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Ein Bourgeois und Kommunist – Engels-Biographie von Tristram Hunt setzt Maßstäbe

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Muss, wer Marx sagt, auch Engels sagen? Der Geschichte des Marxismus ist zwar ohne Friedrich Engels nicht zu denken, doch ihm wird die Schuld dafür zugeschoben, dass der Marxismus in die Gulags der Sowjetunion führte. Tristram Hunt, der Nachwuchsstar der englischen Historikerzunft, setzt mit seiner 2012 ins Deutsche übersetzten Biographie zur Ehrenrettung eines Mannes an, der sich schon mit den Theorien des Kommunismus beschäftige, lange bevor er 1847 mit Marx am „Kommunistischen Manifest“ schrieb, und am Ende seines Lebens davor warnte, das Werk von Marx doktrinär auszulegen. Marx selbst sah sich ohnehin nicht als Marxist. Hunt schildert Friedrich Engels als einen eigenständigen Denker, dessen Werk dem von Marx an Originalität und Wirkungsmächtigkeit nicht nachstehe, der aber aufgrund seines abenteuerlichen Privat- und widersprüchlichen Berufslebens die spannendere Biographie biete.

Engels war geradezu die Personifizierung der dialektischen Methode, die den Marxismus auszeichnet, ein wandelnder Hegelscher Widerspruch. Er besaß eine schillernde Persönlichkeit: Bonvivant, Frauenheld, passionierter Fuchsjäger und erfolgreicher Textilmagnat, ein tiefsinniger Moralist, ein scharfer Kritiker der kapitalistischen Produktionsweise und Verräter seiner Klasse. Als er 1820 als Sohn des rheinischen Kaufmanns Friedrich Engels in Barmen zur Welt kam, wurde er in eine Familie hineingeboren, in der nichts auf revolutionäre Neigungen hinwies. Eleanor Marx bemerkte 1890: „Wohl nie wurde in einem solchen Hause ein Sohn geboren, der mehr aus der Art schlug.“ Der älteste Sohn seiner Familie war schon früh zum Kaufmann bestimmt. Als er im Juni 1869 seine zwanzig Jahre dauernde Tätigkeit im Familienunternehmen Ermen & Engels in Manchester beendete und wohlhabender Rentier wurde, ging für ihn die „Zwangsarbeit in seinem Kontor“ zuende, die er auch deswegen ausübte, um Karl Marx finanzielle Spielräume zu schaffen. In Manchester hatte er 1845 seine beeindruckende empirische Studie „Zur Lage der arbeitenden Klasse in England“ verfasst, die den Theoretiker Marx sehr beeindruckte und die zu einem grundlegenden Werk des Sozialismus wurde. Marx und Engels hatten sich Anfang der vierziger Jahre in Köln kennengelernt, wo Marx als Chefredakteur der Rheinischen Zeitung arbeitete. 1844 schlossen die beiden dann nach bierseligen Tagen in Paris ihren Bund fürs Leben. Engels sprach von einem „Compagniegeschäft“ mit Marx, in dem er selbstlos die „Zweite Violine“ spielte, aus dem später das „Kommunistische Manifest“ und das „Kapital“ entstanden. Marx bezeugte er Genie, sich selber nur Talent, und sorgte fortan für den Lebensunterhalt der gesamten Familie Marx. 1870 zog er mit Lizzy Burns, einer irischen Proletarierin, und deren Nichte nach London, um dort bis zu seinem Lebensende als das „große Lama aus der Regent`s Park Road“ wieder den Kampf um die Sache des Sozialismus aufzunehmen, gemeinsam mit Marx, der zehn Gehminuten von ihm entfernt wohnte. Er wurde zum Organisator und Strategen der sozialistischen Arbeiterbewegung, arbeitete von 1872 bis 1883 an seiner „Dialektik der Natur“, die er wegen seiner Schrift gegen den Sozialisten und Philosoph Eugen Dühring, der Marx und Engels „Zentralismus und ökonomischen Determinismus“ vorgeworfen hatte, unterbrach. Der „Anti-Dühring“ ist wie die „Dialektik der Natur“ eine Definition und Verteidigung der dialektischen Methode und der kommunistischen Weltanschauung von Marx und Engels. Teile des Buches wurden später von Engels umformuliert und separat unter dem Titel „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ veröffentlicht. Tristram Hunt verteidigt Engels gegen Vorwürfe, Marx in diesen Werken populistisch dargestellt zu haben und verweist darauf, dass Marx das Manuskript des „Anti-Dühring“ noch vollständig gelesen und empfohlen habe. 1883 starb Karl Marx in London, zwölf Jahre später Friedrich Engels. Der „General“, wie er von seinen Freunden und Mitstreitern ehrfürchtig und spöttisch zugleich genannt wurde, war in seinen letzten Lebensjahren der angesehenste marxistische Theoretiker und Stratege seiner Zeit, der wohlhabende Privatier wurde in einen absurden finanziellen Streit mit der Familie der Nichte von Lizzy Burns hineingezogen. Die Widersprüche blieben bis zuletzt in seinem Leben.

Hunt hat eine brillante Lebensbeschreibung von Friedrich Engels und eine detaillierte Theoriegeschichte des Sozialismus geschrieben, eingebunden in ein großes Gemälde des viktorianischen Zeitalters in England und des 19. Jahrhunderts in Europa. Ein Meisterwerk historischer Erzählung.

Dieter Kaltwasser

Der Artikel erschien erstmals am 27.03.2012 im General-Anzeiger Bonn

Tristram Hunt: Friedrich Engels – Der Mann, der den Marxismus erfand

Propyläen Verlag, Berlin 2012, 576 Seiten, € 24,99

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Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

Scilla-Blütezeit in der Alten Neckarschleife Lauffen

In der alten Neckarschlinge mit dem ihr verbliebenen Altwasser hat sich indessen eine außergewöhnliche Vegetation herausgebildet. Die Gegend ist ein Paradies für seltenere Vogelarten, Wasservögel insbesondere. Der Wald am ehemaligen Uferprallhang ist nicht groß, ein schmaler Streifen im Grunde nur, den dein Dichter mit „den Wäldern meiner Kindheit“ nicht gemeint haben kann, da er seine weiteren Kinder- und Jugendjahre in Nürtingen verbrachte. Dorthin zog er im Alter von nur vier Jahren, nach dem frühen Tod seines Vaters, mit seiner Mutter und seinem neuen, ebenfalls sehr geschätzten und geliebten Stiefvater, der dort Bürgermeister war. Sein neuer Wohnort, an dem er alsbald auf Streifzüge ging, die ihn auch in die umliegenden Wälder führten. Es ist die Rede von einem Lieblingsplatz in der Nähe des sagenumwobenen Ulrichsteins, an den er sich gern zurückzog, allein oder manchmal auch mit seinem jüngeren Bruder Karl, um diesem vorzulesen. Orte, die du selbst nur vom Lesen und Hörensagen kennst. Dies hier ist hingegen „dein“ Wald, der „Wald deiner Kindheit“. An den du zuerst denkst, wenn du diesen Begriff hörst. Vielfältig hast du ihn durchstreift, tust es oft in nächtlichen Träumen noch und manchmal stiehlst du dich heimlich zu ihm hin. Hier lässt sich manchmal mehr Wild beobachten als irgendwo sonst, da die Tiere sich nur in wenige Winkel zurückziehen können. Häufiger als anderswo kreuzen Reh und Hase den Weg, und im letzten Frühjahr konntest du mitten auf einem grasüberwachsenen Weg zwei kleine Jungfüchse beim Spielen beobachten. Sie waren vielleicht zehn Meter entfernt und bemerkten dich lange Zeit überhaupt nicht. Du weißt es: solches Glück ist uns – wenn je im Leben – nur sehr selten beschieden.

