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„By a Lady“ – Zum Tee mit Jane Austen

Portrait of Jane Austen, from the memoir by J....

Portrait of Jane Austen, from the memoir by J. E. Austen-Leigh

„Man trinkt Tee, damit man den Lärm der Welt vergisst“. Das bekannte chinesische Sprichwort sehe ich in meiner Erinnerung auf einem Schild über dem Ausschank meines während langer Jahre bevorzugten Teegeschäftes prangen. Jener befand sich im hinteren Teil des Ladens, der bereits beim Eintreten für sich selbst eine Oase von Düften, Klängen und dem herzerwärmenden Anblick glänzender Teebehälter, schönen Geschirrs und allerlei wundersamer Dinge bot. Beim Schließen der Tür blieben Lärm und das hektische Treiben der Großstadt draußen; man befand sich in einer anderen Welt. Wenn die nächsten Erledigungen nicht allzu sehr drängten, zog man sich nach Aufgabe seiner Bestellung in jenen hinteren Bereich zurück, um die schweren Einkaufstaschen abzustellen und in Ruhe eine Tasse heißen, dampfenden Tees zu sich zu nehmen. Ein Zimmerbrunnen plätscherte, der Samowar summte, hin und wieder war das melodische Türglockengeläut zu hören; es gab vieles zu betrachten und zu bestaunen, – und fast immer stellte man fest, dass man noch dies und jenes benötigte, gab zuweilen mehr Geld aus als geplant, ohne dies allerdings allzu sehr zu beklagen.

Vor einiger Zeit jedoch, als ich dort wie gewohnt einkaufen wollte, stand ich unvermittelt vor verschlossener Tür – und blickte durch die Scheibe in einen kahlen Raum. Ein Schild wies darauf hin, der Laden sei keineswegs aufgegeben, man stehe in zwei Kaufhausfilialen ganz in der Nähe  selbstverständlich weiterhin mit dem gewohnten Angebot zur Verfügung. Ich bin seither nur noch selten dort gewesen. Der Zauber ist dahin, – kein bisschen tröstlich das Wissen, dass mein Tee-Laden das Schicksal mit vielen alteingesessenen kleinen Läden teilt, die in den vergangenen Jahren schließen mussten, während die große Handelsketten die Städte mehr und mehr uniformieren. Der Gedanke, nun ins Warenhaus zu müssen, wo sich die Teeabteilung zwischen Wurst- und Käsetheke zwängt, schreckt mich; ebenso könnte ich gleich den Supermarkt aufsuchen. Der sprichwörtliche „Lärm der Welt“ hat inzwischen auch mein Teegeschäft heimgesucht.

Mein bestes Teeservice erstand ich dort in jungen Jahren und trug es mit Stolz nach Hause. Es ist noch vollständig erhalten, – kein Stück fehlt, nichts davon ging bislang zu Bruch. Ich habe es allerdings nicht so oft benutzt wie mein rustikales  Alltagsteegeschirr, welches deutlich mehr Gebrauchsspuren aufzeigt. Der Knauf am Deckel der in gestuften Brauntönen gehaltenen, bauchigen Steingutkanne ist geleimt, da er gleich in den ersten Jahren einmal hart zu Boden ging; er wackelt unter dem dampfendem Inhalt  der Kanne zuweilen bedenklich, hielt jedoch über die Jahre hinweg allen Belastungen stand. Es handelt sich hier um eine Teekanne der ersten Stunde einer wahren Teebegeisterungswelle, die in den achtziger Jahren Deutschland heimsuchte, während man zuvor, sofern man nicht in Küstengegenden wohnte, Teeblätter nur in Beutelform gepresst kannte. So gab es  plötzlich in Spezialgeschäften offene Tees aller Sorten – oft unsäglich aromatisiert, aber sie alle wollten von uns neugierigen jungen Leuten durchprobiert werden. In meinem Heimatort gab es plötzlich einen kleinen Laden, der nebst Tee allerlei Geschenk-Krimskrams und vor allem Scherzartikel vertrieb, so dass er uns als zu jedem Unsinn aufgelegte vierzehnjährige Schülerinnen ohnehin magisch anzog. Ich selbst jedoch hatte bald andere Sorgen: Dort in einem der Regale stand mein Teeservice! Es bestand nur aus jener Kanne, Stövchen und sechs schlichten Bechern, und es kostete für meine Verhältnisse ein Vermögen: das Taschengeld von eineinhalb Monaten! Ich weiß nicht, wie oft ich mich in den Wochen, während derer ich knickerte und knauserte wie der sprichwörtliche Geizhals, immer wieder zu diesem Laden schlich, um ängstlich nachzusehen, ob es noch an derselben Stelle stand, mir buchstäblich die Nase an der Schaufensterscheibe platt drückte. Ich hatte Glück, nach einiger Zeit war es glücklich in meinem Besitz und hat mich seither überall hin begleitet. Wo immer es im Schrank steht, bin auch ich zu finden, wo es hingegen verschwindet, ist zu Recht zu befürchten, dass auch ich das Weite gesucht habe, – und dass aus seiner Kanne – dieser meiner ältesten! – der Tee am besten schmeckt, ist ein offenes Geheimnis.

