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Dialog als Voraussetzung – Gisela Kleines Doppelbiografie über Ninon und Hermann Hesse

Von Bettina Johl

Es ist so eine Sache mit Paarbeziehungen unter literarisch Schaffenden. Nicht nur, dass ihnen – das ist Schicksal aller im Licht der Öffentlichkeit stehenden Personen – eine Privatsphäre meist verwehrt bleibt. Da schreibende Menschen gewöhnlich Schriftliches zu hinterlassen pflegen, endet dieser Zugriff keineswegs mit dem Ende ihres Lebens. Zuweilen beginnt er dann sogar erst richtig. Und die Nachwelt ist unbarmherzig. Sie stürzt sich auf den Nachlass, zieht jedes Detail ans Licht, selektiert nach Lust und Laune, pickt sich das ihr interessant Erscheinende heraus und lässt dafür anderes, nicht in ihr Bild Passendes unter den Tisch fallen. Sie bewertet und urteilt und weiß sowieso alles besser. Wenn nun bei einem solchen Paar wie Ninon und Hermann Hesse einer von beiden deutlich im Schatten des anderen steht, wird es für diesen richtig schwierig; ganz besonders, wenn er den anderen überleben sollte. Das eigene Lebenswerk hat es dann schwer, angemessene Würdigung zu finden, vor allem, wenn es sich um das einer Frau handelt. Denn Frauen, die im 20. Jahrhundert Anerkennung für ihre Arbeit haben wollten, mussten oftmals überlaut darüber sprechen, um auf sich aufmerksam zu machen. Zumindest, wenn sie nicht in der glücklichen Lage waren, dass dies jemand anderes – am besten von männlicher Seite – für sie übernahm. Die Hesses jedoch liebten die lauten Töne eher nicht.

Im Jahr 1910 schreibt eine 14-jährige Schülerin ihren ersten, einen für ein junges Mädchen ungewöhnlich reifen und sehr beeindruckenden Brief an einen Dichter, dessen Werk bei ihr selbst tiefen Eindruck hinterlassen hat. Und er wird antworten, nicht auf den ersten, aber auf einen ihrer folgenden Briefe, und sie ermutigen, ihm weiterhin ab und an zu schreiben. 20 Jahre später wird sie seine dritte und letzte Ehefrau. Sie verbringt 35 Jahre an seiner Seite und überlebt ihn nur um wenige Jahre. Bei der jungen Frau handelt es sich um Ninon Ausländer, Bürgerstochter aus der heute zur Ukraine zählenden Kleinstadt Czernowitz in der Bukowina, am östlichsten Rand der einstigen Habsburgermonarchie gelegen, einer multikulturellen, kulturbeflissenen Stadt, auch „Klein-Wien“ genannt. Aus dieser Stadt gingen auffallend viele Persönlichkeiten aus der Geisteswelt hervor, unter anderen – um bei den Dichtern zu bleiben – Rose Ausländer und Paul Celan. Ninons verehrter Dichter ist der 18 Jahre ältere, im württembergischen Schwarzwaldstädtchen Calw geborene, zur Zeit der ersten schriftlichen Begegnung zunächst am Bodensee, später in der Schweiz lebende Hermann Hesse.

Hesses Biografen sind über viele Jahrzehnte hinweg mit dieser Verbindung sehr unterschiedlich umgegangen. Ninon wurde im besten Fall auf einen Platz am Rande verwiesen, im schlimmsten Fall verteufelt, mancher ließ ihre Existenz auch einfach ganz unter den Tisch fallen. Selbst noch vor fünf Jahren stellte sich Gunnar Decker in seiner zweifellos sorgfältig recherchierten und differenzierenden Biografie Der Wanderer und sein Schatten die Frage, ob diese Verbindung nicht für beide Partner ein Verhängnis gewesen sei. Andere neuere Biografien versuchten schließlich, Hesses Frauen in besonderer Form gerecht zu werden, wie jene von Bärbel Reetz, die sich vor allem sehr um die – längst überfällige – Rehabilitation der ersten, angeblich geisteskranken Ehefrau Mia verdient gemacht hat. Hingegen hält sich geradezu unerschütterlich das Bild Ninons vom aufdringlichen weiblichen Fan, mit dem einzigen Lebensziel, sich „ihren“ Schriftsteller zu angeln, um für den Rest ihres Lebens das Personal herumzuscheuchen und ungebetene Besucher aus dem Haus zu ekeln.

Ninon störte. Vor allem störte sie das Klischee des „Dichtereremiten vom Berge“, das Hesse hartnäckig anhaftete und sich bis in die Gegenwart gut vermarkten lässt. Daran änderte nichts, dass Ninon mit vielen Freunden Hesses, auch über seinen Tod hinaus, herzliche Freundschaften pflegte, während diese wiederum voller Hochachtung von ihr sprachen. Sie störte als eine für eine Vertreterin ihrer Zeit ungewöhnlich gebildete und selbstbewusste Frau. Störte sie auch als Jüdin? Immerhin: Der Antisemitismus hatte Konjunktur in Europa und beschränkte sich keineswegs allein auf Deutschland und seine verhängnisvollen zwölf Jahre nationalsozialistischer Barbarei.

Wer Ninons Leben näher betrachtet, bemerkt sehr schnell, dass dieses mitnichten einen geradlinigen Verlauf vom schwärmerischen Teenager zur Dichtergefährtin nimmt. Vielmehr ist es gekennzeichnet von der aufrichtigen und ernsthaften Suche einer begabten jungen Frau nach ihrem eigenen Weg – und dies über viele Umwege, Höhen und Tiefen. Er führt sie über ein Medizinstudium, das sich nicht als die richtige Wahl erweist, zur Kunstgeschichte und Altertumsforschung, der sie sich für den Rest ihres Lebens mit großem Ernst, wenn auch mit vielen, teilweise sehr langen Unterbrechungen, widmet. Auf weltpolitischer Ebene ist ihr Leben zunächst gezeichnet vom Ersten Weltkrieg, dem Ende der k u. k-Zeit und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Umbruch; auf persönlicher Ebene vom Verlust der Heimat, dem unsteten Flüchtlingsleben der Familie, dem Verlust des Vaters, der jüngeren Schwester Toka durch deren Freitod, später auch dem Tod der Mutter. Und schließlich von ihrer eigenen ersten, sieben Jahre währenden Ehe mit dem Ingenieur, Pressezeichner und Bohemien Fred Dolbin, dessen umtriebiges Leben zwischen Wien und Berlin sie für geraume Zeit mehr oder weniger teilt und mit dem sie nach der Scheidung in lebenslanger Freundschaft verbunden bleibt.

In Lebenskrisen behilft sich Ninon, indem sie zur Feder greift. Sie schreibt an Hermann Hesse. Sie zieht Kraft aus der Möglichkeit, sich mit jemandem auszutauschen, dem sie sich seelen- und geistesverwandt fühlt. Und er antwortet immer regelmäßiger. Zu einer ersten persönlichen Begegnung kommt es 1921 in Montagnola. Das entscheidende Zusammentreffen jedoch erfolgt erst fünf Jahre später. Nach diesem lässt ein neuer Ton in den Briefen ahnen, dass etwas zwischen beiden geschehen sein muss, das die Weichen neu ausrichtet. Es folgt zunächst eine Zeit der Verunsicherung und innerer Kämpfe. Ninon findet sich zerrissen zwischen ihren Gefühlen für Hesse und den nicht minder starken für ihren Noch-Ehemann, mit dem sie sich zuvor gerade erst wieder versöhnt hat. Ihre Entscheidung zugunsten Hesses erfolgt eher vom Kopf her: Während Dolbin stets noch weitere Frauenbeziehungen unterhält, von denen sich eine auch sehr bald festigen und zu seiner nächsten Ehe hin entwickeln wird, erscheint ihr Hesse als derjenige, der sie am meisten braucht. Er wiederum befindet sich in jenen schweren Krisenjahren, die letztlich den Steppenwolf hervorbringen. Die Ehe mit seiner Frau Ruth steht vor dem Aus, wirklich zusammengelebt hat das Paar nie. Der Autor leidet unter gesundheitlichen Problemen und äußert Freunden gegenüber immer wieder Lebensüberdruss. Zunächst sieht es nicht so aus, als ob er an diesem Zustand tatsächlich etwas verändern wolle. Gegenüber einer Beziehung äußert er alle möglichen Vorbehalte. Ninon jedoch lässt sich nicht beirren. Schließlich geht sie zu ihm nach Montagnola, bezieht eine eigene, von seinen Räumlichkeiten getrennte Wohnung in der Casa Camuzzi, bis ein Gönner und Freund schließlich ein neues Haus, die spätere „Casa Rossa“, das berühmte „Rote Haus“, für das Paar bauen lässt, in dem es lebenslanges Wohnrecht hat. Auch das ein Doppelhaus, das beiden getrennte Lebensbereiche ermöglicht. Es lässt sich nicht ermessen, wie viel Kraft die ersten Jahre Ninon gekostet haben mögen. Jedoch: Aus ihrer Sicht „erleidet“ sie nicht, sie „gestaltet“. Und am Ende schafft sie die Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. Sie übt sich in der Kunst, für ihren geliebten Dichter da zu sein, wenn sie gebraucht wird, und unsichtbar zu bleiben, wenn er allein sein muss. Zu erwähnen, dass diese bewusste Willensentscheidung zu Lasten ihrer eigenen Projekte gehen wird, erübrigt sich. Sie stellt sie hinten an und gibt die Arbeit an ihrer Dissertation auf. Das fällt ihr nicht unbedingt leicht, aber ihr Dichter und sein Werk, die für sie höchste Bedeutung haben, sind es ihr wert. Sie wird seine rechte Hand, leistet Sekretärinnendienste, führt den Haushalt, sorgt für gesunde Ernährung, pflegt ihn bei Krankheit, schirmt ihn während seiner Arbeitsphasen von der Außenwelt ab und hält unangenehme Aufgaben von ihm fern. In seinen Schaffensprozess ist sie nicht einbezogen, aber er schätzt sie als Korrekturleserin und Kritikerin. Sie, die sich stets als „gute Leserin“ bezeichnet, wird außerdem zur Vorleserin, da ihm selbst das Lesen wegen eines Augenleidens mehr und mehr zur Qual wird. Die Summe der Bücher, die sie ihm bis zu seinem Lebensende vorlesen wird, geht ins Vierstellige.

Vor der ehelichen Legitimierung ihrer Beziehung jedoch schreckt Hermann Hesse lange zurück. Das hat offensichtlich weniger mit etwaigen Zweifeln an Ninon zu tun, als mit seinen persönlichen Vorbehalten vor der bürgerlichen Ehe als Institution mit all ihren Verpflichtungen und gesellschaftlichen Ansprüchen, an denen er bereits zweimal gescheitert ist. Für Ninon jedoch ist dieser Schritt wichtig, ist er doch für sie maßgeblich mit materieller Sicherheit und gesellschaftlicher Anerkennung verbunden. An eine offene Partnerschaft, wie sie für uns heute als Lebensform mehr und mehr selbstverständlich ist, war in jenen Tagen nicht zu denken. Wo sie dennoch gewagt wurde, brachte sie stets erhebliche Nachteile für die Frau mit sich. Keine Geringere als Thomas Manns Ehefrau Katia ermutigt Ninon während eines Winterurlaubs, welchen die beiden befreundeten Paare miteinander verbringen, unbedingt auf einer Heirat zu bestehen. Hermann Hesse beugt sich den Argumenten und ehelicht Ninon 1931, kurz nach dem Umzug ins neue Haus. Ninon wird dadurch Schweizer Staatsbürgerin, was sich im Hinblick auf ihre jüdische Herkunft in den kommenden Jahren als segensreich erweist. Es findet lediglich eine formale Trauung ohne Feier statt, was Ninon nicht zu stören scheint. Ihre „Hochzeitsreise“ tritt sie, während ihr Mann zur jährlichen Kur fährt, anderntags allein an, nach Rom. Ihre Briefe an ihn, die sie ihm vom Tag der Abreise an täglich schreibt, klingen heiter, vergnügt und zugleich sehr vertraut und lassen auf seine interessierte Anteilnahme an ihren Reiseerlebnissen schließen. Das wird ein Leben lang so bleiben. Dass Hesse seine Frau sehr schätzt und ihr bedingungslos vertraut, zeigt sich am Deutlichsten darin, dass er sie bereits im folgenden Jahr durch Erbvertrag zur Verwalterin seines literarischen Nachlasses bestimmt.

Ninons Reise bildet den Auftakt zu einer Reihe von kunsthistorischen Bildungsreisen – nach Italien, nach London, nach Paris, später auch nach Griechenland –, im Zuge derer sie sich zumindest für einige Wochen im Jahr, bis Kriegsbeginn und erneut ab 1950, wieder ihren eigenen Forschungen widmet. In ihren Briefen berichtet sie ihrem Mann detailgetreu vom Gesehenen und Erlebten, ihren Überlegungen und Erkenntnissen. Er bestärkt sie in ihrem Tun und ermutigt sie zum Erzählen. Hermann Hesse, im täglichen Zusammenleben gewiss kein einfacher Partner, dem sehr oft Beziehungsunfähigkeit bescheinigt wurde, ist zumindest eines nicht: ein Macho, der seine Frau als seinen Besitz oder Frauen allgemein als Objekte betrachtet. Das wird auch in seinem Werk, dem oft vorgeworfen wird, weitgehend „frauenfrei“ zu sein, immer wieder deutlich. Selbst dort, wo seine Protagonisten – wie im Steppenwolf – mit Frauen zusammentreffen, die sich prostituieren, schwingt in ihrer Haltung stets Respekt vor deren Persönlichkeit mit. Frauen mögen Hesse rätselhaft gewesen sein, zuweilen auch fremd, aber das bedeutet nicht, dass er sie nicht ernst genommen oder sie gar abgewertet hat. Seine Briefwechsel künden von zahlreichen Freundschaften mit Frauen und sind geführt in einem aufrichtigen, freundschaftlichen Sinn. Bedeutende Namen wie Emmy Ball oder Luise Rinser befinden sich darunter. Selbst seine gescheiterten Ehen gehen letztlich in Freundschaften über. Hesse ist ein Mensch, für den Freundschaften – unabhängig vom Geschlecht des Gegenübers – eine hohe Bedeutung haben. Er zeigt sich Freunden gegenüber als verlässlich und verantwortlich, und er lässt sie nie im Stich. So gründet auch seine Beziehung und Liebe zu Ninon schließlich auf dem stabilen Fundament einer in vielen Jahren gewachsenen, aufrichtigen und haltbaren Freundschaft. Hesse mag sich in den Jahren seines Ehelebens noch so oft daneben benehmen, sich in Alltagsdingen als pingelig und kleinlich erweisen, auf engstirnig anmutenden Prinzipien beharren oder sich unter dem Vorwand seiner zahlreichen Unpässlichkeiten als wahres Ekelpaket erweisen, aber er bekundet Ninon an anderer Stelle stets wieder Respekt und Hochachtung. Er hinterfragt sein Verhalten, macht sich Gedanken, entschuldigt sich, oft in Briefen oder in Form kleiner Zettel, sogenannter „Hausbriefe“, die beide zuweilen an verabredeten Plätzen hinterlegen, um einander nicht zu stören. Diese sind nicht selten sehr humorvoll verfasst, manchmal auch in einer verschlüsselten, nur den beiden zugänglichen Geheimsprache, die von einer tiefen Vertrautheit kündet. Er widmet ihr Gedichte, macht ihr liebevoll erdachte Geschenke, fertigt ihr Zeichnungen und Aquarelle, schickt ihr Bücher, wenn sie unterwegs ist. Und er ernennt sie schließlich in seiner Morgenlandfahrt, der Geschichte einer symbolischen Reise, in der Figur der „Ausländerin“, ihren Namen als Wortspiel verwendend, zur Weggefährtin. Was die beiden überdies durch gemeinsame Leseerlebnisse geistig miteinander teilen, wird sich nur schwer von Außenstehenden ermessen lassen.

Die folgenden Jahre des in Deutschland herrschenden Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs werden, besonders nach Hitlers Annexion Österreichs, zur Zerreißprobe. Das Ausmaß von Ninons Sorge und Trauer um Angehörige und Freunde angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung und des grauenhaften Völkermords lässt sich nur erahnen. Ihre jüngste Schwester Lilly befindet sich mit ihrem Mann auf der Flucht und es dauert Jahre, bis sie etwas von ihr hört. Auch Hesse bangt um Freunde. Viele verschwinden, andere können fliehen. Nicht alle finden ohne Weiteres ein Land, das sie aufnehmen will. Ninon und Hermann Hesse sind für geraume Zeit damit beschäftigt, emigrierten Freunden und Bekannten nach Kräften zu helfen. Zu diesen Sorgen kommen finanzielle Engpässe wegen immer eingeschränkterer Publikationsmöglichkeiten in Deutschland. All dem zum Trotz beendet Hesse in diesen Jahren Das Glasperlenspiel, sein großes Alterswerk, als Versuch, dem Ungeist der Zeit etwas von geistigem Bestand entgegenzusetzen. Die aus den kräftezehrenden Anstrengungen dieser Jahre resultierende Erschöpfung wirkt sich in den Nachkriegstagen nochmals kritisch aus. Hesse zieht sich zurück, fühlt sich ausgelaugt und krank. Der Nobelpreis 1946 wird ihm in Abwesenheit verliehen, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1955 nimmt Ninon in Frankfurt stellvertretend für ihn entgegen. Hermann Hesse bleibt Schweizer und der Schweiz verbunden, auch wenn das deutsche Lesepublikum ihm das teilweise übelnimmt. Für die Verantwortung der Deutschen für das Geschehene findet er deutliche Worte: „Die Mehrzahl meiner Freunde in Deutschland wußte Bescheid, und manche sind gleich 1933 emigriert, andre in den Folterkammern der Gestapo verschwunden, so wie die Angehörigen und Freunde meiner Frau fast ohne Ausnahme in Himmlers Gasöfen in Auschwitz etc. verschwanden. Und Ihr habt von alledem nichts gewußt!“ schreibt er 1946 in einem Brief an Wilhelm Schussen, der zu den 88 Schriftstellern gehörte, die 1933 das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ zu Adolf Hitler unterzeichnet hatten.