Im März sind die Böschungen von kleinen blauen und vereinzelt auch weißen Sternen übersät: Wildwachsende Scilla – auch Blaustern genannt –, eine frühblühende Blumenart, die nicht überall zu finden ist, weil sie wohl diese besonderen Bodenverhältnisse benötigt. Für dich gehörte sie wie selbstverständlich zum Frühling. Als Kinder pflücktet ihr sie gedankenlos, schien sie euch doch so zahlreich vorhanden, aber viele Menschen kennen sie nicht, allenfalls ihre kultivierte Verwandte in Parks und Gärten, welche sich jedoch nicht annähernd mit ihr vergleichen lässt. Erst als du für längere Zeit in anderen Gegenden lebtest, merktest du zunehmend, dass etwas am Frühling seit längerem nicht stimmte, verkehrt war, dass etwas Entscheidendes fehlte. Dieses besondere Blau, welches erst ins Auge fällt, wenn dein Blick länger auf den blassen Grün-, Braun- und Grautönen der noch vom ausklingenden Winter kündenden Wiese verweilt. Im wechselnden Licht- und Schattenspiel der Frühlingssonne in den noch unbelaubten Erlen und Weiden blitzt es am Boden plötzlich hier und da vereinzelt auf, bis die Böschungen jäh von einem blau funkelnden Zauberteppich überzogen sind, der alles verwandelt. Der Märchenwald ist eröffnet, das Stück spielt nur für dich. Selbst der Gesang der Vögel klingt verändert, scheint unbekannten Traumsphären zu entsteigen. Zu Störenfrieden werden kurzzeitig andere Spaziergänger, Jogger und Radfahrer. Aber auch sie schaffen es merkwürdigerweise nicht, dir die Stimmung zu verderben. Du siehst sie vorbeihasten, freundlich grüßend oder stumm. Sie gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie sehen es nicht. Für sie ist der Wald wie immer. Auf die wenigen, die es hingegen wahrnehmen, die sich in derselben Dimension bewegen, triffst du selten. Sie suchen die Zurückgezogenheit, möchten mit all dem allein sein. Wie du.

(Aus: „Holunderblüten“) © Bettina Johl

 

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Zettel’s Traum – Das Überbuch

Zettelei 1

Sind doch ›Bücher‹ méhr, als nur ein, in unnütz=dünne Scheiben geschnittener Klotz KiefernSchliff : sind ›WeltKnospen an unserer Welt‹!

»Bücher sind ja, irgendwie, MenschnReste -«

»Zettel’s Traum«

„Es wird sich nicht mehr setzen lassen“, klagte Arno Schmidt, als er das Buch 1968 endlich vollendet hatte. So erschien vor nun 40 Jahren „Zettel’s Traum“ als Faksimile und machte den Autor auf einen Schlag berühmt. Dabei erwiesen sich die handschriftlichen Korrekturen, Streichungen und das für den Leser unfreundliche Satzbild der Schreibmaschine neben der komplizierten Struktur des Romans als nur schwer zu überwindende Hürde für die Lektüre. Schon im Typoskript umfasst das wichtigste Buch des Schriftstellers 1334 DIN-A3-Seiten.

Nun ist „Zettel’s Traum“ erstmals als gesetztes Buch erschienen. Mit dem Roman wird die Bargfelder Ausgabe der Werke Arno Schmidts abgeschlossen. Jahrelang mühten sich Setzer, Herausgeber und Korrektoren, das hochkomplexe Layout und die eigentümliche Rechtschreibung des dreispaltigen Romans mit seinen zahlreichen Randglossen in einen lesefreundlichen Schriftsatz zu überführen, ohne den Charakter des „Überbuchs“ zu gefährden oder Eigenheiten zu glätten.

„Was stünde nicht in „Zettel’s Traum?“, fragte Arno Schmidt einmal selbstironisch und selbstbewusst. Der Roman erzählt von der vergeblichen und prekären Liebe zwischen dem alternden Schriftsteller Daniel Pagenstecher, dem Alter Ego des Autors, und der sechzehnjährigen Franziska Jacobi, Tochter des Übersetzer-Ehepaars Paul und Wilma Jacobi.

Diese treffen sich an einem Julitag, von morgens um 4 bis zum nächsten Morgen um 4 in Ödingen, einem fiktiven Ort in der südlichen Lüneburger Heide. Das ist ein großer Erzählstrang des Romans, die beiden anderen befassen sich unter anderem mit Edgar Allan Poe und Sigmund Freud; es wird im Roman nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern vom Erzählen und seinen Voraussetzungen überhaupt gehandelt, schon in der  Eröffnung in Umrissen eine Theorie zur Abbildung unbewusster Wünsche und Zwänge in der Literatur geliefert. Der Leser erfährt, dass über den Klang der Worte oft ganz andere Vorstellungen assoziiert werden, die berühmten „Etym-Effekte“.

Der dozierende Pagenstecher, Schriftsteller und Poe-Fachmann, belehrt sein dreiköpfiges Publikum, von dem sich Paul aufgeschlossen, Wilma ablehnend und Franziska in bald grenzenloser Anbetung verhält. Ein Dauerthema des Romans ist der Voyeurismus, und der gipfelt kurz vor dem Ende sogar darin, dass Daniel (Dän) und Franziska Wilma und Paul beim Sex zusehen. Pagenstecher versucht Franziska davon zu überzeugen, dass die Verwirklichung einer Liebe nur katastrophal enden kann. Er verschwindet, als die Familie Jacobi abreist. Hinter einer Eiche versteckt sieht der alternde Schriftsteller Dän die junge Liebe seines Lebens auf immer davonreisen: „Gehab Dich wohl, Mein=Lieb! Auf hundert Meil’n weit!“

Dieter Kaltwasser

Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV: Das Spätwerk: Band 1: Zettel’s Traum. Suhrkamp Verlag, 1536 S., 298 Euro. Buchpräsentation vom Bonner Buchladen 46 in Zusammenarbeit mit der Arno Schmidt Stiftung Donnerstag, 20 Uhr, im Bonner Kunstverein, Hochstadenring.

Artikel erschien am 17.11.2010 im Bonner General-Anzeiger

http://www.general-anzeiger-bonn.de/lokales/kultur/Zettel-s-Traum-wird-im-Bonner-Kunstverein-vorgestellt-article242274.html

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Der Weltweise – Über Arthur Schopenhauer

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„Der arme Hölderlin“

Peter Lenk, Hölderlin im Kreisverkehr, Detail

Peter Lenk, Hölderlin im Kreisverkehr

Es ist still geworden hierzulande um Friedrich Hölderlin, auch wenn in wenigen Jahren sein 250. Geburtstag gefeiert wird. Es ist keine Paradoxie zu behaupten, von seinem Werk sei zwar einiges ins kulturelle Gedächtnis übergegangen, seine exzentrische Lebensbahn hingegen völlig ins Vergessen geraten. Dabei gilt Hölderlin als eine singuläre Gestalt unter den Dichtern und Philosophen, er, der am 20. März 1770 im kleinen schwäbischen Lauffen am Neckar bei Heilbronn geboren wurde; ein Landstrich, den sein Freund Schelling als Land der „Pfaffen und Schreiber“ verspottete. Sein Vater war Klosterhofmeister eines früheren Nonnenklosters in Lauffen, seine Mutter eine Pfarrerstochter aus dem nahegelegenen Frauenzimmern. Wer heute die Geburtsstadt besucht, in der Hölderlin die ersten vier Lebensjahre verbrachte und die sich stolz auf ihn beruft, findet zwar alle Schulen und die einzige Buchhandlung des Geburtsortes nach ihm benannt, doch kaum einer weiß Näheres, in den Schulen wird nahezu nichts über ihn vermittelt; der große und einzigartige Dichter ist seinen Schwaben und wohl auch den Deutschen insgesamt wieder einmal abhanden gekommen. In der Hölderlin Buchhandlung in Lauffen jedenfalls, so erzählt es der dortige Buchhändler, wird manchmal sogar telefonisch nach ihm verlangt, nach dem „Geschäftsführer Hölderlin“. Man fragt sich, woher dieses Vergessen rührt. Sind es wirklich die Weimarer Klassiker, vor allem Goethe und leider dann auch Schiller, die ihn abgewiesen und so für das ganze 19. Jahrhundert unlesbar gemacht haben?

