicht nur mit Interesse, auch mit gewissem Vergnügen, wie immer, wenn ich meine eigenen Sympathien oder auch Antipathien für einzelne Charaktere durch andere geteilt weiß.

Die Günderrode. Ein tragisches Leben, ein tragisches Schaffen und ein tragisches Ende, welches uns zweihundert Jahre später Lebende, Schaffende,  das Ende zumeist noch nicht ins Auge Fassende, nicht unberührt lassen kann, – nicht unberührt lassen darf.  Die wohlmeinende Warnung im Gedächtnis, sich als Autorin, die sich ihren Weg erst suchen muss, möglichst nicht gerade diejenigen zu  Vorbildern zu wählen, die ihrem Leben vorzeitig selbst ein Ende setzten, mich jedoch zu jenen zählend, die ihre Inspiration von vielerlei Seiten beziehen, worunter sich – die zahlreichen noch Lebenden ausgenommen – die Zahl derer, die den Freitod wählten, zumindest die Waage hält mit der jener, die allem trotzend mitunter steinalt wurden -, wollte ich eigentlich zunächst über die Bettine schreiben.

Bettine, die für mich immer den erfrischenden Gegenpol bildete, – Bettine, die Unkonventionelle, die sich bereits zu Zeiten, in denen solches bedeutend mehr Mut erforderte  als heute, keinen Deut um die Ansichten und Vorurteile ihrer Kreise scherte, die sich das freie Denken als Letzte hätte verbieten lassen, und die dies unumwunden kundtat, auch auf die Gefahr hin, zu nerven, – und sie nervte so manchen Zeitgenossen! -, Bettine, die es sich nicht hätte einfallen lassen, zu kapitulieren, die jedem Rückschlag und jeder Zurückweisung  nach kürzester Zeit ein Jetzt-erst-recht! entgegenzusetzen wusste. Ihre vorübergehende Kapitulation vor den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft war nur eine vermeintliche, – eine Zeit, in der sie sich regelrecht in jener Rolle eingerichtet zu haben schien, die ihr von eben dieser Gesellschaft zugemessen wurde, in der sie mit beachtlicher Energie ein Gut bewirtschaftete, sieben Kinder gebar und aufzog, die alle – nicht selbstverständlich in jenen Jahren! – das Erwachsenenalter erreichten, – um sich danach unversehrt zurückzumelden und in der Verfolgung ihrer sich selbst gesetzten Lebensziele dort fortzufahren, wo sie sich in jungen Jahren zur Unterbrechung derselben genötigt sah. Bettine, unbeirrt den Faden wieder aufnehmend, schreibend, veröffentlichend, das Berliner Salonleben prägend und in ihrem sozialen und politischen Engagement geradezu Kopf und Kragen riskierend. An sie habe ich mich stets geklammert, sie hervor gezerrt, – abergläubisch die Namensgleichheit beschwörend, – mit deren Mut, deren Unerschrockenheit ausgestattet sein, damit wäre gut leben!  Wenn die Welt nicht passt, in die man hineingeboren wurde, sich einfach eine neue schaffen, – ob diese anderen nun gefällt oder nicht, – ein vorstellbarer Weg.

Sich hingegen mit ihrer um fünf Jahre älteren Freundin Karoline, der vermeintlich Gescheiterten, die so ganz anderen Gemütes war, zu befassen, kostet Überwindung. Da ist die Trauer, die einen verstummen lassen möchte. Eine junge Dichterin und Philosophin beendet ihr Leben – sechsundzwanzigjährig – aus freiem Willen.