Von jeher umgab den Tee stets das Flair des Besonderen. Als im 17. Jahrhundert mit den Handelsschiffen, die zunehmend Ware aus fernen Kontinenten an Bord führten, die ersten Teeclipper vor der niederländischen Küste anlegten, ließ sich noch nicht vorhersehen, welchen Wandel in der europäischen Trinkkultur dies auf den Weg bringen würde. Die zuvor unbekannten Genussmittel Kaffee, Tee und Schokolade verbreiteten sich in Windeseile, wenngleich sie auch zunächst Kreisen vorbehalten waren, die sich diese leisten konnten. Während sich auf dem Kontinent vor allem der Kaffee etablierte, setzte sich der Tee vermehrt in Küstenregionen und auf den britischen Inseln durch. Zuvor kannte man in Europa nahezu ausschließlich alkoholische Getränke, die jahrhundertelang in beträchtlicher Menge konsumiert wurden. So trank man in England, dem Land, welches wir heute gedanklich ganz selbstverständlich mit Tee in Verbindung bringen, noch zu Zeiten von Königin Elisabeth I. bevorzugt – selbst zu früher Morgenstunde – Bier. Es sind nicht nur böse Zungen, die behaupten, die zunehmende Ernüchterung, die mit dem Siegeszug des Tees und Kaffees einsetzte, hätte der europäischen Aufklärung Vorschub geleistet!

Bevorzugt die Frauen waren es, die das neue Getränk schätzen und lieben lernten. Als erste soll Katharina von Braganza, die Frau König Charles II., den Tee auf der Insel eingeführt haben; nach der Glorious Revolution begann Queen Anne, die Bier auf nüchternen Magen offenbar nur schlecht vertrug, den Tee auch als Frühstücksgetränk populär zu machen. Im Laufe der Zeit wurde der Tee auch in bürgerlichen Kreisen erschwinglich. Insbesondere die Damenwelt schätzte ihn, weil er ihnen ermöglichte, eigene Einladungen zu Geselligkeiten auszusprechen, während derer ein edles und hochwertiges Getränk unter aller Wahrung von Schicklichkeit angeboten werden konnte. Während Frauen zu den damaligen Kaffeehäusern keinen Zutritt hatten, standen ihnen die Teegärten offen, welche sich bei beiden Geschlechtern zunehmender Beliebtheit erfreuten. Dem „Lärm der Welt“ entging man so freilich weniger, aber der Tee hatte einen entscheidenden Vorzug: Er galt – nachdem anfängliche Verteufelungsversuche von Tee-Gegnern kläglich gescheitert waren – als gesund und ermöglichte Erholung, Entspannung und Regenerierung bei einem Getränk, welches anregte, ohne jedoch zu berauschen.

Geselligkeiten bereicherten den Alltag, ermöglichten Austausch und lieferten nicht zuletzt Stoff für eine neue Literaturgattung, die sich im 19. Jahrhundert herausbildete: den Roman. Und so wird auch in den Romanen der großen Schriftstellerin Jane Austen, selbst einer großen Teekennerin und –liebhaberin, mit großer Leidenschaft Tee getrunken.

Jane Austen, die 1775 geborene Pfarrerstochter, die ihre Romane stets ohne Nennung ihres Namens, lediglich mit dem Vermerk „By a Lady“ veröffentlichte, brachte es sehr bald zu einer sprachlichen Formvollendung, die ihr bei der Literaturkritik einen mit dem Dramatiker Shakespeare vergleichbaren Rang eintrug. Der Versuch, eine deutsche Entsprechung für sie zu finden, will nicht gelingen. Ich rufe mir den Zeitraum ins Gedächtnis: Geboren fünf Jahre nach Hölderlin, fünf Jahre vor Karoline von Günderrode, zehn Jahre vor Bettine Brentano, spätere von Arnim. Beispiele für begabte junge Menschen aus dem Bürgertum, die sich allesamt schwer taten mit der Zeit und der Gesellschaft, in die sie hineingeboren waren, die oft außergewöhnliche Wege gingen, manchmal vermeintlich scheiterten, jedoch alle weit über ihre Zeit und die Grenzen ihres Landes hinaus wirkten. Der Versuch, in jenen Tagen literarisches Schaffen und ein lebbares Leben in Einklang zu bringen, wurde gerade für Frauen oftmals zur Zerreißprobe. Die sensible Karoline von Günderrode litt unsäglich darunter und wählte mit sechsundzwanzig Jahren den Freitod, die eher robustere Bettine verschwand für viele Jahre, während derer sie ein Gut bewirtschaftete und sieben Kinder gebar und großzog, mehr oder weniger in der Versenkung und veröffentlichte erst in späteren Jahren, in einem Alter, das viele Frauen ihrer Zeit oftmals gar nicht erreichten.