In Lauffen jedenfalls will man diesen Eindruck schon am Ortseingang erwecken. Dort steht ein Kunstwerk namens „Hölderlin im Kreisverkehr“, geschaffen hat es der Bildhauer Peter Lenk und im Juni 2003 ist es dort errichtet worden. Hölderlin ist nicht allein Objekt des Kunstwerks, sondern wird in Beziehung zu anderen historischen Figuren gesetzt, die stellvertretend sein sollen für die Einflüsse und Wirkungen auf den Dichter. Die Grundkonstruktion des Kunstwerks ist ein geschwungenes „H“, den Mittelpunkt bildet eine waagerecht liegende Schreibfeder, auf der an beiden Enden jeweils eine Figur sitzt, ein kleines Kind und der etwa 30jährige Friedrich Hölderlin. Um diese sollen sich mit Hilfe der anderen Figuren Aspekte zu Leben und Werk des Dichters erschließen. Man sollte meinen, bei einem Hölderlin-Kunstwerk stehe dieser selbst im Mittelpunkt, doch mit der Doppelfigur Goethe und Schiller hat der Künstler andere ins Zentrum geschoben. Schiller hält dem etwa 2jährigen Knaben einen Lorbeerkranz entgegen, ein kolossaler und fettleibiger Goethe senkt in Richtung des den anderen Figuren den Rücken zukehrenden, abwesend und völlig in sich versunken wirkenden Hölderlin den Daumen nach unten. Zwei weitere Figuren des Lauffener Kunstwerks zeigen die nackte Diotima, die große und unerfüllte Liebe Hölderlins, im wirklichen Leben trug sie den Namen Susette Gontard, und einen Fahrrad fahrenden Friedrich Nietzsche, der Hölderlin den Thyrsosstab entgegenhält, auf Dionysos und seinen Kult hinweisend. Nietzsche, so wissen wir, hat Hölderlin als Dichter zu einer Zeit verehrt, als andere ihn völlig vergessen hatten. An der Spitze des Kunstwerks steht Herzog Carl Eugen auf einem sterbenden Hirsch, der das Württemberger Volk symbolisieren soll, in der Pose des absoluten Herrschers. Lenk hat mit seinem Kunstwerk einen Bezugsrahmen zu Hölderlins Leben und Dichten geschaffen, der wesentliche Lebensthemen integriert: Tyrannei, Revolution, Liebe, Abweisung und Wahnsinn.

Doch ist es tatsächlich Goethe, dem die Hauptverantwortung für das lang anhaltende Vergessen und Verkennen Hölderlins angelastet werden darf? Tatsache ist, dass Goethe für das Werk Hölderlins keine Sympathien trug, aber auch, dass Gedichte Hölderlins in den von Schiller herausgegebenen Literaturzeitschriften erschienen sind. Goethe jedenfalls hat nichts hintertrieben, er hat sich einfach nicht für Hölderlin interessiert, den jungen Mann jovial und ignorant angemahnt, „kleine Gedichte“ zu schreiben. Dies zeugte nicht unbedingt von ausgeprägtem Gespür für literarischen Nachwuchs, auch bei Kleist verhielt er sich ähnlich. Goethe konnte mit dem exzentrischen jungen Mann nichts anfangen, er, der sich stets zu fassen wusste und darauf aus war, auch aus seinem Leben ein Kunstwerk zu formen. Michel Foucault hat 1962 in einem Essay darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht der bereits „vergöttlichte“ Goethe war, der dem schweigenden Hölderlin mit Unverständnis begegnete und in dem jungen Dichter das Gefühl der Ablehnung durch die „Klassiker“ bewirkte, sondern dass Hölderlin vor allem daran litt, von der „Vaterfigur“ Schiller nicht gefördert zu werden. Foucault spricht davon, dass Schiller die „leere Stelle des Vaters besetzt“. Hölderlin hatte sich viel versprochen von Jena, in direkter Nähe zu Weimar, dem damaligen kulturellen Mittelpunkt in Deutschland. Er lebte und arbeitete dort für kurze Zeit als Hauslehrer der Kinder von Charlotte von Kalb. Doch auch in Jena erfüllte sich sein Wunsch nicht, durch Freundschaft und Bekanntschaft mit den Berühmten „in Ruhe und Eingezogenheit einmal zu leben, und Bücher schreiben zu können, ohne dabei zu hungern“, wie es in einem Brief an seine Schwester heißt. Er verließ Jena und Weimar mit den Worten:“ Sie können mich hier nicht gebrauchen.“ Und so sollte es bleiben.

Nach bürgerlichen Maßstäben müssen wir Hölderlins Existenz zu dieser Zeit um 1795 bereits als gescheitert ansehen. Dabei hatte es groß begonnen mit ihm. Seine Freunde im Tübinger Stift waren Hegel und Schelling, mit denen er eine Zeit lang sogar das Zimmer und vor allem die Begeisterung für die Ideale der Französischen Revolution teilte. Hölderlin ist der eigentliche geistige Urheber des „Ältesten Systemprogramms des deutschen Idealismus“, wie es der große Hegelforscher und Kenner des deutschen Idealismus Dieter Henrich in eindrucksvollen Studien dargelegt hat. Hegel und Schelling suchten während der Tübinger Zeit und auch später noch wiederholt Hölderlins Rat. Als gesichert gilt, dass Hölderlin mit seinem Freund Sinclair große Teile des „Systemprogramms“ schrieb, wobei wohl die erste schriftliche Form Sinclair zu verdanken ist, der weitaus „systematischer“ dachte als sein Freund. Dieser ging seinen eigenen, poetischen Weg: Dichtung war für ihn Anfang und Ende der Philosophie. Und so ging er diesen einsamen Pfad bis zum Ende, kompromisslos, konsequent, verkannt.

In Armut und äußerer Abhängigkeit lebend, immer wieder neue Hofmeisterstellen antretend, dann das ihm zum Schicksal werdende Zusammentreffen mit Susette Gontard in Frankfurt im Jahre 1796, der Frau eines reichen Bankiers. Hölderlin sollte den Sohn erziehen. Das Wohnhaus lag am Großen Hirschgraben, ausgerechnet neben Goethes Geburtshaus. Er verliebte sich in die schöne Frankfurter Patrizierin und sie erwiderte seine Liebe. Sie wurde zur Schlüsselfigur seines Lebens und seiner Dichtung. Es kam zu Auseinandersetzungen und wohl auch Demütigungen, die Hölderlin von Susettes Ehemann ertragen musste; das Resultat jedenfalls war, dass Hölderlin das Gontardsche Haus 1798 verließ. In seinem Gedicht „Lebenslauf“ heißt es: „Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog / Schön ihn nieder; das Leid beugt ihn gewaltiger; / So durchlauf ich des Lebens / Bogen und kehre, woher ich kam.“ Nach der Trennung schrieben sie sich Briefe, trafen sich nur noch heimlich wenige Male. Hölderlin veröffentlichte seinen Roman „Hyperion“. Diotima lässt er im Roman sterben, Susette Gontard stirbt am 22. Juli 1802 in Frankfurt.

Als Hölderlin die Nachricht von ihrem Tode erfuhr, kam er gerade von Bordeaux in einem völlig zerrütteten Zustand ins Württembergische zurück. Danach war er für die Welt verloren. Er schrieb weiterhin vollendete Gedichte, bis er 1806 auf Veranlassung seines Freundes Isaac von Sinclair von Homburg nach Tübingen in das dortige Universitätsklinikum verbracht, als „unheilbar wahnsinnig“ diagnostiziert und interniert wurde. Am Abend des 11. September 1806 schrieb die Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg, die den Dichter „Holterling“ nennt: „Man hat heute früh den armen Holterling abtransportiert, um ihn seinen Eltern zu übergeben. Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen.“

1807 hat der in Tübingen lebende Schreiner Ernst Zimmer, ein Bewunderer des „Hyperion“, den Dichter aus dem in der Nähe liegenden Universitätsklinikum zu sich geholt und im Kreise seiner Familie aufgenommen. Zimmer hatte den „Hyperion“ gelesen, der ihm „ungemein wohl gefiel“. Ihm tat es leid, dass ein so „schöner herrlicher Geist zu Grund gehen soll“. Bis heute dauert der Streit darüber an, ob Hölderlin krank war oder sich nur verstellte. Vor allem der französische Germanist Pierre Bertaux hat vor Jahrzehnten nach über fünfzigjähriger Beschäftigung mit Hölderlin eine „Revision“ des Falles eingefordert. Er kommt in seiner großen Studie zu dem Schluss: Hölderlin war nicht geisteskrank, er war anders als die Norm, aber dieses Anderssein kann nicht als pathologisch bezeichnet werden. Hölderlin lebte in des Schreiners Turmzimmer 36 lange Jahre, die Hälfte seines Lebens. Er hat Besucher empfangen, sie mit äußerster Höflichkeit behandelt und als „Hochgeboren“, „Exzellenz“ oder „Eure königliche Majestät“ angesprochen. Wurde er mit seinem Namen angesprochen, widersprach er und sagte: „Diesen Namen trage ich nicht mehr” oder „Ich, mein werter Herr, bin nicht mehr von demselben Namen.“ Er nannte sich „Scardanelli“, „Buonarotti“, gab sich exotisch klingende Namen wie „Killalusimeno“, schrieb Gedichte auf Wunsch sofort nieder, skandierte dazu mit der linken Hand, datierte sie lange vor seiner Geburt oder nach seinem Tode. Er war aus der Zeit heraus gefallen. Noch heute rätselt man darüber, ob die Gedichte schon lange in seinem Kopf existierten und er Besucher nur als willkommenen Anlass nutzte, sie niederzuschreiben. Er phantasierte tagsüber stundenlang an einem Spinett und führte unablässig Selbstgespräche. Zuweilen wanderte er mit Wilhelm Waiblinger, damaliger  Student in Tübingen, auf den Österberg ins Presselsche Gartenhaus, worüber Hermann Hesse eine wunderschöne kleine Erzählung verfasst hat. Waiblinger trieb ein überaus starkes biographisches Interesse an Hölderlin, er schrieb nicht nur die erste Biographie, sondern auch einen Roman über ihn, und die Grenzen des Biographischen und des Fiktiven verschwimmen leider nur zu oft. Seine zwar lebendige, aber sehr einseitige Darstellung des Dichters wurde unkritisch übernommen.