Als ich auf dem weitläufigen Friedhof in Winkel am Rhein den Weg zu ihrem Grab erfrage, weist mir eine sichtlich belesene Frau die Richtung, – es liegt etwas abseits an der Mauer -, ja, sie habe viel von der Günderrode gelesen, sie spricht über die Ereignisse, als habe sich alles erst vor Kurzem zugetragen; es scheint sie persönlich sehr zu beschäftigen. Ihr sei auch lange nicht klar gewesen, bekennt sie, dass die Günderrode sich ja gar nicht ertränkt habe, wie manche annähmen, da man sie unten am Rhein, halb im Wasser liegend, gefunden hatte, – stattdessen ein gezielter, mit Präzision von eigener Hand durchgeführter Dolchstoß, der zum Tode führte. Keine sehr weibliche Art, sich umzubringen, – in der Tat! Mit einem Dolch, über lange Zeit stets in der Handtasche mit sich geführt, – auch nicht gerade ein typisch weibliches Utensil.

Vor dem Gedenkstein stehend, stellt sich auch bei mir ein Gefühl von fassungsloser Betroffenheit ein. Der lange Zeitraum scheint sich zusammenzuziehen, keine Rolle mehr zu spielen. Lese die Inschrift:

Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch,
Heilges Feuer mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab‘ ich hienieden gelebt,
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend,
Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!

Ihre letzten Worte, – nicht ganz ihre eigenen -, vielmehr  Verse aus  „Abschied des Einsiedlers“  von Herder, welche sie, so nimmt man an, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte. Auf einem Blatt Papier, in ihrem Zimmer zurückgelassen, in welchem sie sich während eines Besuchs bei einer Freundin in Winkel aufhielt. Endstation eines Lebens, in dem, um es mit heutigen Worten auszudrücken, nichts mehr stimmte. Eines an äußeren und inneren Beschränkungen wundgestoßenen Lebens. Als Frau und Dichterin keine Chance auf eine von Gunst und Wohlwollen anderer unabhängige Existenz. Weder in ihrem Leben, noch in ihrem Schaffen. Von der Liebe ganz zu schweigen. Betrogen um ihr Erbe, – zwar ausreichend versorgt, allerdings nicht so, als dass es zu einer Mitgift für eine Ehe gereicht hätte -, stets in dem erniedrigenden Bewusstsein, letztlich von Almosen abhängig zu sein. Von Freunden verehrt, jedoch selten verstanden, in entscheidenden Momenten entweder zur Ikone stilisiert oder mit gönnerhafter Herablassung bedacht. Das „Günderrödchen“. Ihr beachtliches dichterisches und philosophisches Schaffen gleichermaßen schmeichelnd bewundert und neidvoll heruntergespielt. Anerkennung hatte es glücklicherweise bereits gefunden, bevor sie als Autorin persönlich öffentlich in Erscheinung trat. Sie hatte zunächst unter dem Pseudonym Tian veröffentlicht, was auf einen männlichen Verfasser schließen ließ, hinter dem niemand so ohne weiteres gerade sie, die Sanfte, die schüchtern Wirkende, vermutete.

Als es schließlich bekannt wurde, kam, was kommen musste: Man neidete ihr das Talent, zerriss sich die Mäuler, versuchte ihr Werk kleinzureden, – aber man hatte ja bereits zugegeben, zugeben müssen, dass ihre Lyrik beachtlich war, reich an gedanklicher Fülle und sprachlicher Schönheit, – also umschmeichelte man sie, ließ sich gerne mit ihr sehen, schätzte sie als kluge Gesellschafterin, Unterhalterin, Ratgeberin und Freundin, sonnte sich in ihrer Gegenwart, – wusste man sich im schlimmsten Fall gar nicht mehr zu helfen, überhöhte man sie zur Heiligen, die sie nicht sein wollte. Als Frau mit allen Bedürfnissen einer Frau wollte man sie nicht sehen, – sie, die sich selbst unbestimmt zerrissen zwischen Mann und Frau wiederfand, keiner Seite wirklich zugehörig. Auch hiermit setzte sie sich auseinander, – sprach es offen aus. Sich verstellen, sich verstecken hinter Lügen und faulen Kompromissen war ihre Sache nicht. Voraussetzung für ein lebbares Leben bedeutete ihr ein Streben nach größtmöglicher Authentizität, nach höchstmöglicher Übereinstimmung von Denken, Fühlen, Handeln und Schaffen. Ein Anspruch, an dem sie letztlich zerbrach.