Auch Jane Austen war leider nur ein kurzes Leben beschieden, in dessen Verlauf sie unverheiratet und kinderlos blieb. Während in Deutschland manche gebildete Pfarrerstochter heiratete und zur Dichtermutter wurden – man nehme Johanna Christiana Hölderlin, geb. Heyn, und Charlotte Dorothea Mörike, geb. Bayer -, taten sich in England vermehrt Pfarrerstöchter hervor, die – zumeist weniger aus eigenem Antrieb, denn aus Mittellosigkeit – unverheiratet blieben und das Beste aus ihrer Situation machten, die Chance ergriffen, sich ein Minimum an persönlichem Freiraum zu erkämpfen und zu behaupten, – und – wie Jane Austen und die Schwestern Brontë – selbst zu Schriftstellerinnen wurden. Welche Rolle dem Tee bei solcher Entwicklung zugekommen sein könnte, – diese Frage bleibt natürlich wilde Spekulation!

Wie die üblichen Gesellschafts- und Sittenromane handeln auch die Werke Jane Austens zumeist vom Schicksal noch unverheirateter Frauen, die darum kämpfen, letztlich den geliebten Partner fürs Leben heiraten zu können. Allerdings verwandelt sie den romantischen Erzählstoff mit feinsinnigem Humor und spitzer Feder in ein Spiegelbild der Gesellschaft ihrer Zeit, kritisiert und karikiert treffend die herrschenden Verhältnisse und die Menschen, die sich in ihnen bewegen, samt all ihrer Schrullen und Befindlichkeiten, was ihre Bücher noch heute in aller Welt zur beliebten Lektüre macht. Bereits zu ihren Lebzeiten wurden einige ihrer Werke ins Französische und Deutsche übersetzt.

In dem liebevoll gestalteten Buch „Jane Austen bittet zum Tee“ der Amerikanerin Kim Wilson, welche sich als langjähriges Mitglied der Jane Austen Society of North America ausgiebig mit Leben und Werk der Schriftstellerin befasst hat, feiern wir Wiedersehen mit unvergessen gebliebenen Figuren wie Mr. Darcy in „Stolz und Vorurteil“ und Miss Bates in „Emma“. Es gewährt kurzweiligen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse, Gebräuche und Gepflogenheiten der Zeit, auf deren Schilderung Jane Austen sich mit ihrer scharfen Beobachtungsgabe wie keine andere verstand. Wir begleiten die Dichterin und ihre Protagonisten durch den Tag und erfahren eine Menge über den Einsatz von Tee vom Frühstück über den Fünf-Uhr-Tee bis zum abendlichen High-Tea, ebenso dessen Einsatz in kritischen oder anstrengenden Lebenssituationen wie bei Krankheit oder auf Reisen. Selbst die in Romanen jener Zeit beliebten entführten Heldinnen, über die Jane Austen sich bevorzugt lustig zu machen pflegte, kommen hier nicht zu kurz. Wir begleiten sie desweiteren zu Einladungen und Gastaufenthalten auf Godmersham, dem vornehmen Anwesen ihres Bruders Edward oder bei ihrem Cousin in der Abtei von Stoneleigh in Warwickshire- oder zu Einkaufstouren in nächstgelegene Städte und in die Londoner Geschäfte, erstehen mit ihr den Tee bei Twinings und das Porzellan selbstverständlich bei Wedgwood. Ferner erfahren wir Interessantes und Abenteuerliches über Teehandel und Teeschmuggel und bekommen aufgezeigt, warum selbst Hausherrinnen, die sich viel Personal leisten konnten, die Zubereitung des Tees lieber selbst in die Hand nahmen und diesen sorgfältig unter Verschluss hielten. Fotos aus dem Jane-Austen’s-House-Museum in Chawton sowie Detailansichten aus Gemälden, Zeichnungen und Stichen lassen die Zeit der Schriftstellerin vor unseren Augen lebendig werden. Auszüge aus ihren Briefen, von denen leider nur wenige erhalten sind, aber auch Dokumente von Zeitgenossen, helfen, das Bild zu vervollständigen.

Wer zum Tee köstliche Beigaben schätzt, kann sich darüber hinaus an allerlei alte Rezepte heranwagen oder diese in abgewandelter Form ausprobieren, vom üppigen Plumcake über Eiscreme, Syllabub und Orangengelee bis hin zum berühmt-berüchtigten Haferschleim, auf welchen Emmas Vater, Mr. Woodhouse, unter keinen Umständen verzichten mochte. Angenehm fällt auf: Bei den häufig sehr promillelastigen Zutaten der vorgestellten Rezepte fehlt niemals eine alkoholfreie Variante als Alternative. „Jane Austen bittet zum Tee“ ist eine vergnügliche, literarische wie informative Lektüre für die Tee-Bibliothek, aber ebenso für alle, die Jane Austens Werke kennen und schätzen – oder gerne noch kennenlernen möchten. Am besten natürlich bei einer guten Tasse Tee!

© Bettina Johl

Kim Wilson/Birgit Fricke (Übers.): Jane Austen bittet zum Tee
Gerstenberg Verlag, 128 Seiten, 19,95 €
ISBN 978-3-8369-2673-7

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Autor, Bücher, Buchbesprechung, Gesellschaft, Literaturgeschichte, Rezension

„In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen“ – Über Karoline von Günderrode­

Karoline von Günderrode Anonymous Painter, cir...