Im zwanzigsten Jahrhundert, nach unrühmlichen und widerwärtigen Adaptionen während des Ersten Weltkriegs und durch den Nationalsozialismus, nach Heideggers ambitioniertem Versuch, in Hölderlins Dichtung Spuren oder Ansätze eines andersanfänglichen Denkens zu finden und ihn so für sein eigenes „Denken“ nach der sogenannten „Kehre“ zu vereinnahmen,  wurde der so Verkannte schließlich als ein Wegbereiter der Moderne wahrgenommen. Peter Weiss notierte zu seinem „Hölderlin“-Stück: „Hölderlins psychologische Reaktionen sprechen von den gleichen Gefahren, die auch uns bedrohen. Er gibt ein extremes Beispiel dafür, wie der Druck der Außenwelt einen solchen Grad von Unerträglichkeit annehmen kann, dass nur noch die Flucht in die innere Verborgenheit übrig bleibt.“ In der Schlussstrophe aus „Hyperions Schicksalslied“ wird diese Erfahrung benannt. Kein anderer Dichter deutscher Sprache hat sie klarer und vollkommener in Verse zu fassen gewusst: “Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ruhn, / Es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen / Blindlings von einer / Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen, / Jahr lang ins Ungewisse hinab.“ Am 7. Juni 1843 ist Friedrich Hölderlin mit 73 Jahren in Tübingen gestorben.

Dieter Kaltwasser

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Das Tonband im Kopf – Nachdenken über Christa Wolfs „Stadt der Engel“

Deutsch: Die Schriftstellerin Christa Wolf wäh...

“Du bist dabei gewesen. Du hast es überlebt. Du kannst davon berichten.“

Sätze, die mir bereits beim Blick auf die rückwärtige Umschlagseite des Buches mein eigenes Dilemma aufzeigen, – mir, der 38 Jahre später Geborenen, Vertreterin einer Generation, die mit Sätzen aufwuchs, die genau entgegengesetzt lauteten: Ihr seid nicht dabei gewesen. Ihr habt nichts erlebt – geschweige denn überlebt! Ihr könnt nicht mitreden. Diese Aussagen stets einhergehend mit der schwerwiegenden Auflage: Seid froh, dass ihr so etwas nie erleben musstet, – wir haben alles dafür getan, dass es unsere Kinder mal besser haben, – deshalb seid dankbar und stellt keine Fragen!

Das Tonband im Kopf zum Schweigen bringen…

Diesen Satz lesen und wissen: Er gilt auch für mein persönliches Tonband. Es sind solche Bänder verhängnisvoll. Sie können im einen Fall zum Sich-mit-sich-selbst-Auseinandersetzen bis hin zur Selbstzerfleischung führen, im anderen – die große Gefahr, in der sich meine Generation befindet – zum Sich-Abwenden, Sich-Ausklinken, zum Sich-nicht-Auseinandersetzen-wollen, – nachdem man oft  genug das Recht dazu abgesprochen bekommen hat.

Das geteilte Deutschland, – es war von Jugend auf gegenwärtig, – ein Elternteil aus dem Osten, der andere im Westen aufgewachsen. Aus dem Osten kommen, das klang nach Trauma, – großgeworden mit Erzählungen von den Schrecken sowjetischer Besatzung, späteren Repressalien im sozialistischen Staat, aus denen der einzige Ausweg in Flucht und Entwurzelung führte. Und die Nachkommen bekommen jenes Trauma mit der Muttermilch eingeflößt, werden staunend damit groß, – Pakete packen helfen für im Osten verbliebene Angehörige,  – dort gibt es nix, dort sind die Läden leer! –, sorgfältig auf allen sechs Seiten beschriften, – Geschenksendung, keine Handelsware! – , banges Hoffen, dass die Pakete nicht abgefangen werden. Einige wenige Reisen mit Mutter und Großmutter in das so fremde Nachbarland, das tatsächlich doch auch Deutschland sein sollte, – Fahrten mit Gruseleffekt -, Beklemmung bei der Grenzkontrolle, Eindrücke von trostlosem Grau in Grau, – Erwachsene, die sich stets leise flüsternd unterhielten, dem Kind einschärften, sich mäuschenstill zu verhalten, – wer hier einfach so sagt, was er denkt, wird sofort eingesperrt! -, bekam es zu hören, – oder gleich totgeschossen! –, setzte die Oma noch eins obendrauf, – den Opa hatten sie damals gleich zweimal nachts abgeholt… Solches klang ein bisschen nach Abenteuerurlaub – mit viel Abenteuer und wenig Urlaub.

Ganz anders, als es viel später – nach den Ereignissen von 1989 – die ruhige Schönheit der mecklenburgischen Landschaft zu entdecken gab, die der eigenen Familie zur Stätte unvergessener Sommerferien wurde, – dringend gebrauchte Entschleunigung -, das einfache Leben, intakte Natur, – Seen, Kiefernwälder -, ruhige, freundliche Menschen – und Pferde… Ein Land zum Urlaub machen, – aber zum Leben? Die Ruhe – Friedhofsruhe? Landflucht, teils völlig verlassene Orte, fehlende junge Menschen, – die verbleibenden unzufrieden und ohne Perspektive. Die Gelassenheit der Älteren – in Wirklichkeit hoffnungslose Resignation?

Wann bin ich mit Christa Wolf erstmals in Berührung gekommen?

Erstes Scheitern beim Versuch, mich zu erinnern. Es wird nach dem Mauerfall gewesen sein. Den „Geteilten Himmel“ einmal zufällig in der Bibliothek  ausgeliehen, zusammen mit einigen anderen, – damals vieles an Büchern weggelesen, wenig davon behalten -, dieses beeindruckend gefunden. Lust auf mehr. Begeistert von „Kindheitsmuster“, – da hatte mich der Titel neugierig gemacht, – es war mein Thema. Mich durch „Nachdenken über Christa T.“ mehr oder weniger hindurch gequält, – fremde Welt für mich als junge Frau einer späteren Generation. Anders „Kassandra“, – sie stöberte ich zufällig in einer Flohmarktkiste auf, in einer Lebensphase, während derer ich mich intensiv mit Frauenthemen befasste, der Bedeutung von Frauen in Geschichte und Literatur, dem Vorhandensein eines Geschichtsbildes, welches die Frauen – und damit die Hälfte der Menschheit – nahezu ausklammert, Literatur von Frauen nicht zur Kenntnis nimmt. Das Buch wurde mir zu einer Offenbarung. Später die „Medea“, – mit ihr tat ich mich wiederum schwerer, – sie erschloss sich mir erst nach zweimaligem Lesen. Zwischendurch immer wieder Erzählungen, Aufsätze, Essays…

„Was bleibt“ – natürlich! – , das alte Gruseln! Ausgerechnet dieses Buch kürzlich bei einer lieben Freundin, wo es zufällig auf dem Tisch lag, in die Hand genommen und während eines einzigen Abends nochmals durchgelesen, diesmal regelrecht mit einem dem ernsten Thema eigentlich so gar nicht angemessenem Vergnügen, – wer behauptete je, der Autorin fehle es an Humor?  Man bemerkt die Ironie oft nicht, die in der ganzen sie umgebenden Ernsthaftigkeit plötzlich so knochentrocken dasteht, dass man innehalten muss, um sie zu erfassen, – vielleicht auch deshalb das Zweimal-lesen-müssen?