Einstweilen gestalten sich die letzten Jahre, die das Paar miteinander verbringt, zunehmend harmonischer. Der Dichter hat sein Hauptwerk vollendet, befindet sich in ruhigeren Fahrwassern, widmet sich nunmehr kleineren Projekten, findet Ausgleich in seinem Garten und genießt das häufige Zusammensein mit seinen Enkelkindern. Zu seinen Söhnen hat Ninon von Beginn an ein gutes, wenn nicht herzliches Verhältnis. Auf Fotos, die sie als jüngere Frau zeigen, wirkt sie meist steif, verschlossen und reserviert, das Gesicht geradezu zur Maske erstarrt. Sie selbst beschreibt ihre Neigung zum Erstarren in einem Brief vom 11. Oktober 1933 als „Reaktion auf innere Erlebnisse –  es ist eine Eisschicht, die mich manchmal umzieht, mich isoliert, eine Art Schutz.“ Bilder aus den letzten Jahren jedoch zeigen eine gelöste Ninon, wie auch das Titelbild der neu vorliegenden Biografie von Gisela Kleine ein fröhliches Paar zeigt, das herzlich und innig einander zugeneigt ist. Oft wurden solche Bilder von Hesses jüngstem Sohn Martin aufgenommen, der es offenbar gut verstand, Ninon aus ihrer Reserviertheit zu locken. Trotz festgestellter Leukämie feiert Hermann Hesse 1962 noch seinen 85. Geburtstag. Einen Monat später stirbt er.

Hesses Tod ist ein harter Schlag für Ninon, von dem sie sich nie mehr richtig erholt. Trotz Trauer und Verzweiflung stürzt sie sich in die Arbeit, sichtet und ordnet seinen Nachlass, entscheidet sich gegen Widerstände aus der Schweiz für dessen Überführung ins Deutsche Literaturarchiv nach Marbach, gibt eine Sammlung von bis dahin unveröffentlichten Briefen und Dokumenten aus Hesses frühen Jahren unter dem Titel Kindheit und Jugend vor 1900 heraus und versucht, ihre archäologischen Reisen und Studien fortzusetzen. Doch das Herz ist angegriffen, ihre Kräfte reichen nicht mehr allzu weit. Ninon Hesse stirbt 1966, vier Jahre nach ihrem Mann.

Die Germanistin, Kunsthistorikerin und Frauenforscherin Gisela Kleine, geboren 1922, gehört zu den wenigen ihrer Zunft, die Ninon und Hermann Hesse noch persönlich begegnet ist und Gespräche und Briefwechsel mit beiden führte. Sie promovierte einst über Das Problem der Wirklichkeit bei Hermann Hesse, eine Doktorarbeit, die den Dichter sehr beeindruckt hatte, was zu einer persönlichen Einladung ins Haus Hesse führte. Ihr Buch Ninon und Hermann Hesse – Biographie eines Paares, das nun in neuer Auflage vorliegt, ist nicht eigentlich neu. Es erschien erstmals bereits 1982 bei Thorbecke unter dem Titel Ninon und Hermann Hesse – Leben als Dialog, 1988 folgte die Taschenbuchausgabe Zwischen Welt und Zaubergarten. Ninon und Hermann Hesse. Ein Leben im Dialog bei Suhrkamp. Beides Titel, welche die Essenz dieser Beziehung deutlicher zum Ausdruck bringen als der heutige. Denn wenn eine Beziehung, die zu keiner Zeit eine einfache war, vom Dialog lebte – und überlebte –, so war es die des Paares Hesse! Ein Eindruck davon lässt sich gewinnen bei einem Blick in die Briefe Ninons an Hermann Hesse, die im Jahr 2000 von Gisela Kleine herausgegeben wurden und zu einem wesentlichen Teil der Doppelbiografie zu Grunde liegen. Dort begegnen wir einer hochsensiblen, außerordentlich vielseitig interessierten und belesenen Frau, für die der Austausch mit vertrauten Menschen ein lebenswichtiges Elixier bedeutet. Sich selbst hingegen spricht sie, obwohl sie eigene Gedichte und Erzählungen verfasst, Märchensammlungen herausgibt und altgriechische Texte übersetzt, schriftstellerisches Talent völlig ab. „Es lebt in mir vieles, was ich nicht formen kann. Mir wurde das Erlebenkönnen verliehen, nicht das Gestalten“, schreibt sie am 22. Dezember 1920. Wer ihre Briefe liest, weiß, dass das so nicht stimmt. Ihre Kunst, im Zuge des Schreibprozesses Gedanken entstehen zu lassen, zu reflektieren und weiterzuentwickeln, zieht in den Bann, macht es schwer, die Briefsammlung wieder aus der Hand zu legen. Auch wenn Ninon Hesse ihren eigenen Anspruch an literarisches Schaffen natürlich sehr hoch – zu hoch – setzte, was vor allem daran lag, dass sie ihr Ideal täglich vor Augen hatte, war sie zweifellos eine brilliante Briefeschreiberin. Ihr schriftstellerischen Rang abzusprechen, würde bedeuten, die literarische Arbeit von Frauen über viele Jahrhunderte in Frage zu stellen, war doch von jeher der Brief eine häufig angewandte Ausdrucksform gerade von Frauen, denen innerhalb der gesellschaftlichen Schranken, die ihnen über lange Zeit auferlegt waren, oft keine andere Wahl blieb.

Ninons Briefe künden von einer Beziehung zweier Menschen, die über die Jahrzehnte in intensivem, lebhaftem geistigen Austausch standen, sich gegenseitig Dialogpartner und Inspiration waren. Schon ihr erster Brief lässt die angesichts ihrer Jugend eigentlich erwartete schwärmerische Komponente vermissen, nimmt viel mehr Bezug auf das Werk des Dichters als auf dessen Person. Die Lektüre des Peter Camenzind ist ein Schlüsselerlebnis in der Lektüre des lesebegeisterten jungen Mädchens. In diesem Entwicklungsroman gibt der Protagonist seine künstlerischen Bestrebungen auf – oder legt diese zumindest auf Eis –, um die vakante Gastwirtsstelle seines Heimatdorfes einzunehmen und damit in dessen provinzielle Gemeinschaft zurückzukehren, während er zuvor in der Fremde mehr und mehr Tendenzen zum Einzelgänger angenommen hatte. Ninon ist mit diesem Entschluss Camenzinds, mit dem sie leidenschaftlich mitfühlt, nicht einverstanden. Es kommt ihr einer Kapitulation gleich, erscheint ihr unehrlich, inkonsequent, gar als Verrat – an der Kunst sowie am eigenen Glück. Erste tiefgehende Leseerlebnisse, wissen wir als Lesende, machen etwas mit uns; sie können die Weichen für unser weiteres Leben stellen. Hermann Hesse selbst schildert ein solches in der Nürnberger Reise. Das Fragment Hölderlins Die Nacht war es, die ihm als jungem Menschen die Gewissheit ins Herz setzte: „Dies ist Dichtung! Dies ist Literatur!“ Für Ninon nimmt Peter Camenzind diesen Platz ein.

Es folgen Briefe, in denen Ninon über ihre Familie erzählt, über das Gymnasium, das sie als eines von sechs Mädchen ihres Jahrgangs mit Ausnahmegenehmigung besucht, über ihr Leben in Czernowitz und später als Studentin in Wien. Immer wieder gibt es längere Unterbrechungen. Später wird aus Freundschaft Liebe. Der Austausch wird intensiver, intimer auch. Schließlich lebt das Paar an einem gemeinsamen Lebensort und Briefwechsel beginnen sich auf Hauspost und auf Briefe während der Abwesenheit eines Partners zu beschränken. Da Ninon sich jedoch oft auf Reisen befindet, begleiten die Briefe das Paar dennoch über weite Strecken ihres gemeinsamen Lebens, während derer die Verbundenheit zwischen beiden nie abreißt. Hermann Hesses Antworten auf die Briefe Ninons kennen wir nur zum Teil. Manche finden sich in seinen Gesammelten Briefen, manche sind nicht erhalten, andere derzeit noch von den Rechteinhabern gesperrt. Genannt wird mitunter das Jahr 2017. Dieses ist bereits angebrochen. Wir dürfen gespannt sein.

Die ihr zugänglichen Dokumente hat Gisela Kleine aufs Sorgfältigste ausgewertet; sie zeichnet nicht nur ein großartiges Bild einer facettenreichen Partnerschaft und Künstlerehe, sondern zugleich das Panorama einer zeitgeschichtlichen Epoche, die sich zunehmend dem Gedächtnis der heute Lebenden entzieht. Ihre Paarbiografie beginnt mit dem Leben Ninons und trifft Hesse in der Lebensmitte, was zunächst zu Irritationen führt. Viele werden sich im Laufe der Lektüre fragen: Und Hesses Anfänge? Mit ihnen beschäftigt sich das Buch schließlich ganz am Ende, nach Hesses Tod, als Ninon sich nach sorgfältiger Erwägung entschließt, seine Jugenddokumente herauszugeben und so der Nachwelt seinen komplexen Werdegang als Dichter sowie den seines Werkes näher zu bringen, zugleich aber auch – in ihrer Sicht auf die Dinge als Historikerin – durch das exemplarische Beispiel das Bild einer ganzen Epoche nachzuzeichnen. Ihr Verdienst in dieser Hinsicht – darin sind sich Kenner und Freunde Hesses einig – kann nicht hoch genug bewertet werden, Printmedien sprachen gar von einem „neuen Weg zu Hesse“; es ist dies ein ganz wesentlicher Teil ihrer Lebensleistung, von deren Würdigung sie selbst leider nichts mehr mitbekam.

Warum Gisela Kleines Buch unbedingt gelesen werden sollte: Es ist, da seine Wurzeln 35 Jahre zurückliegen, eines der „guten alten“ – und somit nicht nur sprachlich ein Hochgenuss, sondern auch wohltuend frei von Druckfehlern und grammatikalischen Schludereien des nachfolgenden Bildschirmzeitalters. Es nimmt mit auf eine eindrucksvolle Zeitreise und weitet den Blick. Es lässt uns nicht nur mit Ninon eine faszinierende Frauenpersönlichkeit, sondern auch den Dichter Hermann Hesse selbst nochmals neu kennenlernen. Und es versteht, neugierig zu machen auf all das, womit diese beiden Menschen – stets im Dialog miteinander – sich beschäftigten. Seien es die historischen und mythologischen Forschungen Ninons, in die sowohl die Biografie als auch Ninons Briefe einen tiefen Einblick gewähren. Oder die Werke Hermann Hesses selbst, die neu zu entdecken sich auf jeden Fall immer wieder lohnt.

Ninon und Hermann Hesse

Gisela Kleine: Ninon und Hermann Hesse. Biographie eines Paares.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2017.
663 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783458361985

Ninon HesseNinon Hesse: „Lieber, lieber Vogel“.
Briefe an Hermann Hesse.
Herausgegeben von Gisela Kleine.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2000.
619 Seiten, 32,80 EUR.
ISBN-13: 9783518411285

 

 

 

 

Diese Buchbesprechung erschien am 13.07.2017 im Rezensionsforum literaturkritik.de unter: Dialog als Voraussetzung – Gisela Kleines Doppelbiografie über Ninon und Hermann Hesse wurde neu aufgelegt

 

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Wem gehört Anne Frank? Oder: Was kann und darf Erinnerung?

Von Bettina Johl

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Wirbel um Anne Franks Tagebuch: In Frankreich hatten zu Beginn des Jahres die grüne Abgeordnete Isabelle Attard und der Informationswissenschaftler Olivier Ertzscheid von der Universität Nantes das niederländische Original erstmals für alle frei zugänglich ins Internet gestellt. Ihr Argument: Mit dem Ablauf des Jahres 2015, Annes 70. Todesjahr, sei die Urheberrechts-Schutzfrist des Textes verstrichen und es gelte nun, den „Kampf seiner Befreiung zu führen“. Ganz anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel als Inhaber der Urheberrechte. Dessen Argument lautet, bei Franks Tagebüchern handle es sich um ein posthum veröffentlichtes Werk, das 1986 erstmals ungekürzt aufgelegt wurde und für das sich daraus ab diesem Zeitpunkt eine Schutzfrist von 50 Jahren ableiten ließe. Die rechtliche Auseinandersetzung darüber wird andauern.

Aufregung ganz anderer Art löste vor drei Jahren ein Eintrag im Gästebuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam aus. Der zu dieser Zeit noch nicht 20-jährige kanadische Popsänger Justin Bieber hatte sich nach einem Besuch – wie das Haus berichtete –  „beeindruckt“ gezeigt, sich mit den Worten „Anne war ein tolles Mädchen“ verewigt und im Weiteren geschrieben, er hoffe, sie wäre auch ein Fan – er verwendete das unter solchen gebräuchliche Kunstwort „belieber“ – von ihm gewesen. Die darauf folgende Woge der Belustigung und Empörung, die in Presse und sozialen Netzwerken hochschlug, schien zu dem flapsigen und sicher nicht eben geistreichen Spruch des Teenie-Stars kaum im Verhältnis zu stehen. Anders als zu früheren, weniger vernetzten Zeiten erreichte und beschäftigte er weite Personenkreise, auch solche, die dem „Belieber“-Alter entwachsen sein dürften. Das wirft bei näherer Betrachtung Fragen auf. Geht es hier noch um das heranwachsende jüdische Mädchen Anne, das mit seiner und einer weiteren Familie fast zwei Jahre in Amsterdam im Versteck lebte? Das sich dort mit außergewöhnlichem Talent unter extremen Bedingungen dem Schreiben widmete, wobei unter anderem ein beeindruckendes Tagebuch entstand, von dem seine Autorin nicht wissen konnte, dass dieses später um die Welt gehen würde? Ein „tolles Mädchen“ – eine tolle Geschichte? Gewiss, so hätte es sich im Rückblick wohl sagen lassen. Wenn Anne unversehrt überlebt und womöglich als heute 87-jährige Schriftstellerin ihren Enkelkindern davon hätte berichten können. Wir wissen, dass es anders kam.

Wie unzählige andere ihrer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen wurde Anne Frank letztlich verraten, verschleppt, gedemütigt, gequält und schließlich ermordet. Nach kurzem Aufenthalt im Lager Westerbork in den Niederlanden wurde Anne mit ihrer Familie nach Auschwitz in Polen deportiert. Sie entging den Gaskammern, weil sie jung war und damit noch für Zwangsarbeit in Betracht kam. Sie wurde mit ihrer Schwester Margot zurückgeschickt, westwärts, nach Bergen-Belsen. Ihre Mutter starb in Auschwitz-Birkenau. Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide war kein Vernichtungslager – wenigstens das nicht –, dort herrschten ‚nur‘ Überfüllung, die übliche Brutalität, Hunger, unsägliche hygienische Bedingungen und infolge dessen Krankheit und Seuchen. Anne starb dort infolge von Entkräftung an Fleckfieber, wenige Tage nach ihrer Schwester Margot. Über ihr genaues Todesdatum herrscht bis heute Unklarheit; inzwischen wird von März oder gar Februar 1945 ausgegangen, jedenfalls – und das macht es besonders bitter – nur wenige Monate, bevor der unvorstellbar grausame Nazi-Spuk ein Ende fand. Die Leichname der Mädchen landeten in einem Massengrab. Von den ehemals im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam Untergetauchten überlebte allein ihr Vater. Otto Frank verdankte dies einzig dem Umstand, dass er sich beim Herannahen der Roten Armee in Auschwitz in der Krankenbarracke befand und so den berüchtigten Todesmärschen knapp entging. Letzte Erschießungen hatten bereits begonnen. Kurz darauf waren jedoch auch die letzten Folterknechte so sehr mit ihrer eigenen Flucht beschäftigt, dass sie schließlich ihr bestialisches Mordhandwerk einstellen mussten.

Anne war es nicht mehr vergönnt, die Befreiung der Konzentrationslager zu erleben. Letzte Zeitzeugen schildern sie als „Skelett“ und „Schatten ihrer selbst“. Sie selbst war überzeugt, alle ihre Angehörigen verloren zu haben. Dass ihr Vater noch lebte, konnte sie nicht wissen. Ob ihr dies, hätte sie es gewusst, noch ausreichend Kraft verliehen hätte, länger durchzuhalten, lässt sich nicht sagen. Irgendwann ist ein Mensch physisch am Ende. Anne wurde keine 16 Jahre alt.