Karoline von Günderrode

Über sie schreiben bedeutet zunächst, innere Bedenken über Bord zu werfen und das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit –  wenigstens vorübergehend – zum Schweigen zu bringen, denn nicht nur, dass dies viele bereits lange vor mir unternommen hätten, – daran ist nichts Ungewöhnliches  -, jedoch gelang dies – Schreiben über Karoline von Günderrode – einer der ganz großen Autorinnen – Christa Wolf – Jahre zuvor in ihrem Essay „Der Schatten eines Traums“ – wie mit jedem Stoff, dessen sie sich annimmt – auf solch vollendete Weise, die es allen Nachfolgenden schwer macht, dem weiteres hinzuzufügen. Ich hatte lange gezögert, jenen großartigen Essay mehrmals gelesen, – wie alles von Christa Wolf es verdient, mehrmals gelesen zu werden, schon weil sich der darin enthaltene Gedankenreichtum schwerlich mit einem Male erfassen lässt -, nicht nur mit Interesse, auch mit gewissem Vergnügen, wie immer, wenn ich meine eigenen Sympathien oder auch Antipathien für einzelne Charaktere durch andere geteilt weiß.

Die Günderrode. Ein tragisches Leben, ein tragisches Schaffen und ein tragisches Ende, welches uns zweihundert Jahre später Lebende, Schaffende,  das Ende zumeist noch nicht ins Auge Fassende, nicht unberührt lassen kann, – nicht unberührt lassen darf.  Die wohlmeinende Warnung im Gedächtnis, sich als Autorin, die sich ihren Weg erst suchen muss, möglichst nicht gerade diejenigen zu  Vorbildern zu wählen, die ihrem Leben vorzeitig selbst ein Ende setzten, mich jedoch zu jenen zählend, die ihre Inspiration von vielerlei Seiten beziehen, worunter sich – die zahlreichen noch Lebenden ausgenommen – die Zahl derer, die den Freitod wählten, zumindest die Waage hält mit der jener, die allem trotzend mitunter steinalt wurden -, wollte ich eigentlich zunächst über die Bettine schreiben.

Bettine, die für mich immer den erfrischenden Gegenpol bildete, – Bettine, die Unkonventionelle, die sich bereits zu Zeiten, in denen solches bedeutend mehr Mut erforderte  als heute, keinen Deut um die Ansichten und Vorurteile ihrer Kreise scherte, die sich das freie Denken als Letzte hätte verbieten lassen, und die dies unumwunden kundtat, auch auf die Gefahr hin, zu nerven, – und sie nervte so manchen Zeitgenossen! -, Bettine, die es sich nicht hätte einfallen lassen, zu kapitulieren, die jedem Rückschlag und jeder Zurückweisung  nach kürzester Zeit ein Jetzt-erst-recht! entgegenzusetzen wusste. Ihre vorübergehende Kapitulation vor den Erwartungen der bürgerlichen Gesellschaft war nur eine vermeintliche, – eine Zeit, in der sie sich regelrecht in jener Rolle eingerichtet zu haben schien, die ihr von eben dieser Gesellschaft zugemessen wurde, in der sie mit beachtlicher Energie ein Gut bewirtschaftete, sieben Kinder gebar und aufzog, die alle – nicht selbstverständlich in jenen Jahren! – das Erwachsenenalter erreichten, – um sich danach unversehrt zurückzumelden und in der Verfolgung ihrer sich selbst gesetzten Lebensziele dort fortzufahren, wo sie sich in jungen Jahren zur Unterbrechung derselben genötigt sah. Bettine, unbeirrt den Faden wieder aufnehmend, schreibend, veröffentlichend, das Berliner Salonleben prägend und in ihrem sozialen und politischen Engagement geradezu Kopf und Kragen riskierend. An sie habe ich mich stets geklammert, sie hervor gezerrt, – abergläubisch die Namensgleichheit beschwörend, – mit deren Mut, deren Unerschrockenheit ausgestattet sein, damit wäre gut leben!  Wenn die Welt nicht passt, in die man hineingeboren wurde, sich einfach eine neue schaffen, – ob diese anderen nun gefällt oder nicht, – ein vorstellbarer Weg.

Sich hingegen mit ihrer um fünf Jahre älteren Freundin Karoline, der vermeintlich Gescheiterten, die so ganz anderen Gemütes war, zu befassen, kostet Überwindung. Da ist die Trauer, die einen verstummen lassen möchte. Eine junge Dichterin und Philosophin beendet ihr Leben – sechsundzwanzigjährig – aus freiem Willen.