Andererseits eben diese Ernsthaftigkeit, die ich immer schätzte, ihr Ringen um Wahrhaftigkeit, ihr unbedingtes Vermeiden von Vorurteilen, ihr behutsames Abwägen, ihr unbedingtes Hinterfragen der eigenen subjektiven Wahrnehmung, das völlige Fehlen von Gemeinplätzen und Rundumschlägen, an denen sonst in der Gegenwartsliteratur nicht unbedingt Mangel herrscht.

Dann während eines jener späteren Ferienaufenthalte in Mecklenburg zufällig im Gespräch mit einer Bekannten aus der Umgebung – Du liest Christa Wolf? Die wohnt hier gleich um die Ecke! – erfahren, dass sie ihre Sommer in einem Dorf ganz in der Nähe – ich hatte seinen Namen zuvor nie gehört – zu verbringen pflegte. Dieses Wissen reichte aus, mich in Aufregung zu versetzen!

Im Rückblick sehe ich mich auf meinem Lieblingsplatz im Giebel – eines jener schönen alten Doppelfenster mit breitem Sims! – meines Zimmers sitzen, die Nachmittagssonne vom Schatten der hohen Eschen gefiltert, während die Schwalben, damit beschäftigt, in der Scheune den letzten Nachwuchs des Jahres aufzuziehen, dicht an mir vorüberfliegen und fast mit den Flügeln meinen Arm berühren, außer deren Gezwitscher nichts zu hören als Hühnergackern und ab und zu das Krähen eines Hahnes, – sehe mich in „Sommerstück“ lesen , den Duft eines ähnlichen Sommers in der Nase. Lese in den jeweiligen Neuerscheinungen dieser Jahre, die nun regelmäßig im Schaufenster der einzigen Buchhandlung der nächstgelegenen größeren Stadt ausgelegt zu finden sind. Früher, – erzählte die gemeinsame Bekannte -, bekamst du dort kein Buch von Christa Wolf, die gab’s höchstens heimlich unterm Tresen für Privilegierte, – der Laden war so linientreu, dass ich ihn heute noch boykottiere!

Lese „Nuancen von Grün“, Textauszüge aus ganz unterschiedlichen Werken, sensible Naturbeschreibungen, die immer wieder den Zauber der Landschaft auf noch einmal ganz eigene Weise heraufbeschwören, während sie in ihrem ursprünglichen Rahmen manchmal in der Textfülle unterzugehen drohen, –  ein ähnliches Schicksal erleiden wie der angeblich fehlende Humor. Lese „Ein Tag im Jahr“, Poesie des Alltags im Wandel der Zeiten und geschichtlichen Ereignisse, eine sympathische, umwerfend offene Christa Wolf.

Sehe mich Briefe schreiben, die ich ihr bei einer unter irgendeinem Vorwand getätigten Fahrt durch jenen Ort, der nirgendwohin auf meinem Weg lag, heimlich wie eine Diebin in den Briefkasten schmuggle, erhalte auch umgehend eine freundliche Postkarte, die seitdem einen Ehrenplatz auf meinem Bücherregal inne hat.

Lese „Hierzulande, Andernorts“, fahre mit diesem Exemplar eines Tages nochmals hin, mit der vagen Hoffnung, es signieren lassen zu können, betrete mit schlechtem Gewissen durch das offen stehende Tor den Pfarrhof mit seinen hohen, alten Bäumen, – kein Sich-Abschirmen und Abschotten, kein Prunk, kein Protz, – einfaches Leben mitten unter den Menschen im Dorf. Ich treffe sie nicht an, – sie ist unpässlich an jenem Tag, – wohl aber Gerhard Wolf, der mit Gartenarbeit beschäftigt ist und heitere Ruhe ausstrahlt, sich mit uns freundlich unterhält und uns fragt, woher wir sind, – ah ja, Süddeutschland, unweit der Geburtsstadt Hölderlins! -, lange genug hat er sich – selbst Autor und Verleger – mit ihm beschäftigt; er nimmt das Buch ohne Umstände entgegen und bringt es nach wenigen Minuten signiert mit Widmung zurück, – in meine Freude mischt sich das Bedauern, wohl die einzige Gelegenheit verpasst zu haben, ihr je zu begegnen, – es war mein vorläufig letzter Sommer in Mecklenburg.

Dies alles trug sich bereits in der Zeit nach ihrem neunmonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten – in Los Angeles – zu, von dem ihr neuestes Buch „Stadt der Engel“ handelt. Flucht, – sagten böse Zungen. Die Debatte um Stasi-Vorwürfe. Irgendwann mochte ich es nicht mehr hören. Sie hat alles veröffentlicht, ihre komplette Akte. Seltsamerweise wurde dies von den Medien kaum zur Kenntnis genommen. Was an der Sache wirklich dran war, ist darin für jeden nachzulesen. In dieses Netz zu geraten, war noch ganz anderen beschieden, auch zu späteren Zeiten, als sie selbst längst die „Zusammenarbeit“ – wenn sich von solcher denn sprechen lässt – eingestellt hatte und anderen aktiv davon abriet, sich darauf einzulassen. Ich frage mich, wie viele darunter sein mögen, die sich wirklicher Vergehen schuldig gemacht hatten, ohne es bis heute für nötig zu halten, sich darüber – gar öffentlich – zu äußern.

All dies, worüber heute alle Welt meint, urteilen zu müssen, hatte sich lange vor dem denkwürdigen 11. ZK-Plenum von 1965 ereignet, wo sie es als einzige wagte, Kritik an der Kulturabteilung ihres Regimes zu üben, – lange bevor sie gemeinsam mit einigen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen 1976 schriftlich gegen die Ausbürgerung des in Ungnade gefallenen Liedermachers Wolf Biermann protestierte, – lange vor ihrer Rede von 1989, als das Volk in einer friedlichen Revolution bekundet hatte, dass es nun einmal das Volk sei, und dass die Regierung sich – Brecht lässt grüßen – eben kein anderes wählen könne, – als sie die Menschen beschwor, zu bleiben, statt weiterhin in großer Zahl das Land zu verlassen, – Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg! -,weil sie ansonsten ein Ausbluten des Landes befürchtete, in dem sie selbst immer geblieben war, statt wie viele andere zu gehen. Warum? –  fragt man heute. Weil sie das Gefühl hatte, dort gebraucht zu werden. Weil sie an die Möglichkeit einer Umgestaltung des Sozialismus glaubte – wer will es ihr verdenken? – und weil sie den Menschen im Land nach dem – in der Geschichte erstmaligen! – Gelingen einer friedlichen Revolution zutraute, dass solches zusammen mit ihnen durchzuführen wäre, – während diese bei Öffnung der Grenze nach Jahren materieller Entbehrungen zunächst einmal der Anziehungskraft der vollen Schaufenster auf der anderen Seite des Zaunes erlagen, – wer will es wiederum ihnen verdenken?

Das alte Indianersprichwort, – am Ende des Buches besucht sie wirklich Indianerland -, aber es kommt nicht darin vor: Urteile über niemanden, solange du nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bist.

Aber Christa Wolf wäre nicht Christa Wolf, wenn sie einen wunden Punkt – oder einen blinden Fleck – auf sich beruhen lassen könnte. Rechtfertigungszwang? Wie stellt man es an, genau da nicht hineingedrängt zu werden? Eine Frage, die sie sich selbst stellt. Und die, ob es für diesen Fall eine mögliche richtige, eine angemessene Verhaltensweise gibt. Vermutlich gibt es sie nicht, und man kann in jedem Fall nur alles falsch machen. Zumindest für andere. Also gilt es, das zu tun, was man für sich selbst als das Richtige erkennt. Und ihr Bestreben war es ein Leben lang, das größte Maß an Offenheit zu finden, schonungslose Offenheit sich selbst und anderen gegenüber, – ich habe mich oft gefragt, warum tut sie das, warum setzt sie sich dem allem aus? -, und die eigene Verantwortung ernst zu nehmen, sich ihr zu stellen. Dies ist – irgendwann begriff ich es – der einzige Weg – und Thema dieses Buches.