Eben diese bittere Tatsache, dass Anne Frank den beispiellosen Völkermord der Nazis nicht überlebte, und ihr Tagebuch, das erhalten blieb und schon kurze Zeit nach ihrem Tod weltweit zum Symbol für Auflehnung gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit erhoben wurde, hatten sie selbst schließlich zu einer Symbolfigur werden lassen. Zunächst für die Opfer der Shoah. Und schließlich mehr und mehr für alle Opfer von Unterdrückung und Völkermord in der Welt. Mediale Verarbeitungen des Tagebuchs sorgten für weitere Zuschreibungen. Anne stand schließlich für den „Glauben an das Gute im Menschen“, ein etwas aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat aus ihrem Tagebuch, mit dem das 1955 am New Yorker Broadway uraufgeführte Theaterstück The Diary of Anne Frank von Frances Goodrich und Albert Hackett endete. Der originale Tagebucheintrag vom 15. Juli 1944 lautete: „Es ist ein Wunder, daß ich all meine Hoffnungen noch nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube.“ Das Mädchen Anne Frank: Eine Ikone. Fortan unantastbar. Tatsächlich? Und für wen gilt das – und für wen nicht?

Biebers Gästebucheintrag mag unglücklich formuliert gewesen sein. Es war weder die erste, noch die letzte Selbstdarstellungsinszenierung, mit der er Unmut erregte – im Verlauf seines fortdauernden Teeniestar-Höhenflugs, mit dem einer, der selbst noch dabei ist, sich aus dem Teeniealter herauszuwursteln, auch erst einmal zurechtkommen muss. Aber: Wäre es denn grundsätzlich verwerflich, mit vielleicht etwas anderen Worten zu fragen: „Wenn wir uns denn – zu einer anderen Zeit – begegnet wären, hättest du meine Musik gemocht? Hätten wir uns womöglich gegenseitig etwas geben können?“ Denn es ist ja im Grunde der Wunsch eines jeden jungen Menschen, der soeben seine Talente entfaltet: gehört zu werden, wahrgenommen zu werden, fortzuwirken, Spuren zu hinterlassen im Gedächtnis und Wirken anderer. Gar bewundert zu werden. Eine Sehnsucht, die in jungen Jahren – und nicht nur – mit dem Bewundern anderer in Wechselwirkung steht. Anne, die sich übrigens, wie nahezu jeder Teenager, Starfotos aus Zeitschriften an die Wände pinnte, hatte dies selbst mehrfach ausformuliert. Es war ihr eigener großer Wunsch, journalistisch und schriftstellerisch fortzuwirken. Immer wieder werden andererseits auf Ausstellungen verschiedener Anne-Frank-Gedenkstätten oder auch im Schulunterricht, wo Annes Tagebuch didaktisch eingesetzt wird, junge Leute aufgefordert, fiktive Briefe an sie zu schreiben, um ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken. Auch hier zeigt man sich nicht immer glücklich über die Eigendynamik, die sich mit einem solchen Versuch entwickeln kann, entspricht doch die Art der Identifikation der jungen Menschen nicht immer der vom Bildungsplan angestrebten Richtung. Abhängig von der jeweiligen Entwicklungsphase haben junge Menschen nun einmal ihre eigenen Gedanken und Anliegen, die ihnen oftmals näher stehen als die pädagogisch gewollten. Sie identifizieren sich mit Anne, fühlen sich ihr nahe – gewiss, aber ihre eigentlichen Themen sind die Heranwachsender in einer Entwicklungsphase, die sie naturgegeben stark beschäftigt: körperliche Veränderungen, Gefühlswirrungen, Rollen- und Identitätsfindung, Abgrenzung von den Eltern, Zukunftspläne, die Suche nach einem eigenen Weg.

Was darf Erinnerung? Oder: Gibt es ‚richtige‘ Formen des Erinnerns und wer legt fest, welche das sind? Die anhaltende Aufregung um Anne Frank zeigt es. Sie dokumentiert das Ringen um die ‚richtige‘ Form der Erinnerung, um die ,richtige‘ Verwendung von Geld für die ,richtigen‘ Zwecke, und immer wieder um Urheber- und Deutungsrechte. Im Jahr 2014 scheiterte ein vom ZDF geplantes Filmprojekt, das der Sender schließlich auf Betreiben des Anne Frank Fonds in Basel einstellen musste. Bei dieser von Otto Frank 1963 gegründeten Stiftung – nicht zu verwechseln mit der sechs Jahre älteren, 1957 ebenfalls durch ihn ins Leben gerufenen Anne-Frank-Stiftung, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdem als Gedenk- und Begegnungsstätte unterhält – handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Einnahmen aus dem Erlös von Urheberrechten gezielt Projekten der Bildung, der Aufklärung und des Gedenkens zugute kommen zu lassen. Des Weiteren macht sie sich weltweit für Kinderrechte stark. Aus nachvollziehbaren Gründen wendet sie sich gegen eine Kommerzialisierung des Namens Anne Frank durch Dritte. Um ein vom Fonds unterstütztes Projekt handelt es sich hingegen bei der deutschen Literaturverfilmung Das Tagebuch der Anne Frank unter der Regie von Hans Steinbichler, die Anfang des Jahres in deutschen Kinos anlief. Diese stammt, ebenso wie das ein Jahr zuvor von der ARD ausgestrahlte, sehr sehenswerte Doku-Drama Meine Tochter Anne Frank unter Regie von Raymond Ley, aus der Produktion von Walid Nakschbandi, der sich als aus Afghanistan eingewanderter Vierzehnjähriger erstmals mit Anne Franks Tagebuch beschäftigt hatte. Dessen Firma, inzwischen Inhaberin der exklusiven Filmrechte, gehört wiederum wie der S. Fischer Verlag, in dem seither alle Anne Frank-Bücher, einschließlich der 2013 aufgelegten Gesamtausgabe, erschienen sind, zur Holtzbrink Verlagsgruppe. Steht dahinter der Wunsch, möglichst ,alles unter einem Dach‘ haben zu wollen? Auf jeden Fall wurde großer Wert auf eine authentische ,Film-Anne‘ gelegt. In beiden Inszenierungen überzeugen mit Mala Emde und Lea van Acken sorgfältig ausgewählte, starke Hauptdarstellerinnen, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Berufsschauspielerinnen waren.

Der Schweizer Fonds und die Niederländische Stiftung wiederum haben sich in den letzten Jahrzehnten – von der Öffentlichkeit eher unbemerkt – stark auseinandergelebt. Das mag auch damit einhergehen, dass die meisten der Menschen, die Anne noch persönlich gekannt hatten, inzwischen nicht mehr am Leben sind. Nach Otto Frank im Jahr 1980 verstarb 2010 in den Niederlanden 100-jährig Miep Gies, die berühmte Helferin im Versteck und Bewahrerin der Tagebücher. Mit ihr verließ uns eine überaus wichtige Zeitzeugin, die noch in hohem Alter die Ereignisse aus ihrer Sicht in ihrem Buch Meine Zeit mit Anne Frank veröffentlichte. Dieses liest sich – auch für Menschen, die überzeugt sind, die ganze Geschichte bereits in- und auswendig zu kennen – packender als jeder Thriller, umso mehr, als in ihm die immer drückendere Atmosphäre, die das Geschehen begleitet, sehr intensiv zu spüren ist und lange nachwirkt. Im März 2015 schließlich verstarb der Schweizer Schauspieler Buddy Elias, jener Cousin Anne Franks, der in ihr einst die Begeisterung für das Eislaufen geweckt hatte. Eine neue Generation steht nun hier wie dort vor der Aufgabe, sich mit dem Erbe Anne Franks und dessen ‚richtiger‘ Verwendung zu beschäftigen. Nicht einfacher wird dies durch den Umstand, dass alle Tagebücher, Fotos und anderen Aufzeichnungen Anne Franks durch ihren Vater per Testament weder der einen noch der anderen Stiftung, sondern vielmehr dem Niederländischen Institut für Kriegsforschung (NIOD – Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie) vermacht wurden. Zu dieser Entscheidung mögen rein praktische Beweggründe geführt haben, wie der Wunsch, die Dokumente einem staatlichen Institut, das übrigens später auch die Echtheit der Tagebücher untersuchen und belegen sollte, zu Forschungszwecken zur Verfügung zu stellen, als auch der Umstand, dass das Anne-Frank-Haus selbst damals noch nicht über geeignete klimatisierte Räumlichkeiten verfügte. Die Vermutung liegt nahe, dass Anne selbst es wohl für richtig befunden hätte, ihren Nachlass dem Niederländischen Staat anzuvertrauen, da es ihre eigene – durch Radio Oranje inspirierte – Idee war, ihr Tagebuch später unter anderem als Kriegsdokument zur Verfügung zu stellen. Bei dem im Anne-Frank-Haus zu besichtigenden Original-Tagebuch handelt es sich somit um eine dauerhafte Leihgabe des Instituts.

Inzwischen wurde Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, von vielen geradezu selbstverständlich als Niederländerin angesehen und wahrgenommen. Als im Jahr 2004 ein holländischer Fernsehsender sie gar auf die Kandidatenliste seiner Show Größte Niederländer aller Zeiten setzte, fiel dann doch manchem auf, dass Anne nie wirklich Niederländerin war. Gewiss war sie in ihrem Herzen Niederländerin und schrieb auf Niederländisch. Sie war Deutsche von Geburt, doch das ‚Deutschsein‘ war ihr schließlich allzu gründlich ausgetrieben worden. Durch die Aberkennung der Staatsbürgerschaft als Jüdin infolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 galt sie fortan als staatenlos. Eine postume Einbürgerung konnte nach niederländischem Gesetz nicht erfolgen, während das deutsche Bundesinnenministerium sich wiederum beeilte, die Ausbürgerung durch die Nazis für nichtig, da nicht rechtens, und Anne somit zur Deutschen zu erklären. Einige Jahre später hätten auch die USA, in die der Familie Frank zu Lebzeiten keine Einwanderung mehr möglich war, Anne gern rückwirkend die amerikanische Staatsangehörigkeit verliehen. Doch solcherlei Versuche, die Geschichte nachträglich zu glätten, bleiben fragwürdig.

Aus dem NIOD wiederum meldet sich mit dem Historiker David Barnouw ein Insider zu Wort, der sich mit Anne beschäftigt hat, seit ihre Dokumente in den Besitz seines Instituts übergingen. Sei es, dass er während der ersten Jahre persönlich im Anne-Frank-Haus einmal im Quartal die Tagebuchseiten umwendete, um ihrem Ausbleichen entgegenzuwirken, oder dass er später Mitherausgeber der wissenschaftlichen Ausgabe der Tagebuchtexte werden sollte. Rückblickend erscheint es, als sei er in der Vergangenheit immer dann zu Stelle gewesen, wenn der Hype um Anne sich einmal wieder zu überschlagen drohte; sei es, als immer wieder – vor allem von Seiten rechter Gruppierungen – versucht wurde, die Echtheit der Tagebücher anzufechten, oder auch, als es um die Frage ging, wer die Familie Frank letztlich verriet. Mit einer Veröffentlichung unter dem Titel Wer verriet Anne Frank? erläuterte er 2006 alle bis dahin vorliegenden Fakten, verwies den Rest ins Reich der Phantasie und machte damit mancher wilden und unfruchtbaren Spekulation ein Ende. Unfruchtbar deshalb, weil die nachträgliche Suche nach Sündenböcken kontraproduktiv ist. Wer immer die Bewohner des Hinterhauses, die durch Annes Tagebücher allgemein bekannt wurden, verriet, ist kein schlimmerer und kein besserer Verräter, als jeder andere miese Denunziant aus jener Zeit, der andere Menschen auf dem Gewissen hat, an die sich zu deren Unglück nur niemand mehr erinnert. Vielmehr gilt es, der Frage nachzugehen, wie eine menschliche Gesellschaft überhaupt in die Situation geraten kann, mehrheitlich zu einem Volk der Mitläufer, Denunzianten und Mittäter zu werden, und nach Wegen zu suchen, dies künftig dauerhaft zu verhindern, umso dringender angesichts der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen und des zunehmenden Rechtspopulismus in Europa. Um es mit Theodor W. Adorno zu sagen: „Man muß die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener Mechanismen erweckt.“

Davids Barnouws jüngstes Buch Das Phänomen Anne Frank, das uns eine chronologische Darstellung der historischen Ereignisse und zugleich eine ausführliche Rezeptionsgeschichte der Texte Anne Franks sowie deren medialen Verarbeitungen liefert, erschien erstmals 2012 in den Niederlanden unter dem Titel Het fenomeen Anne Frank. Seit letztem Jahr liegt es in überarbeiteter Form nun auch in deutscher Sprache vor. Es bietet allen, die sich näher mit Anne Frank beschäftigen möchten, eine gute und umfassende Übersicht über alle Ereignisse, inklusive der Medienereignisse vom Beginn bis in die Gegenwart, nicht ohne die Instrumentalisierung und Vermarktung des Namens Anne Frank kritisch zu beleuchten. Dies wiederum trug dem Autor – auch und gerade bei der Anne-Frank-Stiftung – nicht nur Freunde ein. Mit ihrer unbeirrt sachlichen Haltung steht seine Veröffentlichung jedoch einmal mehr als ruhender Fels in der Brandung aller mehr oder weniger hitzig geführten Debatten.

Inwieweit ein Name, eine Person oder auch ein Stoff bei der Umsetzung in ein mediales Format der Gefahr der Instrumentalisierung, im schlimmeren Fall auch der Trivialisierung, ausgesetzt ist, bleibt eine spannende Frage. Dies zeigt eine Sammlung von Aufsätzen, die vorletztes Jahr unter dem Titel Anne Frank – Mediengeschichten erschien. Verschiedene Autorinnen und Autoren, die sich im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit oder Lehrtätigkeit mit unterschiedlichen Medialisierungen von Anne Franks Geschichte beschäftigten, kommen hier zu Wort und gehen vor allem der Frage nach, inwieweit eine Geschichte durch eine andere mediale Verarbeitung neu erzählt oder auch umerzählt wird. Angefangen beim unbewegten Medium, beispielsweise der Fotografie oder dem Denkmal, und der Botschaft, die es transportiert – einmal durch das, was es erzählt und zum anderen auch durch das, was es nicht erzählt – über die vielfältigen szenischen Umsetzungen des Stoffes für Bühne oder Film, bis hin zu Übertragungen der Geschichte in modernere Formen, zum Beispiel die der Graphic Novel oder des japanischen Mangas, und schließlich den Möglichkeiten, die neue, interaktive Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke bieten, zeigt sich hier ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Erzählformen. Als jüngstes Beispiel sei hier noch das neue Theaterstück ANNE von Leon de Winter und Jessica Durlacher angefügt, 2014 uraufgeführt in einem eigens zu diesem Zweck neu erbauten Theater in Amsterdam.

Die diversen Erzählformen wiederum können, abhängig von der Motivation des Senders, der Art und Weise der Übermittlung und nicht zuletzt von Alter, Persönlichkeit, Vorbildung und Vorerfahrungen der Empfänger innerhalb einer Zielgruppe sehr unterschiedliche Auslegungen und Deutungen hervorbringen. Neue Medien schaffen überdies Möglichkeiten des Zugangs, an die früher niemand auch nur zu denken gewagt hätte. Zum Beispiel bietet das Anne-Frank-Haus auf seiner Homepage einen virtuellen Rundgang durch das gesamte Haus in der Prinsengracht, welcher auch Menschen, denen keine Besichtigung vor Ort möglich ist, erlaubt, sich einen Eindruck der Räume und des ehemaligen Verstecks im Hinterhaus zu verschaffen. Als eine originelle Idee ist auch der „Anne-Frank-Tree“ zu nennen, ein virtueller Kastanienbaum anstelle des echten, den Anne in ihrem Tagebuch erwähnt. Jener war leider aus Altersgründen letztlich nicht mehr zu retten und stürzte trotz aufwändiger Sanierungsaktionen im Jahr 2010 endgültig um, während dafür Setzlinge von ihm um die ganze Welt gingen. An seinem im Internet verewigten Abbild ist es nun möglich, mit dem Anheften virtueller Gedenk-Blätter eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich mit Menschen desselben Anliegens zu verbinden. Mit „Anne Frank im Land der Mangas“, ein Thema, dem im Buch ebenfalls ein eigener Aufsatz gewidmet ist, gestaltete ein Team belgisch-französischer Künstler auf der Internet-Seite des Senders Arte ein „begehbares Manga“. Ein interaktiver Comic – in der in Japan bei Kindern und Erwachsenen äußerst beliebten Form des Mangas – begleitet nachträglich eine Reise der Autoren auf der Suche nach Spuren Anne Franks im fernen Osten. Er beleuchtet mit gewissem Augenzwinkern ein Land der Widersprüche, das Anne einerseits hoch verehrt, ihr gar eine Kirche geweiht und eine Rosensorte gewidmet hat und sich mit ihr gleichsam als Weltkriegsopfer – Holocaust und Hiroshima wurden im selben Atemzug genannt – identifiziert, dem andererseits die Auseinandersetzung mit der anderen, dunklen Seite der eigenen Täterrolle bei Kriegsverbrechen ähnlich schwer fallen will, wie dem einst verbündeten Deutschland. Es handelt sich um ein geradezu erschreckendes Beispiel dafür, wie die Instrumentalisierung ausgerechnet des Namens Anne Frank Verzerrungen in der Wahrnehmung historischer Ereignisse befördern kann.