Die Erfahrung von Vergeblichkeit und Entfremdung, wie Christa Wolf es ausdrückte:
„Kein Ort. Nirgends“. Die fiktive Begegnung Karoline von Günderrodes mit Heinrich von Kleist. Schauplatz: Winkel, im Sommerhaus der Brentanos. Ich suche es auf. Ein langgezogener Barockbau, Eingang zur Hofseite, in der Toreinfahrt eines jener inzwischen veralteten, dreieckig-rotumrandeten Warnschilder, auf dem ein schwarzer Mann mit Hut auf weißem Grund  den Zebrastreifen überquert,  ein Glas in der Hand hinzu gezeichnet – Symbol des Weingutbesitzers! –  darunter eine Tafel mit dem Aufdruck: „Baron kreuzt!“ Man scheint im Hause Brentano mit Humor ausgestattet. Vom Hof aus erstreckt sich in Richtung Rhein ein parkähnlicher Garten mit Kletterspalieren, einem Brunnen und steinernen Skulpturen. Alles wirkt still und verwunschen, – eine Oase, aus alter Zeit hinübergerettet, inmitten des vom Verkehrslärm reichlich gebeutelten Ortes. „Besichtigung nach Anfrage möglich“, steht auf dem Schild an der Tür, aber ich weiß nicht, ob ich anfragen, ob ich es wirklich besichtigen möchte, oder ob ich mir nicht lieber die Bilder aus meiner Vorstellungskraft bewahren will. Mit etwas Phantasie wäre es denkbar, dass sich sogleich die Tür öffnet und die Gesellschaft aus jenen Tagen heraustritt, um sich auf ihren Spaziergang zu begeben. Clemens Brentano und Sophie Mereau, Friedrich Karl von Savigny und Gunda Brentano, Christian Nees von Esenbeck und dessen Frau Lisette, geborene Mettingh, Karolines Freundin aus Frankfurter Stiftstagen. Allen voran die quirlige Bettine. Kleist, von dem nicht gewiss überliefert ist, ob er diesen Ort in Wirklichkeit je besuchte. Und nicht zuletzt Karoline von Günderrode, des Öfteren in Winkel zu Gast.

Der Rheingau, – die Sommerfrische der Frankfurter Gesellschaft und was sich so dafür hielt. Von Charakter und Schönheit der Umgebung, die ich aus Bettines brieflichen Schilderungen so lebendig vor Augen habe, scheint weniges erhalten. Das Ufer verbaut, Ortschaft reiht sich an Ortschaft, – Lärm durch Industrie und Verkehr erschlägt alle Bemühungen, sich vorzustellen, wie es hier vor zwei Jahrhunderten ausgesehen haben mag. Die Orte selbst sind touristisch überlaufene, Übelkeit erzeugende Albträume; durch die als malerisch bezeichneten Gassen von Eltville, Rüdesheim und Assmannshausen wälzen sich Tag für Tag grölende Horden wein- und schunkelseliger Busreisender, offensichtlich im Bemühen, sich die verflossene Rheinromantik mittels Promille zurückzuholen. Erst etwas weiter nördlich, bei Lorch und Kaub, wo das Mittlere Rheintal sich zunehmend verengt, die Berge zum Ufer hin steiler abfallen, weniger Bausünden zulassend, lässt sich auf Wanderwegen wie dem Rheingauer Rieslingpfad zwischen altem Weinland, Gärten und jungen Eichenwäldern eine Ahnung der einstigen Beschaulichkeit wiederbeleben, finden sich noch stille Seitentäler und Schluchten mit den munteren Bächen, die den Felsen des Taunus entspringen, erschließen sich immer wieder verträumte Aussichten auf den Strom und dessen andere Uferseite mit den bewaldeten Höhenzügen des Hunsrücks und auf stolze Burgen als stumme Zeugen alter, jedoch selten friedlicherer Tage.