Ein Buch, mit dem ich mich zunächst schwer tue. Der Anfang ist zäh, wirkt holprig. Er muss es sein, aber das begreife ich erst später. Ich quäle mich. Ebenso quält sich die Autorin, – auch dies begreife ich erst nach und nach. Und dass ich vor die Wahl gestellt bin, mitzugehen, um zu verstehen, – oder eben nicht. Und ich entscheide mich fürs Mitgehen.

Der Amerikaaufenthalt Christa Wolfs ergibt sich durch die Einladung eines historischen Forschungszentrums, ein Stipendium, – dafür bedarf es eines Projektes, und was läge näher, als sich auf die Spuren der deutschen Exilliteraten zu begeben, derer sich viele während der NS-Zeit in Kalifornien am selben Ort einfanden, in Santa Monica, in Pacific Palisades, „New Weimar unter Palmen“ genannt, – bekannte Namen: Bertold Brecht, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Alfred Döblin… -, im Besonderen jedoch auf die verlorene Spur einer emigrierten Freundin, – richtiger: der Freundin einer inzwischen verstorbenen Freundin, von der nur einige Briefe aus deren Nachlass existieren, die sie stets nur mit dem Anfangsbuchstaben ihres Vornamens unterschrieben hatte. Die Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen, – gleichzeitig die der Autorin nach sich selbst. Es kommt im Zuge dessen zu Recherchen, Exkursionen und Begegnungen mit den verschiedensten Menschen, auch mit vielen jüdischen Emigranten und deren Nachkommen, zu Gesprächen über die geschichtlichen Ereignisse und die gegenwärtige Situation der Menschen sowohl in den Staaten als auch im wiedervereinigten Deutschland und in Europa.

Wie immer fehlt mir historisches Hintergrundwissen, habe ich Lücken, – Mühe, den Zeitsprüngen der Erinnerung zu folgen, muss mancherlei Namen und Ereignisse nachschlagen, die mir nichts sagen, die mir in etlichen früheren Werken Christa Wolfs schon des Öfteren begegnet sein müssen, die ich dennoch regelmäßig wieder vergesse und bei Bedarf nicht hervorzuholen geschweige denn zuzuordnen vermag. Wer aus meiner Generation – im Westen aufgewachsen – kennt den tschechischen Autoren Louis Fürnberg? Bekannter der russische Schriftsteller Lew Kopelew, der sich nach seiner Zwangsausbürgerung in Köln bei Heinrich Böll aufhielt, dann Anna Achmatowa, der russische Germanist und Übersetzer Efim Etkind, das russische Dichterpaar Ossip und Nadeschda Mandelstam, die Emigrantenarchitekten Neutra und Schindler, – der interessanten Persönlichkeiten, die es hier zu entdecken oder wiederzuentdecken gibt, scheint kein Ende.

Wer einen Roman im eher üblichen Sinne erwartet hat, muss möglicherweise seine Vorstellungen neu ausrichten. Christa Wolfs Werke haben sich wohl niemals eindeutig kategorisieren lassen. Wer den roten Faden sucht, findet ein eigenwilliges Gewebe vieler roter Fäden, die alle verfolgt sein wollen, sich manchmal naturgemäß verheddern, – ohne dass dies schlimm wäre, denn: ist das Leben anders?

Und unsere Erinnerung, unser Unbewusstes und Unterbewusstes, dem sie auf der Spur ist? Der zweite Titel „The Overcoat of Dr. Freud“, welcher Bezug nimmt auf einen Mantel Sigmund Freuds, in dessen Besitz ein Freund auf Umwegen gelangte, und der ihm unter mysteriösen Umstanden wieder abhandenkam, deutet es an. Erlebnisse, Begegnungen, Überlegungen, Reflexionen, Träume greifen ineinander. Dies zu einer Handlung zu verweben, erfordert Können. Christa Wolf besitzt es, – zweifellos. Und nach den ersten etwa hundertfünfzig Seiten hat auch die Krise ihren Höhepunkt überschritten. Ab dann wird der Ton eindringlicher, – ist es die „alte“ Christa Wolf, wie ich sie kenne. Dafür hat es sich gelohnt.

Und ich merke nach und nach: Es geht nicht darum, die Fülle an Details wie Teile eines Puzzles zusammenzufügen, auch wenn es durchaus spannend sein kann, diesen Versuch zu unternehmen. Auch das Rätsel der verschollenen Freundin löst sich in einer Verkettung von Zufällen, die echt oder erfunden sein können, – wenn es solche Zufälle nicht gäbe, müsste man sie erfinden, schreibt sie, – ist da etwa ein Augenzwinkern zu vernehmen? Aber inzwischen ist längst zu merken: Darum geht es gar nicht mehr.

Vielmehr geht es um Voraussetzungen von Erinnern und Vergessen, – das erwähnte Freud-Zitat: Ohne Vergessen können wir nicht leben! -, um Schuld und Verantwortung, die uralte Frage, wie die unlösbaren Konflikte zustande kommen, die uns seit ewigen Zeiten zu schaffen machen, so dass sie bereits in der Antike literarischen Stoff in Hülle und Fülle zu liefern vermochten, – wo haben sie begonnen, – wohin führt dies in unserer Zeiten? Bezeichnend die im Buch erwähnten Worte eines Freundes während einer Diskussion, in der es um die moralischen Verstrickungen der Atomphysiker geht:

„Wenn gutwillige normale Menschen so in eine Klemme getrieben werden, dass sie, nach ihren eigenen Maßstäben, nichts mehr richtig machen können, dann ist die Gesellschaft krank, in der sie leben.“

Und es geht um die stets brennende Frage nach dem Ausweg aus dem zwangsläufigen Schuldig-werden-müssen, aus dem ewigen Scheitern am Versuch, es doch noch einmal besser zu machen, Voraussetzungen für eine bessere Gesellschaft zu schaffen, – des Einzelnen, eines ganzes Volkes, – schließlich der Menschheit, – aller Menschen an allen Orten, – in welchem Gesellschaftssystem auch immer.

Ein mehrfach verwendetes Bild im Roman – Stadt der Engel! – ist jenes des „Engels der Geschichte“, zurückzuführen auf den Philosophen Walter Benjamin, der durch ein Gemälde von Paul Klee dazu inspiriert wurde:

Ein Sturm weht vom Paradiese her, der diesen Engel mit rückwärts gewendetem Antlitz in die Zukunft treibt, die er nicht schauen und lediglich – ein grausamer Fluch! – mit stetem Entsetzen auf das bereits Vergangene zurückblicken kann, ohne dieses je mehr ändern zu können.
Die Frage danach, wie ein solches Verhängnis aufzuhalten, wie dieser Fluch zu durchbrechen wäre, – sie macht nicht vor irgendeiner Generation einfach Halt, – sie wird ein Thema bleiben, auch für die nächste und übernächste.

Um mit den Worten des bekannten – zuvor genannten – älteren Titels zu fragen: Was bleibt?

Eine Erinnerung an meinen letzten Sommer in Mecklenburg:
Ich sehe mich eines Abends – wie so oft während meines Aufenthaltes – die Bundesstraße 192 zwischen Goldberg und Sternberg entlang fahren, auf einer bestimmten Höhe unwillkürlich nach rechts Ausschau haltend, nach dem etwas abseits erhöht gelegenen kleinen Dorf und seinem ersten größeren Haus, dem Pfarrhaus mit dem großen Giebel. Alles liegt bereits im Dunkeln, der Ort wirkt ausgestorben – nur das Licht im Giebelfenster, –  ihrem Fenster! – ist von weit her zu sehen. Licht über dem Land -, denke ich, – ein schönes Bild.

© Bettina Johl

Christa Wolf: „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 416 S., geb. 24,90 €

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Ein Kommentar

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Auf Darwins Spuren

Charles Robert Darwin. A copy made by John Col...

Nachklang zum 200. Geburtstag des großen Naturforschers

Im Darwin-Jahr 2009 zelebrierte die gelehrte Welt ein Doppeljubiläum: den 200. Geburtstag des berühmten Naturforschers und das 150-jährige Erscheinen seines Hauptwerkes „Über die Entstehung der Arten“. Darwin wurde zeitlebens von der Frage bewegt, wie Arten entstehen und sich entwickeln. Die „Weltformel des Lebens“, die er mit der Theorie der Evolution fand, hat für eine Revolution der Denkungsart der Menschen über sich selbst und die Natur gesorgt. Die Evolutionstheorie stand zu Darwins Zeit im Gegensatz zur kirchlichen Lehrmeinung von der Unveränderlichkeit der Arten, die aus der Schöpfungslehre abgeleitet wurde. Im Darwinjahr 2009 entstand eine wahre Bücherflut über das Leben und Werk des Naturgelehrten, einige Neuerscheinungen ragten dabei besonders hervor.