Hingegen lohnt es sich in der Tat, näher zu betrachten, inwieweit die fiktive Präsenz einer Ikone wie Anne Frank in einem sozialen Netzwerk – nehmen wir beispielsweise Facebook –  einerseits neue Möglichkeiten der Identifikation und Erinnerung schaffen, jedoch andererseits zur Trivialisierung der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Verbrechen zum Zweck der Unterhaltung um jeden Preis führen kann. Seit Erscheinen des Beitrags „Meine Freundin Anne Frank – Die Medialisierung Anne Franks zur Facebook-Ikone“ hat sich die Situation nochmals verändert. Die Verantwortlichen von Facebook haben in der jüngsten Zeit darauf hingearbeitet, fiktive Personenprofile zu löschen, beziehungsweise diese in Seiten umzuwandeln. Das heutige Anne-Frank-Profil suggeriert somit Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr, mit Anne ‚befreundet‘ zu sein. Vielmehr handelt es sich um eine Fan-Seite, die von diesen mit „Gefällt mir“ markiert werden kann und ihnen – wie jede andere Facebook-Seite – Einstellungen anbietet, um neue Postings an erster Stelle der persönlichen Timeline angezeigt zu bekommen. So ist auf der vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam betreuten Anne-Frank-Seite ein Einblick in Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums sowie ein Weiterverbreiten dieser Meldungen über die „Teilen“-Option möglich, was der Stiftung und ihren Projekten zunehmend größere Bekanntheit verschafft. Das ist in diesem Falle nur wünschenswert, da sich die Organisation Zielen wie Aufklärung, Bildung, Begegnung und internationalem Austausch junger Leute verschrieben hat, die anzustreben heute wichtiger ist denn je. Natürlich muss sich eine Seite, die auf Interaktion setzt, unter anderem mit unpassenden und destruktiven Kommentaren auseinandersetzen, und leider verwenden auch rechtsextreme Kreise die sozialen Netzwerke sehr intensiv als Plattform für ihre Zwecke. Denn mehr als jedes andere Medium kann Social Media nun einmal auf sehr unterschiedliche Weise genutzt werden. Gerade deshalb wäre es jedoch der falsche Ansatz, Plattformen wie Facebook pauschal abzuwerten oder gar schlecht zu reden – und geradezu fatal, wenn Einrichtungen und Organisationen, die auf Bildung und Aufklärung setzen, sich aus ihnen zurückziehen würden. Für diese gilt es umso mehr, soziale Netzwerke und deren Möglichkeiten intensiv zu nutzen, ihre Präsenz dort sorgfältig und aktuell zu pflegen und sich mit gleich und ähnlich gesinnten Seiten zu vernetzen, um im Prozess der öffentlichen Meinungsbildung deutlich Position zu zeigen. Dass der Basler Anne-Frank-Fonds die Aktivitäten auf seiner eigenen Facebook-Seite seit Herbst 2015 offensichtlich komplett eingestellt hat, ist zu bedauern und tut dessen Bildungszielen keinen guten Dienst. Die von der Anne-Frank-Stiftung in den Niederlanden sehr sorgfältig gepflegte Präsenz Anne Franks auf Facebook wiederum zeigt das facettenreiche Profil einer Autorin, die als Opfer der Shoah vielen anderen Opfern stellvertretend eine Stimme gab, die weiter fortwirkt. Somit gewinnt diese Seite zugleich den Charakter einer wichtigen Bildungsinstanz.

Hingegen nehmen junge Menschen Anne vor allem als eine der ihren wahr, identifizieren sich mit ihr als einer Gleichaltrigen, die sich traute, ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, auch viele heikle Dinge beim Namen zu nennen, die Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen. Sie identifizieren sich jedoch eher nicht – so sehr auch Lehrerinnen und Lehrer, Museumspädagoginnen und Museumspädagogen sich darum bemühen mögen – mit Anne als Opfer der Shoah. Dies können sie vermutlich auch nicht. Zu allen Zeiten dürfte es jungen Menschen widerstrebt haben, sich mit Opfern zu identifizieren, eine Abneigung, die sehr viel mit Selbstschutz zu tun hat – und die gegenwärtig auch in der gängigen, abwertenden Schimpfwortbezeichnung „Du Opfer!“ ihren Ausdruck findet. Zum Opfer werden, das kann niemand wollen, daran mögen wir noch nicht einmal denken! Und es lässt sich auch nicht sagen, ob Identifikation mit den Opfern tatsächlich verhindern kann, nicht eines Tages doch zu Tätern oder Mittätern zu werden. Denn gerade dies entwickelt sich ja oft aus dem – freilich simplen – Entweder-Oder-Glauben, andernfalls womöglich selbst Opfer zu werden. Mechanismen, über die nachzudenken Unbehagen bereiten muss. Bedeutet es für uns als Deutsche schließlich auch, uns damit zu konfrontieren, dass – Tatsachen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen zufolge – in den Reihen der eigenen, mehrheitlich schweigenden Vorfahren seltenst Widerstandskämpfer, wohl aber Täter, Mittäter und feige Mitläufer gewesen sein müssen. Und notwendigerweise erfordert es im nächsten Schritt, sich mit der noch dringenderen Frage auseinanderzusetzen, wozu wir denn selbst fähig wären, vor die Wahl gestellt: In Aussicht gestellte Teilhabe an der Macht bei Mitlaufen und Mittun – oder Ausgrenzung bis hin zur Verfolgung bei Widerstand? Dies ist ein schmerzhafter Prozess; er lässt sich durch nichts abmildern, und nicht ganz zu Unrecht empfinden junge Menschen ihn als Zumutung, denn ihre Vorfahren, die es eigentlich betraf, haben diesen Prozess mehrheitlich umgangen, sich unfähig gezeigt, sich mit eigener Schuld und Mitschuld auseinanderzusetzen. Wie sollen ihnen das die nächsten Generationen abnehmen? So ganz ohne Vorbilder? Schuld, die sich einfach weitervererben lässt, nach dem Motto: Sollen sich die Nachgeborenen doch damit herumschlagen!? Wer kann es diesen verdenken, wenn sie ein solches Erbe ausschlagen? Bleibt das Erbe der Verantwortung, welches nicht ausgeschlagen werden kann: Wie lässt sich das an junge Menschen herantragen? Vielleicht bedarf es hier nicht gar so vieler Verrenkungen. Möglicherweise reichen Denkimpulse aus. Es kann – nicht nur für junge Menschen – immer wieder ein einfacher erster Schritt sein, festzustellen: Hier war jemand, der wegen angeblichen Andersseins ausgegrenzt wurde und doch ähnlich dachte und fühlte wie ich, obwohl er oder sie zu einer ganz anderen Zeit lebte. Und dann darauf zu vertrauen, dass junge Menschen durchaus zum Selbstdenken und Weiterdenken in der Lage sind, wenn dies vielleicht auch in ganz anderen, als in den von Didaktik und Methodik vorgesehenen Bahnen geschehen mag.

Was darf Erinnerung? Wie schön, wenn wir uns darauf einigen könnten, zu sagen: Alles, was dem offenen Austausch, der Begegnung und Friedensbemühungen in aller Welt dient. Alles, was hilft, künftige Barbarei zu verhindern. Um es nochmals mit den Worten Adornos zu sagen: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Das Vorwort von Miep Gies in ihrem Erinnerungsbuch Meine Zeit mit Anne Frank, das vor zwei Jahren zum dritten Mal aufgelegt wurde, endet mit den Worten: „Meine Geschichte handelt von ganz gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlich dunklen Zeiten – Zeiten, von denen ich nur inständig hoffen kann, dass sie sich nie wiederholen mögen. Niemals. Es ist an uns, den einfachen Menschen in aller Welt, dafür zu sorgen, dass dies nicht geschieht.“

Was machte Miep Gies zu einem Menschen, der anders handelte? Welche Erfahrungen in ihrer Jugend befähigten sie zu ihrer so ganz anderen Haltung? In Wien geboren, wurde sie als Elfjährige nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen eines Hilfsprogramms für hungernde österreichische Kinder zu einer ihr zuvor unbekannten Pflegefamilie in die Niederlande verschickt. Diese hatte bereits mehrere eigene Kinder und war keineswegs reich – der Vater ein Arbeiter –, aber der festen Überzeugung, dass dort, wo schon so viele satt werden, es auf einen mehr nicht ankomme. Wenn Miep Gies ihre Lebensbedingungen in dieser Familie beschreibt, so entbehrt dies völlig Schilderungen, wie sie aus dieser Zeit normalerweise erwartet werden, womöglich von Entbehrungen, harter Disziplin oder gar Schlägen, die angeblich „noch keinem geschadet haben“, und ähnlichem, das unseren Ohren aus Berichten unserer eigenen Vorfahren vertraut ist. Vielmehr entsteht das Bild von einer freundlich umsorgenden Atmosphäre liebevoller Akzeptanz und Wärme, die ganz offensichtlich auch von Mieps neuen Geschwistern so erfahren und weitergegeben wurde, von uneingeschränkter Hilfsbereitschaft auch von Kindern in der Umgebung, die offenbar unter ähnlichen Bedingungen aufwuchsen, und schließlich von einem insgesamt geistig aufgeschlossenen und bildungsfreundlichen Klima, in dem Heranwachsende unter anderem angehalten wurden, Zeitung zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Hier scheint sich ganz schlicht das spätere Astrid-Lindgren-Zitat zu bestätigen: „Gebt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann stellen sich die guten Manieren ganz von selbst ein.“ Dies nur, um eine Ahnung davon entstehen zu lassen, wie die theoretisch viel diskutierte Erziehung nach Auschwitz in der Praxis aussehen könnte. Denn leider sieht es immer noch so aus, als hätten wir in dieser Hinsicht gar keinen Plan, während eine neue Generation in Teilen der Anziehungskraft des Barbarischen neu zu erliegen droht.

Und wem gehört nun Anne Frank? Einerseits zur unantastbaren Ikone verklärt, andererseits im selben Zug – oft auch gerade von den Menschen, die sie dazu erklären – nach Belieben für die unterschiedlichsten Belange herangezogen? Sie, die sich schon immer sehr darüber wunderte, „dass erwachsene Menschen so schnell, so viel und über alle möglichen Kleinigkeiten Streit anfangen“, wie es einem Tagebuch-Eintrag vom 28. September 1942 zu entnehmen ist? Wäre es nicht an der Zeit, sie ein wenig sich selbst zurückzugeben? Am ehesten kann dies gelingen, indem wir ihr eigenes Werk lesen. Unter dem Titel Denn schreiben will ich!, ein Ausruf, mit dem ein selbstkritischer Eintrag vom 5. April 1944 endet, erschien in diesem Jahr in neuer Übersetzung bei Reclam eine handliche, leinengebundene Ausgabe. Sie enthält Annes wichtigste Tagebuchauszüge, eigene Erzählungen aus ihrem „Geschichtenbuch“ und einen Auszug aus ihrem begonnenen und unvollendeten Roman Aus Cadys Leben. Hier entsteht anschaulich das Bild eines jungen Mädchens mit ungewöhnlicher schriftstellerischer Begabung, scharfer Beobachtungsgabe und herzlichem Humor, das sich das „Dennoch“ zum Motto ihres kurzen Lebens gemacht hatte, welches ihr – und mit ihr vielen anderen, die Rede ist von mehreren Millionen, darunter geschätzte eineinhalb Millionen Kinder – schließlich auf denkbar schlimmste Weise genommen wurde. Uns, die wir angesichts dieser kaum vorstellbaren Fakten immer wieder sprachlos verharren, bleibt im Grunde nur, dieses „Dennoch“ zu übernehmen, es uns zu eigen zu machen und weiterzutragen. In jeder Hinsicht.

 

Dieser Beitrag erschien am 17.08.2016 in Rezensionsforum literaturkritik.de.

 

 

Miep Gies Anne Frank

Miep Gies:
Meine Zeit mit Anne Frank.
Der Bericht jener Frau,
die Anne Frank und ihre Familie in ihrem Versteck versorgte,
sie lange Zeit vor der Deportation bewahrte –
und sie doch nicht retten konnte.
Übersetzt aus dem Englischen von Liselotte Julius.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
256 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-13: 9783596183678

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Peter Seibert / Jana Piper / Alfonso Meoli (Hg.):
Anne Frank. Mediengeschichten.
Metropol Verlag, Berlin 2014.
272 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783863311995

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Anne Frank_14.8.2015.inddDavid Barnouw:
Das Phänomen Anne Frank.
Aus dem Niederländischen
von Simone Schroth.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2015.
180 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783837512465

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Denn schreiben will ichAnne Frank:
Denn schreiben will ich!
Aus den Tagebüchern und anderen Werken.
Reclam Verlag, Stuttgart 2016.
262 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783150110553

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Weiter durch die Nacht

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Wolfgang Herrndorfs unvollendet gebliebener Roman „Bilder deiner großen Liebe“

Als der an einem unheilbaren Gehirntumor leidende Autor Wolfgang Herrndorf sich am 26. August 2013 erschoss, arbeitete er zuvor an einem Roman, von dem er wusste, dass er ihn nicht mehr vollenden konnte. In seinem Blog „Arbeit und Struktur“, worin er über sein Leben mit der schweren Erkrankung berichtet, findet sich der früheste Hinweis auf das Werk schon im Juni 2011: „Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich nicht.“ 

„Isa“, so der Arbeitstitel, sollte ein Roman kleineren Umfangs werden. Doch die Arbeit gestaltete sich schwierig, Herrndorf litt unter Erschöpfung und Konzentrationsstörungen. Es folgten Hirnoperationen, aber die Krankheit schritt unbarmherzig voran. Auf Nachfragen antwortete er im August 2012:„Isa wird nie fertig.“ Von dem 1965 in Hamburg geborenen Schriftsteller war 2002 sein Roman „In Plüsch- gewittern“ erschienen, 2007 der Erzählband „Diesseits des Van-Allan- Gürtels“, 2010 und 2011 folgten „Tschick“ und „Sand“, erst 2013 dann posthum „Arbeit und Struktur“. In seinem Testament vom 1. Juli 2013 legt Herrndorf fest: „Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen. Freunde bitten, Briefe etc. zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben.“

Da ausgeschlossen schien, den Roman fertigzustellen, wurde für Herrndorf der Blog zum letzten Projekt. Doch bei einem Treffen der Herausgeber kam das Gespräch auf „Isa“. Herrndorf schildert es in „Arbeit und Struktur“: „Passig liest die ersten zwei Kapitel von »Isa« laut vor. Die hab ich noch nie gehört, die anderen auch nicht. Gutfinden sie’s. Ich schreie und schreie und heule und tobe, und dann ist es vorbei.“ „Isa“ sollte nun doch noch veröffentlicht werden. Herrndorf akzeptierte am Ende das für ihn Schwerste: einen Roman als Fragment zu hinterlassen. So ist „Bilder deiner großen Liebe“ (der Titel stammt noch von Herrndorf) ein unvollendeter Roman geblieben, ein „kaputtes“, ungeordnetes, aber großartiges Werk, in dem seine zahlreichen Leser ihren Autor finden – nicht nur allein in der Figur des Mannes in einer grünen Trainingsjacke auf dem Friedhof. Das Landschaftsgemälde auf dem Schutzumschlag ist von der Hand des Autors.

Zu Beginn des Romans steht ein Mädchen im Hof einer Anstalt. Das Tor geht auf, das Mädchen huscht hinaus und beginnt seine Reise, durch Wälder, Felder, Dörfer, an der Autobahn und auf der Landstraße entlang: „Die Sterne wandern, und ich wandre auch.“ Isa heißt das geheimnisvolle Mädchen. Es wird auf seiner Wanderung einigen Menschen begegnen – freundlichen und verrätselten, schlechten und tief melancholischen, einem Binnenschiffer, der vielleicht ein Bankräuber ist, einem merkwürdigen Schriftsteller, einem toten Förster, einem Fernfahrer auf Holz- wegen. Auf einer Müllhalde trifft sie zwei Vierzehnjährige, Maik und Tschick. Maik verliebt sich in die etwa gleichaltrige Isa. In der Nacht beugt sie sich zu den schlafenden Jungen hinab, erst zu Tschick, dann zu Maik. Der Roman steht an dieser ungeheuren Stelle nahezu still: „Meine Knie berühren fast seinen Kopf. So bleibe ich lange und sehe ihn an. Sein Gesicht ist nachtbleich und friedlich und säuglingshaft, fast wie ein Mädchen sieht er aus. Ich mache magische Bewegungen, ich halte meine Hände über seine Stirn, über die Schläfen, über die geschlossenen Augen mit den langen Wimpern. Ich spüre seine Körperwärme in meinen Handflächen. Er spürt es nicht. Lautlos geborgen und im Schutz meiner Hände und der schirmenden Nacht liegt er da.“

Vordergründig ist „Bilder deiner großen Liebe“ die Geschichte einer jugendlichen Ausreißerin. Was im Hintergrund stets präsent bleibt und den Roman noch einmal ganz anders beglaubigt, ist die Tragödie eines Sterbenden, der nicht allein in den Tod gehen möchte und in „Isa “seinen Schutzengel und seine Totengöttin zugleich gefunden hat – die Figur eines dunklen Engels, die (wenn man „Arbeit und Struktur“ sorgfältig liest) aus zumindest zwei realen Vorbildern und mythischen Figuren zusammengesetzt ist, auf die er vieles projiziert und die ihn beim Sterben begleiten soll. Mit „Bilder deiner großen Liebe“ liegt ein Roman vor, der in der Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht; ein Leseerlebnis, das unvergesslich bleibt.