Bedeutend schwieriger noch, das alte Frankfurt, wo Karoline von Günderrode aus Gründen ihrer Mittellosigkeit in einem Stift für unverheiratete, adelige Fräulein lebte, inmitten seiner Bankenviertel und Wolkenkratzer auszumachen. Grotesk mutet selbst das wiedererrichtete Goethehaus zwischen den ansonsten unsäglich hässlichen Betonklötzen an, – die ganze Stadt traurig überspitztes Symbol für die Gesellschaft, unter der gerade Karoline unsäglich litt, eine Gesellschaft, die sich das Bereichere-dich- um-jeden-Preis bereits zweihundert Jahre vor unserer Zeit auf ihre restaurativen Fahnen geschrieben hatte. Und es will uns gruseln im Bewusstsein, wie richtig die Dichterin lag mit der Einschätzung dieser Gesellschaft und der Fortentwicklung der Verhältnisse, durch alle geschichtlichen Um- und Einbrüche hindurch, bis in unsere Tage.

Das Cronstetten-Hynspergische Damenstift, – es stieß an seiner Gartenseite an diejenige des Anwesens der Bankiersfamilie Gontard, bei welcher Friedrich Hölderlin – einige Jahre vor Karolines Einzug im Stift – seine Hauslehrerstelle inne hatte und dort die Tragik seiner unglücklichen Liebe zur Hausherrin Susette Gontard durchlebte. Auch er ein vermeintlich Gescheiterter, – von der Gesellschaft zum Gescheiterten erklärt -, auch hier eine unglückliche Liebe, die ihren Teil zum weiteren dramatischen Lebensverlauf beitrug.

Verhängnisvolles  Jahr 1806 – für beide. Karoline von Günderrode nimmt sich im Sommer, am 26. Juli, das Leben, Hölderlin wird am 11. September gegen seinen erbitterten Widerstand von Bad Homburg in das Authenriethsche Klinikum in Tübingen gebracht, wo man ihn Monate später als „unheilbar wahnsinnig“ – Glück im Unglück! – in die Obhut des Schreinermeisters Zimmer entlässt, wo er  – wenn auch verloren für die Welt – noch weitere sechsunddreißig Jahre leben wird. Hälfte des Lebens.

Die Günderrode, sie verehrte Hölderlin und seine Dichtung, – von einer Begegnung jedoch ist nichts überliefert. Angenommen, sie wären sich begegnet? Es würde dies besser in meine Vorstellungswelt passen, da er mir – es mag etwas mit dem gemeinsamen Geburtsort zu tun haben – näher steht als Kleist, welcher mir stets fremd geblieben ist.

Die Günderrode und Hölderlin. Gewisse Gemeinsamkeiten fallen auf. In ihrer Dichtung, in ihrer Philosophie. In den Vorurteilen der Gesellschaft, die beide umgab. Abgedrängt in die Ecke der verträumten Phantasten und Spinner, – die ohnehin keiner versteht, – kein Wunder, da muss sich einer ja umbringen oder verrückt werden.  Beide arbeiteten mit größtem Ernst, stets am Rande der physischen und psychischen Verausgabung. Beide waren reich an Bildung, allerdings stand diese bei ihm als Mann und ältesten Sohn einer Familie, die zur damaligen württembergisch-protestantischen „Ehrbarkeit“ zählte, die für ihn der Tradition gemäß ein Pfarramt vorgesehen hatte, von Jugend an auf dem Plan, während ihr als Frau ohne Mittel kein Weg blieb, als sich alles an Wissen unter beträchtlichen Mühen selbst oder mit Unterstützung von Freunden anzueignen.

Beider unglückliche Liebe wiederum ist nur die jeweils eine Seite der Tragik, – „nur die Form“, wie es bei Karolines Freundin Lisette recht treffend in einem Brief zu lesen ist, während ihre weiteren Erklärungsversuche sich in unerträglichem Moralisieren ergehen, – die fassbare Seite. Dahinter wird es bodenlos, müssen Erklärungsversuche vor der Tiefe der Verzweiflung kapitulieren. Eine unglückliche Liebe als Katalysator für den Ausbruch dieser Verzweiflung? Zumindest steht hier einmal mehr die Unmöglichkeit, ohne Liebe leben zu können, gegenüber der unmenschlichen Forderung, ohne Liebe leben zu müssen. Sie durchlebte dies zweimal.