Charles Robert Darwin wurde am 12. Februar 1809 in Mittelengland, der mittelalterlichen Stadt Shrewsbury, als Sohn eines vermögenden Arztes geboren. Das Kind sammelte leidenschaftlich Käfer, der junge Darwin studierte zunächst gelangweilt Medizin im schottischen Edinburgh, und dann mit nicht übermäßigem Eifer Theologie im englischen Cambridge. Dieses Studium allerdings schloss er immerhin ab. Doch dann nahm Darwin an jener weltumspannenden Vermessungsfahrt des königlichen Schiffe HMS Beagle teil, die ihn 1835 auch für fünf Wochen auf die Galapagos-Inseln führte. Als Charles Darwin 1831 im Alter von 22 Jahren die Beagle betrat, ahnte er nicht, wie sehr diese Reise sein Leben verändern sollte. Am 27.12.1831 stach Darwin in See, die fast fünf Jahre dauernde Fahrt bis zur Rückkehr am 2.10.1836 verwandelte ihn in einen der größten Naturwissenschaftler aller Zeiten. Er führte während dieser Zeit genau Tagebuch, notierte seine Funde und schickte sie an seinen Freund und Förderer, den Geistlichen und Botanikprofessor John Stevens Henslow. Dieser publizierte Darwins Entdeckungen ohne dessen Wissen, so dass Darwin bei seiner Rückkehr über seinen bereits erworbenen Ruf überrascht war. „Die Reise mit der Beagle war das bei weitem bedeutendste Ereignis in meinem Leben und hat meinen gesamten Werdegang bestimmt“, schrieb Darwin später in seiner Autobiographie. Aus den auf seiner Weltfahrt erworbenen Kenntnissen entwickelte er dann seine umwälzende, bis heute gültige Theorie der Evolution des Lebens.

Das Abenteuer des Lebens

Und mit dieser Reise setzt Jürgen Neffe in seinem Buch „Darwin – Das Abenteuer des Lebens“ an. Der Wissenschaftsjournalist lädt den Leser ein, ihn auf der berühmtesten Reise der Wissenschaftsgeschichte zu begleiten. Das ist mit einem Abstand von 175 Jahren kein leichtes Unterfangen, doch Neffe gelingt die Parallelfahrt. Seine Route führt auf Darwins Spuren von den Kapverden nach Brasilien, durch den Südatlantik nach Patagonien, vom Galapagos-Archipel über Tahiti nach Neuseeland und Australien. Wir wandern lesend mit durch die Anden, zu Pferd durch die Pampa und auf See zu den Falkland-Inseln. Die Reise führt zum Kap Hoorn nach Chile und vom Kap der Guten Hoffnung nach St. Helena und dann zurück nach England. Während seiner Reise sammelte Darwin unzählige Mengen an Gesteinsproben, Fossilien, Tier- und Pflanzenpräparaten. Die Auswertung der umfangreichen und einmaligen Sammlungen nahm den Rest seines Arbeitslebens in Anspruch.

Neffes Reisebuch führt allerdings keineswegs nur durch die wirklichen, sondern auch durch die geistigen Landschaften: Er setzt sich mit Darwins religiös motivierten Gegnern, den „Kreationisten“, auseinander, nimmt das Artensterben unter die Lupe, und wirft einen sehr kritischen Blick in die Labore der Gentechniker und Klonforscher. Das Buch ist vor allem eine persönliche Biographie des großen Wissenschaftlers, der zurückgezogenes Leben mit seiner Familie in Down House führte, als er von seiner großen Erdumrundung zurückkehrte – und seine Heimat England nur ein einziges Mal verließ: für jene fünf entscheidenden Lebensjahre an Bord der Beagle.

Die Weltreise, die Feuerländer und Jim Knopf

Darwin veröffentlichte seine Reiseaufzeichnungen unter dem Titel „Reise eines Naturforschers um die Welt“. Auf dem Forschungsschiff Beagle, mit dem Darwin reiste, wurde Jahre zuvor zusammen mit drei anderen Feuerländern ein farbiger Junge namens Jemmy Button in das England des 19. Jahrhunderts gebracht, um nun auf der erneuten Reise der Beagle zusammen mit seinen Gefährten in „zivilisatorischer Absicht“, wie Kapitän FitzRoy wähnte, nach Feuerland zurückgesandt wurde. Die Darwin-Spezialistin Julia Voss interpretiert Michael Endes Buch als eine Gegengeschichte zu nationalsozialistischen Bilderwelten und Interpretationen des Darwinismus. Sie deckte dabei auch die mögliche Herkunft des Namens Jim Knopf auf. Jedenfalls wird gerade die „Feuerland-Episode“ im Hörbuch eindrucksvoll inszeniert. Wir erleben einen völlig geschockten Darwin aufgrund des primitiven Auftretens der ersten Feuerländer, die er sieht.  Die Beagle läuft während ihrer Reise um die Welt Feuerland zweimal an, und Ihr Kapitän sieht beim letzten Besuch seine Zivilisationsbemühungen als restlos gescheitert an. Die Textauszüge sind der „Reise eines Naturforschers um die Welt“ und Briefen Darwins entnommen, vor allem die an Henslow. Die beiden Sprecher Matthias Haase (Darwin) und Bernd Kuschmann (Henslow) unter der Regie und Konzeption von Theresia Singer bieten den Zuhörern eine intellektuelle und sinnliche Möglichkeit, an der Reise Darwins um die Welt noch einmal teilzunehmen. Es wird deutlich, wie sehr Darwin neben seinen aufregenden Naturerlebnissen die historische, soziale und politische Situation der Länder beschäftigt, die er bereist. Vor allem die Situation der Indianer, der Ureinwohner, der einfachen Landleute und Bergmänner. Darwin sucht nach Erklärungen dafür, dass immer dort, wo Europäer ihren Fuß auf fremden Boden setzen, die Ureinwohner des Landes in großer Zahl sterben. Naturgemäß ist im Hörbuch auch dem Besuch der Galapagos-Inseln viel Raum gegeben, da Darwin hier vor eine unglaubliche naturwissenschaftliche Herausforderung gestellt wird. Nirgendwo sonst wird er auf so viele Variationen von Arten stoßen, und seine Ideen und Überlegungen werden ihn schließlich zur Evolutionstheorie führen. Neben Jürgen Neffes Darwin-Buch ein Muss für alle diejenigen, die noch einmal an jener großen Weltfahrt des 19. Jahrhunderts teilhaben möchten.

Ein Tag im Leben des Charles Darwin

„Es ist, als ob man einen Mord gesteht“, berichtete Darwin einem Freund, den er ins Vertrauen gezogen hatte und in seine Gedanken über das „fürchterliche Geheimnis“ einweihte, nämlich das Prinzip gefunden zu haben, „durch das sich Arten ihrem jeweiligen Zwecke anpassen“. Darwin war davon überzeugt, dass alle Lebewesen, auch der Mensch, aus einer gemeinsamen Wurzel stammen und dass dieser Prozess durch „natürliche Auslese“ vorangetrieben wird. Doch er behielt diesen Gedanken, der zwischen 1837 und 1842 entstanden ist, lange für sich für sich. Erst 1859, als Darwin durch das Auftreten eines Konkurrenten auf den Anspruch des Originals einer der größten wissenschaftlichen Leistungen der Geschichte gezwungen wurde, sein Buch „Über die Entstehung der Arten“ zu veröffentlichen. Alfred Russel Wallace war in seinem Manuskript „Über die Tendenz der Varianten, unbegrenzt vom Originaltypus abzuweichen“ zu den gleichen Resultaten wie Darwin gelangt, und hatte Darwin die unveröffentlichte Schrift zugeschickt. In einem Begleitbrief an Darwin sprach Wallace ausdrücklich von „Varianten im natürlichen Existenzkampf.“ Nun musste Darwin aus der Deckung in die Offensive gehen. So kam es am 1. Juli 1858 zu jenem denkwürdigen Treffen der Linné-Gesellschaft im Burlington House am Piccadilly, auf dem zwei Manuskripte zum Thema der Entstehung der Arten vorgetragen wurden, das erste von Darwin, das zweite von Wallace.  Dieses Treffen an einem warmen Londoner Sommerabend, an dem weder Darwin noch Wallace persönlich teilnahmen, war der Tag im Leben von Charles Darwin, an dem seine Theorie der Evolution, ohne das dieser Begriff ein einziges Mal fiel, zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Die Teilnehmer der gelehrten Versammlung jedoch zeigten sich eher gelangweilt. Es sollte danach noch über ein Jahr dauern, bis 1859 „Über die Entstehung der Arten“ erscheint. Jenen wichtigen Tag nimmt Matthias Glaubrecht in seinem biographischen Porträt über Charles Darwin zum Anlass, die Geschichte zweier großer Expeditionen in Darwins Leben zu erzählen. Dabei liegt der Schwerpunkt dieses Buches auf dem intellektuellen Abenteuer und weniger auf der Wiedererzählung seiner Weltreise, vor allem wie Darwin zur Erkenntnis über den Wandel der Arten durch natürliche Auslese kam. Es geht ihm aber zusätzlich um die Frage, welches Bild wir uns heute von jenem Mann  machen, der „dafür berühmt wurde, den Menschen gleichsam ‚zum Affen’ gemacht zu haben.“

