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Das fehlende Recht auf Scheitern – Zur neuen alten Frauendebatte

Sylvia Plath

Sylvia Plath

»Warum kann ich nicht verschiedene Leben anprobieren wie Kleider, um zu sehen, was mir am besten steht und zu mir paßt?«

Sylvia Plath

Wie gut viele Worte aus alten Tagen immer wieder auch in die unseren passen! So auch die der großen Schriftstellerin Sylvia Plath, die 1963 den Freitod wählte. Die Möglichkeit, verschiedene Leben „anzuprobieren“, um ein für sie passendes zu finden – „eines, das mir […] steht“! – war ihr nicht gegeben. Solches kann, wie wir wissen, zu andauernden Spannungen und unlösbaren Konflikten führen, die ein Leben lang auszuhalten nicht jedem die Kraft gegeben ist.

Ihr Beispiel stimmt nachdenklich. Nachdenklich auch angesichts der immer neu angefachten Diskussionen in jüngster Zeit um die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Mein ganz persönlicher Unwille, in Büchern, Zeitungsartikeln oder TV-Talkrunden Frauen, die sich selbst eine „Position an der Spitze“ erkämpfen konnten, von oben herab erzählen zu hören, was an der Sache mit den Frauen falsch gelaufen sei und wer daran Schuld habe.

Ein ganz wichtiger Aspekt wird hier außer Acht gelassen: Die Frauen, die sich darüber meinen, auslassen zu dürfen, mögen eine Ahnung davon haben, wie Erfolg geht. Es sei ihnen zugestanden. Jedoch das Scheitern, – das steht auf einem anderen Blatt, davon verstehen sie nichts! Über das Scheitern zu reden, kommt nur jenen zu, die das Scheitern kennen!

Warum scheitern Frauen auch in unseren Tagen, wenn ihnen doch gerade heute – wie es ohne Unterlass verkündet wird – mehr denn je alle Möglichkeiten offen stehen? Oder die alte Frage: Warum konkurrieren Frauen untereinander, statt zusammenzuhalten? Und warum sind Frauen teilweise so gar nicht von jenen Lebensmodellen, die doch ach so glücklich machen könnten, zu überzeugen? Treffen sie am Ende doch zu, – die Eigenschaften, die man ihnen unterstellt? „Dummheit“, „Faulheit“ und „Feigheit“?

Erinnerung an eine jüngere Bekannte, eine Pfarrerstochter, jedoch weitab vom Klischee, im Gegenteil ein sehr selbstbewusstes Mädchen, die sich vor Jahren auf einer Ausbildungsbörse mitleidig auslachen lassen musste, als sie etwas zu arglos den Wunsch geäußert hatte, einen Beruf ergreifen zu wollen, der ihr auch die Möglichkeit lasse, ihre Kinder einmal selbst großzuziehen. Von derlei Gedanken – so die emanzipierte Beraterin – müsse sie schleunigst „abkommen“! Es gäbe ja schließlich Tagesmütter!

Ein Gedanke, der sich damals in mir festgefressen hatte: Und die Tagesmütter? Was ist mit ihnen? Sind das etwa keine Frauen? Er lässt sich weiterspinnen: Und die „Putzfrauen“ – Verzeihung! – Raumpflegerinnen? Veränderte Namensgebungen helfen manchmal tatsächlich, für etwas mehr Respekt und Wertschätzung zu sorgen, ohne jedoch wirklich etwas am Charakter und an den Rahmenbedingungen der Tätigkeit und der zumeist mit ihr verbundenen ausbeuterischen Praxis zu ändern. Und die – wie wir wissen: in aller Regel unterbezahlten – Pflegekräfte?

Frauen, welche anderen Frauen, die möglicherweise Karriere machen, diejenigen Arbeiten abnehmen, die jene sonst darin behindern würden. Frauen, die, obwohl erwerbstätig, aus diesem Grund selbst auf keinen Fall Karriere machen werden. Frauen, denen selbst in aller Regel niemand diese Tätigkeiten, die ja auch im eigenen Bereich anfallen, abnimmt. Diese fallen nämlich zusätzlich an! Die Raumpflegerin, die zuhause noch die eigene Wohnung putzen muss. Die Altenpflegerin, die zuhause obendrein die pflegebedürftige Mutter oder Schwiegermutter zu betreuen hat. Die Tagesmutter, die kaum Zeit für die eigenen Kinder findet. Sehr viele Frauen, die schon deshalb keine Solidarität von den vergleichsweise wenigen anderen Frauen zu erwarten haben, weil deren Karriere sonst möglicherweise gefährdet wäre. Und hier liegt sprichwörtlich der Hase im Pfeffer: Die Karriere einiger – weniger! – Frauen geht auf Kosten – vieler! – anderer Frauen!

Verwunderlich ist dies nicht. Schon angesichts der früheren Kinder-oder-Karriere-Debatten wollte mir nie in den Kopf, warum Berufstätigsein stets in einem Zug mit „Karriere“ genannt wurde. Karriere bedeutete in meiner Begriffswelt immer etwas, das – auch in der Männerwelt – nur einige wenige „machen“. In meiner Familie gab es – wie in vielen anderen Familien auch – zahlreiche Frauen und Männer, die ihr Leben lang sehr tüchtig waren und hart arbeiteten, auch immer einmal wieder Erfolge zu verbuchen hatten; Karriere gemacht hatte aber deshalb noch lange niemand von ihnen.