Copyright: Dieter Kaltwasser

 

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Rowohlt, 144 S., 16,95 Euro

ders.: Arbeit und Struktur. Rowohlt, 448 S.,19,95 Euro

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In den Gedächtnishalden – Über Botho Strauß

Herkunft botho strauss

Zwei neue Bücher des großen deutschen Schriftstellers: „Herkunft“ und „Allein mit Allen“.

Am 2. Dezember 2014 wird der in Naumburg an der Saale geborene Schriftsteller Botho Strauß 70 Jahre alt. Über seine Herkunft, seine Kindheit und Jugend, hat Botho Strauß noch nie geschrieben. In seinem neuen Buch „Herkunft“ erzählt er nun von seiner Kindheit und Jugend, von Naumburg und Bad Ems, den Orten, in denen er aufgewachsen ist, von seinen frühen, ihn prägenden Erinnerungen.

Da ist vor allem der Vater, die Portalfigur des Buches, der zuhause arbeitet, freiberuflich für Arzneimittelfirmen: „Mein Vater war Alchemist. Er stand in der Verwandlung der Stoffe.“ Er wird beschrieben in seiner ganzen bürgerlichen Genauigkeit und Strenge, der stets im Anzug an seinem Schreibtisch arbeitende Vater, mit Strumpfhalter und einer Krawattennadel, auf der eine Perle sitzt. Unweigerlich taucht vor den Augen des Lesers schemenhaft die Figur Thomas Manns auf, und der wird dann auch prompt als Lieblingsschriftsteller des Vaters beschrieben.

Es ist allerdings keine großbürgerliche Welt, von der uns Botho Strauß erzählt, sondern es ist eher ein Festhalten an bürgerlichen Normen und Fassaden, was den Vater aufrecht erhält, der im Ersten Weltkrieg eine Auge verloren hat und seine Familie in der Kurstadt Bad Ems in einem ehemaligen Hotel über die Runden bringt. Auf lediglich 90 Seiten zaubert Botho Strauß seine Kindheit in Bad Ems herauf, die Zeit zwischen seiner Ankunft dort in den Fünfzigern als Sohn von Flüchtlingen aus der sowjetisch Besatzungszone und dem Abschied als junger Mann in den frühen Siebzigern.

Mit diesem „Herkunft“ findet Strauß noch einmal zu einer neuen Seite seines Schreibens: zum Ton des Erinnerns, der Vergewisserung über die eigenen Ursprünge. Nicht nur die Genauigkeit und Präzision des Vaters wiederholt sich im Schreiben und Empfinden des Sohnes: „Den Vater und mich verbindet so etwas wie eine bürgerliche Moral des Scheiterns, das über die Generationen sich fortsetzt in unserem schlichten Geschlecht.“

Gegen Ende seiner Erzählung notiert der Schriftsteller: „Das warst du! Ein Herr der Möglichkeiten, ein Dunkelprinz. Und heute ein kleiner Schaufelsklave in den Gedächtnishalden.“

Das Werk eines wichtigen deutschen Erzählers.

(Hanser 2014, 96 S., 14,90 Euro).

Ganz anders ist das von Sebastian Kleinschmidt herausgegebene Gedankenbuch „Allein mit allen“, das den Reflexionsartisten Botho Strauß in den Mittelpunkt stellt. Diese Gedanken erscheinen thematisch geordnet in siebzehn Kapitel, wie „Von der Person: Gesicht, Stimme, Blick“, „Technik, Medien, Künstlichkeit“ oder „Alter und Tod“. So heißt es auf den letzten Seiten:

„Was in unserer Mitte so vor sich geht, ist dazu angetan, die Geister unserer Ahnen zu vergnügen. Jeder Lebende amüsiert ein ausverkauftes Haus voll Toter. Sie setzen Preise aus für die größte Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit des Tages, um die wir auf der Szene mit blutigem Ernst konkurrieren.“

Keine Blütenlese, sondern unzeitgemäße, kluge Betrachtungen eines Autors über die voranschreitende Transformation der Einzelnen und ihrer Welt. Eine bereichernde Leseerfahrung!

(Hanser 2014, 352 S., 21,90 Euro)

Dieter Kaltwasser

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Anne Franks Vermächtnis

annefranklitera

Zur neu erschienenen Gesamtausgabe ihrer Werke

Von Bettina Johl

Wann bin ich erstmals mit ihr in Berührung gekommen? Ich erinnere mich an ein Buch, eine Anthologie, die ich in sehr jungen Jahren las. Darin begegnete ich Autorinnen, die mich künftig beschäftigen sollten, fand darin Texte von Virginia Woolf, George Sand, Lou Andreas Salomé, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg, Luise Rinser und Christa Wolf sowie auch einen Auszug aus Anne Franks Tagebuch. Dieses hatte ich bis dato nicht gekannt. Wenn ich in meiner Umgebung etwas davon vernommen hatte, so waren es Gerüchte und Verunglimpfungen, die besonders dort begeistert aufgegriffen wurden, wo man sonst über die Vergangenheit lieber schwieg, abgesehen von Schilderungen, wie schwer man es hatte, „nach fünfundvierzig“. Die Jahre davor waren mit Tabus belegt. Bestimmte Fragen durften nicht gestellt werden. Daran hielt man sich, wenn man als junger Mensch oft genug abgeblitzt war, sich satt gehört hatte an dem Satz: „Davon versteht ihr nichts, euch geht es heute viel zu gut, macht erst mal das mit, was wir mitgemacht haben – nach 45!“ Lesend ließ sich wohl manches in Erfahrung bringen, aber über die Lektüre sprechen ging angesichts solcher Verleugnungsstrategien ebenfalls nicht. Man blieb mit seinen Fragen allein.

Ich kannte zuvor niemanden, der Annes Tagebuch gelesen hatte, wusste daher auch nicht, dass es im Stil von Briefen verfasst war, und dass es sich bei der Adressatin Kitty um eine fiktive Freundin handelte. Ich las mich schnell fest und staunte. Dies waren die Aufzeichnungen eines jungen Mädchens, das unter äußeren Bedingungen lebte, für die meine Vorstellungskraft nicht ausreichte, und dennoch war, was sie schrieb, mir seltsam vertraut. Denn viele der inneren Kämpfe, die sie ausfocht, waren die eines heranwachsenden jungen Mädchens. Anne hätte viel darum gegeben, einfach nur das Leben eines ganz normalen jungen Mädchens führen zu dürfen. Es sollte ihr nicht vergönnt sein.

Annes Tagebuch, ein Dokument, geprägt von großer Nachdenklichkeit, aber auch ungebrochener Lebensfreude und Hoffnung, entstand – wie wir wissen, unter völlig anderen als normal zu nennenden Bedingungen – im Versteck eines Amsterdamer Hinterhauses, in das sich Annes Familie vor den Nachstellungen der Nazis in den seit 1940 deutsch besetzten Niederlanden geflüchtet hatte. Dieses teilte sie mit einer weiteren Familie und einem entfernten Bekannten. Insgesamt waren es acht Menschen, die dort fast zwei Jahre in Enge, Angst und Ungewissheit zubrachten, um schließlich verraten, entdeckt und deportiert zu werden. Das Haus an der Prinsengracht 263 beherbergt heute das Anne-Frank-Museum. Ich bin bislang nie dort gewesen. Ein virtueller Gang durch das Haus auf der Website vermittelt jedoch eine Vorstellung von den Räumlichkeiten. Ich habe diesen oft aufgerufen, die Zimmer und Flure in verschiedenen Richtungen durchquert, bis ich mich nahezu auswendig darin bewegte. Ein kläglicher Versuch, mich in die Situation hineinzudenken. Man kann es nicht.

Leben im Versteck bedeutete Zusammensein auf engstem Raum, teilweise mit fremden Menschen, inklusive aller Spannungen und Streitigkeiten, die eine solche Situation mit sich bringt. Es bedeutete Eingesperrtsein, Stillhalten, stundenweises Vermeiden jeglicher Geräusche, Mangel an Bewegung und frischer Luft – selbst das Öffnen eines Fensters bedeutete stets ein Risiko. Es bedeutete zunehmende Knappheit an Nahrungsmitteln, verheerende hygienische Bedingungen – auch das Betätigen der Toilettenspülung war nur zu bestimmten Zeiten möglich. Es bedeutete das Zurücklassen von liebgewordenen und vertrauten Gegenständen, wenngleich Annes Familie zumindest in der Lage gewesen war, viele Dinge vorab im Versteck zu deponieren, da sich das Büro der Firma Opekta, die der Vater Otto Frank leitete, im Vorderhaus befand. Es bedeutete – erschwerend für ein Kind – die Trennung von Freunden und Haustieren, das Fehlen von Außenkontakten, das Entbehren harmlosester Vergnügungen und obendrein das Fehlen jeglicher Privat- und Intimsphäre, verstärkt durch den Umstand, dass das heranwachsende Mädchen Anne gerade während der kritischsten Pubertätsphase das Zimmer mit einem ihr fremden Mann um die Fünfzig teilen musste. Es bedeutete im Weiteren für einen jungen Menschen die Unmöglichkeit, sich abzugrenzen, den so notwendigen Ablösungsprozess von den Eltern – nicht nur innerlich, auch äußerlich – zu vollziehen. Und es bedeutete vor allem Angst. Angst, die zum ständigen Begleiter wurde. Angst, die über allem lagerte. Angst vor jederzeit möglicher Entdeckung und den Folgen, um die man sehr wohl wusste. Angst, die sich nicht in den allgemeinen Schrecken des Krieges erschöpfte, die noch hinzukamen: Nächtliche Schießereien und Bombardierungen, die es unmöglich machten, Schlaf zu finden, umso mehr in dem Wissen, als Untergetauchte schutzlos ausgeliefert zu sein, nirgendwohin fliehen zu können. Stets gegenwärtig außerdem das Bewusstsein, dass sich die Helfer –  in diesem Falle Mitarbeiter der Firma und gute Freunde –  mit dem, was sie taten, in stetige Lebensgefahr brachten.

Wie ging ein von Natur aus lebhaftes Mädchen wie Anne mit dieser Situation um? Auf dem Gebiet der Pädagogik scheut man sich nicht, sie als Beispiel für die vielfach beschworene Resilienz heranzuziehen, welche die Widerstandskraft in schwierigen Lebenssituationen bezeichnet. Es verursacht mir einiges Unbehagen. Zweifelsfrei war Anne aufgeschlossen, wissbegierig und lerneifrig, ausgestattet mit einer scharfen Beobachtungsgabe und unverwüstlichem Humor. Es gab Bücher im Versteck. Die Familie hatte viele davon selbst mitgebracht, die Helfer sorgten für Nachschub, liehen Bücher aus öffentlichen Bibliotheken aus, brachten Zeitschriften mit, bestellten Fernkurse und beschafften Schreibmaterial. Anne lernte mit Fleiß und großer Disziplin, denn sie hegte bis zuletzt die Hoffnung, irgendwann wieder die Schule besuchen zu können. Die Fähigkeit, ihr Lernen weitgehend selbst zu organisieren, kennzeichnet die einstige Montessori-Schülerin. Darüber hinaus beschäftigte sie sich mit Themen, die sie besonders interessierten, wie Geschichte, Kunstgeschichte und klassische Mythologie. Sie hatte darüber hinaus, wie sicherlich viele andere junge Mädchen, ein Faible für Filmstars, über die sie Zeitungsausschnitte sammelte, und für europäische Königshäuser, über die sie Stammbaumtafeln erstellte. Sie las viel. Und sie schrieb.

Es begann mit ihrem Tagebuch, das sie zu ihrem dreizehnten Geburtstag geschenkt bekam, und mit dem sie begann, als sie noch in ihrem Zuhause, der Wohnung am Merwedeplein lebte. Fast läge es nahe, zu sagen: Als sie noch ein normales Leben führte. Ein solches hatte jedoch schon zwei Jahre zuvor mit der niederländischen Kapitulation und den sofort darauf einsetzenden Diskriminierungen und Einschränkungen für die jüdische Bevölkerung durch die deutschen Besatzer ein jähes Ende gefunden. Es bedeutete für Anne, nicht mehr zum Eislaufen zu dürfen, ein Sport, für den sie große Begeisterung entwickelt hatte, keine Kinobesuche, kein Betreten von öffentlichen Anlagen, kein Aufsuchen von nichtjüdischen Ladengeschäften, kein Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln, zuletzt noch nicht einmal Fahrrad fahren, geschweige denn Aufenthalt im Freien nach Einbruch der Dunkelheit. Annes Freizeitvergnügen beschränkte sich zuletzt auf das Pingpongspiel bei Freunden, in deren Privathaus sich eine Tischtennisplatte befand. Sie durfte keine allgemeine Schule mehr besuchen und musste aufs jüdische Lyzeum wechseln, wo sie sich zwar wohl fühlte, jedoch sollte auch ihr Aufenthalt dort nicht lange dauern.

Unzählige Nadelstiche, Diskriminierungen im Alltag, die in Deutschland schon viele Jahre zuvor begonnen hatten, die offensichtlich waren und lange vor den Deportationen und Morden eingesetzt hatten, von denen später niemand etwas gewusst haben wollte. All dies spielte sich noch nicht „irgendwo im Osten“ ab, sondern mitten unter der Bevölkerung, die all dies billigend hinnahm. Machen wir uns nichts vor: Die Widerstandskämpfer bildeten unter unseren Vorfahren  die Ausnahme! Übrig blieben nur wenige unbeliebte Rollen: Die der Täter und die der feigen Mitläufer. Die Frage, welche davon die schlimmere ist, lässt sich, wie ich fürchte, noch nicht einmal eindeutig beantworten, machte doch das feige Mitläufertum die Untaten der Täter erst im vollen Umfange möglich. Und ich zögere, mir die Frage zu stellen, welche Rolle wir Nachgeborenen unter den gegebenen Verhältnissen eingenommen hätten. Machen wir uns wiederum nichts vor: In uns allen steckt, wie auch immer bedingt, leider viel mehr Potenzial – auch wenn wir die Täter heraushalten – zu Mitläufern als zu Widerstandskämpfern. So viel zu der möglicherweise ernst gemeinten Frage, ob man nicht irgendwann aufhören könne, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Man kann nicht!

Anne hatte in ihrem Schreiben einen Weg gefunden, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Sie fand Gefallen am Schreiben, entwickelte darin wachsende sprachliche und stilistische Fertigkeit, erkannte ihr offensichtliches Talent mehr und mehr als Berufung und zog eine berufliche Zukunft als Journalistin oder Schriftstellerin in Erwägung. Neben ihrem Tagebuch schrieb sie Erzählungen und Geschichten, begann, an einem Roman zu arbeiten. Mit selbstkritischem Blick schulte sie ihre Urteilsfähigkeit hinsichtlich ihres Schaffens, lernte einzuschätzen, ob ihr ein Text gut gelungen war oder ob er der Verbesserung bedurfte. Von ihrer Familie wurde sie in ihrem Tun zumeist bestärkt und weitgehend nicht darin behindert, diente doch ihre Erzählkunst auch zeitweise der Unterhaltung ihrer Mitbewohner, wenn sie zuweilen einige ausgewählte Passagen aus ihren Werken vorlas.