Ihre erste große Liebe galt Savigny, ihrem „Schatten eines Traumes“. Er ist von ihr fasziniert und bleibt es, aber noch mehr ist er ein ehrgeiziger, zielstrebiger Jurist, der nüchtern-praktische Überlegungen vor Gefühle stellt, – und eine mittellose Stiftsdame zu ehelichen wäre seiner Sache wenig dienlich. Er heiratet letztlich Gunda Brentano, – die bessere Partie! -, hält den intensiven Kontakt zu Karoline jedoch aufrecht, drängt sie, da er auf den geistigen Austausch mit ihr nicht verzichten will, in die Rolle der gemeinsamen Freundin, – eine Zumutung, die diese auf sich nimmt, denn auch sie ist auf diesen Austausch mehr als angewiesen.  Zugang zu Bildung, – für uns heute selbstverständlich, damals für Frauen nur über Umwege zu haben: über einflussreiche männliche Freunde, Förderer und Gönner. Dafür wollte vieles in Kauf genommen sein.

Geistiger Austausch, – gegenseitige Inspiration war es auch, der ihre spätere Beziehung zu dem unglücklich verheirateten Friedrich Creuzer entscheidend prägte. Selbst wenn es ihr gelungen wäre, sich gefühlsmäßig von ihm zu lösen, ihm, dem zaudernden, sich gern selbst bemitleidenden, von der Meinung seiner Freunde über das gesunde Maß hinaus abhängigen und in seinen Briefen sichtlich wenig auf ihre Gefühle und Empfindungen eingehenden Mann, der sie hinhält, über lange Zeit unfähig, sich für oder gegen sie zu entscheiden, und sie schließlich fallen lässt , – auf die geistige Zusammenarbeit, die sich entscheidend auf ihr literarisches Schaffen auswirkte, verzichten, war für sie unvorstellbar, – ja, letzten Endes: tödlich. Schwer nachzuvollziehen für jemanden, der solches nicht erfahren hat. Wem es nie gegeben war, für den gibt es nichts zu vermissen. Das Verständnis der Freunde bleibt auf der Strecke, – Stück um Stück.

Tödlich auch das Fehlen jeglicher Alternativen. Vor die Wahl gestellt sein, entweder auf freie Entfaltung oder auf Liebe zu verzichten. Das eine ohne das andere für ein lebbares Leben nicht zu denken. Eine grausame, unmenschliche Wahl! Liebe nur um den Preis, sich in die von der Gesellschaft vorgeschriebene Rolle einzufinden, – Entfaltung nur um den Preis des Außenseiterdaseins, der Vereinsamung. Auch Bettine musste dies im Verlaufe ihres recht langen Lebens mehrmals sehr bitter erfahren. Sie war robuster, widerstandsfähiger. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht immens darunter litt.

Während der Zeit, die ihre Freundschaft währte, in der die beiden jungen Frauen sich eng aneinander angeschlossen hatten, inspirierten sie sich gegenseitig, in Gesprächen und durch gemeinsames Lernen, in ihrer Korrespondenz, wenn sie sich an getrennten Orten aufhielten, unternahmen Phantasiereisen und Gedankenflüge, erhoben sich geistig über die äußerlichen, beengenden Verhältnisse.

Es war Karoline, die sich letzten Endes zurückzog, – ob der Druck Creuzers, der gegen die Brentanos eine neidvolle Aversion hegte, dafür ausgereicht hatte, ist fraglich, fiel dies doch in eine Zeit, als der Entschluss, ihr Leben zu beenden, längst gereift war. Berichten Bettines zufolge gab es Zeichen hierfür, die in ihr selbst Verzweiflung und Ratlosigkeit auslösten, ohne dass sie zu der Freundin weiter hätte vordringen können, – auch die Ankündigung einer „Entzweiung“. Der Weg, den Karoline gewählt hatte, war ihr eigener, ein aus frei gefasstem Entschluss eingeschlagener Weg, auf den sie – so bitter es die Freunde ankommen mochte – niemand begleiten – und auf dem niemand sie zurückhalten konnte.