Die Mehrheit der Menschheit ist nämlich, soweit frau sich umsieht, mit ganz gewöhnlicher Erwerbsarbeit beschäftigt, die dem simplen Zweck dient, den eigenen Unterhalt und den der Familie zu sichern. Meinetwegen auch, um im Bereich von Produktion oder Dienstleistung seinen Teil zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben beizutragen. Nicht mehr und nicht weniger! Ob diese Arbeit Sinn und Erfüllung bringt und somit möglicherweise zum Glück des Menschen beiträgt – oder ob sie ihn durch Entfremdung, Ausbeutung und Fremdbestimmtheit unglücklich und kaputt macht, hängt von sehr vielen Faktoren ab, nicht jedoch unbedingt und allein vom Vorhandensein der Möglichkeit, Karriere zu machen. Die Überzeugung, Glück hänge von Karriere ab, scheint mir ohnehin umgekehrt proportional zur Häufigkeit von Herzinfarkten und Burn-Out rückläufig zu sein!

Wenn das Karrieremodell sich bei Frauen nie so recht durchsetzen konnte, und, wo es dies doch konnte, nun inzwischen wieder aufhört, attraktiv zu sein, dann vielleicht einfach deshalb, – nicht, weil Frauen feige, faul und dumm wären, sondern weil sie allzu schnell erkannt haben, dass es nicht stimmig ist. Dass die Rechnung nicht aufgeht, solange es immer wieder neue VerliererInnen gibt. Dass die heutige Gesellschaft mit ihren Erfordernissen hierfür möglicherweise ganz anderer, neuer Modelle bedarf. Dass Platz und vor allem gesellschaftliche Akzeptanz für solche anderen, neuen, alternativen Lebensentwürfe entstehen muss. Möglicherweise für Lebensentwürfe mit dem Ziel, in dieser Gesellschaft in erster Linie Mensch zu werden – und zu bleiben! – und erst im zweiten Schritt uns als Frau oder Mann zu definieren.

Zum gleichberechtigten Mensch-Sein jedoch gehört auch eine Gleichberechtigung beim Recht auf Scheitern. Dass Frauen Möglichkeiten offen stehen, sobald sie mehr können und mehr leisten als der Durchschnitt, hat nicht unbedingt viel mit Gleichberechtigung zu tun. Besondere LeistungsträgerInnen fanden zu allen Zeiten ihren Platz in der Gesellschaft, auch wenn sie zuweilen, gerade wenn sie weiblich waren, sehr hart darum kämpfen mussten. Jede Gesellschaft bringt aber auch immer wieder Individuen hervor, die sich nicht anpassen, sich nicht einfügen, nicht konform gehen, – ja, sich nicht einmal mit irgendwelcher Leistung hervortun, die ihnen die Anerkennung der Gemeinschaft sichern könnte. Die einfach aus allen Rastern fallen. Die sich eigene Wege suchen müssen, weil schon in der Kindheit kein Schulsystem sie erreichen kann, sie sich im Zuge des Erwachsenwerdens nicht in die gängigen Rollenbilder hineinfinden können und Arbeitswelt und Gesellschaft keine Entfaltungsmöglichkeiten für sie parat haben. Also die sogenannten Taugenichtse!

Es gab sie zu allen Zeiten, und wo man – manchmal auch mit leisem Anflug von Anerkennung – über sie spricht, sind sie zumeist männlich. Sind es Frauen, finden sie in der Regel keine Erwähnung. Eher werden sie totgeschwiegen nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Denn Frauen haben schließlich immer perfekt zu funktionieren. Gut in der Schule zu sein. Erfolgreich im Job. Gebärfähig sowieso. Allround-Managerin in Haushaltsdingen. Obendrein toll auszusehen. Schön, jung, schlank, fit und attraktiv, auch noch jenseits der Sechzig! Das fehlende Recht auf Scheitern.

Ein Verdrängungsmechanismus, der recht gut funktioniert, mit der sich die viel besungene, moderne Zivil-Informations-Arbeits-Konsum-Medien-Kommunikations-Wissens-Risiko-Gesellschaft täglich in die eigene Tasche lügt. Denn es gibt auch diese anderen Frauen. Und ich ahne, – nein, ich wette! – es sind ihrer mehr, als uns das von den Medien allgemein vermittelte Bild vorgaukeln will! Zum Glück. Es muss sie geben dürfen! Und es muss für sie Alternativen geben zu Schuldgefühlen, Verdrängung und Flucht in psychische oder psychosomatische Krankheit. Es muss Entfaltungsmöglichkeiten für sie geben jenseits der üblichen eingefahrenen Rollenmuster. Diese Gesellschaft wird erst eine wahrhaft gleichberechtigte Gesellschaft sein, wenn sie sich weibliche Taugenichtse leisten kann. Wenn sie sich gleichberechtigtes Scheitern leisten kann.

Sehr viele Fragen müssen neu gestellt werden. Wer geglaubt hat, die Diskussion um die Frauenfrage sei zu Ende, irrt sich. Sie fängt erst an!

Bettina Johl

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