In ihrem Tagebucheintrag vom 5. April 1944 lesen wir:

„[…] Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf. Aber, und das ist die große Frage, werde ich jemals etwas Großes schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr! Mit Schreiben kann ich alles ausdrücken, meine Gedanken, meine Ideale und meine Phantasien. […]“

Weitere Kraft mag sie geschöpft haben aus ihrer vorangegangenen glücklich zu nennenden Kindheit; sie beschrieb ihr Familienleben als harmonisch, sich selbst als den Liebling ihrer Lehrer und Mitschüler. Sie hatte viele Freundinnen und Freunde, erwähnte mit kleinem Augenzwinkern zahlreiche „Verehrer“. Umso schwerer musste sie den nachfolgenden Einschnitt in ihrem Leben empfunden haben. Vor allem während der ersten Zeit war ihr das Vertrauensverhältnis zu ihrem Vater eine große Hilfe und Stütze. Sie fand in ihm ihren Lernmentor und nahm sich im Übrigen seine stoische Ruhe und Genügsamkeit, die sie sehr bewunderte, zum Vorbild. Das Verhältnis zur Mutter hingegen zeigte sich in diesen Tagen als sehr belastet und konfliktgeladen, worunter offenbar beide litten. Die Mutter schien ihr wesensfremd, sie erlebte sie als gefühlskalt und verständnislos. Ihr Tagebuch gibt Zeugnis davon. Zugleich jedoch zeichnet sich darin über die Jahre hinweg eine Entwicklung in ihrem Denken ab, welches dazu führte, dass sie Rückschau hielt, reflektierte, relativierte, differenzierte, sich zunehmend in die sie umgebenden Menschen hineinzuversetzen versuchte und sich bemühte, deren Verhalten zu verstehen. Innigkeit sollte sich in der Beziehung zur Mutter zumindest in dieser Zeit jedoch nicht mehr einstellen. Anne musste die Loslösung von den Eltern innerlich vollziehen, äußerlich war es nicht möglich. Hierbei half ihr während der letzten Monate die Freundschaft mit Peter van Pels, dem zwei Jahre älteren Sohn der zweiten im Versteck lebenden Familie, mit dessen ruhigem, eher verschlossenen Wesen sie zuvor so wenig anfangen konnte, wie er mit ihrem lebhaften, weshalb sie sich anfangs eher aus dem Wege gingen. Zwischen beiden entspann sich eine sehr vertraute Verbindung, in der beide ihrer Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit Ausdruck verliehen. Auch die erwachende Sexualität der beiden jungen Menschen spielte eine nicht unwesentliche Rolle, allerdings gehen Versuche von Filmemachern, aus ihrer Beziehung eine wilde Affäre zu machen, wohl  an der Realität vorbei. Anne zog sich, wie aus ihren Aufzeichnungen zu ersehen ist, sehr bald wieder innerlich von Peter zurück; zu groß war doch die Verschiedenheit im Denken und Erleben. Sie vermochte die Freundschaft mit ihm durchaus weiterhin zu genießen, aber war sich sehr wohl bewusst, dass sie nicht uneingeschränkt alles, was ihr wichtig war, mit ihm teilen, nicht alle Tiefen ihres Denkens und Empfindens mit ihm gemeinsam ausloten konnte. Dies mit einem Menschen zu können, bedeutete ihr jedoch die wichtigste Voraussetzung für eine Lebenspartnerschaft. Ihr Eigenes für jemand anderen aufgeben kam für sie unter keinen Umständen in Frage; diese Haltung bescheinigt ihr im Rückblick eine für eine Fünfzehnjährige bemerkenswerte Reife. Ein späteres gemeinsames Leben mit Peter zog sie zu keiner Zeit ernsthaft in Betracht. Anne hatte eigene Ziele, sie erwartete mehr von einer möglichen Zukunft. Einer Zukunft, die ihr alsbald gewaltsam genommen wurde.

Beim Lesen ihres Tagebuchs kennen wir im Gegensatz zur Verfasserin den späteren Ausgang der Geschichte. Das Versteck wurde verraten, die Untergetauchten deportiert. Von den Bewohnern des Hinterhauses sollte nur einer überleben und zurückkehren. Otto Frank, der Vater von Anne, wurde im Januar 1945 von der Roten Armee aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit, seine Frau Edith war kurz zuvor im Frauenlager Auschwitz-Birkenau an Fieber und Entkräftung gestorben. Die Schwestern Margot und Anne starben im Lager Bergen-Belsen, wohin sie im Zuge eines Rücktransports aus Birkenau gelangt waren, im März 1945 kurz nacheinander an Typhus. Anne wurde nur fünfzehn Jahre alt. Ihre Tagebücher und Aufzeichnungen wurden nach der Stürmung des Verstecks von Miep Gies, einer der Helferinnen der Versteckten, achtlos auf dem Boden verstreut gefunden, eingesammelt und verwahrt. Bis zuletzt hatte Miep Gies gehofft, es der Besitzerin bei ihrer Rückkehr aushändigen zu können. Erst als die endgültige Nachricht von Annes Tod sie erreichte, händigte sie Annes Vater die Hefte und Blätter aus, ohne zuvor je selbst einen Blick hineingeworfen zu haben. Anne hatte sich, inspiriert durch einen Aufruf des heimlich empfangenen, niederländischen Exilsenders Radio Oranje, so viele private Zeitdokumente als möglich zu verwahren und nach dem Krieg zur Verfügung zu stellen, mit dem Gedanken an eine spätere Veröffentlichung getragen. Hierzu hatte sie in sorgfältiger Arbeit begonnen, Teile ihres Tagebuchs umzuschreiben und aufzubereiten. Aus diesen und Ergänzungen aus ihrem bis zuletzt fortgeführten ersten Tagebuch entstand schließlich eine erste Ausgabe, die 1947 unter dem Titel „Het Achterhuis“ in den Niederlanden erschien und nach einigen Jahren – übersetzt in viele Sprachen – zum  Welterfolg wurde. Jedoch unterlag diese erste Aufgabe vielen Kürzungen, die zum einen dem Schutz der Privatsphäre der Familie und der Freunde dienten, zum anderen für den einstigen Zeitgeschmack zu offenherzige Äußerungen über das Thema Sexualität betrafen. Erst nach dem Tod Otto Franks 1980 veröffentlichte das Niederländische Staatliche Institut für Kriegsdokumentation, dem die Rechte testamentarisch vermacht worden waren, sämtliche Aufzeichnungen Anne Franks, nachdem deren Echtheit in wissenschaftlichen Untersuchungen zweifelsfrei festgestellt und bestätigt worden war, in einer Kritischen Ausgabe unter dem Titel „Die Tagebücher der Anne Frank“. Der Anne Frank Fonds in Basel als Universalerbe der Autorenrechte nahm weitere Textpassagen in eine neue Fassung auf, die 1986 erschien, so dass es sich bei der Version, die ich zuerst kennenlernte, um die frühere gehandelt haben musste, während ich mich mit der späteren erst im Erwachsenenalter beschäftigen sollte. Ich erinnere mich, das Tagebuch mehrmals in jeweils verschiedenen Lebensphasen gelesen zu haben, mit immer wieder verändertem Blick. Die Erschütterung, die es in mir bei jedem neuen Lesen auszulösen vermochte, wurde mit den Jahren nicht geringer.

Es ergeht mir nicht anders, nun, da ich die im vergangenen Herbst erschienene Gesamtausgabe mit sämtlichen Werken Anne Franks in den Händen halte. Erstmals enthält diese alle Versionen des Tagebuchs in vollständiger Form, sowie einige später aufgetauchte, bislang unveröffentlichte Manuskriptseiten. Ein vergleichendes Lesen wird möglich. Im Weiteren finden sich Annes „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“, sowie ihr Fragment eines Romans über die Entwicklung eines jungen Mädchens und  weitere Erzählungen und selbst erfundene Märchen, die sie auf losen Blättern festgehalten hatte. Diese geben einen eindrucksvollen Einblick in ihr vielseitiges Schaffen während der Jahre im Versteck. Ergänzt wird die Sammlung durch Briefe und Einträge in Poesiealben von Freundinnen vor der Zeit des Untertauchens sowie durch Fotos und Dokumente.

Keineswegs weniger interessant präsentiert sich ihr „Schöne-Sätze-Buch“, die Sammlung von Texten, die sie zum größten Teil aus Büchern, mit denen sie sich während ihrer Zeit im Versteck beschäftigte, abgeschrieben hatte, wozu ihr ein leeres Kassenbuch diente. Da es sich bei ihrer Lektüre zumeist um geliehene Bücher handelte, die alsbald zurückgegeben werden mussten, war dies die einzige Möglichkeit, die ihr wichtig gewordenen Passagen daraus zu bewahren. Neben Versen von Shakespeare und Goethe, welche sie auf Deutsch niederschrieb, finden sich Namen aus der englischsprachigen Literatur , wie Thomas Morus, Thomas Carlyle, Oscar Wilde und John Galsworthy. Die Reihe der niederländischen Autoren reicht von Jacob van Maerlant im 13. Jahrhundert  bis zu Multatuli (alias Eduard Douwes-Dekker), Justus van Maurik und Willy Corsari (alias Angela Douwes-Schmidt) im neunzehnten Jahrhundert. Ebenso vertreten ist die norwegische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Sigrid Undset. Anne las gern Biografien, wie aus ihrer Sammlung hervorgeht, unter anderem die berühmte des französischen Historikers André Maurois (alias Émile Salomon Wilhelm Herzog) über Lord Byron und weitere des ungarischen Schriftstellers Zsolt von Harsány über Paul Rubens und Franz Liszt. Als zentrale Themen, mit denen sich Anne in ihrer Lektüre auseinandersetzte, finden sich wiederholt Fragen um die Freiheit des Denkens und Handelns, soziale Gerechtigkeit, Glaube und Religion, auch um Tod, Verlust, Trauer und Freundschaft. Aus einem Buch der vermutlich heute eher in Vergessenheit geratenen niederländischen Autorin Frida de Clercq Zubli notierte sie interessante Passagen über die Bedeutung des Schreibens, über männliches und weibliches Rollenverständnis und über die Bedeutung von Vertrauen im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Den einen oder anderen der weniger bekannten Autoren wiederzuentdecken würde sich gewiss lohnen. Ein zweites Heft mit dem Titel „Ägyptenbuch“ führte Anne, in welches sie Bilder von Kunstgegenständen der Antike einklebte und beschriftete; auch diesem ist ein Platz in der Gesamtausgabe gewidmet.

Im Anhang finden sich die beiden Versionen des Tagebuchs, die Anne anfertigte, erstmals einander gegenübergestellt. So liegen uns nun auch die frühesten Aufzeichnungen aus ihrem ersten Tagebuch vor. Hier begegnen wir dem völlig schutzlosen Kind, das aus seinem vertrauten Leben gerissen wurde – ganz verschieden von dem Rückblick einer seelisch gereifteren Fünfzehnjährigen – und wir spüren trotz seiner Frohnatur das Unglück und die Verzweiflung dieses Kindes. Und dies ist der Grund, warum ich es für unangemessen halte, Anne als literarisches Beispiel für Resilienz heranzuziehen, wie die neuere psychologische und pädagogische Literatur es tut. Anne Frank ist nicht Pippi Langstrumpf! Hier wurde ein wehrloses Kind Opfer eines beispiellosen Verbrechens, das als Einzelschicksal stellvertretend steht für geschätzte eineinhalb Millionen Kinder unter sechs Millionen Menschen, die dem Genozid der Nazis zum Opfer fielen. Eineinhalb Millionen Kinder, die keine Stimme hatten, denen keine Gelegenheit gegeben war, sich mitzuteilen, die allesamt auf unvorstellbare Weise ihre Würde beraubt, gequält, erniedrigt und bestialisch ermordet wurden. Dieses Ausmaß sollte genügen, uns zum Innehalten und Nachdenken über unsere Verantwortung zu bringen.

Anne war ein Kind, das keinen größeren Wunsch hatte, als nach dem Krieg wieder zur Schule gehen, Freunde haben und sich draußen in freier Natur bewegen zu können. Ihr Zukunftstraum, eine große Autorin zu werden, hat sich posthum erfüllt, aber nichts kann ihr das eine Leben zurückgeben, das ihr gegeben war und das sie gern weitergeführt hätte. Das eine Leben, das ein jeder Mensch nur einmal zur Verfügung hat, und das deshalb bei jedem Menschen Schutz und Achtung verdient.  Die Nazi-Ideologie funktionierte nach der Methode, in einer Gesellschaft vorhandene Ressentiments und Vorurteile zu nutzen und zu schüren, mittels Manipulation und Aufhetzung der Bevölkerung ganze Gruppen von Menschen aufgrund ihres tatsächlichen oder angeblichen Anders-seins auszugrenzen, von der übrigen Gesellschaft abzuspalten, ihnen zuletzt gar ihr Menschsein abzusprechen. Diese Methoden haben in der Vergangenheit funktioniert und sie funktionieren auch heute noch. Um sie sich bewusst zu machen, sind wir auf Zeitdokumente wie Anne Franks Tagebuch dringend angewiesen. Sechs Millionen Tote sind auf den ersten Blick eine abstrakte Zahl, die jenseits allem Vorstellbaren liegt. Aus dieser Zahl werden leicht wieder „die anderen“, mit denen man selbst am liebsten nichts zu schaffen hätte. Sobald jedoch ein Einzelschicksal aus der Anonymität heraustritt, wird auch der letzte Zeitgenosse, der es zuvor nicht wahrhaben wollte, mit der Tatsache konfrontiert, dass es hier um Menschen ging, die sich mit ihrem Denken und Fühlen kaum von ihm selbst unterschieden. Das lahmgelegte Gewissen beginnt seinen Dienst wieder aufzunehmen. Dies erklärt auch die Anfeindungen, denen eben solche persönlichen Dokumente ausgesetzt sind, die Diffamierungen, Versuche, die Echtheit zu leugnen, die immer wieder Anhänger finden, deren Wunschgedanken sie bedienen, nämlich den Wunschgedanken, das Undenkbare, weil zu Schreckliche, habe ja vielleicht gar nicht stattgefunden, sondern beruhe auf  Lügen und Unterstellungen anderer. Jedes Einzelschicksal jedoch, das auf Sympathie und Mitleid stößt, hat das Potenzial, unmenschliche Gedankengebäude zu sprengen.

Annes Vermächtnis ist ein Klares. Es lautet nicht: Macht die Kinder resilient, damit sie lernen, sich in einer unmenschlichen Gesellschaft, die ihre Rechte mit Füßen tritt, so gut als möglich anzupassen und sich mit wenigem zu begnügen. Es ruft vielmehr dazu auf, Kindern endlich bessere und würdigere Lebensbedingungen in einer menschlicheren Gesellschaft zu schaffen. Und es ruft auf, sich für die Rechte der Kinder einzusetzen, überall dort, wo diese mit Füßen getreten werden. Denn Kinder haben Rechte! Die von der UNO 1989 verabschiedete Kinderrechtskonvention wurde von ausnahmslos allen Ländern dieser Erde unterzeichnet! Wer sich die Realität vor Augen führt, dem mutet es wie Hohn an.

Der Anne Frank Fonds in Basel unter der Leitung von Anne Franks Cousin Bernhard Elias – „Buddy“, mit dem sie so gern noch einmal Eislaufen gegangen wäre! – hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich gemeinsam mit dem Kinderhilfswerk UNICEF für die Rechte der Kinder in aller Welt stark zu machen. Diese unterliegen drei Grundprinzipien, dem Recht auf Schutz, dem Recht auf Förderung und dem Recht auf Beteiligung. Wenn wir das Erbe der Verantwortung ernst nehmen, erschließt sich uns hier ein weites Feld künftiger Betätigung. Auf diese Weise würde, was uns als Leserinnen und Lesern ihres Tagebuchs am Herzen liegt, am ehesten möglich: Ein würdiges Gedenken an Anne Frank.

Am 15. Juli 1944 notierte sie in ihr Tagebuch:

„[…] Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden. Inzwischen muss ich meine Vorstellungen hochhalten, in den Zeiten, die kommen, sind sie vielleicht doch noch auszuführen! […]“

Anne hat ihre Vorstellungen bis zuletzt hochgehalten. Nehmen wir sie für uns an – als Annes Vermächtnis an uns!

Anne Frank: Gesamtausgabe. Tagebücher, Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus, Erzählungen, Briefe, Fotos und Dokumente. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Herausgeber: Anne Frank Fonds Basel. S. Fischer Verlag. 816 Seiten, 28 EUR. ISBN-13: 9783100223043

Der Essay erschien auch  in der Mai-Ausgabe 2014 von literaturkritik.de

 

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Dialog der Generationen

Jana Simon

Jana Simon im Gespräch mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf

Mit Großeltern hat es eine eigene Bewandtnis. Wir finden in ihnen die uns am nächsten stehenden Zeitzeugen vergangener Tage. Sofern es uns vergönnt ist, auf der ersten Strecke unseres Lebensweges über ein kurzes oder auch längeres Stück von ihnen begleitet zu werden, können sie uns wichtige Bezugspersonen und Gesprächspartner sein. Wir schätzen ihre Sichtweise der Dinge schon darum, weil diese sich oft von der unserer Eltern unterscheidet. Werden wir dann älter, können uns die „Geschichten von früher“, denen wir als kleine Kinder zuweilen noch begierig lauschten, auch schon ein um das andere Mal zu viel werden. Doch dann werden wir selbst erwachsen, gründen Familien, haben eines Tages eigene Kinder. Unsere Großeltern, wenn sie uns noch erhalten geblieben sind, werden älter und allmählich gebrechlicher. Erst dann wird vielen von uns bewusst, dass die Zeit, von der wir die Fülle zu haben glaubten, plötzlich zum knappen Gut geworden ist, uns davonläuft. Dass wir nicht nur lernen müssen, von wichtigen Menschen in unserem Leben Abschied zu nehmen, dass auch viele Erinnerungen, sofern sie oder wir sie nicht auf irgendeine Weise aufgezeichnet haben, für immer verloren gehen werden, und damit entscheidende Puzzleteile, nicht nur unseres persönlichen Gedächtnisses, auch – wenn man so will – des Gedächtnisses der Menschheit.

Nun findet sich die Autorin Jana Simon gewiss nicht in der Situation einer Enkelin, deren Großeltern nichts Schriftliches hinterlassen hätten. Im Gegenteil. Das umfangreiche Werk zu lesen, welches ihre 2011 im Alter von 82 Jahren verstorbene Großmutter Christa Wolf hinterließ, sollte sie erst nach und nach Zeit finden. Hinzu kommen zahlreiche Veröffentlichungen ihres Großvaters Gerhard Wolf, ebenfalls Autor und Verleger, der sich außer der Literatur auch mit großer Liebe der Bildenden Kunst und der Förderung von Künstlern verschrieben hat. Ihr wichtigstes eigenes Erbe, das Talent zum Schreiben, hat sie als Journalistin längst angetreten. Wenn auch Themen, Lebenswelt und Lebensstil zeitbedingt andere sind, so zeigen sich doch eine deutliche Prägung und viele Gemeinsamkeiten.