Glaubrecht, Evolutionsbiologe und Direktoriumsmitglied des Berliner Museums für Naturkunde, tritt vehement der missbräuchlichen Deutung des „Darwinismus“ entgegen, jener „angeblichen Lehre vom Recht des Stärkeren. Glaubrecht ist davon überzeugt, dass Darwins Evolutionsgedanken bis heute ihre Stärken bewahrt haben, seine Entdeckungen „sich von tatsächlicher Konsequenz erwiesen“. Dabei stellt Glaubrecht deutlich heraus, dass „Religion und Naturwissenschaft zwei getrennte Welten sind.“ Solange Teile der Kirchen, und vor allem die „Kreationisten“, sich auf die biblische Schöpfungserzählung berufen, sind sie in der Pflicht zu erklären, wie sich dies mit naturwissenschaftlichen Fakten und Theorien vereinbaren lässt. Mit Darwin jedenfalls „hat sich die Evolutionstheorie von der Annahme eines Schöpfers emanzipiert.“

Das Ende der Evolution des Menschen?

Steve Jones, ein britischer Genetiker, der auch in Harvard lehrt, hat ein polarisierendes Buch über Darwin geschrieben, dass uns für „das Gesamtkunstwerk Natur“ begeistern will, und uns die botanischen, zoologischen, verhaltensbiologischen und psychologischen sowie anatomischen Einzelforschungen Darwins nahe bringt. Diese fügen sich, so Jones, ineinander zur „wirkmächtigen Evolutionstheorie“. Mit seiner Darstellung gelingt Jones ein Gesamtbild von Darwins Kosmos, die die vielen Schriften Darwins auf die heutige Zeit beziehen und im Kontext der modernen Biologie verankern. Jones weist darauf hin, dass zwar das Artenbuch und die Reisetagebücher sehr bekannt, die übrigen Werke jedoch fast völlig vergessen seien. Dies trifft sicher nicht auf Darwins 1871 erschienenes Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ zu, das sich, so Jones, vom übrigen Werk stark unterscheide. Jones provoziert in seinem Buch mit einer pointierten, unter Anthropologen und Evolutionsbiologen lauten Widerspruch hervorrufenden, Ansage: Die Evolution des Menschen sei aufgrund der vorherrschenden soziokulturellen Bedingungen in den westlichen Ländern, die prinzipiell eine Fortpflanzung aller fortpflanzungsfähigen Individuen ermöglichen würden, an einem Ende angelangt. Das heißt, in unserer Kultur unterscheiden sich die Menschen kaum in ihrem Fortpflanzungserfolg.  Keine Unterschiede im Fortpflanzungserfolg bedeute aber: Keine Evolution.

Schlüsselbegriffe und Conditio Humana

Dem Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer ist es im Darwin-Jahr zu verdanken, dass auch Laien der Biologie Werk und Wirken Darwins zu folgen vermögen. Zwei Bücher, „Der kleine Darwin“ und „Das große Buch der Evolution“ ergänzen sich dabei aufs Trefflichste, in die Schlüsselthematiken und Problemstellungen der Evolutionstheorie seit Darwin einzuführen. Zu diesen Themen zählen die Entstehung des Lebens, die Ausbildung der Arten, skurrile Entwicklungen der Natur und die Stellung des Menschen. Die Schlüsselbegriffe, wie Art und Artbildung, Selektion (natürliche, sexuelle und künstliche), Überleben des Tüchtigsten, die Gene und ihre Dynamik, werden anschaulich dargestellt. „Das große Buch der Evolution“ trumpft mit zahlreichen Fotos und Graphiken und macht die Lektüre unterhaltsam und lehrreich zugleich. In beiden Büchern wird die Conditio Humana thematisiert, die immer wieder voreilig als enträtselt gälte. Das Wort Darwins am Ende seines Artenbuchs, dass „Licht fallen werde auf den Menschen und seine Geschichte“, ist für Fischer zu verstehen als „weitgehend offen bleibendes und kaum abschließbares Forschungsprogramm.“ Der Mensch wird „nie sagen können, was er ist, und ebenso wenig werden wir festlegen können, wie er geworden ist und was er jetzt ist.“ Er bleibt sich weiterhin ein Rätsel, nach einem vielzitierten Satz Nietzsches „das noch nicht festgestellte Tier“.

Ein Forscher verändert die Welt

Durch ihre beiden Söhne kam die gelernte Schauspielerin Maja Nielsen zum Schreiben spannender Abenteuergeschichten. Für Kinder und Jugendliche hat Maja Nielsen auch diese vorzügliche Geschichte über Leben und Werk von Charles Darwin geschrieben worden, die in der Reihe Abenteuer & Wissend des Gerstenberg-Verlags erschienen ist. Dabei ist ihr kein geringerer als Matthias Glaubrecht, Evolutionsbiologe und Leiter der Forschungsabteilung am Museum für Naturkunde fachlich beratend zu Seite gestanden. Das 62seitige Büchlein erzählt reich bebildert die spannende Geschichte des Charles Darwin, der mit seinem legendären Buch über die Entstehung der Arten den christlichen Schöpfungsmythos naturwissenschaftlich entzauberte. Nielsen und Glaubrecht zeigen, dass die Fragen, die Darwin bewegten, auch heute nichts an ihrer Faszination verloren haben. Wir folgen den Spuren Darwins bis heute, und dies in einer Sprache, die einfach und glasklar ist. Dabei wird von der Autorin und ihrem Berater nicht verschwiegen, dass Darwin am Ende seines Lebens seinen Kindern schrieb, dass es für ihn trotz aller Forschung und genauem Hinsehens Geheimnisse geblieben sind und vielleicht für immer bleiben: „Das Geheimnis vom Anfang aller Dinge können wir nicht aufklären.“

Charles Darwin starb nach einem arbeitsreichen Forscherleben am 19. April 1882 im Alter von 73 Jahren in Downe. Der von der Kirche ungeliebte Sohn wurde in Westminster Abbey neben Isaac Newton beigesetzt.

Dieter Kaltwasser

Besprochene Medien:

Ernst Peter Fischer „Der kleine Darwin – Alles, was man über Evolution wissen sollte“ , 203 Seiten, München 2009, Pantheon Verlag

Ernst Peter Fischer „Das große Buch der Evolution“, 416 Seiten, Köln 2008, Fackelträger Verlag

Jürgen Neffe „Darwin – Das Abenteuer seines Lebens“, 527 Seiten, München 2008, C. Bertelsmann, inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich

Matthias Glaubrecht „Es ist, als ob man einen Mord gesteht“ – ein Tag im Leben des Charles Darwin“ 271 Seiten, Freiburg im Breisgau 2009, Herder

Steve Jones „Darwins Garten – Leben und Entdeckungen des Naturforschers Charles Darwin und die moderne Biologie“ 398 Seiten, München 2009, Piper

Maja Nielsen: Charles Darwin. Ein Forscher verändert die Welt, 62 Seiten, Gerstenberg 2009

Maja Nielsen: Charles Darwin. Ein Forscher verändert die Welt. Kinder-Hörbuch, headroom sound production, Köln 2008

Zwar nicht im Darwin Jahr erschienen, aber sehr zu empfehlen:

Charles Darwin: Reise um die Welt. 5 CD-Box, Headroom Sound Production, 2002

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