Als ich auf dem weitläufigen Friedhof in Winkel am Rhein den Weg zu ihrem Grab erfrage, weist mir eine sichtlich belesene Frau die Richtung, – es liegt etwas abseits an der Mauer -, ja, sie habe viel von der Günderrode gelesen, sie spricht über die Ereignisse, als habe sich alles erst vor Kurzem zugetragen; es scheint sie persönlich sehr zu beschäftigen. Ihr sei auch lange nicht klar gewesen, bekennt sie, dass die Günderrode sich ja gar nicht ertränkt habe, wie manche annähmen, da man sie unten am Rhein, halb im Wasser liegend, gefunden hatte, – stattdessen ein gezielter, mit Präzision von eigener Hand durchgeführter Dolchstoß, der zum Tode führte. Keine sehr weibliche Art, sich umzubringen, – in der Tat! Mit einem Dolch, über lange Zeit stets in der Handtasche mit sich geführt, – auch nicht gerade ein typisch weibliches Utensil.

Vor dem Gedenkstein stehend, stellt sich auch bei mir ein Gefühl von fassungsloser Betroffenheit ein. Der lange Zeitraum scheint sich zusammenzuziehen, keine Rolle mehr zu spielen. Lese die Inschrift:

Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer, der Lufthauch,
Heilges Feuer mir Freund, und du, o Bruder, der Bergstrom,
Und mein Vater der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht
Freundlichen Dank; mit euch hab‘ ich hienieden gelebt,
Und ich gehe zur andern Welt, euch gerne verlassend,
Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter, lebt wohl!

Ihre letzten Worte, – nicht ganz ihre eigenen -, vielmehr  Verse aus  „Abschied des Einsiedlers“  von Herder, welche sie, so nimmt man an, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hatte. Auf einem Blatt Papier, in ihrem Zimmer zurückgelassen, in welchem sie sich während eines Besuchs bei einer Freundin in Winkel aufhielt. Endstation eines Lebens, in dem, um es mit heutigen Worten auszudrücken, nichts mehr stimmte. Eines an äußeren und inneren Beschränkungen wundgestoßenen Lebens. Als Frau und Dichterin keine Chance auf eine von Gunst und Wohlwollen anderer unabhängige Existenz. Weder in ihrem Leben, noch in ihrem Schaffen. Von der Liebe ganz zu schweigen. Betrogen um ihr Erbe, – zwar ausreichend versorgt, allerdings nicht so, als dass es zu einer Mitgift für eine Ehe gereicht hätte -, stets in dem erniedrigenden Bewusstsein, letztlich von Almosen abhängig zu sein. Von Freunden verehrt, jedoch selten verstanden, in entscheidenden Momenten entweder zur Ikone stilisiert oder mit gönnerhafter Herablassung bedacht. Das „Günderrödchen“. Ihr beachtliches dichterisches und philosophisches Schaffen gleichermaßen schmeichelnd bewundert und neidvoll heruntergespielt. Anerkennung hatte es glücklicherweise bereits gefunden, bevor sie als Autorin persönlich öffentlich in Erscheinung trat. Sie hatte zunächst unter dem Pseudonym Tian veröffentlicht, was auf einen männlichen Verfasser schließen ließ, hinter dem niemand so ohne weiteres gerade sie, die Sanfte, die schüchtern Wirkende, vermutete.

Als es schließlich bekannt wurde, kam, was kommen musste: Man neidete ihr das Talent, zerriss sich die Mäuler, versuchte ihr Werk kleinzureden, – aber man hatte ja bereits zugegeben, zugeben müssen, dass ihre Lyrik beachtlich war, reich an gedanklicher Fülle und sprachlicher Schönheit, – also umschmeichelte man sie, ließ sich gerne mit ihr sehen, schätzte sie als kluge Gesellschafterin, Unterhalterin, Ratgeberin und Freundin, sonnte sich in ihrer Gegenwart, – wusste man sich im schlimmsten Fall gar nicht mehr zu helfen, überhöhte man sie zur Heiligen, die sie nicht sein wollte. Als Frau mit allen Bedürfnissen einer Frau wollte man sie nicht sehen, – sie, die sich selbst unbestimmt zerrissen zwischen Mann und Frau wiederfand, keiner Seite wirklich zugehörig. Auch hiermit setzte sie sich auseinander, – sprach es offen aus. Sich verstellen, sich verstecken hinter Lügen und faulen Kompromissen war ihre Sache nicht. Voraussetzung für ein lebbares Leben bedeutete ihr ein Streben nach größtmöglicher Authentizität, nach höchstmöglicher Übereinstimmung von Denken, Fühlen, Handeln und Schaffen. Ein Anspruch, an dem sie letztlich zerbrach.