Im Alter von fünfundzwanzig Jahren beginnt Jana Simon erstmals, damals noch mit einem guten alten Kassettengerät, ihre Großeltern gezielt zu Themen der Vergangenheit, die sie beschäftigen, zu befragen und die Gespräche aufzuzeichnen. Über zehn Jahre setzt sie dies fort, unregelmäßig, teilweise mit sehr großen Zeitabständen. Immer kommt etwas dazwischen, sind alle zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Ihre eigene Tochter Nora kommt zur Welt; ihr ist das nun vorliegende Buch gewidmet. Die erste Urenkelin. Eine neue Generation, die mit neuen Fragen heranwachsen wird. Auch mit neuen Konflikten.

Die Konflikte sind es vor allem, die Jana Simon interessierten, sie zu ihrem Projekt bewegten. Trotz vieler Bücher im Regal: Das Gefühl, zu wenig zu wissen über ihre Großeltern und darüber, womit sie zu kämpfen hatten. Zu einer Zeit, die sich immer mehr in die Geschichtsbücher zurückzieht, aus denen sie sich für die Nachwachsenden nur mühsam wieder hervorholen lässt. Die DDR, die das Leben der Familie der Autorin und noch ihr eigenes Aufwachsen prägte, brach zusammen, als Jana Simons Schulzeit endete. Nach der politischen Wende schien die Zeit mit doppelter Geschwindigkeit dahin zu jagen. Die junge Generation fand sich damit beschäftigt, die neu gewonnene, zuvor lange entbehrte Freiheit zu nutzen und zu genießen. Was zuvor unerreichbar schien, war endlich greifbar geworden: Reisen, ein Studium im Ausland. Wer es sich ermöglichen konnte, nutzte es.

Noch war in der allgemeinen Euphorie keine Rede davon, dass sich alsbald auch Schattenseiten abzeichnen würden. Dass sich mancher später auf der Verliererseite wiederfinden würde, um festzustellen, dass sich von politischer Seite kaum mehr jemand dafür zuständig sehen wollte. Die Stimmen derer, die zu Beginn über einen dritten Weg zumindest nachdenken wollten, wurden wirksam überschrien und sind längst verstummt und vergessen. Die Macht der Medien vermag viel.

Was bleibt, sind Fragen. Keineswegs verklungen, nur vorübergehend in den Hintergrund getreten, um sich beim Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt neu zu stellen. Die Fragen der Nachkommen an eine Generation, die – wie die Autorin feststellt – „den Krieg, die Flucht und zwei Diktaturen erlebt hat“ und „die es bald nicht mehr geben wird.“ Jana Simon findet sich in der glücklichen Situation, Großeltern zu haben, die reden. Die reflektieren und hinterfragen. Auch sich selbst. Viele tun dies nicht. Das Phänomen ist bekannt und beschäftigt die Psychologen. Eine oft mehrfach traumatisierte Generation hüllt sich in kollektives Schweigen und lässt die Jüngeren mit ihren brennenden Fragen im Stich. Verhängnisvoll für deren Zukunft.

Sich die Lebensumstände der Großeltern vorstellen erfordert ein Sich-hinein-denken in ein Leben ohne Informations- und Medienvielfalt. „Sieh mal, wenn du in deinem ganzen Umfeld nicht einen einzigen Menschen hast, der dir erzählt, was tatsächlich in der Welt geschieht, wie sollst du als Kind wissen, was vor sich geht?“ In einem ihrer Romane ist Christa Wolf sehr intensiv ihrer eigenen Spur nachgegangen. Mit der Aufforderung: „Dann lies einfach Kindheitsmuster!“ gibt sich die Enkelin jedoch nicht zufrieden. „Das habe ich. Aber da steht nicht alles drin, und ich würde es gern von euch hören.“

Die Gespräche finden im familiären Rahmen statt, sind sie zunächst doch ausschließlich für diesen vorgesehen. Begebenheiten des Tages fließen mit hinein, die Atmosphäre ist vertraut. Bei aller Nachdenklichkeit wird zwischendurch viel gelacht. Man sitzt im Wohnzimmer in Berlin oder im Garten im mecklenburgischen Woserin, dem Sommerrefugium. Zuweilen am alten Küchentisch, dem – wie es auch in „Ein Tag im Jahr“ zu lesen ist – als Ort für Essen und Trinken in geselliger Runde, für Zusammenkünfte und Gespräche stets eine besondere Bedeutung zukam. Der für Erinnerungen an frühere Tage steht. An Freundschaften, die mit diesen verbunden waren. Viele darunter, die weggebrochen sind. Zu groß die Veränderungen. „Was uns zusammengehalten hat, ist nicht mehr da“, so Christa Wolf 1998 und ihr Mann fügt hinzu: „Und was uns unterschieden hatte, war zuvor nicht thematisiert worden. Das brach dann mit einem Mal nach dem Mauerfall auf.“

Das Verbindende im gemeinsamen Tun als Basis. In welcher Intensität einst Politik in das tägliche Leben, auch in Freundschaften, mit hinein spielte, daraus kaum wegzudenken war, – es lässt sich von den Jüngeren kaum noch nachvollziehen. Sie wiederum werden von den Älteren mit Staunen als unpolitische Generation wahrgenommen. Dennoch finden sich bei allen Unterschieden immer wieder Übereinstimmungen. Zu keiner Zeit lassen die Gespräche es an Offenheit und gegenseitiger Akzeptanz fehlen. Die Enkelin lebt ein ganz anderes Leben, reist viel und lebt zeitweise im Ausland. Sie bezeichnet sich nicht als politisch engagiert, aber sie schreibt in ihrem Beruf über gesellschaftliche Themen und bezieht zu diesen Position. Es entspinnen sich Gespräche über das ihnen allen vertraute, oft vergebliche Ringen um Objektivität beim Schreiben. Die Bedeutung der Zwischentöne. Das Hinauslaufen – immer wieder! – auf die bezeichnende, die allgemeine Überforderung signalisierende Feststellung: „Ich weiß es nicht.“ Jana Simon befindet gar, dass man diesen Satz, letzter Satz – in der leicht veränderten Form „Das weiß ich nicht.“ – auch in Christa Wolfs zu dieser Zeit noch in Arbeit befindlichem Buch „Stadt der Engel“, als Leitspruch über das ganze heutige Leben stellen könnte.

Konflikte. Für Christa Wolfs Schreiben waren sie Voraussetzung. „Ich könnte bei jedem Buch sagen, aus welcher Konfliktlage heraus es sich mir aufgezwungen hat.“ Nicht immer lassen sich diese so eindeutig mit Jahreszahlen verknüpfen wie 1965 (11. Plenum), 1968 (Prager Frühling), 1976 (Biermann-Affäre) oder schließlich die Ereignisse ab 1989. Begebenheiten, über die sich mehr und mehr der Schleier des Vergessens zu legen beginnt, da uns die Zeitzeugen von einst nach und nach verlassen. Was waren die Ideen, die so lange an der DDR festhalten ließen? Zum einen die des Antifaschismus. Zahlreiche Exilanten während der Zeit des Nationalsozialismus hatten sich nach ihrer Rückkehr in der DDR niedergelassen; sie und ihre Ideale dienten den Jüngeren als Vorbild. Viele unter ihnen, die Jahre später von der Entwicklung des neuen Systems bitter enttäuscht waren, – keine Frage. Zum anderen der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit.

Zweifel? Sie stellten sich bald ein, – gewiss. Weggehen als Alternative? Wohin? Und die Familie? Die Freunde? Die Leser? Zeitungen, die im Briefkasten steckten, auf deren Rändern man hastig gekritzelte Botschaften fand: „Bleiben Sie bloß hier! Gehen Sie nicht auch noch weg!“ Es gab viele, die Hoffnung in die im Lande verbliebenen Autoren und Künstler setzten. Hoffnung, sie könnten mit ihren Ideen von innen heraus etwas verändern. Hoffnung bis zuletzt, dass es doch noch einen dritten Weg geben könne. Dass es möglich wäre, einen modernen, sozialistischen Staat zu schaffen, der ohne Einengung, Überwachung und Unterdrückung seiner Menschen auskommt. Eine Idee, für die sich im materiellen Aufholfieber der Wendezeit keine Mehrheit mehr fand. Reicht ihr damaliges Scheitern aus, um sie als endgültig falsch zu bewerten? Die Entwicklung der nachfolgenden Jahrzehnte zeigt manche Schattenseite eines grenzen- und skrupellosen Kapitalismus auf. Neue Fragen. „Wohin steuert die Gesellschaftsordnung in der Globalisierung?“

Es gibt keine Ideologie mehr, die Orientierung verleihen könnte oder gar eine schnelle Antwort bereit hielte. Die Enkelin sieht die Vorteile darin, dass man dadurch möglicherweise misstrauischer und weniger verführbar sei, merkt aber auch an, dass sicherlich viel Kraft darin liegen könne, von einer Sache völlig überzeugt zu sein. Kraft, die man heute manchmal vermisst, weil man sie für notwendige Veränderungen gut gebrauchen könnte?

Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Das letzte Gespräch findet nur mehr zwischen Jana Simon und ihrem Großvater statt, ein halbes Jahr nach dem Tod Christa Wolfs. Für ihren Mann ist sie noch überall gegenwärtig, in ihren Büchern, in allem Schriftlichen, das sie hinterließ. Dies alles zu sichten, manches bislang Unveröffentlichte noch herauszugeben, wird ihn nach Vermögen noch sehr lange beansprucht halten. Er war der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Nach dem Geheimnis ihrer Beziehung, die sich über sechzig Jahre als haltbar und tragfähig zeigte, gefragt, nannten beide das gemeinsame Schaffen, ihr gegenseitiges Sich-Ergänzen. Gerhard Wolf sah in seiner Frau immer auch die bedeutende Autorin und machte es sich zur Lebensaufgabe, sie zu fördern und zu unterstützen. Stets las er ihre Texte als Erster, sein Urteil war für sie unerlässlich. Er hingegen fühlte sich nie als in ihrem Schatten stehend, arbeitete stets zugleich an eigenen – weniger bekannten, aber keineswegs weniger interessanten – Projekten. Er erschloss ihr das ihr weniger vertraute Feld der Lyrik und das der Bildenden Kunst und schuf so einen – Christa Wolf wörtlich – „literarisch-künstlerischen Hintergrund“ für ihr gemeinschaftliches Leben und Arbeiten; sie nennt es „ein ganzes Geflecht, auf dem unser Leben ruht“, spricht von ihrer Partnerschaft als einer „idealen Verbindung“, in der jeder dem anderen etwas geben kann.

Christa Wolf ist gegangen. Sie fehlt. Als letzte Geleitworte hatte Gerhard Wolf ihr Verse aus einem Gedicht Paul Flemings, welches sie sehr mochte, mitgegeben. Dieses trägt den Titel „An sich“ und entstand zur keineswegs idyllischen Zeit des Dreißigjährigen Krieges:

„Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
Tu, was getan muß sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.“

„Sei dennoch unverzagt“ lautet nun auch der Titel dieses sehr lesenswerten Buches. Wenn wir so wollen: Ein Vermächtnis.

Copyright: Bettina Johl

Jana Simon: Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013. 288 Seiten, 19.99 €. ISBN 978-3-550-08040-1

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Prinzessin ohne Land – Lukas Hartmanns west-östliche Familiensaga „Abschied von Sansibar“

BildMerkwürdig verhält es sich von jeher mit Geschichten, die von Prinzessinnen handeln. Zu allen Zeiten haben sie unsere Phantasie beflügelt, und das märchenhafte Flair, das sie umgibt, hält zuweilen selbst nüchternster Realität stand. Als 1886 ein Buch mit dem Titel „Memoiren einer arabischen Prinzessin“ in einem Berliner Verlag erschien, erregte dies entsprechend Aufsehen und wäre aus heutiger Sicht durchaus dazu angetan gewesen, Bestsellerlisten zu stürmen, – allein solche gab es in dieser Form zu jenen Zeiten noch nicht. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und musste innerhalb eines Jahres gleich viermal nachgedruckt werden. Seiner Leserschaft bot es Einblick in eine exotische Welt und faszinierte einmal mehr durch den Umstand, dass es sich bei der Autorin Emily Ruete um eine wirkliche Prinzessin, Sayidda Salme bint Sayd, eine Tochter des Sultans, des regierenden Herrschers über Sansibar und Oman, und einer seiner Nebenfrauen handelte. Als Witwe des Hamburger Kaufmanns Heinrich Ruete, dem sie zwanzig Jahre zuvor nach Deutschland gefolgt war, lebte sie dort in gänzlich anderen als prunkvollen Verhältnissen. Ruete, mit dem sie zunächst in einem repräsentativen Haus in Hamburg auf der Uhlenhorst gewohnt und drei Jahre lang – abgesehen von Heimweh – ein durchaus glücklich zu nennendes Familienleben geführt hatte, wurde eines Tages beim Abspringen von einer Pferdebahn überrollt und verunglückte tödlich. Sie blieb mit drei Kindern in der Fremde zurück, – nahezu mittellos, da man sie nach Hamburger Recht von Amts wegen unter Vormundschaft stellte, ihr nur einen geringen monatlichen Betrag zubilligte und das Vermögen ihres Mannes recht bald anderweitig durchbrachte, so dass weder sie noch ihre Kinder je viel davon zu sehen bekommen sollten.

Dies alles hatte nun längst nichts Märchenhaftes mehr an sich und passte wenig in das Bild von Tausendundeiner Nacht in den Köpfen der Gesellschaft. Emily Ruete hatte gerade in den ersten Jahren, da ihre Rolle als Kaufmannsgattin die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der Hamburger Handelsleute vorsah, mit deren Ressentiments hinreichend Bekanntschaft gemacht, – bestaunt, beargwöhnt, täglich neugierig starrenden Blicken ausgesetzt. Hinter vorgehaltener Hand verbreitete Gerüchte von der „Haremsdame“ und der „Negerprinzessin“. Schilderungen von Erlebnissen solcher Art finden sich in ihrem zweiten Buch, einer nach ihrem Tod erschienen Sammlung nie abgesandter „Briefe nach der Heimat“. Sie selbst hatte diese nicht zur Veröffentlichung vorgesehen, anders als ihre Memoiren, mit denen sie gezielt ihr Anliegen, dem gängigen europäischen Bild vom Leben der Frauen in der arabischen Gesellschaft etwas entgegenzusetzen, verwirklichte.

„Ihr Buch erhellt eindrucksvoll die Frage der Stellung der Frau im Orient, und zeigt, dass vieles, was über dieses Thema geschrieben worden ist, gänzlich unzutreffend ist. […] Niemand, der sich für die gesellschaftliche Stellung der Frau im Orient interessiert, sollte es unterlassen, diese angenehm geschriebenen Memoiren zu lesen. Die Prinzessin selbst ist eine Frau von hoher Kultur und ihre Lebensgeschichte ist ebenso lehrreich wie die Historie und ebenso faszinierend wie Fiktion.“

So lautete eine Rezension zu ihren Memoiren, von keinem Geringeren geschrieben als Oscar Wilde, von 1887 bis 1889 Redakteur der viktorianischen Frauenzeitschrift „The Woman’s World“, in der er regelmäßig „literarische Aufzeichnungen“ verfasste. Prinzessin Salmes Lebensgeschichte, die als erste Autobiographie einer arabischen Frau in die Literaturgeschichte einging, beschreibt eine weitgehend unbeschwerte Jugend im Sultanspalast, während derer sie viele Freiheiten genoss, Lesen lernte, sich das Schreiben selbst beibrachte, während ihr Bruder sie im Reiten und Schießen unterwies. Sie schildert das Leben einer selbstbewussten jungen Frau, die früh eigene Ländereien besaß und diese selbst verwaltete und bewirtschaftete. Lange blieb sie von jeglichem Heiratsdiktat verschont. Als sie Rudolph Heinrich Ruete kennenlernte, war sie zweiundzwanzig Jahre alt.

Die Schattenseiten: Als Kind ihrer Zeit und Gesellschaft, obwohl selbst Tochter einer als Kind verschleppten, tscherkessischen Sklavin aus dem Kaukasus, verteidigte sie die Sklaverei, bezeichnete diese als notwendige Institution. Das Palastleben hingegen wurde – wie wohl in Palästen weltweit üblich ­– bestimmt von Intrigen, in die auch sie entscheidend verwickelt war.

Sansibar – Zauberwort, Zauberort. Die Insel im Indischen Ozean, Wunschziel vieler ungestillter Sehnsüchte. Wer es sich leistete, in der Schule den Geographie- und Geschichtsunterricht zu verschlafen, benötigt zur genauen Bestimmung ihrer Lage einen Atlas. Erinnerungen an den exotischen Namen im Zusammenhang mit einer Lektüre aus lange zurückliegenden Deutschstunden: „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch. Angestrengtes Durchforsten des Gedächtnisses, was es in jener Schilderung einer Flucht aus Nazi-Deutschland über die Ostsee eigentlich mit Sansibar auf sich hatte. Ein Anlass zum erneuten Lesen. In diesem Roman steht die Gewürzinsel vor der ostafrikanischen Küste stellvertretend für alles Fernweh und alle Reise- und Abenteuerlust, die einen jungen Menschen befallen kann, in jenem Fall den unter der Eintönigkeit des Lebens in einer unbedeutenden kleinen Hafenstadt und dem Fehlen jeglicher Perspektive leidenden Fischerjungen, der sich plötzlich in der Rolle eines Fluchthelfers wiederfindet.