Zwei Frauenschicksale lange vor unserer Zeit, sehr unterschiedlich und doch sehr ähnlich in ihrer Verschiedenheit, eine Verschiedenheit, um die beide wussten. Karoline schrieb in einem Brief an Bettine, in dessen Verlauf sie dieser eine energischere Natur bescheinigte, als es ihr selbst beschieden war:

„… mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, dass dir etwas möglich wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte. Du musst dies bei deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken.“

Das Lesen der Briefe, die der Nachwelt erhalten geblieben sind, macht betroffen, zieht mich in ihren Bann,  erschüttert mich, als läge all dies nur Tage zurück. Warum, frage ich mich? Sind wir doch die Vertreterinnen einer Zeit, in der diese Widersprüche überwunden zu sein scheinen, stehen uns doch heute alle Wege offen. Wirklich? Die Realität zeigt eine andere Seite. Das Scheitern ist auch uns nur zu vertraut. Nur: Woran scheitern wir?

Daran, dass wir zwar vermeintlich freie Wahl haben, jedoch die alten, überkommenen Rollenvorstellungen, von Generation zu Generation – bewusst oder unbewusst – weitergegeben, sich nach wie vor tief in uns eingefressen haben, so dass wir dennoch immer wieder versuchen, ihnen gerecht zu werden, – schlimmer noch: dass wir oft mehreren Rollenbildern völlig gegensätzlicher Ausrichtung entsprechen wollen, diese vergebens in uns zu vereinen versuchen, – eine Zerreißprobe, die wir auf Dauer nicht bestehen können?

Daran, dass wir trotz der angeblichen Fülle von Möglichkeiten Gefahr laufen, uns in der Beliebigkeit zu verlieren, zerstreuter, ablenkbarer sind, schwerer in der Lage, einen gewählten Weg zielstrebig und kontinuierlich zu verfolgen?

Daran, dass heute weniger die Gesellschaft oder eine bestimmte Gesellschaftsklasse die Rollenmodelle vorgibt, sondern zu einem beträchtlichen Anteil die Massenmedien, die uns Zerrbilder vermitteln, denen entsprechen zu wollen das Scheitern zwangsläufig mit sich bringen muss? Denn hier erschöpft es sich wahrlich nicht im Fleißig-sein-müssen und Brav-sein-müssen; hinzu kommen Schlank-sein-müssen, Schön-sein-müssen, Jugendlich-sein-müssen, Sich-alles-leisten-können-müssen, Stets-Power-haben-müssen… Endlosschleife! Und das Verurteilen unseres Selbst, sobald wir nicht dies alles zugleich schaffen, – und wir können und werden es nicht schaffen, die einen werden dies nur früher, die anderen später feststellen! -, das übernehmen wir auch gleich selbst. Denn wir sind emanzipiert!

So stehen uns unsere Vorkämpferinnen aus vergangenen Jahrhunderten näher denn je. Und es klingt uns nicht einmal unvertraut in den Ohren, wenn wir aus der Feder der Günderrode lesen:

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

(Karoline von Günderrode)

© Bettina Johl

Empfohlene Literatur:

Karoline von Günderrode: Einstens lebt ich süßes Leben, Gedichte, Prosa und Briefe der Karoline von Günderrode. Eine neue Auswahl und Essay von Christa Wolf, 24.04.2006, insel taschenbuch 3191, Broschur, 407 Seiten, ISBN: 978-3-458-34891-7

Bettine von Arnim: Die Günderrode, Deutscher Klassiker Verlag, 2006, ISBN: 978-3-618-68009-3

Markus Hille: Karoline von Günderrode, Rowohlt-Monographie, 160 Seiten, ISBN 978-3-499-50441-9

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