Die Erfahrung von Vergeblichkeit und Entfremdung, wie Christa Wolf es ausdrückte:
„Kein Ort. Nirgends“. Die fiktive Begegnung Karoline von Günderrodes mit Heinrich von Kleist. Schauplatz: Winkel, im Sommerhaus der Brentanos. Ich suche es auf. Ein langgezogener Barockbau, Eingang zur Hofseite, in der Toreinfahrt eines jener inzwischen veralteten, dreieckig-rotumrandeten Warnschilder, auf dem ein schwarzer Mann mit Hut auf weißem Grund  den Zebrastreifen überquert,  ein Glas in der Hand hinzu gezeichnet – Symbol des Weingutbesitzers! –  darunter eine Tafel mit dem Aufdruck: „Baron kreuzt!“ Man scheint im Hause Brentano mit Humor ausgestattet. Vom Hof aus erstreckt sich in Richtung Rhein ein parkähnlicher Garten mit Kletterspalieren, einem Brunnen und steinernen Skulpturen. Alles wirkt still und verwunschen, – eine Oase, aus alter Zeit hinübergerettet, inmitten des vom Verkehrslärm reichlich gebeutelten Ortes. „Besichtigung nach Anfrage möglich“, steht auf dem Schild an der Tür, aber ich weiß nicht, ob ich anfragen, ob ich es wirklich besichtigen möchte, oder ob ich mir nicht lieber die Bilder aus meiner Vorstellungskraft bewahren will. Mit etwas Phantasie wäre es denkbar, dass sich sogleich die Tür öffnet und die Gesellschaft aus jenen Tagen heraustritt, um sich auf ihren Spaziergang zu begeben. Clemens Brentano und Sophie Mereau, Friedrich Karl von Savigny und Gunda Brentano, Christian Nees von Esenbeck und dessen Frau Lisette, geborene Mettingh, Karolines Freundin aus Frankfurter Stiftstagen. Allen voran die quirlige Bettine. Kleist, von dem nicht gewiss überliefert ist, ob er diesen Ort in Wirklichkeit je besuchte. Und nicht zuletzt Karoline von Günderrode, des Öfteren in Winkel zu Gast.

Der Rheingau, – die Sommerfrische der Frankfurter Gesellschaft und was sich so dafür hielt. Von Charakter und Schönheit der Umgebung, die ich aus Bettines brieflichen Schilderungen so lebendig vor Augen habe, scheint weniges erhalten. Das Ufer verbaut, Ortschaft reiht sich an Ortschaft, – Lärm durch Industrie und Verkehr erschlägt alle Bemühungen, sich vorzustellen, wie es hier vor zwei Jahrhunderten ausgesehen haben mag. Die Orte selbst sind touristisch überlaufene, Übelkeit erzeugende Albträume; durch die als malerisch bezeichneten Gassen von Eltville, Rüdesheim und Assmannshausen wälzen sich Tag für Tag grölende Horden wein- und schunkelseliger Busreisender, offensichtlich im Bemühen, sich die verflossene Rheinromantik mittels Promille zurückzuholen. Erst etwas weiter nördlich, bei Lorch und Kaub, wo das Mittlere Rheintal sich zunehmend verengt, die Berge zum Ufer hin steiler abfallen, weniger Bausünden zulassend, lässt sich auf Wanderwegen wie dem Rheingauer Rieslingpfad zwischen altem Weinland, Gärten und jungen Eichenwäldern eine Ahnung der einstigen Beschaulichkeit wiederbeleben, finden sich noch stille Seitentäler und Schluchten mit den munteren Bächen, die den Felsen des Taunus entspringen, erschließen sich immer wieder verträumte Aussichten auf den Strom und dessen andere Uferseite mit den bewaldeten Höhenzügen des Hunsrücks und auf stolze Burgen als stumme Zeugen alter, jedoch selten friedlicherer Tage.

Bedeutend schwieriger noch, das alte Frankfurt, wo Karoline von Günderrode aus Gründen ihrer Mittellosigkeit in einem Stift für unverheiratete, adelige Fräulein lebte, inmitten seiner Bankenviertel und Wolkenkratzer auszumachen. Grotesk mutet selbst das wiedererrichtete Goethehaus zwischen den ansonsten unsäglich hässlichen Betonklötzen an, – die ganze Stadt traurig überspitztes Symbol für die Gesellschaft, unter der gerade Karoline unsäglich litt, eine Gesellschaft, die sich das Bereichere-dich- um-jeden-Preis bereits zweihundert Jahre vor unserer Zeit auf ihre restaurativen Fahnen geschrieben hatte. Und es will uns gruseln im Bewusstsein, wie richtig die Dichterin lag mit der Einschätzung dieser Gesellschaft und der Fortentwicklung der Verhältnisse, durch alle geschichtlichen Um- und Einbrüche hindurch, bis in unsere Tage.

Das Cronstetten-Hynspergische Damenstift, – es stieß an seiner Gartenseite an diejenige des Anwesens der Bankiersfamilie Gontard, bei welcher Friedrich Hölderlin – einige Jahre vor Karolines Einzug im Stift – seine Hauslehrerstelle inne hatte und dort die Tragik seiner unglücklichen Liebe zur Hausherrin Susette Gontard durchlebte. Auch er ein vermeintlich Gescheiterter, – von der Gesellschaft zum Gescheiterten erklärt -, auch hier eine unglückliche Liebe, die ihren Teil zum weiteren dramatischen Lebensverlauf beitrug.

Verhängnisvolles  Jahr 1806 – für beide. Karoline von Günderrode nimmt sich im Sommer, am 26. Juli, das Leben, Hölderlin wird am 11. September gegen seinen erbitterten Widerstand von Bad Homburg in das Authenriethsche Klinikum in Tübingen gebracht, wo man ihn Monate später als „unheilbar wahnsinnig“ – Glück im Unglück! – in die Obhut des Schreinermeisters Zimmer entlässt, wo er  – wenn auch verloren für die Welt – noch weitere sechsunddreißig Jahre leben wird. Hälfte des Lebens.