Das Interesse europäischer Regierungen an Sansibar, insbesondere derer des gründerzeitlichen Deutschlands und des viktorianischen Englands, richtete sich jedoch auf ganz andere als rein touristische Abenteuer. Sansibar als Sitz der omanischen Dynastie der Al-Bu-Said, deren Macht und Einfluss bis nach Somalia, Uganda, Zaire und Malawi reichte, bildete sozusagen das Tor zu Afrika. Um es genauer zu sagen: Zu jenem begehrten Teil Afrikas, in dem Handelsgüter und Bodenschätze winkten und die Ökonomie auf der Arbeitskraft von Sklaven basierte, was man zwar begonnen hatte, vornehm zu kritisieren, aber billigend in Kauf nahm, solange es dem eigenen Profit diente. Jenes Afrika, welches durch die Erreichbarkeit auf dem Seeweg über das Mittelmeer durch den 1869 fertiggestellten Suezkanal in verlockende Nähe rückte. Keine umständlichen und beschwerlichen Landwege mehr, keine Wüstendurchquerungen, nicht länger das zeitraubende, gefährliche Umschiffen des riesigen Kontinents um das Kap der Guten Hoffnung, – sofern man sich den Kanalzoll leisten konnte. Auf Sansibar trafen sich Afrika und der Orient; die erträumten Reichtümer aus Tausendundeiner Nacht schienen nur darauf zu warten, gehoben zu werden, und hierbei wollte – wie üblich – jeder der Erste sein.

Einer der ersten Deutschen, die auf Sansibar bereits vor Fertigstellung des Kanals Handel trieben, war nun jener Kaufmann Ruete, Agent des Handelshauses Hansing & Co aus Hamburg. Über die Anfänge der ungewöhnlichen Liebesgeschichte, die sich zwischen ihm und der Prinzessin anbahnte, weiß man wenig. So wenig, wie sich feststellen lässt, ob sie tatsächlich romantisch-märchenhafte Züge trug. Weder erwähnte Salme etwas davon in ihren Memoiren, welche ursprünglich ihren Kindern zugedacht waren, die ohnehin spät von ihrer königlichen Herkunft erfahren hatten, noch sprach sie je darüber. So wie sie über vieles niemals sprach. Kein Wort über ihr erstes Kind, welches für ihre einstige Entscheidung, das Land zu verlassen, letztlich den Ausschlag gab. Schwanger von einem Ungläubigen, den ihre königliche Familie nie akzeptiert hätte, blieb ihr keine andere Wahl als die Flucht. Diese gelang ihr mit Hilfe des britischen Konsuls auf dem Kriegsschiff „H.M.S. Highflyer“, welches sie zunächst ins jemenitische Aden brachte, wo sie mehrere Monate auf den nicht sofort abkömmlichen, da in zahlreiche Geschäfte verwickelten Heinrich warten musste und zwischenzeitlich ihren Sohn zur Welt brachte. Nachdem sie durch Taufe das Christentum angenommen hatte, ließ das Paar sich trauen, um schließlich per Schiff und Bahn nach Europa weiterzureisen.

Wäre sie auch unter anderen als diesen Umständen mit nach Deutschland gegangen? Wir wissen es nicht. Die Trauer um den Sohn Heinrich jr., der die beschwerliche Reise nicht überstand und noch als Säugling starb, trug sie tief in sich verschlossen. Ihre weiteren Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, wurden in Deutschland geboren und europäisch erzogen. Sie sollten ganz im Sinne ihres Vaters als Deutsche aufwachsen; dies stand für sie außer Frage, und so zog sie auch später als Witwe eine endgültige Rückkehr nie ernstlich in Betracht. Allerdings kämpfte sie einen mehrjährigen zähen, erfolglosen Kampf um ihr väterliches und mütterliches Erbe, das man ihr nach dem Verlassen des Landes enteignet hatte, denn der Tod ihres Mannes sowie die Verweigerung der Behörden, über dessen Vermögen verfügen zu können, stürzte sie in erhebliche wirtschaftliche Bedrängnis. Sie zog mit ihren Kindern mehrmals um, lebte in verschiedenen deutschen Städten, darunter Dresden, Rudolstadt, Berlin und Köln, in zunehmend dürftigen Verhältnissen, nur gelegentlich aufgebessert durch das Erteilen arabischen Sprachunterrichts oder durch Zuwendungen vereinzelter Vertreter des deutschen Adels, denen ihr Schicksal naheging. Ihren Sohn gab sie alsbald in eine Kadettenanstalt; so war zunächst für dessen Unterhalt gesorgt, und mit der Aussicht auf eine militärische Laufbahn auch für seine Zukunft, wovon man im säbelrasselnden Europa des späten neunzehnten Jahrhunderts überzeugt war. Dass der als sensibel geltende Junge unter der Trennung von der Familie, der leidlichen Versorgung und dem in jenen Einrichtungen üblichen harten Drill litt, mag ihr schmerzlich bewusst gewesen sein; eine Wahl hatte sie jedoch auch hier nicht.

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1885 reiste sie erstmals in Begleitung ihrer drei Kinder nach Sansibar, eine Aktion, die in Begleitung deutscher Kriegsschiffe, unter Wahrung strenger Geheimhaltung stattfand. Die Unterstützung Bismarcks dürfte kaum darauf zurückzuführen gewesen sein, dass man sich allzu sehr für Prinzessin Salmes persönliches Schicksal interessierte. Vielmehr instrumentalisierte man sie angesichts schwelender Gebietsstreitigkeiten für deutsche Kolonialinteressen. Wäre ihr als deutscher Staatsbürgerin bei dem Versuch, ihre Erbansprüche durchzusetzen, etwas zugestoßen, hätte man dies als willkommenen Vorwand für ein militärisches Eingreifen Deutschlands angesehen. Dies jedoch geschah nun nicht; die Prinzessin wurde von ihrem regierenden Halbbruder schlicht nicht empfangen. Auch eine zweite Reise 1888, auf der nur noch ihre jüngste Tochter sie begleitete, blieb ohne Erfolg. Infolge des Helgoland-Sansibar-Vertrages, in dem Deutschland 1890 endgültig auf Gebietsansprüche, Sansibar betreffend, verzichtete, verebbte das deutsche Interesse an der Prinzessin. Von britischer Seite hingegen war ebenfalls keine Unterstützung zu erwarten, vereitelte man ihr bereits 1875 einen Versuch der Kontaktaufnahme anlässlich eines Staatsbesuchs ihres Bruders in London, ohne je die im Gegenzug versprochenen Unterhaltszahlungen zu leisten. Eine Rückkehr zum islamischen Glauben, die einzige Möglichkeit zur Wiederaufnahme in die königliche Familie, stand für sie, die sich selbst als „schlechte Christin“ bezeichnete, außer Frage. Erst ein Jahr vor ihrem Tod wurde ihr seitens eines Neffen des Sultans eine kleine Rente in britischen Pfund zugebilligt, verbunden mit der Auflage, auf alle weiteren Ansprüche endgültig zu verzichten.

Emily Ruete kehrte nach der zweiten Fahrt in die Heimat nicht nach Deutschland zurück, reiste stattdessen durch den Nahen Osten und ließ sich im Libanon nieder. Schließlich lebte sie für längere Zeit in Beirut. Auch hier war sie eine Fremde, jedoch eine unter vielen anderen in der belebten Mittelmeerhafenstadt. Dies ermöglichte ihr, der mit der orientalischen Lebensweise ohnehin Vertrauten, ein ungezwungeneres Leben, als ihr dies in Deutschland mit dessen gesellschaftlichen Zwängen möglich gewesen wäre. Ein Leben, welches sie sich nun aufgrund der Einkünfte aus ihrem zwischenzeitlich erschienenen, sehr erfolgreichen Buch, vielleicht auch mittels zusätzlicher Unterstützung ihres Sohnes, leisten konnte.

Aus der Sicht und späten Rückschau der Kinder schaut nun der Roman des Schweizer Autors Lukas Hartmann, „Abschied von Sansibar“, auf die damaligen Ereignisse. Kinder, deren Leben früh geprägt wurde von der Zerrissenheit zwischen grundverschiedenen Welten. Kinder, deren Welt, in die sie hineingeboren wurden, sich als Pulverfass erweisen sollte, dessen Explosion in zwei verheerenden Weltkriegen unmittelbar bevorstand. Kinder, die lebenslang unter dem bedrückenden Schweigen ihrer Mutter litten, die als Erwachsene versuchen, aus Momentaufnahmen der Erinnerung das Bild ihres ungewöhnlichen Lebens zu rekonstruieren. Geschwister, einst unzertrennlich im gemeinsamen Bewusstsein des „Anders-Seins“ ihrer Familie. Nach dem Tod des Vaters auf Zusammenhalt angewiesen in Zeiten, da die Mutter krank vor Heimweh, Kälte und Isolation manchmal tagelang das Bett nicht verließ und andere Kinder ihnen auf dem Schulweg auflauerten, um sie auszufragen und zu verhöhnen. Verbunden durch die gemeinsam erlebten Eindrücke der ersten Sansibar-Reise. Und dennoch trennen sich ihre Wege später infolge der unruhigen Zeiten und politischen Verhältnisse, welche die Familie spalteten.

Die älteste Tochter Antonie Thawka lebt lange mit der Mutter in Beirut, heiratet spät, mit dreißig Jahren, den Kolonialbeamten Eugen Brandeis, mit dem sie mehrere Jahre auf den mikronesischen Marshallinseln im westlichen Pazifischen Ozean lebt, wo auch ihre beiden Töchter zur Welt kommen. Auch sie betätigt sich schriftstellerisch, verfasst ein „Kochbuch für die Tropen“ für Frauen der Kolonisten. Die Härte und Grausamkeit ihres Mannes gegenüber der einheimischen Inselbevölkerung, die ihm letztlich sogar seitens seiner gewiss nicht zimperlichen Vorgesetzten eine frühzeitige Versetzung in den Ruhestand einträgt, erträgt sie nur schwer. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland engagiert sie sich im Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft und wirkt an der Gründung einer Frauenkolonialschule und an der Internationalen Ausstellung für Hygiene 1911 in Dresden mit. Von Brandeis entfremdet sie sich zunehmend. In späten Ehejahren erwirkt sie die Trennung.

Die jüngste Tochter Rosalie Ghaza heiratet ebenfalls spät den patriotisch gesinnten Offizier Martin Troemer, der es zum Rang eines Generalmajors bringen wird, um nach dem Ersten Weltkrieg als Überlebender der Schlachtfeldhölle Verdun als in sich gekehrter, schweigsamer Mensch zurückzukehren. Eine ihrer beiden Töchter wird den berüchtigten nationalsozialistischen Militärjuristen Erich Schwinge ehelichen.

Der Sohn Said, der später den zusätzlichen Namen Rudolph tragen wird, schlägt die militärische Laufbahn ein, in deren Verlauf er, den es in den Orient zieht, Bismarck persönlich mit Erfolg um Versetzung ins Konsulat nach Beirut ersucht. Als fast Dreißigjähriger gibt er die Offizierskarriere jedoch unvermittelt auf, wird zunächst Eisenbahninspektor in Ägypten, betätigt sich danach als Bankier, angetrieben von der Idee, durch Förderung von entsprechenden, auf Ausgleich und Verständigung ausgerichteten Projekten dem Frieden dienen zu können. Zuletzt wird er mit seiner Frau, der aus begüterter Familie stammenden Jüdin Therese Matthias, mit der er einen Sohn und eine Tochter hat, abwechselnd in London und in der Schweiz leben. 1906 erhält er vom Hamburger Senat die Erlaubnis zum Führen des Doppelnamens Said-Ruete.

Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges bringt zahllose Verwirrungen und Veränderungen mit sich. Emily Ruete, die sich bei dessen Ausbruch zu Besuch bei ihrer Tochter Rosalie in Bromberg in der damaligen Provinz Posen, heute Bydgosc in Polen, befindet, wird nicht in den Nahen Osten zurückkehren. Sie lässt sich zunächst an Ort und Stelle nieder und zieht später mit Familie Troemer nach Jena, wo sie 1924 plötzlich schwer erkrankt und stirbt, ohne ihre Heimat nochmals gesehen zu haben. Ihre Kinder setzen ihre Urne im Familiengrab der Ruetes auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf bei. Danach werden sich die Wege der Geschwister nur noch selten kreuzen.

Rudolph-Said wandelt sich mehr und mehr zum Pazifisten. Er, der während seiner im Nahen Osten verbrachten Jahre unter anderem auch versucht hat, zwischen Palästinensern und Zionisten zu vermitteln, vermag in diesem Krieg nichts anderes als eine verheerende Katastrophe zu sehen und macht sich in Leserbriefen an die Neue Züricher Zeitung für schnellstmögliche Friedensschlüsse zwischen den Nationen stark, was ihm in Deutschland den Ruf eines Landesverräters einträgt. Auch er wird seiner Heimat den Rücken kehren. 1934 gelingt es ihm schließlich, die britische Staatsbürgerschaft zu erlangen, was ihn und vor allem seine jüdische Frau vor Nachstellungen durch die Nationalsozialisten bewahrt. Beide leben während des Zweiten Weltkrieges in London und versuchen, jüdischen Emigranten zu helfen. Nach Ende des Krieges sucht Therese aufgrund eines Lungenleidens ein Sanatorium in Luzern auf, während Rudolph sich unterdessen im Hotel Schweizerhof in Luzern einquartiert. Dort erreicht ihn eine Nachricht mit der Sterbeurkunde seiner Schwester Antonie, die in Bad Oldesloe in den letzten Kriegstagen infolge britischer Bombardierungen der Stadt ums Leben gekommen ist. In die schmerzhafte Erkenntnis, dass es die Bomben seiner Wahl-Landsleute waren, die seine Schwester töteten, mischt sich nochmals das Bewusstsein des Absurden, der bitteren Ironie unseliger Zeiten. Mithilfe von eigenen Erinnerungen und Brieffragmenten der Geschwister versucht Said, die vergangenen Ereignisse im Nachhinein zu ordnen und zu verstehen, wobei viele Fragen offen bleiben.

Im Roman kommen die Geschwister im Wechsel zu Wort, wenngleich Rudolph die Hauptfigur der Handlung bleibt. Die einzelnen Kapitel beginnen mit Auszügen aus einem Brief,  den Prinzessin Salme 1883 in arabischer Sprache an ihren Bruder, Sultan Bargash von Sansibar, mit der Bitte um Aussöhnung sandte. Auf der Grundlage intensiver Nachforschungen zeichnet Lukas Hartmann fernab jeglichen Prinzessinnenkitsches ein berührendes Bild des ungewöhnlichen Lebens einer ungewöhnlichen Frau und Schriftstellerin, auf deren Grabplatte zuletzt ein Vers Theodor Fontanes aus der Ballade „Archibald Douglas“ stehen wird: „Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie Du.“ Die Zerrissenheit ihrer Familie hingegen spiegelt auf beklemmende Weise die Zerrissenheit der menschlichen Gesellschaft während eines unruhigen Jahrhunderts mit all seinen nur schwer durchschaubaren Verwicklungen wider. Der Aktualität des Erzählten, auch hundert Jahre später, wird sich deutlich bewusst, wer sich mit den Konflikten unserer eigenen Zeit konfrontiert sieht und diese nicht allzu verschieden von den früheren findet. Verworrener noch als ehedem, von einer friedlichen Beilegung in vielen Fällen weiter entfernt als je zuvor, beunruhigender allemal im Hinblick auf die Existenz von Massenvernichtungswaffen, deren Gefahrenpotenzial unsere Vorstellungskraft übersteigt. Wir Nachgeborenen, die wir aufgefordert sind, das Erbe der Verantwortung für eine friedlichere Welt anzutreten, keine Wahl haben, es auszuschlagen, werden uns dem nicht stellen können, ohne uns mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Historische Daten, Zahlen und Fakten beschreiben das beobachtete und dokumentierte äußerliche Geschehen. Was die einzelnen Menschen jeweils zu ihren Zeiten in ihrem Inneren bewegte, bleibt jedoch im Verborgenen. Nachgelassene persönliche Aufzeichnungen helfen, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Sie gilt es wiederum zu deuten und zu interpretieren. Nicht jeder lässt hierbei die Sorgfalt walten, die geboten wäre. Lukas Hartmann hingegen bringt uns die Akteure der Handlung auf sehr glaubwürdige Weise nahe. Er zeichnet klar umrissene Charaktere mit Stärken und Schwächen, räumt ihnen das Recht ein, zu scheitern und lässt sie davon Gebrauch machen, ohne deshalb je ihre Würde in Zweifel zu ziehen. Der Roman stimmt nachdenklich, traurig zuweilen, ohne jedoch zu deprimieren. Er redet nicht der Kapitulation vor dem Leiden an den Verhältnissen das Wort, vielmehr – bei aller Tragik – einer unerschütterlichen Zukunftshoffnung, die über alle Zeitlichkeit hinauszureichen vermag.

Bettina Johl

Lukas Hartmann: Abschied von Sansibar, Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2013.
336 Seiten, 22.90 €. ISBN 978-3-257-06867-2

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