Die Günderrode, sie verehrte Hölderlin und seine Dichtung, – von einer Begegnung jedoch ist nichts überliefert. Angenommen, sie wären sich begegnet? Es würde dies besser in meine Vorstellungswelt passen, da er mir – es mag etwas mit dem gemeinsamen Geburtsort zu tun haben – näher steht als Kleist, welcher mir stets fremd geblieben ist.

Die Günderrode und Hölderlin. Gewisse Gemeinsamkeiten fallen auf. In ihrer Dichtung, in ihrer Philosophie. In den Vorurteilen der Gesellschaft, die beide umgab. Abgedrängt in die Ecke der verträumten Phantasten und Spinner, – die ohnehin keiner versteht, – kein Wunder, da muss sich einer ja umbringen oder verrückt werden.  Beide arbeiteten mit größtem Ernst, stets am Rande der physischen und psychischen Verausgabung. Beide waren reich an Bildung, allerdings stand diese bei ihm als Mann und ältesten Sohn einer Familie, die zur damaligen württembergisch-protestantischen „Ehrbarkeit“ zählte, die für ihn der Tradition gemäß ein Pfarramt vorgesehen hatte, von Jugend an auf dem Plan, während ihr als Frau ohne Mittel kein Weg blieb, als sich alles an Wissen unter beträchtlichen Mühen selbst oder mit Unterstützung von Freunden anzueignen.

Beider unglückliche Liebe wiederum ist nur die jeweils eine Seite der Tragik, – „nur die Form“, wie es bei Karolines Freundin Lisette recht treffend in einem Brief zu lesen ist, während ihre weiteren Erklärungsversuche sich in unerträglichem Moralisieren ergehen, – die fassbare Seite. Dahinter wird es bodenlos, müssen Erklärungsversuche vor der Tiefe der Verzweiflung kapitulieren. Eine unglückliche Liebe als Katalysator für den Ausbruch dieser Verzweiflung? Zumindest steht hier einmal mehr die Unmöglichkeit, ohne Liebe leben zu können, gegenüber der unmenschlichen Forderung, ohne Liebe leben zu müssen. Sie durchlebte dies zweimal.

Ihre erste große Liebe galt Savigny, ihrem „Schatten eines Traumes“. Er ist von ihr fasziniert und bleibt es, aber noch mehr ist er ein ehrgeiziger, zielstrebiger Jurist, der nüchtern-praktische Überlegungen vor Gefühle stellt, – und eine mittellose Stiftsdame zu ehelichen wäre seiner Sache wenig dienlich. Er heiratet letztlich Gunda Brentano, – die bessere Partie! -, hält den intensiven Kontakt zu Karoline jedoch aufrecht, drängt sie, da er auf den geistigen Austausch mit ihr nicht verzichten will, in die Rolle der gemeinsamen Freundin, – eine Zumutung, die diese auf sich nimmt, denn auch sie ist auf diesen Austausch mehr als angewiesen.  Zugang zu Bildung, – für uns heute selbstverständlich, damals für Frauen nur über Umwege zu haben: über einflussreiche männliche Freunde, Förderer und Gönner. Dafür wollte vieles in Kauf genommen sein.

Geistiger Austausch, – gegenseitige Inspiration war es auch, der ihre spätere Beziehung zu dem unglücklich verheirateten Friedrich Creuzer entscheidend prägte. Selbst wenn es ihr gelungen wäre, sich gefühlsmäßig von ihm zu lösen, ihm, dem zaudernden, sich gern selbst bemitleidenden, von der Meinung seiner Freunde über das gesunde Maß hinaus abhängigen und in seinen Briefen sichtlich wenig auf ihre Gefühle und Empfindungen eingehenden Mann, der sie hinhält, über lange Zeit unfähig, sich für oder gegen sie zu entscheiden, und sie schließlich fallen lässt , – auf die geistige Zusammenarbeit, die sich entscheidend auf ihr literarisches Schaffen auswirkte, verzichten, war für sie unvorstellbar, – ja, letzten Endes: tödlich. Schwer nachzuvollziehen für jemanden, der solches nicht erfahren hat. Wem es nie gegeben war, für den gibt es nichts zu vermissen. Das Verständnis der Freunde bleibt auf der Strecke, – Stück um Stück.

Tödlich auch das Fehlen jeglicher Alternativen. Vor die Wahl gestellt sein, entweder auf freie Entfaltung oder auf Liebe zu verzichten. Das eine ohne das andere für ein lebbares Leben nicht zu denken. Eine grausame, unmenschliche Wahl! Liebe nur um den Preis, sich in die von der Gesellschaft vorgeschriebene Rolle einzufinden, – Entfaltung nur um den Preis des Außenseiterdaseins, der Vereinsamung. Auch Bettine musste dies im Verlaufe ihres recht langen Lebens mehrmals sehr bitter erfahren. Sie war robuster, widerstandsfähiger. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht immens darunter litt.

Während der Zeit, die ihre Freundschaft währte, in der die beiden jungen Frauen sich eng aneinander angeschlossen hatten, inspirierten sie sich gegenseitig, in Gesprächen und durch gemeinsames Lernen, in ihrer Korrespondenz, wenn sie sich an getrennten Orten aufhielten, unternahmen Phantasiereisen und Gedankenflüge, erhoben sich geistig über die äußerlichen, beengenden Verhältnisse.

Es war Karoline, die sich letzten Endes zurückzog, – ob der Druck Creuzers, der gegen die Brentanos eine neidvolle Aversion hegte, dafür ausgereicht hatte, ist fraglich, fiel dies doch in eine Zeit, als der Entschluss, ihr Leben zu beenden, längst gereift war. Berichten Bettines zufolge gab es Zeichen hierfür, die in ihr selbst Verzweiflung und Ratlosigkeit auslösten, ohne dass sie zu der Freundin weiter hätte vordringen können, – auch die Ankündigung einer „Entzweiung“. Der Weg, den Karoline gewählt hatte, war ihr eigener, ein aus frei gefasstem Entschluss eingeschlagener Weg, auf den sie – so bitter es die Freunde ankommen mochte – niemand begleiten – und auf dem niemand sie zurückhalten konnte.

Zwei Frauenschicksale lange vor unserer Zeit, sehr unterschiedlich und doch sehr ähnlich in ihrer Verschiedenheit, eine Verschiedenheit, um die beide wussten. Karoline schrieb in einem Brief an Bettine, in dessen Verlauf sie dieser eine energischere Natur bescheinigte, als es ihr selbst beschieden war:

„… mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es könnte also leicht kommen, dass dir etwas möglich wäre, was es darum mir noch nicht sein könnte. Du musst dies bei deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken.“

Das Lesen der Briefe, die der Nachwelt erhalten geblieben sind, macht betroffen, zieht mich in ihren Bann,  erschüttert mich, als läge all dies nur Tage zurück. Warum, frage ich mich? Sind wir doch die Vertreterinnen einer Zeit, in der diese Widersprüche überwunden zu sein scheinen, stehen uns doch heute alle Wege offen. Wirklich? Die Realität zeigt eine andere Seite. Das Scheitern ist auch uns nur zu vertraut. Nur: Woran scheitern wir?

Daran, dass wir zwar vermeintlich freie Wahl haben, jedoch die alten, überkommenen Rollenvorstellungen, von Generation zu Generation – bewusst oder unbewusst – weitergegeben, sich nach wie vor tief in uns eingefressen haben, so dass wir dennoch immer wieder versuchen, ihnen gerecht zu werden, – schlimmer noch: dass wir oft mehreren Rollenbildern völlig gegensätzlicher Ausrichtung entsprechen wollen, diese vergebens in uns zu vereinen versuchen, – eine Zerreißprobe, die wir auf Dauer nicht bestehen können?

Daran, dass wir trotz der angeblichen Fülle von Möglichkeiten Gefahr laufen, uns in der Beliebigkeit zu verlieren, zerstreuter, ablenkbarer sind, schwerer in der Lage, einen gewählten Weg zielstrebig und kontinuierlich zu verfolgen?

Daran, dass heute weniger die Gesellschaft oder eine bestimmte Gesellschaftsklasse die Rollenmodelle vorgibt, sondern zu einem beträchtlichen Anteil die Massenmedien, die uns Zerrbilder vermitteln, denen entsprechen zu wollen das Scheitern zwangsläufig mit sich bringen muss? Denn hier erschöpft es sich wahrlich nicht im Fleißig-sein-müssen und Brav-sein-müssen; hinzu kommen Schlank-sein-müssen, Schön-sein-müssen, Jugendlich-sein-müssen, Sich-alles-leisten-können-müssen, Stets-Power-haben-müssen… Endlosschleife! Und das Verurteilen unseres Selbst, sobald wir nicht dies alles zugleich schaffen, – und wir können und werden es nicht schaffen, die einen werden dies nur früher, die anderen später feststellen! -, das übernehmen wir auch gleich selbst. Denn wir sind emanzipiert!

So stehen uns unsere Vorkämpferinnen aus vergangenen Jahrhunderten näher denn je. Und es klingt uns nicht einmal unvertraut in den Ohren, wenn wir aus der Feder der Günderrode lesen:

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

(Karoline von Günderrode)

© Bettina Johl

Empfohlene Literatur:

Karoline von Günderrode: Einstens lebt ich süßes Leben, Gedichte, Prosa und Briefe der Karoline von Günderrode. Eine neue Auswahl und Essay von Christa Wolf, 24.04.2006, insel taschenbuch 3191, Broschur, 407 Seiten, ISBN: 978-3-458-34891-7

Bettine von Arnim: Die Günderrode, Deutscher Klassiker Verlag, 2006, ISBN: 978-3-618-68009-3

Markus Hille: Karoline von Günderrode, Rowohlt-Monographie, 160 Seiten, ISBN 978-3-499-50441-9

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